Sezession
30. November 2018

Peter Sloterdijks „Neue Zeilen und Tage, Notizen 2011-2013“

Götz Kubitschek / 17 Kommentare

In Björn Höckes Gesprächsband Nie zweimal in denselben Fluß findet sich eine Äußerung , aus der seine Gegner einen Skandal konstruieren wollten.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Es geht um die Frage, ob ein Volk überhaupt in der Lage sei, »sich selbst aus dem Sumpf wieder herauszuziehen«. Höcke antwortet: »Machiavelli bestritt das ja vehement. Er ging von einem ›Uomo virtuoso‹ aus, der nur als alleiniger Inhaber der Staatsmacht ein zerrüttetes  Gemeinwesen wieder in Ordnung bringen könne.«

An anderer Stelle liest sich das so: »Unsere Situation ähnelt jener Alt-Ägyptens in einem Intervall zwischen zwei Dynastien: Ein älteres pharaonisches Regime ist zerfallen, ein neues hat sich noch nicht etabliert, der Nil macht unterdessen, was er will (…) Der neue Pharao, der die Kunst besäße, Ströme zu lenken, muß erst geboren werden.«

Das stammt nicht von Höcke, sondern von Peter Sloterdijk. Natürlich, es ist eine Binsenweisheit, daß es nicht egal ist, wer etwas äußert. Aber daß man den historischen Vergleich des einen mit Führerutopien gleichsetzt und den des anderen als interessanten und für diesen Kopf typisch plastisch-experimentellen Gedanke wahrnimmt, sagt viel darüber aus, wen man verstehen will und wen nicht.

Sloterdijk wird alle Verstehensbemühung zuteil, die er sich wünschen kann. Ohne Zweifel ist er der präsenteste deutsche Denker der Gegenwart, und seine vor kurzem unter dem Titel Neue Zeilen und Tage erschienenen Notizen aus den Jahren 2011 bis 2013 bestätigen diesen Ruf.

Seine Aufzeichnungen umspannen die rechtsalternativen Tauwetter-Jahre nach Sarrazin und vor Pegida, sie streifen die Gründung der Alternative und enden knapp vor dem hysterischen linken Diskurs über die plötzliche Prägekraft von rechts.

Das waren die letzten Jahre einer politisch bleiernen Zeit, und seither sind Höcke und viele andere zu Aufbau- und Umsetzungssprintern geworden. Wir fragen uns manchmal, ob wir etwas witterten, und deshalb lesen wir Sloterdijk als einen jener zeitpolitischen Seismographen, von denen Ernst Jünger (sich selbst meinend) sagte, man prügle nach dem Erdbeben auf sie ein.

Auf Sloterdijk wird nicht gerade eingeprügelt, aber einen Schubser und eine Zusammenrottung minder bekannter Sekundärliteraten muß er dann und wann ertragen: »Unabhängig ist böse, und böse ist rechts. Ich bin unabhängig, das gebe ich zu«, sagt Sloterdijk, und er markiert damit den Anfang einer Assoziationskette, die immer dann zusammengelötet wird, wenn eine Diskussion nicht mehr geführt, eine Meinung nicht mehr geduldet, eine Alternative nicht mehr anständig bekämpft werden soll. Dies ist immer dann der Fall, wenn moralische Kategorien in Auseinandersetzungen getragen werden und der Gegner dadurch seine Daseinsberechtigung verliert.

Über Säuberungsaktionen moralischer Instanzen findet sich in Sloterdijks Notizen reichlich Material – beispielsweise dort, wo Sloterdijk auf die erfolgreiche und gezielte Tötung Osama bin Ladens durch eine US-amerikanische Spezialeinheit blickt und über die Aufladung dieses Vorgangs durch die Propaganda und die mediale Verbreitung der Tötungsfeierlichkeiten in den Straßen amerikanischer Orte nachdenkt.

"Dem Guten, das den Lauf der Geschichte ändern möchte, muß schlechthin alles erlaubt sein. Unverzeihliches kann verzeihlich werden«,

notiert er und meint damit das Töten jenseits jeder Kriegserklärung und die Rache als Staatsakt. Und weiter:

»Wer verstehen möchte, warum im 20. Jahrhundert der politische Moralismus mehr Opfer forderte als der politische Biologismus, sollte auf das gute Böse achten, das seinen Agenten die Pflicht zur Auslöschung des Feindes einflüstert.«

Spätestens seit den Ausführung Alexis de Tocquevilles über die Demokratie in Amerika wissen wir, daß die Zivilgesellschaft für ihre Feinde keine Guillotine mehr bereithält, sondern jede denkbare subtile und brachiale Form der sozialen Hinrichtung.

Die moralistischen Treiber sind dabei nicht nur Jäger, sondern auch Getriebene. Das ist der entscheidende Perspektivenwechsel, den Sloterdijk ins Spiel bringt und den die von ihnen Bedrängten, also wir (!), vollziehen sollten:

Diese zivilgesellschaftlichen Jäger sind die eigentlich Getriebenen, weil ihnen ständig neue Feinde erwachsen, obwohl sie  doch moralisch längst und tatsächlich auch beinahe schon ganz und gar gewonnen haben. Das »Gute« muß jagen, muß ausmerzen, muß alle Neutralen zur Positionierung zwingen, muß hellwach sein. Noch einmal Sloterdijk:

»Der Vormacht ist es nicht erlaubt, Provokationen von seiten schwächerer Aggressoren zu ignorieren. Um der Behauptung ihres Ranges willen ist sie dazu verurteilt, ihre rückschlagbereite Haltung in Permanenz zu demonstrieren. Für sie besteht eine ständige Pflicht zur Intervention – anders ausgedrückt: Sie lebt unter dem kategorischen Müdigkeitsverbot.«

Ist es erlaubt, Sloterdijk so zu lesen? Zugegeben: Die Notizen zur Entstehung einzelner Kapitel seines Buches Die schrecklichen Kinder der Neuzeit, seine Selbstbeschreibungen als alternder Mann, der Nachvollzug seines Reise- und Vortragsalltags sind wie Füllmaterial um diejenigen Stellen und Denkvorlagen herumgestopft, nach denen sucht, wer einem nimmermüden und vielköpfigen Gegner trotzen muß. Vernutzend, ausschlachtend zu lesen ist nicht schön, aber es ist besser als ein »Herumhängen in der entleerten Zeit am Ende der Geschichte« (Sloterdijk).

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Sloterdijks Zeilen und Tage. Notizen 2008-2011 kann man hier gleich mitbestellen.

 


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (17)

Teufel
30. November 2018 18:43

Hallo Herr Kubitschek,
ich will Sie nicht herausfordern (ausser in Reiten, Lesen und Schwimmen), aber ich... - habe Bedenken:

1. Was haetten Sie persoenlich veranlasst bezueglich Osama bin Laden? Ein deutsches Asylgericht?

2. Sie bleiben mir persoenlich zu ambivalent. Ich verstehe, dass wir in zittrigen Zeiten leben, aber so richtig Stellung beziehen Sie immer noch nicht und das beeinflusst Ihre Gefolgschaft.

Als Soldatengleichnis: Die Maschinengewehrausrichtung sollte prinzipiell in eine Richtung erfolgen. Ich bejahe Flexibilitaet, aber ohne grundlegende Freund-Feind-Unterscheidung kann ich mich auch gleich auf eine Gartenharke schmeissen.

antwort kubitschek:
Sie sprechen da einen sehr wichtigen Punkt an, den der Ambivalenz. Ich bin kein Politiker, sondern Verleger. Wäre ich Politiker in Verantwortung, müßte ich die Staatsmoral (die politische Moral) über die für jeden nachdenklichen Menschen typische Ambivalenz stellen. Und auch dann wäre zu fragen, ob "Rache" und eine weltweit ausgeübte Tötungsbefugnis nicht etwas sind, das mehr Schaden als Nutzen bringt - vor allem eine Verwirrung klarer, begrenzender, hegender Feindbegriffe. Sloterdijk geht übrigens in die Tiefe und schreibt, daß es wohl Golda Meir war, die als israelische Präsidentin die Verfolgung und Ermordung der Münchner Attentäter und Hintermänner anordnete, also der Tötung von Verbrechern ohne Gerichtsverfahren die Tür öffnete.

Simplicius Teutsch
30. November 2018 22:28

Die „zivilgesellschaftlichen Jäger“ - O ja , ein treffender Begriff.

Wo sind die Abtrünnigen, die Häretiker des linken Merkelregimes?

Erstes Gebot: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!“ Die „domini canes“ (Hunde des Herrn) lebten und jagten rastlos im Glauben der göttlichen Wahrheit.

Die Mainstreammedien sind die Hetzhunde des Merkelregimes. Und der schlangenschlaue @„Teufel“ will mit dem Maschinengewehr Einseitigkeit stiften, wo die Wahrheit ambivalent ist.

Der_Juergen
30. November 2018 22:34

Von juristischem und moralischem Standpunkt aus ist die Beurteilung aussergerichtlicher Tötungen natürlich schwierig. Dass die Israelis die Terroristen von München aufgespürt und umgelegt haben, würde ich ihnen gewiss nicht ankreiden, aber leider gab es da noch einen harmlosen marokkanischen Kellner in Norwegen, der ins Gras beissen musste, weil ihn das Mossad-Team für einen der Mörder von München hielt...

Dass ein so intelligenter Mann wie Sloterdijk die lächerliche Märchengeschichte von der Liquidierung Bin Ladens für bare Münze nimmt, ist für mich ein Rätsel. Hätten die Amis Bin Laden, dem sie die Schuld für den Einsturz der Türme andichteten, tatsächlich getötet, so hätten sie seine Leiche der Welt natürlich als Corpus delicti präsentiert. Aber nein, der Leichnam des "Superterroristen" wurde "nach islamischem Brauch" (!!!) ins Meer geworfen... Vermutlich sollte mit dieser grotesken Geschichte u. a. getestet werden, wie weit die Idiotisierung der westlichen Gesellschaft schon fortgeschritten ist. Würde sich öffentlicher Widerspruch gegen diese Lüge regen? Nein, er regte sich nicht.

Maiordomus
30. November 2018 22:58

Golda Meir, die in Israel auch schon mal "der einzige Mann im Kabinett" bezeichnet wurde, kommt wie Menachem Begin aus Kriegs- und Revolutionserfahrung, wobei bekanntlich zu ihrer Zeit das Wort "Holocaust" noch nicht als Rechtfertigung für alles gebraucht wurde, ausser: Wir Israeli wollen uns nicht noch einmal auf die Schlachtbank führen lassen. Unter den damaligen Bedingungen muss oder kann man ihren Entscheid nachvollziehen. Ich komme nicht umhin, sie jenseits moralischer Beurteilungen als eine der stärksten Politikerinnen, welche die Weltgeschichte bis jetzt hervorgebracht hat, einzuschätzen; ehrlich gesagt war es vor allem meine damalige Einschätzung.

Simplicius Teutsch
30. November 2018 23:26

@Der_Juergen.
Jetzt wo Sie daran erinnern. Stimmt. Das hatte ich mir damals auch gedacht. Lange vor der (angeblichen oder tatsächlichen) Liquidierung Bin Ladens in Pakistan hatte ich schon meine Zweifel, ob das personalisierte Terror-Feindbild Bin Laden überhaupt noch am Leben wäre und nicht etwa schon bei der jahrelangen Flächenbombardierung Afghanistans in einer Höhle verdampft wäre. Es gab da viele Merkwürdigkeiten. Entsprechend misstrauisch war ich bei den triumphalen amerikanischen Nachrichten von seiner Liquidierung.

Meinen Sie wirklich, dass das legendäre Gruppenbild (Obama, Hillary Clinton, etc.) aus dem engen Fernsehraum des Oval Office eine „Falschinformation“ für die Welt ist? - Aber wissen wir es besser?

Cacatum non est pictum
30. November 2018 23:57

@kubitschek

"... Sloterdijk geht übrigens in die Tiefe und schreibt, daß es wohl Golda Meir war, die als israelische Präsidentin die Verfolgung und Ermordung der Münchner Attentäter und Hintermänner anordnete, also der Tötung von Verbrechern ohne Gerichtsverfahren die Tür öffnete."

Das hat der Ex-Mossad-Agent Victor Ostrovsky in seinem fulminanten Enthüllungsbuch über den israelischen Auslandsgeheimdienst tatsächlich so beschrieben. Wahrscheinlich ist er auch Sloterdijks Quelle für diese Behauptung. Laut Ostrovsky werden diese Todeslisten in einem kleinen Ausschuß beraten, und der Premierminister hat das letzte Wort. Zumindest scheint es in den siebziger und achtziger Jahren so gewesen zu sein, wenn Ostrovskys Schilderungen stimmen (wofür einiges spricht). Für die Ausführung der Exekutionen gab oder gibt es eine operative Einheit namens Kidon, deren Angehörige naturgemäß alles andere als zimperlich sind und auch schon mal kaltblütig Kollateralschäden in Kauf nehmen, um ihr Primärziel auszuschalten. Ich bin mir übrigens nicht mehr ganz sicher - und müßte das wieder nachlesen -, ob es dieses System der staatlich befohlenen Exekutionen ohne Gerichtsurteil nicht schon vor Golda Meir gegeben hat.

@Teufel

"...

... Was haetten Sie persoenlich veranlasst bezueglich Osama bin Laden? Ein deutsches Asylgericht? ..."

Meinen Sie diese Nachrichtendienstmarionette, der man bequem jedes Übel dieser Welt in die Schuhe schieben konnte, um davon abzulenken, daß man selber ganz kräftig an der Orchestrierung der großen Anschläge beteiligt war? Stichwort Terrormanagement. Freund-Feind-Unterscheidung ist schon wichtig, aber man sollte höllisch aufpassen, daß man sich nicht von den falschen Freunden die falschen Feinde einreden läßt (eine Formulierung Thor von Waldsteins).

Gustav Grambauer
1. Dezember 2018 08:23

Simplicius Teutsch

"Wo sind die Abtrünnigen, die Häretiker des linken Merkelregimes?2

Das sind, abgesehen davon, daß sich vorige Woche sogar schon Killary von ihr abgesetzt hat, die Silowiki, die "Bewaffneten Organe der BRD", welche sie gerade dazu genötigt haben, offenbar in schweißgetriebener Todesangst jedwede BRD-Maschine zu meiden und stattdessen auf eine spanische Linienmaschine auszuweichen, und die ihr damit auch vor den Augen der ganzen Welt eine lustiges Neptunfest wie im Kinderferienlager bereitet haben.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/g20-angela-merkel-nach-flugzeugpanne-in-buenos-aires-gelandet-a-1241442.html

http://vineyardsaker.de/2018/11/30/mir-der-eisberg-unter-der-kanzlermaschine/

Aber Vorsicht, Cuck-Falle, wie meine Mutter in ihrer unnachahmlich-spitzen Art immer sagt: Zwiebel geht - Knoblauch kommt (Spahn, Uschi, AKK, Klöckner, Merz, Gutti, ...).

- G. G.

Carlos Verastegui
1. Dezember 2018 11:18

Sehr schön finde ich Ihr Verdiktüber die ZIVILGESELLSCHAFT. Sehe ich seit Jahren genau so wie Sie.

Zu Machiavelli, Höcke & Co: In meiner Ausgabe vom "Fürsten", Inseltaschenbuch, taucht im NACHWORT von Horst Günther die gleiche Überlegung auf, fast sogar wortwörtlich.

RMH
1. Dezember 2018 11:35

Ich persönlich finde die These vom "kategorischen Müdigkeitsverbot", da sie die totalitäre Neigung unseres juste milieus gut ausleuchtet, deutlich diskussionswürdiger als solch ein Detail der Geschichte, ob und wie ein Bin Laden von den USA liquidiert wurde. Ob er nun von einer Daisy Cutter in Tora Bora erwischt worden wäre oder von einem Spezialkommando in Pakistan getötet wurde, ist doch für die dahinter liegende Frage zweitrangig. Zumal bei der Fragestellung unberücksichtigt bleibt, dass eine lebende Gefangennahme offenbar im vorhandenen Zeitfenster nicht möglich war. Aber das sind Details. Einen Staatsfeind über Grenzen hinweg verfolgen und attackieren zu dürfen, entspricht eigentlich gängigen, wenn auch alten, Vorstellungen über die Souveränität eines Staates, der bei solchen Aktionen aber immer auch eigene Risiken einkalkulieren muss und sich nicht über eigene Verluste und ggf. das sich Einfangens eines veritablen Krieges beklagen darf (auf russischem oder chinesischem Gebiet klappt so etwas deshalb auch nicht - und umgekehrt).

Wie auch immer, Sloterdijk habe ich über das damals recht populäre Werk "Kritik der zynischen Vernunft" kennen gelernt. Eines jener Bücher, die vermutlich das Schicksal hatten, dass es von vielen gekauft, aber von den wenigsten dann auch ernsthaft zu Ende gelesen und verstanden wurde (dieses Phänomen gab und gibt es ja auch bei anderen Werken. So gehe ich davon aus, dass bspw. das Ende der 80er Jahre, also nach der "Kritik", erschienene "Eine kurze Geschichte der Zeit" von Hawking, welches ja quasi in jedem Buchregal zu finden war, nur von den Allerwenigsten über die ersten Seiten hinaus gelesen wurde).

Sloterdijk habe ich nach dem "dicken Wälzer" "Kritik der zynischen Vernunft" nicht mehr groß beachtet, seine Auftritte im "philosophischen Quartet" zusammen mit dem von mir geschätzten Rüdiger Safranski waren aber zumeist Highlights in einem ansonsten öden Fernsehprogramm.

In einer Welt, die zwar den echten Spezialisten und den Fachidioten, mithin das Kleinteilige fördert, wo sie es nur kann und ihn auch mythisch auf den Schild hievt und sei es auch nur in einer Art bewundert leicht spöttischen Form des "Nerds", ist jeder, der versucht, noch einen größeren Überblick zu gewinnen, der noch den altbackenen Versuch eine Weltsicht im Ganzen, eines Verstehens und Beleuchtens des Großen und Ganzen unternimmt, per se reaktionär und damit verdächtig. Ob er es nun will oder nicht, ob er nun damit kokettieren will oder nicht, Leute wie Sloterdijk sind unter diesen Prämissen immer "Rechts" - deswegen wird die akademische "Philosophie" an unseren Universitäten ja auch entsprechend mit Redundanzen gefüttert, um sie zu beschäftigen und "still" zu legen, wenn man sie schon finanziell nicht ganz abschalten mag und kann.

Und Beifall von unserer Seite wird ihm, Sloterdijk, sicher gesellschaftlich abträglich sein. Hoffen wir, dass er "gesettelt" genug ist (davon sollte bei ihm eigentlich auszugehen sein), um weiter seine "Unabhängigkeit" pflegen zu können. Wir sollten überhaupt mehr kritischen Geistern laut und deutlich "Beifall spenden" - es wird sie zwangsläufig zu "uns" ziehen, wenn sie sich nicht selber untreu werden wollen.

Wenn ich mit meinem persönlichen "Zurück zu den Grundlagen" -Studium (zur Zeit lese ich nach 20 Jahren wieder bzw. immer noch "Geschichte des Materialismus" von F.A. Lange - ein echtes Bildungswerk, welches eine Neuauflage und Wiederentdeckung verdient hätte) fertig bin, werde ich wohl auch noch einmal zu dem einen oder anderen Werk Sloterdijks greifen (seine Rede "Regeln für den Menschenpark" liegt ungeöffnet und ungelesen seit Jahren im Bücherregal - schäme mich fast dafür). Zum Parallel-Lesen fehlt mir leider die Zeit (die Belletristik und nicht spezifisch philosophische Literatur will ja auch noch zu ihrem Recht kommen).

Gustav
1. Dezember 2018 11:43

Der ech­te Normendie­ner ver­langt von allen Mitmen­schen, sich nicht nur nach sei­nen in Ge­set­zes­­­form gegos­senen Ideen und Normen zu rich­ten; er ver­langt ih­nen auch ab, an seine Me­taphysik zu glau­ben, sie für heilig zu halten und sich ihr in­nerlich zu un­terwerfen. Er ist sich nicht mehr be­wußt, daß diese nichts als sein eigenes Ich aus­drüc­ken. Er glaubt an die Realität die­ser Ideen und ist von ihr um­so über­­zeug­ter, je we­niger er zur kri­ti­schen Refle­xion ihres sub­jek­ti­ven Ur­­sprungs fä­hig ist.

Mein Ideal über deines zu stellen ist immer gleichbedeutend wie mich über dich zu stellen. Gehorche meinem Gott! bedeutet allemal Ge­horche mir! Wen ich zur Aner­kennung meiner Ideale zwinge, über den übe ich Macht aus. In umge­kehrter Richtung unterwerfe ich mich gei­stig und damit vollständig, wenn ich mir fremde Ideale auf­zwingen las­se. Es kann dafür nur einen einzi­gen, und zwar einen existen­tiellen Grund geben: Mit der Ent­scheidungsmacht über ein ge­mein­sames Idea­les muß der Entschei­dende die Verantwortung für mein Wohl und Wehe übernehmen kraft des unlösbaren Zu­sam­men­han­ges von Schutz und Ge­horsam. Wer mir meine geistigen Waf­fen nimmt, muß mich mit den seinen schüt­zen. "Macht wird nur da­durch zum Recht, daß sie als eine verantwortlich gebun­dene Funktion gegen­über einem an­vertrauten Lebensganzen begriffen wird." (zit nach - G.Maschke, in: C.Schmitt, Staat, Großraum, Nomos, S.361.) Gefährlich ist es aber, einer feindseligen moralischen Macht unter­worfen zu sein. Jede Ideologie kann dem Schutze der Glaubens­un­terworfenen ebenso die­nen wie ihrer Ausplünderung oder auch ih­rer Vernichtung.
(Klaus Kunze, Mut zur Freiheit)
Letzteres ist Sinn und Zweck der derzeitigen Ideologie.

Lotta Vorbeck
1. Dezember 2018 14:05

@Der_Juergen - 30. November 2018 - 10:34 PM

"... Dass ein so intelligenter Mann wie Sloterdijk die lächerliche Märchengeschichte von der Liquidierung Bin Ladens für bare Münze nimmt, ist für mich ein Rätsel. Hätten die Amis Bin Laden, dem sie die Schuld für den Einsturz der Türme andichteten, tatsächlich getötet, so hätten sie seine Leiche der Welt natürlich als Corpus delicti präsentiert. Aber nein, der Leichnam des "Superterroristen" wurde "nach islamischem Brauch" (!!!) ins Meer geworfen... Vermutlich sollte mit dieser grotesken Geschichte u. a. getestet werden, wie weit die Idiotisierung der westlichen Gesellschaft schon fortgeschritten ist. Würde sich öffentlicher Widerspruch gegen diese Lüge regen? Nein, er regte sich nicht. ..."

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Volltreffer! - Selbstverständlich hätte die US-Army, so sie ihm denn habhaft geworden wäre, die Leiche des saudischen Bauingenieurs medial als Trophäe präsentiert. Da das über die Jahre infantil gemachte Medienpublikum dazu neigt, nahezu jeden Mumpitz gläubig zu schlucken, brauchte in diesem Falle nicht mal eine jener, in Ermangelung der echten bei solcher Gelegenheit gern genutzen, ominösen Doppelgängerleichen.

Dieses

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/ac/Obama_and_Biden_await_updates_on_bin_Laden.jpg

nachträglich veröffentlichte Photo, welches die Szenerie während der Liquidierung Bin Ladens im Situation-Room des White House dokumentieren soll, wirkte schon damals gestellt.

Sie, lieber @Der_Juergen sprechen hier das "Gesetz der ganz großen Lüge" an, welches sinngemäß besagt: Je monströser die Lüge, desto leichter wird sie geglaubt.

Der Gehenkte
1. Dezember 2018 20:22

Ist es erlaubt, Sloterdijk "vernutzend" zu lesen? Wenn es erlaubt sein dürfte, dann bei Tagebuchaufzeichnungen dieser Art, die doch aus ganz verschiedenen Stücken, auch im Argumentationsniveau, bestehen. Hier ist selektives Lesen nicht nur erlaubt, es ist die einzige Möglichkeit. Und man darf auch "suchen" - man muß sich, wenn man den Fang begutachtet, dieses Suchens nur bewußt bleiben.

Daß Sloterdijk "alle Verstehensbemühung zuteil" werden, ist wohl sehr euphemistisch und dürfte er wohl anders sehen, als Opfer von zweieinhalb größeren Medienskandalen. Und gerade in letzter Zeit wird nach der Rede von der "Überrollung" oder der "wohltemperierten Grausamkeit" immer wieder an seinem Piedestal gehämmert - ganz systematisch auch von den lonken Bastarden, den schrecklichen Kindern der Frankfurter Schule.

Die Nähe zur "Neuen Rechten", die man immer wieder herzustellen versucht, tut ihr Übriges: https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zuendfunk/politik-gesellschaft/sloterdijk-kubitschek-und-die-neue-rechte-100.html

Jetzt K persönlich über PS, vorgestern sogar PINews (ein Rohrkrepierer) - man kann die Distanzierungsübungen, die er immer mal wieder betreibt, durchaus verstehen. Sein ganzes Schreiben steht unter dem Motto Nietzsches: Verwechselt mich vor Allem nicht! Und tatsächlich: Gerade in dieser Ambivalenz (mit Verlaub), liegt seine Stärke, denn ein Bekennen würde ein so helles Licht, das nach vielen Seiten abstrahlt, sofort abblenden.

Wer seine Schriften kennt, der muß nicht auf "das kommende Wort" warten, sondern der weiß von der inneren Grundüberzeugung, daß unsere Zukunft nur in der Gesamtheit der deutschen und europäischen Kultur liegen kann, genau dort, worin Sloterdijk seit eh und je hoffnungsfroh verstrickt ist.

Teufel
2. Dezember 2018 00:00

Mein schwarzes Herz lacht: Osama bin Laden im Fernsehen vor Gericht.
Richterin (lol): Warum haben Sie das gemacht?
Osama: Ich wollte das nicht!
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Der Gehenkte
2. Dezember 2018 11:06

@ RMH

Bitte die Aufdringlichkeit zu entschuldigen - aber es hüpfte mir das Herz, als ich Ihre Worte las und darin ähnliche Gedanken, wie die meinigen fand. Ich wählte nur, den Bin Laden zu meiden, um nicht zynisch werden zu müssen. In allen Punkten stimme ich Ihnen zu und sie werden Sie in meiner Meldung als Parallelaktion nachlesen können.

Im Gegensatz zu Ihnen hat mich Sloterdijk nach der "Kritik der zynischen Vernunft" nie wieder losgelassen - nie war ich mir bei einem Autor so sicher, etwas ganz Wesentliches gefunden zu haben. Seither lese ich alles, möglichst frisch, was es gibt - nur ans "Schelling-Projekt" habe ich mich noch nicht herangewagt.

Ohne sie bevormunden zu wollen: Die "Anthropotechnik" ist ein untergeordneter Text. Ich empfehle unter den frühen Arbeiten "Eurotaoismus" und "Weltfremdheit". Für uns wichtig sind "Der starke Grund zusammen zu sein" (Was ist ein Volk?=) und "Kopernikanische Mobilmachung".

Unter den großen späteren Arbeiten gilt das für "Zorn und Zeit", "Du mußt dein Leben ändern", "Gottes Eifer", "Was geschah im 20. Jahrhundert", "Die schrecklichen Kinder der Neuzeit" - wobei ein partielles Versiegen der Erzählkraft und ein steigender Hang zur reinen Historisierung leider zu beklagen ist.

Wer ihn wirklich begreifen will, muß die "Sphären"-Trilogie lesen, auch wenn dort der Beginn für den Wechsel in die Wissenspräsentation zu verorten ist. Die Grundgedanken der Immunologie, Pneumologie und Atmotechnik sind noch immer nicht in ihrer Tragweite durchgesickert.

Als Einstieg bietet sich "Scheintod im Denken" an, ein kurzer aber unglaublich origineller und witziger Text. Ich mußte schallend lachen. Auch die Gesprächsbände mit H.J. Heinrichs und Carlos Oliveria sind ein ein Hochgenuß. Und falls sie "Belletristisches" wollen, dann nehmen Sie den "Zauberbaum".

Peter Niemann
3. Dezember 2018 00:11

Schöner Text, wenige Anmerkungen seien mir gestattet:

Punkt 1: Peter Sloterdijk ist ein zerfasender Philosoph, und in einer Zeit der Zerfaserung, der dekonstruierenden Postmoderne, stößt er auf massives Interesse. Aus seinen Fasern können dann viele ihre eigenen Fäden spinnen, und ich meine, daß das eines seiner Erfolgsgründe darstellt.

Punkt 2: Es kommt zu einer "Rechts-"verschiebung, daran besteht kein Zweifel. Das wird manchen von uns, vielleicht noch stärker bei der Jungen Freiheit und wirtschaftsliberalen Elementen der AfD, freuen. Doch diese sogenannte Rechtsverschiebung wird nicht im Sinne von vielen Sezessionisten sein, sondern sie wird vielmehr von den gegenwärtigen Machtnetzwerke manipulativ in ihrem Sinne eingesetzt werden bzw. wird herbeigeführt.

Punkt 3: Wer mehr als nur ein kurzes Leuchten in der Kette eines Volkes sein möchte, sollte nicht in der Virtualität den Kampf führen, sondern vor allem den reellen Raum einnehmen. Die IB macht das durch ihre Aktionen vor, aber es gibt für jeden von uns die bewährten Mittel: Die eigene Scholle gestalten, Kinder haben und für die Intellektuellen das gedruckte Wort, für die Künstler das Kunstwerk, für die Handwerker ihr Werk etc. Im Regelfall beginnt man mit den Kindern, dann kommt die Scholle und als Krönung das Wort bzw. Handwerk bzw. Lebenswerk.

Ein möglicher Rat: Kinder kriegen, Haus kaufen/renovieren in den neuen Bundesländern (ist noch recht günstig) und ein Werk erschaffen. Die Reihenfolge überlasse ich dem einzelnen.

Lotta Vorbeck
4. Dezember 2018 01:51

@Peter Niemann - 3. Dezember 2018 - 00:11 AM

"... Ein möglicher Rat: Kinder kriegen, Haus kaufen/renovieren in den neuen Bundesländern (ist noch recht günstig) und ein Werk erschaffen. Die Reihenfolge überlasse ich dem einzelnen."

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# Ein Haus läßt sich kaufen, erben oder alt und baufällig erwerben und je nach persönlichem, handwerklichem Geschick weitgehend in Eigenleistung instandsetzen und wieder bewohnbar machen.

# Fähigkeiten ein Werk zu erschaffen, lassen sich trainieren oder gezielt aneignen.

# Läßt sich innerhalb des biologisch vorgegebenen Zeitfensters kein paarungswilliger, zum gemeinsamen Nestbau entschlossener Counterpart gewinnen - tja, dann ist's Essig mit dem wichtigsten, weil zukunftssichernden Teil Ihres (durchaus brauchbaren) Ratschlages.

Der Gehenkte
5. Dezember 2018 17:22

Habe gerade die ersten 10 Seiten des neuen Sloterdijk gelesen - sehr kraftvoller Text! Vielleicht war mein obiger Freibrief für "vernutzendes Lesen" doch etwas voreilig oder doch zumindest zu plakativ, denn der Kontext - sehr komplex - wirft doch einige Fragen auf.

Im Übrigen wird auch die hier gestellte Frage nach der Ermordung Bin Ladens, die angeblich nicht stattgefunden haben soll, beantwortet. Sloterdijk kann überzeugend darlegen, warum nur ein toter Bin Laden ein guter Bin Laden war - und warum damit eine einmalige historische Chance, nebst unbekannten Nebenwirkungen, vertan wurde. Alles geopolitisch komplett nachvollziehbar.

Schon diese 10 Seiten haben den Kauf gelohnt!

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