Sezession
28. Januar 2019

Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen

Ellen Kositza / 8 Kommentare

Mit der Faust in die Welt schlagen, dieser Debütroman des Lausitzers Lukas Rietzschel (*1994) findet sich auf den Bestverkaufslisten weit oben.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Er hat auch das Feuilleton (fast) unisono erfreut. »Fulminant«, »politisch höchst relevant«, der »Roman zur Stunde«, lauteten die Würdigungen. Nun denn: Wir lesen in drei chronologisch gereihten »Büchern«, beginnend 2000, endend 2015, die Geschichte des Bruderpaares Philipp und Tobias.

Ihren Oberlausitzer Heimatort Neschwitz werden sie im Berichtzeitraum kaum verlassen. Zu Beginn sind beide im Kindergarten- und Grundschulalter, die Eltern sind gerade aus der Platte ins neuerbaute Eigenheim gezogen. Die Geschichte tröpfelt dahin wie eine jener filmischen Langzeitdokus, von denen man sagt, der Regisseur nehme sich »viel Zeit für lange Schnitte«. Mama, Papa, Oma, Opa, Einschulung, Eintritt in die weiterführende Schule, Essen, Garten, Holzeisenbahn.

Im zweiten Buch (»2004 – 2006«) beginnt die Ehe der Eltern zu bröckeln, Opa wird krank, einmal regt sich der Vater über einen zu dicht auffahrenden Polen auf der Autobahn auf, es gibt Spiele mit einer Pumpgun, ein junger Mann mit dem »seltsamen Namen« Menzel gelangt ins Blickfeld. Der soll – dabei bleibt er eine unkonturierte Gestalt – eine Art Kopf einer Art Naziszene darstellen. Das heißt: mäßig verkommene Dorfjugend, die sich zum Trinken trifft, gelegentlich politisiert (»Dumme Menschen und Ausländer pflanzten sich schneller fort als normale und überhaupt Deutsche. Seit Sarrazin konnte es endlich jeder lesen«), einmal Stunk anzettelt gegen die Asylbewerber auf dem Dorffest und gegen Ende des Buches gemeinsam zu PEGIDA fährt.

Im Rahmen eines Schülerwettbewerbs wäre diese Geschichte eine lobenswerte Leistung. Als Publikumsroman mit »tagesaktueller Relevanz« und schon gar als Hochliteratur ist es höchstens mäßig. Es fehlt jeder Tiefenblick – von »Spannung« nicht zu reden –, und sprachlich hapert es arg: Was soll uns im Rahmen dieser Langatmigkeit der Sekundenstil, diese hunderte Sätze ohne Verb, sagen?

»Begannen und endeten abrupt.« »Eine Frau, so alt wie Mutter, jünger.« »In den Nachbarhäusern noch Licht.« Und: Gibt es »matschige« Kastanien? Stinkt Feuer? Stinkt Obst? Stinken Kühe? Stinkt Marco? Wenn ja: wie genau? Und wenn »in den Wochen darauf das erste Mal Schnee« fiel – dauert das erste Mal also Wochen? Hat man in den Nullerjahren wirklich schon dauernd »alles gut« gesagt, und daß sich etwas »nicht richtig anfühlte«?

Die Wette gilt: Demnächst wird es Rietzschels Roman als »Schulausgabe« geben, erhältlich samt »Lehrerhandreichung« und »Lesetagebuch«. Die Beispielaufgaben, die dann über den vorgedruckten leeren Linien stehen werden, sind leicht aus dem Ärmel zu schütteln:

»Stelle Dir vor, Du bist ein / e Freund / in von Tobi. Du merkst, daß er Probleme hat. Was würdest Du ihm raten? ›Es braucht mal wieder einen richtigen Krieg‹, sagt Tobi. Was denkst Du dazu? Denkst Du, Tobi und Philipp sollten Menzel vertrauen? Begründe!«

Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen. Roman, München: Ullstein 2018. 320 S., 20 € -- hier bestellen.

 


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Kommentare (8)

Franz Bettinger
28. Januar 2019 22:18

Die armen Schüler! Sie werden den langweiligen Regal-Beschwerer gähnend weglegen und sich von Schule und Literatur für immer angeekelt abwenden. Vielleicht ist das ja gar die Absicht der Lobhudeler: wirkliche Bildung zu verhindern; das Gute, das es auch gibt, in einem Meer von Schrott zu ertränken. - Danke für die Warnung, Frau Kositza!

Andreas Walter
29. Januar 2019 01:12

Band 3 also nicht mehr gelesen? Weil einfach zu schlecht? Warum vertreibt Ihr dann aber so einen Schrott?

Nein. Tobi und Philipp sollten Menzel nicht vertrauen. Der ist bestimmt vom Verfassungsschutz. Ein Schnüffler, womöglich sogar ein Agitator. Gibt aber immer auch Gruppen, von denen man noch nie etwas im Leben gehört hat, und auch nie hören wird.

Begründung: Weil es Regierungen immer so machen, beziehungsweise, deren Geheimdienste. Die Methode nennt sich gelenkte, kontrollierte Opposition, beziehungsweise, gelenkter Untergrund, gelenkte Kriminelle, gelenkte Aktivisten. Sogar Terroristen und Attentäter, manchmal auch Partisanen, werden so von Regierungen zu ihren Zwecken eingesetzt, manche auch missbraucht. Die Gruppen die man aber sieht sollen auch gesehen werden, so wie die NPD. Andere Gruppen verkleiden sich dagegen als Araber, sind aber keine, sondern sehen nur so aus.

"Es braucht mal wieder einen richtigen Krieg‹, sagt Tobi. Was denkst Du dazu?"

Ich sage nichts, melde den Vorfall aber sofort dem Verfassungsschutz (hihihi, natürlich nicht).

Was ich denke und Tobi darum sage?

Genau das wollen sie, und das du ihn anfängst. Überleg dir also, ob nicht auch du sie zum ausflippen bringen kannst. Denn ist erstmal Krieg hast auch du dadurch einen viel grösseren Handlungsspielraum als noch zu Friedenszeiten. Im Krieg kann man dann ganz grosszügig auf alle Höflichkeiten und Formalitäten verzichten, und wie ein Berserker dann durch ihre Reihen gehen. Da zählt dann nur noch der angestaute Zorn nach 70 Jahre Unterdrückung, um unfassbare, unübersehbare Zeichen zu setzen.

Nein? Auch nicht? Na gut.

Tobi [pause] hast du dir schon jemals vorgestellt wie es sein könnte, in Freiheit zu leben? Auf deinem eigenen Stück Land, mit deinem eigenen Wald und einem Brunnen? Einer lieben Frau und ein paar süssen Kindern, die täglich in die eigene Dorfschule gehen? Nur unter Leuten leben, die so denken wie du, und die auch alles das wissen, was du weisst? Nun, so einen Ort gibt es, und den möchte ich darum dass du ihn kennen lernst. Pack einfach ein paar Klamotten ein, auch Arbeitskleidung und Schuhe, alles andere gibt es bereits dort. Sogar handgemachte Zahnbürsten. Das wichtigste aber, was du dort brauchst, trägst du bereits im Herzen. Einen unbändigen, einen unbezwingbaren Wunsch und Willen nach Freiheit. Nach Unabhängigkeit. Nach Selbstbestimmung. Natürlich muss man auch dort vieles teilen, steht vieles nur allen gemeinsam zur Verfügung, doch das ist eben unter Gleichen und Gleichgesinnten alles gleich viel einfacher und leichter als unter Fremden. Krieg ist etwas für Soldaten, für Söldner, du aber bist ein Mann der Scholle, des Handwerks, der Gemeinschaft und des Friedens. Du willst gar keinen Krieg, lediglich Ruhe, Freiheit und ein Mitspracherecht. Respekt und Einheit, Einigkeit.

Ja, Lisa, du hast recht. Genau das ist es, was ich eigentlich möchte.

Gut. Dann geh' jetzt und pack' deinen Rucksack.

Lotta Vorbeck
29. Januar 2019 01:47

Der Lausitzers Lukas Rietzschel (*1994) ... "und nächstes Jahr am Balaton" ... äh ... mit 25 fließt ihm dann der »fulminante«, »politisch höchst relevante«, »Roman zur Stunde« aus der Feder. In welcher Schnellbrüterretorte haben sie den Lukas Rietzschel zum Romanautor gemacht?

AlexSedlmayr
29. Januar 2019 10:58

Frau Vorbeck schließen sie nicht unbedingt von jungem Alter auf die literarische Qualität. Viele gute Jugendbetrachtungen und Sturm- und Drang-Romane könnten da schon aus einer Feder geflossen sein. Nur haben wir hier die Wiederkehr des langweilig Erwartbaren. Gratismut, der ewige ostdeutsche Neo-Nazi, der zwar gut in eine Betrachtung der 90er und frühen Nuller gepasst hätte, aber angesichts des jungen Alters der Protagonisten, die als politische Subjekte erst später relevant sind und für den aktuellen Tagesbezug muss man die Neonazi-Kameradschaft mit PEGIDA oder AfD in die Jetztzeit verlegen.

Ist "Menzel" hier eine Anspielung auf Felix Menzel oder erwartet man hier zu viel Szenekenntnis von einem, der seine literarischen Antagonisten allzu stumpf daher reden lässt? Folgt im Dritten Teil ein Besuch auf so einem düster dräuenden Bauernhof in Sachsen-Anhalt, wo den Leuten zusammen mit Bratkartoffeln aus eigenem Anbau böse Gedanken eingeflößt werden?

Niekisch
29. Januar 2019 11:31

In Zeiten des Verfeinerns und Steigerns der "Gedenkkultur" wird das zeitgemäße Werk an den Schulen wohl nicht zu großer Bedeutung gelangen. Zumindest um den wichtigsten Gedenktag am 27.1. herum steht im Mittelpunkt das Verfertigen von Modellen des Stelenfeldes in Berlin, von Zeichnungen, Fotomontagen, dreidimensionalen Installationen, Kurzfilmen, Raptexten, die zum Nach- und Weiterdenken anregen, Zweit- Dritt- und Viertzeugen inspirieren und bei Eltern und Schülern den Wunsch erzeugen, im Rahmen einer Exkursion das Werk in Berlin noch einmal direkt erleben zu können. Die Schüler beschäftigen sich eher mit dem vielfachen Mord an Zwangsarbeitern in ihrem Stadtteil, stehen Gästen von Gedenkveranstaltungen Rede und Antwort. Dies ist wichtig, denn 40 % der Jugendlichen haben kaum ein Wissen von den Verbrechen. Das gilt es zu ändern. Die Gedenkkultur muß nachhaltig sein. Deshalb werden in Zukunft noch mehr Gedenk- und Infotafeln an den Schulen im Eingangsbereich angebracht. 2019 sollen verstärkt die Eltern angesprochen werden, die jüngeren Geschwister im Kindergartenalter, Verzeihung, Kita- Alter, zu melden, damit sie anläßlich der Gedenkveranstaltungen unter Anleitung des Hatikwa Kinder-Tanz-Ensembles einen kleinen Gedenkreigen aufzuführen.

Wenn noch Zeit bleibt, kann aus "Mit der Faust in die Welt schlagen" rezitiert werden. Der Titel müßte aber abgewandelt werden, weil er Nazijargon ausdrückt.

LotNemez
30. Januar 2019 03:10

Sie quälen sich (offenbar extra für ihre Kolumne = für uns) durch eine Trilogie der Güteklasse Fallobst und werden nicht mal Sonntagsheld? Wo bleibt die Moral?

Kositza: Also, das ist mein Beruf. Und nix da "extra für ihre Kolumne"; Sie lesen wohl nicht die gedruckte Sezession?

Lotta Vorbeck
30. Januar 2019 04:23

@AlexSedlmayr - 29. Januar 2019 - 10:58 AM

... Nur haben wir hier die Wiederkehr des langweilig Erwartbaren. Gratismut, der ewige ostdeutsche Neo-Nazi ...
... Folgt im Dritten Teil ein Besuch auf so einem düster dräuenden Bauernhof in Sachsen-Anhalt, wo den Leuten zusammen mit Bratkartoffeln aus eigenem Anbau böse Gedanken eingeflößt werden?"

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Schon ein paar Jährchen her: Während eines längeren Aufenthaltes blieb das Auge des Flaneurs an einem aus der Masse herausstechenden, aufreizenden Buchtitel in der örtlichen Bahnhofsbuchhandlung hängen: "Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht: Geschichten aus der arschlochfreien Zone"

Umschlagbild: https://images-eu.ssl-images-amazon.com/images/I/51N77Qtd2oL._AC_US327_FMwebp_QL65_.jpg

Um der dekadenten Schweiz zu entfliehen - im Buch ist immer wieder "vom kleinen Schweizer in der Seele" des Autors die Rede - erwarb dieser einen Resthof in der Nähe von Werneuchen (Landkreis Barnim).

Das Büchlein verkaufte sich laut Wikipedia 400.000 Mal.

Werneuchen: https://de.wikipedia.org/wiki/Werneuchen

Zum beim GEZ-Staatsfunk üblichen, vorzüglichen Lohnniveau muß an dieser Stelle nichts weiter ausgeführt werden. Bereits am oberen Ende der Nahrungskette der Lohnempfänger etabliert, kann man offensichtlich dennoch durchaus ein kleines Zubrot gebrauchen und so legte der Herr Mohr mit "Lieber einmal mehr als mehrmals weniger: Frisches aus der arschlochfreien Zone" eine Fortsetzung seines Erfolgsbüchleins nach.

Umschlagbild: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/51zulas5B9L._SX327_BO1,204,203,200_.jpg

... und der eidgenössische Mohr, der inzwischen nicht mehr Dieter heißen möchte, weiß natürlich ganz genau, was er seinen Herren und Meistern schuldig ist: In "Lieber einmal mehr als mehrmals weniger: Frisches aus der arschlochfreien Zone" platzierte er dann auch die allfällige, im Band 1 schmerzlich vermißte, mitteldeutsche Nathzieh-Geschichte ...

LotNemez
30. Januar 2019 11:13

@EK: Das Abo läuft ab 2019, also bisher nein.

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