Sezession
6. Dezember 2018

Buchgeschenkempfehlungen III – Erik Lehnert

Erik Lehnert / 2 Kommentare

Geschenkempfehlungen in Buchform – wie jedes Jahr aus unserer Redaktion. Teil III: Erik Lehnert.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Wahres
Klaus-Jürgen Liedtke: Nachkrieg und Die Trümmer von Ostpreußen. Roman aus Dokumenten, Berlin: Die Andere Bibliothek 2018, 416 Seiten, 42 €
Die Vertriebenenproblematik folgt unausweichlich den Gesetzen der Biologie. Die jenseits der Oder-Neiße-Grenze geborenen Deutschen werden weniger. Daß das Thema damit nicht erledigt ist, macht Liedtke mit seinem sehr persönliche Buch deutlich: Auch die Nachkommen der Vertriebenen, zu denen Liedtke gehört, werden von diesem Schicksal nicht losgelassen und unterscheiden sich darin von denjenigen, deren Heimat bruchloser durch die Zeiten gelangte. Was es bedeutet, Nachkommen von denjenigen zu sein, denen die Heimat genommen wurde, macht Liedkte an seiner eigenen Kindheitsgeschichte und der späteren Erkundung der alten Heimat deutlich. Die gute alte Zeit ist streng geschieden von allem, was danach kam. Dieser Rückzugsort ist gleichsam der geistige Schutzraum der Familien vor den Zumutungen, die sie ohne großes Klagen für alle anderen stellvertretend ertragen mußten. - Buch hier bestellen.
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Gutes
Michail Bulgakow: Die weiße Garde. Roman, neu übersetzt von Alexander Nitzberg, Berlin: Galiani 2018, 544 Seiten, 30 €
Kiew im Winter 1918/19: Die Stadt ist vollgestopft mit Flüchtlingen, die sich vor den Bolschewisten in Sicherheit bringen wollen. Der kurzlebige ukrainische Staat löst sich auf, weil sich die deutsche Schutzmacht zurückzieht. Der Widerstand gegen die anstürmenden Bolschewisten und die Truppen des Petljura, die sich einen Wettlauf zur Eroberung Kiews liefern, muß von der alten Elite organisiert werden, denen nur der jugendliche Idealismus der Gymnasiasten zur Verfügung steht. Inmitten dieses Chaos‘ bildet die großbürgerliche Wohnung der Familie Turbin einen Ruhepol, bis auch dort die Welle der Gewalt seinen Tribut fordert. Bulgakows Roman, niedergeschrieben in den Jahren 1923/24, wird durch die Neuübersetzung aus dem Schatten seiner bekannteren Werke herausgeholt, weil es ihr gelingt, die vielgerühmte feine Ironie des Autors endlich dem deutschen Leser zugänglich zu machen. - Buch hier bestellen.
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Schönes
Edward Brooke-Hitching: Atlas der erfundenen Orte: Die größten Irrtümer und Lügen auf Landkarten, München: dtv 2017, 256 Seiten, 30 €
Wer eine Schwäche für Landkarten hat, ist mit diesem liebevoll ausgestatteten Buch bestens bedient. Das liegt vor allem am Autor, der nicht als Wissenschaftler zu seinem Thema gefunden hat, sondern als Antiquar und daher den Kartenwerken den ihnen gebührenden Platz läßt. Daß im Titel etwas reißerisch von „Lügen“ die Rede ist, ist den Vermarktungsmechanismen geschuldet, bei den meisten der „erfundenen Orte“ handelt es sich eher um Irrtümer bzw. Vermutungen, die sich bei genauerem Hinsehen nicht bewahrheitet haben. Manch einer, wie der Brandenburger Australienforscher Leichhardt, mußte diese Irrtümer mit dem Tod bezahlen, in seinem Fall denn, daß sich im Innern Australiens wasserreiche Gegenden verbergen. Das Buch bietet eine kurzweilige Auswahl solcher geographischer Annahmen, die im Detail abgebildet und knapp kommentiert werden. - Buch hier bestellen.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Kommentare (2)

Max
6. Dezember 2018 17:56

Die Weiße Garde neu übersetzt? Noch dazu gut?

Klasse. Das war für mich das Buch, was mir klar machte, was man für einen Vorteil hat, wenn man ein Buch im Original lesen kann. Ich hatte damals eine DDR-Übersetzung und halt auch das russische Original zum Vergleich.

Die Weiße Garde war für mich eigentlich nach Meister und Margarita immer schon die Nummer 2.

Der_Juergen
7. Dezember 2018 20:49

Mich verfolgt Bulgakows "Meister und Margarita", seitdem ich dieses Werk als Bühnendrama kennengelernt habe (1980 in Bukarest; den Roman las ich erst später, und die russische Verfilmung von 2005 hat mich ungeheuer beeindruckt). Allerdings empfinde ich leichte Gewissensbisse angesichts meiner Faszination für Bulgakows bekannteste literarische Schöpfung, da ich mich der Meinung eines russischen Freundes, letztere sei "unter dem Einfluss dunkler Mächte" entstanden, anschliessen muss. Dasselbe gilt übrigens für meinen Lieblingsfilm, "Rosemary's Baby" von Polanski: Ein technisch und schauspielerisch absolut genialer, aber ein im Grunde zutiefst böser Film.

Bezüglich der "Weissen Garde" gibt es keinen Raum für solche Vorbehalte; wir haben es mit einem Kunstwerk zu tun, das man unbeschwert und mit grossem Gewinn lesen wird. Dankeschön für die Empfehlung, Erik Lehnert!

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