Sezession
2. Dezember 2018

Weihnachtsempfehlungen (I) – Ellen Kositza

Ellen Kositza / 7 Kommentare

Geschenkempfehlungen in Buchform - wie jedes Jahr aus unserer Redaktion. Teil I: Ellen Kositza!

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Gutes

Alexander von Schönburg: Die Kunst des lässigen Anstands. 27 altmodische Tugenden für heute, München 368 S, 20€.

Stilfibeln und Benimmregeln sind out (weil für Poser), Ratgeber zum Großthema Selbstoptimierung sind dumm. Von Schönburgs Leitfaden durch 27 unzeitgemäße Tugenden hingegen ist großartig! Wer je höhnisch zu fragen wagte: Abendland? Leitkultur?: Hier ist die Antwort in eine Form gegossen! Als Gewährsleute dienen dem Autoren  zuverlässige Quellen wie Aristoteles, Thomas von Aquin, Josef Pieper und Simone Weil. Ohne jeglichen gouvernantenhaften Predigerton führt uns der Autor durch seinen Sittenspiegel: Bescheidenheit und Mitgefühl zählen erwartbar zu jenen Leitwerten, aber auch diese: Keuschheit, Gehorsam, Fleiß, Zucht. Bekanntlich gibt es nichts Gutes - außer, man tut es! Meine Kinder mußten auf einer längeren Autofahrt dem gleichnamigen Hörbuch lauschen. Jetzt gehen die CDs reihum, weil alle weiterhören wollen. - Schönburg hier bestellen.

Wahres

Burkhard Hofmann: Und Gott schuf die Angst. Ein Psychogramm der arabischen Seele, München 2018. 288 S., 19.99 €

Der Buchtitel ist etwas trügerisch. Dem erfahrenen Hamburger Psychotherapeuten Burkhard Hofmann geht es nicht um Religionskritik. Hofmann reist seit über einem Jahrzehnt mehrmals im Jahr in die Golfstaaten, um dort Patienten zu behandeln. Westliche Mediziner stehen dort hoch im Kurs, Seelendoktoren hingegen sind eine Neuheit. Anhand von Fallbeispielen beleuchtet der Autor mit großem Einfühlungsvermögen, aber kritisch, die typischen Fallhöhen der arabischen Psyche. Was macht es mit einem Kind, dessen Mutter in der Öffentlichkeit nur vollverschleiert mit ihm kommuniziert? Wie wirkt es sich aus, wenn die Mutter am Eingang zur Himmelspforte ein Vetorecht hat? Wie, wenn die einzige Aufgabe des (sonst abwesenden) Vaters die religiöse Einweisung ist? Hofmanns Fachkenntnisse sind stupend, sein Stil ist romanhaft und mitreißend. Islamkunde aus erster Hand! - Hofmann hier bestellen.

Schönes

Bernd Zeller: Die Opportunitäter, Münster 2018, 62 S, 16 €

Ich bin unsicher, ob ich den Wortwitz oder die Zeichnungen Bernd Zellers (*1966, Jena) mehr liebe. Vermutlich ergibt beides den Clou. Karikaturist Zeller hat bereits für alle möglichen Zeitungen (von der Welt über die Süddeutsche bis zum Focus) gezeichnet, was mich etwas kränkt, weil ich seine Cartoons als speziell meine Art Humor empfinde. Andererseits kann man dadurch dieses feinsinnige Skizzenbuch jedem Zeitgenossen bedenkenlos verschenken. Wie kann einer mit wenigen Strichen die Rückenansichten einer Andrea Nahles  (Sakko und Hintern) zur Kenntlichkeit darstellen? Oder nehmen wir den hier: Zwei Anorak-Leute stehen auf der Straße. Er, mit Kinnbart, macht ein kritisches Gesicht-gegen-rechts. Sie, runtergezogene Mundwinkel, agitierte Hände: „Mit denen kann man nicht diskutieren. Die verschanzen sich dahinter, so zu tun, als wären sie ganz anders als von uns charakterisiert.“ Niemand bringt die urbane, individualitätsbesoffene, dabei konformitätsfromme urbane Mittelschicht besser auf den Punkt als Zeller. - Zeller hier bestellen.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (7)

ede
2. Dezember 2018 14:36

Bernd Zeller ist umwerfend, da gibt es nix zu meckern. Bei Ihnen natürlich auch nicht.

Gustav Grambauer
2. Dezember 2018 17:02

Von v. Schönburg habe ich viel über den Adel und dessen Selbstverständnis gelernt,

https://www.rowohlt.de/taschenbuch/alexander-von-schoenburg-alles-was-sie-schon-immer-ueber-koenige-wissen-wollten-aber-nie-zu-fragen-wagten.html

was man in der heißesten Verschwörungsliteratur nicht gesagt bekommt. Allerdings lief die Lektüre bei mir unter Feindaufklärung und war auch von Anwallungen tiefen Ekels über dieses Milieu begleitet. Unter keinen Umständen hätte ich das Buch anders als antiquarisch gekauft. Es ist kein Zufall, nicht mal Ausdruck vermeintlicher Dekadenz, vielmehr konsequent, daß das Adelsgesocks für FAZKE, Park Avenue, Vanity Fair und Blöd-Zeitung schreibt. Seine Schwester hat gerade denen, die 9,50 Euro Eintritt, viel Geld in einer strukturschwachen Region, für den Eintritt beim Thurn-und-Taxis-Weihnachtsmarkt in Regensburg abgedrückt haben, entgegengerufen, was sie von ihnen hält: "Ruhe auf den billigen Plätzen!". (Das Volk hatte den Appeaser Söder ausgebuht.)

Die sind ja sehr beliebt in rechten Kreisen, mir ist auch klar, daß wir von denen noch viel hören werden, je mehr das Roll-Back des Cuck-Klüngels, dessen Exponenten die nur sind, Dynamik aufnimmt. Aber Unsereiner würde unter keinen Umständen ein Buch von denen verschenken. Es sei den, was auch vorkommt, wenn ich den Beschenkten verhöhnen will - dafür sind die Titel wie gemacht. "Das Beste vom Besten. Ein Almanach der feinen Lebensart" habe ich damals meinem Entenbruststreifen-an-Rucola-Schwager geschenkt, der sich sicher mit v. Schönburg glänzend verstehen (wollen!) würde (was S. mit einem trockenen "Danke, ich nehme Abstand." quittieren würde). Bin sicher, der hat nicht mal geahnt, wie ich ihn mit diesem Geschenk durch den Kakao ziehe.

- G. G.

Trim
2. Dezember 2018 21:01

Ein Wunsch (wenn es gestattet ist): Empfehlungen von Büchern der markerschütternden Sorte. Von denen man noch nie gehört hatte, die einem den konservativen - von mir aus gar rechten - Lesespeck vom Leib reißen wie eine zu warm gewordene (Zwangs)jacke, in der man sich allerdings schon ganz behaglich fühlte.
In dieser Kategorie noch immer unerreicht die Empfehlung von Raskolnikow einst: "Der Freitod in Japan" von Maurice Pinguet.
Welcher Sezessionsautor oder -leser kann noch einmal etwas Derartiges aus dem Ärmel schütteln?

Ein gebuertiger Hesse
3. Dezember 2018 11:52

@ Trim
Danke für die Erinnerung an den "Freitod in Japan". Was die Bücher der markerschütternden Sorte angeht: immer und immer wieder "Nutzloses Dienen" von Montherlant. Und zwar in der ungekürzten Ausgabe von 1939, wobei die Antaios-Ausgabe den großen Verdienst hatte und hat, uns dieses Buch, das einen wahrlich auf die eigenen Füße stellt (beim Lesen UND DANACH), vor einigen Jahren überhaupt wieder ins Bewußtsein geholt zu haben. Unvollständig ist sie dennoch. Daher: googeln, finden und für weniger als einen Zehner bestellen. Kracher-Lektüre. Um den (für den westlich-liberal-dekadenten Geist ja praktisch nicht zu verstehenden) japanischen Selbstmord aus Gründen der Ehre geht es darin übrigens auch. Und wenn wir schon bei dem Thema sind, eine nachdrückliche Filmempfehlung: https://www.criterion.com/films/588-mishima-a-life-in-four-chapters

Maiordomus
3. Dezember 2018 13:44

Das Anstandsbuch zum "lässigen Anstand" von Schönburg scheint mir eine Bestellung wert zu sein, auch von wegen der Autoren, die alles andere als saisonabhängig sind und bleiben.

Trim
3. Dezember 2018 23:39

@ gebuertiger Hesse
Ihnen im Gegenzug vielen Dank für den Hinweis auf Montherlant. Hatte mir damals neben dem Kaplakenband sogar der Vollständigkeit halber die ungekürzte Fassung besorgt, sie aus irgendwelchen Gründen aber niemals aufgeschlagen. Das werde ich nun nachholen. Mishima: Bisher ist es mir nicht gelungen, eine Kopie dieses Films zu beschaffen, da ist Ihr Link offenbar hilfreich - auch hierfür herzlichen Dank.

JohannesStreck
4. Dezember 2018 14:18

Werte Frau Kositza,
das Buch vom adligen Mann, also ich weiß ja nicht, nachdem ich ihn unlängst im Fernseh habe breitbeinig dasitzend und fuchtelnd reden hören. Ich bin z.B. kein von ihm apostrophierter "DIN-A-4-Deutscher"!
Mit seinen dortmaligen Betrachtungen zu "Manieren" scheint mir Asfa-Wossen Asserate doch der viel feinere Mann zu sein.

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