Weihnachtsempfehlungen (I) – Ellen Kositza

Geschenkempfehlungen in Buchform - wie jedes Jahr aus unserer Redaktion. Teil I: Ellen Kositza!

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Gutes

Alex­an­der von Schön­burg: Die Kunst des läs­si­gen Anstands. 27 alt­mo­di­sche Tugen­den für heu­te, Mün­chen 368 S, 20€.

Stil­fi­beln und Benimm­re­geln sind out (weil für Poser), Rat­ge­ber zum Groß­the­ma Selb­st­op­ti­mie­rung sind dumm. Von Schön­burgs Leit­fa­den durch 27 unzeit­ge­mä­ße Tugen­den hin­ge­gen ist groß­ar­tig! Wer je höh­nisch zu fra­gen wag­te: Abend­land? Leit­kul­tur?: Hier ist die Ant­wort in eine Form gegos­sen! Als Gewährs­leu­te die­nen dem Autoren  zuver­läs­si­ge Quel­len wie Aris­to­te­les, Tho­mas von Aquin, Josef Pie­per und Simo­ne Weil. Ohne jeg­li­chen gou­ver­nan­ten­haf­ten Pre­di­ger­ton führt uns der Autor durch sei­nen Sit­ten­spie­gel: Beschei­den­heit und Mit­ge­fühl zäh­len erwart­bar zu jenen Leit­wer­ten, aber auch die­se: Keusch­heit, Gehor­sam, Fleiß, Zucht. Bekannt­lich gibt es nichts Gutes – außer, man tut es! Mei­ne Kin­der muß­ten auf einer län­ge­ren Auto­fahrt dem gleich­na­mi­gen Hör­buch lau­schen. Jetzt gehen die CDs reih­um, weil alle wei­ter­hö­ren wol­len. – Schön­burg hier bestel­len.

Wah­res

Burk­hard Hof­mann: Und Gott schuf die Angst. Ein Psy­cho­gramm der ara­bi­schen See­le, Mün­chen 2018. 288 S., 19.99 €

Der Buch­ti­tel ist etwas trü­ge­risch. Dem erfah­re­nen Ham­bur­ger Psy­cho­the­ra­peu­ten Burk­hard Hof­mann geht es nicht um Reli­gi­ons­kri­tik. Hof­mann reist seit über einem Jahr­zehnt mehr­mals im Jahr in die Golf­staa­ten, um dort Pati­en­ten zu behan­deln. West­li­che Medi­zi­ner ste­hen dort hoch im Kurs, See­len­dok­to­ren hin­ge­gen sind eine Neu­heit. Anhand von Fall­bei­spie­len beleuch­tet der Autor mit gro­ßem Ein­füh­lungs­ver­mö­gen, aber kri­tisch, die typi­schen Fall­hö­hen der ara­bi­schen Psy­che. Was macht es mit einem Kind, des­sen Mut­ter in der Öffent­lich­keit nur voll­ver­schlei­ert mit ihm kom­mu­ni­ziert? Wie wirkt es sich aus, wenn die Mut­ter am Ein­gang zur Him­mels­pfor­te ein Veto­recht hat? Wie, wenn die ein­zi­ge Auf­ga­be des (sonst abwe­sen­den) Vaters die reli­giö­se Ein­wei­sung ist? Hof­manns Fach­kennt­nis­se sind stu­pend, sein Stil ist roman­haft und mit­rei­ßend. Islam­kun­de aus ers­ter Hand! – Hof­mann hier bestel­len.

Schö­nes

Bernd Zel­ler: Die Oppor­tu­ni­tä­ter, Müns­ter 2018, 62 S, 16 €

Ich bin unsi­cher, ob ich den Wort­witz oder die Zeich­nun­gen Bernd Zel­lers (*1966, Jena) mehr lie­be. Ver­mut­lich ergibt bei­des den Clou. Kari­ka­tu­rist Zel­ler hat bereits für alle mög­li­chen Zei­tun­gen (von der Welt über die Süd­deut­sche bis zum Focus) gezeich­net, was mich etwas kränkt, weil ich sei­ne Car­toons als spe­zi­ell mei­ne Art Humor emp­fin­de. Ande­rer­seits kann man dadurch die­ses fein­sin­ni­ge Skiz­zen­buch jedem Zeit­ge­nos­sen beden­ken­los ver­schen­ken. Wie kann einer mit weni­gen Stri­chen die Rücken­an­sich­ten einer Andrea Nah­les  (Sak­ko und Hin­tern) zur Kennt­lich­keit dar­stel­len? Oder neh­men wir den hier: Zwei Ano­rak-Leu­te ste­hen auf der Stra­ße. Er, mit Kinn­bart, macht ein kri­ti­sches Gesicht-gegen-rechts. Sie, run­ter­ge­zo­ge­ne Mund­win­kel, agi­tier­te Hän­de: „Mit denen kann man nicht dis­ku­tie­ren. Die ver­schan­zen sich dahin­ter, so zu tun, als wären sie ganz anders als von uns cha­rak­te­ri­siert.“ Nie­mand bringt die urba­ne, indi­vi­dua­li­täts­be­sof­fe­ne, dabei kon­for­mi­täts­from­me urba­ne Mit­tel­schicht bes­ser auf den Punkt als Zel­ler. – Zel­ler hier bestel­len.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (7)

ede

2. Dezember 2018 14:36

Bernd Zeller ist umwerfend, da gibt es nix zu meckern. Bei Ihnen natürlich auch nicht.

Gustav Grambauer

2. Dezember 2018 17:02

Von v. Schönburg habe ich viel über den Adel und dessen Selbstverständnis gelernt,

https://www.rowohlt.de/taschenbuch/alexander-von-schoenburg-alles-was-sie-schon-immer-ueber-koenige-wissen-wollten-aber-nie-zu-fragen-wagten.html

was man in der heißesten Verschwörungsliteratur nicht gesagt bekommt. Allerdings lief die Lektüre bei mir unter Feindaufklärung und war auch von Anwallungen tiefen Ekels über dieses Milieu begleitet. Unter keinen Umständen hätte ich das Buch anders als antiquarisch gekauft. Es ist kein Zufall, nicht mal Ausdruck vermeintlicher Dekadenz, vielmehr konsequent, daß das Adelsgesocks für FAZKE, Park Avenue, Vanity Fair und Blöd-Zeitung schreibt. Seine Schwester hat gerade denen, die 9,50 Euro Eintritt, viel Geld in einer strukturschwachen Region, für den Eintritt beim Thurn-und-Taxis-Weihnachtsmarkt in Regensburg abgedrückt haben, entgegengerufen, was sie von ihnen hält: "Ruhe auf den billigen Plätzen!". (Das Volk hatte den Appeaser Söder ausgebuht.)

Die sind ja sehr beliebt in rechten Kreisen, mir ist auch klar, daß wir von denen noch viel hören werden, je mehr das Roll-Back des Cuck-Klüngels, dessen Exponenten die nur sind, Dynamik aufnimmt. Aber Unsereiner würde unter keinen Umständen ein Buch von denen verschenken. Es sei den, was auch vorkommt, wenn ich den Beschenkten verhöhnen will - dafür sind die Titel wie gemacht. "Das Beste vom Besten. Ein Almanach der feinen Lebensart" habe ich damals meinem Entenbruststreifen-an-Rucola-Schwager geschenkt, der sich sicher mit v. Schönburg glänzend verstehen (wollen!) würde (was S. mit einem trockenen "Danke, ich nehme Abstand." quittieren würde). Bin sicher, der hat nicht mal geahnt, wie ich ihn mit diesem Geschenk durch den Kakao ziehe.

- G. G.

Trim

2. Dezember 2018 21:01

Ein Wunsch (wenn es gestattet ist): Empfehlungen von Büchern der markerschütternden Sorte. Von denen man noch nie gehört hatte, die einem den konservativen - von mir aus gar rechten - Lesespeck vom Leib reißen wie eine zu warm gewordene (Zwangs)jacke, in der man sich allerdings schon ganz behaglich fühlte.
In dieser Kategorie noch immer unerreicht die Empfehlung von Raskolnikow einst: "Der Freitod in Japan" von Maurice Pinguet.
Welcher Sezessionsautor oder -leser kann noch einmal etwas Derartiges aus dem Ärmel schütteln?

Ein gebuertiger Hesse

3. Dezember 2018 11:52

@ Trim
Danke für die Erinnerung an den "Freitod in Japan". Was die Bücher der markerschütternden Sorte angeht: immer und immer wieder "Nutzloses Dienen" von Montherlant. Und zwar in der ungekürzten Ausgabe von 1939, wobei die Antaios-Ausgabe den großen Verdienst hatte und hat, uns dieses Buch, das einen wahrlich auf die eigenen Füße stellt (beim Lesen UND DANACH), vor einigen Jahren überhaupt wieder ins Bewußtsein geholt zu haben. Unvollständig ist sie dennoch. Daher: googeln, finden und für weniger als einen Zehner bestellen. Kracher-Lektüre. Um den (für den westlich-liberal-dekadenten Geist ja praktisch nicht zu verstehenden) japanischen Selbstmord aus Gründen der Ehre geht es darin übrigens auch. Und wenn wir schon bei dem Thema sind, eine nachdrückliche Filmempfehlung: https://www.criterion.com/films/588-mishima-a-life-in-four-chapters

Maiordomus

3. Dezember 2018 13:44

Das Anstandsbuch zum "lässigen Anstand" von Schönburg scheint mir eine Bestellung wert zu sein, auch von wegen der Autoren, die alles andere als saisonabhängig sind und bleiben.

Trim

3. Dezember 2018 23:39

@ gebuertiger Hesse
Ihnen im Gegenzug vielen Dank für den Hinweis auf Montherlant. Hatte mir damals neben dem Kaplakenband sogar der Vollständigkeit halber die ungekürzte Fassung besorgt, sie aus irgendwelchen Gründen aber niemals aufgeschlagen. Das werde ich nun nachholen. Mishima: Bisher ist es mir nicht gelungen, eine Kopie dieses Films zu beschaffen, da ist Ihr Link offenbar hilfreich - auch hierfür herzlichen Dank.

JohannesStreck

4. Dezember 2018 14:18

Werte Frau Kositza,
das Buch vom adligen Mann, also ich weiß ja nicht, nachdem ich ihn unlängst im Fernseh habe breitbeinig dasitzend und fuchtelnd reden hören. Ich bin z.B. kein von ihm apostrophierter "DIN-A-4-Deutscher"!
Mit seinen dortmaligen Betrachtungen zu "Manieren" scheint mir Asfa-Wossen Asserate doch der viel feinere Mann zu sein.

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