18. Dezember 2018

Weihnachtsbuchempfehlungen, Teil VII: Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld / 9 Kommentare

Abschließend die lesbaren Geschenktips unserer "Ikone" Caroline Sommerfeld!

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

SCHÖN

Hugo Ball: Die Flucht aus der Zeit. Göttingen, 728 S., 44 €

„Ich kann mir eine Zeit denken, in der ich einmal den Gehorsam suche, wie ich den Ungehorsam ausgekostet habe: bis zur Neige“ (20. IX. 1915) „Ich bemerke, daß ich einer leichten Verrücktheit verfalle, die meiner grenzenlosen Liebe zum Anderssein entspringt“ (20.X.1915)

Das zweite „Dadaistische Manifest“ stand uns heuer auf der Frankfurter Buchmesse für einen kurzen Augenblick Pate. Hugo Ball notierte am 6.XIII 1916 zum ersten Manifest: „Hat man je erlebt, daß das erste Manifest einer neugegründeten Sache die Sache selbst vor ihren Anhängern widerrief? Und doch war es so. Wenn die Dinge erschöpft sind, kann man nicht länger dabei verweilen. Das ist mir von Natur so gegeben; alle Gegen-Überlegung würde wenig fruchten“.

Ball war die Verkörperung des Andersseins. Und zwar auch innerhalb seiner selbst: ständig ein Neuer. Begonnen hat er mit einer Nietzsche-Doktorarbeit, wechselte aber ohne akademischen Abschluß zum Theater. Es folgte eine Phase als expressionistischer Bohème-Literat, die mit dem Ersten Weltkrieg ein jähes Ende fand. Ball meldete sich vergeblich als Freiwilliger und fuhr als journalistischer Beobachter an die Front. Ball emigrierte im Frühjahr 1915 nach Zürich, den Krieg verabscheute er nun. Schmerzhaft mit seiner Zeit überworfen, gründete er ein eigenes Kabarett und erfand den Dadaismus. Als der reüssierte, war Ball schon wieder anderswo: in der Redaktion einer demokratischen Zeitung. Die Revolution von 1918 erwies sich als weltliche Blödigkeit – Ball wandte sich der Religion zu und wurde zum katholischen Asketen. Er hatte den Gehorsam gesucht und am Ende gefunden. - Buch hier bestellen.

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GUT

Nikolai Ustinov: Die Füchsin und der Wolf, Stuttgart, 32 S., 16 €

Ein Bilderbuch mit einem alten russischen Märchen, das von einer Füchsin handelt, die so widerwärtig durchtrieben ist, daß es einen schüttelt. Das soll „gut“ sein? Das ist gut. Tierfabeln sind Aufbewahrungsschachteln der Moral, denen alles Aufdringlich-Alltägliche fehlt. Vergleicht man diese russische Füchsin, der es im Winterwald gelingt, einem Bauern um die Fische und einen Wolf um die Beute und seinen ganzen Schwanz zu bringen, bis sie ihn am Ende soweit hat, sie freiwillig zu tragen, mit pädagogisch gutgemeinten Langweilern (zum Beispiel mit Anti-Mobbing-Geschichten wie „Uli Unsichtbar“ samt Regelplakat für die Grundschulklasse aus demselben Verlag), wird klar, was an dem von Nikolai Alexandrowitsch Ustinov mit genauem Federstrich illustrierten Märchen gut ist. Schon Kindergartenkinder spüren heraus, was das Falsche, Verdrehte an der Füchsin ist, doch fällt kein Wort zu ihrem Tadel im ganzen Märchen.

Die Auflösung entsteht im Kind selber. Aber nur, wenn man das Geheimnis wahrt: es danach nicht nach seiner Meinung zu fragen! Geht am besten in weihnachtlicher Stimmung zuhause am Ofen. Wer von der russischen Seele des winters nicht loskommt oder Erinnerungen geweckt bekommen hat: das alte DDR-Kinderbuch „Der Feuervogel. Russische Volksmärchen“ gibt es für 10 Euro überall noch antiquarisch. - Buch hier bestellen.

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WAHR

Simone Weil: Die Person und das Heilige, aus dem Französischen von Reiner Wimmer und Peter Weiß, Wien: 100 S., 18 €

Simone Weil (1908-1942), Philosophin, Anarchosyndikalistin, Lehrerin, Fließbandarbeiterin, aus jüdischer Familie stammende zuletzt christliche Mystikerin war wie eine Kerze, die an beiden Enden brennt. Sie wurde nur 34 Jahre alt. Aus ihrem Nachlaß hat der Karolinger Verlag drei Texte neu herausgegeben, deren zentraler dem Band den Titel gibt: „Das Heilige und die Person“ (das fragmenthafte Gespräch mit Trotzki ist subtil respektlos und die Beschwörung des verlorenen Occitanien erinnert sehr an Jean Raspail). Simone Weil unterscheidet zwischen der „Person“ (von lat. personare: „hindurchtönen“ – durch seine Maske tönte nur die Stimme des griechischen Tragöden hindurch, er war nicht selbst, was er zu sein schien) und dem Heiligen.

Das hat Sprengkraft, denn was soll dann noch das Gerede von den „Menschenrechten der Person“, „freiem Austausch der Personen und der Waren“ und von „der Demokratie“? Alles leerer Schall. Solche Begriffe sind dem Guten völlig fremd, schreibt Weil. „Die Inspiration, aus der all diese Institutionen hervorgehen, deren Projektion sie gleichsam sind, verlangt eine andere Sprache.“ Diese Sprache ist fürchterlich ungewohnt für uns Bewohner der freiheitlich demokratischen Grundordnung, denn es handelt sich um Wörter wie Ehrfurcht, Demut, Gott und das Gute. Wer in Simone Weils Sprache hineinspringt, der wird argwöhnisch gegen die weltlichen Begriffe und wird hinaufgezogen zu den guten Begriffen. Es käme auf einen Sprungversuch an. - Buch hier bestellen.


Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.


Kommentare (9)

Monika
18. Dezember 2018 18:19

DIE ANDEREN ÜBER EUCH
"Durch einige Funde, einige intellektuelle Glanzlichter und durch eine inszenierte Lebensform schaffte es Schnellroda in die Feuilletons".
Harald Seubert

Donner - das sind mir drei Buchempfehlungen ! Ich dachte, ich hätte heute meine Weihnachtsbestellungen abgeschlossen. Da muß ich morgen nochmals anrufen.
Und ich folge mal wieder " der intellektuellen Patina",
in der Hoffnung, nicht enttäuscht zu werden :).
Die Maske will einfach nicht fallen ...

Stil-Bluete
18. Dezember 2018 20:04

Fürwahr! Was für eine wundervolle Auswahl! Sie sind immer wieder für großartige Überraschungen gut. Die Weill wird mich in den Raunächten begleiten.

Noch eine vorfreudige Adventszeit, Ihnen und Ihrer Familie!

Maiordomus
18. Dezember 2018 21:26

@Sommerfeld. Hugo Ball ruht auf dem Friedhof von Montagnola oberhalb von Lugano, wenige Meter neben Hermann Hesse und dessen Frau Ninon: dass Hugo Ball zuletzt mit seinem Wiedereintritt in die katholische Kirche (1920) den "Gehorsam" gefunden habe, scheint mir eher eine Banalität. Weniger der Gehorsam interessierte ihn, sondern die Ermöglichung von Freiheit durch Mystik, vgl. auch Simone Weil. Sein wichtigstes Buch aus heutiger Sicht proklamiert sich schon allein aus dem Titel: "Die Kritik an der deutschen Intelligenz". Eine solche wäre heute in der Tat notwendiger als je, vergleiche nicht nur die intellektuell ungenügenden politischen Nicht-Auseinandersetzungen, welche das Zentralkomitee der deutschen Katholiken in letzter Zeit abgesondert hat.

owenmeany
18. Dezember 2018 23:57

Werte Frau Sommerfeld,

darf ich Ihnen Bela Hamvas ans Herz legen?
Auch ihr Gatte sollte Genuss finden an der Lektüre. Und letztendlich, erwachsen daraus spannende Gespräche. Gleichwohl, es mangelt wahrscheinlich nicht an selbigen.
Frohe Weihnacht ihrer Familie, von Herzen

Caroline Sommerfeld
19. Dezember 2018 08:47

@Maiordomus:
Freiheit durch Mystik geschieht aus dem Gehorsam heraus.

Gesegnete Weihnachten Ihnen allen, wir brauchen einander und ab und an eine "Zwischenkunft" (Simone Weil) von oben.

Maiordomus
19. Dezember 2018 10:29

@Caroline Sommerfeld. Volltreffer! Genau so wie Sie sah es heilige Eremit Nikolaus von Flüe: "Das Grösste ist der heilige Gehorsam." Jedoch im Sinne des Pauluswortes: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Selbstverständlich war er Kirchensteuerverweigerer, was in den Akten zur Heiligsprechung jedoch geflissentlich aussen vor blieb.

Oblationisvir
20. Dezember 2018 10:26

So erscheint mir aus katholischer Sicht die hierarchische Ordnung des Gehorsams:
Wenn ich Kinder zu erziehen habe, sind sie mir gegenüber zum Gehorsam verpflichtet wie ich gehorsam zu sein habe gegenüber der geistlichen (und weltlichen) Obrigkeit(, so weit diese nichts gegen die Natur des Menschen oder Gott Gerichtetes gebietet). Die geistliche Obrigkeit gewinnt ihre Autorität allerdings nur aus ihrem Gehorsam gegenüber der Tradition wie diese wiederum die ihrige aus ihrer Treue zur biblischen Offenbarung. - Ausschließlich dann, wenn von geistlicher Obrigkeit etwas angeordnet wird, das der Tradition und damit der Offenbarung oder sonstwie dem Heil der Seelen widerspricht, darf ich nicht gehorsam sein; dann gilt die Clausula Petri, wonach man Gott mehr gehorchen muß als den Menschen (s. Acta 5, 29).

Stil-Bluete
20. Dezember 2018 14:29

@ Maiordomus

Hat Paulus damit gegen 'Gebt Gott, was Gottes, dem Kaiser, was des Kaisers ist?' verstoßen?

Unabhängig davon möchte ich dem Team im Verlag Antaios bei den Buchbestellungen ein großes Lob aussprechen:

- pünktlich
- zuverlässig
- ordentlich
- wohl durchdacht
- zugänglich
- unbürokratisch

wie bei jenen, meist mittelständischen deutschen Unternehmen, die auf ihren Ruf und ihr Produkt bedacht sind.

Ohne die guten Geister des Hauses, die im Hintergrund wirken, wäre das gewiss kaum möglich. Wenn sie (die guten Geister) und Sie (K&K) es möchten, wäre es einmal an der Zeit, sie hier vorzustellen.

Ihnen allen, den Außenstehenden, den Dorfbewohnern, den Zaungästen, den Ziegen, den renitenten Gänsen, den Katzen und Kätzchen, den Kindern und Neugierigen, also allen guten Geistern' ein gesegnetes Weihnachten und...

...guten Rutsch ins Neue Jahr!

Nath
20. Dezember 2018 19:20

Sicherlich, das anstehende Weihnachtsfest macht es nicht unplausibel, dass von Ihren drei Buchempfehlungen sich zwei auf katholische Konvertiten beziehen. Auch die Betonung der Mystik macht Sinn. Die entscheidende Frage ist jedoch eine andere, und sie ist eine durchaus einfach zu beantwortende: Handelt es sich bei den genannten Konversionen um die Wahl e i n e s (von den genannten zwei Personen favorisierten) mystischen Weges, oder handelt es sich hierbei um d e n Weg (d.h. den christlichen), den alle, sofern es ihnen um mystische Erfahrung ginge, zu beschreiten hätten?
Ist Weihnachten einerseits das Fest der Besinnung und der Einkehr, so ist es andererseits auch das Fest des Friedens, und das könnte in diesem Zusammenhang konkret heißen: Dass es für unterschiedliche Individuen in unterschiedlichen Zeitaltern und Weltgegenden nicht lediglich einen Heilsweg gibt, und dass ein geläutertes Christentum, welches dies sowohl als faktisch gegeben, wie auch als begrüßenswert ansehen würde, ein gutes Beispiel wäre für tatsächlich geglückten religiösen Fortschritt innerhalb der Menschheitsgeschichte.

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