Sezession
15. Dezember 2018

Weihnachtsempfehlungen Teil VI – Raskolnikow

Gastbeitrag / 10 Kommentare

Geschenkempfehlungen in Buchform –  Teil VI von Raskolnikow

Gutes
Samuel Pepys: Das geheime Tagebuch, 18 €.
„Früher war man mit 36 Jahren ein alter Mann… die Leute haben damals noch geglaubt, daß… die Welt ist heute viel komplexer als…“
Jeder hat Solcherlei schon von etwelchen Dummköpfen gehört. Meist fehlen einem ob solcher frappanten Blödigkeit die Worte und man wird beleidigend oder gar handgreiflich. Der beste Weg, ein wenig vom wirklichen Geist vergangener Zeiten zu erhaschen, war schon immer die Lektüre der Biografieen und Tagebücher. Samuel Pepys´ (Aussprache: Pieps!) Tagebücher sind in dieser Hinsicht ein Juwel. Zeitlich im 17.Jahrhundert behaust, zeichnet er akribisch seinen Alltag als Beamter im Londoner Marineamt auf.
Wir werden Zeugen seines Dienstalltags, seiner Sorgen, seines Speiseplans, seiner Schweinereien, ja er beschreibt sogar, wie er die Premieren der Theaterstücke eines gewissen William Shakespeare besucht. Eine unterhaltsame Chronik des Alltags jener Zeit, die man Restoration nennt. – Hier bestellen! (Achtung, Besorgungstitel: Lieferung vor Weihnachten unwahrscheinlich!)
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Wahres
Danzig Baldajew & Sergeij Vasiliew: Russian Criminal Tattoo, Volume I – III, FUEL Publishing, 2009
Der Burjate Danzig Baldajew war sein gesamtes Berufsleben Wärter in sowjetischen Arbeitslagern und Gefängnissen. Er begann schon in den späten 50er Jahren die abgeschlossene Welt russischer Krimineller, ihre Sprache und ihre Codes zu studieren. Zu diesem Zwecke sammelte Baldajew gemeinsam mit dem Fotografen Sergeij Vasilijew Zeichnungen und Fotos von Mördern, Räubern, Vergewaltigern und Dieben.  Sie entschlüsselten und beschrieben die Tätowierungen der Bewohner der „Zone“. Die beiden waren überrascht, als der KGB begann, sie bei dieser Arbeit zu unterstützen. Es entstand eine faszinierende Chronik, ein Lexikon des Verbrechens, der politischen, sexuellen und rassistischen Andeutungen. „Russian Criminal Tattoo“ lüftet kurz den Vorhang, der die geheimnisvolle und brutale Welt russischer Gefangenenlager vor den Blicken der gesetzestreuen Bürger verbirgt.
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Schönes
Verena von der Heyden-Rynsch: Riten der Selbstauflösung, Matthes & Seitz, Berlin, 1998, 328 S., 17,80 €
Ein Loblied auf die Einzelgänger und Soziopathen, auf ihre Spleens und Absonderlichkeiten. Das Buch feiert jene, die ihr „eigenes Werk“ sind und auch vor schamlosen Inszenierungen bis hin zum Selbstmord nicht zurückschrecken. Heyden-Rynsch, eine Frau, hat diese vertraut-obscure Sammlung verschiedenartiger Aufsätze vorgelegt, von Oswald Wiener über Baudelaire und Franz Blei bis Paul Valery. Eine Sammlung, die sicher nicht sehr versöhnlich ist und den Leser eher einsam als glücklich macht. Aber ist die Zeit für Versöhnlichkeiten nicht schon lange vorbei? Ist es nicht vielmehr Zeit, die Einsamkeit zu feiern, die Zeit für Rüstungen?
Anzug, Mantel, verspiegelte Pilotenbrille, Gebetskette in der behandschuhten Faust und diese Aufsatzsammlung in der Innentasche, so kann man rausgehen in die normiert formlose Industriegesellschaft! Wirkliche Herren sind unerbittliche Selbstbeobachter; für manche kann dieses Buch ein Spiegel sein… Hier bestellen! (Achtung, Besorgungstitel: Lieferung vor Weihnachten unwahrscheinlich!)

 Gastbeitrag

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Kommentare (10)

Fritz
15. Dezember 2018 14:08

Wer das Tagebuch von Pepys nicht kennt, ist ein armer Hund. Eines der schönsten Bücher, die ich kenne, macht das Alltagsleben im 17. Jahrhundert vollkommen lebendig. Obwohl es auch viele Eintragungen gibt wie: Den ganzen Vormittag im Amt, mittags nach hause zum Essen.

Absolute Empfehlung.

Maiordomus
15. Dezember 2018 17:53

Raskolnikow überzeugt als der wohl authentischste Exzentriker unter denen, die hier schreiben, und dank existentieller geistiger Eigenwilligkeit vermag er auf Autoren zu verweisen, die bei uns so gut wie niemand kennt, zum Beispiel jenen Baldajew, der wohl diejenigen noch zu interessieren vermag, die wie ich am Erscheinungstag den 1. Band des Archipel Gulag schon vor der nächsten Schlafpause gelesen haben. Was Sie, @Raskolnikow, über die Lektüre von Biographien und Tagebüchern notieren, möchte ich bestätigen, mit Ergänzung "Briefe" und "Lyrik": ausserdem erscheint wohl doch alle zehn Jahre, heute vielleicht alle 20 Jahre ein bedeutender Roman. Und wie Sie sehr wahrscheinlich wissen, schätzte der von Ihnen wohl durchaus als Orientierungsgrösse betrachtete Nietzsche Goethes Gespräche mit Eckermann als das bedeutendste deutsche Buch ein.
@Fritz. Was heisst da armer Hund? Eine garantiert lesenswerte Buchempfehlung. Sie unterstreichen zumal den einzigartigen Spürsinn Raskolnikows. Ein noch ärmerer Hund wäre wohl, wer Montaigne aussen vor gelassen hätte.

cubist
15. Dezember 2018 22:36

Wenn schon den Pepys in Übersetzung (was ja nicht verwerflich ist), dann doch bitte in die nur geringfügig teurere 6-bändige "Haffmanns"-Ausgabe (= Paperback der schön gebundenen 9-bändigen Ausgabe, die neu nicht mehr zu kaufen ist, wenn ich mich nicht irre) investieren, die es allerdings m. W. nicht bei Antaios resp. im Buchhandel, sondern nur bei "2001" gibt. Oder kann Antaios so was auch beschaffen?

Kierkegaard
16. Dezember 2018 07:16

Pepys gibt es übrigens bei 2001 (Zweitausendeins) in einer sechsbändigen deutschen Ausgabe. Ich komme nicht viel herum in der Welt ("Es ist unmöglich, in der Welt umherzureisen und zugleich intelligent zu sein. Intelligenz ist eine Angelegenheit von Sitzfleisch." Gómez Dávila), doch 2014 staubte ich im hoffnungslos überfremdeten Paris bei Shakespeare and Company einen Band aus der englischen Werkausgabe ab.

Interessante Empfehlungen, in der Tat. Die Heyden-Rynsch war mir ein Begriff, da sie den rumänischen "Giftzwerg" (er war kaum 1,60) Cioran persönlich kannte und, glaube ich, einen Teil seiner Cahiers übersetzte. Nicolaus Sombart (Sohn des brünstigen Werner [er war 60 bei seiner Geburt ... "Ist die Jugend einmal vorüber, so wird Keuschheit weniger Sache der Ethik als des guten Geschmacks." -- Gomez Davila (sinngemäß)] beschrieb ihn ja in "Pariser Lehrjahre" eher negativ. Mir war er zu atheistischen Zeiten recht wichtig, da er ehrlich über dieses scheußliche Leben sprach und den Selbstmord verteidigte. Jetzt, als Christ, bin ich jedoch froh, daß wir von irrationalen Atheisten regiert weden, wie Vox Day sie nennt, die den Selbstmord, trotzdem sie wegen ihres Unglaubens keine moralischen Gründe gegen ihn anführen können (ohne Gott ist alles erlaubt bzw. sinnlos [Dostjewski u. Gómez Dávila]) verbieten. Cioran stand mit ca. 50-55 Jahren auf den Klippen und wollte springen; er wartete zu lange, und die Schönheit des Sonnenaufganges hat ihn schließlich abgehalten.

Was die Literatur betrifft: ich bin kein klassisch Rechter, eher Quereinsteiger, den die zunehmende Degenerieung und Überfremdung des Westens schließlich überzeugt hat zu sagen: Das geht eigentlich nicht. Hinzu kommt eine gewisse Technikabneigung oder auch -skepsis (Transhumanismus ist degeneriert, vulgär. "In einer ziviliserten Gesellschaft würden die Techniker in der Gesindestube essen." und " In einem perfekten Strafgesetzbuch stünde die Todesstrafe auf Vulgarität." -- Don Colacho) Daher mir vieles Schöngeistige, wenn auch leider oft nur querbeet, bekannt ist.

Aber Hochliteratur und ähnliches lesen, das kann ja sehr kräftigend wirken in diesen schrecklichen Zeiten, eine willkommeme Abwechslung zur sonstigen (politischen) Fachliteratur.

Brettenbacher
16. Dezember 2018 14:05

... ein brünstiger Werner, der bei seiner Geburt sechzig Jahre alt ist, - das wär doch mal ein Sujet für einen ausgepichtenRomancier, nicht war. (nein, werter @ Kierkegaard, so steht's nicht wirklich da bei Ihnen, es ließ sich nur beim ersten mal so lesen.)
Neben Sonnenaufgängen zur rechten Zeit werden es auch nicht selten die noch zu lesend großen oder tollen Bücher sein, die einen stockenden Lebenslauf in einen weiteren Maeander ausbrechen lassen.
Den Rätern sei also gedankt!
Am Fuße des Hünersedel sitzt ein selbsternannter solcher. Und er rät:
"Das Fähnlein der sieben Aufrechten" von Gottfried Keller.
(Den meisten Foristen hier wird bekannt sein, wie sich sein Namensvetter Gottfried Benn dazu geäußert hat.)
Solche Väter braucht das Land. Und solche Söhne. Und solche Mütter. Und solche Töchter.
Nur was das Gewehr angeht, dürfte mit der Zeit gegangen werden.

Brettenbacher
16. Dezember 2018 14:07

.... und gibt es noch eine Buchel, wo das Poetische und das Politische so beieinand, ja ineinand sind?

Nemo Obligatur
16. Dezember 2018 14:12

Das nenne ich mal eine gediegene Literaturliste. Dank auch an die Leser, welche auf die Haffmanns-Ausgabe von Samuel Pepys hingewiesen haben. Das macht Laune, sich mal wieder tageweise in die Leseecke (oder Rautenklause) zurückzuziehen. Ach, gäbe es doch da draußen keine Welt, um die man sich kümmern müsste!

Gustav
16. Dezember 2018 19:04

@ Raskolnikow

"Ist es nicht vielmehr Zeit, die Einsamkeit zu feiern, die Zeit für Rüstungen?"

Habe heute Pistole und Gewehr gereinigt, möchte sie nur ungern dorthin geben, wo sie wieder ein ungenutztes Jahr im Schlaf verbringen. Die Einsamkeit ist gut zum nachdenken, aber nicht zum handeln, wenn man kein Einzelkämpfer ist.

@ Maiordomus

"....die wie ich am Erscheinungstag den 1. Band des Archipel Gulag schon vor der nächsten Schlafpause gelesen haben."

Dann hoffentlich auch "Zweihundert Jahre zusammen".

Allen zusammen einen besinnlichen 3. Advent!

Maiordomus
17. Dezember 2018 12:45

@¦Gustav. "200 Jahre zusammen" habe ich leider nicht gelesen, Das Werk hat sich im Vergleich zum Archipel Gulag, der eine Wortprägung für die Ewigkeit gebracht hat, weltliterarisch nicht durchgesetzt. Dass es in wütenden westlichen und zumal deutschen Rezensionen als antisemitisch bezeichnet wird und "ganz unwissenschaftlich", beruht nach meiner Vermutung darauf, dass Solschenizyn die gleiche Recherchemethode benutzte wie schon beim Archipel Gulag: Nämlich was er durch sein eigenes alternatives Netzwerk selber evident zu machen verstand, zumal aber - was etwa das Judentum betreffen mag - auf der Basis der Zeit, da es in Russland wie vor 1917 noch relative Geistesfreiheit gab. Klar ist, dass Solschenizyn bei allem, was er schrieb, keine Rücksicht nahm auf westliche Vorschriften betr. Tabus und was man sagen darf und was nicht. Dies sage ich allerdings nur auf der Basis meiner eigenen bisherigen Solschenizyn-Kenntnis, die nicht über ein knappes Dutzend Werke sowie noch ebenso viele politische Aufrufe hinausgehen. Werde "200 Jahre zusammen" wohl dann und wann beschaffen, wenn es mir in einem Antiquariat begegnen wird, wo ich die Mehrheit meiner Anschaffungen tätige.

Wenn Sie mich fragen würden, was der stärkste politische, gegenwartskritische, stalinismuskritische und zumal religiöse Text von Solschenizyn sei, so verweise ich auf die in den "Ersten Kreis der Hölle" eingeschobene Novelle "Das Lächeln des Buddha" über den Besuch von Eleanor Roosevelt im berüchtigten Moskauer Butyrka-Gefängnis ca. 1950. Das Allerleerreichste in jener Geschichte ist die Informationsvermittlung durch Dolmetscher an die ebenso neugierige wie naive Präsidentenwitwe. Aus einem zu zehn Jahren Haft verurteilten Postkartenschreiber an eine amerikanische Touristin wurde "ein aktiver Hitleranhänger" gemacht, der "mehrere Frauen vergewaltigt habe", und als die Gefangenen, welche amerikanische Zigaretten als Geschenke erhalten hatten, wegen deren Verteilung heftig stritten, fragte Roosevelt, warum die Häftlinge so laut ausrufen würden: "Sie protestieren gegen die Behandlung der Neger in den Vereinigten Staaten!", erklärte der Dolmetscher oder die Dolmetscherin. Auf diese Weise, hier allerdings vielleicht etwas satirisch verschärft, funktioniert sogar in zunehmendem Masse das Informationswesen mehr und mehr sogar im heutigen Westeuropa. Wie auch immer, @Gustav, ich lese Ihren Buchtipp gerne, der leider ein Geheimtipp geblieben ist, und Sie kommen vielleicht auf den meinigen zurück. Wobei die Hauptsache bei der genannten Novelle jedoch das Verschlucken der aus der Bibel herausgerissenen Bergpredigt ist, nachdem die für die Besuchszeit der Präsidentenwitwe in den Zellen platzierten Bibeln wieder eingezogen worden waren. Dieses Verschlucken des Wortes Gottes durch einen Häftling ist die stärkste Darstellung von Eucharistie und Abendmahl in der Geschichte der Christenheit im 20. Jahrhundert, so wie Dostojewskij im "Grossinquisitor" die wohl für das 19. Jahrhundert und die moderne Literatur unübertreffliche Jesus-Darstellung geboten hat. Ein Roman wie "Der erste Kreis der Hölle" ist im 21. Jahrhundert vielleicht auch schon bereits geschrieben worden, aber wegen der Unmenge der Publikationen meines Wissens bis heute noch nicht wirklich bekannt geworden. Darum wohl empfiehlt Raskolnikow, eher keine Romane zu lesen.

PS. In meiner Jugend in einem Benediktiner-Internat galt Dostojewskij als "antikatholisch". Gerne nehme ich an und hoffe ich, dass Solschenizyn nur so "antisemitisch" wirkt, wie Dostojewskij "antikatholisch" war. Nämlich auf eine die Sache erhellende Weise.

Franz Bettinger
19. Dezember 2018 01:23

@Kierkegaard: Sie schreiben: "Ich bin kein klassisch Rechter, eher Quereinsteiger." Da musste ich grinsen. Als klassischer Rechter geboren? Das wurde man einmal - in England, glaube ich. Aber in Deutschland? Sind Sie immer Quereinsteiger! Die Selbstdefinition Rechter hängt davon ab, wie Sie's definieren, und da hat Ellen Kositza für mich Standards gesetzt - kurz, prägnant, unmissverständlich - und deshalb meine Buch-Empfehlung: Kositza's "Das war's", und außerdem Hildegard Knef's "Der geschenkte Gaul". Die Knef ist eine von uns! Überhaupt würde ich es begrüßen, wenn SiN sich die wichtigen Definitionen erneut vornehmen und coram puplico diskutieren würde. Warum diese Begriffs-Unschärfe? Sie ist doch nur was für Linke, die auf's Ergebnis, also die Selbstbereicherung, schielen! Falsche Selbst- und Fremd-Definitionen bremsen nur den Lauf der Dinge.

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