Weihnachtsempfehlungen Teil VI – Raskolnikow

Geschenkempfehlungen in Buchform –  Teil VI von Raskolnikow

 Gastbeitrag

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Gutes
Samu­el Pepys: Das gehei­me Tage­buch, 18 €.
„Frü­her war man mit 36 Jah­ren ein alter Mann… die Leu­te haben damals noch geglaubt, daß… die Welt ist heu­te viel kom­ple­xer als…“
Jeder hat Sol­cher­lei schon von etwel­chen Dumm­köp­fen gehört. Meist feh­len einem ob sol­cher frap­pan­ten Blö­dig­keit die Wor­te und man wird belei­di­gend oder gar hand­greif­lich. Der bes­te Weg, ein wenig vom wirk­li­chen Geist ver­gan­ge­ner Zei­ten zu erha­schen, war schon immer die Lek­tü­re der Bio­gra­fie­en und Tage­bü­cher. Samu­el Pepys´ (Aus­spra­che: Pieps!) Tage­bü­cher sind in die­ser Hin­sicht ein Juwel. Zeit­lich im 17.Jahrhundert behaust, zeich­net er akri­bisch sei­nen All­tag als Beam­ter im Lon­do­ner Mari­ne­amt auf.
Wir wer­den Zeu­gen sei­nes Dienstall­tags, sei­ner Sor­gen, sei­nes Spei­se­plans, sei­ner Schwei­ne­rei­en, ja er beschreibt sogar, wie er die Pre­mie­ren der Thea­ter­stü­cke eines gewis­sen Wil­liam Shake­speare besucht. Eine unter­halt­sa­me Chro­nik des All­tags jener Zeit, die man Res­to­ra­ti­on nennt. –
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Wah­res
Dan­zig Bal­da­jew & Ser­geij Vasi­liew: Rus­si­an Cri­mi­nal Tat­too, Volu­me I – III, FUEL Publi­shing, 2009
Der Bur­ja­te Dan­zig Bal­da­jew war sein gesam­tes Berufs­le­ben Wär­ter in sowje­ti­schen Arbeits­la­gern und Gefäng­nis­sen. Er begann schon in den spä­ten 50er Jah­ren die abge­schlos­se­ne Welt rus­si­scher Kri­mi­nel­ler, ihre Spra­che und ihre Codes zu stu­die­ren. Zu die­sem Zwe­cke sam­mel­te Bal­da­jew gemein­sam mit dem Foto­gra­fen Ser­geij Vasi­li­jew Zeich­nun­gen und Fotos von Mör­dern, Räu­bern, Ver­ge­wal­ti­gern und Die­ben.  Sie ent­schlüs­sel­ten und beschrie­ben die Täto­wie­run­gen der Bewoh­ner der „Zone“. Die bei­den waren über­rascht, als der KGB begann, sie bei die­ser Arbeit zu unter­stüt­zen. Es ent­stand eine fas­zi­nie­ren­de Chro­nik, ein Lexi­kon des Ver­bre­chens, der poli­ti­schen, sexu­el­len und ras­sis­ti­schen Andeu­tun­gen. „Rus­si­an Cri­mi­nal Tat­too“ lüf­tet kurz den Vor­hang, der die geheim­nis­vol­le und bru­ta­le Welt rus­si­scher Gefan­ge­nen­la­ger vor den Bli­cken der geset­zes­treu­en Bür­ger verbirgt.
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Schö­nes
Vere­na von der Heyden-Rynsch: Riten der Selbst­auf­lö­sung, Mat­thes & Seitz, Ber­lin, 1998, 328 S., 17,80 €
Ein Lob­lied auf die Ein­zel­gän­ger und Sozio­pa­then, auf ihre Spleens und Abson­der­lich­kei­ten. Das Buch fei­ert jene, die ihr „eige­nes Werk“ sind und auch vor scham­lo­sen Insze­nie­run­gen bis hin zum Selbst­mord nicht zurück­schre­cken. Heyden-Rynsch, eine Frau, hat die­se ver­traut-obscu­re Samm­lung ver­schie­den­ar­ti­ger Auf­sät­ze vor­ge­legt, von Oswald Wie­ner über Bau­de­lai­re und Franz Blei bis Paul Vale­ry. Eine Samm­lung, die sicher nicht sehr ver­söhn­lich ist und den Leser eher ein­sam als glück­lich macht. Aber ist die Zeit für Ver­söhn­lich­kei­ten nicht schon lan­ge vor­bei? Ist es nicht viel­mehr Zeit, die Ein­sam­keit zu fei­ern, die Zeit für Rüstungen?
Anzug, Man­tel, ver­spie­gel­te Pilo­ten­bril­le, Gebets­ket­te in der behand­schuh­ten Faust und die­se Auf­satz­samm­lung in der Innen­ta­sche, so kann man raus­ge­hen in die nor­miert form­lo­se Indus­trie­ge­sell­schaft! Wirk­li­che Her­ren sind uner­bitt­li­che Selbst­be­ob­ach­ter; für man­che kann die­ses Buch ein Spie­gel sein…
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Kommentare (10)

Fritz

15. Dezember 2018 14:08

Wer das Tagebuch von Pepys nicht kennt, ist ein armer Hund. Eines der schönsten Bücher, die ich kenne, macht das Alltagsleben im 17. Jahrhundert vollkommen lebendig. Obwohl es auch viele Eintragungen gibt wie: Den ganzen Vormittag im Amt, mittags nach hause zum Essen.

Absolute Empfehlung.

Maiordomus

15. Dezember 2018 17:53

Raskolnikow überzeugt als der wohl authentischste Exzentriker unter denen, die hier schreiben, und dank existentieller geistiger Eigenwilligkeit vermag er auf Autoren zu verweisen, die bei uns so gut wie niemand kennt, zum Beispiel jenen Baldajew, der wohl diejenigen noch zu interessieren vermag, die wie ich am Erscheinungstag den 1. Band des Archipel Gulag schon vor der nächsten Schlafpause gelesen haben. Was Sie, @Raskolnikow, über die Lektüre von Biographien und Tagebüchern notieren, möchte ich bestätigen, mit Ergänzung "Briefe" und "Lyrik": ausserdem erscheint wohl doch alle zehn Jahre, heute vielleicht alle 20 Jahre ein bedeutender Roman. Und wie Sie sehr wahrscheinlich wissen, schätzte der von Ihnen wohl durchaus als Orientierungsgrösse betrachtete Nietzsche Goethes Gespräche mit Eckermann als das bedeutendste deutsche Buch ein.
@Fritz. Was heisst da armer Hund? Eine garantiert lesenswerte Buchempfehlung. Sie unterstreichen zumal den einzigartigen Spürsinn Raskolnikows. Ein noch ärmerer Hund wäre wohl, wer Montaigne aussen vor gelassen hätte.

cubist

15. Dezember 2018 22:36

Wenn schon den Pepys in Übersetzung (was ja nicht verwerflich ist), dann doch bitte in die nur geringfügig teurere 6-bändige "Haffmanns"-Ausgabe (= Paperback der schön gebundenen 9-bändigen Ausgabe, die neu nicht mehr zu kaufen ist, wenn ich mich nicht irre) investieren, die es allerdings m. W. nicht bei Antaios resp. im Buchhandel, sondern nur bei "2001" gibt. Oder kann Antaios so was auch beschaffen?

Kierkegaard

16. Dezember 2018 07:16

Pepys gibt es übrigens bei 2001 (Zweitausendeins) in einer sechsbändigen deutschen Ausgabe. Ich komme nicht viel herum in der Welt ("Es ist unmöglich, in der Welt umherzureisen und zugleich intelligent zu sein. Intelligenz ist eine Angelegenheit von Sitzfleisch." Gómez Dávila), doch 2014 staubte ich im hoffnungslos überfremdeten Paris bei Shakespeare and Company einen Band aus der englischen Werkausgabe ab.

Interessante Empfehlungen, in der Tat. Die Heyden-Rynsch war mir ein Begriff, da sie den rumänischen "Giftzwerg" (er war kaum 1,60) Cioran persönlich kannte und, glaube ich, einen Teil seiner Cahiers übersetzte. Nicolaus Sombart (Sohn des brünstigen Werner [er war 60 bei seiner Geburt ... "Ist die Jugend einmal vorüber, so wird Keuschheit weniger Sache der Ethik als des guten Geschmacks." -- Gomez Davila (sinngemäß)] beschrieb ihn ja in "Pariser Lehrjahre" eher negativ. Mir war er zu atheistischen Zeiten recht wichtig, da er ehrlich über dieses scheußliche Leben sprach und den Selbstmord verteidigte. Jetzt, als Christ, bin ich jedoch froh, daß wir von irrationalen Atheisten regiert weden, wie Vox Day sie nennt, die den Selbstmord, trotzdem sie wegen ihres Unglaubens keine moralischen Gründe gegen ihn anführen können (ohne Gott ist alles erlaubt bzw. sinnlos [Dostjewski u. Gómez Dávila]) verbieten. Cioran stand mit ca. 50-55 Jahren auf den Klippen und wollte springen; er wartete zu lange, und die Schönheit des Sonnenaufganges hat ihn schließlich abgehalten.

Was die Literatur betrifft: ich bin kein klassisch Rechter, eher Quereinsteiger, den die zunehmende Degenerieung und Überfremdung des Westens schließlich überzeugt hat zu sagen: Das geht eigentlich nicht. Hinzu kommt eine gewisse Technikabneigung oder auch -skepsis (Transhumanismus ist degeneriert, vulgär. "In einer ziviliserten Gesellschaft würden die Techniker in der Gesindestube essen." und " In einem perfekten Strafgesetzbuch stünde die Todesstrafe auf Vulgarität." -- Don Colacho) Daher mir vieles Schöngeistige, wenn auch leider oft nur querbeet, bekannt ist.

Aber Hochliteratur und ähnliches lesen, das kann ja sehr kräftigend wirken in diesen schrecklichen Zeiten, eine willkommeme Abwechslung zur sonstigen (politischen) Fachliteratur.

Brettenbacher

16. Dezember 2018 14:05

... ein brünstiger Werner, der bei seiner Geburt sechzig Jahre alt ist, - das wär doch mal ein Sujet für einen ausgepichtenRomancier, nicht war. (nein, werter @ Kierkegaard, so steht's nicht wirklich da bei Ihnen, es ließ sich nur beim ersten mal so lesen.)
Neben Sonnenaufgängen zur rechten Zeit werden es auch nicht selten die noch zu lesend großen oder tollen Bücher sein, die einen stockenden Lebenslauf in einen weiteren Maeander ausbrechen lassen.
Den Rätern sei also gedankt!
Am Fuße des Hünersedel sitzt ein selbsternannter solcher. Und er rät:
"Das Fähnlein der sieben Aufrechten" von Gottfried Keller.
(Den meisten Foristen hier wird bekannt sein, wie sich sein Namensvetter Gottfried Benn dazu geäußert hat.)
Solche Väter braucht das Land. Und solche Söhne. Und solche Mütter. Und solche Töchter.
Nur was das Gewehr angeht, dürfte mit der Zeit gegangen werden.

Brettenbacher

16. Dezember 2018 14:07

.... und gibt es noch eine Buchel, wo das Poetische und das Politische so beieinand, ja ineinand sind?

Nemo Obligatur

16. Dezember 2018 14:12

Das nenne ich mal eine gediegene Literaturliste. Dank auch an die Leser, welche auf die Haffmanns-Ausgabe von Samuel Pepys hingewiesen haben. Das macht Laune, sich mal wieder tageweise in die Leseecke (oder Rautenklause) zurückzuziehen. Ach, gäbe es doch da draußen keine Welt, um die man sich kümmern müsste!

Gustav

16. Dezember 2018 19:04

@ Raskolnikow

"Ist es nicht vielmehr Zeit, die Einsamkeit zu feiern, die Zeit für Rüstungen?"

Habe heute Pistole und Gewehr gereinigt, möchte sie nur ungern dorthin geben, wo sie wieder ein ungenutztes Jahr im Schlaf verbringen. Die Einsamkeit ist gut zum nachdenken, aber nicht zum handeln, wenn man kein Einzelkämpfer ist.

@ Maiordomus

"....die wie ich am Erscheinungstag den 1. Band des Archipel Gulag schon vor der nächsten Schlafpause gelesen haben."

Dann hoffentlich auch "Zweihundert Jahre zusammen".

Allen zusammen einen besinnlichen 3. Advent!

Maiordomus

17. Dezember 2018 12:45

@¦Gustav. "200 Jahre zusammen" habe ich leider nicht gelesen, Das Werk hat sich im Vergleich zum Archipel Gulag, der eine Wortprägung für die Ewigkeit gebracht hat, weltliterarisch nicht durchgesetzt. Dass es in wütenden westlichen und zumal deutschen Rezensionen als antisemitisch bezeichnet wird und "ganz unwissenschaftlich", beruht nach meiner Vermutung darauf, dass Solschenizyn die gleiche Recherchemethode benutzte wie schon beim Archipel Gulag: Nämlich was er durch sein eigenes alternatives Netzwerk selber evident zu machen verstand, zumal aber - was etwa das Judentum betreffen mag - auf der Basis der Zeit, da es in Russland wie vor 1917 noch relative Geistesfreiheit gab. Klar ist, dass Solschenizyn bei allem, was er schrieb, keine Rücksicht nahm auf westliche Vorschriften betr. Tabus und was man sagen darf und was nicht. Dies sage ich allerdings nur auf der Basis meiner eigenen bisherigen Solschenizyn-Kenntnis, die nicht über ein knappes Dutzend Werke sowie noch ebenso viele politische Aufrufe hinausgehen. Werde "200 Jahre zusammen" wohl dann und wann beschaffen, wenn es mir in einem Antiquariat begegnen wird, wo ich die Mehrheit meiner Anschaffungen tätige.

Wenn Sie mich fragen würden, was der stärkste politische, gegenwartskritische, stalinismuskritische und zumal religiöse Text von Solschenizyn sei, so verweise ich auf die in den "Ersten Kreis der Hölle" eingeschobene Novelle "Das Lächeln des Buddha" über den Besuch von Eleanor Roosevelt im berüchtigten Moskauer Butyrka-Gefängnis ca. 1950. Das Allerleerreichste in jener Geschichte ist die Informationsvermittlung durch Dolmetscher an die ebenso neugierige wie naive Präsidentenwitwe. Aus einem zu zehn Jahren Haft verurteilten Postkartenschreiber an eine amerikanische Touristin wurde "ein aktiver Hitleranhänger" gemacht, der "mehrere Frauen vergewaltigt habe", und als die Gefangenen, welche amerikanische Zigaretten als Geschenke erhalten hatten, wegen deren Verteilung heftig stritten, fragte Roosevelt, warum die Häftlinge so laut ausrufen würden: "Sie protestieren gegen die Behandlung der Neger in den Vereinigten Staaten!", erklärte der Dolmetscher oder die Dolmetscherin. Auf diese Weise, hier allerdings vielleicht etwas satirisch verschärft, funktioniert sogar in zunehmendem Masse das Informationswesen mehr und mehr sogar im heutigen Westeuropa. Wie auch immer, @Gustav, ich lese Ihren Buchtipp gerne, der leider ein Geheimtipp geblieben ist, und Sie kommen vielleicht auf den meinigen zurück. Wobei die Hauptsache bei der genannten Novelle jedoch das Verschlucken der aus der Bibel herausgerissenen Bergpredigt ist, nachdem die für die Besuchszeit der Präsidentenwitwe in den Zellen platzierten Bibeln wieder eingezogen worden waren. Dieses Verschlucken des Wortes Gottes durch einen Häftling ist die stärkste Darstellung von Eucharistie und Abendmahl in der Geschichte der Christenheit im 20. Jahrhundert, so wie Dostojewskij im "Grossinquisitor" die wohl für das 19. Jahrhundert und die moderne Literatur unübertreffliche Jesus-Darstellung geboten hat. Ein Roman wie "Der erste Kreis der Hölle" ist im 21. Jahrhundert vielleicht auch schon bereits geschrieben worden, aber wegen der Unmenge der Publikationen meines Wissens bis heute noch nicht wirklich bekannt geworden. Darum wohl empfiehlt Raskolnikow, eher keine Romane zu lesen.

PS. In meiner Jugend in einem Benediktiner-Internat galt Dostojewskij als "antikatholisch". Gerne nehme ich an und hoffe ich, dass Solschenizyn nur so "antisemitisch" wirkt, wie Dostojewskij "antikatholisch" war. Nämlich auf eine die Sache erhellende Weise.

Franz Bettinger

19. Dezember 2018 01:23

@Kierkegaard: Sie schreiben: "Ich bin kein klassisch Rechter, eher Quereinsteiger." Da musste ich grinsen. Als klassischer Rechter geboren? Das wurde man einmal - in England, glaube ich. Aber in Deutschland? Sind Sie immer Quereinsteiger! Die Selbstdefinition Rechter hängt davon ab, wie Sie's definieren, und da hat Ellen Kositza für mich Standards gesetzt - kurz, prägnant, unmissverständlich - und deshalb meine Buch-Empfehlung: Kositza's "Das war's", und außerdem Hildegard Knef's "Der geschenkte Gaul". Die Knef ist eine von uns! Überhaupt würde ich es begrüßen, wenn SiN sich die wichtigen Definitionen erneut vornehmen und coram puplico diskutieren würde. Warum diese Begriffs-Unschärfe? Sie ist doch nur was für Linke, die auf's Ergebnis, also die Selbstbereicherung, schielen! Falsche Selbst- und Fremd-Definitionen bremsen nur den Lauf der Dinge.