6. Februar 2019

Bildung – Mut zur Revision

Gastbeitrag / 45 Kommentare

von Heino Bosselmann --- Am notwendigsten wie am schwierigsten wäre die freie Diskussion über ein fest etabliertes Menschenbild.

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Ein Menschenbild, das gegenwärtig beinahe von Staats wegen nicht mehr in Frage gestellt werden darf. Diesem verordneten Leitbild umfassender Gerechtigkeit und Antidiskriminierung nach ist allen Menschen per se alles möglich, wenn man ihnen nur gefällige Umstände einrichtet. Es handelt sich wesentlich um eine in Rousseau gründende Anthropologie, die den Menschen – zumal den Heranwachsenden – als prinzipiell gut oder generell nur gut aufzufassen meint.

Böses oder Problematisches eignet ihm prinzipiell nicht, sondern gilt allein als Folge gesellschaftlicher Umstände. Sie allein benachteiligen. Ändert man sie, ändert man den Menschen weiter zum Positiven, zum Gesunden, insofern er dann zu seiner eigentlichen Natur, seinem guten Wesen, zurückfindet. – Alle Utopien zur Heranbildung des „neuen Menschen“ gründen in dieser so einseitigen wie gefährlichen Annahme; folglich scheiterten sie sämtlich tragisch. Offenbar kann sich die Politik nicht von der fatalen Träumerei lösen, das Wesen des Menschen in Richtung auf ein umfassendes Heil zu verbessern, an dem dann kein Fehl mehr ist.

Dieses im Grundformat rousseauistische Menschenbild, diametral der Auffassung Arnold Gehlens vom Menschen als „Mängelwesen“ und der daraus resultierenden Notwendigkeit kompensierender Institutionen entgegengesetzt, verklärt den Einzelnen nicht nur, sondern behindert die Entwicklung von Leistungsorientierung, Selbstüberwindung und Anstrengungsbereitschaft, insofern davon ausgegangen wird, der Mensch bringe von sich aus alles mit, Bildung müsse ihm nur etwas zureichen, wonach er von selbst zu seiner Entwicklung verlangt, abgesehen davon, daß sein Charakter per se gut wäre.

Das Lernen könne, ja müsse ausschließlich freud- und lustvoll geschehen. Grenzen zu setzen wäre problematisch. Sie aufzugeben führt jedoch zu problematischen Entgrenzungen, die Individualentwicklung und Zusammenleben gefährden.

Einzusehen wäre hingegen von neuem, daß das Kind eben nicht nur gut, wertvoll und herzig ist, sondern einer fürsorglichen, aber konsequenten Erziehung bedarf, die es erst zum Kulturwesen bildet. Forderungen zu stellen darf nicht mit Diskriminierung verwechselt oder als solche stigmatisiert werden. Faßt man Diskriminierung jedoch im Wortsinne auf, so ist sie sogar erfordert, als notwendige „Unterscheidung“ nämlich.

Man gebrauche dieses Wort nicht in der Weise von Kränkung, sondern im Luhmannschen Sinne als systemtheoretischen Leitbegriff, man habe also den Mut zu Unterscheidungen. Pädagogisch gehandhabt führen klare Unterscheidungen aus der Einheitsschule heraus und offenbaren das Erfordernis unterschiedlicher Bildungswege. Sie führen nicht zu Benachteiligungen, sondern versuchen, der naturgegebenen Disparität von Menschen Rechnung zu tragen.

Menschen sind ihrem Wesen, den Anlagen und Prägungen sowie ihrem Charakter und ihrem kognitiven wie sprachlichen Vermögen nach verschieden. Sie zum allergrößten Teil in einer Schulart zu unterrichten, dem zur neuen Gesamtschule aufgeblähten und damit im Wert herabgesetzten Gymnasium, karikiert das Anliegen dieser einst höchsten schulischen Bildungseinrichtung ebenso wie es die meisten Gymnasiasten überfordert, jedenfalls dann, wenn man an das Abitur, die Hochschulreife, noch einigermaßen traditionelle Anforderungen stellt.

Die vergleichsweise wenigen Schüler wiederum, die selbst nach umfassender Öffnung des Gymnasiums immer noch als nicht abiturabel gelten, finden sich zu oft in „Restschulen“ wieder, in denen guter Unterricht in der Sekundarstufe kaum mehr möglich ist, weil einfach gute Schüler fehlen. Hier wird je nach Möglichkeit noch erzogen, aber kaum mehr gebildet. Die Inklusionskampagne, wiederum ideologischen Vorstellungen folgend, mutet diesen schwierigen nichtgymnasialen Schulen zudem die Integration der früheren Sonderschüler und die wachsende Zahl jener mit Verhaltensstörungen zu.

Bildung, die es mit verschiedenen Eignungen ernst meint, muß selektieren, idealerweise frühzeitig. Eine modern verstandene Dreigliedrigkeit – seit Jahrzehnten verteufelt – wäre ebenso angemessen wie die Beibehaltung der Sonderschulen, die über Jahrzehnte eine hervorragende Arbeit leisteten und in sich für eine erfolgreiche Inklusion sorgten. Gute integrative Gesamtschulen gibt es derzeit eher nur noch in freier Trägerschaft oder privat, weil dort Kinder vorzugsweise kultivierter Elternhäuser ausgebildet werden, die sich mit einer Schulidee identifizieren, die einfühlsame Erziehung mit echter Befähigung verbindet.

Es bedürfte neu einzurichtender Haupt- und Sonderschulen, deren Besuch gerade nicht „diskriminiert“, sondern eine solide Bildung für künftige Handwerker und Arbeiter bereithält, die dort praxistaugliches Wissen erwerben. Ebenso könnten neue Realschulen wieder Realien vermitteln und Heranwachsende für Tätigkeiten im gesellschaftlichen Mittelbau vorbereiten, ohne daß diese Aspiranten für eine normale Lehrstelle durch das Gymnasium hindurch müßten, mithin etwa für die Verwaltung, für den Handel und Banken, für medizinische Facharbeit und für durchaus qualifizierte Bereichsleitungen, bspw. in der Pflege.

Das Gymnasium bliebe so echten Talenten vorbehalten, die einer wissenschaftlichen oder Lehrtätigkeit entgegensehen. Alle Abschlüsse sollten wieder redlich erarbeitet anstatt über stetige Senkung der Anforderungen und Entwertung der Zensur lediglich zuerkannt werden, was gegenwärtig die Folge hat, daß allzu viele das Studium und sogar die Lehre abbrechen.

Erst die eigene Bewährung macht Schüler stolz auf das Erreichte und sichert so Selbstvertrauen und Souveränität. Grundsätzlich sollte zur Haltung erzogen werden. Dieses Begriff fehlt in der Bildungsforschung übrigens völlig. Er meinte einst das charakterliche Format, mit erprobten ethischen Werten in einer Weise des Trotzdem zu bestehen und durchzuhalten, wenn es im Leben schwierig wird. Neuerdings ist viel von Resilienz die Rede. Wie alle Modewörter verdankt auch dieses seinen häufigen Gebrauch dem sicheren Eindruck, daß das so Bezeichnete in der Wirklichkeit längst fehlt: Widerstandkraft ist selten.

Zugegeben, an den sogenannten Gymnasien fühlen sich zahlreiche Schüler im Streß und überfordert, aber das liegt zum einen daran, daß nun mal häufig die Falschen und überhaupt allzu viele zum Abitur drängen, zum anderen sind die Stressoren meist hausgemacht, wenn allzu enge Stoffeinheits- und Klausurpläne sowie überhaupt der Kalender wichtiger wurden als die ruhig besonnene und Konzentration schulende Vermittlung und das geduldige, aber gründliche Üben von Inhalten.

Insbesondere dürfte es allerdings schwierig sein, die Lehrer in deren Ausbildung und Praxis auf die neue Redlichkeit einer am inhaltlich Substantiellen wie an werteorientierender Erziehung orientierten Schule einzustellen, arbeiten doch bereits mindestens drei Lehrergenerationen, die selbst ein Bildungssystem sehr fragwürdiger Werte und Erziehungsauffassungen durchliefen. Sie sind – ganz im Gegensatz zu den Schülern – direkt mitverantwortlich für die Krise der Schule. Schon lange werden nicht unbedingt die besten Abiturienten und Studenten Lehrer; gegenwärtig sogar immer weniger, und gerade an nichtgymnasialen Schulen fehlen die starken Persönlichkeiten, die dort gebraucht würden, um Unterprivilegierten Orientierung zu geben.

Es bedürfte keiner weiteren Reformen und Reförmchen, da erforderliche Korrekturen nicht evolutionär, sondern nurmehr revolutionär vorstellbar sind. Dazu brauchte es jedoch eine prinzipielle kulturelle Wende, wie sie erst aus einem Krisenbewußtsein erfolgt, das erkennt, wie reformunfähig das System erstarrt ist. Es tröstet sich allein noch mit selbsterfüllenden Prophezeiungen, für die es aufwendig „Bildungsforschung“ betreibt, die zu Ergebnissen gelangt, welche jeweils schon intentional in den Ansatz der „wissenschaftlichen“ Zielstellung gelegt wurden. Man lese das in Poppers Wissenschaftstheorie nach. Selbst teure Investitionen wie der „Digitalpakt“ ändern nichts am korrekturbedürftigen Betriebssystem.

Inhalten und echten Befähigungen, vorzugsweise hinsichtlich des sicheren Könnens von Schreiben, Lesen und Rechnen, müßte wieder der Vorzug gegenüber der Methode und den mehr suggerierten als tatsächlich ausgebildeten „Kompetenzen“ zukommen. Das Wie sollte dem Was folgen, nicht umgekehrt. Schule ist zu sehr an Akte unsystematischen Machens und bloßen Meinens gewöhnt. Wirksames Bilden, letztlich bis zum Vermögen qualifizierten Urteilens, wäre nur sehr schwierig wiederzubeleben, würde dann jedoch die lediglich noch quantifizierende Schule erfrischen und das Bewußtsein wecken, daß es wieder um etwas geht, nämlich um umfassende Persönlichkeits- und Herzensbildung.

Kinder wollen ganz natürlicherweise etwas leisten und gefordert statt nur gefördert sein. Mit solcher Forderung – nach dreigliedriger Leistungskategorie – zöge wieder Leben ein in den Schulen, die derzeit eher Orte politischer Liturgien zur Beschwörung eines Wunsch-Menschenbildes sind.

Selbstverständlich kommen kleinere Klassen und mehr sowie gut ausgebildete Lehrer jeder Schule zugute. Es geht nicht um stressiges Leistungsdenken, sondern im Gegenteil um mehr Muße, mit der Wesentliches gründlicher und nachdenklicher verinnerlicht werden kann.

Und es geht gerade um die Gegengewichte zu einer hektischen Alltagskultur, also um Übungen im Handwerk und in der Technik, um den Schulgarten, um Handschrift, um Kunst, um Musik, um Chorsingen und Sport, Fächer und Bereiche, denen – wenn möglich – mehr Platz im Stundenplan zukommen sollte.

Erzieherisch gilt es, bewährte Werte erlebbar zu machen: Zugewandtheit, Einfühlung, Verständnis, Liebe zur Natur, die mit Artenkenntnis beginnt, Bescheidenheit im Verbrauchen, durchaus Demut und Ehrfurcht, verbunden aber mit dem Mut, spätestens als Jugendlicher das zu vertreten, was nach kritischer Prüfung als richtig erkannt wird.

Und solange das nicht geschieht? Solange die dringend erforderlichen Veränderungen in der gegenwärtigen völlig durchideologisierten Bildungspolitik nicht erfolgen können? – Solange müssen verantwortungsvolle Lehrer eben mit genauer Selbstprüfung ihren eigenen Maßstäben folgen.

Die immer einfacher und versimpelter gehaltenen Prüfungsvorgaben – neuerdings gern im flott zu vermessenden Multiple-Choice-Verfahren – gefährden sie damit nicht, im Gegenteil, denn sie heben ihre Schüler sogar auf eine höhere Anspruchsebene; und zu fürchten haben sie mit gutem Unterricht nichts.

Dessen Ziele lassen sich immer vertreten, mal ganz abgesehen davon, daß die behäbige Bildungsbürokratie kaum Revisionsdruck ausübt, zumal sie ihren Ideen und politischen Kampagnen hingegeben ist.


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Kommentare (45)

Niedersachse
7. Februar 2019 16:50

Meiner Meinung nach gehört das Schulsystem bundesweit vereinheitlicht. Warum sollte Bildung Ländersache sein? Wir hatten übrigens ein gut funktionierendes, dreigliedriges Schulsystem, bis 2004 sogar noch mit Orientierungsstufe. Letztendlich gilt aber: Jedes System ist nur so gut, wie es umgesetzt wird. Wichtige Thematiken sind die ethnische Zusammensetzung der Klassen und die vermittelten Lerninhalte. Ethnisch vermischte Schulklassen sind wohl kaum als passendes Umfeld für gutes und zielgerichtetes Lernen zu bezeichnen. Wenn dann noch in den Lehrplänen Frühsexualisierung, Genderbender und "Schreiben nach Gehör" die Hauptthemen sind, steht der Heranbildung des minderbemittelten, politisch korrekten Merkeljüngers nichts mehr im Wege.

Sara Tempel
7. Februar 2019 17:17

Mit der alten Dreigliedrigkeit des Schulsystems habe ich selbst die besten Erfahrungen machen können, bevor ich in der Oberstufe mit der ersten Bildungsreform konfrontiert wurde. Ich stimme Herrn Bosselmann auch bei allen anderen Revisionsvorschlägen zu, obwohl ich bezüglich der Umsetzung kaum optimistisch bin. - Man muß eher mit weiteren störenden politischen Kampagnen rechnen, z.B. wenn es um die sogenannte "Klimakrise" geht. "Klimagerechtigkeit", welcher Euphemismus! Bisher ist eine vom Menschen beeinflußte Klimaerwärmung nicht zu beweisen und selbst wenn es ein solches Phänomen gäbe, wäre es naiv anzunehmen, Menschen wären überhaupt in der Lage, dieses zu bremsen, erst recht nicht unsere etablierten Politiker. Es ist alarmierend, daß Politik und Medien heute bereits Schüler vor ihren Karren spannen, sie gar illegal für eine nicht beweisbare Theorie, die zum Dogma erhoben wird, demonstrieren lassen.

Maiordomus
7. Februar 2019 17:27

@Bosselmann. Ich gehe davon aus, dass Sie bei der Rückführung pädagogischen Unsinns auf Rousseau weder je eine Analyse des "Emile" vorgenommen haben noch die restlichen Hauptwerke dieses unvergleichlichen Autors, seine berühmten Diskurse, über die herkömmlichen, in Schulbücher eingegangenen läppischen Schlagworte hinaus je so analysiert haben, wie Sie es bei Rousseau-Kenner und Herausgeber Prof. Heinrich Meier, auch Spezialist über Carl Schmitt und Leo Strauss, als einem der bedeutendsten deutschen Gelehrten mit "rechter" Biographie, hätten lernen können. Ich habe Sie auch nie in Genf oder Neuenburg bei der Archivarbeit über Rousseau getroffen: Ich schliesse aus, dass Sie Ihre hier vorgetragenen Thesen mit den rund 60 Briefbänden Rousseaus abgeglichen haben. Ohnehin haben die politischen Vorstellungen Rousseaus, wie sich diese etwa im Verfassungsentwurf für Korsika artikulieren, welcher eher an die Verfassung von Appenzell erinnert als an die Regeln der Europäischen Union, nichts, aber auch gar nichts, mit einem heute herrschenden "Kulturmarxismus" beziehungsweise leistungsverweigernder Gleichmacherei im Bildungswesen zu tun.

In Rousseaus Diskursen finden wir eine grossangelegte Kritik an Aufklärung und moderner Bildungshuberei. Nebenher gibt es bei ihm die wohl bis heute überzeugendste Begründung der Wehrpflicht, auch als Ausdruck politischer Mündigkeit des Bürgers und Soldaten, was für die Schweizer Armee noch im 19. und 20. Jahrhundert nachweisbar einen bedeutenden Begründungszusammenhang darstellen sollte; zumal die Volkssouveränität bei Rousseaus Erwecker, dem 20 Jahre in einer Festung eingesperrten Frühdemokraten Micheli du Crest, als Prinzip der Selbstbestimmung auf den Stadtstaat und den Kleinstaat zugeschnitten war, nicht auf einen anonymen Termitenstaat. Selbstbestimmung hat mit Selbstverteidigung zu tun, vergleiche das aktuelle Schweizer Referendum gegen die EU-Waffenrichtlinien! An denselben ist weder Rousseau noch dessen Pädagogik schuld!

Aus dem Studium von Rousseau und dessen praktischer Weiterentwicklung bei Pestalozzi könnten Sie die radikalste mögliche Kritik an heutigen Vorstellungen von "Chancengleichheit durch Schule" entwickeln. Eine radikalere Absage an die heutige Schule als den "Emile" hat es wohl in den letzten 300 Jahren kaum irgendwo gegeben. Von Bedeutung bleibt zwar, dass es in den meisten Büchern Rousseaus ein paar Schlagworte gibt, obzwar keineswegs ein "retour à la nature", die er dann aber selber im Kleingedruckten ebenso differenziert wie genial in die Proportionen rückt. Was heute vom Kindergarten bis zu den Hochschulen, im Namen von Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit zum Programm gemacht wird, steht meilenweit jenseits von Rousseau. Eher könnte man auf seine Abhandlung zur Frage nach dem Fortschritt durch Bildung, wie sie in der Akademie von Dijon gestellt wurde, im Sinne von Rousseau die Schliessung der Gymnasien und Hochschulen fordern, wenngleich keineswegs in der Art von Pol Pot. Ein Klischeevermittler wie Schwanitz liegt wie andere deutsche Bildungsbürger voll daneben, wenn er Robespierres Herrschaft des Terrors auf Rousseau zurückführen will. Hingegen befürwortete Karl Marx später explizit den Massenterror, wiewohl der Begründer des Sozialismus den anarchistischen individuellen Terror als kontraproduktiv ablehnte.

Mit dem Wissen über Rousseau verhält es sich etwa so, wie es der genannte Gegenaufklärer Dietrich Schwanitz, der bei mir im Abitur durchgefallen wäre, postuliert. Er schreibt über Rousseau: ohne Hintergrundkenntnisse über das Privatleben dieses Autors; derselbe habe seine Kinder, angeblich um bequemer schreiben zu können, ins Waisenhaus gesteckt (wiewohl Rousseau diese seine Kinder nie gesehen hat, nachweisbar jedoch nach ihnen suchen liess), und die Königin Marie Antoinette habe "als Hungerrevolten in Paris aufbrachen", gesagt, "warum die Leute, wenn sie kein Brot hätten, nicht Kuchen ässen. So etwas verbittert, wenn es bekannt wird." Ignoranter und idiotischer wie Schwanitz geht es diesbezüglich wohl nicht mehr. In Wirklichkeit steht der besagte Satz über Kuchen statt Brot in Rousseaus Roman "La nouvelle Héloise", geschrieben zu einer Zeit, als Marie-Antoinette ein Jahr alt war. Also eine pure Verleumdung, moralisch nicht besser wie die Märchen der Weisen von Zion! Es war dieselbe Marie Antoinette, die am 24. Mai 1784 am Grab von Rousseau im Park von Herménonville auf einem heute noch bestehenden Steinbänklein meditierte und in Rousseaus Schriften las, vielleicht die Nouvelle Héloise, in den für den Botanikunterricht noch heute einzigartig wertvollen "Träumereien des einsamen Spaziergängers" oder im "Emile". Etwa die unvergleichliche Geschichte der magnetischen Ente. Ein Beispiel für komplett individualisierten Privatunterricht, Als Modellfall für Schule ausserhalb der Schulstube die vielleicht bis heute perfekteste Synthese von Newtonscher Physik mit erfahrungsbezogener Pädagogik und einer gesellschaftliche Vorurteile überwindenden Ethik.

Ich formuliere diese Kritik Ihnen gegenüber nicht, um Ihre Bemühungen zu schmälern; zumal ich glaube, dass Sie in der grossen Linie der Kritik am heutigen Bildungswesen recht haben könnten. Es bleibt aber dabei, dass das Fehlen ernsthafter Kenntnisse über Rousseau sogar bei Ihnen illustriert, dass immer mehr Akademikern die humanistischen Grundlagen abhanden gekommen zu sein scheinen: Man sollte nichts, aber auch gar nichts zur wegleitenden These erheben, wenn man die Quellen nicht selber überprüft hat! Von Rousseau erschien 2012 eine 24bändige Ausgabe von Prof. Eigeldinger, Neuenburg; es gibt einen tausendseitigen Dictionnaire de Jean-Jacques Rousseau, und einen dicken Band, analog zu Goethe, Rousseaus Leben von Tag zu Tag, freilich durchwegs in französischer Sprache. Ich gehe davon aus, dass Volksverdummung in der Art von Schwanitz wie auch die immer gleichen ignoranten Behauptungen nicht nur über Rousseau Akademiker und Hochschulabsolventen vielfach dümmer erscheinen lassen als sogenannt einfach Leute, die keine höheren Schulen absolviert haben und deshalb weniger in Versuchung fallen, Halbwissen und Scheinwissen als Wissen auszugeben.

Im Hinblick auf die deutsche Rechte wäre wohl mal eine Sondernummer der "Sezession" über das 18. Jahrhundert kein Luxus: Rousseau, Voltaire, Diderot, de Sade, die Enzyklopädie, zumal aber über die Missverständnisse im Zusammenhang mit dem Begriff "Volkssouveränität" (unverständlich ohne die Geschichte Genfs im 18. Jahrhundert). Sogar auch über das Militär und die Wehrpflicht könnte in diesem Zusammenhang diskutiert werden. So war zum Beispiel in der Schweiz des 19. Jahrhunderts das Kadettenwesen noch anerkannter Teil der Bildung, was auch mit Rousseau begründet wurde! Selber ging es mir freilich nie um die Remilitarisierung der Bildung; eher schon um den Hinweis darauf, dass die sogenannte weiche Welle einer permissiven Pädagogik sicher nicht auf Rousseau zurückgeführt werden kann!

Laurenz
7. Februar 2019 18:51

Der Artikel wird auf diesem Medium offene Tore einrennen.
Und wie kann man das Wissen Herrn Bosselmanns um bessere Schuldbildung in Macht zur Veränderung umsetzen? Das wäre wohl die entscheidende Frage.

Es ist ja nicht so, daß der politische Gegner darum nicht wüßte. Seit den 80ern schick(t)en viele aSozialdemokratische Politiker ihre Rotzlöffel auf Privatschulen, protegierten aber Gesamtschulen für's gemeine Volk. https://de-de.facebook.com/Prof.Dr.Joerg.Meuthen/videos/schluss-mit-der-linken-bildungs-scharlatanerie/932249016923804/
Das Leistungsprinzip ist insofern alternativlos, eben weil auch historisch viele leistungsstarke Eltern ihre schlecht und nebenbei gezeugten Kinder trotz aller Schwächen mit Geld durch die Schule prügelten, auch wenn sie keinen Schuß Pulver taugten. Dieses Phänomen haben wir auch hier im Blog. Frau Sommerfeld und Ihr angeblich links agierender Lebensgefährte schickten Ihre Kinder auf eine Privatschule. Daß diese Geschichte schief ging, (...) macht es nicht besser.
Bezüglich des Schulsystems und seiner Ausgestaltung sollten Eltern außen vor bleiben. Es existieren keine Eltern, bei denen die Evolution nicht ein- und der Verstand aussetzt. Eltern würden morden, um den eigenen Kindern bessere Chancen einräumen zu können. Nicht umsonst wurden in früheren Zeiten selbstbestimmte kinderlose Frauen und Männer Lehrerinnen und Lehrer, in vielen Filmen, Romanen und Geschichten sogar ein Klischee.
Die Anwandlung Herr Bosselmanns bezüglich fehlender Handwerker ist leicht daneben. Bei nützlichen Handwerkern ist Intelligenz wesentlich mehr vonnöten, existenzieller, als zB hier im Blog, wo viele Pseudo-Intellektuelle ihren Senf abgeben, ohne damit wirklich Schaden oder gar irgendeinen Nutzen anzurichten.
Politisch versucht man natürlich diese fehlenden Handwerker zu importieren, was so nicht funktioniert, da man Intelligenz und Kreativität zwar fördern, aber nicht herbeizaubern kann. Zukünftig werden eben gute Handwerker mehr verdienen als Hochschulprofessoren, zu Recht.
Bessere Schulen wird es nur geben, wenn es keine Ausnahmen, sprich keine Privatschulen mehr gibt und jeder, der seine Kinder ins Ausland bringt, seinen Paß, wie die bürgerlichen Ehrenrechte verliert und unser schönes Land verlassen darf. Nur dann werden Politiker dafür sorgen, daß die Schulen auch ihrer eigenen Kinder so sind, wie sie sein sollen.
Was das europäische christlich-humanistische Menschenbild angeht, so sind wir auch bei der Linken an der Macht in einer Zeitenwende. Jeder, der Asien schon desöfteren besucht hat, weiß, daß dort ein ganz anderes Menschenbild vorherrscht, eines, welches aus dem vollen schöpft. Und wenn Asien zukünftig die Maßstäbe vorgeben wird, bleibt bei uns kein Auge trocken.

Isarpreiss
7. Februar 2019 21:13

Wie sollten sich die Schüler prozentual denn im Idealfall auf die drei bzw. mit Sonderschule vier Schularten verteilen, Ihrer Meinung nach?

Caroline Sommerfeld
7. Februar 2019 23:00

"Dieses Phänomen haben wir auch hier im Blog. Frau Sommerfeld und Ihr angeblich links agierender Lebensgefährte schickten Ihre Kinder auf eine Privatschule. Daß diese Geschichte schief ging, (…) macht es nicht besser."

Der "Lebensgefährte" ist mein Ehemann, was für uns schon einen Unterschied ausmachen sollte, vorausgesetzt, daß Sie nicht Ihrerseits bisweilen "links agieren".

Zum Thema. Wollen Sie wirklich ein zentrales Staatschulsystem ohne "Ausnahmen", ohne Elternbeteiligung, ein reines Steuerungsmodell von oben, das sozial gut verteilten, nützlichen Output generiert? Ich kann mir kaum etwas weniger Wünschenswertes vorstellen. Ausbildungsgerechtigkeit für alle ist ein ökonomisches Grundprinzip der "economics of education" - aber doch kein geistiges (oder wenn sie wollen: pädagogisches, ästhetisches, bildungsbezogenes). Die Schulen wären nach Ihrem Modell so etwas wie Produzenten, deren erzeugte Ware aus einer Anzahl jährlich ausgebildeter Schüler besteht, auf denen Preisetiketten (Zeugnisse) kleben.

Laurenz
8. Februar 2019 02:23

@Frau Sommerfeld .... die Ehe dient(e) dazu klarzumachen, wer (auch rechtlich) für jeweilige Kinder zuständig ist. Und kennen Sie nicht auch Ehen, die ohne das Verhältnis eines Gefährtentums stattfinden? Um also eine Partnerschaft auszuzeichnen sind also Formalismen, wie die Ehe, nicht notwendig.

Erstens votierte ich nicht für eine Einheitsschule. Wir bräuchten viel mehr diversifizierte Schulen, um die jeweiligen Talente mehr fördern zu können.

2tens, ist nichts gegen die Beteiligung von Eltern (als Konsumenten) von Schülern einzuwenden. Aber haben Sie in Ihrem Leben bisher noch nie Lehrer beobachtet? Machen Sie das doch erstmal und sprechen Sie mit Ihren Kindern, bezüglich des Status' von Lehrern. Wie agieren Lehrer mit - und ohne eigene Kinder?

Drittens, solange Sie es zulassen, daß privilegierte Eltern Ihre Kinder aus dem gesellschaftlichen Konsens herausnehmen können, werden diese Eltern nie alles daran geben, daß unsere Schulen optimiert werden. Frau Schwesig ist nicht die erste aSozialdemokratin, die Ihre Kinder auf Privatschulen schickt und die Kinder anderer, weniger Privilegierter, der kranken Ideologie ihrer Partei aussetzt.

http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/manuela-schwesig-schickt-ihr-kind-auf-privatschule-a-1166267.html

oder noch besser hier

https://www.tichyseinblick.de/kolumnen/josef-kraus-lernen-und-bildung/wenn-politiker-ihre-kinder-nicht-in-schulen-schicken-die-sie-fuers-gemeine-volk-wollen/

Ohne Privatschulen hätten wir Herrn Bosselmanns Artikel nicht nötig. Von daher liegen Sie falsch, Frau Sommerfeld. Sie und vor allem Ihr Ehemann passen genau in dieses Bild des typischen deutschen Salon-Linken. "Links reden und rechts leben". Seien Sie froh, daß die etablierten Verlage so schlechte Mitarbeiter schwadronieren lassen. Unter den Blinden ist der Einäugige König.

Heino Bosselmann
8. Februar 2019 05:31

@Maiordomus: Haben Sie vielen Dank für Ihre bildsamen Weiterungen. - Ich beziehe mich hier, wie Sie herauslesen, freilich recht isoliert auf Rousseaus „Diskurs über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen“ („Discours sur l’origine et le fondements de l’inégalité parmi les hommes“, 1755), insbesondere auf den ersten Teil, der sich dem angeblichen Naturzustand des Menschen widmet, in dem er, der Mensch, nach Rousseaus Auffassung hätte verbleiben können bzw. sollen, weniger auf den zweiten, der wie ein Bericht die Herausbildung des bürgerlichen Zustands, ausgehend von den Gefühlen der Bevorzugung, Eifersucht, Eigenliebe, beschreibt. – Dies verengt freilich das Gesamtschaffen Jean-Jacques Rousseaus, zumal ich allzu deutlich dem selbsterklärten „Anti-Rousseau“ Arnold Gehlen folge, von dessen „Urmensch und Spätkultur“ (1956) in diesem Fall besser direkt ausgegangen werden könnte, obwohl ja gewissermaßen auch Gehlen Rousseaus breit angelegtes und in sich nicht widerspruchsfreies Werk verengt. – Am Rande nur: "Emile" und "La Nouvelle Héloise" entfalteten für die Pädagogik und deren Reformbemühungen nachvollziehbar immens starke und widersprüchliche Wirkung. Dies darzustellen und zu zeigen, welche Schule bzw. welcher Pädagoge genau was daraus für sich zu nutzen meinte, wäre eine eigene Thematik. -

Franz Bettinger
8. Februar 2019 08:32

@Laurenz, bei allem Verständnis für ihren Versuch, radikal und stringent zu denken: Was Sie von Frau C. Sommerfeld verlangen, ist einfach unpraktisch. Außerdem ist CS nicht links. Und Rechte schicken, wenn sie können, ihre Kinder auf die besten Schulen. Was soll daran widersprüchlich sein? CS denkt, schreibt und handelt rechts, basta. Und ich und Sie würden es auch tun, wenn wir Kinder zur Schule zu schicken hätten. Ich verstehe ja, was Sie uns sagen wollen, aber durch das Verschleißen der eigenen Kinder in diesen bemitleidenswert entarteten und zur Gefahr gewordenen öffentlichen Schulen von heute, sind unsere Kinder doch hoffentlich zu schade! Also bleiben Sie mit den Füßen auf dem Boden!

Michael B.
8. Februar 2019 10:14

> Drittens, solange Sie es zulassen, daß privilegierte Eltern Ihre Kinder aus dem gesellschaftlichen Konsens herausnehmen können, werden diese Eltern nie alles daran geben, daß unsere Schulen optimiert werden.

Da stellt sich natuerlich sofort die Frage: Wie sieht dieser 'gesellschaftliche Konsens' denn konkret aus? Was ist, wenn man mit diesem nicht einverstanden ist? Gut dass es andere Moeglichkeiten gibt, kann ich da nur sagen!
Und die lassen im deutschsprachigen Raum ja noch ganz andere Varianten vermissen. Stichwort homeschooling, welches uebrigens diese mir unangenehme 'Gerechtigkeits'-diktion des Grossen und Ganzen 'unser' wieder auf den Boden holt. Da steckt naemlich dann viel persoenliche Arbeit der Eltern drin und die ist jede Ehrung wert.

Zum Artikel selbst:

> Bildung, die es mit verschiedenen Eignungen ernst meint, muß selektieren, idealerweise frühzeitig.

Den Zusatz muss man m.E. spezifischer sehen. Gegen ein generelles fruehes Reagieren auf Begabungen ist ja nichts einzuwenden, der ausnahmelose Hammer der Zuweisung zu einem Zweig eines mehrgliedrigen Schulsystems sollte sich aber vielleicht doch etwas Zeit lassen.
Ich bin mit der bundesdeutschen Teilung nach der vierten Klasse nie besonders warm geworden und halte eine spaetere wie z.B. in der DDR nach der achten Klasse fuer nicht nur ausreichend, sondern in vielerlei Hinsicht sogar fuer vorteilhafter. Auch noch spaetere Wahl hat diese Art Vorteile. Ich konnte z.B. im verflossenen deutschen Laendlein mein Abitur selbst mit durch den o.g. spaeteren Eintritt in der neunten Klasse aus politischen Gruenden nicht beginnen, sondern habe es spaeter in Abendschule neben meinem mittlerweile gelernten und parallel ausgeuebtem Beruf abgelegt. Die Zielgerichtetheit meiner Mitschueler mit aehnlicher Historie war sicher um Groessenordnungen verschieden von der eines normalen Abiturienten.

Das fuehrt zur Frage der generellen kontinuierlichen Verfuegbarkeit von Seiteneinstiegen und Varianten. Wer hierzulande eine Hauptschulempfehlung (und wie im Artikel angedeutet, betrifft das auch zunehmend Realschulen) aus welchen Gruenden immer bekommt und sich dann als Kind und Jugendlicher aus diesem Sumpf herausarbeiten muss, der hat etwas vor. Persoenlichkeitsbildend ist das, allerdings gibt es dann nur noch zwei Extreme und keine Graustufen mehr. Man schafft es oder man schafft es nicht. Auch diese Erfahrung hat meine Familie machen muessen (mit positivem Ausgang gluecklicherweise).

Maiordomus
8. Februar 2019 10:40

@Bosselmann. Zu den bedenkenswerten Irrtümern Rousseaus, die mir in 60 Jahren der Beschäftigung mit diesem welthistorischen Autor schweizerischer Herkunft (er nennt sich zwölfmal "suisse") nicht entgangen sind, gehört das von Karl Popper kritisierte Moment des Historizismus. Dieses zuvor bei Hobbes und später bei Marx und Comte und am dümmsten wohl bei Fukuyama ("Das Ende der Geschichte") anzutreffende Modell-Denken manifestiert sich im ersten Teil des von Ihnen erwähnten Diskurses über die Ungleichheit unter den Menschen (1755), dem aber die radikale Kritik an den Bildungsvorstellungen der Aufklärung (als Wettbewerbsarbeit für die Akademie von Dijon) vorausgegangen war: die weltanschauliche Basis der Pädagogik von Rousseau. Herausgeber der besten deutschen Ausgabe des von Ihnen angesprochenen Diskurses (als Uni-Taschenbuch) ist Heinrich Meier, aus meiner Sicht der in geistesgeschichtlichen Fragen vielleicht kompetenteste lebende Intellektuelle Deutschlands mit rechtem Hintergrund, von welchem Befund dieser Gelehrte jedoch keinen missionarischen Gebrauch macht.

Dass Heinrich Meier, heute international führender Spezialist über Carl Schmitt und Leo Strauss, über Jahrzehnte Rousseau analysierte, bewegt sich meines Erachtens auf einer anderen Ebene als die bisherigen eher hilflosen Versuche, in Deutschland "Marx von rechts" (Buchtitel) zu interpretieren. Dabei besuchte Karl Marx, wie Generationen vor ihm die Königin Marie Antoinette, den Park von Herménonville, um sich von einigen wenigen Sätzen Rousseaus aus dem genannten Diskurs, so das Privateigentum betreffend, inspirieren zu lassen, um sich somit in der grossen Linie revolutionärer Geschichte zu sehen, als deren Abschluss die Vorstellungen des Historischen und Dialektischen Materialismus interpretiert wurden. So wie Paracelsus in der DDR von meiner im Vorjahr verstorbenen Kollegin Rosmarie Schuder (Nationalpreisträgerin) zum Kommunisten gemacht wurde, weil der "teutsche Arzt" in den Kaufleuten einen "unbrüderlichen Stand" sah, so wurde dies jenseits der realen gesellschaftlichen Hintergründe Rousseaus auch beim Genfer so gesehen, Hauptsache, man konnte mit dem Namen Rousseau Werbung für die eigene Sache machen.

Was Rousseaus Einstellung zum Naturrecht betrifft, so studierte er das von Jean Barbeyrac herausgegebene ins Französische übersetzte Standardwerk von Samuel Pufendorf einerseits und die naturrechtlichen Konzepte von Jean-Jacques Burlamaqui andererseits, welch letzterer auch Herausgeber von Montesquieus "De l'esprit des loix" wurde, vor 1750 in Genf gedruckt. In Genf gab es damals 40 Buchhandlungen und mehr als 3000 stimmberechtigte Uhrmacher, welcher Faktor für die damalige kommunale direkte Demokratie und deren Unterdrückung durch die Aristokratie und den protestantischen Klerus denkwürdig bleibt. Wohl nie in der Geschichte der Demokratie gab es in einem Stadtstaat eine so hochgebildete und weitvernetzte Bürgerschaft, war man so ausgezeichnet informiert, weshalb die Eliten zur Erhaltung ihrer Privilegien die demokratische Selbstbestimmung der Stadtgemeinde erst recht glaubten unterdrücken zu müssen. Im Kampf gegen Unterdrückungsmassnahmen entwickelte der Genfer Oppositionelle, Jacques Bartélemy Micheli du Crest (1690 - 1766) den Begriff "souverainité du peuple" der stimmberechtigten Citoyens und Bourgeois, der Vollbürger also, zu denen sich Jean-Jacques Rousseau zählte, dessen Autorennamen unter dem Buchtitel stets mit dem Untertitel "Citoyen de Genève" versehen war.

Es erhellt sich: Ist der Wahlkörper durchschnittlich schlecht gebildet, wie zum Beispiel in vielen Teilen der sog. 3. Welt, darf er nichts zu sagen haben, weil er von einigen Patrons leicht zu instrumentalisieren ist; ist er relativ gut gebildet und kommt man, wie heute durch das Internet, relativ problemlos zu vielen Informationen (wiewohl häufig nicht gerade zuverlässigen), darf der Bürger erst recht nichts zu sagen haben, weil sonst die von ihm gewählten "Volksvertreter" (welche faktisch in der Regel an den Fraktionszwang gebunden sind) die sogenannte Volkssouveränität (welche in einem System wie der Europäischen Union zur reinen Chimäre wird) nicht mehr allein ausüben dürfen, zu schweigen von dem mit Parteihörigen bestückten Justiz-Staat.

Zu Rousseaus Diskurs, den Sie angesprochen haben, Herr Bosselmann, noch ein paar Ergänzungen von Heinrich Meier:

"Im Vordergrund der Lehre, für die er als Zeuge der Wahrheit auftritt, steht zunächst seine Konzeption des Citoyen: das wohlgeordnete Gemeinwesen und die Erfüllung, die im politischen Leben erreicht werden kann.
Rousseau entfaltet sie in immer neuen Anläufen und am Beispiel konkreter Gemeinwesen. Angefangen bei seinen politischen Stellungnahmen und Untersuchungen zur Vaterstadt, die er mit der 'Widmung an die Republik Genf' im 'Discours sur l'inégalité' beginnt, mit der 'Lettre à d'Alembert' (1758), dem Muster der Deliberation eines Citoyen über eine aktuelle Streitfrage – Soll in Genf ein Theater errichtet werden? –, fortsetzt und mit den 'Lettres écrites de la montagne' (1763) abschliesst, in denen er die Verfassungswirklichkeit Genfs nach allen Regeln der Kunst seziert und im Licht der Prinzipien des politischen Rechts beurteilt. Der Entwurf einer Verfassung für die Insel Korsika und der detaillierte Plan einer Reform des Königreichs Polen, des damals grössten Flächenstaats Europas, mit denen sich Rousseau 1765 bzw. 1770 bis 1771 auf Bitten korsischer und polnischer Abgesandter befasst, belegen sein anhaltendes Interesse an der Konzeption des Citoyen und an deren Präzisierung.
In der 'Nouvelle Héloïse' und im 'Emile' (1762) erweitert Rousseau seine Lehre. Er stellt der politischen Existenz des Citoyen, der sein Glück als Teil des 'moi commun' in der Einheit der Republik verwirklicht, die Möglichkeit geglückter Existenz der Liebenden zur Seite, die, im besten Fall, zu einer übergreifenden Einheit und einer Art Selbstgenügsamkeit finden. Und er entwirft die Option einer moralischen Existenz, die ihre innere Einheit inmitten einer depravierten Gesellschaft auszubilden sucht, in einer Gesellschaft, für die der Begriff 'Citoyen' keine Bedeutung mehr hat. Im selben Jahr, in dem der 'Emile' für die absehbare europäische Entwicklung einen Abgesang auf das politische Leben anstimmt, lässt Rousseau sein wichtigstes Werk über ebendieses Leben erscheinen: 'Du contrat social' (1762).
'Vom gesellschaftlichen Vertrag oder Prinzipien des politischen Rechts' unternimmt es, auf dem Wege einer radikalen philosophischen Grundlegung und vermittels einer nicht minder radikalen, wiewohl sehr viel zurückhaltender präsentierten, philosophischen Kritik das Recht und die Grenzen der Politik zu bestimmen. Kein Philosoph vor Rousseau hat wie er mit der Stimme des Bürgers gesprochen und sich zum Anwalt der auf die Souveränität des Volkes gegründeten Republik als des einzig legitimen Gemeinwesens gemacht. Keiner aber auch hat wie er die notwendigen Friktionen zwischen der bestmöglichen politischen Ordnung, zwischen dem auf konventioneller Gleichheit beruhenden, durch den Willen seiner Mitglieder geschaffenen und aufrechterhaltenen künstlichen 'corps politique' einerseits und der Natur des Menschen andererseits herausgestellt. Und keiner seit Platon hat die unauflösbare Spannung zwischen Philosophie und Politik schärfer beleuchtet. Ihre Verkörperung ist im 'Contrat social» der 'Législateur', dessen Erkenntnis der allgemeine Wille der Bürger nicht entraten kann, um 'sehend' zu werden, d. h., um das gemeinsame Gute, das die Bürger als Bürger wollen, zu treffen, für den es nach den Prinzipien des politischen Rechts jedoch keinen Ort innerhalb des Gefüges des legitimen politischen Körpers gibt.
Um zu verstehen, weshalb Rousseau die Weisheit extrakonstitutionell hält, muss man sehen, auf welches philosophische und politische Problem der 'Contrat social' eine Antwort geben soll. Zum einen geht es darum, im Rückgang auf eine erste, einmütige Konvention das politische Subjekt zu konstituieren, das als Quelle allen Rechts dienen und seine Glieder durch ihre vorgängige Zustimmung zu Pflichten verbinden kann. Zum anderen werden durch die Konstitution der republikanischen Rechtsquelle alle Ansprüche, die sich auf natürliches, göttliches oder geschichtliches Recht berufen, politisch suspendiert. Die Intention des 'Contrat social' bleibt unverstanden, solange er nicht als Rousseaus Antwort auf die Herausforderung der Theokratie verstanden ist." (Aus einem Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung aus dem Jahre 2012)

Eines liegt jedoch nahe: der bei Rousseau formulierte "allgemeine Wille" entartet zu einer totalitären Elitenherrschaft, wenn analog zur Islamischen Republik Iran eine Art intellektueller oder religiöser Klerus sich das Monopol zuschanzt, diesen "allgemeinen Willen" (oder halt den Willen des Propheten) verbindlich auslegen zu dürfen. Dies war aber nicht die Lehre von Hegel, insofern der "Weltgeist" als Subjekt der Geschichte als allgemeines Subjekt niemals mit einem Parteistandpunkt identifiziert werden durfte, im Gegensatz zur späteren marxistisch-leninistischen Auffassung.

Herr Bosselmann, ich danke Ihnen für Ihre differenzierenden Ausführungen, zumal ich als einstiger Gymnasiallehrer für Philosophie auf Arnold Gehlen stets grosse Stücke gehalten habe, zum Beispiel im Hinblick auf die Sicht des Menschen als eines "Mängelwesens". Dass "der Glaube an die menschliche Vollkommenheit eine Einbusse erfahre", war vor Gehlen schon das grosse Anliegen von Werner Bergengruen, als er 1936 den Roman "Der Grosstyrann und das Gericht" veröffentlichte. Ein vernünftiges Menschenbild muss von diesem Befund ausgehen. Dass der Mensch "von Natur aus gut" sei, im Sinne des Schöpfungsplans, war indes schon die ontologische Grundüberzeugung von Thomas von Aquin, den bisher kaum jemand mit Jean-Jacques Rousseau verwechselt hat. In einem gewissen Gegensatz zu Rousseau verharrte jedoch der Puritaner Immanuel Kant auf dem "Radikal-Bösen" im Menschen, insofern er sich gehen lässt und seine "Pflicht" vergisst.

PS. Zum politischen Gehalt einer Debatte über Rousseau: Wenn es schon extrem schwierig wird, den *Brexit" in die Praxis umzusetzen: wie schwierig wird dann, unter Bedingungen der heutigen hochkomplexen Gesellschaft, eine Kündigung des Gesellschaftsvertrages als Versuch einer "Befreiung" des "Volkes"?

Laurenz
8. Februar 2019 10:47

@Franz Bettinger .... so, wie Frau Sommerfeld als patriotisch gilt, wie Ihr Ehemann als links, ist das eben nur der publizierte Schein. Ein Christ kann nie ein Patriot sein, da seine Religion antiker Bolschewismus aus dem Orient ist. Es handelt sich hier um einen inneren Widerspruch, den auch Leibniz nur formal löste. Alleine schon unser unseliges römisches Kirchenrecht führt zu einer grundsätzlichen Divergenz zwischen Recht und unserem immer noch heidnischen Rechtsempfinden.
Was bedeuten Publikationen, wenn die handelnden Protagonisten sich, ob nun Frau Schwesig oder Frau Sommerfeld, sich in den Handlungen selbst nicht unterscheiden? Daß ich Verständnis dafür habe, daß Eltern (Zitat Meuthen) Ihre Kinder über alles lieben, ist keine Frage. Aber in dem Augenblick muß der Protagonist eben aufpassen, daß seine Publikationen nicht bigott werden.

RMH
8. Februar 2019 11:15

Um einmal einen konkreten Vorschlag zum Bildungswesen zu machen:

Die Kinder/Jugendlichen sind heute auch nicht schlechter oder besser als früher. Sie leiden aber heute unter einer totalen medialen Dauerbeschäftigung, Fomo-Stress etc. Da war das in früheren Jahrzehnten übliche altbackene Schimpfen über die "Glotze" ja fast schon rührselig und sentimental, im Vergleich zu den heutigen medialen Abhängigkeiten, mit denen die Jugend zu kämpfen hat und die auch noch von einigen als "das muss so sein, wir verpassen sonst die Digitalisierung" schön geredet wird. Als ob 5 Stunden Fortnite-Zocken irgendwelche Fähigkeiten im Bereich "Digitalisierung" bei den jungen Leuten wecken und bilden würde. Wer ein Smartphone bedienen kann, kann es eben nur bedienen hat aber keine Ahnung von IT. Die Blödheit unserer "Eliten" in diesen Bereichen und das Treiben von irgendwelchen x-beliebigen Allgemeinplätzen und Säuen durchs Dorf kennt hier leider keine Grenzen.

Was den jungen Menschen fehlt, ist die Fähigkeit, sich auf irgendetwas länger als 5 Minuten konzentrieren zu können, bei der Sache zu bleiben und einmal ein Thema, eine Aufgabe (das kann auch eine Handwerkliche sein) grundsätzlich und grundlegend zu durchdenken und zu erfassen. Dies wird durch unser auf Bulimie-Lernen ausgerichtetes Schulsystem auch viel zu wenig gefördert. Die Kinder müssen wieder lernfähig gemacht werden, damit ein Lehrer überhaupt etwas mehr als Oberflächlichkeiten oder Details fürs Bulimie-Lernen vermitteln kann und da hilft es nicht, am Montag nen Stuhlkreis zu bilden, wo jeder mal sich kurz auskotzen kann, so wie man das vor 30 Jahren gemacht hat, als es hieß, "die Kinder sehen zu viel TV".

Da dieses Problem alle Schüler und Schülerinnen haben und zwar völlig unabhängig vom Schultyp oder ob eingliedriges oder x-gliedriges Schulsystem, muss hier dringend Abhilfe geschaffen werden und dazu genügt eben nicht nur ein räumliches Handy-Verbot an den Schulen. Meiner Meinung nach sollte Schule eine Vielzahl von "Klausurwochen" haben, bei denen die Kinder wie in einem Internat untergebracht sind und wo es kein Internet, keine Smartphones, no electronic devices at all gibt. Das ganze natürlich nicht koedukativ! Ich stelle mir so eine "Klausurwoche" wie folgt vor:

1 Tag: Vormittags Sport, Nachmittags Teambuilding- Outdoor-Unternehmungen, damit die Kinder runter kommen. Abends: Wieder eine Außenunternehmung.

2 Tag: Sport, danach Beginn mit einem Unterrichtsblock, bei welchem dann aber nicht nach 45 Minuten Schluss ist und das Fach wechselt, sondern einmal ein Fach grundlegend und zusammenhängend angegangen wird. Systematiken und Strukturen vermitteln ist die große Schwäche aller Bildungseinrichtungen - daran muss gearbeitet werden. Damit Kinder diese dann aufnehmen können und auch verarbeiten und darüber ernsthaft Nachdenken können, müssen sie eben aus ihrem medialen Gefängnis kurzfristig und kurzzeitig entführt werden. Erst dann können Kinder/Jugendliche auf wieder konzentriert eigenständig komplexere "Hausaufgaben" ernsthaft "sorgfältig" machen.

Die Folge-Tage dann etc. etc. - muss an dieser Stelle ja nicht vertieft werden.

Nach 1 bis 2 Wochen Klausur, kann dann auch wieder zum Normalfall "Schule" mit Regelunterricht übergangen werden, aber es sollte pro Schuljahr mindestens für jedes Kernfach und ein kreatives Fach jeweils eine "Klausur" stattfinden.

Ich persönlich halte Home-Schooling für den Ausnahmefall. Denn manchmal muss man sich als Lehrer auch "unbeliebt" machen, um fachliches vermitteln zu können - denn nicht alles geht nun mal runter wie ein Öl. Das können nun wahrlich nicht alle Eltern (und zum Teil auch nicht alle Lehrer). Auch die Kinder/Jugendlichen müssen Lernen lernen und das manchmal auch eine Form der Selbstqual notwendig ist, um Schwierigeres erfassen und anwenden zu können.

@Laurenz:
China ist nun nicht unbedingt das, was wir unter "Bildung" im europäischen Sinne verstehen und ich frage mich, wie die dort mit dem medialen Zappel-Philipp-Problem umgehen.

PS: Bin selber nebenberuflich auch als Dozent tätig und habe dann Leute, die alle die Schule und z.T. schon eine Ausbildung hinter sich haben, vor mir. Da steht man regelmäßig erst einmal vor einer "Wand" von aufgeklappten Laptops bzw. Leuten, die nur den Kopf geneigt haben (vermutlich, weil sie auf ihr Smartphone schauen). Solche Situationen zu "knacken" und zu einer Art von Unterricht und Wissensvermittlung zu kommen, ist nicht einfach, zumal der zu vermittelnde Stoff größer ist als die Zeit, die einem zur Verfügung steht. Gut, es gibt da den einen oder anderen didaktischen Kniff - aber eigentlich schade, dass man zu so etwas greifen muss, damit selbst Erwachsene (!) mal ein zwei Stunden zu hören - für Kurse, die sie selber wollen, da sie den entsprechenden Abschluss haben wollen.

dreamingplanet7
8. Februar 2019 13:01

@Laurenz

Also ich muss schon sagen: Ihre ganze Schreibe trieft vor Totalitarismus.
Wir brauchen die totale Einheitsschule und ich fuehle mich besser wenn auch Winfried Kretschmanns Kind das erdulden muss...
Und wer dem entfliehen will den machen wir Staatenlos.

Nee in der Welt will ich nicht leben das hatten wir schon zu oft.

Maiordomus
8. Februar 2019 14:01

@Laurenz. Sie fallen mit ihrer These hier etwas aus dem Rahmen, da Sie über die antiken Mysterienreligionen mit ihrem Bezug zum Christentum, von einem Althistoriker namens Sonnabend (2018) neuerdings recht lesbar dargestellt, noch gründlicher aber von meinen ehemaligen Lehrern Walter Burkert und Karl Kerenyi, keine historisch-kritischen Grundlagenkenntnisse ins Feld führen können und sich wohl auch über keinen der repräsentativen Autoren und Texte in der Geschichte der Theologie auf historisch-kritischem Niveau ausgewiesen haben. Um in ein Seminar von Walter Burkert (ich habe in der Weltwoche den Nekrolog auf ihn geschrieben) aufgenommen zu werden, musste man ein Akzess-Examen mit sprachlichen und historischen Grundlagen bestehen. Nicht dass dies für eine Beteiligung an diesem Blog Bedingung wäre. Es ist aber klar, dass bei ihrem Nachbeten von fixen Ideen, eine Ihnen verschlossene Vergangenheit betreffend, die jahrelange Beschäftigung mit Originaltexten nie ihr Lebensinhalt geworden ist, was man vielleicht an den von Ihnen womöglich zurecht kritisierten "Pseudo-Akademikern" im Einzelfall vielleicht kritisieren muss. Ihre resistent ignorante Aussage über den angeblichen mysterienreligiösen Bolschewismus der Antike würde Sie in jedem akademischen Zusammenhang disqualifizieren. Was Sie über den Zwang zu einem rein staatlichen Schulwesen absonderten, kann man noch weniger ernst nehmen als Ihre persönlichen Anwürfe an das Ehepaar Sommerfeld. Dass Sie für akademische Diskurse unqualifiziert scheinen, ist meines Erachtens aber nicht ein persönlicher Anwurf, sondern ein Befund.

PS. Unter "Akademiker" verstehe ich in diesem Zusammenhang weniger Naturwissenschaftler als hauptsächlich diejenigen, die sich im Zusammenhang der Themen, worauf sich Ihre Behauptungen beziehen, im Sinne des Humanismus lebenslang mit den Originalquellen wenn möglich in der Originalsprache, befassten. Dies gilt für die antiken Mysterienreligionen genau so wie zum Beispiel für Rousseau und die Französische Revolution. (Dasselbe galt und gilt auch für Forschungen betr. den GULAG und die Lagersysteme des 3. Reiches, ausser dass dort vielleicht im Einzelfall chemische oder andere forensische empirische Nachprüfungen praktisch oder wenigstens theoretisch möglich wären oder möglich gewesen wären, was indes bei archäologischen Untersuchungen antiker Fundstellen ebenfalls nicht ausgeschlossen zu sein braucht.)

LotNemez
8. Februar 2019 14:30

"Kinder wollen ganz natürlicherweise etwas leisten und gefordert statt nur gefördert sein."

Ein klasse Beitrag! Die Herleitung über das ursächliche Menschenbild halte ich, nicht nur den Bildungsbereich betreffend, für basal.

Dem entgrenzten Verhalten der Kinder mit einer entgrenzten Pädagogik zu begegnen, grenzt an seelische Gewalt.

Eine Anekdote dazu: Eine Bekannte arbeitet als DAF-Lehrerin mit Migrantenkindern. Sie berichtete einerseits von täglich wachsender Unruhe in der Klasse, relativierte dies andererseits regelmäßig und notorisch mit dem erlernten Ressourcen orientierten Blick auf die Talente ihrer Schüler. Eine Haltung, die ja an sich, solange sie nicht ausschließliche Handlungsmaxime bleibt, Sinn macht. Ein Lehrer, der nicht an seine Schützlinge glauben kann und nurmehr Dienst nach Vorschrift tut, ist zu bedauern.

Ihm ist aber nicht die Schuld zu geben. Er ist letztlich Gefangener und Erfüllungsgehilfe einer bonhommistischen Agenda, der jeder Bezug zur Realität fehlt, die ihre Protagonisten regelrecht mit wirklichkeitsfeindlichem und dadurch inhumanem Gedankengut vergiftet. Lehrer wie Schüler sind Opfer dieser Indoktrination, sitzen in einer Falle, aus der sie sich selbst nicht befreien können, da ihre Unmündigkeit nur zum Teil selbst verwuldet ist.

Zurück zu meinem Beispiel: Nach einer besonders aufreibenden Sitzung kamen 4 Jungs zu meiner Bekannten um ihr Ideen für ein konsequenteres Bestrafungssystem zu unterbreiten. Ihrer Meinung nach könne das nicht so weiter gehen. "Frau X, Sie müssen strenger sein!" Die Jungs hatten konkrete Vorschläge mitgebracht, die sie davor miteinander abgestimmt hatten und über die nun verhandelt wurde. Einer führte während des Gesprächs von allein Protokoll! Die Kinder sind in der 4ten Klasse. Kommentar meiner Bekannten: "Sie betteln förmlich um die Peitsche." Die Vorschläge werden jetzt umgesetzt. ;)

Maiordomus
8. Februar 2019 15:12

Nachtrag zu den abermals aufgenommenen Thesen über das frühe Christentum: Das in meinem letzten Beitrag genannte Buch von Holger Sonnabend, Prof. für Alte Geschichte an der Universität Stuttgart, trägt den Titel:
"Triumph einer Untergrundsekte - Das frühe Christentum von der Verfolgung zur Staatsreligion" (Freiburg 2018). Das Buch ist keineswegs mit apologetischer Absicht geschrieben, wie es bei früheren kirchengeschichtlichen Werken zumal aus dem Schoss der Theologischen Fakultäten einst der Fall war. Der Autor versucht zu erklären, warum sich das Christentum gegen die Hauptkonkurrenz, die ihm innerlich verwandten orientalischen Mysterienreligionen des Mithras-Kultes und des Kultes von Sol invictus, durchsetzen konnte. These: Eine konsequente Missionstechnik, nicht zuletzt aus der Tradition von Paulus entwickelt, wohingegen die Anhänger der anderen Mysterienreligionen dazu neigten, ihre Lehre würde sich ohne konsequente Mission von selber durchsetzen. Auch mit dem Martyrium, dem Opferstatus, wurde von den Christen systematisch Propaganda betrieben, was am Ende in der Familie des zunächst allen Mysterienreligionen zugeneigten Soldatenkaisers Konstantin den Ausschlag gab und im 4. Jahrhundert trotz oder gerade wegen der Episode von Julian dem Abtrünnigen zur Durchsetzung des Christentums als Staatsreligion in der Epoche des Kaisers Theodosius führte. Die frühen Christen waren wie einst Josef und Jesus (aus einer Nazarener Unternehmerfamilie mit mutmasslich vornehmer Abstammung) keine proletarischen Klassenkämpfer, sondern massgeblich in die römisch-griechische Oberschicht integriert.

Was Rousseau betrifft, so hat derselbe gemäss Albert Schweitzer wie nur wenige Autoren, so lange vor ihm Erasmus von Rotterdam, zur Humanisierung des Christentums beigetragen. Der bis heute literarisch brillanteste Text einer Art von liberaler Theologie ist nach Schweizer der im 3. Band der Erstausgabe von "Emile" integrierte "Confession de for d'un vicaire Savoyard", einer der konsequentesten Versuche, das Christentum in eine Art humanitäre Ethik zu übertragen. Meines Erachtens ist dies Rousseau besser gelungen als etwas später Lessing mit Nathan dem Weisen, welcher Text viel stärker sich vom Christentum absetzt und betreffend Islam bis heute übliche Verharmlosungen und Illusionen in die Welt setzt, wohingegen die frühen Diskurse von Rousseau durchaus "islamophobe" Akzente setzen. Sowieso ist das Glaubensbekenntnis des Savoyardischen Vikars in keiner Weise polemisch formuliert und als behutsame Anpassung des christlichen Glaubens an die Moderne im Grunde geschickter formuliert als 200 Jahre später das 2. Vatikanische Konzil. Eine Revolution der Ethik bei Beibehaltung zum Beispiel der traditionellen Liturgie, in welcher Sache auch die grossen Repräsentanten zum Beispiel der russischen Orthodoxie kaum Kompromisse mit der Moderne geschlossen haben. Selber verfüge ich über die Erstausgabe des "Emile", von welchem mir der 3. und 4. Band seit je besonders kostbar geblieben sind. Wiewohl ich Rousseau keineswegs durchwegs zustimmen mag, spricht es nicht gegen ihn, dass er im Vergleich zu herkömmlichen Theologen, Philosophen und Pädagogen sich schriftstellerisch auf einem fast unvergleichlichen Niveau bewegt. Dasselbe gilt analog für die Originaltexte von Platon, welcher nach Erasmus von Rotterdam ein gepflegteres Griechisch schrieb als der Heilige Geist im Neuen Testament. Selbstverständlich wurde Rousseaus "Emile", und zwar hauptsächlich wegen des 3. Buches mit dem Glaubensbekenntnis des Savoyarden, postwendend vom Papst auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt, was aber in Frankreich und in den Niederlanden einen beträchtlichen Werbewert mit sich brachte. Das Buch spielte bemerkenswerter Weise auch eine Rolle für die Prinzenerziehung der Kinder von Marie Antoinette und Ludwig XVI. und wurde u.a. vom blitzgescheiten Politiker Talleyrand seinerseits mit Begeisterung gelesen. Dieser Mann würde heute seine Kinder auf keinen Fall auf eine öffentliche deutsche Schule schicken.

Michael B.
8. Februar 2019 15:43

> Ich persönlich halte Home-Schooling für den Ausnahmefall. Denn manchmal muss man sich als Lehrer auch "unbeliebt" machen

Wo liegt hier ein Widerspruch vor? Eltern koennen haerter und weicher sein als Lehrer, 'Selbstqual' koennen sie ebenfalls fordern oder eben nicht. Zumal viele Modelle durch die natuerlich in einer Person meist existierenden Beschraenkungen nicht ausschliesslich auf die Eltern als Lehrer beschraenkt sind. Das ist aber schon die naechste Locke, dazu muss man erst einmal eine grundsaetzliche gesellschaftliche Akzeptanz dieser Lehrart entwickelt haben.

Ich meine uebrigens auch nicht, dass durch homeschooling alle Lehrprobleme und/oder diese gar in grossem Massstab geloest werden. Es ist eine Facette, die ich gern legalisiert haette. Wer sie ausfuellen kann, soll die Chance dazu haben. Im deutschsprachigen Raum ist sie durchgehend (?) illegal, in vielen 'nativ' englischsprachigen Laendern ist sie es - graduell (in den USA sogar auf Bundesstaatebene verschieden) - nicht.

RMH
8. Februar 2019 17:51

@Michael B.

Ich bin auch für die Legalisierung von Home-Schooling.

Caroline Sommerfeld
9. Februar 2019 00:07

@RMH: Großartiger Vorschlag! Diese Idee vereint nämlich Realisierbarkeit (vor dem Hintergrund des realexistierenden industrialisierten Schulsystems) mit dem Steinerschen "Epochenunterricht" und Montessoris "Erdkinderplan" und Petersens "Gemeinschaftsschule". Darf ich das klauen und für mein Erziehungsbuch noch etwas daran herumdenken?

Laurenz
9. Februar 2019 09:22

@Frau Sommerfeld ...ganz frisch, hier finden Sie Sich wieder. https://jungefreiheit.de/debatte/kommentar/2019/der-grosse-graben/

Das mag insofern relevant sein zu lesen, weil es sich weder mit Reichsideen, noch mit Freimaurer-Schriftsätzen und Christenphilosophie beschäftigt, sondern die realen Probleme unseres Volkes beschreibt. Wer gewählt werden will, sollte hier vielleicht schlüssige Lösungen anzubieten haben.

@die Redaktion ...... hier permanent den persönlichen Angriffen von manchen Leuten ausgesetzt zu sein, die imaginäre Kumpels haben, die man auch nicht sehen kann, ist im Netz üblich. Üblich ist aber auch, Contra zu geben zu können. Aber die Wiedereinführung der Inquisition und ihrer virtuellen Kerker auf Sezession ist angesichts der permanenten Gejammers über die Deutungshoheit der Junta in Berlin & ihrer Schergen schon recht bigott.

Nichts gegen persönliche spirituelle Wahrnehmungen, aber siehe hier Zitat - Die frühen Christen waren wie einst Josef und Jesus (aus einer Nazarener Unternehmerfamilie mit mutmasslich vornehmer Abstammung) keine proletarischen Klassenkämpfer, sondern massgeblich in die römisch-griechische Oberschicht integriert. -Zitatende manche Protagonisten könnten therapeutische Zuwendung vertragen. Das hört sich einfach ungesund an, wenn man laut liest. Ich frag mich, wie manche Leser und Foristen des Wahnsinns fette Beute ernst nehmen können?

Michael B.
9. Februar 2019 11:29

Erschien passend gerade auf sciencefiles (die ich sonst wenig schaetze):

https://sciencefiles.org/2019/02/08/unterrichtspflicht-ist-nicht-gleich-schulpflicht-und-deutschland-kein-liberales-land/

Als Unterpunkt: In der Schweiz und Oesterreich scheint homeschooling doch moeglich zu sein.

RMH
9. Februar 2019 17:57

@Caroline Sommerfeld

Gerne! Ich denke, irgendwo wird irgendjemand so etwas in der Art sicher auch schon mal gedacht und aufgeschrieben haben. Meine Inspiration für das, was ich "Klausurwochen" im Schulischen nenne, stammt übrigens aus dem Bereich von Auszubildenden für einen Beruf - dort werden entsprechende Konzepte zum Einstieg in das erste Lehrjahr mittlerweile häufiger durchgeführt (das wird auch von kommerziellen Anbietern angeboten), aber eben oft nur 1 mal 1 Woche zu Beginn der Ausbildung und nicht häufiger, was aber sicher besser wäre. Auch in der gewerblichen Ausbildung haben die Betriebe mittlerweile damit zu kämpfen, dass junge Menschen sich nicht mehr richtig auf eine Sache konzentrieren können bzw. ständig aufs Smartphone schauen müssen. Zusätzlich dazu habe ich an meine eigenen Aufenthalte im "Landschulheim" gedacht (mussten wir damals in 3 Jahrgangsstufen hin), die zwar nett waren, die man aber auch besser hätte gestalten können und die in der heutigen Zeit sogar wertvoller sein können, als damals (mein damaliges Landschulheim existiert noch und liegt sogar angenehmerweise in einem sog. "Funkloch").

Franz Bettinger
9. Februar 2019 19:38

@Laurenz: Es ist ja vor allem dieses ur-christliche "Liebe Deine Feinde"-Gebot, das Sie und mich in Rage bringt, vor allem, wenn der Pöbel bei Demonstrationen "Unser Kreuz hat keinen Haken" grölt und den AfD-lern kollektiv die Pest an den Hals wünscht. Da kann man sehen, wie weit es mit der christlichen Feindesliebe de facto her ist. Träfe man hingegen tatsächlich auf einen, der aus Liebe zum Feind zum Opfer bereit ist, der also seine Wohnung mit Fremden teilt und nicht die Allgemeinheit für seinen Welcome-Spaß und Humanismus zahlen lässt, würde ich das respektieren.

Okay, nennen Sie "das" Christentum verlogen, nennen Sie es antiken Bolschewismus. Ich sehe es ja auch so, aber ich reite nicht mehr darauf rum. Wenn es Christen Kraft gibt, sollten Atheisten diese nicht in dem Moment schwächen, wo sie dringend gebraucht wird. Die HKL darf nicht aus dem Blick geraten!

Warum verfallen wir nur immer reflexartig in Religions-Polemik und verärgern ausgerechnet das kleine Trüpplein, das sich mutig mit dem System und seinen Amtskirchen anlegt, weil es was von der epochalen Auseinandersetzung begriffen hat, die aktuell im Gange ist: dem Clash eines aggressiven Islam mit einem trägen, feige gewordenen, lau badendem Christentum, in dem die Woelkis, Käßmanns und Bedfort-Strohms ihr Unwesen treiben. Deren Pseudo- Ethik zu attackieren, hieße aber doch nur, diese Charakter-Larven ernster zu nehmen, als sie es verdienen. Zurück zu SiN: Warum einen Nebenkriegsschauplatz eröffnen, statt im Streit jeden Mann und jede Frau um sich zu scharen?!

Wir modernen Menschen tragen jeden Tag intellektuell etwas von dem ab, was früher schlicht geglaubt wurde. Das ist in Maßen notwendig, um voranzukommen und nicht barbarischem Abergauben zu verfallen. Aber mir war stets bewusst, dass solcher Erkenntnisgewinn vielfach mit emotionalen Verlusten erkauft wird. Die Wenigsten lassen sich durch rationale Motive steuern. Für viele sind religiöse Sicherheiten eine Lebenshilfe; es macht sie stärker. Andere sind oft schwächer, die durch "Aufklärung" etwas verloren haben, das mehr war als nur eine Illusion. Wieviel von dem, was wir (scheinbar oder wirklich) sicher wissen, bringt uns tatsächlich auf eine höhere Stufe, und wieviel verbaut uns einfachere, intuitiv zu findende Wege?!

Es kommt nicht von ungefähr, dass viele, die ich aus der Oppositionsszene kenne, religiös motiviert handeln. Götz Kubitschek geht jedes Jahr mit seinem Sohn eine Woche zu Exerzitien in ein Kloster, um seinen geistigen Akku neu zu laden. Ich kenne in meinem Bekanntenkreis einige, deren christliche Fundierung sie nicht davon abhält, den Konflikt mit den entgleisten Oberen ihrer Kirche zu wagen. Das imponiert mir.

Zudem ist das mit dem Hohen Lied auf die Wissenschaft so eine Sache. Wie viel unberechtigte Hoffnung enthält doch der Glaube an eine angeblich durch Vernunft zu steuernde Welt? Spätestens alle 50 Jahre haben wir in den Naturwissenschaften, der Medizin, ganz zu schweigen von der Psychiatrie, neuen Dogmen, die frühere Koryphäen als Trottel erscheinen lassen.

Richtig, es hat nichts Albernes, sich die (christlichen) Mythen realistisch auszulegen. Aber seien wir ehrlich: Die Mythen heute noch ins Lächerliche zu ziehen, wo unser Gegner nicht mehr die Inquisition ist, hat auch etwas von Aufklärungs-Obsession. Beschränken wir uns lieber drauf, andere nach ihrer Facon selig werden zu lassen. Und ja, ich weiß, wie unbarmherzig Religiöse gerade auch umgekehrt mit uns Atheisten umgehen (teilweise auch hier auf SiN). Deshalb an alle: Gnade!

Weltversteher
9. Februar 2019 19:38

Michael B., RMH:

Heimunterricht ist in Österreich durchweg erlaubt. Man meldet sich bei der zuständigen Verwaltung vom Schulunterricht ab und muß schuljährlich eine Überprüfung bestehen (sicherlich nicht mit "1"). Beim Nichtbestehen wird man schulbesuchspflichtig.
Ein Wechsel von der einen in die andere Form ist (formal) jederzeit möglich.
Sinngemäß gilt dies auch für einige Kantone der Schweiz.

Weltversteher
9. Februar 2019 19:45

Laurenz:

Sie mögen ja mit ihren Betrachtungen von Bruchstücken der materiellen Geschichte soviel recht haben, wie Sie nur wünschen. Indes, das Christuswesen ist seit zweitausend Jahren in der Welt und ermöglicht uns allerhand.
Daß mancherlei machtgierige und rückständige Egoismen sich auch der dazugehörigen Narrative seither zu bemächtigen versuchen, kann jeder abschütteln, der sich mit eigener Wahrnehmung in seine Zeit stellt.

Urwinkel
9. Februar 2019 22:24

Na klar! Heimuntericht. In-Oder muss' ich zuerst den Spinnen erzählen wohin sie sich zuverziehen haben, bevor es auf sie knallt. Gespenstisch anmutende Spinnen fragen nicht nach Bildung.

Urwinkel
9. Februar 2019 22:42

Des 'Wahnsinns-fette Beute'-Protagonisten kümmern mich nicht weiter, Das sind sind hauptberuflich Irrsinnige.

..

@A. Walter

dreamingplanet7
10. Februar 2019 10:48

@Laurenz

Also falls Sie sich auf meinen Kommentar beziehen mit persoenlichen Angriffen und imaginaeren Kumpels...
Das ist falsch, ich bin ein stiller Mitleser und kein Zweitaccount oder so etwas. Nur gestern fand ich Ihren Ton einfach daneben.
Und dabei belasse ich es, hier ist kein Ort fuer diese Zankereien.

Maiordomus
10. Februar 2019 11:16

@Laurenz. Ich habe nicht geschrieben, die Nazarener Oberschichtfamilie des Tektons (Bauunternehmer) Joseph (nach den freilich diesbezüglich umstrittenen Evangelientexten von äusserst vornehmer, sogar königlicher Abstammung) sei in die griechisch-römische Oberschicht integriert gewesen, was nämlich gemäss dem Buch von Sonnabend über die Durchsetzung und den Erfolg der christlichen Sekte hauptsöchlich für die sozialen Verhältnisse im alten Rom bestätigt wird. Ein Befund, der sich für das römische Frühchristentum über weite Strecken bestätigt. Aber natürlich war auch Paulus, der faktische Begründer des Christentums als Weltreligion, vgl. abermals das Buch von Sonnabend und weitere Forschungsliteratur. Statt aber von Inquisition zu schwafeln, würden Sie besser dieses Buch lesen, weil man sich schliesslich für eine anständige Debatte einigermassen auf dem Stand der Wissenschaft bewegen sollte. Sie können schwerlich bestreiten, dass Sie keine historisch-kritischen Forschungen diesbezüglich angestellt haben und nichts publiziert haben über Mithras, Sol invictus und die Durchsetzung des Christentums im 4. Jahrhundert, welcher Befund ja keine Schande bedeutet und keine persönliche Beschimpfung. Meine ersten auf Lokalkenntnis beruhenden Forschungen zu diesem Thema trug ich an der Universität Zürich beim Altphilologen Wehrli 1969 vor, recherchierte wie Carsten Peter Thiede auch in den Museen von Jerusalem und Meggido. Wenn Sie hier mal etwas nachgearbeitet haben, können Sie dann wieder mit dem Vorwurf der Inquisition kommen. Es ist keine Schande, über kein Spezialwissen zu verfügen, peinlich nur, wenn man es dank Ignoranz trotzdem besser wissen wollte. Ich selber kann nicht Chinesisch, weswegen ich mich also nie unterstehen würde, meinem einstigen Kollegen Harro von Senger am Zeug zu flicken. Es hat auch nichts mit Inquisition zu tun, wenn ich annehme, dass Sie die wissenschaftlichen Voraussetzungen für eine Teilnahme an einem Seminar von Prof. Walter Burkert mutmasslich nicht erfüllt hätten. Was mich selber betraf, konnte ich jedoch in Sachen notwendiger Kenntnis der Papyrologie nie mit Carsten Peter Thiede auf Augenhöhe mitreferieren, ohne dessen Grundlagenwerke über das frühe Christentum in Palästina man aber seinerseits nicht ganz auf dem Niveau der Forschung steht. (Was nicht heisst, dass Thiedes Deutungen immer stimmen müssen; aber mit Ihren Voraussetzungen, Laurenz, kann einer gewiss nicht bei einer wissenschaftlichen Debatte mithalten.)

Maiordomus
10. Februar 2019 13:11

@Laurenz. "Des Wahnsinns fette Beute". Der Beruf von Josef war gemäss Originaltext in der Originalsprache, die Sie nun mal wie die weiteren Grundlagen zur Einschätzung des frühen Christentums nicht gelernt haben, "tekton", Baumeister, Architekt, herkömmlich oft mit Zimmermann übersetzt, wiewohl Holz bei weitem nicht das einzige Baumaterial war. Es stimmt aber Laurenz, dass Sie auf diesen Zeilen wie kaum ein zweiter ein sektiererisches extrem quellentextwissenbefreites Antibildungsniveau repräsentieren, weswegen ich mich hauptsächlich wegen ernst zu nehmenden Intellektuellen wie Herrn Bosselmann und Frau Sommerfeld hier abermals und eher ausnahmsweise wieder zu Wort gemeldet habe. In den nächsten Monaten warten, wie im Dezember gesagt, andere Aufgaben auf mich, so dass Sie Ihre kenntnisfreien Thesen über das Christentum dann wieder eher ungestört weiterverbreiten können, sofern es Ihnen überhaupt irgendeiner hier abnimmt. Sie sollten die Leute in diesem Blog nicht unterschätzen.

Holger Sonnabend: Triumph einer Untergrundsekte. Das frühe Christentum von Verfolgung zur Staatsreligion. Freiburg 2018.

heinrichbrueck
10. Februar 2019 21:38

@ Franz Bettinger
"Religions-Polemik" deshalb, weil die Religion ihre frühere Legitimation eingebüßt hat. Was können auch laue Christen, der Religiösität des Islam entgegensetzen? Also fehlende religiöse Legitimation plus "Unser Kreuz hat keinen Haken". Und ab diesem Punkt wird es natürlich lächerlich, denn es paart sich Schwäche mit Ignoranz. Solche Christen haben nicht die geringste Überlebenschance, sie verteidigen ihren Untergangsmultikulturalismus, den sie unter Umständen mit dem Abendland verwechseln. Diesem Glauben haftet ein ganz anderes Risiko an, nicht mit früheren Jahrhunderten zu verwechseln, als das Wissen und der Schutz den Herrschaften überlassen werden konnte. Wer jetzt schläft, wird umgevolkt. Wird eine scheinbare Sicherheit vorgetäuscht, müssen die Leute nichts mehr wissen wollen. So können die Schlafschafe - mit eigener Hilfe - beseitigt werden. Um seine Feinde besiegen zu können, muß man wissen (wie). Die Feinde zu lieben, aus dem Kontext gerissen, hört sich in unserer Sprache ziemlich bescheuert an. Der Glaube kann das Wissen nicht (mehr) ersetzen. Wissen allein reicht aber auch nicht. Eine exakte Forschung (Naturwissenschaft) ist nur dann möglich, wenn die Weltanschauung nicht totalitär ist, sich mit den Ergebnissen wandeln kann und nicht der Forschung Vorschriften macht. Könnte das Fundament zerstört werden, anders ist dieser Vernichtungsangriff gegen das Volk nicht zu verstehen, was ich im Augenblick noch nicht glauben kann, hätten die Feinde gewonnen, weil sie ihre Werkzeuge richtig eingesetzt und bedient hätten, und nicht aus anderen Gründen. Der christliche Gott hat bestimmt nichts dagegen, daß es echte Deutsche auf diesem Planeten gibt.

FrankaFrey
10. Februar 2019 23:02

Tut nichts zur Sache!
Ich schaue wie immer hier nur beiläufig vorbei und amüsiere mich besonders über @majordomus. Sie scheinen das dringende Bedürfnis zu haben, sich mit Ihrer Bildungshuberei immer unbedingt an die Spitze setzen zu müssen. Ich bewundere Sie sehr dafür, dass Sie mit 11 oder 12 Jahren (wahrscheinlich direkt hinter der elterlichen Wursttheke) mit Ihrer Rousseau-Forschung begonnen haben und da Sie mindestens 20 Jahre älter sind als der Durchschnitt der Foristen, wird Ihnen hier zu Ihrer Genugtuung niemand jemals das Wasser reichen können.
Da einigen hier rein statistisch noch die Hälfte des zu erwartenden Lebens bevorsteht und sie sich damit noch nicht in der vermeintlich glücklichen Lage befinden können, „lebenslang“ zu Ihren Lieblingsthemen geforscht zu haben, sollten diese Menschen hier wohl auch nicht mitreden dürfen.
Wer wird im Übrigen seine Lebenszeit damit verschwenden, eine 24 bändige Rousseau-Ausgabe zu lesen? Das machen Menschen, die entweder ihr eigens Leben für so unwesentlich halten, dass sie davon leben, die Leben anderer nachzuleben oder -denken oder solche, die unter der Angst leiden, irgendetwas nicht zu wissen, was man vielleicht wissen sollte und darum oft nicht fähig sind, auch nur einen einzigen eigenen Gedanken zu fassen.
Es grüßt Sie eine in Ihren Augen sicherlich äußerst mangelhaft gebildete Hausfrau, die sich trotz allem erdreistet, selbst zu denken, Ihrer Meinung nach jedoch in diesem Forum wahrscheinlich nichts verloren hat.

Franz Bettinger
10. Februar 2019 23:29

Lieber @Majordomus, ich möchte Sie auf einen grundsätzlichen Gedankenfehler hinweisen. Man braucht keinesfalls Heinrich Kramers Hexenhammer oder Samuel Hahnemann gelesen zu haben, um über Hexen Bescheid zu wissen oder um etwa die Homöopathie aus dem Sattel zu schießen. Schon wenige, von Vorkenntnissen nicht getrübte Überlegungen reichen aus. Ihre immer wieder aufgestellte Forderung, man könne nicht mitreden, wenn man nicht wenigstens dieses oder jenes gelesen und studiert habe, ist falsch, wenn Sie's zum Prinzip erheben. So kann man auch zu vernünftigen Aussagen über den Islam kommen, ohne Arabisch gelernt und ohne den Koran vollständig gelesen zu haben. Sie können sich sogar zu medizinischen Fragen vernünftig äußern, ohne das Fach studiert zu haben. Diese Peitsche sollten Sie also endlich mal wegpacken.

Wir wissen alle hier, welch profundes Wissen Sie sich auf vielen Feldern ein Leben lang (und im Gegensatz zu den meisten Forsten SiN's hauptberuflich) angeeignet haben. Das ist lobenswert, aber diese Tatsache immer wieder als Hauptwaffe gegen Einzelne von uns ins Feld zu führen, ist es nicht. Es ist stattdessen billig. Haben Sie denn keinen Lektor? (Ich würde Ihnen gern dazu meine Frau ausleihen; die macht das prima; zwar immer erst gegen meinen Zorn; aber dann setzt sie sich easy gegen meine Eitelkeit durch.) Denn wir schreiben nicht für uns, wir schreiben für andere! Die sollen es verstehen. Die will man weiterbringen. Wenn auf SiN sachliche Argumente vorgetragen werden, dann antworten Sie doch bitte auch sachlich.

Wenn uns - aber auch allen Generationen vor uns - Josef und Jesus als arm (geboren im Stroh in einer Krippe) und als Zimmermänner vorgestellt wurden und Sie dann mit Holger Sonnabend um die Ecke kommen und rufen "War alles ganz anders, ihr Idioten!", dann ist mir das zu wenig und vor allem: Es überzeugt mich nicht, auch wenn Sie's mit "tectos" schmücken oder gar beweisen wollen. Das ist zu wenig. Die Frage ist doch: Ist die Curie Jahrhunderte lang zu blöd gewesen, "tectos" richtig mit "Architekt" und "Krippe und Stroh" mit "Businessclass und Daunendecke" zu übersetzen? War er nun arm oder reich, der Nazarener? Wer hat jetzt recht und warum? Butter bei die Fisch, oder lassen Sie's ganz.

RMH
11. Februar 2019 09:18

"Wer wird im Übrigen seine Lebenszeit damit verschwenden, eine 24 bändige Rousseau-Ausgabe zu lesen?"

So etwas nennt man landläufig Forschung und ein Forscher wird genau das tun, wenn er qualifizierte Aussagen zu Rousseau machen will bzw. Forschungsergebnisse liefern will. Wenn andere tagaus tagein irgendwelche Schnitte durchs Mikroskop anschauen, um dabei Medizin, Biologie oder sonst was voran zu bringen, ist das dann auch verschwendete Lebenszeit?

Oder all dieser Dissertationsdilettantismus (Thomas Bernhard dixit), der Tag aus Tag ein durch die Republik durch Rigorosa abgesegnet wird und worauf dann insbesondere Politiker ganz besonders stolz sind?

Verwechseln Sie also bitte nicht den interessierten Laien mit Leuten, die so etwas beruflich oder aus Berufung oder auch nur um der Karriere und des Scheins wegen zumindest ernsthaft tun (für Faker gilt meine Apologie natürlich nicht!).

Für einen Blog wie diesen hier genügen allerdings durchaus nur Grundkenntnisse bis blanke Meinungen, um mitdiskutieren zu können, wir sind hier ja bei keinem Forscherkongress. Dennoch sollte man es anerkennen, wenn der eine zu dem einen oder anderen Thema fundierter etwas aussagen kann, als der andere. Hier wird schließlich nicht das Weltschicksal entschieden und keiner bricht sich einen Zacken aus der Krone, wenn er etwas anerkennt oder auch einmal etwas eigenes als Fehler zugibt.

Laurenz
11. Februar 2019 12:02

@RMH .... wer an 24 Bänden Rousseau gearbeitet hat, muß auf anderen Gebieten gewaltige Lücken aufweisen, richtig? Eine gewisse Weltfremdheit hilft da auch weiter, richtig? Denn der Tag hat nur 24 Stunden, die Woche 7 Tage usw.
Fachidioten sind vielleicht wohlfeil nötig, um die Essenz von der Masse des Unwichtigen zu trennen, aber man überläßt den Fachleuten doch nichts, schon gar keine das Fach übergreifende Schlußfolgerungen zu ziehen oder gar Entscheidungen zu treffen. Das macht der mit halb-, viertel- und zweiunddreißigstel-Wissen gesegnete Generalist doch lieber selbst. Denn dafür ist er ja auch General oder Generalist. Mit Verlaub, die Welt ist doch viel zu groß, um sie den Rocksenkeln Rousseaus oder Voltaires zu überlassen. Mit der Enthauptung Robespierres kann man Rousseau dann historisch auch abhaken. Um den bornierten inneren Widerspruch von Liberté, Égalité & Stupidité zu verstehen reicht es durchaus aus, als Hausfrau oder gar als Taugenichts durch ein erfülltes Leben zu schreiten.

Maiordomus
11. Februar 2019 13:06

@RMH. Die 24 Bände Rousseau müssen Sie nicht lesen, wiewohl er ein angenehm lesbarer und nun mal literarisch begabterer Schriftsteller war als zum Beispiel Kant und Hegel, welche sich trotzdem lohnen, wiewohl es mehr Anstrengung kostet. (Im Gegensatz zu Ihrem überschätzten Thomas Bernhard, Stifter scheint mir ergiebiger, vgl. Arnold Stadlers "Mein Stifter").

Hingegen wenn Sie als Gelehrter öffentlich behaupten wollen, Rousseau hätte irgendwas mit der heutigen Gender-Pädagogik zu tun oder generell mit dem Bologna-Hochschulbetrieb oder auch nur mit dem, was man heute Gymnasialbildung nennt, dann sollte man sich zuvor wenigstens mit dem Rousseau-Kenner Prof. Heinrich Meier auseinandersetzen sowie vielleicht den "Emile" und wohl Pestalozzi studieren. Mit einem Vierteljahr Verzicht auf YouTube und Internet und Fernsehen können Sie die Hauptwerke Rousseaus bequem lesen und Sie hätten keine "Lebenszeit verschwendet", vielmehr solche gewonnen!

@Bettinger. Natürlich sollte man Koranarabisch können, um zum Beispiel als Islamwissenschaftler diskurstauglich zu bleiben. Auf glaubwürdige Vertreter dieses Fachs wären wir diesbezügliche Laien durchaus angewiesen. Meine eigene Publikation von 1989 "Fundamentalismus - eine neue Bedrohung?" zu diesem Thema war leider nicht Spitze. Es ging um die vor 40 Jahren installierte islamische Revolution im Iran (im heutigen neuesten Blog durch einen Spezialisten interessant kommentiert, da kann ich was lernen). Was ich damals schrieb, war eine Gebrauchspublikation für die damalige Zeit. Ein politologisches Institut wollte von mir eine Einschätzung des Bedrohungspotential des Islams, welches ich zwar nicht verharmloste, aber doch für eine Art Irenismus (Primat des Friedens vor Kritik) plädierte, wie es der Hans Küng nahestehende Literaturwissenschaftler und Theologe Karl-Josef Kuschel heute noch handhabt.

Im letzten Halbjahr las ich einerseits das lehrreiche und lesenswerte Buch von Karl-Josef Kuschel, "Die Bibel im Koran", welches aber meines Erachtens schwerwiegende Probleme mit dem gegenwärtigen Islam weitgehend ausblendet; wohingegen die Bücher von Thilo Sarrazin, die ich stets als informativ zur Kenntnis nehme, die ganz praktischen Probleme mit einer islamisch infizierten "multikulturellen" Gesellschaft nun mal kompetent ansprechen. Niemand wird diesem Autor politische Naivität vorwerfen. Bei Sarrazin liegen aber unbefriedigende theologische Kenntnisse, bei Kuschel nicht ausreichende politische Analysen wohl auf der Hand. Am besten liest man beide und handhabt ihre Ergebnisse komplementär.

Eine unentbehrliche und ausgezeichnet unterrichtete Informationsperson über den Iran war indes noch zu seinen Lebzeiten der hier auch schon dann und wann genannte Achmed Huber, von dem ich aber klar wusste, dass seine Informationen, wiewohl in der Regel zutreffend, jeweils einen Parteistandpunkt signalisierten. Desgleichen studierte ich die Forschungen des Schweizer Islamwissenschaftlers Fritz Meier einerseits und von Annemarie Schimmel andererseits, weil es sich lohnt, die islamische Mystik kennenzulernen; wobei ich aber die letztere Dame im politischen Bereich nie ganz zum Nennwert nehmen konnte. Im Gegensatz zum in Lausanne lebenden Rechtshistoriker Sami Aldeeb, einem Islamkritiker, der in dieser Hinsicht und an konkreter Detailkenntnis einiges mehr drauf hat als Sarrasin und Kuschel, welche aber trotzdem eine andere Liga darstellen als der Durchschnitt der sich hier zu Wort meldenden Blogger. Das Beispiel des Beitrages des heute bei Sezession zu Wort kommenden Iran-Spezialisten beweist jedoch, dass bei Sezession von einer idiotischen Islamophobie nicht die Rede sein kann. Wiewohl, bei durchaus weiterführender Grundanalyse auf der Basis von Carl Schmitt, einiges von iranischen Wirklichkeit ausgeblendet wurde. Selber hatte ich übrigens mal einen muslimischen Schüler, der sich in seiner Einleitung zu seiner Maturaarbeit äusserte, er wolle "Vorurteile" gegen das islamische Recht ausräumen. Dies hielt ihn nicht davon ab, unverfroren als Titelblattgrafik an einem Baukran aufgehängte persische Homosexuelle zu präsentieren, was für ihn offenbar mit zu einer vorurteilsfreien Darstellung der islamischen Justiz gehörte. Auch wurde im Hinblick auf die Verhörmethoden ein Richter zitiert, der erklärte, im Koran sei es nirgends verboten, Verhöre (unter welchen Methoden?) die ganze Nacht hinzuziehen, wenn sie der Wahrheitsfindung dienten. Wie auch immer, es lohnt sich, die Sachen etwas genauer anzuschauen, wobei sich nach etwa zehn Jahren mit der Sache halt dann ein gewisser Wissensvorsprung gegenüber Biertischmeinungen ergibt.

Was die Debatte über das Christentum betrifft und die These, es sei quasi der Bolschewismus der Antike gewesen, wäre es wohl das Minimum, sich nach dem neuesten Forschungsstand zu orientieren. Das von mir genannte Buch von Sonnabend kann ich Ihnen zwar durchaus empfehlen, weil es verhältnismässig kurz und knapp das Grundwissen über die Durchsetzung des Christentums auf dem Hintergrund der antiken Reichsgeschichte aufzeigt und vor allem klar macht, warum sich die dem Christentum verwandten Mysterienreligionen wie Mithraskult und Kult von Sol invictus nicht durchsetzen konnten, wobei ich zu diesem Zweck unbedingt noch das archäologische Museum von Strassburg aufsuchen würde, weil man sich dort wie fast nirgends nördlich der Alpen über den Mithraskult schlau machen kann. Auch über die Epoche von Kaiser Konstantin gibt es heute hervorragende weiteführende Quellenforschungen. Das Himmelszeichen, welches der Kaiser am Vorabend der Schlacht bei der Milvischen Brücke (312) gesehen hat, war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das Zeichen des Sol invictus und wurde erst später als Christus-Zeichen interpretiert. Darüber schrieb ich vor 6 Jahren ein Beiheft zu einem Mithras- und Helena-Oratorium, zu welchem ich überdies den Text verfasst habe, bei einem Arbeitsaufwand von immerhin einem halben Jahr.

Für den Fall, dass Sie sich ernsthaft - jenseits dogmatischer Festlegungen - mit dem frühen Christentum befassen wollen, empfehle ich Ihnen ein weiteres Buch, das ich dieser Tage fertig gelesen habe:

Robert Knapp: Pilger, Priester und Propheten. Alltag und Religionen im Römischen Reich. Amerikanische Erstausgabe 2017, deutsche Übersetzung 2018 bei Klett-Cotta.

Erfreulich ist, dass Robert Knapp, übrigens ein Forscher aus meiner Generation mit der nötigen jahrzehntelangen Belesenheit antiker Autoren, einigermassen konsequent auch die Forschungsergebnisse meines einstigen Lehrers Walter Burkert in sein sehr gut dokumentiertes Buch integriert. Zu den Mysterienkulten sind sie nun mal ohne dessen Standardwerk "Antike Mysterien: Funktionen und Gehalt" , München 1990; wobei Burkert zu meiner eigenen Studienzeit schon das Buch "Griechische Religion der archaischen und klassischen Epoche", Stuttgart 1977, schrieb. Für die Frühgeschichte des Christentums unentbehrlich bleibt natürlich noch unentbehrlich "The Cambridge History of Christianity. Origins to Constantine "(Cambridge 2006) und für eine weiterführende Diskussion zur Bibelkritik beinahe Pflicht "Jesus and the Eyewitnesses: The Gospels as Eyewitness Testimony", Grand Rapids 2006. Das wichtige Werk betont zu Recht die Bedeutung der Zeugen der ersten Tage des Christentums. Dieser Forschungsstand ist nun dank Robert Knapp seit 2018 mit seriöser Zitierweise, Tabellen, Karten, Illustrationen zugänglich. Wer es aber schon immer gewusst hat, weil an Aufklärung über die Religionen nicht interessiert, soll hier weiterhin seine fixen Ideen präsentieren. Ich stelle an Sie, Herrn Bettinger, die gleichen Ansprüche wie an Herrn Bosselmann, Rousseau betreffend. Damit unterstreiche ich, dass ich Sie ernst nehme. Selber lasse ich mich von Ihnen gerne belehren über alle Fachgebiete, in die Sie sich eingearbeitet haben.

PS. Ich weiss sehr wohl, dass wir hier in keinem wissenschaftlichen Seminar sind. Werden jedoch laufend unqualifizierte Pauschalurteile wiederholt, muss ich das genau so zurückweisen wie etwa den von Dietrich Schwanitz als "Allgemeinwissen" verbreiteten Unsinn.

Maiordomus
11. Februar 2019 14:57

@Klar, kann man nicht alles gelesen haben. Aber auf die Standardwerke des für die Religionswissenschaft wegweisenden neueren deutschen Altphilologen, Walter Burkert, darf im Hinblick auf spätantike Religionsgeschichte ebenso verwiesen werden wie auf Heinrich Meier, bezüglich Rousseau. O h n e Burkerts Hauptwerke, "Antike Mysterien: Funktionen und Gehalt", "Griechische Religion der archaischen und klassischen Epoche" sowie "Homo necans", wo es einigermassen schauderhaft um die religiöse Opfer-Metzgerei geht, fehlen Grundlagen zur Einschätzung der spätantiken Religionsgeschichte und damit auch der Entstehung des Christentums. Darauf baut der von mir empfohlene amerikanische Althistoriker Robert Knapp wesentlich auf.

Mit der Hinrichtung Robespierres, der mit Rousseau etwa so kompetent Propaganda machte wie Alfred Rosenberg mit Meister Eckhart, endete die Wirkungsgeschichte Rousseaus so wenig wie diejenige von Karl Marx mit Pol Pot, der aber immerhin den Marxismus (via die Brille Maos) studiert hat. Im Hinblick auf die deutsche Geistesgeschichte gilt, dass Rousseau nicht nur ein massgeblicher Erwecker von Friedrich Schiller war und von Kant ausgiebig zitiert wurde, sondern zumal vom eigentlichen Klassiker des deutschnationalen Denkens, Johann Gottlieb Fichte, begeistert zitiert wurde, so etwa die Nouvelle Héloise; auf Rousseau beruft sich Fichte mit der Programmschrift "Zurückforderung der Denkfreiheit von den Fürsten Europas, die sie bisher unterdrückten", die meines Erachtens heute wieder aktuell wird. Und im "Beitrag zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die französische Revolution" schlug Fichte seinerseits eine deutsche Revolution vor aufgrund eines naturrechtlichen Verfassungsdenkens, bei dem Rousseau abermals zum Zug kam. Der Beanspruchung Rousseaus für eine Ideologie des Nationalismus widersprach indes Franz von Baader. Die Gefahr, Rousseau für Schlagwortpolitik, zu welcher er mit seiner Formulierungskunst gelegentlich verführt, zu idiotisieren, blieb aktuell. Insofern möchte ich abschliessend, trotz meiner grundlegenden Kritik, dem oben geschriebenen Artikel von Heino Bosselmann keineswegs nur widersprechen. Rousseaus Tragik blieb, dass er als eine Art Bergwerk von Ideologen ausgebeutet wurde. Aber kaum einer unter diesen Ideologen nahm ernst, was ein Hauptanliegen Rousseaus blieb: die Freiheit als Mensch und die (konkrete) Selbstbestimmung als Bürger, wie zum Beispiel im Verfassungsentwurf von Korsika konzipiert und gemäss Heinrich Hössli in der Verfassung des Kantons Glarus von 1836 weitgehend verwirklicht.

Literaturhinweis: Fichte. Ausgewählt und vorgestellt von Günter Schulte, hrsg. von Peter Sloterdijk, Diederichs, München 1996.

Maiordomus
11. Februar 2019 17:11

@Franka Frey. Meine Beschäftigung mit Rousseau, wie auch mit einigen anderen Geistesgrössen aus der Geschichte meines Landes, begann nicht im Alter von 12 Jahren, sondern mit 6 Jahren: mit dem illustrierten Buch "Schweizer dienen der Welt". Nur sollte man nicht beim ersten Eindruck steckenbleiben. Ich muss hier niemandem etwas demonstrieren ausser klarmachen, dass man sich ohne Elementarkenntnisse nicht äussern sollte über Dinge, die man noch schlechter kennt als Schwanitz. Sonst kann man nämlich den von SiN erhobenen Anspruch einer intellektuellen Debatte nicht erheben.

Auf dem Niveau, wie sich zum Beispiel ein für das deutsche Geistesleben der Gegenwart repräsentativer Gelehrter wie Herwig Münkler erschreckend kenntnislos, ohne ernsthafte Lektüre und rein mit Wiedergabe persönlicher Ressentiments, über den toten grossen Gelehrten Sieferle äusserte, sollten wir doch weder über die Geschichte des Christentums noch über bedeutende Denker wie Rousseau diskutieren. Das wäre gerade nicht die geforderte geistige Alternative! Es gab auf dieser Seite schon recht konstruktive Versuche, die Sache, um die es jeweils geht, verstehen und vertiefen zu wollen, was nun mal das Bemühen um die Texte voraussetzt; hoffe beispielsweise, eines Tages noch mit Herrn Bosselmann zu einem persönlichen, vermutlich fruchtbaren Austausch gelangen zu dürfen. Der soeben erfolgten dringenden Mahnung meiner Übersetzerin eines in Jahrzehnten erarbeiteten Buches ins Niederländische, diese hier in oft unfruchtbares Gelände platzierten Beiträge einzustellen, werde ich nun aber hoffentlich ohne weiteren Rückfall nachkommen.

RMH
11. Februar 2019 17:15

@Laurenz,

wenn Sie schon 24 Bände Rousseau zur "Lückenvermutung" bei anderen Gebieten hinreist, was machen Sie dann eigentlich, wenn Ihnen bspw. einmal die kritische Studienausgabe der Werke Nietzsches von Colli-Montinari auf dem Schreibtisch flattert? Oder eine Werkausgabe von Goethe und/oder Schiller?

24 Bände sind also kein Maßstab - bin selber nur Generalist mit akademischen Abschluss auf ganz anderem Gebiet, aber wenn Sie bspw. mit 14, 15 Jahren mit gehaltvollerer Lektüre anfangen (was für die Verhältnisse im 19. Jhdt. oder früher schon recht spät gewesen wäre), dann haben Sie, bis Sie mal über 50 sind, so viel gelesen, dass sie von vielen, prägenden Dingen des Abendlandes zumindest eine eigene Leseerfahrung an der Quelle (was nach wie vor das Maß der Dinge im Sinne von "ad Fontes" ist - auch wenn man dann oft auch auf Übersetzungen als Normalbürger zurückgreifen muss, da einem die Sprachkenntnisse fehlen). Und das sollte ausreichend sein. Natürlich "bringt" einem das beruflich außerhalb irgendwelcher akademischer "Elfenbeintürme" nichts und klar denken sollte man in jedem Fall auch ohne solche Privatstudien können, von daher (zumindest in meinem Falle) glasklar, "Hobby" - hat aber den Vorteil, dass man bei manchen aktuellen Autoren recht gut erkennen kann, woher die Musik kommt, während selbst Leute, die ihre Rezensionen in maßgeblichen Zeitschriften veröffentlichen und damit zum Teil ihre Brötchen oder ihre Reputation verdienen, manchmal nur an der Oberfläche kratzen, ohne diese Töne auch nur wahrzunehmen. Aber wie geschrieben: Zum Leben braucht man es nicht zwingend. Und im Bereich des Politischen?
Nun gut, bei diesem Beitrag und in dieser Diskussion ging es ja um "Bildung" und zur "Bildung" gehören auch Studien an Originalquellen.

FrankaFrey
12. Februar 2019 16:57

@RMH
Ihr Forschungs-Argument bezüglich der 24-bändigen Rousseau-Ausgabe halte ich für ein sehr nettes aber doch übertriebenes In-Schutz-Nehmen eines Sich-Wichtig-Nehmers.
Natürlich muss ich alle 24 Bände der Gesamtausgabe und natürlich auch die 60 Briefbände durcharbeiten um festzustellen, dass Rousseau sich genau 12 mal und nicht 13 mal „suisse“ nennt. Man kann das freundlicherweise Forschung nennen aber dann bin auch ich Forscherin, wenn ich in meiner Küche beginne, die Erbsen zu zählen und bitte hiermit um Aufnahme in den erlauchten Kreis, um bei Gelegenheit die Mitforisten mit meinen Forschungsergebnissen nerven zu dürfen.

Lotta Vorbeck
12. Februar 2019 18:43

@FrankaFrey - 12. Februar 2019 - 04:57 PM

Warum muß der helvetische Hausmeier hier jeden, aber auch wirklich jeden Diskussionsstrang, ohne daß er dabei Wesentliches zum jeweiligen Thema beizutragen hätte, kaputtschreiben?

Was zum Höcke hindert ihn eigentlich daran - wie bereits mehrfach angekündigt - endlich, hoch droben in den Schweizer Bergen seine Lebensernte einzubringen?

Maiordomus
13. Februar 2019 21:55

@Franka. Frey. Ich beneide Sie um Ihrer Beschränktheit willen. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass es Ihnen beim Dummbleiben wohler ist, das muss man ehrlich zugeben.

Maiordomus
14. Februar 2019 11:54

@Lotta Vorbeck. Genau dies, was Sie schreiben, strebe ich an. A propos @"was zum Höcke": dass sich dieser nach eigenem Bekunden für den Mystiker und Paracelsisten Jacob Boehme interessiert und sich mit ihm beschäftigt zu haben scheint, sollte Ihnen zu denken geben. Dieser Umstand macht meine Achtung vor ihm aus: Er verfügt nun mal über ein geistiges und intellektuelles Profil. Ein nicht kleiner Unterschied zu einigen von hier, welche frei von den nun mal geduldige Arbeit erfordernden geistigen Grundlagen rechtes Sektenmilieu ad absurdum führen. Sehen Sie, @Frey, es ist nun mal keine Kleinigkeit, dass Rousseau sich um ein Dutzend mal ausdrücklich als "suisse" bezeichnete und sich stets in seinen Buchtiteln "Citoyen de Genève" nannte, wurde er doch von Nationalisten als Franzose beansprucht und verfügten und verfügen auch sehr Prominente, die sich auf ihn beriefen, wie etwa Robespierre und Marx, über keine Grundlagenkenntnisse, wie Rousseau die Volkssouveränität in der direkten Demokratie verstanden hat; durchaus als Repräsentant des Kleinstaates, der Stadtrepublik oder, wie im Falle Polens, eines noch überschaubaren Nationalstaates. Kommt dazu, dass Rousseaus Bekenntnis zur schweizerischen Nationalität belegt, dass Genf, formell erst 1815 Vollmitglied der Eidgenossenschaft, längst vorher sich als Teil der Schweiz verstand, ein nicht zu unterschätzendes Land der Freiheit als (heute bedrohter) Selbstbestimmung in direkter Demokratie. Vergleiche die bei der "Weltwoche" noch abrufbare einstige Titelgeschichte "Jahrhundertschweizer Rousseau".

Die sich hier aber äussernden Fanatiker, die noch stolz sind auf ihre dumpfe Unkenntnis von Gegebenheiten, mit denen sie sich nicht befasst haben, werden Deutschland nicht verändern und werden mutmasslich und hoffentlich auch nie als zurechnungsfähige Politik-Kandidaten auf die Liste einer glaubwürdigen Opposition aufgestellt. Dabei habe ich, Frau Vorbeck, nichts gegen Wortmeldungen in der Art von Kersti Wolnow bei der Jungen Freiheit, nur sollte man solche Bekenntnisse nicht mit strategischem Denken verwechseln. Ihnen allen alles Gute zum Valentinstag und tschüs!

PS. Jacob Boehme, der wohl nach Luther tiefsinnigste evangelische Christ Deutschlands, wird im kommenden Herbst ein Hauptthema an der Tagung der Deutschen Bombastus-Gesellschaft Dresden sein. Auch der für die Anfänge von SiN noch sehr repräsentative Gerd-Klaus Kaltenbrunner war wesentlich von dieser Art deutscher Geistigkeit geprägt. Sein Verstummen, Jahre vor seinem Tod 2011, blieb jedoch nicht ohne Folgen für die Weiterentwicklung der deutschen Rechten.

FrankaFrey
14. Februar 2019 20:33

@majordomus
Oh weh, da konnte jemand die Finger nicht vom Internet lassen und nun sind Sie so beleidigt, dass sie keine zwei vernünftigen Sätze hintereinander zu schreiben im Stande sind. Sie erwecken dadurch tatsächlich den Eindruck, als müssten Sie mich nicht um meine Dummheit und Beschränktheit beneiden, wobei ich mit dem Vorwurf der Beschränktheit durchaus leben kann - wer ist nicht beschränkt? - den der Dummheit aber weit von mir weise.