27. Februar 2019

Das war’s. Diesmal mit: Feminismus …

Ellen Kositza / 12 Kommentare

... auf der Opernbühne und was ich über Kubitscheks Sohn lesen mußte.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

25. Februar -- Gelegentlich wendet man sich, wenn nicht mit Grauen, so doch mit Unverständnis und einem gewissen Peinlichkeitsgefühl ab, wenn man rückblickt auf Dinge, die in der eigenen Jugend mal „Lieblings“ waren. Gegen manche Bücher, die mich damals geradezu in einen Rausch versetzten, lege ich heute mein Veto ein, wenn ich mit den Kindern in der Leihbücherei bin. (Von Kleidungsstilen und Schminkgewohnheiten ganz zu schweigen.)

Immerhin aber hatte ich in jüngeren Jahren eine „Lieblingsoper“ (die damals auch einer meiner ersten Kontakte zur „Hochkultur“ war), die es noch heute ist, Wagners Der fliegende Holländer.

Den schönsten Holländer sah ich vor wenigen Jahren in Oberammergau, den ärgsten (klar: immer noch spitze!) nun in Dresden. Eine Tochter hatte ihn mir wärmstens empfohlen. Diese Tochter kann Musik hundertmal fachmännischer beurteilen als ich. Sie hat mehr Opern und klassische Konzerte gesehen als ich in meinem ganzen Leben.

Manchmal fehlen ihr aber noch die Kategorien, zumal was die Regiearbeit betrifft. Hier hatte sie eingestanden, daß sie nicht alles komplett verstanden hätte, aber es sei ihr im Ganzen stimmig vorgekommen. Logisch, sie war thielemanntrunken!

Für mich war die Inszenierung (übrigens ohne Thielemann am Pult) nicht durchweg, aber weitgehend scheußlich: Die junge Regisseurin hat sich eine Rahmenhandlung ausgedacht, die den ganzen Holländer komplett zerfleddert.

In Wagners Holländer stürzt sich Senta von den Klippen, um dem seit je geliebten Holländer zu beweisen, daß sie treu sei bis in den Tod. In der Dresdner Inszenierung beginnt das Stück mit einer ausgedachten Beerdigungsszene. Senta (das alles begreift man nur, wenn man es ausdrücklich erklärt bekommt - immer ein schlechtes Zeichen!) reist zur Beerdigung ihres Vaters Daland an, mit dem sie (nach dem Willen der Regisseurin) zeitlebens ein "schwieriges Verhältnis" hatte. Während der Beerdigung holen sie Phantasiefetzen und Traumsequenzen heim: nämlich die „Holländergeschichte“.

Am Ende stürzt sich Senta natürlich nicht in den Tod, sondern packt nüchtern ihre Koffer – sie ist angekommen im Zeitalter des Feminismus.

Und: im zweiten Akt der „Chor der Spinnerinnen“. Hier ist er verkommen zu eine Masse identischer wasserstoffblonder Tussis in rosa Twinset, von denen jede die nächste sein will, die auf dem großen Bett ein Kind „werfen“ darf, wobei der Geburtsvorgang stets pietistisch durch ein straff gespanntes Leintuch verdeckt wird. Die Frau als Gebärmaschine, der Schoß ist fruchtbar noch, undsoweiter.

Meine Tochter, der ich berichte, staunt. Sie hatte das anders interpretiert („vielleicht wurden da nur die fünfziger Jahre auf’s Korn genommen?“), unter Bauchschmerze zwar - jetzt klärt sich‘s.

Heute, am Tage drauf, übrigens höre ich ausgerechnet im Bezahlfunk eine Opernkritik, die ein anderes Machwerk derselben Regisseurin verreißt. Hier geht es um die Premiere von Bedrich Smetanas Dalibor an der Frankfurter Oper: Heillos habe Florentine Klepper den Stoff in die Gegenwart (und in ein Fernsehstudio) verlegt, das Publikum fühlte sich „dummgehalten“ und buhte. Eigentlich kurios. Müßten gemäß aller Logik und allen Weltwissens nicht die Frankfurter jubeln und die Dresdner buhen? Kurz wankt mein Weltbild.

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26.Februar -- Als sich vor ungefähr 127 Jahren ein „Kopf“ wie Armin Pfahl-Traughber „uns“, also der Neuen Rechten widmete, war man beinahe gebauchpinselt. Oha, sie nehmen uns wahr! Mittlerweile ist klar: mit APT, „VS-Fleißbiene und Berufsaufpasser“ (Kubitschek), verhält es sich wie mit einer Klette, die am Hundeschwanz beharrlich hängenbleibt, wie wild er auch wedelt, wie brav er auch sei. Professor PT beobachtet seit ca. 127 Jahren in Treue und Pflichtbewußtsein all unsere Publikationen und äußert sich auf der Plattform blick nach rechts dazu.  Grad hat er die neueste Kaplaken-Staffel besprochen. Und nun die „Volk“- Nummer der Sezession:

Auch bleibt unklar, was ein deutsches, also ethnisch definiertes Volk konkret ausmacht. Es soll dabei ja nicht nur um biologische Aspekte gehen, man will ja keinen platten Rassismus huldigen. Darüber hinaus soll es um kulturelle Bestandteile gehen, aber welche sind damit genau gemeint? Dies konnten weder die Referenten Gauland und von Waldstein noch die Stammautoren Kaiser und Sommerfeld inhaltlich vermitteln. Es geht auch immer wieder durcheinander: Deutsche, Nation, Volk – soll das miteinander identisch sein, soll sich das irgendwie unterscheiden? Auffällig ist in den ganzen Beiträgen noch, dass aus der demokratisch und liberal geprägten reichhaltigen politischen Theorie kaum Volksvorstellungen thematisiert werden. Eine Ausnahme wären die Bezüge auf Heller und Lassalle in einem umdeutenden Sinne durch von Waldstein. Anschaulich zeigt sich darüber hinaus, dass die Denker der Neuen Rechten kaum klare Positionen zum Selbstverständnis haben.

Mein Fazit: Entweder (Faktor: 80%) heißt es: „Die Neue Rechte hat simple Antworten auf komplexe Fragen.“ Oder, wenn das definitiv nicht zutrifft: „Es fehlen klare Positionen.“

Das paßt ins Bild. Man will nicht mit Rechten reden - und lädt sie aus, weil die Rechten doch eh nicht reden wollen. Man sagt „unterkomplex“, wenn wir ein Dilemma mit einem Satz abbinden können. Umgekehrt bemüht man flexibel das Ockhamsche Rasiermesser: „Sie benötigen auffällig viele Herleitungen und Sätze, um ihre Position darzustellen!“

Meine Mutter pflegt zu sagen: „Wie mers macht, macht mers falsch.“

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28. Februar -- In den nächsten Tagen erscheinen zwei „tolle“ Bücher, die sich mit uns beschäftigen. Das eine ist ein „Satireroman“ von einem Bremer Mann namens Albig, der zuvor als Altenpfleger gearbeitet hat. In Zornfried geht es um ein Rittergut:

Dort versammeln sich die Vordenker einer Neuen Rechten: ein Dichter, dessen Texte von Blut und Weihe triefen, ein völkisch philosophierender Waldgänger, ein Filmemacher, der sich als böses Genie inszeniert, und eine Gruppe kämpferischer junger Männer. Von der Aussicht auf eine spektakuläre Reportage werden jedoch auch immer wieder Journalisten angelockt – die sich bisweilen gefährlich weit auf das Spiel der Burgbewohner einlassen.

Im Interview mit der WELT klagt Herr Albig:

Wenn es nach mir gegangen wäre, dann wäre auch Götz Kubitscheks Verlag keiner, mit dem man normalerweise in Berührung kommt. Aber da mussten leider Journalisten kommen und ihm Öffentlichkeit verschaffen.

Genau. Und dann kommen auch noch die „Schriftsteller“!

Das andere Buch wurde von zwei „Investigativjournalisten“ von der ZEIT geschrieben und befaßt sich mit dem „Netzwerk der Neuen Rechten“. Die hatten angefragt, ob Sie uns besuchen dürften. Hatten wir keine Lust drauf. Die beiden Männer erschienen uns ausweislich dessen, was sie in sozialen Netzwerken von sich gaben, nicht wirklich seriös.

Nun wimmelt dieses Buch , dessen Fahnen ich gelesen habe, von den herrlichsten Stilblüten und ulkigsten Fehlern. Eine davon betrifft unseren Sohn (den ich kenne) und einen anderen Sohn Kubitscheks, der sich mit unserem Sohn öffentlich prügelte und von dem ich nichts wußte. Kubitschek hat mich aufgeklärt, "alles gut".

Da das schwer investigative Werk aber erst in dreizehn Tagen aus dem Druck kommt, werde ich auch diese Blüte erst dann präsentieren.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Kommentare (12)

Fritz
27. Februar 2019 13:44

Ich weiß schon, warum ich nur noch in Konzerte gehe und nicht mehr in die Oper oder ins Theater.

Ein gebuertiger Hesse
27. Februar 2019 15:00

Haarsträubende Stilblüte, großartig kommentiert: die Gegenseite würde heutzutage nie einen Satz hinbekommen, dessen Sarkasmus einen solch lapidaren Haken schlägt wie der mit dem Sohn, den die Mutter - in einem Klammereinschub: Rabulistik deluxe! - "kennt". Runner wie Öl, Eins mit Sternchen.

Laurenz
27. Februar 2019 19:39

Interessant. Gut, daß in Künstlerkreisen der populären Musik keiner über Politik debattiert, außer diejenigen, die sich davon Subventionen erhoffen. Denn die nicht-subventionierte Kunst ist mittlerweile so arm, daß mehr oder weniger jeder auf den anderen angewiesen ist und man die notwendige Stimmung nicht mit Politik versauen will. Subventionierte Kunst, z.B. Oper, sollte vor allem den jeweiligen Zeitgeist zeigen. Wer meint, es müsse der Moderne entsprechen, hat die Muse grundsätzlich nicht verstanden. Bach und Vivaldi waren Rocker (Wagner wäre gern einer gewesen) und sie unterscheiden sich von Yngwie Malmsteen https://youtu.be/fFzdXxuj9Ek und Victor Smolksi nur lapidar, auch wenn die lebenden Protagonisten meist die aus dem Orient stammende Gitarre nutzen statt der Violine, was augenscheinlich schwieriger ist, wenn man die Mensur und Stimmung betrachtet. Ich bin Frau Kositza für diese Art von Artikeln außerordentlich dankbar, denn ich habe nicht gewußt, was es alles für Hanswurste in unserem Land gibt, die den abgewirtschafteten System-Protagonisten durch den wohl virtuellen Schließmuskel kriechen.

RMH
27. Februar 2019 22:32

Seitdem H. St. Chamberlain bei der Wagner Interpretation nicht einmal mehr in rechten Kreisen zu Rate gezogen oder gar nur erwähnt werden darf, ohne dass man sehr schnell "out" ist, gar rigoros geschnitten wird, ist mir die Freude am Regenerationswerk Wagners fast vergangen und schon gleich gar an öffentlichen Aufführungen davon oder Diskussionen darüber. Ich lege eben - wie vermutlich viele - im stillen Kämmerlein die ererbte Tonträgersammlung unter Verwendung einer echten HiFi-Anlage aus den 70/80ern auf und "I drink a German wine and drift in dreams of other lives and greater times" (D.i.J.)

U.a. auch an die Erinnerung an das "alte" Haus Wahnfried, in der es früher ein "tönendes Museum" gab und man sich alte Schallplattenaufnahmen abspielen lassen konnte und diesen im Saal, in welchem der berühmte Flügel Wagners steht, zu hören konnte. Lange ist es her …

https://www.youtube.com/watch?v=I_m7PN5sn1U

Im Übrigen überrascht mich, wenn ich etwas über heutige Wagner-Interpretationen lesen darf, nichts mehr.

Thueringer
28. Februar 2019 10:02

In das Buch "Zornfried" kann man bei Google Books hineinlesen. Dem Autoren muß ich zugestehen, daß er sich Mühe gegeben und schlüssige Parodien auf etwas geschaffen hat, dem ich im Original außer bei einigen schwülstigen Neofolk-Liedern jedoch kaum begegnet bin. Podiumsdiskussionen Gleich- und Gutgesinnter, in denen die ewig gleichen Phrasen fallen, scheinen ihm auch nicht sehr sinnvoll zu sein.
Um die weiteren viel zu klischeehaften (Satire darf alles!) Beschreibungen zu beurteilen, fehlt mir leider der EInblick in "Ritterburgen"…

Was »Das Netzwerk der Neuen Rechten« von Fuchs und Middelhoff angeht, halte ich das Ausschlagen eines Gesprächs für das einzig sinnvolle. Solche Leute, die sich ihrer Haltung so sicher sind, daß sie keinen Hehl daraus machen, welches Ergebnis ihr investigativer Journalismus hervorbringen wird, waren mir schon immer suspekt.

Augustinus
28. Februar 2019 17:28

OT
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Keine Ahnung, wo ich sonst meinen Unmut über PI äußern sollte.

Ich habe ganz vorsichtig bei PI die Authentizität eines auf Facebook aufgetauchten Dokumentes in Zweifel gezogen.

www.pi-news.net/2019/02/bunte-gehirnwaesche-jetzt-auch-schon-bei-den-kleinsten

Mein Kommentar wurde nicht akzeptiert.

Vielleicht haben die Linken ja sogar recht. Wenn auf einer popeligen Internetseite ein Kommentar mit einer leicht abweichenden Meinung unterdrückt wird, was drohte uns freiheitlich gesinnten Menschen dann, wenn autoritäre Typen wie Stürzenberger in Deutschland die Macht übernähmen?

dreamingplanet7
28. Februar 2019 23:39

@Augustinus

Jetzt muss ich aber doch fragen was am Stuerzenberger autoritaer ist? Ich nenne ihn ja gerne den Prediger in der Wueste und kann mir auch gut vorstellen das er endet wie Johannes der Taeufer... Bestimmt auch keiner mit dem man entspannt ein Glas Wein trinkt aber autoritaer?

Ellen Kositza
1. März 2019 11:05

Wie lustig das Zornfried-Buch ist, weiß ich nicht. Zum Lächeln ist jedenfalls dieses Radiointerview, in dem der Moderator sich vor Kieksen kaum einkriegt bei der Vorstellung, "Skinheads" würden diese Gedichte huldigen und sie sich ernsthaft vorlesen....
https://www.deutschlandfunkkultur.de/joerg-uwe-albigs-roman-zornfried-wie-man-rechts-dichten.1270.de.html?dram:article_id=442308

Augustinus
1. März 2019 11:25

@dreamingplanet7

Sie haben recht. In meiner Verärgerung habe ich bei meiner Wortwahl etwas überzogen. "Autoritär" nehme ich zurück.

Dennoch gehört Stürzenberger zu den Menschen, die nicht offen für andere Meinungen sind. Natürlich können die Macher von PI selbst entscheiden, welche Kommentare sie zulassen, schließlich ist das ihr BLOG. Ich verstehe nur nicht, wie man mit Andersdenkenden ins Gespräch kommen könnte, wenn man dasselbe verweigert.

Wäre es für einen Journalisten, der sich der Wahrheit verpflichtet fühlt, denn nicht besser, meine Kritik zu prüfen? Der Angelegenheit auf den Grund zu gehen und sich ggf. bei seinen Lesern zu entschuldigen?

dreamingplanet7
1. März 2019 19:34

@Augustinus

Also ich wuerde das mal nicht zu wichtig nehmen wenn bei einem Blog wie PI ein Kommentar nicht durchgeht, weiss der Geier wer das sichtet und wieviel derjenige tun muss...
Und das ein Stuerzenberger persoenlich das zu Gesicht bekommt wage ich zu bezweifeln...

Aber zu dem was Sie schreiben ueber den Diskurs moechte ich doch anmerken: Was erwarten wir denn? Das sie alle geneigten Kopfes zuhoeren und dann dem besten Argument folgen? Das war, wenn dann zu den wenigsten Zeiten so, normal ist das geschriehen wird: Haengen, Verbrennen, die Hexen, die Juden, Guillotine raus, zu allen Zeiten, schon immer, unter jedem Regime, ueberall...

Die Zeiten der Vernunft waren doch die wenigsten.

Und man muss den Linken schon anerkennen das sie jetzt wo sie keine Argumente mehr haben, es schaffen, die Bevoelkerung so zu stimulieren das das wiederkommt, man sehe jede Demo oder Debatte oeffentlich wie privat...

Die Fronten sind geklaert, viel Bewegung ist da nicht mehr, traurig aber wahr und das nimmt auch kein gutes Ende aber so wars ja nun schon immer zu allen Zeiten...

Augustinus
2. März 2019 17:07

Abschließender Kommentar zu diesem Thema:

Es ist ungewöhnlich, dass auf einem BLOG, für dessen Teilnahme das Studium von Kant, Hegel und Heidegger quasi Voraussetzung ist, es einen Kommentator gibt, der das Wort "dass" (mit zwei s) nicht kennt.

Vielleicht wollte sich jemand auf mein Niveau herabbegeben? Ich sehe das nicht etwa negativ ... nein, im Gegenteil, ich finde es sehr schön.

Womöglich hat aber dreamingplanet7 unklare Vorstellungen von den "einfachen" Leuten?

Was PI anbelangt, bin ich nicht persönlich betroffen oder geknickt. Für mich ist das nur ein Beispiel von vielen. Die von der Regierung kontrollierten Medien stellen die Wirklichkeit auf den Kopf. Es reicht für die Gegenöffentlichkeit bei der Wahrheit zu bleiben. Es müssen keine zusätzlichen Geschichten erfunden werden.

LotNemez
4. März 2019 00:20

Der Fliegende Holländer -
urspr. ein Seemannsgarn vom verwegenen Kapitän, dessen großer Ehrgeiz Schiff und Mannschaft und ihn selbst in eine Metawelt befördern, in der sie dazu verflucht sind, ad infinitum gegen den Wind zu kreuzen, unbestimmt, richtungslos.

Wagner nutzt die Sage meiner Meinung nach als Sinnbild für die seinerzeit widerstreitenden Kräfte der Republikaner und Monarchisten. Die Republik, bisher eine in den Köpfen Europas umher geisternde Idee, soll endlich auch in Sachsen an Land gehen, sich materialisieren, Gestalt annehmen. Der auch im Vaterlandsverein aktive Hofkapellmeister plädierte (im Dresdner Anzeiger vom 22.04.1848) für einen Kompromiss, der für das Königreich Sachsen die Umwandlung in eine parlamentarische Monarchie vorsieht. Diese dachte er sich allerdings lediglich als Zwischenschritt zur liberalisierten Republik einer ständelosen Gesellschaft. Er machte keinen Hehl daraus, dass sein Vorschlag auf den "Untergang des Königtums" hinaus laufe, wobei er diesen aber als seine "Emanzipation" umdeutete, da der Monarch immerhin in der neuen Ordnung vorkomme.

"Will aber der Sachse das Königtum, so leitet ihn zu allernächst die reine Liebe zu seinem Fürsten (...) es ist die volle warme Überzeugung der Liebe. Und diese Liebe, sie soll entscheiden, sie kann nicht nur für jetzt, sie kann ein für allemal entscheiden! Von diesem unsäglich wichtigen Gedanken erfüllt, rufe ich nun in mutiger Begeisterung heraus: Wir sind Republikaner. Wir sind (...) dicht daran, die Republik zu haben: Aber Täuschung und Ärgernis aller Art heftet sich noch an diesen Namen..." (v.a. die napoleonische Fremdherrschaft und auch bereits die Ideen des heraufziehenden Kommunismus, dessen Herrschaft Wagner prophezeit, sollte die Republik nicht auf den Weg gebracht werden) - weiter im Zitat - "sie seien gelöst mit einem Wort unseres Fürsten! Nicht wir wollen die Republik ausrufen, nein! Dieser Fürst, der edelste, der würdigste König, er spreche es aus: Ich erkläre Sachsen zu einem Freistaate!"

Für den Holländer ergibt sich damit folgende Symbolik:

Die Treue (in Gestalt des königstreuen Sachsen) legitimiert und beseelt den Monarchen (=Senta), seinerseits vor der Entscheidung stehend, die ihm die gesellschaftlichen Umbrüche stellen, den Sprung von der Klippe zu wagen und sich durch die Einlösung (Erlösung) der republikanischen Idee (in Gestalt des Holländers) für die Ewigkeit (=das neue Zeitalter) zu qualifizieren. Senta und der Holländer entsteigen „in verklärter Gestalt“ in der Ferne eng umschlungen dem Meer.

Der Name der unaufhörlich „Treue bis zum Tod“ schwörenden Senta verweist sicher auf die 'Sentimentale', in der Theatersprache das Rollenfach des empfindsamen, jungen Mädchens.

In einer möglichen, aktuellen Lesart erscheint daher Sentas Domäne als besinnungsloses Schwärmen für den mysteriösen "Fremdling" mit dem geheimnisumwitterten Migrationshintergrund, der nun das Gastrecht einfordert. Laut eigenen Angaben musste er aus seinem Vaterland fliehen. Seinen Pass scheint er auf seiner Odyssee verloren zu haben. Das alles ist natürlich furchtbar spannend. Erik, Sentas bisheriger Verehrer, kann da nicht mithalten:

Senta: Soll mich des Ärmsten Schreckenslos nicht rühren?
Erik: Mein Leiden, Senta, rührt es dich nicht mehr?
Senta: O prahle nicht! Was kann dein Leiden sein? Kennst jenes Unglücksel'gen Schicksal du? Fühlst du den Schmerz, den tiefen Gram, mit dem herab er auf mich sieht?
Erik: (...) Gott schütze dich! Satan hat dich umgarnt!

In beiden Deutungsvarianten steht der Holländer für das Transzendente, das verklärte, weit vor uns liegende Ideal, das seiner Einlösung harrt, die Bestimmtheit zu einem höheren Menschentum. Er steht für den größeren Kontext, Freiheit, Weite, Grenzenlosigkeit, nicht unbedingt für Buntheit (er trägt einen schwarzen Wams) jedoch - Globetrotter-Charme eines heimatlosen Kapitäns - für Weltoffenheit und den globalen Rahmen.

Ist es überflüssig, darauf hinzuweisen, oder doch nicht so offensichtlich? Jedenfalls: die patriotisch-vaterländischen Kräfte des 19. Jahrhunderts wirkten in ihrer Zeit nicht erhaltend sondern wollten umwälzen, einreißen, modernisieren. Leute wie (der junge!) Wagner waren die 68er ihrer Zeit. Natürlich war eine Umwälzung bitter notwendig. Wer würde schon gern zurück zur aufstiegsfreien Ständegesellschaft, wenn er selbst unten wäre?

Natürlich ist diese Oper schön und erhebend und ein Hochgenuss! Den Matrosenchor des 3ten Aufzugs liebe ich besonders. Ich möchte nur drauf hinweisen, dass damalige Protagonisten uns nicht als Konservative taugen können. Sie wollten wohl grob gesagt, was wir heute wollen aber sie steuerten auf einen Punkt zu, der heute längst überschritten ist. Die Bürgerrechte, die Gewaltenteilung, die nationale Souveränität... alles schon über dem Zenit. Wagner hoffte etwa auf „eine allgemeine große Volkswehr, nicht ein stehendes Heer“ Wo würde er heute stehen? Jemand mit diesem Überschuss an Idealismus würde vermutlich in der permanenten Revolution weiter voranschreiten wollen und ... weiß ich nicht... in einer operesken Inszenierung eine riesige Zuckerwatte-Gorch-Fogg zu 12-Ton-Musik von 88 nackten, geflüchteten, schwulen Matrosen verspeisen lassen - mit Messer und Gabel. „Ho! He! Je! Ha!“