Sezession
25. Juni 2009

Wo man singt, da laß dich nieder

Martin Lichtmesz

KottiEM2008-2In den Kommentarspalten der Blauen Narzisse finde ich folgenden Bericht eines Abiturienten:

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Heute auf dem Sportfest, bzw. in der Festveranstaltung danach: Aus den Lautsprechern tönt ausschließlich orientalische Dudelmusik – die Türken und Araber sind am abfeiern, ein paar Griechen und Deutsche gesellen sich hinzu.

Die überwiegende Mehrheit der Deutschen, aber auch andere Ausländer fühlen sich genervt, gar belästigt. "Sind wir nicht eigentlich in Deutschland, auf einem deutschen Fest?", so viele Aussagen, wie gesagt, nicht nur von Deutschen selbst. Gar die unpolitischsten Leute konnten hierzu – natürlich hinter vorgehaltener Hand – nicht mehr schweigen.

Die Lehrer standen daneben und sagten nichts. Das gleiche schon letzte Woche, auf unserem Abiball: Hochkonjunktur auf der Tanzfläche, als Orientalisches gespielt wurde – danach leerte sich der Saal.

Dazu eine Beobachtung vom letzten Sommer.  Am Abend des EM-Spieles zwischen Deutschland und Türkei zog ich mit einer Digitalkamera bewaffnet durch Kreuzberg. Eine unvergleichliche Spannung lag in der Luft, die Straßen waren leergefegt, alles saß gebannt vor den Bildschirmen, die in jeder Bar und jedem Lokal aufgepflanzt waren. Man spürte, daß es an diesem Abend um mehr ging, als bloß um ein Fußballspiel. Die türkischen Fahnen dominierten, ein paar Gutwillige hatten zweiseitige Wimpel hergestellt, die ich allerdings überwiegend in den Händen von Deutschen gesehen habe. Eingedeckt in Schwarz-Rot-Gold waren vor allem die Kurden vom Kottbusser Tor, die ständig versuchten, die Türken mit höhnischen Parolen zu provozieren. Die Spannung hielt buchstäblich bis zur letzten Minute, bis zum knappen Sieg Deutschlands.

Ich befand mich zu diesem Zeitpunkt am Kottbusser Tor, wo das Spiel auf einem Riesenschirm zu sehen war. Das Publikum saß davor in Stuhlreihen, wie vor einem Kino.  Die Stimmung war enorm angeheizt. Besonders die Türken waren außer sich vor nationalem Rausch. Als das Spiel zu Ende war, stand die Menge einen Moment still vor Enttäuschung. Gesenkte Köpfe, gesenkte Fahnen, Schweigen.

Doch der Kummer währte nicht lange.  Zwei Animateure, in die türkischen Nationalfarben gekleidet, sprangen auf die Bühne,  schwenkten die Fahne beider Länder, forderten zur Party auf, und nun dröhnte aus allen Lautsprechern türkische Mucke, kein "Güdüdül", sondern die mitreißenden Rhythmen, wie man sie etwa von türkischen Hochzeiten kennt. Sofort war alles auf den Beinen, erklomm die Bühne, faßte sich an den Händen, und Türken und Deutsche tanzten fröhlich drauf los. Nicht anders war das Bild in der Oranienstraße, wilde Volksfest-Stimmung, es schien fast, als ob nun doch Türken gewonnen hätten. Lediglich ein paar Kurden legten es darauf an, mit den Türken aneinanderzugeraten, was von der Polizei verhindert wurde.

Warum ich diese Geschichte erzähle, hat folgenden Grund: an diesem Abend wurde mir schlagartig bewußt, was für ein ungeheures Kapital die Türken in ihrer Musik haben. Folkloristische und traditionelle Elemente, poppig und discotauglich adaptiert, sind in der Türkei keine belächelte und altbackene, peinlich und albern anmutende Spartenerscheinung, wie in Deutschland und Österreich die (in ihren Grenzen freilich recht erfolgreiche) Volksmusik- und Schlagerfraktion. Sie sind wesentlicher Bestandteil des Mainstreams und des Nationalgefühls.

Die kulturell verarmten Deutschen jedoch haben keine moderne, massentaugliche, identitätsstiftende und -bestätigende Musik, die unverwechselbar "völkisch" ist, und mit der sie nicht nur sich selbst und ihre Siege feiern, sondern auch andere mitreißen könnten.

Die notorische kulturelle Xenophilie, die Sucht nach dem Fremden, Bunten, Multikulturellen der Deutschen, vor allem der Jungen, hat ihren guten Grund. Andere Völker, außer den Türken etwa die Spanier, Italiener, Iren und Russen, haben eine viel attraktivere, sich immer wieder erneuernde nationale Popkultur, auf die die Deutschen nur mit Neid und Minderwertigkeitskomplexen schielen können.

Das wurde mir auch neulich bewußt, als mich eine kroatischstämmige Freundin auf die in Berlin äußerst beliebte "Balkan-Beats"-Party mitnahm.  Die Ekstase und Begeisterung, die diese Musik unter den Besuchern - und nicht nur unter Russen und Jugos - erzeugt, ist unvergleichlich. Und das ist nur allzu verständlich. Hätten die Deutschen auch nur einen Funken einer solchen Kultur, einer nationalen Renaissance stünde nichts mehr im Wege.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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