Guillaume Faye ist verstorben – ein Nachruf

Guillaume Faye gilt noch heute als einer der bekanntesten Protagonisten der französischen rechten Publizistik. Nun ist er verstorben.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Faye wur­de 1949 im Süd­wes­ten Frank­reichs als Sohn einer ver­mö­gen­den Fami­lie des klas­si­schen Groß­bür­ger­tums gebo­ren. Nach einer kur­zen Trotz­pha­se als Schü­ler, in der er Begeis­te­rung für die »Situa­tio­nis­ten« auf­brach­te, wand­te er sich natio­na­lis­ti­schen Stu­den­ten­zir­keln in Paris zu.

Am renom­mier­ten Insti­tut d’étu­des poli­ti­ques (bekannt als »Sci­en­ces Po«), dem poli­tik­wis­sen­schaft­li­chen Insti­tut, am dem 50 Jah­re vor ihm auch Pierre Dri­eu la Rochel­le stu­diert hat­te, pro­mo­vier­te Faye 1973. Aber bereits drei Jah­re zuvor gelang­te Faye über Ver­mitt­lung des jun­gen rechts­re­vo­lu­tio­nä­ren Kaders Domi­ni­que Ven­ner in jene Krei­se, die weni­ge Jah­re spä­ter als Nou­vel­le Droi­te (Neue Rech­te) euro­pa­weit bekannt wurden.

Faye wur­de zu einem der Haupt­ak­teu­re des Grou­pement de recher­che et d’étu­des pour la civi­li­sa­ti­on euro­péen­ne, kurz GRECE, über­nahm die Lei­tung des ange­schlos­se­nen »For­schungs­se­kre­ta­ri­ats« und star­te­te – damals waren ent­spre­chen­de Kon­stel­la­tio­nen vor­über­ge­hend mög­lich – par­al­lel eine Kar­rie­re als Jour­na­list in den bür­ger­li­chen Medi­en Figa­ro und Paris-Match.

Bis heu­te wird Faye – spe­zi­ell in anti­fa­schis­ti­schen Ver­laut­ba­run­gen – als GRE­CE-Akti­ver gelis­tet, er ver­ließ die Stu­di­en­ein­rich­tung um ihren Motor Alain de Benoist aber bereits Mit­te der 1980er Jah­re, nach­dem er mit der ein­ge­schla­ge­nen Rich­tung der jung­aka­de­mi­schen Grup­pie­rung nicht ein­ver­stan­den war.

Eben­die­ses dezi­diert Aka­de­mi­sche stör­te nicht nur Ven­ner, der sei­ne eige­nen Wege – jen­seits Benoists – ein­schlug, son­dern auch Faye. Ihm fehl­te die real­po­li­ti­sche Erdung, der Drang zum All­ge­mein­ver­ständ­li­chen. Gleich­wohl zog es Faye nicht in Struk­tu­ren der Tages­po­li­tik. Statt­des­sen wirk­te er für etwa zehn Jah­re als Mit­ar­bei­ter fran­zö­si­scher TV-Sender.

Aus­ge­rech­net wäh­rend sei­ner poli­ti­schen Ent­halt­sam­keit wur­de Fayes Publi­zis­tik in Deutsch­land ein­ge­führt. Das noch heu­te lesens­wer­te War­um wir kämp­fen wur­de 1985 von natio­na­len Stu­den­ten in Eigen­re­gie über­setzt und ver­legt; die ent­schlos­se­ne Rede an die euro­päi­sche Nati­on als Ein Appell gegen die Bevor­mun­dung Euro­pas erschien sechs Jah­re spä­ter im Tübin­ger Hohen­rain-Ver­lag, des­sen dama­li­ge deutsch-fran­zö­si­sche Kern­mann­schaft sich in den 1980er und frü­hen 1990er Jah­ren um deutsch-fran­zö­si­sche Über­tra­gun­gen bemühte.

1997 zog es Faye nach zehn Jah­ren Absti­nenz zurück in die Poli­tik. Über die Ver­mitt­lung sei­nes Bekann­ten Pierre Vial, eines neo­heid­ni­schen His­to­ri­kers, der weni­ge Jah­re zuvor den völ­kisch-natio­na­len Kreis »Terre et Peu­p­le« gegrün­det hat­te, fand er schnell Anschluß an ver­schie­de­ne Grup­pen am Ran­de und rechts der Nou­vel­le Droi­te; es waren dies Grup­pen, die mit dem eth­nop­lu­ra­lis­ti­schen, natio­nal- und sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­ren Kurs von Alain de Benoist und sei­nen Medi­en – Nou­vel­le Éco­le, Kri­sis, élé­ments – wenig anfan­gen konn­ten und aus­drück­lich ras­sen­po­li­ti­sche Stand­punk­te erarbeiteten.

Inhalt­li­cher Dif­fe­ren­zen unge­ach­tet wur­de Faye erneut Mit­glied von GRECE, das als Sam­mel­be­cken der fran­zö­si­schen rech­ten Intel­li­genz für jeden Autoren schwer zu umge­hen war, der als Mul­ti­pli­ka­tor auf neue Reso­nanz­räu­me inner­halb non­kon­for­mer Milieus hoffte.

1998 leg­te Faye mit sei­nen erklär­ten Ansät­zen, »Evo­la mit Mari­net­ti zu ver­söh­nen« und ein archäo-futu­ris­ti­sches Zeit­al­ter nach der nahen­den »Kon­ver­genz der Kata­stro­phen« zu skiz­zie­ren, sein wohl bekann­tes­tes Werk vor: L’Ar­chéo­fu­tu­risme (eng­li­sche Arkt­os-Edi­ti­on: Archeo­fu­tu­rism) wur­de für jun­ge Rech­te West­eu­ro­pas zum – oft­mals indes nur als Schlag­wort rezi­pier­ten – Kultbuch.

»Archäo­fu­tu­ris­mus« besteht aus fünf poli­ti­schen Auf­sät­zen und einer Novel­le. Wäh­rend die Essays unter­schied­li­che Niveaus errei­chen – klu­ge Kri­tik am Gram­scis­mus von rechts hie, eso­te­ri­scher und eli­tis­ti­scher Reli­gi­ons­zu­gang da –, ist die Erzäh­lung emi­nent lesenswert.

»Ein Tag im Leben des Dimi­tri Leo­ni­do­vich Oblo­mov« ist nichts ande­res als Sci­ence-Fic­tion von rechts und will eine »Chro­nik archäo­fu­tu­ris­ti­scher Zei­ten« dar­stel­len. Obschon bekannt und beliebt, steht eine deut­sche Über­set­zung die­ser Novel­le eben­so aus wie im Fal­le der elf Fort­set­zungs­er­zäh­lun­gen in Archeo­fu­tu­rism 2.0, die 2016 – eben­falls bei Arkt­os – in eng­li­scher Über­set­zung vor­ge­legt wurden.

Das GRE­CE-Inter­mez­zo währ­te indes­sen nur kurz. Im Jahr 2000 schloß die Füh­rung um Alain de Benoist (und damals noch Charles Cham­pe­tier) Faye aus. Ein Text Fayes über die »Kolo­ni­sa­ti­on Euro­pas«, in der er sei­ne – mitt­ler­wei­le bekann­te­ren – Ansich­ten eines »wei­ßen Natio­na­lis­mus« ein­führ­te, gab den Ausschlag.

Faye wirk­te als frei­er Den­ker ohne eige­ne Orga­ni­sa­ti­on, was nicht bedeu­te­te, daß er anschluß­los ver­blieb: In Frank­reichs poli­ti­scher Rech­ten sind die Gren­zen durch­läs­si­ger, auch kras­se Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten und welt­an­schau­li­cher Zwist wer­den meist aus­ge­tra­gen, ohne daß per­sön­li­che Bezie­hun­gen dar­un­ter lit­ten, und die durch­aus vor­han­de­nen Trenn­li­ni­en zwi­schen »alter«/»harter« und »neu­er« Rech­ten wer­den expli­zit durch Inhal­te mar­kiert, nicht durch Kontaktverbote.

2007 wur­de die­se fran­zö­si­sche Beson­der­heit aber auf eine har­te Pro­be gestellt: Guil­laume Faye publi­zier­te sei­ne Schrift über La Nou­vel­le Ques­ti­on jui­ve. In die­ser Pole­mik über die »neue Juden­fra­ge« hol­te er zum Rund­um­schlag gegen aktu­el­le und ehe­ma­li­ge fran­zö­si­sche Weg­ge­fähr­ten aus; er wur­de gewis­ser­ma­ßen Solitär.

Neben Alain de Benoist traf es ins­be­son­de­re den heu­ti­gen natio­nal­re­vo­lu­tio­nä­ren Ver­le­ger Chris­ti­an Bou­chet und den links­na­tio­na­len Skan­dal-Akti­vis­ten Alain Soral mit vol­ler Breit­sei­te: Faye warf ihnen Appease­ment gegen­über der aus sei­ner Sicht größ­ten Bedro­hung aller Zei­ten – das sei der glo­ba­le Islam – vor. Er plä­dier­te für kämp­fe­ri­sche Soli­da­ri­tät mit Isra­el als dem zivi­li­sa­to­ri­schen, der west­li­chen Welt ent­schlos­sen vor­an­ge­hen­den »Boll­werk« gegen rück­schritt­li­che, isla­mi­sche Barbarei.

Es waren die­se dicho­to­misch arti­ku­lier­ten Posi­tio­nen als ideo­lo­gi­scher Syn­the­se zwi­schen (hier­zu­lan­de ope­rie­ren­den) Vul­gär-Anti­deut­schen und (bevor­zugt im US-ame­ri­ka­ni­schen Raum akti­ven) White Supre­ma­cy-Anhän­gern, die Faye in sei­ner zwei­ten poli­ti­schen Lebens­hälf­te bis zu sei­nem Tod stark mach­te: eine wei­ße, west­li­che, moder­ne Welt mit zivi­li­sa­to­ri­schen Errun­gen­schaf­ten einer­seits; eine rück­stän­di­ge, feind­li­che und isla­misch domi­nier­te Außen­welt ande­rer­seits (Chi­na, Süd­ost­asi­en oder Latein­ame­ri­ka sahen sich ignoriert).

Daß Faye wirt­schaft­li­che, sozia­le und öko­lo­gi­sche Fra­gen samt und son­ders in den Hin­ter­grund rück­te oder dedi­zi­d­iert negier­te, weil die kon­stan­te Aus­ein­an­der­set­zung mit dem schein­bar omni­prä­sen­ten Macht­fak­tor Islam alles über­la­ger­te, bau­te end­gül­tig unüber­wind­ba­re Hür­den zur dif­fe­ren­zier­ter und kom­ple­xer arbei­ten­den fran­zö­si­schen Nou­vel­le Droi­te auf, wäh­rend er in Tei­len der anglo­ame­ri­ka­ni­schen Sze­ne pro­mi­nen­ter wurde.

Eine deut­sche Rezep­ti­ons­ge­schich­te ist hin­ge­gen seit 1991 – als die Rede an die euro­päi­sche Nati­on erschien – nicht (mehr) geschrie­ben wor­den; für die Neue Rech­te der BRD, ein­schließ­lich für die­se Zeit­schrift und ihr meta­po­li­ti­sches Umfeld, spiel­te Faye schlicht kei­ne theo­rie­bil­den­de Rol­le, was frei­lich nicht aus­schlie­ßen soll, daß auch in Deutsch­land Ein­zel­per­so­nen jen­seits des Kom­ple­xes »Schnell­ro­da« Faye als Vor­den­ker für sich entdeckten.

Fayes ab der Jahr­tau­send­wen­de ver­tre­te­nen Ideen von Ras­sen- und Kul­tur­kampf als Schlüs­sel zur west­li­chen Selbst­fin­dung mün­de­ten final in einem Buch, das vor weni­gen Wochen erst in den Druck ging: Guer­re Civil Racia­le (Ras­sen­bür­ger­krieg) soll in eini­gen Tagen erscheinen.

Guil­laume Faye erlebt dies nicht mehr; er starb in der Nacht vom 6. auf den 7. März nach einer schwe­ren Krank­heit und hin­ter­läßt ein wider­sprüch­li­ches, dis­ku­ta­bles und doch – was den klei­ne­ren, bel­le­tris­ti­schen Part anbe­langt – über­dau­ern­des Werk.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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Kommentare (6)

Der_Juergen

7. März 2019 20:52

Ich habe Faye als kaustischen, hochintelligenten Gesprächspartner mit einer enzyklopädischen Kenntnis der französischen Rechten kennengelernt, von der er, mit Ausnahme des katholisch-traditionalistischen, alle Sektoren aus persönlicher Erfahrung kannte.

"Archeofuturisme" und "La Colonisation de l'Europa" sind Bücher von bleibendem Wert. Faye war mehrmals in Moskau; eine dortige Organisation erwog anfangs, ihn zum Führer oder Vordenker einer aus Russen und anderen Europäern bestehenden supranationalen Organisation weisser Nationalisten zu machen, was jedoch an seinen offenkundigen charakterlichen Schwächen und seinem nicht eben vorbildlichen Lebenswandel scheiterte. Mit seinem katastrophalen Buch "La nouvelle question juive", dessen Veröffentlichung er später lebhaft bedauerte, hat er sich jedoch ins Abseits gestellt und wurde fortan von vielen ehemaligen Mitstreitern gemieden. Trotz allem: Friede seiner Asche. Er war zu mehr berufen, als er dann tatsächlich geleistet hat, doch wird einiges von seinem Werk ihn überdauern.

P H

8. März 2019 06:26

@Der_Juergen - Gibt es für das "lebhafte Bedauern" der Veröffentlichung von "La nouvelle question juive" eine Quelle?

Der_Juergen

8. März 2019 08:38

P H

Ja, die Aussagen von Faye mir gegenüber in Moskau (vermutlich Oktober 2016), aber da müssen Sie mir einfach glauben oder nicht, denn ich habe kein Dokument dafür.

Benedikt Kaiser

8. März 2019 08:59

@PH, @Der_Juergen:
Ohne jetzt zu sehr auf dieses Thema zu fokussieren, aber das mündliche Bedauern im privaten Zwiegespräch kann von Faye natürlich auch so gehandhabt worden sein, weil er einen Standpunkt als konträr einschätzte und – als einsam gewordener Akteur – ggf. mal um Entspannungspolitik bemüht war. Daß sein gesamtes Konstrukt (ab 2000 ff.) vom freien Westen (samt möglichem, geostrategischem Partner USA und dem fortschrittlichen Leuchtturm Israel) als Bastion der weißen Zivilisation gegen all die nichtweißen Barbaren dieser Erde nicht (publizistisch) revidiert wurde, ist ja offenkundig. Es sei denn, im heute publizierten »Rassenbürgerkrieg«, aber alleine der Titel läßt das relativ unwahrscheinlich aussehen ...

Niekisch

8. März 2019 14:51

Bon camarade Guillaume,

Das ist die Kraft, die nimmer stirbt
und immer wieder streitet,
das gute Blut, das nie verdirbt,
geheimnisvoll verbreitet!
Solang noch Morgenwinde
voran der Sonne wehn,
wird nie der Freiheit Fechterschar
in Nacht und Schlaf vergehn!

(Gottfried Keller)

Du schriebst als letzen Satz in "Wofür wir kämpfen" "Eines Tages wird Apollo wiederkehren, und zwar für immer". Er nimmt Dich dann an die Hand, um die letzte Prophezeiung der Pythia zu Delphi zu erfüllen.

Solution

8. März 2019 18:21

Wer der französischen Sprache nicht mächtig ist, kann das Werk von Faye in der englischen Sprache lesen. Es ist in wachsendem Umfang bei Arktos zu haben.

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