Sezession
26. März 2019

Letzte Nation DDR?

Gastbeitrag / 40 Kommentare

von Heino Bosselmann ---  Die seltsame DDR, dieses verwachsene Kind des Kalten Krieges, mag die vorerst letzte Variante deutscher Staatlichkeit gewesen sein,

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die dezidiert und vehement noch Nation sein wollte.

Zu einer Zeit, als es die BRD gerade nicht mehr sein konnte, maßgeblich weil deren Jugend, verzärtelt von einem Luxus, den sie selbst nicht erarbeitet hatte, der radikalen Illusion einer alles nivellierenden Gerechtigkeits- und Multikultigesellschaft anzuhängen begann, ohne zu problematisieren, daß diese Umgestaltungen auf einem Ressourcenverschleiß basierten, der den ethischen Lippenbekenntnissen diametral zuwiderlief.

Deutschland sollte für diese neuen Hedonisten alles hergeben, ohne dabei noch deutsch zu bleiben. Alles Deutsche, ob geschichtlich oder kulturell, fand sich unter den Generalverdacht gestellt, für Faschismus und Nationalsozialismus prädestiniert zu sein.

Während die Westrepublik in Verbindung mit dem Weltmarkt mehr und mehr Bedürfnisse der zu Verbrauchern reduzierten Bürger erfüllte, verblieb die DDR zeit ihrer Existenz im Mangel, gerade weil er nicht durchweg selbst und nicht mal durchweg systemisch verursacht war.

Dieser Mangel hielt ihre Leute fit, körperlich wie geistig. Die Geburtenraten waren stabil; das Land erschien trotz ökonomischer Probleme und verfallender Innenstädte jung. Zudem blieb die abgeschottete DDR monoethnisch deutsch, ja provinziell, pflegte im „sozialistischen Vaterland“ die muttersprachliche Ausbildung der Heranwachsenden und widmete sich überhaupt aufmerksam einer sehr soliden „polytechnischen Bildung“ in „Schlüsseltechnologien“  – mit dem Ziel, in einer „Systemauseinandersetzung“ ingenieurtechnisch zu obsiegen. Hier ein eindrucksvolles und sehr aufwendig gearbeitetes Feature dazu.

Mitunter kurios wirkend und vom Westen diskriminiert und belächelt, hielt die DDR an ihrem bisweilen verbissenen Patriotismus fest. Und wenn der – wie im Leistungssport – des Dopings bedurfte, so setzte sie es eben ein. Sie verhielt sich in ihrer Not auch in anderer Weise clever, gerade wenn ihr die Sowjetunion wirtschaftliche Probleme aufbürdete.

Es mag komisch anmuten, welche Lieder gesungen und welche Gedichte rezitiert wurden, aber es wurden eben Lieder gesungen und Gedichte rezitiert. Und das kulturelle Erbe der reichen deutschen Geistesgeschichte hielt dieses Land schon deswegen hoch, weil es, sehr vermessen, sich nicht nur in dieser großen Tradition sehen, sondern sogar deren Vollenderin sein wollte.

Daß Weimar nun mal in der DDR lag, paßte ihr sehr ins Konzept. Man vermag diesen Anspruch nachzuvollziehen, wenn man sich die „Kinderhymne“ von Johannes R. Becher und Hanns Eisler ohne innere Überheblichkeit anhört. Ein anders Lied, in der DDR ebenfalls dauerpräsent, mutet heutigen Hörern in seinem Heimatbezug geradezu romantisch an, galt aber DDR-Hineingeborenen in seiner Aussage als selbstverständlich.

In gewisser Hinsicht – Schlichtheit, Verbindlichkeit, Pflichtgedanke – kann die DDR vielleicht gar als eine Karikatur Preußens gelten. Und sie übernahm eine vom Nationalsozialismus disziplinierte und militarisierte Arbeiterschaft, die die Stalinisten für sich rekrutierten, während im Westen weit mehr als die „freiheitlich rechtliche Grundordnung“ der forcierte Konsumismus – einerseits in Gestalt der „Wegwerfgesellschaft“, andererseits als adipöser Übergewichtskapitalismus – einen selbstgerechten Zusammenhalt im Überlegenheitsgefühl gegenüber den armen und sonderbaren Vettern im Osten ermöglichte, die ihre Lebensmittel noch in braunes Packpapier einschlugen und die den „Super-Markt“ nicht kannten. Ihnen schickte man Pakete mit Discounterwaren, sah sich als Gönner, hatte die Verwandten ansonsten aber grundsätzlich aufgegeben. Schon für Adenauer begann Asien an der Elbe.

Kaum jemand rechnete damit, daß es zuerst diese anderen Deutschen sein würden, die „in die Sozialsysteme“ einwanderten, so wie es in den letzten Kriegsjahren und kurz danach schon mal die eigentlichen Ostdeutschen – die etwa zwölf Millionen Pommern, Ostpreußen, Schlesier, Sudetendeutschen u.v.a. – gewesen waren, die im verbliebenen territorialen Restbestand zwangläufig eine neue Heimat zu finden versuchten, damals ähnlich als Fremde beargwöhnt wie später die Mitteldeutschen aus der DDR.

Daß viele Westdeutsche die DDR über Jahrzehnte als Feindesland angesehen hatten – wie auch umgekehrt -, das wurde allzu schnell vergessen. Sehr populär zudem der Irrtum, daß in Hamburg die genuinen Demokraten, elbabwärts in Dresden aber die politisch Ungebildeten lebten.

Man vergaß, daß die Linie zwischen beiden einfach von der Reichweite des sowjetischen Angriffs bestimmt gewesen war und nichts mit der Indoktriniertheit der einen im Vergleich zu Liberalität der anderen zu tun hatte, obwohl aktuelle Publikationen genau dies sogar nahezulegen versuchen und den Osten von jeher als Träger eines reaktionären Prinzips identifizieren möchten.

Die DDR wollte, bei aller ideologischen Überfrachtung, die besseren Ingenieure und Techniker hervorbringen, die dem Westen trotz dessen Ressourcen- und Weltmarktzugangs den Rang ablaufen sollten. Über der Sektion Informatik der TU Dresden hing das Transparent „Wir schlagen IBM!“. Daraus wurde nichts, klar, das mutet unfreiwillig sogar urkomisch an, aber es lag nicht primär an mangelnder ingenieurwissenschaftlicher Qualifikation, sondern an einem von außen oktroyierten ineffizienten System und daran, daß der Westen über die Cocom-Liste Know-how blockierte.

Auch der Kalten Krieg war nun mal ein Krieg. Die USA gewannen ihn; die Sowjetunion verlor ihn. Mit dem Sieger waren die Westdeutschen auf-, die Ostdeutschen mit dem Verlierer abgestiegen. Man kann das gut finden, mindestens erscheint es kausal zwingend; man sollte nur nicht vergessen, welche Kontexte und übergreifenden Zusammenhänge es gab.

Die DDR wollte Deutschland sein, und zwar sogar das bessere Deutschland, nicht zuletzt bestimmt von einem starken militärischen Wehrgedanken. Sicherlich, das alles mit sozialistischem Vorzeichen, wobei dieser „Sozialismus“ der sowjetischen Zwangsvereinnahmung geschuldet war, zudem verbunden mit der enormen Last fortdauernder Ausplünderungen und Tribute.

Zum anderen blockierte eine bornierte neustalinistische Nomenklatura erfolgversprechende Innovationen, die von Wissenschaft und Wirtschaft angeregt wurden. Aber es gab im Gegensatz zum Westen eine echte nationale Dynamik und im Mittelbau eine durchaus veritable geistige und wissenschaftliche Elite, die sich insgeheim der Sowjetunion und den „Brudervölkern“ gegenüber als überlegen ansah, weitgehend zu Recht.

Weil sie eine „sozialistische“ Nation sein wollte, kränkte die DDR-Führung nichts so sehr wie die Nichtanerkennung ihrer Staatsbürgerschaft durch die BRD. Ihr Ärger über die westdeutsche Nichtakzeptanz des Elbgrenzverlaufes in der Talwegmitte des Flusses paßt genau dazu. Jeder Meter war dem kleineren Deutschland wichtig, und zwar als der souveräne Staat, der es sein wollte, gegenüber der Sowjetunion aber nicht sein durfte und gegenüber der BRD nicht sein konnte, weil die sich – Noch! – als einzige deutsche Nationbegriff.

Mit den Geschehnissen der Wende waren die DDR-Bürger kurz die Helden. Mit der Währungsunion und Wiedervereinigung mußten sie sich jedoch als Teil der Konkursmasse im „Beitrittsgebiet“ verstehen und sich oberlehrerhaft erklären lassen, wie man richtig wirtschaftet, damit sich alles rechnet. Weil dies oftmals vormundschaftlich geschah, womit man von früher her nun mal ein Problem hatte, und weil man spürte, daß man die erhoffte Selbstbestimmung an die neuen Lokatoren mit dem dicken Zaster verlor, bildeten sich im Osten markante alltagskulturelle Reservate.

Der Vergleich mit den nach den Sezessionskriegen vom Norden dominierten Süden der USA ist mit Blick auf Verklärung und stille alltagskulturelle Resistenz nicht ohne Charme. Yankee-Ökonomismus und Rationalismus hatten zwar – wie stets – gesiegt, nur reichte das der Seele nicht. Ganz abgesehen davon, daß die DDRler erstaunt registrierten, in einem Staat angekommen zu sein, der sich mehr und mehr in einer „europäischen Integration“ aufzugeben bereit war und eben gerade keine Nation mehr sein wollte, sondern eine „bunte Republik“ im Kompromiß zwischen linksgrünem Neubürgertum und neoliberaler Wirtschaft.

Eine bunte Republik, überaus „tolerant“ gegenüber allen und jedem, ein Konglomerat aus Zuwanderung und selbsterklärtemWeltbürgertum, zudem u. a. auf französischen Wunsch erst die starke D-Mark und damit die Regulierung der Währung und dann immer mehr sehr wesentliche hoheitliche Rechte, letztlich sogar jene über die eigenen Grenzen, an „Europa“ abtretend.

Irritierend ferner, daß man sich eben nicht in der „Leistungsgesellschaft“ wiederfand, sondern wiederum in einer Art Sozialismus, der vor allem in der Bildungspolitik, im „öffentlichen Dienst“ und in den immensen Sozialtransfers deutlich wurde.

Und schließlich erwies sich die Berliner Republik als zunehmend ideologisiert und versammelte sich vom Unternehmer bis zum Linken und Grünen unter der Leitpropaganda „Gegen rechts, gegen Nazis!“, oft genug in dem Verdachtsmoment, daß „der Nazi“ insbesondere im Osten hauste, während man im Westen dank Umerziehung und Sozialkundeunterricht längst alle wichtigen Lehren aus der Geschichte gezogen hätte.

Pegida in Dresden, Abwehrverhalten in Bautzen und Cottbus, das Erstarken der AfD in den ostdeutschen Ländern, all das hat durchaus mit einem eigenwilligen Milieu aus der untergegangenen DDR zu tun. Schnellroda auch. Gerade diese Wiedergängerei stiller, aber zäher Resistenz stört – und will stören.


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MARCEL
26. März 2019 13:25

Der Wille zum Überleben war und ist im Osten unseres Landes größer. Dort waren auch die Gewalterfahrungen am Ende des Krieges schlimmer. Wer das durch hat, ist gegen Naivität gefeit. Dieser Wille zum Überleben findet seinen Ort in einer alltäglichen Solidarität (in und trotz der Bespitzelung), die es im Westen so kaum gegeben hat. Konsum, Bequemlichkeit und Amerikas Waffen (und seine Leitbilder!) ließen das nicht zu, außer als "Seelen-Deko"im Hinblick auf die Fernsten dieser Erde.

Auf Tichys Einblick schrieb einmal jemand, dass Ostdeutschland, würde man es lassen, heute wohl zu den Visegrad-Staaten zählen würde.

Imagine
26. März 2019 13:48

Herr Bosselmann, Sie konstruieren ein realitätsfernes Narrativ voller Ostalgie.

Die DDR war eine „sozialistische Sklavenhaltergesellschaft“. Sie musste ihre Bürger mit Todestreifen und Mauer gefangen halten, damit diese nicht weglaufen.

Das ist der entscheidende Unterschied zu Preußen.

In der DDR gab es keine nationale Identität. Es gab einen verlogenen sozialistischen Überbau und darunter A-Sozialität mit Schwarzmarkt. Zur Normalität gehörte, den eigenen „volkseigenen Betrieb“ und seine Kollegen zu beklauen, um dann das Diebesgut auf dem Schwarzmarkt zu tauschen oder zu verkaufen.

Die Oberfläche bestand in der DDR aus sozialistischer Heuchelei, die Realität aus Egoismus. Insbesondere bei den SED-Aufsteigern. Die DDRler wurden zu Experten in Heuchelei sozialisiert. Das erklärt den Karriereerfolg von Politikern und Politikerinnen aus der DDR, die schnell nach ganz oben und an die besten Tröge kamen.

Das Traumland der DDRler war nicht die BRD. Man erinnere sich an jene DDRler nach der Wende, die mit „ Go West“ oder der US-Flagge als Aufdruck auf dem T-Shirt, mit Jeans und Cowboy-Stiefeln in den Westen kamen. Das Bild der USA war von den Spielfilmen made in Hollywood geprägt, die im Westfernsehen liefen. Wo es nur Menschen in Wohlstand mit schönen Häusern und großen Autos gab.

Mit der Parole „Wir sind ein Volk!“ und ihrem vormodernen Verständnis von Nation als Abstammungsgemeinschaft begründeten die Ex-DDRler nach den Wiedervereinigung ihren Anspruch, am Sozialstaat genauso wie die West-Deutschen zu partizipieren und insbesondere aus dem Topf der staatlichen Rentenversicherung Leistungen zu fordern, zu Lasten derer, die in die Solidarversicherung eingezahlt hatten.

Das vormoderne Verständnis von Nation ist das tribalistische einer Abstammungsnation, das moderne bürgerliche Verständnis hingegen ist das einer Willensnation. So wie in der Schweiz, die ein Vielvölkerstaat ist.

Europa befindet sich inmitten in einer neoliberalen Revolution, in der die nationalstaatlichen Ordnungen aufgelöst werden zugunsten von supranationalen Strukturen, die von der Plutokratie in ihren globalisierten Unternehmen beherrscht werden.

Man muss die Struktur der EU begreifen, die zutiefst neoliberal und undemokratisch ist und die eine „Diktaturverfassung“ (Prof. A. Schachtschneider) besitzt.

Mit der Neoliberalisierung geht logischerweise ein kontinuierlicher Abbau des Sozialstaat sowie individueller Freiheitsrechte und Schutzrechte für Lohnarbeiter, Mieter und Konsumenten einher.

Ein kluger Soziologe wie Ralf Dahrendorf hat die gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen bereits früh erkannt. Schon 1983 verkündete er „das Ende des sozialdemokratischen Zeitalters“.

Auch die Schweiz wird in ein paar Jahren nicht mehr das sein, was sie Jahrzehnte lang war. Die neoliberale Entwicklung werden die Nationalkonservativen nicht aufhalten können, sofern sie dies überhaupt wollen. Politisches Narrativ und reales politisches Handeln sind zwei paar Schuhe.

H. M. Richter
26. März 2019 14:21

" Ein anders Lied, in der DDR ebenfalls dauerpräsent, mutet heutigen Hörern in seinem Heimatbezug geradezu romantisch an, galt aber DDR-Hineingeborenen in seiner Aussage als selbstverständlich." [s.o.]

Es ist vor allem dieses Lied, welches in den letzten Jahren, spätestens seit 2015, eine Renaissance erlebte, die, sollte es dafür, wie zu vermuten ist, noch Rechteinhaber geben, zu einem ebenso späten wie unvermuteten Geldsegen geführt haben dürfte. Vielleicht ist es sogar längst zur späten Hymne einer untergegangenen DDR geworden, und ich möchte nicht ausschließen, daß es hin und wieder auch in der Schweiz vom verehrten GG zumindest gesummt wird ...

Nach dem gemeinsamen Gesang über "unsere Heimat" , der in "weil sie unserem Volke gehört" mündet, wird, wie hier ab Min. 0:36 zu hören ist, auch schon mal vor Publikum öffentlich hinterhergerufen: "Merkel, hörst Du das?!"
https://www.youtube.com/watch?v=vaNp3NwTo2Q

Weil aber durch das wiedervereinigte Deutschland ein tiefer, tiefer Graben führt, kann dies natürlich nicht hingenommen werden. Aber auch nicht verschwiegen werden. Und so war es kein anderer als der 1965 in Baden-Württemberg geborene Marcel Beyer, der sich vor wenigen Tagen in der Leipziger Volkszeitung [LVZ v. 21.03.2019] zu ebendiesem Lied mit einem Artikel unter der Überschrift "Ein Lied als kleiner Waffenschein" zu Wort meldete, der ihm noch lange, sehr lange anhaften werden wird:

"Man rufe sich folgendes Lied vor das innere Ohr, gesungen von einem Chor quirliger, mit einem für Menschen gefährlichen Virus infizierter Labormäuse, genau in dem Moment, da sich die Labortüren öffnen und die Killernager in die fremde Welt dort draußen ausschwärmen: „Unsre Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer,/ unsre Heimat sind auch all die Bäume im Wald./ Unsre Heimat ist das Gras auf der Wiese,/ das Korn auf dem Feld und die Vögel in der Luft/ und die Tiere der Erde/ und die Fische im Fluß sind die Heimat.“
[...]
Ein akustisches Alptraumgeschehen, das in die Zeilen mündet: „Und wir lieben die Heimat, die schöne/ und wir schützen sie, / weil sie dem Volke gehört,/ weil sie unserem Volke gehört.“

Ein fröhliches Lied vom Stacheldraht. Unser Volk. Unsere Nation. Unser Gras, unser Korn, unser Vogel. Komm zu den Grenztruppen. Unser Besitz. Mehr Polizei. Schütze die Heimat. Unser Feld, unser Wald, unsere Luft. Vorsicht, Schußwaffengebrauch. Unsere Erde, unser Fluß, unser Fisch. Absaufen. Grenzen dicht. Unsere Sprache. Unsere Kultur. Fremd im eigenen Land. Integriert erst mal uns. Heimat. Heimat. Heimat.

Nichts kennt weniger Erbarmen als der Klang. Er frißt sich in unser Gehirn, setzt sich in seinen Strukturen fest, bleibt abrufbar auf Lebenszeit. Und er vererbt sich, über Generationen hinweg. Heute findet man den Text auf den Seiten antisemitischer Verschwörungs,theoretiker‘. Ein Lied, das aggressive DDR-Nostalgiker und westdeutsche Nationalnulpen zusammenbringt.
Ein Lied als kleiner Waffenschein.
Die Mäuse fiepen."

_________________________________________
@ Lotta Vorbeck 27. Januar 2019 17:47

"Werter Herr Bosselmann,
[...]
Die beiden Bosselmann-Aufsätze, in welchen Sie der SiN - ohne nachvollziehbaren Grund - nachträglich nochmal kräftig vor's Schienbein traten, finden sich indes nicht mehr im Blättchen-Archiv, genauso wie Ihr überaus befremdlich anmutendes, im Spätsommer 2017 ebenda veröffentlichtes Plädoyer bei der damals anstehenden Bundestagswahl sein Kreuz auf dem Zettel doch bei der Partei der Frau Kasner zu setzen.

Willkommen zurück! - Aber eine kleine Erklärung Ihrerseits wird man jetzt wohl erwarten dürfen?"

Ich hatte mich seinerzeit dieser in meinen Augen sehr berechtigten Erwartung angeschlossen, dies aber wohl - wenn ich es recht überblicke - leider vergeblich.

RMH
26. März 2019 14:39

Die Wahrheit (Welt) - according to Bosselmann.

Man nehme jetzt einmal einen vergleichbaren Bericht eines BR- Deutschland Einwohners gleichen Jahrgangs und lege beide Übereinander. Irgendwo im sich dann zeigenden, verschmierten Gemisch, könnte die Wahrheit liegen.

So, für sich genommen, ist es - leider! Ich mag die Bosselmann Texte im übrigen meistens - so ziemlich der lascheste und klischeehafteste Text, den Herr Bosselmann hier bislang ablieferte, auch positiv unterstellt, er will damit ein bisschen provozieren.

Aber er liegt leider an dem einen oder anderen Punkt schlicht falsch oder daneben, ich greife nur einmal 4 davon heraus:

1,
"... maßgeblich weil deren Jugend, verzärtelt von einem Luxus, den sie selbst nicht erarbeitet hatte, "

Hier sollte man, wenn man den Satz schon unbedingt so stehen lassen will, zumindest das Wort "tonangebenden" vor "Jugend" stellen, denn dass, was Herr Bosselmann hier beschreibt, hat mit einer BR-Deutschland Jugend in den 70er und 80er und auch noch 90er Jahren nichts, aber auch gar nichts zu tun. Allenfalls eine kleine Minderheit war "verzärtelt". Der Rest wurde schon früh einer harten kapitalistischen Leistungs-Auslese unterzogen. Es gab eine hohe Jugendarbeitslosigkeit und ganze Jahrgänge von Akademikern musste auf "irgendwas mit Vertrieb", "EDV" etc. umschulen oder es mit einer von Anfang an schwierig gestaltbaren Selbständigkeit versuchen, weil sie trotz Studium keinen job bekommen haben bzw. eben nur die paar % der Jahrgangsbesten einen solchen finden konnte - es gab halt keine Arbeitsplatzgarantie. Überhaupt scheint aufgrund der letzten fetten 10 Jahre den Menschen in ganz Deutschland die Vorstellung darüber, was Arbeitslosigkeit bedeutet, erstaunlich schnell abhanden gekommen zu sein (gilt für ganz Deutschland). Aber die Zeiten werden sich auch wieder ändern.

Geschenkt wurde der Masse der Jugendlichen und Erwachsenen damals in der "BRD" nichts - dass sie in den vergangen Jahren vielfach die Aufbauernte ihrer Eltern durch Erbe etc. mit einfahren konnten, steht auf einem anderem Blatt und geschah zumeist auch erst nach 1990 (wenn das Erbe nicht in einem Pflegeheim drauf gegangen ist, bevor es überhaupt vererbt werden konnte).

Herr Bosselmann sollte sich hier doch einmal daran erinnern, wie schrecklich die DDR-Propaganda die Arbeitslosigkeit und insbesondere die Jugendarbeitslosigkeit der "BRD" im Vergleich zur DDR dargestellt hat. Das waren keine Fake-News, dass hatte einen konkreten Tatsachenkern. Wer in den 80er Jahren eine Lehrstelle für irgendeinen Drecksjob für sein Kind suchte, der hat seinen eigenen Nachwuchs oft wie Sauerbier anbieten müssen - hatte halt dann den Vorteil, dass selbst an der Fleischtheke die Leute lesen, schreiben und rechnen konnten und eigentlich zu intelligent für den job waren. Ja, klar, aber dafür hatten "wir" Levis Jeans, Westmusik ohne Beschränkungen, Jacobs Kaffee und Nutella ...

2.
"wobei dieser „Sozialismus“ der sowjetischen Zwangsvereinnahmung geschuldet war,"

Zumindest bei uns in der Schule wurde uns noch erklärt, dass diese "Zwangsvereinnahmung" nicht durch militärische Schlagkraft alleine erzielt wurde, sondern durch Absprache mit den Westalliierten, die weite Teile der zukünftigen DDR bereits erobert hatten, um sie dann absprachegemäß der UdSSR zu überlassen.

3.
"Es mag komisch anmuten, welche Lieder gesungen und welche Gedichte rezitiert wurden, aber es wurden eben Lieder gesungen und Gedichte rezitiert."

Tja, bei "uns" wurde im evangelischen Religions- und Konfirmandenunterricht noch das halbe Gesangbuch nebst den Psalmen auswendig gelernt und der klampfende und zum Singen animierende Jugendpfarrer und -Diakon war allgegenwärtig ... (auch in der Schule beim - für die meisten - verpflichtenden Religionsunterricht). Ebenso bestand selbst der gymnasiale Musikiunterricht noch zu einem großen Teil aus Singen (sehr zum Schrecken von vielen, wenn es dann zum Einzeln Vorsingen zur Notenabnahme kam).

4.
"Mit der Währungsunion und Wiedervereinigung mussten sie sich jedoch als Teil der Konkursmasse im „Beitrittsgebiet“ verstehen und sich oberlehrerhaft erklären lassen, wie man richtig wirtschaftet, damit sich alles rechnet."

Diesem Mythos kann immer wieder nur entgegen gehalten werden, dass die Mehrheit der Westdeutschen gegen eine Währungsunion war (es gab Proteste und
Unterschriftenaktionen etc. dagegen) während viele DDR-Bürger den Kampf-Slogan: "Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh'n wir zu ihr!" gedankenlos riefen. Damit wurde der DDR-Wirtschaft der Ast, auf dem sie saß, abgeschnitten - aber gut, der DDR-Bürger konnte erst einmal mit Westgeld endlich in den Urlaub fahren (sich dort dann überwiegend blamieren) und wählte zum Dank dann in seiner politischen Instinktsicherheit Helmuth Kohl ... und beschwert sich im Nachhinein, dass die versprochenen "blühenden Landschaften" eben eine ganze Generation gebraucht haben, um zu entstehen.

Fazit:
Die berühmte und hier in diesem Blog immer wieder beschworene "Verhausschweinung" der Deutschen fand de facto erst nach der Wiedervereinigung und dann auch noch gesamtdeutsch statt und nicht bereits davor. Gut, nachdem jetzt bald 30 Jahre seitdem vergangen sind, scheint Herrn Bosselmann jetzt ein bisschen was durcheinander geraten zu sein.

Überhaupt ist es schon fast zum Fremdschämen, wenn man ein ganzes Land und seine Bewohner pauschal zu vermeintlichen "Verlierern" erklärt, obwohl fast der gesamte "Aufbau" der neuen Länder nach 1990 maßgeblich genau von diesen "Verlierern" gestemmt wurde und die meisten der dortigen Bürger sehr stolz auf sich und ihre Leistung sein können.

Es ist doch auch so, dass gerade weil sich die Bürger in den sog. "neuen Ländern" etwas erarbeitet haben, sich jetzt um so stärker der Protest bildet gegen eine Politik, die das Gewonnene und Erarbeitete wieder zerrinnen lassen kann und wird. Man kann sich allenfalls an die harten Zeiten im "Osten" besser erinnern, als im Westen, der doch allzu schnell vergessen zu haben scheint, wie es "früher" einmal war. Da war nämlich bei weitem auch nicht alles Gold, was jetzt im Rückspiegel aufzublitzen scheint.

Fredy
26. März 2019 14:50

Manches Wahres dran, aber viel zu einseitig.

Die BRD, die ich bis 1990 erlebt habe, war eine völlig andere, viel freiere als danach. Darüber sollte man mal nachdenken, warum sich dieser Staat seither so verändert hat.

Herrmann
26. März 2019 15:00

Der Beitrag greift mE zu kurz. Der natürlich negativ konnotierte Verweis der MSM auf ein "problematisches Ostelbien" (was immer das jedoch genau sein mag) geht hingegen schon in die richtige Richtung, versteht die historischen Zusammenhänge jedoch nicht bzw. nicht vollständig.

Tatsächlich war es so, daß schon um 9 n.Chr. die germanischen Bewohner nahe des Rheins dort friedlich mit den Römern Handel trieben und durch bescheidenen Wohlstand zu Untertanen korrumpiert wurden, während die Befreiuung Germaniens durch die Cherusker und weiter östlich angesiedelte germanische Stämme betrieben wurde.

Auch zu Beginn des 19. Jahrhunderts biederten sich die Fürsten des Rheinbunds Napoleon an, und die dortige Deutsche Bevölkerung tat (zunächst) nichts, während die Befreiung Deutschlands von den Franzosen erst östlich der Elbe maßgeblich durch die Preußen organisiert wurde. Der Aufruf Friedrich Wilhelms 1813 "An mein Volk.." rief auch vor allem dort Begeisterung und Zulauf hervor.

Es ist daher nicht so fernliegend wie der Autor meint, den Deutschen Widerstandswillen gegen Fremdherrschaft und Deutsche Selbstaufgabe nicht nur, aber vor allem bei östlichen Deutschen Landsmannschaften zu vermuten. Dieses hat, historisch gesehen, auch sein Gutes und macht noch Hoffnung in heutiger Zeit. Als Ostpreuße bin ich persönlich auch stolz darauf.

Der_Juergen
26. März 2019 16:08

@Fredy

Sie schreiben. "Die BRD, die ich bis 1990 erlebt habe, war eine völlig andere, viel freiere als danach. Darüber sollte man mal nachdenken, warum sich dieser Staat seither so verändert hat."

Selbstverständlich war die BRD damals sehr viel freier als heute, aber es gab schon deutliche Ansätze zur Repression. Allzu fest konnte das System die Schrauben in jenen Tagen noch nicht anziehen, erstens, weil das Volk noch nicht ausreichend gehirngewaschen war und sich womöglich Protest geregt hätte, und zweitens, weil man sich ja von der totalitären DDR abgrenzen wollte und deren Methoden nicht unbesehen übernehmen konnte. Beide Motive entfielen dann.

Wer die Entwicklung dieses Staates verfolgt, kommt zwangsläufig zum Schluss, dass die Umvolkung von Anfang an geplant war. Der Import von Gastarbeitern, wiewohl mit rein ökonomischen Argumenten begründet, war die erste Stufe. Zunächst kamen Europäer wie die Italiener, Portugiesen und Griechen, die sich alles in allem gut integrieren liessen; dann wurden - mit der Begründung, man müsse die Türkei für den Schutz der NATO-Südostflanke belohnen - islamische Türken geholt, und zwar in der ersten Phase vor allem solche aus dem relativ verwestlichen Istanbul. Ab ca. 1973 kamen dann praktisch keine Gastarbeiter mehr, sondern nur noch nachziehende Familienangehörige und Asylanten. Den Rest kennen wir.

Niekisch
26. März 2019 17:15

"dieses Land"

Sehr geehrter Herr Bosselmann, Ihre Position kann ich nachvollziehen, aber nicht akzeptieren. 1949 - noch als Reichsbürger- geboren, habe ich weder die BRD noch die DDR jemals und nicht eine einzige Sekunde lang als "dieses", also eigenständiges Land angesehen und das bleibt auch so. Niemals werde ich von den zur BRD 1990 hinzugeholten deutschen Provinzen als "Ostdeutschland" sprechen, sondern von Mitteldeutschland. Bis zu meinem Tode werde ich die Annektion der Ostprovinzen und aller anderen geraubten Gebiete als solche bezeichnen und die Rückkehr zu Deutschland verlangen, zugleich aber jegliche Verdrängung jetziger Bewohner ablehnen.

Recht muß Recht bleiben und Unrecht als solches angeprangert werden, bis aus Unrecht wieder Recht wird.

Imagine
26. März 2019 17:15

@Der_Juergen 26. März 2019 16:08
„Wer die Entwicklung dieses Staates verfolgt, kommt zwangsläufig zum Schluss, dass die Umvolkung von Anfang an geplant war. Der Import von Gastarbeitern, wiewohl mit rein ökonomischen Argumenten begründet, war die erste Stufe. Zunächst kamen Europäer wie die Italiener, Portugiesen und Griechen, die sich alles in allem gut integrieren liessen; dann wurden - mit der Begründung, man müsse die Türkei für den Schutz der NATO-Südostflanke belohnen - islamische Türken geholt …“

Die These, dass die Umvolkung von Anfang an geplant war, ist völlig unbegründet und daher nichts weiter als ein Fantasieprodukt. Deutschland importierte Arbeitskräfte, weil es diese besonders für einfache Arbeiten, wie z.B. Fließbandarbeit, Straßenbau etc., brauchte. Vor dem Mauerbau 1961 hatte die westdeutsche Wirtschaft ihren Arbeitskräftebedarf zu einem erheblichen Teil mit DDR-Flüchtlingen gedeckt. Damit war danach Schluss.

Wer wissen will, was es mit der Migrationspolitik auf sich hat, sollte das Buch „Das Ende des Weißen Mannes. Eine Handlungsaufforderung“ von Manfred Pohl studieren. Dann begreift man, dass es ein Elitenprojekt ist und welche Ziele damit verfolgt werden. Aber es scheint, als wolle man – rechts wie links - die Realität gar nicht wahrnehmen wollen.

qvc1753
26. März 2019 20:07

Herrje - die DDR dann doch irgendwie das bessere Deutschland? Wehrstolzer, bessere Ingenieursausbildung, nicht multiethnisch usw.
Was mal wieder die These beweist, das die DDR (wie der ganze Ostblock eigentlich) der weitaus autoritärere und konservativere Teil gewesen ist. Da galt das Wort des Polizisten noch, die Fahne wurde geehrt, Familien waren kinderreich und eine wohlwollende Bürokratie lenkte und leitete mit harter Hand.
Das das Ganze nur mit allerlei Unterdrückungsapperat zusammenhielt, mit dem man sich besser nicht anlegte, das war dann die andere Seite.
Am Ende wollten die Untertanen dann doch nicht mehr und das Dann als „Verhausschweinung“ zu diskreditieren, das geht ein wenig zu weit. Der Wunsch nach Freiheit, Wiedervereinigung und Nation, der war durchaus echt.
Am Ende ist es dann doch wie nach jeder rauschenden Nacht: bei hellem Tageslicht sieht alles dann doch ein wenig normaler aus, der Müll muss raus, die Reste weggefegt und irgendeiner muss auch spülen und um die Steuererklärung kümmern.

Gustav Grambauer
26. März 2019 20:23

Finde, daß Paradoxie und Komplexität des Themas nicht ansatzweise berührt geschweige denn skizziert geschweige denn ausgeschöpft sind, ebensowenig die z. B. der historische oder tiefenideologische Hintergrund, und werde darlegen, warum dies auf der dürftigen Basis gar nicht möglich war. Bereits fällt das Fehlen klarer Kategorien auf, z. B. kann man den Beitrag von Herrn Bosselmann umstandslos so lesen, daß er sich mit "Nation" auf die Doktrin der "DDR als selbstständiger Nation" von Kurt Hager (bei Bestreiten einer "einheitlichen deutschen Kulturnation") bezieht, der Leser kann aber genauso den klassischen (bürgerlichen / liberalen) Begriff der deutschen Nation hineininterpretieren, oder welchen auch immer. Oder Fredy hebt die "Freiheit" hervor, macht aber nicht kenntlich, was er mit Freiheit eigentlich meint. Oder bei Herrn Bosselmann heißt es

"Mit dem Sieger waren die Westdeutschen auf-, die Ostdeutschen mit dem Verlierer abgestiegen."

und er sagt wieder nicht, in welchem Sinne er dies meint, zumal

- en masse doch beide bitter an Vermögen und Kaufkraft verloren haben, es wird gemunkelt statistisch jetzt unter dem Niveau von Griechenland (!) stehen (und nur das Großkapital / die Hochfinanz "gewonnen" haben, wobei wiederum inzwischen sogar die Deutsche Bank wankt),

- z. B. Dresden dahingehend immer noch viel besser dasteht als Mühlheim an der Ruhr (die ersten - berechtigten - Klagen aus dem Westen über die Bevorzugung des Ostens kamen schon in den 90er Jahren),

- individuelle Kaufkraft noch lange nichts mit öffentlicher Partizipation zu tun hat (und zumal allein die Partizipation an der Infrastruktur im Westen durch die Masseneinwanderung viel massiver eingeschränkt und viel vergällter ist als im Osten),

usw. usf.

Hätte darüber hinaus im Nexus von Nation und DDR die Einbeziehung letzterer konzeptionellen Kerns erwartet, des - seiner Natur nach nationalen sowie in der UdSSR und in der DDR auch weithin konsequent national verstandenen -

https://www.zvab.com/servlet/BookDetailsPL?bi=211151651&searchurl=hl%3Don%26exactsearch%3Doff%26bi%3D0%26ds%3D30%26sortby%3D20%26an%3Dlothar%2Bbolz%26recentlyadded%3Dall&cm_sp=snippet-_-srp1-_-title4

Bolschewismus, wobei die DDR spätestens mit ihrer Verfassung von 1968 an der Sollbruchstelle der nationalen Frage ihre letzten bolschewistischen Wurzeln gekappt hat.

Von diesem Fundament aus könnte eine saubere Analyse gelingen, weit über die - m. E. zutreffende - Symptombeschreibung und Beschwerde über die Verhältnisse nach 1990 hinaus. Gerade auch was die BRD betrifft wäre doch die Nachzeichnung der großen z. B. ideologiegeschichtlichen Linien spannend, die dahin geführt haben, daß Peter Altmeier heute mit Günter Mittag verglichen wird, und wiederum vor welchem metapolitischen Hintergrund oder etwa anhand welcher Vergleichskategorien dies nun genau zutreffend ist.

So konnte man darauf warten, daß jemand wie Imagine weiter auf der Pro-Kontra-Ost-West-Schiene weitermacht, mit der die Leute schon in jeder Talk-Show zu diesem Thema thetisch-antithetisch dumm gehalten werden. Sehr oberflächlich!

Verehrtester H.M.Richter, ja, es ist ein schönes, berührendes Lied, und es ist gut, wenn es möglichst viel und oft gesungen wird, gerade auch aus einer gebotenen Trotzhaltung heraus. Man sollte aber ein Staatswesen, zumal ein so hochgradig ideologie-disponiertes, nicht an den Produktionen seiner Staatsdichter und -komponisten messen, und zumal wenn diese sowieso schon zu den Panegyrikern / Affirmatoren / Apologeten gezählt wurden. Kann Ihnen genau sagen, bei wem ich da nachdenklich wurde: bei dem mir kultur- bzw. ästhetiktheoretisch verdächtigen Hacks als er einmal sagte, daß sich die Überlegenheit der DDR an ihren gediegeneren Literatur- und Kunstwerken zeige. Das ganze Geheimnis offenbarte sich beim Überdenken dessen: die staatliche Erwartungshaltung oder sogar die Vorgaben an die Werke waren stringenter und es wurden mehr, neudeutsch, "Manpower" und Geld dort hineingepumpt - genauso wie in den Sport, was mich gleich noch mal zusätzlich nachdenklich gemacht hat. Dies geschah im Rahmen der peniblen Pflege des Egregors,

https://de.wikipedia.org/wiki/Egregor

die einen Ameisenstaat geradezu ausmacht, so daß sich - bei Kenntnis des Kontexts dieses Liedes, nicht zwingend unmittelbar aus Text und Melodie heraus - die Frage stellt, wie man zur DDR in ihrer Eigenschaft als Ameisenstaat steht.

Wir haben mit Gästen aus der Heimat (ebenjener ...) das Lied tatsächlich neulich in fröhlicher Runde zu fortgeschrittener Nachtzeit gesungen, die Selbstironie war dabei viel stärker als die Gefühle, die viele vom Hissen der Fahnen her kennen mögen (wobei ich dabei seit jeher mein Ohr dem "Klirren im Wind" gebe und im Zusammenhang mit Sport geradezu Ekelschübe bekomme).

- G. G.

vik1
26. März 2019 21:10

Oh heilige Unwissenheit mancher Nachgeborenen.
Hätte man die Bewohner Mitteldeutschlands 1990 gefragt, so hätten sie dem Begriff Nation zugestimmt, ganz im Gegensatz zu den sich für "universell" haltenden Westdeutschen.
Ganz abgesehen davon, dass Mitteldeutschland in wohl einmaliger Art und Weise von überwiegend Westdeutschen über den Tisch gezogen wurde.
Man erinnere sich:
Rohwedder wurde am 3. Juli 1990 vom Ministerrat der DDR zum Vorsitzenden der Treuhandanstalt bestimmt; zum 1. Januar 1991 übernahm er das Amt des Präsidenten der Treuhandanstalt, das er bereits seit August 1990 kommissarisch wahrgenommen hatte.

Seine Aufgabe war die Sicherung, Neuordnung und Privatisierung des Vermögens der Volkseigenen Betriebe der DDR.
Auf einer USA-Reise zur Information und Gewinnung von Investoren für die Betriebe im Beitrittsgebiet stießen seine sozialverträglichen Privatisierungspläne auf einiges Unverständnis, steht bei Wikipedia.

Er hat die Verschiebung der Mitteldeutschen und ihrer Werte wohl zu nachsichtig gehändelt.

Und wer nicht hört muss fühlen, sich schlimmstenfalls die Radischen von unten ansehen.
Nach Rohwedder folgte die Tochter des Münchener Privatbankiers, Birgit Breul, geb. Münchmeyer, ihm im Amt.
Die Treuhand hatte die Aufgabe, die Wirtschaft der ehemaligen DDR zu privatisieren.

Das verharmlosende Wort Privatisieren heißt verkaufen.

Die Treuhand hat sich 1994 aufgelöst, weil sie zu diesen Zeitpunkt ihre Aufgabe zu 95 % erfüllt hatte.

Die Treuhand wird immer in einem Atemzug mit dem Namen ihrer Chefin genannt werden: Frau Birgit Breul. Ganz ohne Sarkasmus: Nie hat jemand erfolgreicher für die Deutsche Wirtschaft gearbeitet. Das Ganze hat nur einen kleinen Schönheitsfehler.

Die DDR mit ihrer gesamten Industrie, ihren Immobilien, Wäldern, Ländereien und Schlössern wurde zwar verkauft, aber der Verkäufer (die Bundesrepublik Deutschland) hat dabei nichts eingenommen, sondern mindestens 350 Milliarden DM (!!) draufgezahlt.
Im Klartext heisst das: Die Treuhand verschenkte die komplette DDR zusammen mit 350 Milliarden DM an die "deutsche" (?) Wirtschaft .
(Teilweise entnommen von:) http://www.storyal.de/story1995/buna.htm )

Nur die Menschen liessen sich nicht verhökern. Bis heute nicht, bis auf einige Gierhälse, die ihre Seele verkaufen.

Nemo Obligatur
26. März 2019 21:28

Vorweg: Ich bin im Westen aufgewachsen. Soviel Bekenntnis muss an dieser Stelle sein.

Tatsächlich hatte ich solche Gedanken, wie sie Heino Bosselmann ausbreitet, gelegentlich auch. Es ist wohl auch nicht alles daran falsch, aber eben vieles nicht richtig. In gewisser Weise messen Sie, lieber Herr Bosselmann, ihr nostalgisch eingefärbtes Bild an der grellen Wirklichkeit des heutigen Deutschlands, vergleichen also Äpfel mit Birnen. Das erinnert mich an die Kader der sogenannten K-Gruppen, die in den 80er Jahren im Westen das sozialistische Modell mit der kapitalistischen Realität verglichen. Modelle gewinnen solche Vergleich immer.

Ich glaube aber, es ist nicht Ost oder West, sondern eine Generationenfrage. Meine frühesten Erinnerungen reichen zurück an Verwandte, die noch im Kaiserreich groß geworden sind. Das war ein ganz anderer Menschenschlag, als heute. Da sind zur gegenwärtigen Jugend locker 100 Jahre dazwischen. In Ausdruck, Auftreten, Haltung und Benehmen nicht miteinander vergleichbar.

Ich bin sicher, die DDR, gäbe es sie heute noch, wäre nicht das bessere Deutschland, sondern vielleicht so wie Kuba heute, nur ohne Palmen: Die öffentlichen Anlagen und Bauten am Rande des Zerfalls, die Menschen im täglichen Kampf ums liebe Brot, dazwischen alle Erscheinungen von Demoralisierung. Schlicht aus Mangel an Ressourcen. Ist natürlich nur eine These, aber alle sozialistischen Staaten und post-sozialistischen Staaten sind diesen Weg gegangen.

So gesehen hat die DDR nicht nur die Gnade der späten Geburt sondern auch des frühen Untergangs. Sicher gab es Inseln der Bürgerlichkeit, vielleicht auch einen gewissen Rest-Patriotismus und dazu Versuche der SED, als "Rote Preußen" ein wenig Legitimation aus der Geschichte zu schöpfen. Aber all das gab es im Westen ganz genauso, eventuell mit umgekehrten Vorzeichen. Beamte mit preußischer Pflichtauffassung. Lehrer, die lehren konnten. Unternehmer mit Verantwortung für das Ganze, statt Manager im Höhenrausch. Wäre mal eine andere Diskussion: Die BRD im Jahr 1980 oder 1985. Wie war die geistige Verfassung? Ich bin sicher, im Vergleich zu heute, würde sie gar nicht schlecht abschneiden.

micfra
26. März 2019 22:17

Unsere Heimat, das Lied habe ich tatsächlich in der Schule gelernt und sehr gern gesungen. Es hat mich als kleiner Jungpionier sehr angesprochen. Heute könnte ich es aus vollem Herzen wieder singen: ... und wir schützen sie (die Heimat), weil sie unserem Volke gehört!

micfra
26. März 2019 22:31

Schöner Artikel, der den Nagel auf den Kopf trifft! Als ich angefangen habe zu bemerken, wohin die Reise mit diesem schönen Land gehen soll, war ich doch sehr verwundert. Ich hatte mich gerade erst mit dem Gedanken angefreundet, dass wir wieder EIN Deutschland sind und dass das auch gut ist. Ich hatte gerade angefangen mich in dieser neuen größer gewordenen Heimat wohl zu fühlen. Und dann sollte sich diese Heimat wieder auflösen aber diesmal ohne den Schutz von Grenzen in etwas ganz anderes, ohne den Schutz von Volk und Nation.

Laurenz
27. März 2019 00:17

Herr Bosselmann hat in einem Punkt Recht, die ehemaligen Bürger der DDR sind die besseren Deutschen, vor allem sind sie wesentlich sensibler gegenüber totalitärem Regierungsgehabe. Und klar, was das Militär betrifft, war die DDR preußisch. Daß in der ehemaligen DDR mehr als in Trizonesien demontiert wurde, ist richtig. Aber wer sich näher mit die vielen Angriffskriegen der Roten Armee befaßt, weiß, vielen anderen Staaten ging es ähnlich, auch wenn es da vielleicht weniger zu demontieren gab.

Und vieles, was Herr Bosselmann über die wirtschaftliche Lage der DDR schreibt, entspricht, man muß es so benennen, nicht der Wahrheit. Bleiben wir ruhig beim Militär. Wer bei einer ungefähren Einwohnerzahl von 14 Mio. Einwohnern von den Besten der Besten 250.000 Mann in die NVA -, 50.000 Mann in die Grenztruppen steckt, 200.000 Mann bei der Staatssicherheit Däumchen drehen läßt, die Offiziere 3x so hoch wie den Durchschnitt bezahlt, wirtschaftet einfach von vorneherein höchst unproduktiv. Da gibt es auch nichts zu debattieren. Vor allem wegen der kapitalistischen Wünsche der Oberschicht und des Rests in mehr bescheidenen Maß, waren Devisen vonnöten.

Wie Volker Pispers korrekt bemerkte, bezog Quelle fast alles aus der DDR, die schlecht bezahlten Leute, die in der DDR überhaupt was arbeiteten, waren der Billig-Lohn-Sektor des Westens. Das heißt, die DDR sorgte mit für den sozialen Frieden im Westen mit der kostengünstigen Belieferung des Klassenfeinds. Schief ging das ganze erst endgültig, als die Sowjetunion annähernd Weltmarktpreise für Sprit verlangte. Und den Sozialismus konnte man komplett im Warschauer Pakt in der Pfeife rauchen. In der Roten Armee gab es bis zum süßen Ende 5 Verpflegungsklassen im Manöver oder im Krieg. In der Bundeswehr gibt es noch bis heute nur eine einzige - von Schütze Arsch bis General.

Apostat
27. März 2019 02:14

Die Deutsche Demokratische Republik. Alles was heute Gegenstand der Aufarbeitung und Beurteilung sein kann, ist doch auch der Tatsache geschuldet, dass die Grenzen geschlossen waren.

RMH
27. März 2019 07:48

Um einmal auch grob vereinfachend etwas dazu zu schreiben:

Die Linken predigen "erst kommt das Fressen, dann die Moral" (Brecht) - die DDR hatte nun das Problem, dass man zwar der Bauch irgendwie satt bekam, aber den Fresshunger im weiteren Sinne nicht. Insofern brachte sie die Moral auf einmal ins Spiel, ohne selber sie zu glauben oder dabei glaubwürdig zu sein (siehe die Lebensart der "Bonzen"). Diese Heuchelei spürten die Bürger sehr wohl - nicht umsonst wollten so viele abhauen.

Das bedeutet - und hier beginnt der Denkfehler vieler - gerade nicht, dass es automatisch "besser" im sog. Westen gewesen wäre, es war eben anders (tatsächlich, wie schon angemerkt wurde, damals "freier" als heute. Von meinem Wohnort in Franken aus betrachtet ist die "DDR" übrigens nie der Osten gewesen, sondern der Norden und ich kann mich gut erinnern, dass Ende der 80er Jahre - nachdem einem insbesondere von staatlichen Stellen (Lehrer) immer wieder eingeredet wurde, dass mit der Wiedervereinigung wird nie etwas - doch wieder das Interesse am Nachbarn aufkam, man den sog. "kleinen Grenzverkehr" nutzte und auch die damalige "Utopie" Wiedervereinigung lebhaft diskutiert wurde).

Hartwig aus LG8
27. März 2019 08:53

Scheint so, dass ich bis 1990 in einem anderen Staat gelebt habe, als einige der hier schreibenden Mitteldeutschen.
Ehrlich, ich kannte niemanden, der gern Pionierlieder sang. Nicht weil die Lieder schlecht waren, nicht weil man generell nicht gern sang, sondern weil das Ideologiekorsett erzwang, mitzusingen.
Dergleichen bei Demonstrationen, dergleichen beim Fahnenappell, dergleichen beim Unterschreiben von Resolutionen, dergleichen bei erwirkten Mitgliedschaften in verschiedensten Massenorganisationen. Jede noch so kleine Volksregung hatte dem Gedeih des Sozialismus zu dienen und wurde unter die Glocke des Kulturbundes gezwungen - bis hin zu den Zierfischzüchtern ... Wer all das kennt, erkennt auch die Parallelen in der heutigen BRD. Und hier, vielleicht nur hier, hat der Ostdeutsche einen klaren Vorteil.

Ein gebuertiger Hesse
27. März 2019 11:56

Ein höchst belebender Aufsatz, der ein Bild mit wuchtigen und BREITEN Strichen malt und auch so gelesen werden sollte.

Gotlandfahrer
27. März 2019 12:32

Wir sind ein Volk. Punkt. Aber an jedem einzelnen von uns wird unterschiedlich gezogen und jeder einzelne von uns sinkt unterschiedlich hin. Ziehen und Sinken hängen weniger vom freien Willen ab, als man glauben möchte, so vermute ich:

Mittelalter – Klösterliches Schrifttum
=> 1453 - Fall Konstantinopel

1450 – Erfindung Buchdruck
=> 1618 – Dreißigjähriger Krieg

1605 – Erste Tageszeitung
=> 1792 – Frz. Revolution

1896 – Beginn Kino / Film / 1919 – Start Hörfunk => „Ganz großer Krieg“ (WK 1, 2 plus Kalter Krieg)

1945ff – Verbreitung Fernsehen
=> 1989 - Mauerfall (Ende „ganz großer Krieg)
1968 – ARPA Net / Rechnernetze => 1991 - Desert Storm ff.

1990 – Kommerzielles Internet
=> ab 2001 / Clash of Zivilizations (heilig-nihilistischer Krieg)

2000ff – Internet of Things
=> ?

Kommunikation und Transaktion bilden Reichweite der Macht. Ändert sich die, ändern sich die Möglichkeiten, Machtinteressen durchzusetzen. Wer Machtkommunikation empfängt, wird gezogen und zum Sinken bereitet. Im Nichtsinkenwollen verbleibt der letzte Funke eines freien Willens, der den Menschen vom angeordneten Teilchen unterscheidet.

heinrichbrueck
27. März 2019 12:40

Die BRD war immer ein ekliges Etwas, früher nicht freier, auch wenn sie vielen Leuten Heimat war. Sie war aber deutscher. Und sie wird immer undeutscher und gewalttätiger. Sich darüber zu streiten, was besser ist, ein verfaulter Apfel oder eine verfaulte Birne, bleibt Zeitverschwendung. Wir brauchen ein deutsches Herrschaftssystem; BRD oder DDR waren es nicht, auch wenn die DDR deutscher war.

KlausPeterLast
27. März 2019 14:17

Der Text von Heino Bosselmann übertreibt, ist ungenau und emotional grundiert. Aber scheinbar auch wichtig. Ich kommentiere hier eigentlich nie. Heute ist mal eine Ausnahme. Einige Aufgeregtheiten anonymer Wichtigtuer haben durchaus Unterhaltungswert für mich. Die Risse werden für mich deutlicher. Das finde ich nützlich.

"Man wird die Mauer neu denken müssen."
Thorsten Hinz

Wahrheitssucher
27. März 2019 15:17

"Sie streiten (heute: stritten) sich, [..] um Freiheitsrechte;
Genau besehn,
sind's Knechte gegen Knechte."

(Johann Wolfgang von Goethe)

Valjean72
27. März 2019 15:18

Danke an Heino Bosselmann für diesen Artikel, der natürlich die Dinge aus einer subjektiven Perspektive, wohl auch vereinfachend, zudem gewiss hie und da provokant beschreibt.

Aber es muss doch schließlich einen Grund dafür geben, dass die patriotischen Bewegungen und Initiativen gerade in den sogenannten neuen Bundesländern verfangen und von dort aus positiv in die Gesamt-BRD ausstrahlen.

Ich komme aus der Oberpfalz (Ostbayern) und habe in den 1990er zunächst in Zittau und alsdann in Leipzig studiert. Damals wie heute war mir nichts mehr zuwider als der Typus des dummdreist-neureichen Alt-BRD-Systemgewinnlers, zumeist überzeugter CDU oder SPD-Wähler je nach geographischer Herkunft, der in Pose eines Kolonialherrn über die Misswirtschaft der Eingeborenen und deren Unrechtsstaat schwadronierte, eilfertig dem Narrativ der Massenmedien folgend.

Nein, ich bin beileibe kein Anhänger der DDR, diesem schrumpfdeutschen Wurmfortsatz der UdSSR aber im Gegensatz zur Bunten Republik kann auf ihrer Habenseite immerhin verbucht werden, das kulturell-geistige Erbe Deutschlands (und damit letztlich auch das „Deutschtum“) deutlich weniger schändlich verwaltet zu haben.

RMH
27. März 2019 15:35

"Aber es muss doch schließlich einen Grund dafür geben, dass die patriotischen Bewegungen und Initiativen gerade in den sogenannten neuen Bundesländern verfangen und von dort aus positiv in die Gesamt-BRD ausstrahlen."

Das ist die richtige Frage.

Einen der möglichen Gründe habe ich ja weiter oben schon genannt. Die ehem. DDR Bürger haben schon ein System "abschmieren" sehn und wurden dabei z.T. um ihre Lebensleistungen gebracht. Jetzt haben sie in den letzten 30 Jahren wieder viel geschaffen und erreicht und da hat man mehr Bewusstsein für "das Eigene" und verteidigt es mehr. Man sieht aus Erfahrung auch die Anzeichen einer Verschlechterung besser.

Valjean72
27. März 2019 16:06

Und wie bestellt, veröffentlichte ZEIT-Online heute am frühen Nachmittag ebenfalls einen Gastbeitrag zu dieser Thematik, zumindest im weiteren Sinne.

Rechtsextremismus:
Der Osten muss erst mal seine eigene Geschichte aufarbeiten
Alte Nazis konnten sich im SED-Regime reinwaschen. Geht es um neue Rechte im Osten, wird Schuld wieder gern abgeschoben – auf den Westen. Das ist verhängnisvoll falsch.

(Quelle: zeit.de; 27.03.2019)

Die vorherrschenden Machtstrukturen und ihre Büttel (zumindest die pfiffigeren darunter) sind sich durchaus darüber bewusst, dass das Potential zu wahrer gesellschaftlich-patriotischer Veränderung in den neunen Ländern und hier voran in Sachsen und Thüringen liegt.

Deshalb die fortwährende Diffamierung und Stigmatisierung der Einheimischen dieses Teils von Deutschland.

Barbarossastein
27. März 2019 18:14

Guten Tag, ich bin im Erzgebirge aufgewachsen, durfte dort bis zu meinen 11. Lebensjahr meine Kindheit auf einem kleinen Dorf verbringen, bis mein Vater von den Kommunisten für 1 ½ Jahre in Brandenburg wegen politischen Gründen weggesperrt wurde. Danach Ausreiße in die Bundesrepublik und Neuanfang der Familie (mit Unterstützung der Verwandtschaft und auch des damaligen Staates in der Bundesrepublik). Nach meiner Lehre und drei Jahre als Geselle, Eintritt in der Truppe, bei der auch Herr Kubitschek schon seine UvD Dienste (in diesen Zimmer Treppe hoch links) verbringen durfte. Was für mich die nächsten Jahre meine Heimat wurde.

Ich durfte also diese zwei Konstruktionen aus nächster Nähe erleben und durchleben.

Diese Ostalgie von Herr Bosselmann diese immer noch, scheint mir, angehimmelte DDR, war kein Staat, es war ein verlogenes heuchlerisches und verbrecherisches Gebilde. Der Großteil der intellektuellen Elite durfte die Zuchthäuser von Innen begutachten und wurden als Devisenbeschaffer in den Westen entsorgt.

Es blieben zum Großteil die Bücklinge und Blinden.

Menschen, die heute der DDR Nachtrauern und „Es war doch nicht alles schlecht“ rufen, können das nur, weil Sie nach dem totalen Zusammenbruch dieser dystopischen Gesellschaft, eine kurze Zeit der Freiheit erleben durften. In der Zone hätten Sie es nie gewagt Ihre Schnauze aufzumachen.

Ich pflichte Herrn Hartwig aus LG8 bei: „Scheint so, dass ich bis 1990 in einem anderen Staat gelebt habe …Wer all das kennt, erkennt auch die Parallelen in der heutigen BRD. Und hier, vielleicht nur hier, hat der Ostdeutsche einen klaren Vorteil.“

Lasst die Linken im wahrsten Sinne des Wortes links liegen, sie haben es nicht verdient, über Sie, geschweige denn mit Ihnen zu reden. Das wird Sie am meisten Wurmen und Zerfressen!

Gustav Grambauer
27. März 2019 20:34

Sage das Folgende - wie immer - ohne Veranlassung zur Parteinahme, war ja selbst überrascht obwohl ich`s hätte vorher wissen können:

Habe vor drei Jahren den Nachlaß meiner verstorbenen Tante in Jena übernommen, ihre Angelegenheiten zu Ende gebracht und den Haushalt aufgelöst. Dabei habe ich etwa 50 Menschen kennengelernt, die ich vorher nie gesehen hatte, und mit deren etwaiger Hälfte ich näher in Berührung kam: weit entfernte Verwandte, ehemalige Freunde, Kunden, Bekannte, Nachbarn, Pfarrerin, mehrere Anwälte, Notar, viele Vermächtnisnehmer, Ärzte, Apotheker, Vereinsfreunde, Bankberater, Antiquitätenhändler, Uhrmacher, die verschiedensten Haushandwerker und Dienstleistungsunternehmer usw. - nahezu alle alteingesessene Jenenser. Habe bei etwa der Hälfte erfahren, wer vor 1989 politisch auf welcher Seite stand. Es wird manchen hier nicht freuen: die damals staatstreuen waren die unkomplizierteren, solideren ("Ein Mann, ein Wort"), vertrauenswürdigeren, zuverlässigeren (angefangen bei der Pünktlichkeit ...), konzilianteren, auch menschlich angenehmeren; dabei die treueste, aparteste, hilfsbereiteste Seele eine Freundin meiner Tante, früher beim Ausschuß für Handel und Versorgung beim Rat des Kreises ehrenamtlich tätig (stramm SED obwohl sicher nicht aus der Arbeiterklasse), hatte den tiefsten, konstruktivsten und wärmsten Blick für die Gesamtlage. Auf der Ex-Dissi-Seite eher die "dramatischen Typen" (die teilweise ihre Dramen auf unsere Kosten ausleben wollten), eher die Leichtfüßigen und dabei Komplizierten, darunter Leute, denen man mit einem kurzen Blick ansieht: "Mit dem wird`s Stunk geben", viel gestautes Ressentiment, viele raumgreifend im Habitus, so mancher Vielredner, viel Gier, mehrere, die Stücke unbedingt haben wollten und uns zuletzt überraschend drauf sitzen ließen sowie noch viel anderes in der Richtung, sehr unangenehm dabei der Rotarierklüngel, der heute die Stadt eiskalt beherrscht und am lautesten über die damaligen "SED-Bonzen" keift.

- G. G.

Die andere Seite
27. März 2019 21:06

@micfra
Ich hab das Lied als Kind nicht gern gesungen, einfach weil man es mußte. Ich finde die Melodie sehr anspruchsvoll, für die meisten stimmlich zu schwierig. Aber auch ich singe es heute öfter vor mich hin und ertappe mich dabei, die letzten Worte fast zu schreien: weil sie unserem Volke gehört!
Zu dem "anderen Land" in dem einige Foristen aufgewachsen sind: Ich lese gerade wieder Zeitzeugenberichte von Inhaftierten in Torgau (geschlossener Jugendwerkhof) und anderen Werkhöfen in der DDR). Der Normalbürger hat zu DDR-Zeiten darüber nichts gewußt. Die Jugendlichen wurden per Unterschrift zum Schweigen über die an Ihnen begangenen Verbrechen gebracht. Viele haben sich über Jahrzehnte daran gehalten, wurden gebrochen, das war das staatliche Ziel. Es hat auch keine nennenswerte Aufarbeitung und Entschädigung gegeben. Für mich ist das Schlimmste, das es die Bürger auch heute einfach nicht interessiert. So werden auch die Parallelen zur aufkommenden staatlichen Umerziehung nicht gesehen.

Ratwolf
27. März 2019 21:13

Eine Führung durch Bautzen II dürfte jeden Träumer vergangener Zeiten schnell kurieren. Aber nun sind die Menschen der DDR Teil des Westens. Und es sind schöne Menschen.

Max
28. März 2019 13:10

"Aber es muss doch schließlich einen Grund dafür geben, dass die patriotischen Bewegungen und Initiativen gerade in den sogenannten neuen Bundesländern verfangen und von dort aus positiv in die Gesamt-BRD ausstrahlen."

Ich sehe den Hauptgrund dafür darin, dass man dort schon als Kind das Misstrauen zur Systempresse lernte, und auch wie man in dieser Systempresse noch "zwischen den Zeilen" Informationen rauslesen kann.

Im Vergleich war die Westpresse natürlich frei und vertrauenswürdig - jedenfalls zu Wendezeiten. Aber so lange dauerte es nicht, bis die Presse sich immer offener den DDR-Standards der Meinungsfreiheit annäherte. Es ging jedenfalls schnell genug, dass all denen, die die alte DDR-Presse noch kannten, die Ähnlichkeiten auffielen, und sie begannen, auch die Westpresse als Lügenpresse zu erkennen und zu verachten.

In der Transformation der Presse in eine Lügenpresse sehe ich auch eine der wichtigsten Komponenten der heutigen Probleme überhaupt.

So ist beispielsweise die reale Pressefreiheit in Russland heute größer als im Westen. Und das ist auch so geplant, offene Gegner des heutigen Russlands, bis hin zu ukrainischen Faschisten, sind regelmäßige Teilnehmer von Talkshows der krassesten Pro-Putin-Propagandisten Solowjew im führenden russischen Propagandasender Rossia 1. Und das gibt letzten Endes den Russen in der Auseinandersetzung mit dem Westen eine großen Vorteil.

Und das sehe ich auch in größeren Zusammenhängen so. Ich sehe das größere Problem des heutigen Westens nicht im Niedergang des Christentums, sondern im Verrat der Werte der Aufklärung. Mills "Über die Freiheit" verteidigt ja eine extreme Form der Redefreiheit, die sogar für die Positionen, die niemand bereit ist, offen zu verteidigen, vorschlägt, eine "Advokaten des Teufels" einzusetzen, dier auch für diese Positionen die besten Argumente findet. Geradezu das Gegenteil des heutigen "keine Plattform geben".

Ich sehe eher umgekehrt das Erstarken des Islamismus als Reaktion auf genau solchen Verrat des Westens an den Werten der Aufklärung. Diesen Verrat kann man ja auch an vielen anderen Stellen erkennen, beispielsweise in der ökonomischen Theorie, wo die aufklärerische Theorie des freien Marktes (unter Beibehaltung des "freien Marktes" als Propagandalosung) ersetzt wurde durch ein eher mittelalterliches oligarchisches System, in dem die größten Firmen über ihre Lobbies "Regulierungen" durchziehen die vor allem ihnen selbst nutzen, weil sie freie Konkurrenz verhindern. Genauso die Verletzung von Idealen der lokalen Selbstbestimmung durch eine Fremdbestimmung durch superstaatliche Bürokratien. Die Rückkehr zu alten, einfachen, göttlich legitimierten udn daher unveränderlichen Gesetzen sehe ich auch als Reaktion auf moderne Willkür in der Gesetzgebung, die den normalen Bürger immer mehr wie ein inkompetentes Kleinkind behandelt.

Fritz
28. März 2019 15:33

Ja, richtig. Ich hab früher blind geglaubt, was die Tagesschau berichtete; konnte man auch, denn es war i.d.R. korrekt, zumindest bis Ende der 90er Jahre. Damals konnte man ein politische Magazin anschauen, und man wusste, wo die Autoren standen. Panorama mit Claus Bednarz war links, ZDF-Magazin mit Löwenthal war rechts, ebenso Report München. Da wurden ganz gegensätzliche Meinungen vertreten, alles im Rahmen des öffentlich rechtlichen Rundfunks.

In der DDR war das natürlich anders, da wussten die Menschen, dass Medien und Politiker ihre eigenen Zwecke verfolgen und keinerlei journalistisches Ethos hatten. Entsprechend sind sie heute auch misstrauischer als die Westler.

Mich beschäftigt immer noch sehr die Frage, wie und warum das sich so geändert hat. Ich bin der Meinung, die Neoliberalisierung der Sozialdemokratie in ganz Europa hat erheblich dazu beigetragen (Blair in England 1997 und Schröder/Fischer in Deutschland 1998).

Lotta Vorbeck
28. März 2019 16:25

Der Unterschied zwischen DAMALS IN DER DDR und HEUTE IN DER BRD tritt manifest auch in vermeintlichen Kleinigkeiten zutage:

So traf man - zumindest auf den beiden unteren Ebenen der DDR-Nomenklatura - sofern man eine Antenne dafür besaß, auch immer mal wieder auf Leute, die sich nach außen hin als stramme Genossen gaben und dennoch Mensch geblieben waren. Die ganz genau wußten, "wo der Hase im Pfeffer liegt", hier und da auch mal beide Augen ganz fest zu drückten, oder Hilfestellung gaben in der Art: "So kann ich Dir nicht helfen ... aber wenn wir gemeinsam folgendermaßen vorgehen ... kommen wir zu einem Ergebnis."
Trat man, von jugendlichem Leichtsinn befeuert, viel zu dreist und unverschämt auf, hätten sie einen durchaus ins Feuer rennen lassen können, warnten stattdessen in einer sofort zu verstehenden Weise und wendeten damit größeres (vorhersehbares) Unheil ab.
Diese Leute verschanzten sich nicht hinter Phrasen und Vorschriften, sondern gaben, ohne daß darüber irgendetwas schriftlich fixiert worden wäre, schlicht ihr Wort. Und auf dieses gegebene Wort war Verlaß.

RMH
29. März 2019 11:37

@Lotta Vorbeck,

es gibt im Personalführungsbereich den alten Kalauer, dass eine gute Führungskraft seine Mitarbeiter so über den Tisch zieht, dass die dabei entstehende Reibungswärme als Nestwärme empfunden wird.

Die von ihnen gerühmte Verlässlichkeit war damit letztlich auch nur systemerhaltend und systemkonform, Sie haben ja danach offenbar besser gespurt. Es gehört zum Wesen von Unrechtsstaaten, dass sie auch erst einmal und bei Bedarf "Großzügigkeit" oder gar "Humanität" walten lassen können, obwohl die offiziellen Regeln "Strenge" oder etwas anderes vorgeben. Ein Unrechtsregime hält sich nämlich noch nicht einmal an seine eigenen Regeln und Gesetze (nach dieser Definition befinden wir uns übrigens auch wieder in einem Unrechtsregime).

Valjean72
29. März 2019 11:52

@RMH:
“Die ehem. DDR Bürger haben schon ein System "abschmieren" sehn und wurden dabei z.T. um ihre Lebensleistungen gebracht“
---
Das ist gewiss ein wichtiger Punkt, der allerdings zumindest meiner Einschätzung nach nicht hinreichend erklärt, weshalb die patriotische Renaissance gerade in den neuen Bundesländern verfängt und hier insbesondere in Sachsen.

@Max
“Im Vergleich war die Westpresse natürlich frei und vertrauenswürdig - jedenfalls zu Wendezeiten. […] und sie begannen, auch die Westpresse als Lügenpresse zu erkennen und zu verachten. […] Ich sehe das größere Problem des heutigen Westens nicht im Niedergang des Christentums, sondern im Verrat der Werte der Aufklärung.“
---
Ja die älteren Menschen, welche die DDR noch bewusst erlebten, haben möglicherweise ein feineres Gespür für die mehr oder weniger subtile Propaganda, die durch das BRD-Staatsfernsehen heute unters Volk gebracht wird.

Aber dieser Sachverhalt allein kann es nicht sein. Ich vertrete die These, dass die Westdeutschen über Jahrzehnte hinweg über den Wirtschaftsaufschwung korrumpiert und verwestlicht (d.h. amerikanisiert) wurden. Reeducation und konsumistisches Flittergold gingen Hand in Hand und erfüllten ihren Zweck.

Die versuchte Sowjetisierung der Bürger der DDR misslang hingegen komplett.

Im Umkehrschluss bedeutet dies schlichtweg, dass die Deutschen östlich des Eisernen Vorhangs deutlich mehr deutsch blieben als ihre amerikanisierten Landsmänner im Westen.

Und diese vorhandenen, stärkeren Bande der Menschen in „Mitteldeutschland“ mit Ihren deutschen Wurzeln (mit der deutschen „Volksseele“) sind nach meinem Verständnis der Hauptgrund, dass dort der Widerstand gegen den „Großen Austausch“ deutlich ausgeprägter ist als bei den mehrheitlich ent-deutschten Alt-BRD-Bürgern.

Imagine
29. März 2019 18:57

Zwar lautet die Überschrift „Letzte Nation DDR?“, aber mein Eindruck ist, dass es um die Frage geht: „War die DDR die letzte DEUTSCHE Nation?“.

Aus meiner Sicht ist Deutschland schon lange nicht mehr „deutsch“, weil der „deutsche Geist“ verschwunden ist. Die Migration spielt dabei untergeordnete Rolle.

In meiner biographischen Retrospektive war die BRD in den ersten Nachkriegsjahrzehnten noch „deutsch“. Die Gymnasien orientierten sich am Humboldt’schen Bildungsideal, im Fokus der geistigen Bildung standen Renaissance und Aufklärung und insbesondere die deutsche Klassik, angefangen von Kant bis hin zu Schiller und Goethe.

Die 68-er war hochmoralische Menschen. Die humanistischen „inneren Werte“ und die Wertgeleitetheit des Handelns machten damals im Verständnis dieser Generation den wahren Wert eines Menschen aus.

Die 68-er protestierten gegen den Konsumterror und die Wegwerfgesellschaft.

„Die Kaufhaus-Brandstiftungen am 2. April 1968 in Frankfurt am Main waren politisch motivierte Brandstiftungen, an denen die späteren Mitbegründer der Rote Armee Fraktion, Andreas Baader und Gudrun Ensslin, beteiligt waren. Zusammen mit Thorwald Proll und Horst Söhnlein legten sie nachts drei Brände in zwei Kaufhäusern und wurden dafür zu jeweils drei Jahren Zuchthaus verurteilt. (Wikipedia). Politisch motiviert, als Aktion gegen die „amerikanisierte“ kapitalistische Konsumgesellschaft, die aus den Menschen Konsum-Idioten macht.

"Burn, ware-house, burn!" forderte die Kommune 1 in Flugblättern.

Völlig undenkbar war für uns (Abi 1967) in den 60-er Jahren, dass es einmal amerikanische Verhältnisse geben wird, wo im TV Spielefilme unterbrochen werden, um Werbung einzublenden. Wenn dies passiert, dann ist dies nicht mehr Deutschland, dann wandern wir aus. Das sagten wir damals.

Wer hat dann die Total-Liberalisierung umgesetzt? Es waren nicht die „68-er“, sondern die „Schwarzen“ - die Regierung Kohl -, welche „amerikanische“ Verhältnisse schafften, indem sie die Gesellschaft zur grenzenlosen Kapitalverwertung frei gaben.

Deutschland wurde verkohlt, vermerkelt und geschrödert. Und heute ist kaum etwas noch deutsch an Deutschland.

Lotta Vorbeck
29. März 2019 19:48

@RMH - 29. März 2019 - 11:37 AM

"Die von ihnen gerühmte Verlässlichkeit war damit letztlich auch nur systemerhaltend und systemkonform, Sie haben ja danach offenbar besser gespurt."

+ Wenn lebenserfahrene aka systemerfahrene Leute den jugendlichen Heißsporn - der es, per Westfernsehen mit Mut, besser gesagt mit Leichtsinn betankt, "den Bonzen jetzt einfach mal zeigen wollte", obwohl dazu objektiv überhaupt keine Veranlassung bestand, diesen Jugendlichen mal kurz bremsten, und zwar so, daß es verstanden wurde, ist den Leuten nichts vorzuwerfen. Im Gegenteil, eigentlich ist man ihnen noch nachträglich zur Dankbarkeit verflichtet, weil sie einen vor den ansonsten unausweichlichen Konsequenzen des eigenen, unüberlegten Tuns bewahrten. Unter ungünstigen Umständen hätte man sich wegen vermeintlicher Lappalien alternativ durchaus im Jugendwerkhof oder als Erwachsener im, wie es damals hieß Knast, oder als (jungerwachsener) Wehrdienstleistender "in Schwedt" wiederfinden können. Davor durch Leute, die einen auch achselzuckend hätten ins Verderben rennen lassen können, bewahrt worden zu sein, mag damals "systemerhaltend" gewirkt haben, was aus persönlicher Perspektive betrachtet allerdings völlig belanglos erscheint.

"Es gehört zum Wesen von Unrechtsstaaten, dass sie auch erst einmal und bei Bedarf "Großzügigkeit" oder gar "Humanität" walten lassen können, obwohl die offiziellen Regeln "Strenge" oder etwas anderes vorgeben."

+ Und genau dieses Wesen eröffnet eben auch Möglichkeiten: So bestand das Anliegen des Vaters beispielsweise darin, für den bevorstehenden Winter eine LKW-Ladung des kontingentierten BHT-Koks (Braunkohle-Hoch-Temperatur-Koks), einen Festnetztelephonanschluß, den verschlissenen Heizkessel ausgetauscht, eine Umbaugenehmigung für die nicht mehr landwirtschaftlich genutze Scheue zu bekommen.

Ein eigener Wunsch manifestierte sich damals als, wie es heute heißt, einen LKW-Führerschein zu machen.

Weder für den BHT-Koks, für den Heizkessel aus Thale im Harz, noch für die Baugenehmigung oder für den LKW-Führerschein wurden Gegenleistungen eingefordert.

... und irgendwann stolzer Führerscheininhaber im Unrechtsstaat geworden, ist's völlig uninterssant, ob die im Gehäuse des vom VEB Fernmeldewerk Nordhausen produzierten Fernsprechtischapparates "Alpha" befindliche, elektromagnetische Glocke - aus heutiger Perspektive gehört - seinerzeit womöglich "systemerhaltend" läutete ...

+ Als Zugabe:

Zur Entstehung des ersten Telefonapparates der DDR mit Tastwahl - ein Bericht von Rainer Arnold, Leipzig

http://research.uni-leipzig.de/fernstud/Zeitzeugen/zz1055.htm

RMH
29. März 2019 22:24

@Lotta Vorbeck,

bitte meinen Beitrag nicht zu persönlich nehmen - im Grunde genommen geht es ja um die Fähigkeit vertrauen zu können und Vertrauen zu geben. Und das ist/war unabhängig von den Systemen immer ein Wagnis, wobei in den totalitären System das Wagnis natürlich deutlich höher bis realistisch existentiell war/ ist. Um so mehr ist es bewundernswert, wenn dieses eigentlich "natürliche" Verhalten unter den Menschen offenbar mehr und intensiver ausgeübt wurde, als in einem System ohne diesen offensichtlichen Druck, in "vermeintlicher" Freiheit (volle Freiheit gibt es für Normalbürger nicht).

Lotta Vorbeck
31. März 2019 02:43

@RMH - 29. März 2019 - 10:24 PM

@Lotta Vorbeck,

bitte meinen Beitrag nicht zu persönlich nehmen - im Grunde genommen geht es ja um die Fähigkeit vertrauen zu können und Vertrauen zu geben. Und das ist/war unabhängig von den Systemen immer ein Wagnis, wobei in den totalitären System das Wagnis natürlich deutlich höher bis realistisch existentiell war/ ist. Um so mehr ist es bewundernswert, wenn dieses eigentlich "natürliche" Verhalten unter den Menschen offenbar mehr und intensiver ausgeübt wurde, als in einem System ohne diesen offensichtlichen Druck, in "vermeintlicher" Freiheit (volle Freiheit gibt es für Normalbürger nicht).

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Sie sagen es!

Schauen Sie sich mal (ohne rosarote Touristenbrille) in anderen Ländern, gern auch auf verschiedenen Erdteilen um und Sie werden rasch feststellen, wo der gegenseitige, außerfamiläre Umgang von Vertrauen und wo er von der Grundannahme des Mißtrauens her geprägt ist.

Ein weltweit unter deutschen Expats kursierender Spruch lautet: "Hüte Dich vor Sturm und Wind, sowie Deutschen die im Ausland sind!"
Frisch ausgewanderte Deutsche gehen mit Landsleuten zunächst meistens so um, wie sie es von zu Hause gewohnt waren - soll heißen, man vertraut nahezu blind auf die Lauterkeit des Geschäftspartners. Allzu oft - über die Gründe dafür läßt sich trefflich debattieren - haben sich die deutschen Expats binnen kürzester Frist den im Gastland geltenden Gepflogenheiten angepaßt und nutzen ihre Chance, die frisch angekommenen, deutschen "Greenhorns" erstmal gnadenlos auszunehmen.

In traditionellen, deutschen Familien situierte Deutsche sind (normalerweise) arglos, im Umgang mit anderen Deutschen. Dienstleistungen werden (normalerweise) im Vertrauen auf die Zahlungswilligkeit/Zahlungsfähigkeit des Kunden erbracht, ohne dafür Vorkasse zu verlangen. Auf Grund sich verschlechternder Zahlungsmoral wird allerdings zunehmend nun auch schon hierzulande eine vor Arbeitsbeginn vom Kunden zu leistende Anzahlung gefordert.

Anderswo unterstellt man, ohne dies speziell zu thematisieren, dem jeweiligen Geschäftspartner von vornherein Betrugsabsicht, geht ergo davon aus, daß dieser die Anzahlung nimmt und dann doch nicht liefert, einem minderwertige Teile ins defekte Gerät/Fahrzeug einbaut, gar funktionstüchtige Teile austauscht und durch schlechtere ersetzt, Medikamente verdünnt/streckt, die Goldkette kürzt, Material vom goldenen Ring abschabt, das Gerät/Fahrzeug während der Reparatur gar auf Nimmerwiedersehen verschwindet usw., usf..

Materieller Mangel einerseits sowie ein halb offen existierender Schwarzmarkt andererseits - wie einst in der DDR - sorgen dafür, daß die Leute aufeinander angewiesen sind, man sich gegenseitig Gefälligkeiten erweist und untereinander Hilfsbereitschaft walten läßt, in der Annahme (die sich freilich fallweise als nicht tragfähig erweisen kann), daß einem dann, wenn man selber Hilfe benötigt, von anderen Leuten ebenfalls geholfen wird. Leute, die dieses informelle System zum eigenen Vorteil auf Kosten anderer auszunutzen versuchten, gab's unvermeidlicherweise ebenfalls.

Das "nicht nur freitags ab eins" sondern überall und immer "jeder nur sein's macht", wird unter den sich rapide tribalisierenden BRD-Verhältnissen nicht mehr allzu lange funktionieren.

Hedonismus und Egoismus in Verbindung mit der Möglichkeit zu exzessivem, materiellen Konsum = Glückseligkeit?

Hat es eher mit Freiheit oder doch womöglich mit Dekadenz zu tun, beim Elektrowaren-Discounter einen aus 268 verschiedenen Kühlschränken oder im Supermarktregal eine aus 91 verschiedenen Käseabpackungen wählen zu müssen?

Ein Mal gesehen und nie wieder vergessen: "Borat goes cheese shopping"

Borat goes cheese shopping
https://youtu.be/3uexC5wK9rM

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