30. März 2019

Harald Jähner: Wolfszeit – eine Rezension

Ellen Kositza / 5 Kommentare

Harald Jähners Buch Wolfszeit erhielt in der vergangenen Woche den Leipziger Buchpreis. Es wird auf Bestenlisten gehievt und breit gelobt.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Es ist interessant, wie die Sichten auf die Nachkriegsjahre (bis 1955) divergieren. Traditionelle Katholiken schwärmen von der Adenauerära als quasi-paradiesischer Zeit.

"Progressive" Kräfte sehen den »Muff unter Talaren« und beklagen die allgemeine Spießigkeit. Und die sogenannte Neue Rechte? Grosso modo sieht sie hier wohl die Keimzeit der großen Umerziehung, die Genese des Deutschen als artiges Mitglied der »westlichen Wertgemeinschaft«. Wer von Harald Jähner (*1953), Honorarprofessor für Kulturjournalismus, der sich nun dem Jahrzehnt 1945–1955 gewidmet hat, eine profilierte Einordung erwartete, würde enttäuscht. Es ist eine Mentalitätsgeschichte ohne Ecken und Kanten, moralgewiß und willfährig.

Harald Jähners Buch Wolfszeit erhielt in der vergangenen Woche den Leipziger Buchpreis. Es wird auf Bestenlisten gehievt und breit gelobt. In der Tat ist dieses Werk lesenswert - allerdings mit erheblichen Abstrichen.

Zunächst aber: Über weite Strecken ist das Buch ein wahrer Schmöker. Von dem weißen Ochsen zu lesen, den vier Intellektuelle im April 1945 mitten in der umkämpften Hauptstadt auffinden, und dann: »Wie schlachten vier urbane Bildungsbürger ein Rind?« Ein Sowjetsoldat hilft. Jähner läßt die Journalistin Ruth-Andreas-Friedrich berichten: »Aus hundert Kellerlöchern krochen sie hervor. Weiber, Männer, Kinder. Hat sie der Blutgeruch hergelockt? […] Blutbeschmierte Fäuste zerren dem Ochsen die Zunge aus dem Mund. So also sieht die Stunde der Befreiung aus.«

Jähner berichtet auch, wie unterschiedlich die »Enttrümmerung« in Dresden, Berlin und Frankfurt verlief. In Hamburg hatte die Stadtverwaltung zum Großeinsatz gerufen: »Zum ersten Termin erschienen 4500 Männer, an den folgenden Sonntagen kamen doppelt so viele. […] Am Ende waren auf diese Weise allein in Hamburg allein 182 Millionen Ziegelsteine gesammelt, geputzt und gestapelt worden.« In Frankfurt ließ man sich Zeit. Die Bürger begannen zu murren. Dann fanden Frankfurter Chemiker heraus, wie man aus Schutt Gips, Sinterbims und schließlich Zement gewinnen konnte.

Lesenswert ist auch das Kapitel über die »Displaced Persons« (DP), die knapp neun Millionen Zwangsarbeiter, die nun in ihre Heimat überführt werden sollten – wogegen sie sich recht bald sperrten. Lieber in Ex-Nazideutschland in Baracken hausen, als ab in den Ostblock! Hinzu kam der unerwartete Zuzug von mindestens 100 000 osteuropäischen Juden, wer hätte das gedacht? »Hardcore DPs« wurden jene Verschleppten genannt, die auch 1950 nicht in ihre Herkunftsländer zurückkehren wollten. Gerade Bayern wurde von den Neudeutschen als eine Art amerikanische Exklave betrachtet.

1947 übrigens beherbergten von den 10 000 Ferienquartieren auf Sylt 6000 Flüchtlinge – im Rest wurde bereits ganz normal geurlaubt.

Oder dies: Wie in den Karnevalshochburgen die »Kapitulationsgesellschaft in die Spaßgesellschaft« überging. In Südwestdeutschland beförderten die Franzosen die Fasnacht als Mittel zur »Déprussianisation«, zur »Entpreußung«, um den preußisch-militaristischen Einfluß zurückzudrängen.

Oder dies: Wie an öffentlichen Orten Elektrobirnen geklaut wurden. Wie Straßen- und Parkbäume illegal gefällt wurden und das Holz im Hungerwinter dennoch nicht taugte, weil es viel zu feucht war.

Der Autor verdeutlicht einmal mehr, wie sehr die deutschen Ostvertriebenen unter der Besitzstandwahrung der Eingesessenen litten. Keine Rede von »Willkommenskultur!« Zuzugskommissionen der Alliierten rissen zwecks besserer Integrationsaussichten Familien bewußt auseinander. Württembergischer Pietismus traf unter Umständen auf lebensfrohen Ost-Katholizismus. Ein Kreisdirektor des bayrischen Bauernverbandes nannte es eine »Blutschande«, wenn »ein bayrischer Bauernsohn eine norddeutsche Blondine« heiratete!

In seinen zehn Kapiteln (beispielsweise: In Trümmern; Tanzwut; Die Umerzieher) läßt Jähner zahlreiche Zeitzeugen zu Wort kommen. Nach »rechts« tut er dies äußerst kritisch, »links« präsentiert sich in seinen Augen eher die Wahrheit.

So gelten ihm die kessen »Fräuleins«, die mit den alliierten Besatzern poussierten, als »Wegbereiterinnen der deutsch-amerikanischen Freundschaft«. Die Russen sind für ihn – Jähner erwähnt die Vergewaltigungsorgien, allerdings auch, wie man »klug« damit umgehen konnte als abgebrühte Frau – Menschen von »unbändiger Herzlichkeit«. Die Westkräfte machten vor, wie man sich lässig und cool hinfläzt: Jähner, und das ist beispielhaft, unkt (ohne Quellenverweis): »Die jungen Deutschen ahmten deren Gesten nach, was zu den peinlichsten Verrenkungen führte.«

Dieser Ton der Herablassung gegenüber den Besiegten ist vorherrschend. Wo es Kräfte gab, die sich einer »Verwahrlosung der Jugend« entgegenstellten, kommentiert Jähner in blasiertem Antifa-Ton: »So konnte man Nazi bleiben, ohne offen als solcher auftreten zu müssen.« Der Freßlust und dem Konsumrausch der Nachkriegsdeutschen, von dem Bildbände und andere Arbeiten zeugen, geht Jähner leider kaum nach.

In krasser Naivität nimmt er Titelgeschichten und offensichtliche Kampagnen der neuen, von den Alliierten eingesetzten Druckerzeugnisse als Ausweis einer neuen deutschen Mentalität: Wenn in Frauenzeitschriften der späten vierziger Jahre der Heimkehrer als »ausgebrannte Lusche« problematisiert wird und es Scheidungstips nur so hagelt, tut Jähner so, als habe man damit nur Problemlagen aufgegriffen – daß man sie überhaupt erst evoziert haben könnte, kommt ihm nicht in den Sinn. So wie wir uns heute mit dem Autor milde lächelnd oder kopfschüttelnd über die Bilder von kittelschürzentragenden Hausfrauen und Kriegskrüppeln beugen, wird sich vielleicht die übernächste Generation über Jähners schuldstolzen Nachgeborenenblick beugen.

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Harald Jähner: Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945 – 1955, Berlin: Rowohlt Berlin 2019. 477 S., 26 €, hier bestellen.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Kommentare (5)

Der_Juergen
31. März 2019 05:34

Ich habe in letzter Zeit bei Antaios recht viele Bücher bestellt, aber vor der Versuchung, auch dieses zu kaufen, bewahrt mich Ellen Kositzas Rezension, auch wenn das Buch durchaus seine Stärken zu haben scheint. Wenn es schon um Wölfe geht, dann viel lieber Hans Bergels "Die Wiederkehr der Wölfe". Das war wirklich eine Bestellung, die sich gelohnt hat, ebenso wie Bergels "Wenn die Adler kommen".

nom de guerre
31. März 2019 11:34

Ohne den von Frau Kositza erwähnten herablassenden Ton des Autors würde ich das Buch vielleicht lesen. Allerdings glaube ich nicht, dass man die Probleme von Familien mit Heimkehrern erst evozieren musste. Auch aus Erzählungen in meiner Familie entnehme ich, dass damals viele Männer zwar wirtschaftlich betrachtet hervorragend "funktioniert" haben, aber in der Tat ausgebrannt aus Krieg und Gefangenschaft zurückgekehrt sind, ihre Angehörigen nicht an sich herangelassen haben und bspw. nicht in der Lage waren, eine vernünftige Beziehung zu den Kindern, die ohne sie aufgewachsen waren, aufzubauen. Nur wären in einer auf Zusammenhalt ausgelegten Gesellschaft statt Scheidungstipps konstruktive Ratschläge sinnvoll gewesen, wie man mit diesem fremdgewordenen Mann hätte umgehen können.

ALD
31. März 2019 11:45

"Schuldstolzer Nachgeborenenblick" fasst das ganze wirklich hervorragend zusammen. Die Bezeichnung kann man sich merken. Auf das Buch, wenn auch mit interessanten und aufschlußreichen Anekdoten und Erzählungen versehen, kann ich gerne verzichten.

Die Umerziehung der Umerziehung sollte indessen behutsam angegangen werden. Die restautochthone junge Bevölkerung scheint sich ja derzeit hingebungsvoll zu mobiliseren und eine neue "Volkskraft" zu entwickeln. Die dabei entstehende Energie sollte durchaus aufgegriffen werden ohne die gute Laune zu schmälern. In diesem Sinne: "Volkskraft voraus!"
https://www.youtube.com/watch?v=EgGQVOaczng

Niekisch
31. März 2019 12:55

Eine der ersten Erinnerungen zur Nachkriegszeit: nächtliche Kommandorufe meines Vaters aus dem elterlichen Schlafzimmer: "Halt, wer da?" u.ä. Auf den engen Strassen der Heimatstadt endlose Kolonnen amerikanischer LKW voller GIs, fürchterlich beißend- stinkiger Geruch der Auspuffgase, chewing -gum- Würfe in unsere Schar von Jungen am Straßenrand, Schimpfen der Eltern angesichts des Kauens. Die Erbärmlichkeit der Wohnverhältnisse, das einseitige, nicht gerade umfangreiche Essen, die strengen Winter mit Blick auf die winkligen Giebel der Altstadt durch vereiste Scheiben auf basalgepflasterte Gassen, endlose Schneeballschlachten, der Versuch, im Sommer einen Feuersalamander in einem Bottich im Hinterhof zu halten.

Der Autor hat die unmittelbare Nachkriegszeit schon nicht mehr unmittelbar miterlebt, ich selber auch erst seit 1949. Wie extrem muß das alles erst direkt am Kriegsende gewesen sein? Und Hilfe gab es kaum.

Die eigenen Erlebnisse, die Schilderungen des Umfeldes, die damalige Literatur haben mich dazu gebracht, gegenüber allen unüberprüfbaren Aussagen vorsichtig zu sein, nie auf solche überholten, geradezu dämlichen Kategorien wie "rechts" oder "links" hereinzufallen, weil die damals schon längst obsolet waren, irgendwie religiös, aber kirchenablehnend zu sein, eher holistisch zu denken und zu handeln, die entehrten Vorfahren zu beschützen, die geschändete Natur zu achten.

Ein Gutes hat der Titel "Wolfszeit": er deutet an, daß aus der Erkenntnis der damaligen und der vorherigen Wolfszeit wie Gold im Schmelztiegel eine neue "Wolfsanschauung" geboren werden wird, die unter bewußtem Beschränken auf das Eigene das uns Verbliebene notfalls rebellisch, ja revolutionär beschützt.

Old Linkerhand
31. März 2019 15:05

Die Russen sind für ihn – Jähner erwähnt die Vergewaltigungsorgien, allerdings auch, wie man »klug« damit umgehen konnte als abgebrühte Frau – Menschen von »unbändiger Herzlichkeit«.
Scheint ja wirklich das Buch zur rechten Zeit zu sein und hat damit den Leipziger Buchpreis redlich verdient.

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