Harald Jähner: Wolfszeit – eine Rezension

Harald Jähners Buch Wolfszeit erhielt in der vergangenen Woche den Leipziger Buchpreis. Es wird auf Bestenlisten gehievt und breit gelobt.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Es ist inter­es­sant, wie die Sich­ten auf die Nach­kriegs­jah­re (bis 1955) diver­gie­ren. Tra­di­tio­nel­le Katho­li­ken schwär­men von der Ade­nau­er­ä­ra als qua­si-para­die­si­scher Zeit.

“Pro­gres­si­ve” Kräf­te sehen den »Muff unter Tala­ren« und bekla­gen die all­ge­mei­ne Spie­ßig­keit. Und die soge­nann­te Neue Rech­te? Gros­so modo sieht sie hier wohl die Keim­zeit der gro­ßen Umer­zie­hung, die Gene­se des Deut­schen als arti­ges Mit­glied der »west­li­chen Wert­ge­mein­schaft«. Wer von Harald Jäh­ner (*1953), Hono­rar­pro­fes­sor für Kul­tur­jour­na­lis­mus, der sich nun dem Jahr­zehnt 1945–1955 gewid­met hat, eine pro­fi­lier­te Einordung erwar­te­te, wür­de ent­täuscht. Es ist eine Men­ta­li­täts­ge­schich­te ohne Ecken und Kan­ten, moral­ge­wiß und willfährig.

Harald Jäh­ners Buch Wolfs­zeit erhielt in der ver­gan­ge­nen Woche den Leip­zi­ger Buch­preis. Es wird auf Bes­ten­lis­ten gehievt und breit gelobt. In der Tat ist die­ses Werk lesens­wert – aller­dings mit erheb­li­chen Abstrichen.

Zunächst aber: Über wei­te Stre­cken ist das Buch ein wah­rer Schmö­ker. Von dem wei­ßen Och­sen zu lesen, den vier Intel­lek­tu­el­le im April 1945 mit­ten in der umkämpf­ten Haupt­stadt auf­fin­den, und dann: »Wie schlach­ten vier urba­ne Bil­dungs­bür­ger ein Rind?« Ein Sowjet­sol­dat hilft. Jäh­ner läßt die Jour­na­lis­tin Ruth-Andre­as-Fried­rich berich­ten: »Aus hun­dert Kel­ler­lö­chern kro­chen sie her­vor. Wei­ber, Män­ner, Kin­der. Hat sie der Blut­ge­ruch her­ge­lockt? […] Blut­be­schmier­te Fäus­te zer­ren dem Och­sen die Zun­ge aus dem Mund. So also sieht die Stun­de der Befrei­ung aus.«

Jäh­ner berich­tet auch, wie unter­schied­lich die »Ent­trüm­me­rung« in Dres­den, Ber­lin und Frank­furt ver­lief. In Ham­burg hat­te die Stadt­ver­wal­tung zum Groß­ein­satz geru­fen: »Zum ers­ten Ter­min erschie­nen 4500 Män­ner, an den fol­gen­den Sonn­ta­gen kamen dop­pelt so vie­le. […] Am Ende waren auf die­se Wei­se allein in Ham­burg allein 182 Mil­lio­nen Zie­gel­stei­ne gesam­melt, geputzt und gesta­pelt wor­den.« In Frank­furt ließ man sich Zeit. Die Bür­ger began­nen zu mur­ren. Dann fan­den Frank­fur­ter Che­mi­ker her­aus, wie man aus Schutt Gips, Sin­terbims und schließ­lich Zement gewin­nen konnte.

Lesens­wert ist auch das Kapi­tel über die »Dis­pla­ced Per­sons« (DP), die knapp neun Mil­lio­nen Zwangs­ar­bei­ter, die nun in ihre Hei­mat über­führt wer­den soll­ten – woge­gen sie sich recht bald sperr­ten. Lie­ber in Ex-Nazi­deutsch­land in Bara­cken hau­sen, als ab in den Ost­block! Hin­zu kam der uner­war­te­te Zuzug von min­des­tens 100 000 ost­eu­ro­päi­schen Juden, wer hät­te das gedacht? »Hard­core DPs« wur­den jene Ver­schlepp­ten genannt, die auch 1950 nicht in ihre Her­kunfts­län­der zurück­keh­ren woll­ten. Gera­de Bay­ern wur­de von den Neu­deut­schen als eine Art ame­ri­ka­ni­sche Exkla­ve betrachtet.

1947 übri­gens beher­berg­ten von den 10 000 Feri­en­quar­tie­ren auf Sylt 6000 Flücht­lin­ge – im Rest wur­de bereits ganz nor­mal geurlaubt.

Oder dies: Wie in den Kar­ne­vals­hoch­bur­gen die »Kapi­tu­la­ti­ons­ge­sell­schaft in die Spaß­ge­sell­schaft« über­ging. In Süd­west­deutsch­land beför­der­ten die Fran­zo­sen die Fas­nacht als Mit­tel zur »Déprus­sia­ni­sa­ti­on«, zur »Ent­preuß­ung«, um den preu­ßisch-mili­ta­ris­ti­schen Ein­fluß zurückzudrängen.

Oder dies: Wie an öffent­li­chen Orten Elek­tro­bir­nen geklaut wur­den. Wie Stra­ßen- und Park­bäu­me ille­gal gefällt wur­den und das Holz im Hun­ger­win­ter den­noch nicht taug­te, weil es viel zu feucht war.

Der Autor ver­deut­licht ein­mal mehr, wie sehr die deut­schen Ost­ver­trie­be­nen unter der Besitz­stand­wah­rung der Ein­ge­ses­se­nen lit­ten. Kei­ne Rede von »Will­kom­mens­kul­tur!« Zuzugs­kom­mis­sio­nen der Alli­ier­ten ris­sen zwecks bes­se­rer Inte­gra­ti­ons­aus­sich­ten Fami­li­en bewußt aus­ein­an­der. Würt­tem­ber­gi­scher Pie­tis­mus traf unter Umstän­den auf lebens­fro­hen Ost-Katho­li­zis­mus. Ein Kreis­di­rek­tor des bay­ri­schen Bau­ern­ver­ban­des nann­te es eine »Blut­schan­de«, wenn »ein bay­ri­scher Bau­ern­sohn eine nord­deut­sche Blon­di­ne« heiratete!

In sei­nen zehn Kapi­teln (bei­spiels­wei­se: In Trüm­mern; Tanz­wut; Die Umer­zie­her) läßt Jäh­ner zahl­rei­che Zeit­zeu­gen zu Wort kom­men. Nach »rechts« tut er dies äußerst kri­tisch, »links« prä­sen­tiert sich in sei­nen Augen eher die Wahrheit.

So gel­ten ihm die kes­sen »Fräu­leins«, die mit den alli­ier­ten Besat­zern pous­sier­ten, als »Weg­be­rei­te­rin­nen der deutsch-ame­ri­ka­ni­schen Freund­schaft«. Die Rus­sen sind für ihn – Jäh­ner erwähnt die Ver­ge­wal­ti­gungs­or­gi­en, aller­dings auch, wie man »klug« damit umge­hen konn­te als abge­brüh­te Frau – Men­schen von »unbän­di­ger Herz­lich­keit«. Die West­kräf­te mach­ten vor, wie man sich läs­sig und cool hin­fläzt: Jäh­ner, und das ist bei­spiel­haft, unkt (ohne Quel­len­ver­weis): »Die jun­gen Deut­schen ahm­ten deren Ges­ten nach, was zu den pein­lichs­ten Ver­ren­kun­gen führte.«

Die­ser Ton der Her­ab­las­sung gegen­über den Besieg­ten ist vor­herr­schend. Wo es Kräf­te gab, die sich einer »Ver­wahr­lo­sung der Jugend« ent­ge­gen­stell­ten, kom­men­tiert Jäh­ner in bla­sier­tem Anti­fa-Ton: »So konn­te man Nazi blei­ben, ohne offen als sol­cher auf­tre­ten zu müs­sen.« Der Freß­lust und dem Kon­sum­rausch der Nach­kriegs­deut­schen, von dem Bild­bän­de und ande­re Arbei­ten zeu­gen, geht Jäh­ner lei­der kaum nach.

In kras­ser Nai­vi­tät nimmt er Titel­ge­schich­ten und offen­sicht­li­che Kam­pa­gnen der neu­en, von den Alli­ier­ten ein­ge­setz­ten Druckerzeug­nis­se als Aus­weis einer neu­en deut­schen Men­ta­li­tät: Wenn in Frau­en­zeit­schrif­ten der spä­ten vier­zi­ger Jah­re der Heim­keh­rer als »aus­ge­brann­te Lusche« pro­ble­ma­ti­siert wird und es Schei­dungs­tips nur so hagelt, tut Jäh­ner so, als habe man damit nur Pro­blem­la­gen auf­ge­grif­fen – daß man sie über­haupt erst evo­ziert haben könn­te, kommt ihm nicht in den Sinn. So wie wir uns heu­te mit dem Autor mil­de lächelnd oder kopf­schüt­telnd über die Bil­der von kit­tel­schür­zen­tra­gen­den Haus­frau­en und Kriegs­krüp­peln beu­gen, wird sich viel­leicht die über­nächs­te Genera­ti­on über Jäh­ners schuld­stol­zen Nach­ge­bo­re­nen­blick beugen.

– – –

Harald Jäh­ner: Wolfs­zeit. Deutsch­land und die Deut­schen 1945 – 1955, Ber­lin: Rowohlt Ber­lin 2019. 477 S., 26 €, hier bestel­len.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (5)

Der_Juergen

31. März 2019 05:34

Ich habe in letzter Zeit bei Antaios recht viele Bücher bestellt, aber vor der Versuchung, auch dieses zu kaufen, bewahrt mich Ellen Kositzas Rezension, auch wenn das Buch durchaus seine Stärken zu haben scheint. Wenn es schon um Wölfe geht, dann viel lieber Hans Bergels "Die Wiederkehr der Wölfe". Das war wirklich eine Bestellung, die sich gelohnt hat, ebenso wie Bergels "Wenn die Adler kommen".

nom de guerre

31. März 2019 11:34

Ohne den von Frau Kositza erwähnten herablassenden Ton des Autors würde ich das Buch vielleicht lesen. Allerdings glaube ich nicht, dass man die Probleme von Familien mit Heimkehrern erst evozieren musste. Auch aus Erzählungen in meiner Familie entnehme ich, dass damals viele Männer zwar wirtschaftlich betrachtet hervorragend "funktioniert" haben, aber in der Tat ausgebrannt aus Krieg und Gefangenschaft zurückgekehrt sind, ihre Angehörigen nicht an sich herangelassen haben und bspw. nicht in der Lage waren, eine vernünftige Beziehung zu den Kindern, die ohne sie aufgewachsen waren, aufzubauen. Nur wären in einer auf Zusammenhalt ausgelegten Gesellschaft statt Scheidungstipps konstruktive Ratschläge sinnvoll gewesen, wie man mit diesem fremdgewordenen Mann hätte umgehen können.

ALD

31. März 2019 11:45

"Schuldstolzer Nachgeborenenblick" fasst das ganze wirklich hervorragend zusammen. Die Bezeichnung kann man sich merken. Auf das Buch, wenn auch mit interessanten und aufschlußreichen Anekdoten und Erzählungen versehen, kann ich gerne verzichten.

Die Umerziehung der Umerziehung sollte indessen behutsam angegangen werden. Die restautochthone junge Bevölkerung scheint sich ja derzeit hingebungsvoll zu mobiliseren und eine neue "Volkskraft" zu entwickeln. Die dabei entstehende Energie sollte durchaus aufgegriffen werden ohne die gute Laune zu schmälern. In diesem Sinne: "Volkskraft voraus!"
https://www.youtube.com/watch?v=EgGQVOaczng

Niekisch

31. März 2019 12:55

Eine der ersten Erinnerungen zur Nachkriegszeit: nächtliche Kommandorufe meines Vaters aus dem elterlichen Schlafzimmer: "Halt, wer da?" u.ä. Auf den engen Strassen der Heimatstadt endlose Kolonnen amerikanischer LKW voller GIs, fürchterlich beißend- stinkiger Geruch der Auspuffgase, chewing -gum- Würfe in unsere Schar von Jungen am Straßenrand, Schimpfen der Eltern angesichts des Kauens. Die Erbärmlichkeit der Wohnverhältnisse, das einseitige, nicht gerade umfangreiche Essen, die strengen Winter mit Blick auf die winkligen Giebel der Altstadt durch vereiste Scheiben auf basalgepflasterte Gassen, endlose Schneeballschlachten, der Versuch, im Sommer einen Feuersalamander in einem Bottich im Hinterhof zu halten.

Der Autor hat die unmittelbare Nachkriegszeit schon nicht mehr unmittelbar miterlebt, ich selber auch erst seit 1949. Wie extrem muß das alles erst direkt am Kriegsende gewesen sein? Und Hilfe gab es kaum.

Die eigenen Erlebnisse, die Schilderungen des Umfeldes, die damalige Literatur haben mich dazu gebracht, gegenüber allen unüberprüfbaren Aussagen vorsichtig zu sein, nie auf solche überholten, geradezu dämlichen Kategorien wie "rechts" oder "links" hereinzufallen, weil die damals schon längst obsolet waren, irgendwie religiös, aber kirchenablehnend zu sein, eher holistisch zu denken und zu handeln, die entehrten Vorfahren zu beschützen, die geschändete Natur zu achten.

Ein Gutes hat der Titel "Wolfszeit": er deutet an, daß aus der Erkenntnis der damaligen und der vorherigen Wolfszeit wie Gold im Schmelztiegel eine neue "Wolfsanschauung" geboren werden wird, die unter bewußtem Beschränken auf das Eigene das uns Verbliebene notfalls rebellisch, ja revolutionär beschützt.

Old Linkerhand

31. März 2019 15:05

Die Russen sind für ihn – Jähner erwähnt die Vergewaltigungsorgien, allerdings auch, wie man »klug« damit umgehen konnte als abgebrühte Frau – Menschen von »unbändiger Herzlichkeit«.
Scheint ja wirklich das Buch zur rechten Zeit zu sein und hat damit den Leipziger Buchpreis redlich verdient.

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