Sezession
1. April 2019

Sonntagsheld (101) – Die Sex-Pistols haben angerufen…

Till-Lucas Wessels / 17 Kommentare

...sie wollen ihre Hakenkreuze zurück.

Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.

Also, ich steige gleich ein, damit wir den Punkt abgehakt haben: Die schwarze Germania und die KZ-Nostalgie sind das Langweiligste an diesem Rammstein-Video, das Henryk M. Broder für ein "Meisterwerk im Dienst der Aufklärung" hält. Sollte Broder das irgendwann einmal über eines meiner Lieder sagen, bitte ich um standrechtliche Pulverisierung durch eine V2-Rakete.

Die einen ärgern sich über die gloriose Mohrin im Kettenhemd, die anderen bekommen Schnappatmung, weil Deutschlands bekannteste Export-Band als x-te Rockgruppe auf dem Dachboden die Mottenkiste mit den Uniformen ihrer Großväter entdeckt hat. "Was aber, wollen sie uns damit sagen?" fragt indes das Feuilleton verzagt, aber in guter deutscher Tradition auf das politische Sendebedürfnis des Künstlers trauend.

Muß ja immer eine Botschaft haben, so ein kryptisches Machwerk, oder nicht? Sonst wären die abertausenden Euro an Produktionskosten, die unzähligen Liter Kunstblut und natürlich die Pyrotechnik ja völlig umsonst verballert worden! Der BRD-YouTube-Erklärbär "Mr. Wissen2Go", der mit Broder einer Meinung ist und das fast zehnminütige Filmchen am liebsten gleich zum Pflichtcurriculum für den Geschichtskurs erheben möchte, interessiert sich jedenfalls hauptsächlich für die "kritische Auseinandersetzung" mit der deutschen Geschichte und wird dabei offensichtlich ganz feucht zwischen seinen Hamsterbacken, weil er endlich wieder auf sein Holocaust-Informationsvideo verlinken kann.

Eine "kritische Auseinandersetzung" – 2019 ist von einem Lied mit dem Titel "Deutschland" nichts anderes mehr zu erwarten. Letztendlich macht der Mord am Geheimnis eben auch vor der Kunst nicht Halt; in der Krokodilsträne von Till Lindemann, der als Lagerinsasse verkleidet "Deutschland, deine Liebe ist Fluch und Segen, meine Liebe kann ich dir nicht geben" ins Mikro grunzt, bevor er in einer anderen Szene einen Hund rammelt, nachdem sein als Mönch verkleideter Kompagnon Sauerkraut auf den nackten Körper der Afrika-Germania gekotzt hat, spiegelt sich kein Holdes Reich und keine höhere Initiation, sondern nur das Nichts. Mit den Worten des oben erwähnten YouTube-Ottos: "Da ist alles vollkommen cool, wenn man den Kontext kennt."

Genau das ist es auch, was es mit der von manchen bereits hochgeschriebenen Ambivalenz des Machwerkes auf sich hat. Selten konnte Ekelhaftes so egal, Pornografisches so steril, Provokantes so langweilig sein. In einem Artikel las ich, daß in dem Lied auch die "verbotene erste Strophe des Deutschlandliedes" zitiert würde – "Deutschland über allen" werde bald überall (höhö) in den Konzertsälen der Bundesrepublik zu hören sein.

Wenn ich mir das so vorstelle ist das womöglich gar keine schlechte Idee – vielleicht wäre es wirklich besser, man verböte das Deutschlandlied. Also nicht das von Rammstein, das ist mir egal, sondern das echte mit allen drei Strophen. Das wäre doch wirklich ganz gut, wenn da wieder ein bißchen Mumm dazugehören würde; die Junge Alternative würde es dann zum Beispiel nicht mehr singen und allein das wäre ja schon ein Gewinn. Die Zeilen von Langemarck blieben aufgespart für eine Handvoll hungriger Herzen im Abglanz der Feuerschalen und Fackeln.

Mir reicht es jedenfalls für heute, ich lese jetzt noch ein wenig im Hyperion und gehe dann schlafen. Achso, Sonntagsheld ist natürlich Martin Sellner, aber ich dachte das war klar. Ich meine: Gucken Sie sich den Kerl mal an – die Mikrofone im Gesicht, das Terror-Verfahren im Nacken und ein unsterbliches Lachen auf den Lippen: Unfaßbar. Oder, um dem Chef zu schmeicheln: Eine Zeigerpflanze, die durch die Betondecke bricht.


Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.


Kommentare (17)

Laurenz
1. April 2019 09:26

Die beste Kritik zum neuen Rammstein-Video, von allen, die ich bisher gelesen, gesehen habe, hat Alexander Wallasch geschrieben. Für mich gibt es in dem Musikvideo nichts Neues, aber auch nicht Schlechtes. Ob man die Realität durch eine schwarze Germania darstellt, oder auf Neudeutsch "Germany first" brüllt, ist auf internationalem Parkett alles salonfähig, ob nun im Fußballstadion oder im höchsten Amt der USA. Das einzig Eklige, daß einem hochkommt, ist das System-Medium, welches in schlecht gespielter Betroffenheit, sich selbst ad absurdum führt, und es bis heute nicht geschafft hat, für den eigenen NeuesStürmerDeutschland-Status gerade zu stehen. Denn niemand aus einem System-Medium nimmt zB Bezug auf den DDR-Realismus im Video, und woher er eigentlich stammt. Alleine ein Herbert Wehner verriet, seinerzeit im Hotel Lux zu Moskau wohnend, über 3.000 deutsche Genossen, welche dann das Zeitliche segnen durften. Darüber gibt es eine schöne WDR-Doku. Zu den Tätern in der Lubjanka zu stehen, ist ja auch etwas viel verlangt, und außerdem mordeten die ja gerecht. Das Problem von Rammstein ist das viele Geld, welches zur Verfügung steht und schon desöfteren die frühere Kreativität ersetzen mußte. Das Tragische an Rammstein ist die Geschichte des personifizierten Gewissens der Band Flake Lorenz. Ein DDR-Romantiker, der sein Geld in alte Autos steckte, aus der einen Zeit gefallen, um dann aus der jetzigen zu fallen.
Was Herrn Sellner angeht, so kann man darüber geteilter Meinung sein, ob Er denn jeden Tag öffentlich sein muß. Aber immerhin läuft Ihm die Presse hinterher, das hat Er gut gemacht. Daß die ehemals Konservativen sich über Kaiser Kurz und König Söder Sorgen machen, was die schlechten Prognosen von Möchtergern-Napoleon Weber zur EU-Parlaments-Wahl im Mai angeht, und meinen, das zu Lasten der neuen Konservativen tun zu müssen, war in den letzten Jahren schon immer dem Versagen der teuren Berater und Wahlkampf-Strategen geschuldet. Besser einen schlechten Ruf als keinen.

RMH
1. April 2019 09:27

Ein bisschen Naziploitation, hin zur Germanploitation und gaaaaanz viel rolling-"r"-ploitation und schon haben wir das politisch korrekte aktuelle RRRRRRammstein Video. Bei Song und Film wurde nun alles gemacht, damit man nicht doch aus versehen eine Grenze überschreitet - war da nicht im Nachspann auch noch ein Dank an die Amadeu Antonio Stiftung fürs vorab durchsehen, die Kooperation und die nützlichen Hinweise zur Erlangung der Freigabe? (kleiner Scherz).

Wie auch immer, das alle, die Deutschland nur als Zombie geil finden, dass jetzt als kulturelle Meisterleistung abfeiern, war absehbar - das sich die Konten von Band, Management und Plattenfirma wieder füllen werden sowieso. Perfekt inszeniert, mit BILD und ZR Gratis-Werbung davor, was will man mehr?

"Deutschland über allen" werde bald überall (höhö) in den Konzertsälen der Bundesrepublik zu hören sein."

Aber nicht nur da - Weltweit! Und die Konsumenten dort, werden nicht so ein feines Näschen für die "Ambivalenz" haben.

Ambivalenz ist doch ohnehin etwas besonderes. Die - ja, ich traue mich, sie jetzt zu erwähnen - böhsen Onkelz haben ja schon seit gefühlten Ewigkeiten genau diesen Ambivalenz-Vorwurf ohne jegliches Feuilleton-Deckungs- und Unterstützungsfeuer auszuhalten. "Wenn man das aktuelle mit den ersten Platten in Verbindung bringt, dann wird klar, wie die Doppelbödigkeit wohl tatsächlich gemeint ist" ...

Egal, Pop rettet die Welt nicht, sie unterhält sie nur. Und wenn man weis, wie die einstmals als "Hamburger" Band (die Ostzone wollte man wohl verschweigen) präsentierte Gruppe Rammstein angefangen hat, dann kann man nur sagen, gut gemacht. "I walk the line ..." von Mr. Fiend & Co war nicht ansatzweise so erfolgreich und im Gotth Milieu wurden R. ja auch als erstes bekannt (Du riechst so gut ...).

Ach ja: Grobes Faul hier auf dieser Seite:

M. Sellner ist nicht nur ein kleiner Sonntagsheld - er ist mittlerweile ein Held .... (PUNKT).
Auch wenn ich persönlich mit dem sog. "Ethnopluralismus", wie er auch von den Identitären vertreten wird, nun überhaupt nichts anfangen kann. Aber Ehre und Ruhm, wem Ehre und Ruhm gebührt.

Old Linkerhand
1. April 2019 10:16

Via Youtube höre ich auch Laibach, da bekommt man dann auch ähnliche Musik als Vorschlag. Vorgestern Rammstein mit Deutschland. Vor erst 48h online gestellt, hatte es schon 16 Millionen Aufrufe! Erster Eindruck: einfältiger Abklatsch alter Größe. Dann nochmal angeschaut und wie Wessels es beschreibt empfunden. Der fade Nachgeschmack bleibt - 16 Millionen Klicks. Der Westen wird von Klicks beherrscht. Deshalb mein Vorschlag: Laibachs neues Album "Sound of Music".

Laurenz
1. April 2019 10:23

@RMH .... Till Lindemann wies schon früh darauf hin, daß das rollende R aus Frankreich stammt, aus den Zeiten des frühen Chansons, z.B. Damia. Das können Sie selbst austesten. Umso tiefer Sie in Ihren Lagen singen, ähnlich einer Orgel, umso mehr Luft benötigen Sie, um überhaupt einen Ton zu erzeugen. Das rollende R hilft, den Silbenübergängen im Wort Tonalität zu verschaffen, quasi ein Ersatz-Vokal. Das rollende R wurde nicht von Zarah Leander erfunden, sondern nur entsprechend benutzt. Und nicht jeder hat das Talent und die Luft der jungen Alexandra zur Verfügung.

Niekisch
1. April 2019 11:13

"Deutschland über allen"...
es wird auch am tiefsten fallen...

Andreas Walter
1. April 2019 11:15

Um das Lied und Musikvideo Deutschland von Rammstein zu verstehen muss man sich erstmal das Musikvideo Sonne ansehen oder bereits kennen, auch von Rammstein. In Sonne geht es um eine Art Schattenversion von Schneewittchen und hier 6 Zwerge, nämlich die Band Rammstein selbst.

Dann begreift man auch das Symbol vom "Schwarzen Mann", respektive, der Schwarzen Frau, als die Germania dargestellt wird.

Die Schwarze Germania repräsentiert den Schatten (nach C.G. Jung) von Deutschland - und liegt damit gar nicht mal so verkehrt, und vom "Gold" Deutschlands hat ja bereits Adolf Hitler gesprochen:

https://youtu.be/4ulAA8AqDRo

Hinter einer Bezahlsperre verführerisch eingerichtet gehört Broder übrigens auch genau zu dem Deutschland, das Rammstein in seinem Film anspricht. Von dem sich allerdings auch die Jungs von Rammstein selbst nicht ausnehmen, sehen sie doch auch sich als ihre Kinder, als Kinder der dunklen Germania.

Wer aber die Varusschlacht in das Jahr 16 nach Christus versetzt, so wie "Mr. Wissen2Go", der hat wohl auch sonst nicht viel Ahnung von gar nichts.

Im Weltraum aufgebahrt, gut sichtbar für die ganze Welt im Erdorbit in einem Glassarg, so endet die dunkle Germania alias das böse, gierige Schneewittchen im Clip Deutschland. Als Mahnmal. Wenn man nicht an verrückte Nazi Ufogeschichten glaubt oder den Sarg für eine Anspielung auf den Monolith in Stanley Kubricks Film Space Odyssey hält. Denn eine Verbindung in den Himmel, in den Weltraum, die wird ja auch durch den ganzen Musikfilm lang insinuiert. Von Anfang an, symbolisiert durch einen roten Licht- beziehungsweise Laserstrahl. In einer Szene des Films sogar als Kraftstrahlen, die von oben kommen, ähnlich wie auch Götter Blitze auf die Erde schleudern:

https://de.wikipedia.org/wiki/Donnerkeil_(Mythologie)

Gute Unterhaltung jedenfalls für die Kids, vornehmlich aber Jungs. "Toxische" Männer eben, weil bei Rammstein auch Frauen oft nicht gut wegkommen, auch deren dunkle Seite thematisiert wird.

Andreas Walter
1. April 2019 12:04

Hahaha, und ich will meine Kuscheldecke zurück:

https://motherboard.vice.com/de/article/ne7yxq/der-mysteriose-schwarze-ritter-aus-dem-weltall-halt-wissenschaftler-und-alienjager-seit-100-jahren-in-atem

Meine bisherige Lieblingsrezension zum Clip kommt übrigens auch von VICE:

https://www.vice.com/de/article/yw88gg/warum-die-volltrottel-band-rammstein-dringend-untergehen-muss-deutschland-lindemann

Ist selbst der Volltrottel, der fälschlicherweise die Varusschlacht sogar in seinem Artikel zu Wikipedia verlinkt. Dümmer geht es ja wohl nicht, sich selbst als unfähiger Journalist zu entblössen. Die Einäugigen unter den Blinden.

Fritz
1. April 2019 12:05

Der Beitrag in "Kulturzeit" auf 3Sat am 29.03. beschäftigt sich auch mit diesem Video. Da ist man natürlich entsetzt über KZ-Uniformen, aber ebenso begeistert ist man über die schwarze Germania.

https://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=79956

Rasse reisst Geschichte

RMH
1. April 2019 14:43

"... muss man sich erstmal das Musikvideo Sonne ansehen oder bereits kennen."

Mit dem Lied "Sonne" zitieren sich Rammstein in dem Song ja hinreichend selbst (insbesondere im outro). Mit "Our Darkness" eben Anne Clark und David Harrow beim Intro.

Als ich Rammstein in den 90ern zum ersten Mal live als Vorgruppe (!) von Project Pitchfork (kennt die überhaupt noch einer oder hat die jemals wer gekannt?) gehört & gesehen habe, dachte ich mir, dass ist doch LAIBACH auf dem Sound von KMFDM (Tipp: deren Album "Angst") mit ner geilen Pyro-Show. Als ich die Band dann das zweite mal live gesehen habe, waren sie schon Headliner und wer war Vorgruppe: KMFDM - ihre Soundinspiratoren ... (wie gnädig).

Seitdem habe ich Rammstein nie mehr live gesehen, da die Konzerte ja zumeist rrrrrruck-zuck ausverkauft sind. Und mittlerweile fehlt jegliches Bedürfnis nach so etwas - die Welt geht ja zudem bald wg. dem Klimawandel unter.

Unter anderem vermutlich auch durch den vielen CO2 Ausstoß, den gerade eine Band wie Rammstein bei Welttourneen mittels Flieger, Road-Crew-Trucks und aufwendiger Pyro-Show (BENZIN) erzeugt (ganz zu schweigen von dem CO2 Abdruck, den die Fans beim Pilgern zu den Konzerten erzeugen). Frau Thunberg, bitte übernehmen sie ...

Wenn alle nur noch Videos von Rammstein sehen, statt deren Konzerte zu besuchen oder noch besser, nur die Lieder leise vor sich hinsummen ("Deutschland über alles" klappt bei mir schon mal ganz gut) ohne Benutzung irgendwelcher Stromverbraucher, erreichen wir vielleicht doch noch "unsere" Klimaziele ... ;) :)

Atz
1. April 2019 17:55

Nicht vergessen, Perry Rhodan, der alte Weltraumführer
http://www.youtube.com/watch?v=XnXc33z5D5I

Ich kenne Project Pitchfork.

cnahr
1. April 2019 19:17

Uff. Viel Lärm um nichts. Patrioten sind empört, weil Rammstein eben nur ein typisch ästhetisch-ironisches Rammstein-Video unter dem Titel “Deutschland” abgeliefert hat, und nicht das erwünschte nationalistisches Manifest. Antipatrioten sind aus dem gleichen Grund entzückt, einige Juden typischerweise empört. Alle sollten sich vielleicht mal die vorhergenden Videos anschauen. Es hat sich nichts geändert. Rammstein ist Villa Stuck im Video-Format, sonst nichts. Die Band existiert auf einer ästhetischen Ebene, nicht auf einer politischen.

Andreas Walter
2. April 2019 02:08

Kleine Korrektur

Es gibt doch jemand, der es (sogar schon lange) vor mir bemerkt und darauf hingewiesen hat. Ob die Seite allerdings zur Weltpresse gehört bezweifle ich:

https://www.mobilegeeks.de/artikel/rammstein-deutschland-der-prophylaktische-shitstorm/

Mal sehen, wann es darum auch auf Wikipedia steht.

LotNemez
2. April 2019 11:40

Spontaner Eindruck bei mir nach Konsum des auf stumm geschalteten Videos (bin in der Bibo):

Episch! Gigantisch! Grandios! Größenwahnsinnig! Brachial! Perfide! Ketzerisch! Geil!

Es ist seltsam: Mit W.'s Kolumnen stimme ich entweder voll überein oder sehe mich zu diametraler Stellungnahme genötigt. Broder's Einschätzung habe ich noch nicht gelesen, um sie mir nicht unwillkürlich zu eigen zu machen.

Was geht da eigentlich vor? Versprengte, abgetakelte Soldaten Roms, Symbol des ewigen Unterdrückers und gleichzeitig ihr Zerrbild. Sie geraten immer tiefer in germanische Wälder, eine afro-germanische Druidin hält den abgeschlagenen Kopf eines Kriegers in die Höhe, so als wollte sie sagen, "Ihr könnt uns nicht besiegen, denn was tot ist kann niemals sterben. Wir sind die Midgardschlange, sind das sich selbst Zerfleischende und ewig Wiederkehrende." Die Eroberer geraten in Verwirrung, gehen in einen geradezu erbärmlich wirkenden Angriff über, der nur als Hilflosigkeit gedeutet werden kann. Den Geist eines derart verhärteten, inkorporierten Reiches kann niemand brechen. Wie zur Bestätigung erwachen versteinerte Gottheiten, ins Leben gerufen von einer Raum und Zeit durchdringenden Sensorik des Machtwillens, dargestellt durch die roten Strahlen, welche im weiteren Verlauf die gesamte deutsche Geschichte durchziehen. Die Druidin ist schwarz. Das meint, dass sich mit ihr nur ein weiteres Mal die ewige Wiederkunft eines Agens, einer verursachenden Kraft vollzieht, die nicht auf eine bestimmte Form angewiesen ist.

Im weiteren Verlauf tauchen idealtypische Protagonisten der deutschen Geschichte auf: Der deutsche Ordensritter, der Nazi, der KZ-Häftling, der SED-Bonze, der RAF-Terrorist usw. Alle diese Figuren sind längst ihrem geschichtlichen Kontext enthoben. Sie werden nicht mehr objektiv im Spiegel ihres Gewordenseins, als Produkte ihrer Zeit beurteilt, (das wurden sie vielleicht niemals wirklich) sondern finden sich in Form archetypischer Memes im Pop verewigt. Der Pop fungiert als Medium der spielerischen, massentauglichen Überlieferung, ähnlich dem Volkslied, dem Minnesang, dem Heldenepos zu seiner Zeit. Folgerichtig müssen auch diese Typen des Deutschen popkulturell in Szene gesetzt werden. Das geschieht nun wiederum konkret in der Art einer langen Ahnenreihe, ähnlich dem Fürstenzug des Dresdner Stallhofs. Nur, dass die zeitliche Reihenfolge durcheinander gekommen ist. Man könnte es als Infragestellung der zeitlichen Abfolge von geschichtlichen Ereignissen lesen. Shuffle your history. Warum nehmen wir diese Epochen und Ereignisse als Knoten in einem Strang wahr, wo doch das ewig neue Aufscheinen eines Musters der Logik einer festgelegten Reihenfolge widerspricht?

Damit wird das von unserer Zeit als Singularität gedeutete Faktum des Holocaust tatsächlich zum Fliegenschiss der Geschichte. Die Szene sticht bzgl. ihrer verstörenden Opulenz nicht besonders hervor und steht damit gleichberechtigt neben anderen Befunden der rammsteinschen Bestandsaufnahme 'ouruboresken' Werdens und Vergehens. (Ouruboros, griechisch Οὐροβόρος „Selbstverzehrer“).

Stichpunkthaft:
- "Deutschland über allen". Mit dem Risiko, daneben zu hauen, da ich den restlichen Text nicht kenne: Ja, natürlich schwingt das elitäre(!) Deutschland sich immer wieder zum moralischen Prediger auf, steht auf der Kanzel und schaut auf andere herab, statt sich um sich selbst zu kümmern und dem eigenen sowie anderen Völkern ihre Art zu leben zuzugestehen. Das ist doch genau, was wir kritisieren.

-Ebenso hier:
"Überheblich, überlegen" "Will dich lieben und verdammen" Da spricht doch der innere Konflikt eines Heimattreuen, der das Objekt seiner Sehnsucht nicht wiedererkennt. Genauso geht es uns doch auch! Ich wundere mich ja, dass diese Botschaft nicht sofort jeden Gleichgesinnten anspringt. Nein, wirklich!

- Herr W., Sie sind vermutlich von der Form abgestoßen. Kann ich einigermaßen nachvollziehen, entspricht halt nicht den patriotischen Sehgewohnheiten, nicht wahr? Die Bilder verstören aber nicht nur Sie, sondern bezeichnenderweise auch den Mainstream, dem damit ein äußerst brisanter Inhalt zum Bebrüten ins Gelege geschoben wird. Die Reaktionen sind doch das beste Indiz für die befreiende Durchschlagskraft des Machwerks. Hier schreit jemand: Macht kaputt was euch kaputt macht! Zerstört das längst verholzte Narrativ des wieder auferstandenen Weltverbesserers, nehmt ihm seine innere Sicherheit! Bringt ihn ins Wanken, bis er sich im eigenen Gedankengebäude nicht mehr auskennt! Ist doch mal richtig geil! Und das Beste: die so Adressierten verstehen nicht mal, warum sie es nicht mögen.

- "Du kannst, ich weiß" Deutlicher geht's nicht. "Jaja. Ich kenne dein ewiges Wir schaffen das!"

- Man muss auch anerkennen, dass für so eine Band ein noch deutlicheres, patriotisches Statement gar nicht möglich ist. Als ehemalige DDR-Band (Plan-B) hat man Erfahrung darin, dem Staat ein Schnippchen zu schlagen. Die Songschreiber mussten schon damals viel klüger sein, aber die Empfänger waren damals noch fähig zum Entschlüssen des Codes. Heute nicht mehr? Wäre schade. Natürlich ist Rammstein eine auf Ruhm versessene Popband und usw. Das heißt aber doch nicht, dass sie unpolitisch sind. Ich sehe hier einen klaren Befund, die Texte der Band kreisen immer wieder um das Thema Heimat, Vaterland, Sinngebung. Eigentlich doch nicht zu übersehen?

Rammstein (vorr. sie waren beim Aufsetzen der Story entscheidend beteiligt) transportieren mit diesem Video kein chiliastisches Weltbild. Ich kann hier weder ultimative Endzeitstimmung noch Utopie erblicken und das ist es, was ich grundsätzlich an dem Video schätze. So etwas bekommen nur die Überlebenden eines real existierenden Utopia hin.

Im übrigen bin ich davon überzeugt, dass der Sonntagsheld Sellner das Video zumindest heimlich abfeiert. ;)

LotNemez
2. April 2019 11:46

P.S. Feeling-B, nicht Plan-B.

mrspock
2. April 2019 18:35

die schwarze Germania beruht auf der Legende des Hl. Mauritius, der als Mohr und Kommandeur der Thebaischen Legion den Märtyrertod fand, zum Anführer der Phalanx der Märtyrer und Blutzeugen der Mutter Kirche erhoben wurde und als Patron und Stifter des Reiches gilt. Das Reichsschwert und die Heilige Lanze, Teile der Reichskleinodien, werden ebenfalls auf den heiligen Mauritius zurückgeführt. Seine Gebeine ruhen als Reichsheiliger im Moritzkloster zu Magdeburg, „wo sie die einmütig versammelten Einwohner samt der Landbevölkerung in Verwahrung nahmen und zum Heil des ganzen Landes bis auf den heutigen Tag verehren“.

LotNemez
2. April 2019 23:52

@mrspock: 16 n.Chr. war noch nix mit christlichen Märtyrern. Da macht ein Hl. Mauritius zumindest in der Römerszene nicht viel Sinn.

Aber ich lag auch mit einigem daneben. Der abgetrennte Kopf soll wohl der des Varus sein, den Arminius an Marbod sandte, um ihn zu einem Bündnis gegen Rom zu bewegen. Interessant, dass die Afro-Germania ihn auch später in mehreren Szenen dabei hat.

Die roten Strahlen stellen das Scannen unserer Geschichte durch zukünftige Zivilisationen dar, meint 'Der dunkle Parabelritter' auf youtube.

Ich finde sowohl Song als auch Video nach wie vor sehr gelungen, obwohl sonst kein RS-Fan. Man fragt sich bei der ganzen Sache nur, wie lange soll das mit der kollektiven Umkreisung einschlägiger deutscher Themen eigentlich noch gehen? Wird man in zweihundert oder eintausend Jahren auch noch wegen einer erhobenen rechten Hand verhaftet werden? Verbot der Schlussstrichdebatte hieße ja genau das. Man sollte mal einen Linken fragen, wie er sich die ferne Zukunft dahingehend vorstellt. Ob sich dann auf Deutschlands Straßen gemischtrassige Rechte und gemischtrassige Linke gegenseitig als Nazis und Kommunisten beschimpfen? Und wer wäre dann der Rassist?

RMH
3. April 2019 09:34

Rammstein ist eines der wenigen Musikprojekte, mit dem noch richtig Geld verdient wird. Sei es durch die in minutenschnelle ausverkauften Großkonzerte oder seien es - und das ist das besondere an Rammstein - Tonträger und sonstige Fanartikel. Der Rammstein Fan kauft tatsächlich auch noch Tonträger, dass ist das besondere in dieser "Musik wird irgendwo gezogen"- Welt und deshalb sind sie für die Industrie so wertvoll.

Es geht also um sehr viel Geld und da dürfen wir alle uns sicher sein, dass man sehr genau beraten hat, was geht, was nicht, was wird "ankommen", was nicht. Besonders großer künstlerischen Tiefgang oder gar patriotischer Grenzgang war also mit Sicherheit nicht drin. Das Lied selber ist auch nichts ernsthaft Neues oder vom Stil her abweichend vom bisherigen Erfolgsprodukt, da ist man also auch auf Nummer Sicher gegangen (und Rammstein selber waren vom Sound ohnehin noch nie ernsthaft "originell" - s.o. - das Gesamtpaket, welches sie aus verschiedenen Zutaten geschnürt haben, machte und macht den Erfolg).

Ich werde mir aber vermutlich auch die neue CD fürs Auto kaufen - aber besonders viel hineininterpretieren darf man bei diesem Konsumprodukt eben gerade nicht. Ein McD- Burger bleibt eben ein solcher - kann aber durchaus den schnellen Hunger bei einer Reise befriedigen, dass muss man einfach wertneutral so sehen.

Die fast unendlichen Weiten der verschiedenen Videokanäle bieten einem mehr.

Ach ja:
Ich würde mir einmal einen Beitrag und eine Diskussion zur RAC & Epigonen -Szene wünschen (zum Thema "Neofolk" gab es ja auch schon mal was). Da dünkelt und raunt es nicht so sehr, da ist auch nichts überproduziert, aber es ist eben nach wie vor eine erstaunlich starke Untergrund-Szene (die aber auch nicht wächst).

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