Homeschooling ist in Deutschland nicht vorgesehen,

auch nicht in seiner Übersetzung, dem "Hausunterricht". Das ist bedauerlich -- und zwar beinahe grundsätzlich, ...

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

… also in jedem ein­zel­nen Fall. Wenn die Quel­len nicht trü­gen, stammt das strik­te Gebot des Schul­be­suchs übri­gens aus dem Jah­re 1938.

Die meis­ten Län­der welt­weit – auch inner­halb Euro­pas ist es die deut­li­che Mehr­zahl – erlau­ben die Unter­rich­tung von Kin­dern durch Eltern oder Pri­vat­leh­rer, gele­gent­lich gibt es sowas wie eine “Bil­dungs­pflicht”. Das kann hei­ßen, daß die außer­schu­lisch unter­rich­te­ten Kin­der sich abschlie­ßend staat­li­chen Prü­fun­gen unter­zie­hen müssen.

Hier­zu­lan­de wird Haus­un­ter­richt in weni­gen Bun­des­län­dern gedul­det, ansons­ten gibt es ein paar Aus­nah­me­re­ge­lun­gen: Bei schwe­rer Krank­heit des Kin­des, oder wenn ein Schul­pflich­ti­ger bei­spiels­wei­se Mit­glied der Musik­ka­pel­le Tokyo Hotel und drum ter­min­lich regel­mä­ßig ver­hin­dert ist.  Gene­rell aber ist exklu­si­ver Haus­un­ter­richt in der BRD nicht nur ver­bo­ten, son­dern auch in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung eher übel beleu­mun­det. Nicht, weil die meß­ba­ren Ergeb­nis­se sol­cher oft stur & eigen­mäch­tig durch­ge­führ­ten Allein­gän­ge dage­gen sprä­chen – keinesfalls!

Die Haus­un­ter­rich­ter mögen ein reich­lich hete­ro­ge­nes Grüpp­chen sein, die Lern­er­fol­ge ihrer Kin­der sind jeden­falls gene­rell min­des­tens gut, eher über­durch­schnitt­lich. Auch ob den hei­misch beschul­ten Kin­dern wert­vol­le sozia­le Erfah­run­gen vor­ent­hal­ten blei­ben, darf bezwei­felt wer­den.  Grün­de, die eige­nen Kin­der dem staat­li­chen Schul­zwang zu ent­zie­hen, gibt es reich­lich, und es sind kei­nes­falls die zur Aso­zia­li­tät ten­die­ren­den Nichts­nut­ze, die sol­ches anstreben.

Die liber­tä­re Platt­form in der FDP hat­te dazu mal eine aus­führ­li­che Stel­lung­nah­me ver­faßt, das im Archiv des ef-Maga­zins nach­zu­le­sen ist. Schlag­kräf­tig fand ich u.a. die Hin­wei­se, daß die Schu­len heu­te oft “kein Ort der Gebor­gen­heit” sei­en, und daß man staat­li­cher­seits nicht immer in der Lage sei, die “Unver­sehrt­heit des Kin­des” sicher­zu­stel­len. Oh, davon könn­te man Lie­der sin­gen, grausliche!

Nun hat eben­falls das Maga­zin eigen­tüm­lich frei online auf einen Fall auf­merk­sam gemacht, in dem haus­un­ter­rich­ten­den Eltern in Bran­den­burg nicht nur mit Sor­ge­recht­ent­zug gedroht, son­dern auch eine Ver­brin­gung der Toch­ter in die Psych­ia­trie ange­wie­sen wurde.

Die drei Kin­der des betref­fen­den Paa­res sind anschei­nend nicht nur begabt, son­dern extrem hoch­be­gabt; die zehn­jäh­ri­ge Toch­ter spielt nicht nur meh­re­re Instru­men­te, son­dern ist auch ein hart trai­nie­ren­des Judo-Ass, Unicef-Juni­or-Bot­schaf­te­rin etc. oben­drein. Der älte­re Sohn habe bereits meh­re­re Klas­sen (gegen die Ein­schät­zung des Schul­am­tes wohl­ge­merkt) über­sprun­gen. Der Fall scheint also klar – auch wenn man die Kom­men­tar­spal­ten auf ef ‑online anschaut: Der Staat ist ein­mal mehr der regu­lie­rungs­wü­ti­ge Nivel­lie­rer, der Fami­li­en­feind, der Glücks- und Gesund­heits­ver­hin­de­rer. (Beklagt wird auch, daß die Behör­den nicht die hohen Fahrt­kos­ten zu Ter­mi­nen ihrer extrem­be­gab­ten Kin­der über­neh­men – ‑die Eltern, bei­de Inge­nieu­re, leben von der Grund­si­che­rung.)  Es wird auf­ge­ru­fen, den Fall zu ver­brei­ten und Pro­tes­te an die zustän­di­gen Ämter zu rich­ten. Klingt eini­ger­ma­ßen sinnvoll.

Nähe­res zu die­ser spe­zi­el­len Geschich­te fin­det sich aller­dings auf der Sei­te netzwerk-bildungsfreiheit.de. Unter vie­len inter­es­san­ten, und ja, besorg­nis­er­r­re­gen­den Details ist hier eine ellen­lan­ge Lis­te ein­zu­se­hen, auf der die Kinds­mut­ter gera­de­zu minu­ti­ös alle Erfol­ge ihrer (wohl psy­chisch min­des­tens arg gefähr­de­ten) Toch­ter auf­ge­schrie­ben hat.

Nichts gegen Begab­ten­för­de­rung – alles dafür! Aber man lese und stau­ne: Sovie­le bun­des­wei­te Wett­be­wer­be, Aus­schrei­bun­gen, Kon­zer­te, Kämp­fe und Arzt­ter­mi­ne, wie die­ses klei­ne Mäd­chen bewäl­tigt hat, haben die wenigs­ten Erwach­se­nen in ihrem Leben absol­viert!  Daß Eltern, deren Kin­der – wie zu lesen ist – schon mit knapp zwei Jah­ren elek­tro­phy­si­ka­li­sche Ein­füh­rungs­vor­trä­ge  (uv.a.) gehal­ten haben, stolz auf ihre Gene & Erzie­hung sind: ist schon recht. Aber so?

Man löst sich, selbst als Haus­un­ter­richts­freund, von der Lek­tü­re des Dra­mas mit einem ganz zwie­späl­ti­gen Gefühl: Wann wird das Kin­des­wohl Staats­an­ge­le­gen­heit? Sol­len Ämter im Zwei­fels­falls ein­grei­fen, wenn Lebens­glück & Gesund­heit eines Kin­des in Fra­ge ste­hen? Nur, wo wäre der Maßstab?

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (17)

Freedy

29. Juni 2009 10:09

Sicher wird Kindeswohl zu keinem Zeitpunkt Staatsangelegenheit, so wie eben auch der Familien-Unterhalt keine Staatsangelegenheit werden sollte. Beides kann ein Staat nicht sinnvoll leisten.

Hier liegt doch der Hase im Pfeffer: Zwei Ingenieure leben von der Grundsicherung und haben so alle Zeit der Welt, sich um ihre Kinder zu kümmern und sie womöglich zu Leistungen zu motivieren, die eben unter den Bedingungen gewöhnlichen Einkommenserwerbs kaum zu erwarten wären. In diesem Fall ist das Kindeswohl bereits bedauerlicherweise erheblich durch Staatstätigkeit beeinflußt, wenn nicht beeinträchtigt. Nun spricht dies nicht gegen Heimunterricht, sondern durchaus dafür, aber doch nicht auf Kosten derer, die aus Umverteilungsgründen schweren Herzens auf den Heimunterricht ihrer Kinder verzichten müssen.

Rudolf

29. Juni 2009 13:05

Der Staat denkt hier nicht zuletzt an die uns bereichernden Migranten:

Wenn deren "Kids" im großen Stil zuhause unterrichtet würden, entzögen sie sich noch weit mehr der nötigen Kontrolle als bisher.

(Dass Vater Staat auch die Kinder der Autochthonen gerne im Auge behält, versteht sich von selbst.)

Abronsius

29. Juni 2009 22:56

Ein ganz guter Maßstab wird eigentlich durch das bestehende, ausgewogene Schulsystem vorgegeben: Vormittags dürfen die staatlichen Lehrer die Kinder mit dem abfüttern, was zur Existenz in unserer Gesellschaft unbedingt nötig ist. Nachmittags dürfen die Eltern ihre Kinder dann im jeweils gewünschten Sinne erziehen. Es steht mir doch völlig frei, meinen Kindern beizubiegen, daß das, was sie in der Schule lernen, Kappes ist. Volkslieder mit ihnen zu singen. Sie zum Wandern in die Natur zu schicken. Oder sie an St. Holocaust mal wegen Bauchschmerzen zu Hause zu behalten.

Oft ist doch Heimunterricht eine Ausrede für Abschottung. So wie z. B. bei den baptistischen Schulverweigerern aus Kasachstan. Die Nation will aber das Gegenteil, und sie hat ein Recht darauf, daß jeder ihrer Bürger ein Mindestmaß an Konformität erlangt. Wer das nicht will, aber gleichzeitig die Segnungen des Lebens in einer staatlich verfaßten Gesellschaft genießt, handelt widersprüchlich - also unberechtigt.

Das Problem ist daher nicht die Schulpflicht an sich, sondern es sind die Inhalte und diejenigen, die sie z. Zt. bestimmen.

Mcp

30. Juni 2009 03:54

Ich bin Anhänger des Hausunterrichts. Gleichwohl weiß ich, dass bildungsferne und minderbemittelte Schichten dies nicht zu leisten vermögen. Daher ist ein staatliches Angebot wohl unvermeidlich. Obwohl die Kinder aus den unteren gesellschaftlichen Schichten auch hier hinter dem Durchschnitt zurückbleiben. Der Gedanke staatlich garantierter Chancengleichheit ist nicht edel sondern weltfremd, ja mehr noch: Konsequent zu Ende gedacht läuft er auf die Enteignung der Kinder durch den Staat hinaus. Bildung ist Privatsache und sie muss es wieder werden.

Zu glauben, dass man soziale Schichtungen von Gesellschaften durch Bildung überwindet, ist ein moderner Irrglaube, der durch die Realitäten tagtäglich widerlegt wird. Soziale Inhomogenität, die aus differenzierten Lebensweisen und Normen resultiert, ist der Naturzustand einer Gesellschaft und jeder Gedanke an eine Flucht daraus endet regelmäßig in totalitären Fieberfantasien, in dem eine gesellschaftliche Schicht allen anderen ihre Normen aufzwingen will. Der Gedanke, dass eine Gesellschaft ein „Mindestmaß an Konformität“ bräuchte, entspringt genau diesem Denken.

Im Übrigen, ich beziehe mich hier auf den Text des Abronsius- Kommentares, ist der Vorschlag Kinder außerhalb der Schule gegen die dort vermittelnden Normen zu erziehen genau das Gegenteil der von Abronsius geherzten Konformität und führt in der Praxis dazu, dass solche Kinder schnell zu Außenseitern werden. Nach den Maßstäben dieses Kommentators wäre solches Handeln „widersprüchlich, also unberechtigt“. Im Falle von „St. Holocaust“ sogar gefährlich inkonform und vollkommen unverantwortlich, wenn man das Wohl der Kinder im Blickwinkel hält. Der Holocaust ist so ein „konformes Mindestmaß“.

Micha

30. Juni 2009 11:55

Unicef-Botschafterin zu sein halte ich für wenig erstrebenswert. Das Monstrum UNO, oft genug in Kinderhandel, Impfskandale und andere Verbrechen verstrickt, zu fördern, halte ich für keine gute Idee.

Erwalf

30. Juni 2009 12:02

Ohne auf den konkreten Fall näher einzugehen, kann doch festgestellt werden, daß es gute und schlechte Lehrer, gute und schlechte Schulen usw. gibt wie auch gelingende und scheiternde häusliche Erziehung und daß es auch besseren und schlechteren Huaunterricht gibt bzw. gäbe. Als gesunden Mittelweg erschiene es mir, wenn die Schulpflicht für alle Schüler auf fünf Stunden pro Tag begrenzt wird, zumal mehr Unterrichtsstunden am Stück in der Regel für die Katz sind. Dann hätten die Schüler sozialen Kontakt in der Schule und eine grundlegende gemeinsame Bildungsbasis, und die Eltern die Zeit am Nachmittag für individuelle Förderung ihrer Kinder, und es wäre auch ausreichender Freiraum da für Sportverein, Ballett, Musikschule und sonstige Aktivitäten je nach Neigung und besonderer Begabung. Dieses Modell setzt natürlich voraus, daß jeweils ein Elternteil für die Familie da ist und daß Arbeitgeber verpflichtet werden müßten, an einen verheirateten Arbeitgeber gleich welchen Geschlechts ein solch hohes Gehalt zu zahlen, das für die Versorgung einer Familie ausreichend ist. Es dürfte nicht mehr nahe gelegt werden, daß Vater und Mutter ihren auf Singlehaushalte berechneten Verdienst gefälligst zusammen zu schmeißen hätten, damit es wenigstens noch für ein Kind reichen könne. Meine Vorstellung hat natürlich mit der heutigen Realität nichts zu tun, aber warum sollen nur die Vertreter moderner Unvernunft utopische Träume haben dürfen?

Thorsten

30. Juni 2009 18:27

Es liegt wahrscheinlich am Staat und daran wie er Bildungsaufgaben leistet und die Rahmenbedingungen dafür schafft, ob man eher der einen oder der anderen Meinung anhängt. Der Schulzwang ist dann gerechtfertigt, wenn es nicht nur gut gemeint ist, sondern in gutem Rahmen abläuft und zu gutem Ergebnis führt. Meine Tendenz zum Heimunterricht nimmt jedenfalls täglich zu. Besser wären Privatschulen. Das ist aber wohl nicht realisierbar.

Frau P.

30. Juni 2009 20:27

Die Motivation der selbst unterrichtenden Eltern ist leider oft schräge.

Da soll nicht immer, aber auch nicht selten vor allerhand Realitäten bewahrt werden, deren Ausblenden ich nicht zwingend hilfreich finde.

Und wo es eher um die Qualität der staatlichen Schulen geht, sollte dann auch abgewägt werden - das praktische Beispiel das die erwähnten Ingenieure ihren Kindern geben (ich leb mal eben vom Staat und meine Edelkinder sind mein einziges Projekt) reisst vermutlich mit dem Allerwertesten wieder ein was vorne aufgebaut wurde.

Fazit meinerseits: ein gesunder Staat dürfte in meiner Welt schon den Anspruch erheben, Grundbildung nicht zur privaten Geschmacksfrage werden zu lassen. Ob so ein Staat aber mit der deutschen Mentalität zu machen ist - fraglich.

Toni Roidl

2. Juli 2009 08:30

Es stimmt nicht, dass jeder zuhause unterrichten kann, was er will, denn am Ende müssen auch daheim unterrichtete Schüler staatliche Prüfungen ablegen. Die Frage ist: Erreichen die Mängel des an sich positiven staatlichen Schulmonopols - Gewalt, Stundenausfall, Materialmangel, Gebäudeverfall, Lehrermangel (ich meine männliche Lehrer), Niveauabsenkung, etc. - ein solches Maß, dass der Schulbesuch schlicht unzumutbar wird? Es sieht nicht so aus, als würde diesen Mängeln insbesondere an den Real- und Hauptschulen abgeholfen. Und an den Gymnasien sorgt das Zentralabi nach Klasse 12 für einen schulischen »Bologna-Effekt«. Ist der Staat demnach nicht mehr in der Lage, seinen Bildungsauftrag zu erfüllen, kann er auch das Monopol nicht aufrecht erhalten. Es ist ja kein Zufall, dass in anderen Ländern (USA, Kanada, GB) ein Hausunterricht als besondere Qualifikation angesehen wird.

netzwerkrecherche

3. Juli 2009 09:56

Arbeitsteilung ist sicherlich eine sinnvolle Sache, auch hinsichtlich der Ausbildung des Nachwuchses. Es sollte aber einfachere und mehr Möglichkeiten geben, private Schulen zu schaffen.

„Bei den meisten Völkern unserer Tage ist die Erziehung wie die Wohltätigkeit Aufgabe des Staates geworden. Der Staat empfängt, ja reißt oft das Kind aus den Armen seiner Mutter, um es seinen Dienern anzuvertrauen; der Staat übernimmt es, jeder neuen Generation Gefühle einzuflößen und Vorstellungen zu vermitteln.“
Alexis de Tocqueville: „Die Demokratie in Amerika“, 1831

„Till at last the child's mind is these suggestions, and the sum of the suggestions is the child's mind. And not the child's mind only. The adult's mind too-all his life long. The mind that judges and desire and decides-made up of these suggestions. But all these suggestions are our suggestions... Suggestions from the State.“
Aldous Huxley: „Brave New World“, 1932

rjaeck

7. Juli 2009 01:28

Im beschriebenen Fall treffen wohl zwei Extreme aufeinander: Eltern, die - bei aller Bedeutung der Bildung und Erziehung des Nachwuchses - offensichtlich darin ihre einzige Lebensaufgabe (im zweifachen Wortsinne) sehen und Behörden, denen aus ihrem Käfig von Zuständigkeiten und Paragraphendogmen heraus der Blick für "aus dem Rahmen fallende" Individuen völlig vernebelt wurde.

Wenn in Deutschland Bildung ein so hohes Gut ist, was von kaum jemandem bestritten werden dürfte, so sollte die Vermittlung derselben ausschließlich durch Fachleute geschehen; der Lehrerberuf muß wieder ein höheres Ansehen in unserem Land genießen und die ihn ausüben, müssen auf Grund fachlicher und pädagogischer Kompetenz als Autoritäten wirken.

Auch bei Erteilung von Hausunterricht muß die fachliche und pädagogische Qualität gewährleistet sein. Da dürften die meisten Eltern - ich schließe mich da ein - mangels eigener Qualifikation den Gedanken an Selbst-Beschulung schnell wieder verwerfen. Wer sich einen Hauslehrer finanzeill leisten kann/will, warum nicht? Vorstellbar wären auch Elterninitiativen oder -vereine, die für mehrere Kinder ähnlicher Begabung Hauslehrer engagieren.

Grundsätzlich halte ich aber einen verpflichtenden Schulbesuch für vernünftig - auch wegen der Sozialisierung bzw. des Sich-Behauptens in der Gruppe. Im "echten" Leben hat man auch nicht ständig einen Fachmann oder Ratgeber zur Seite, muß eigene Entscheidungen treffen und sich Konkurrenten stellen. Generationen haben die Schulpflicht absolviert, ernstlich geschadet dürfte sie niemandem haben. Allerdings müßte die Schullandschaft in Inhalten und Anspruch breiter gefächert sein, um nach Begabungen und Neigungen auswählen und fördern zu können. Bestrebungen in Richtung Einheitsschule sowie Auswahl von Gymnasiasten per Los oder sozialer Herkunftsquote sind dafür Gift!

Jüngst konnte in der Mark Brandenburg ein freier Schulträger, der ein Jungen-Gymnasium! gründen will, einen juristischen Zwischenerfolg gegen das Bildungsministerium erringen. Für letzteres ist so etwas natürlich "nicht zeitgemäß". Ist künftig mehr Freiheit in der Schullandschaft auf dem Vormarsch? Unserer (Bildungs-)nation ist es zu wünschen!

rjaeck

12. Juli 2009 01:26

Im beschriebenen Fall treffen wohl zwei Extreme aufeinander: Eltern, die – bei aller Bedeutung der Bildung und Erziehung des Nachwuchses – offensichtlich darin ihre einzige Lebensaufgabe (im zweifachen Wortsinne) sehen und Behörden, denen aus ihrem Käfig von Zuständigkeiten und Paragraphendogmen heraus der Blick für „aus dem Rahmen fallende“ Individuen völlig vernebelt wurde.

Wenn in Deutschland Bildung ein so hohes Gut ist, was von kaum jemandem bestritten werden dürfte, so sollte die Vermittlung derselben ausschließlich durch Fachleute geschehen; der Lehrerberuf muß wieder ein höheres Ansehen in unserem Land genießen und die ihn ausüben, müssen auf Grund fachlicher und pädagogischer Kompetenz als Autoritäten wirken.

Auch bei Erteilung von Hausunterricht muß die fachliche und pädagogische Qualität gewährleistet sein. Da dürften die meisten Eltern – ich schließe mich da ein – mangels eigener Qualifikation den Gedanken an Selbst-Beschulung schnell wieder verwerfen. Wer sich einen Hauslehrer finanzeill leisten kann/will, warum nicht? Vorstellbar wären auch Elterninitiativen oder -vereine, die für mehrere Kinder ähnlicher Begabung Hauslehrer engagieren.

Grundsätzlich halte ich aber einen verpflichtenden Schulbesuch für vernünftig – auch wegen der Sozialisierung bzw. des Sich-Behauptens in der Gruppe. Im „echten“ Leben hat man auch nicht ständig einen Fachmann oder Ratgeber zur Seite, muß eigene Entscheidungen treffen und sich Konkurrenten stellen. Generationen haben die Schulpflicht absolviert, ernstlich geschadet dürfte sie niemandem haben. Allerdings müßte die Schullandschaft in Inhalten und Anspruch breiter gefächert sein, um nach Begabungen und Neigungen auswählen und fördern zu können. Bestrebungen in Richtung Einheitsschule sowie Auswahl von Gymnasiasten per Los oder sozialer Herkunftsquote sind dafür Gift!

Jüngst konnte in der Mark Brandenburg ein freier Schulträger, der ein Jungen-Gymnasium! gründen will, einen juristischen Zwischenerfolg gegen das Bildungsministerium erringen. Für letzteres ist so etwas natürlich „nicht zeitgemäß“. Ist künftig mehr Freiheit in der Schullandschaft auf dem Vormarsch? Unserer (Bildungs-)nation ist es zu wünschen!

Toni aus Bayern

15. Juli 2009 23:13

Aus eigener Erfahrung (vier Kinder, 15 - 23 J.) komme ich bei der subjektiven, begrenzten, aber doch langjährigen Betrachtung unserer Realschulen und Gymnasien mittlerweile zu einem Urteil in der Weise, dass ich froh bin, dass meine Kinder die Schule bald hinter sich haben.

Das Beste, wie ich schon ein paar Mal überrascht festgestellt habe, sind die Lehrbücher (nicht die ideologischen). Im Ernst, wirklich toll gestaltet sind die Chemie-, Physik- Mathe-, Erdkunde-, Englisch- oder Lateinbücher. Ich habe versucht meine Kinder dahin zu lenken, eigenständig aus den Büchern zu lernen, denn die Qualität der Lehrer ist häufig unter aller Kanone, egal ob jetzt inhaltlich fachlich, menschlich pädagogisch oder körperlich (ständig absent, chronisch krank, oder ihr eigenes Kind ist krank). Wenn sich die LehrerInnen wenigstens an die Lehrbücher halten würden, aber nein, da wird dann irgend ein Schrott von kopierten losen Blättern verteilt, - so dass auch noch der Überblick über den Stoff verloren geht.

Ich greife nicht zu hoch, wenn ich sage, dass ein Viertel der Lehrer völlige Nieten sind, totale Versager im Lehrerberuf, und dabei scheinen mir noch am schlimmsten die überforderten Lehrerinnen zu sein. Ein oder zwei völlige Nieten pro Schuljahr, das ist schon eine Riesenbelastung für eine Klasse. Die Direktoren interessiert das aber einen feuchten Dreck, die können oder wollen nichts dagegen machen. Meine Tochter hat einen Geschichtslehrer, männlich, der in der 9. Klasse fast nur mit dem Overheadprojektor und vorbereiteten Formblättern (Lückentexte) arbeitet ("Was ist Imperialismus? Kommunismus? Faschismus?" etc.). Die Kinder müssen abschreiben, was der Projektor an die Wand wirft, und dieses für die Prüfung auswendig lernen. Total langweilig, sagt meine Tochter, sie ist in ihrem Alter ein "Sissy"- und auch bereits ein Bismark-Fan. Man unterschätze ihr historisches Wissen und Interesse nicht. Sie liest sehr viel, natürlich meistens Unterhaltungsromane, wie Harry Potter oder die "Biss"-Geschichten, Tintenherz u.s.w.

Und was bietet ihr die Schule? Einen Geschichtslehrer, der nie in freier Rede oder mit Temperament und historischer Begeisterung ein Themengebiet präsentiert. Angeblich soll er gar im Unterricht mit dem Begriff "Dreikaiserjahr 1888" nichts anzufangen gewusst haben. Man mag es ja nicht glauben. Und wenn ein paar Schülerinnen im Zusammenhang mit "Sissy" und ihrem sie liebenden Kaiser Franz Josef in manchen Fragen (Ich pointiere: "Wie alt war Sissy bei ihrer Heirat?" "Wie lange war das Haar von Sissy?" "Wie kam sie ums Leben?") mehr konkretes historisches Wissen über die k. und k.-Monarchie haben als der Lehrer (der war natürlich noch nicht in Wien, in Schloss Schönbrunn?), dann würgt er solche Gesprächsangebote in eher beleidigender Weise ab, nimmt den Ball nicht auf, wohl weil er nichts darüber hinaus zu sagen hat. Selbst seine jungen Schülerinnen fragen sich, warum er überhaupt Geschichtslehrer geworden ist und lassen sich bei Gelegenheit zu Kommentaren hinreißen, wie dem, ob der bei seiner Lehrerprüfung alles gespickt hat, oder ob er das meiste wieder vergessen hat. - Naja.

Natürlich gibt es auch das andere Viertel, nämlich das der guten Lehrer.

Aber wenn ich jetzt schon wieder erlebe, dass meine Tochter heute gesagt hat, sie will morgen nicht ín die Schule gehen, weil von sechs Stunden vier ausfallen. Tatsache. Und in den anderen beiden Stunden müssen sie einen Film anschauen über die Verbrechen der Nazis an den Juden, - so wie im Religionsunterricht dieses Jahr eigentlich ständig, von den Syngogenbesuchen ganz abgesehen. Auch Tatsache. Dann sollte ich ihr das Daheimbleiben eigentlich erlauben.

Bereits drei Wochen vor den großen Ferien findet so gut wie kein Unterricht mehr statt. Dauernd fällt täglich mehr als die Hälfte der Stunden aus.

... wie soll man da noch überzeugt die allgemeine Schulpflicht verteidigen ... und wenn man auch noch die aktuelle Umgestaltung der Universitäten betrachtet (Bologna-Prozess), dann kann einem schlecht werden..

So, das ist jetzt aber ein langer Beitrag geworden, und ich wollte nur zwei Zeilen schreiben ...

Robin Renitent

23. Juli 2009 23:06

Homeschooling ist in Deutschland nicht erlaubt, in Nordamerika sehr wohl. Da wir dort seit 10 Jahren unseren Hauptwohnsitz haben, sind unsere Kinder zunächst in die öffentliche Schule gegangen. Es war katastrophal. Nach 4 Jahren Französisch können sie „Bonjour“. Also haben wir uns entschlossen es selbst zu machen. Jetzt sprechen die Kinder (Junge 14, Mädchen 10) fließend Englisch, Deutsch und Russisch. Im Schriftlichen sind sie in Englisch exzellent, in den anderen beiden Sprachen arbeiten wir dran.

Im letzten Jahr sind wir zu einer vierjährigen Weltreise aufgebrochen. Wir wollten, dass die Kinder, dass was andere Kinder aus Büchern lernen, praktisch erleben und sehen. Es klappt sehr gut. Wir unterrichten nach deutschen Büchern. Als weitere Fremdsprachen sollen Spanisch und Chinesisch hinzukommen. Ansonsten konzentrieren wir uns auf das Wesentliche. Und z.B. Pompeji zu sehen ist allemal besser als einem Lehrer zuzuhören der es selbst nur aus dem Buch kennt.

Aber auch ein anderer Grund war ausschlaggebend: Wir wollten nicht, das die Kinder indoktriniert werden, von staatsbezahlten GEW-Lehrern (oder adäquaten linksliberalen Gutmenschlehrern in Nordamerika), sondern zu Kritikfähigkeit und Unabhängigkeit erzogen werden. Nicht dem Mainstream folgend, sondern fähig selbst zu recherchieren und das Gegenteil von dem, was man ihnen staatlicherseits vorsetzt, für möglich und denkbar zu halten.

Es ist natürlich schade, dass man Unbequemlichkeiten auf sich nehmen muss, um den deutschen Staat zu unterlaufen. Das betrifft ja nicht nur das Schul- sondern auch das Steuerrecht. Aber an des deutschen Staates Wesen wollen wir nicht unbedingt genesen.

Ob wir das bis zum Abi durchhalten glauben wir selbst nicht, (weil wir es, als mit der Materie nicht immer Vertraute dann vielleicht nicht mehr leisten können), aber wenn der Zeitpunkt kommt werden die Kinder die letzten 2 Jahre auf einer Privatschule ihre Schulzeit vollenden.

Bierbank

14. Januar 2010 03:13

Hausunterricht hat Vor und Nachteile, meine Ansicht nach überwiegen die Nachteile. Wenn man Heimunterrichtet wird findet weniger keine Freunde, lernt den Umgang mit Kameraden nicht, was sich wieder negativ in der Teamarbeit auswirkt, welche im Beruf ja wichtig ist. Isolation kommt noch hinzu.

Vancouverfan

21. Mai 2010 09:29

Dass die Kinder keine Freunde finden, wenn Homeschooling betrieben wird, halte ich für ein Gerücht.
Meine Tochter hatte schon vorher Freunde. In der Schule dauerte es 3 Jahre. Das ging nur, weil die Klasse neu zusammengesetzt wurde.

Der Leistungsdruck durch die Noten fördert nicht zwingend die Teamarbeit.

Doris

9. Juni 2010 22:07

Wer möchte, dass solche Geschichten künftig nicht mehr vorkommen, kann folgende Petition mitzeichnen:
Es gibt auch eine Menge Kommentare zum Thema.

Text der Petition
Der Deutsche Bundestag möge beschließen ...das häusliche Lernen bzw. den Hausunterricht zu erlauben und straffrei zu stellen. Begründung
Hausunterricht oder Homeschooling wird in allen EU Ländern und englisch sprachigen Ländern bereits schon länger mit großem Erfolg praktiziert und erweist sich immer mehr als der Bildungsweg der Zukunft. In Deutschland ist es eine noch weitgehend unbekannte und mit zahlreichen Vorurteilen behaftete Form des Lernens. Die unzureichende Vermittlung von ethischen und moralischen Grundwerten an öffentlichen Schulen, Gewalt und Mobbing, negative Sozialisation der Kinder, fehlende Lernfreude, sinkendes Bildungsniveau, die Unfähigkeit vieler Schulen Kinder individuell zu fördern und ihrem persönlichen Begabungsprofil zu bilden, haben dazu geführt, dass immer mehr Eltern sich Alternativen im bestehenden Bildungssystem wünschen.
Bis dato existiert die Schulpflicht in Deutschland statt einer sinnvolleren Lernpflicht. Schule wird somit in Deutschland direktiv verordnet. Eltern, die ihre Kinder selbst unterrichten wollen, müssen mit staatlichen
Strafmaßnahmen wie Bußgeldern rechnen und werden somit unnötig kriminalisiert. Es sollte mündigen Bürgern frei gestellt sein wo sie ihren Kindern Bildung zukommen lassen. Alle staatlichen Sanktionsmaßnahmen gegen Eltern, die ihre Kinder selbst unterrichten, sollten aufgehoben werden.
Hauptpetent: Wolf, Matthias
Ende Mitzeichnungsfrist: 16.06.2010
Link:
https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=11495

Zum Mitzeichnen ist eine kurze Registrierung erforderlich

Ein Bericht von Dr. Karin Jäckel:
https://www.familyfair.de/Politik/gleichstellung/kindesentziehung-der-familiaere-supergau.html
Kinder sind jedoch nicht nur dann in Gefahr, ihre Eltern durch Kindesentziehung zu verlieren, wenn diese nach Auffassung von Jugendamtsmitarbeiter/innen versagen oder zu versagen scheinen. Sie können auch selbst Anlass dazu bieten. Dann etwa, wenn sie aus den verschiedensten Gründen nicht ins soziale und/oder schulische Schema F passen.
Oftmals sind entzogene Kinder und Jugendliche besonders intelligent und gebildet, sensibel, gerechtigkeitsbezogen und selbstbewusst, scheitern aber im schulischen Ablauf oder werden dort so lange gemobbt, bis sie überreagieren und prompt als verhaltensgestört eingestuft werden.
Andrere Kinder sind in Gefahr, weil sie eine Behinderung haben, wegen der sie als entwicklungsverzögert oder vernachlässigt vermutet werden.

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