6. April 2019

Das war’s- Diesmal mit: fiesen Aprilscherzen …

Ellen Kositza / 8 Kommentare

... und Smalltalk unter Genderaspekten.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

1. April -- Der erste April ist bei uns Familiensport. Ich gewinne meistens. Das tolle ist, daß ich schon innerfamiliär die Leute Jahr für Jahr mit demselben Scherz reinlegen kann, indem ich verkünde: „Jetzt bist Du die/der erste, die’s erfährt… Wir bekommen noch mal Nachwuchs. Zwillinge.“

Auch heute hab ich deutlich mehr Leute reingelegt als Kubitschek, ich hatte einen Höllenspaß. Ich selbst kassierte nur einen Treffer, und zwar im Auswärts, telefonisch früh um halb sieben, mit leise bekümmerter Stimme, der Gatte: „Ich hab nur diesen einen kurzen Anruf. Hausdurchsuchung bei uns. Es ist… so entwürdigend.“ Ich bin, empörte Schnappatmung, voll drauf reingefallen!

Ich gab Revanche. Am Vortag hatte mich der Auftrag des Chefs ereilt, mein Vorwort zum demnächst bei Antaios erscheinenden Buch von Brittany Pettibone an zwei Stellen umzuarbeiten. Tat ich artig.

In meine Mail mit Anhang textete ich an Kubitschek: „Ich hab irgendwie grad eine komische Phase. Deshalb hab ich das ganze Vorwort gestrichen. Ich hab stattdessen ein langes Gedicht verfaßt über Sonne/Mond (metaphorisch für Mann/Frau). Das ist vielleicht beinahe kitschig, aber im Moment fühlt es sich richtig an - es löst etwas aus.“

Kubitschek reagierte nicht auf diese Mail. Eben, spätabends, rief ich ihn an. Ob er mein Gedichtvorwort nicht erhalten habe? Er: „Ja, schon… aber noch nicht geöffnet… weil… soll ich ehrlich sein? Ich hab ein bißchen Schiß, das es daneben gegangen ist. Ich mein… wir hatten doch nie ein Gedicht als Vorwort…“ April, April!

-- -- --

2. April -- Im ländlichen Sachsen-Anhalt ist die Sitte des Smalltalks unbekannt. Es ist ein relativ stummes Land. In Arztwartezimmern bleiben sogar die Illustrierten meist unberührt. Man sitzt und denkt nach.

Derart entwöhnt lausche ich im „Ausland“ umso hellhöriger.

Kleine Statistik der letzten Monate: Wo (ob in öffentlichen Verkehrsmitteln, in der Sauna oder wo auch immer) Männer in Smalltalk geraten, geht es: gelegentlich um Fußball, manchmal ums Wetter, aber fast immer um Politik. Wenn Frauen smalltalken (beim Irgendwowarten auf die Kinder meistens) geht es nie um Fußball, immer ums Wetter und äußerst selten um Politik. Gibt es eigentlich keine Ideen für eine diesbezüglich verbindliche Quote? Man müßte doch endlich Schluß machen mit dem immensen patriarchalischen Druck, der Frauen daran hindert, im Alltag zu politisieren!

-- -- --

3. April -- Meta-Smalltalk. Er (nicht Kubitschek): „Es fällt schon auf, wenn man so nebenbei in Gespräche gerät, mit Leuten, die einen gar nicht kennen: Die Stimmungslage ist mittlerweile fast immer irgendwie rechts.“

Ich „Ist bei mir komischerweise immer noch völlig anders. Wenn ich mal irgendwo in politischen Smalltalk einbezogen werde, dann ganz oft unter dem Motto: Schrecklich und beängstigend, diese Rechten heute…“

Er: „Aha. Naja… so als Frau… siehst Du auch irgendwie links aus! Das zieht andere Leute an.“

Moment! Ich trage beispielsweise fast nie Hosen. Hab keine Ringe im Gesicht und… ich hab doch auch eine gerade Haltung, und all sowas!

Er: „Ja. Aber bei Dir wirkt all das halt total emanzipiert.“

-- -- --

4. April -- Smalltalk-Mitschnitt, III, in der Bahn. Zwei mittelalte Frauen. Es ging darum, daß eine der beiden sich am Vorabend ein Stückchen Schokolade gönnen wollte und, schwupps, hatte sie sich die ganze Tafel einverleibt.

„Kennste doch, hat man einmal Blut geleckt, gibt es kein Halten mehr-!“

Die andere: „Na höhöhö, aber pscht, das darfste heut nicht mehr laut sagen!“

„Hä? Wieso?“

„Nna… weißt schon…“

„Hä? Nee, wegen Diätwahn oder was?“

„Mann! [flüsternd:] Blut geleckt!“

„Hä? Wasn jetzt los??“

„Na: wegen Hitler!“

Die Naschtante hält sich erschrocken den Mund zu. Äugt zu mir. Ich aber schüttele stumm und ernst den Kopf.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Kommentare (8)

Lotta Vorbeck
6. April 2019 15:28

„Hä? Wasn jetzt los??“

„Na: wegen Hitler!“

"Конечно ... Гитлер капут!"

Ein gebuertiger Hesse
6. April 2019 15:58

Wunderbar, wenn in der Familie noch Aprilscherze gemacht werden und gerad solche, die einen zünftigen Ernstfall zur Vorlage nehmen. Das tut man nur, wenn man dem anderen vertraut und sich selbst traut, ihn kurz ordentlich zu schockieren. Kann es sein, daß Aprilscherze dieser Art, die natürlich die einzig wahre ist, ihrerseits am Aussterben sind, sich also in die ellenlange Reihe vergessener Alltagstraditionen einreihen? Oder sind sie grundsätzlich eher Ländersache? In Berlin zum Beispiel sind Aprilscherze ebenso wenig Brauch wie Fasching.

Laurenz
6. April 2019 18:03

Sehr amüsant ist die April-Nummer mit den Zwillingen. Bei den 7 Zwergen hinter den 7 Bergen ist die Schneewitchen-/Prinz-Nummer, wenn auch etwas in die Jahre gekommen, doch recht glaubwürdig, entbehrt nicht einer gewissen Wahrscheinlichkeit. Allerdings sind Zwillinge extrem teurer als nacheinander Geborene. Blut oder Schokolade, jedem das seinige.

clivestaples
6. April 2019 22:07

Er: „Aha. Naja… so als Frau… siehst Du auch irgendwie links aus! Das zieht andere Leute an
Er: „Ja. Aber bei Dir wirkt all das halt total emanzipiert.“

Also ist das mit dem sich gegenseitig siezen doch nur eine Art ganzjähriger Aprilscherz, für und in Gegenwart mancher Journalisten? Es liest sich im Text jedenfalls als wäre man per du.

Es steht da gleich am Anfang des Dialogs, daß es sich NICHT um Kubitschek handle.

starhemberg
7. April 2019 13:06

Ich habe schon vor Jahren "Blut geleckt", was Frau Kositzas herrliche Alltagsbeschreibungen betrifft. Selbst der Schrecken vor dem Führer kann mich nicht davon abhalten.

Laurenz
8. April 2019 00:35

@Lotta Vorbeck .... das sehen die Chinesen wohl ganz anders. Autoritäres politisches System und relativ freie Wirtschaft unter staatlicher Kontrolle. Woher kennen wir das? Gorbi, der Trottel, obwohl 8 Jahre nach Deng Xiaoping an der Macht, versuchte es genau umgekehrt. Dafür zahlen die Russen bis heute, auch wenn Putin einiges milderte.

Lotta Vorbeck
8. April 2019 08:21

@Laurenz
Der Zerstörer der UdSSR und noch mehr dessen Ehegespons, die seinerzeit von der BRD-Presse als "sowjetische First Lady" etikettierte Raissa Maximowna Gorbatschowa sind in RUS überaus unpopuläre Figuren.

"Gitler kaput" war ein unter älteren Russen geflügeltes Wort, lange bevor es nach der Jahrtausenwende als Titel einer dämlichen Komödie zweitverwurstet worden ist.

Laurenz
8. April 2019 11:53

@Werte Lotta Vorbeck .... natürlich, ist auch bekannt. Und wer war schon vor unserem volkseigenen Teufel kaputt? Genau, die Bürger der Sowjetunion, da helfen auch keine Glämmer-Gorbis. Was soll denn der arme Putin machen? Welche kulturelle Leistungen können 71 Jahre Sowjetunion und 10 Jahre Manchester-Rußland denn außer Gagarin und den Großen Vaterländischen Krieg vorweisen? Beide stehen auch noch auf tönernen Füßen und halten keiner tieferen Analyse stand. Die geistige Unfreiheit Dank Stichwortprägung war noch nie so groß wie heute. Feliks Dzierżyński wäre stolz auf uns.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.