Sezession
1. Februar 2019

Zuboff: Überwachungskapitalismus, Strittmatter: Neuerfindung der Diktatur

Benedikt Kaiser

Nicht erst mit der Ankündigung der sukzessiven Einführung des Social Credit System (vgl. Sezession 78) in der Volksrepublik China ist die Gefahr des digitalen Totalitarismus ein Thema.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Frank Schirrmacher widmete diesem Komplex bereits 2015 einen Sammelband; Technologischer Totalitarismus führt verschiedene Diskussionsstränge samt ihrer Vertreter zusammen, darunter auch Shoshana Zuboff. Die US-amerikanische Harvard-Ökonomin legt nun ihr neues Werk Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus vor, das im Januar 2019 im US-Original, einige Wochen zuvor aber bereits in deutscher Übersetzung erschien.

Es ist ein wuchtiges Buch, das den »Überwachungskapitalismus« als höchste Stufe der kapitalistischen Produktionsweise und Gesellschaftsform seziert. Das gelingt, indem sie den Leitbegriff ihrer jahrelangen Forschungsarbeit anschaulich definiert.

Überwachungskapitalismus ist demnach eine von konkreten Akteuren an einem konkreten Ort geschaffene neue Marktform (menschliche Erfahrung als Rohstoff anstelle von Arbeit), eine neue ökonomische Logik (parasitär, selbstreferentiell), eine neue Art Kapitalismus (mit beispielloser Reichtumskonzentration), das Fundament neuer Überwachungsmethoden und neuer instrumentärer Macht (Anspruch: Herrschaft über die Gesellschaft) sowie der »Sturz der Volkssouveränität« in Form eines Putsches von oben (Ausführende sind Konzerne um Google und ihre Satrapen).

Diese Markenzeichen des Überwachungskapitalismus macht Zuboff verantwortlich für die »Verfinsterung des digitalen Traums«. Bedeutung und Tragweite dieser Entwicklung seien den Menschen noch nicht bewußt, weshalb die Autorin eine erschöpfende Darstellung aller Merkmale dieses taufrischen Kapitalismustypus vornimmt, die als vorbildliche Pionierarbeit zu würdigen ist.

Gleichwohl wird auch ein Liebhaber umfassender Abhandlungen nicht umhinkommen zu monieren, daß es der – gewünschten – Verbreitung der Thesen schadet, daß Zuboffs Textkorpus nicht gestrafft wurde; 200 Seiten weniger wären problemlos möglich, ohne die Quintessenz der Forschungsstränge in ihrer Dichte und Wirkung zu beschneiden.

Neben dieser Stilkritik muß Zuboffs Unterschätzung des Staates als zweiter Kritikpunkt angeführt werden, denn obschon sie die ursächliche Kollaboration US-amerikanischer staatlicher Stellen (Behörden, Geheimdienste, Militär) bei der Genese des globalen Überwachungskapitalismus veranschaulicht, unterschätzt sie als Anhängerin eines liberalen Gesellschaftsentwurfs die Machtoptionen des Staates auch im 21. Jahrhundert, etwa wenn sie davon ausgeht, daß der Staat lediglich Befehlsempfänger überwachungskapitalistischer Institutionen sei, dem daher nur die Zusammenarbeit mit Google und Co. bleibe.

Daß auch umgekehrte Machtsymmetrien denkbar und praktikabel sind – und dabei nicht zwingend »bessere« Ergebnisse für die Gemeinschaft zeitigen –, legt der von ihr ebenfalls angeführte chinesische Sonderweg mit dem bereits genannten Sozialkreditsystem nahe, in dem der chinesische Staat (respektive die diesen führende Partei) jeden Bürger in einem totalen und trotz der nominell kommunistischen Attitüde genuin überwachungskapitalistischen Bonitätssystem erfaßt.

Kai Strittmatters Die Neuerfindung der Diktatur kann phasenweise das sinnvolle analytische Addendum zu Zuboffs Grundlagenwerk darstellen, da es explizit untersucht, wie China den digitalen Überwachungsstaat aus der Taufe hebt. Hochzuhalten ist die kundige Einführung in das Denken der chinesischen KP, in die Handlungsweise der Parteioberen und ihrer Schlüsselcliquen in den Apparaten.

Auch die für den europäischen Leser eher fremden Onlinewelten Chinas werden anschaulich beschrieben; von WeChat (Dave Eggers’ Der Circle läßt grüßen) über Weibo (Chinas Antwort auf Twitter) bis Toutiao (die erfolgreichste staatsnahe Nachrichtenapp der Welt) sowie auf dem Feld chinesischer Sicherheitsgesetze kann Strittmatter profundes Wissen darbieten.

Und als drittes Plus kann die Eingliederung des digitalen chinesischen Autoritarismus (oder Totalitarismus in status nascendi?) in die chinesische Nationalgeschichte verbucht werden; der Autor hat Argumente dafür, daß der Partei- und damit Staatschef Xi Jinping sich trotz seiner marxistischen Grundierung als Fortführer der chinesischen Feudaldynastien wähnt.

Ungeachtet dieser drei skizzierten Vorzüge sind es ebenso drei Aspekte, die das Lesevergnügen und den Erkenntnisgewinn schmälern:

Erstens nutzt Strittmatter überwiegend Onlinequellen, verzichtet dabei auf grundlegendes, verfügbares Gedrucktes.

Zweitens stößt einem der Plauderton (»China hat mittlerweile tolle Gesetze, es schert sich bloß keiner um sie.«) auf, der – drittens – um die ideologische Ebene ergänzt werden muß. Strittmatter ist nicht nur Sinologe, sondern auch Korrespondent der Süddeutschen:

Der linksliberale, westlerische, moralisierende Zeigefinder ist also stets präsent.

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Shoshana Zuboff: Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus, Frankfurt a. M.: Campus 2018. 727 S., 29.95 € - hier bestellen

Kai Strittmatter: Die Neuerfindung der Diktatur. Wie China den digitalen Überwachungsstaat aufbaut und uns damit herausfordert, München: Piper 2018. 288 S., 22 € - hier bestellen


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.


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