Lorraine Daston: Gegen die Natur. – eine Rezension

Die US-amerikanische lebende Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston ist eine vielfach ausgezeichnete Professorin. In ihrem neuen Buch dreht und wendet sie die Frage, weshalb unsere Spezies nicht davon lassen kann, die Natur als Quelle der Normen menschlichen Verhaltens zu betrachten.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Wider­na­tür­li­ches mensch­li­ches Ver­hal­ten ist so alt wie die Mensch­heit. Genau­so alt ist die Ein­schät­zung sol­chen Ver­hal­tens, bei­spiels­wei­se von Sodo­mie oder Inzest, als wider­na­tür­lich. Doch auch bei viel gerin­ge­ren Normab­wei­chun­gen wird die Natur bemüht: Bei nicht stan­des­ge­mä­ßer Hei­rat, Frau­en­wahl­recht, Umwelt­schutz­ge­set­zen oder homo­se­xu­el­len Nei­gun­gen. Bereits Aris­to­te­les argu­men­tier­te gegen das Zins­geld­sys­tem, indem er sag­te, Geld pflan­ze sich im Gegen­satz zu den natür­li­chen Arten nun ein­mal nicht von allein fort.

Da kön­nen sich die Phi­lo­so­phen seit David Hume noch so anstren­gen, »natu­ra­lis­ti­sche Fehl­schlüs­se« auf­zu­spü­ren – doch aus dem schie­ren So-Sein ein So-sein-Sol­len oder So-nicht-sein-Sol­len abzu­lei­ten ist ein­fach nicht totzukriegen.

Wor­an liegt das? Daston macht sich auf die Suche, und da ihr kul­tur­his­to­ri­sches Lieb­lings­jahr­hun­dert das 17. ist, wird sie eben­dort fün­dig: Es sind die Lei­den­schaf­ten. Men­schen sind lei­den­schaft­li­che Tie­re, wuß­ten schon Des­car­tes, Spi­no­za, alle übri­gen Mora­lis­ten und Kant: Sie regen sich auf. Und über Unna­tür­li­ches regen sie sich tie­risch auf!

Daston bohrt wei­ter. War­um die­se Auf­re­gung? Da stößt sie auf einen für Kon­ser­va­ti­ve wohl­ver­trau­ten Gedan­ken: Natur kommt nie­mals ohne Ord­nung aus, in ihr ist das Ord­nungs­den­ken ange­legt. Sehr behut­sam ent­fal­tet sie die­se Über­le­gung, indem sie dem pro­gres­si­ven Natu­ra­lis­mus­kri­ti­ker vor Augen führt, was es bedeu­ten wür­de, wenn statt der Ord­nung das Cha­os in der Welt herrsch­te, er kei­nen Moment mehr sicher sein könn­te, daß sich die Din­ge so ver­hiel­ten, wie er es erwar­tet. Die »Lei­den­schaf­ten des Unna­tür­li­chen« rech­nen mit Ord­nung, die im sel­ben Moment zer­stört wird (daher die Auf­re­gung) und gut­ge­hei­ßen wird (daher die mora­li­sche Norm).

Wenn wir etwas für »gegen die Natur« oder »natur­ge­mäß« hal­ten, bemü­hen wir nor­ma­ler­wei­se Ana­lo­gien. So wie es sich in der natür­li­chen Ord­nung ver­hält, so soll es sich auch in der Gesell­schaft ver­hal­ten. Ob es nun Man­de­villes Bie­nen­fa­bel oder Frans de Waals Wil­de Diplo­ma­ten sind: Die Natür­lich­keit des Matri­ch­ar­chats kön­nen wir uns von den Bie­nen abschau­en, die Natür­lich­keit des Patri­ar­chats von den Her­ren­af­fen, den Pri­ma­ten. Und die Dono­van-Leser ler­nen auf dem Weg der Män­ner, das pro­mis­kui­ti­ve Her­um­ge­bum­se der Bono­bos lei­den­schaft­lich zu verachten.

Gegen die­se Modell­über­tra­gung aus der Natur gera­de­wegs auf unse­re Nor­men bringt Lor­rai­ne Daston ein beden­kens­wer­tes Argu­ment vor. Man kann in der Natur vor­fin­den, daß es Ord­nung gibt, und die­se auch über­tra­gen ins mensch­li­che Sozi­al­le­ben. Bloß gibt die Natur nicht her, wel­che Ord­nun­gen dies sind. Ihr Fazit lau­tet: Natu­ra­li­sie­rung ist eigent­lich weni­ger dra­ma­tisch, als die Kri­ti­ker befürch­ten, da man schließ­lich nur Ord­nung (im Sin­ne von Nor­ma­ti­vi­tät per se) und nicht irgend­wel­che kon­kre­ten Nor­men aus der Natur bezie­hen könnte.

So beru­hi­gend die­ses Fazit viel­leicht auf libe­ra­le Gemü­ter (und von denen ist Daston als Lei­te­rin des Max-Planck-Insti­tuts für Wis­sen­schafts­ge­schich­te in Ber­lin zuhauf umge­ben) wir­ken mag, so läßt es doch eine ent­schei­den­de Fra­ge offen. Denn wie ver­hält es sich in den Fäl­len, in denen wir nicht per ana­lo­gi­am aus der Natur auf die mensch­li­chen Nor­men schlie­ßen (zum Bei­spiel von schwu­len Fla­min­gos auf schwu­le Men­schen), son­dern in denen der Mensch selbst Teil der Natur ist?

Homo­se­xua­li­tät wäre in Dastons Begriff­lich­keit ein Ver­stoß gegen die »spe­zi­fi­sche Natur« des Men­schen, das dar­in besteht, sei­nes­glei­chen fort­zu­pflan­zen: »die für die Ord­nung spe­zi­fi­scher Natu­ren typi­sche Stö­rung ist die miss­glück­te Fort­pflan­zung«. Daston bezieht sich dabei auf Kants grund­sätz­li­chen Gedan­ken, daß ohne spe­zi­fi­sche Natu­ren als Ord­nungs­prin­zi­pi­en Erfah­rung schlech­ter­dings unmög­lich wäre: Denn, so Kant in der Kri­tik der rei­nen Ver­nunft, wür­de der Zin­no­ber bald leicht, bald schwer, bald rot und bald schwarz, so wäre es mir unmög­lich, beim Gedan­ken an Röte oder Schwe­re den Zin­no­ber in mei­ne Gedan­ken hin­ein zu bekommen.

Wäre der Mensch sei­ner Natur nach mal homo‑, mal hete­ro­se­xu­ell und mal irgend­was dazwi­schen, man hät­te eini­ge Schwie­rig­kei­ten, ihn ein­zu­ord­nen in die erfahr­ba­re Ord­nung der Welt. Es könn­te sein, daß Daston an die­ser Stel­le die Kon­se­quenz aus ihrem bra­vou­rös ver­foch­te­nen Natu­ra­lis­mus nicht zie­hen will, weil sie man­chem Zin­no­ber der kon­struk­ti­vis­ti­schen Wis­sen­schafts­ge­schich­te doch mehr glaubt als den Intui­tio­nen, die »die trei­ben­de Kraft bei der Suche nach Wer­ten in der Natur« sind. Wis­sen­schafts­his­to­rie ist indes nicht für den poli­ti­schen Gebrauch bestimmt. Von Lor­rai­ne Daston kön­nen wir das sorg­fäl­ti­ge Umkrei­sen einer lei­den­schaf­ten­er­re­gen­den Fra­ge ler­nen, unse­re Intui­tio­nen mal eine zeit­lang hint­an­stel­len und zuschau­en, was nicht nur die Natur- son­dern auch die Kul­tur­ge­schich­te an üppi­gen Efflo­res­zen­zen her­vor­ge­bracht hat.

Lor­rai­ne Daston: Gegen die Natur. (= Rei­he De Natu­ra Band V), Ber­lin: Mat­thes & Seitz Ber­lin 2018. 108 S., 14 € - hier bestellen.

 

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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Kommentare (1)

zeitschnur

9. Juni 2019 11:17

Der Mensch hat mit dem Tier gemeinsam die Eingebundenheit in natürliche (kreatürliche) Ordnungen. Zum Beispiel die Sexualität als Grundlage zur Fortpflanzung. Soweit so gut. Doch anders als das Tier ist dem Menschen nur eine schwache oder gar keine Instinktorientierung hinzugegeben.
Das Tier pflanzt sich fort entsprechend seinen Instinkten. Einmal im Jahr oder so... zur Paarungszeit... Beim Menschen gibt es das so nicht. Es ist durchaus umstritten, ob es "schwule Flamingos" gibt oder ob nicht einfach nur eine Umleitung der zartrosa Sexualität immer dann geschieht, wenn der Instinkt sie in Gang setzt, aber aus irgendwelchen Gründen, die erforscht werden müssten, nicht zu dem erfolgreichen Ziel führt, das die natürliche Ordnung vorsieht. Dass ein dekonstruktivistischer Lobbyismus nun in der Natur nach "ordnungsgemäßen" Vorgängen für eigene "abweichende" ("queere") Meinungen und Wünsche sucht, ist nicht überzeugend. Wie Sie es referieren, beißt sich hier die Katz in den Schwanz - es ist ein tautologisches Argumentieren, aber das Argumentationsniveau ist in diesen Kreisen so weit herabgesetzt, dass man dort die Basisgesetze der Logik meist nicht mehr kennt. Man hat Recht, weil man Recht hat. Zurück zum Flamingo: Bloße empirische Phänomene müssen nicht auf demselben Grund stehen. Darüber hinaus ist ein ETHISCHES Argument mit der Struktur: "Seht ihr, es gibt auch schwule Flamingos, also ist es ethisch gerechtfertigt, dass Homosexualität genauso gut ist wie Heterosexualität" mehr als dürftig - von der mangelnden Logik mal abgesehen. Die Empirie gibt eben so oder so kein ethisches Argument her! Mit dem Argument müsste man Mord und Totschlag rechtfertigen - das alles gibt es schließlich auch.
Da der Mensch - anders als das Tier - sich eben nicht auf Instinkte stützen kann und ohne eine gewissermaßen "kreative" Ethik auf seine Kreatürlichkeit nicht menschenwürdig überleben wird, sind all diese Parallelen mit dem Tierreich oder irgendwelchen angenommenen oder wirklichen Naturordnungen obsolet. Ein triebgesteuerter Mensch gerät IMMER aus der Bahn. Das Tier dagegen nicht!
Man kommt ins Teufels Küche, wenn man über solche Zeitfragen auf einer solchen Grundlage diskutieren will - jede Seite wird für alles ihre "natürlichen" Beispiele und Gründe finden. Das deuten Sie ja selbst an in Ihrem Text. Weiland begründete man auch Rassetheorien mit solchen Verweisen auf angebliche natürliche Empirie und deren "Ordnungen". Und postmoderne Eugeniker tun es nach wie vor.
Mich befällt angesichts dieser desolaten Argumentationsgrundlage ein abgründiges Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Es bleibt ja nur, dass jeder in seiner Vorstellung von "Ordnung" sein Süppchen kocht oder aber eine Art "Gesetz" anerkannt wird, das sich nicht aus der Natur ableiten lässt, ihr aber auch nicht entgegenstehen darf (!), sondern ... offenbart ist. Die Offenbarung eines Sittengesetzes im Herzen? Tragen wir unser Maß nicht vielleicht wirklich im Herzen? Und wie findet man dieses Gesetz dann heraus? Was ist das "Herz"? Der Apostel Paulus schreibt, Gott habe auch den Heiden genau dies "ins Herz" gegeben. Ethiker suchten daher gelegentlich nach interkulturellen "Fixpunkten" ethischer Normen - und in denen kommt Homosexualität sehr oft schlecht weg. Alle Hochkulturen, die heute noch existieren, sahen diese Lebensform als unethisch an. Aber wirklich nur deswegen, weil dabei Unfruchtbarkeit vorgezeichnet ist? Oder nicht eher deswegen, weil der Mensch damit seine Göttlichkeit ins totale Aus schießt? Wenn das aber der Grund ist, wie könnte man das erklären oder begründen?
Ich stelle Fragen, behaupte nichts, aber ich wünschte, man würde all das endlich wieder auf einem vernünftigen und schlicht "hohen" Niveau diskutieren, was definitiv nicht geschieht.