Sezession
1. Februar 2019

Lorraine Daston: Gegen die Natur. – eine Rezension

Caroline Sommerfeld

Die US-amerikanische lebende Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston ist eine vielfach ausgezeichnete Professorin. In ihrem neuen Buch dreht und wendet sie die Frage, weshalb unsere Spezies nicht davon lassen kann, die Natur als Quelle der Normen menschlichen Verhaltens zu betrachten.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Widernatürliches menschliches Verhalten ist so alt wie die Menschheit. Genauso alt ist die Einschätzung solchen Verhaltens, beispielsweise von Sodomie oder Inzest, als widernatürlich. Doch auch bei viel geringeren Normabweichungen wird die Natur bemüht: Bei nicht standesgemäßer Heirat, Frauenwahlrecht, Umweltschutzgesetzen oder homosexuellen Neigungen. Bereits Aristoteles argumentierte gegen das Zinsgeldsystem, indem er sagte, Geld pflanze sich im Gegensatz zu den natürlichen Arten nun einmal nicht von allein fort.

Da können sich die Philosophen seit David Hume noch so anstrengen, »naturalistische Fehlschlüsse« aufzuspüren – doch aus dem schieren So-Sein ein So-sein-Sollen oder So-nicht-sein-Sollen abzuleiten ist einfach nicht totzukriegen.

Woran liegt das? Daston macht sich auf die Suche, und da ihr kulturhistorisches Lieblingsjahrhundert das 17. ist, wird sie ebendort fündig: Es sind die Leidenschaften. Menschen sind leidenschaftliche Tiere, wußten schon Descartes, Spinoza, alle übrigen Moralisten und Kant: Sie regen sich auf. Und über Unnatürliches regen sie sich tierisch auf!

Daston bohrt weiter. Warum diese Aufregung? Da stößt sie auf einen für Konservative wohlvertrauten Gedanken: Natur kommt niemals ohne Ordnung aus, in ihr ist das Ordnungsdenken angelegt. Sehr behutsam entfaltet sie diese Überlegung, indem sie dem progressiven Naturalismuskritiker vor Augen führt, was es bedeuten würde, wenn statt der Ordnung das Chaos in der Welt herrschte, er keinen Moment mehr sicher sein könnte, daß sich die Dinge so verhielten, wie er es erwartet. Die »Leidenschaften des Unnatürlichen« rechnen mit Ordnung, die im selben Moment zerstört wird (daher die Aufregung) und gutgeheißen wird (daher die moralische Norm).

Wenn wir etwas für »gegen die Natur« oder »naturgemäß« halten, bemühen wir normalerweise Analogien. So wie es sich in der natürlichen Ordnung verhält, so soll es sich auch in der Gesellschaft verhalten. Ob es nun Mandevilles Bienenfabel oder Frans de Waals Wilde Diplomaten sind: Die Natürlichkeit des Matricharchats können wir uns von den Bienen abschauen, die Natürlichkeit des Patriarchats von den Herrenaffen, den Primaten. Und die Donovan-Leser lernen auf dem Weg der Männer, das promiskuitive Herumgebumse der Bonobos leidenschaftlich zu verachten.

Gegen diese Modellübertragung aus der Natur geradewegs auf unsere Normen bringt Lorraine Daston ein bedenkenswertes Argument vor. Man kann in der Natur vorfinden, daß es Ordnung gibt, und diese auch übertragen ins menschliche Sozialleben. Bloß gibt die Natur nicht her, welche Ordnungen dies sind. Ihr Fazit lautet: Naturalisierung ist eigentlich weniger dramatisch, als die Kritiker befürchten, da man schließlich nur Ordnung (im Sinne von Normativität per se) und nicht irgendwelche konkreten Normen aus der Natur beziehen könnte.

So beruhigend dieses Fazit vielleicht auf liberale Gemüter (und von denen ist Daston als Leiterin des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte in Berlin zuhauf umgeben) wirken mag, so läßt es doch eine entscheidende Frage offen. Denn wie verhält es sich in den Fällen, in denen wir nicht per analogiam aus der Natur auf die menschlichen Normen schließen (zum Beispiel von schwulen Flamingos auf schwule Menschen), sondern in denen der Mensch selbst Teil der Natur ist?

Homosexualität wäre in Dastons Begrifflichkeit ein Verstoß gegen die »spezifische Natur« des Menschen, das darin besteht, seinesgleichen fortzupflanzen: »die für die Ordnung spezifischer Naturen typische Störung ist die missglückte Fortpflanzung«. Daston bezieht sich dabei auf Kants grundsätzlichen Gedanken, daß ohne spezifische Naturen als Ordnungsprinzipien Erfahrung schlechterdings unmöglich wäre: Denn, so Kant in der Kritik der reinen Vernunft, würde der Zinnober bald leicht, bald schwer, bald rot und bald schwarz, so wäre es mir unmöglich, beim Gedanken an Röte oder Schwere den Zinnober in meine Gedanken hinein zu bekommen.

Wäre der Mensch seiner Natur nach mal homo-, mal heterosexuell und mal irgendwas dazwischen, man hätte einige Schwierigkeiten, ihn einzuordnen in die erfahrbare Ordnung der Welt. Es könnte sein, daß Daston an dieser Stelle die Konsequenz aus ihrem bravourös verfochtenen Naturalismus nicht ziehen will, weil sie manchem Zinnober der konstruktivistischen Wissenschaftsgeschichte doch mehr glaubt als den Intuitionen, die »die treibende Kraft bei der Suche nach Werten in der Natur« sind. Wissenschaftshistorie ist indes nicht für den politischen Gebrauch bestimmt. Von Lorraine Daston können wir das sorgfältige Umkreisen einer leidenschaftenerregenden Frage lernen, unsere Intuitionen mal eine zeitlang hintanstellen und zuschauen, was nicht nur die Natur- sondern auch die Kulturgeschichte an üppigen Effloreszenzen hervorgebracht hat.

Lorraine Daston: Gegen die Natur. (= Reihe De Natura Band V), Berlin: Matthes & Seitz Berlin 2018. 108 S., 14 € - hier bestellen.

 


Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.


Kommentare (0)