1. Februar 2019

Rainer Mausfeld: Warum schweigen die Lämmer?

Benedikt Kaiser / 1 Kommentar

Der Trend geht zum überbordenden Untertitel. Was ästhetisch umstritten ist, mag für den Leser zunächst hilfreich sein: Man weiß ganz genau, mit was man es zu tun hat.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Vorliegendes Buch ist also eine Streitschrift des Wahrnehmungs- und Kognitionsforschers Rainer Mausfeld, die sich, der Untertitel verrät es, gegen die falsch verstandene Freiheit der gegenwärtigen westlichen Gesellschaften richtet. In Aufsätzen, Vorträgen und Interviews bearbeitet der Radikaldemokrat Mausfeld zentrale Fragen der Neoliberalismuskritik. Demokratie erscheint ihm heute als »Wahloligarchie ökonomischer und politischer Eliten«, während Freiheit vor allem »Freiheit der ökonomisch Mächtigen« bedeute.

Dieser neoliberale Zwitter implementierte eine Art »invertierten Totalitarismus« (Sheldon Wolin), also einen Totalitarismus, der von den Menschen nicht als ein solcher empfunden wird. Der US-amerikanische Ökonom und Historiker Philip Mirowski hatte entsprechend den Neoliberalismus als ideologiefreie Ideologie untersucht (vgl. Sezession 82) – man betrachtet alles durch ihren Schleier, meint aber selbstbewußt, keiner Ideologie zu folgen. Mausfeld weist auf verschiedenen Ebenen die Mirowski-These nach; er greift hierbei kenntnisreich und eloquent auf seinen psychologischen Erfahrungsschatz zurück.

Hervorhebenswert ist u. a. Mausfelds These, wonach der Neoliberalismus – entgegen gewisser Annahmen – nicht auf »freie Märkte« ausgerichtet sei. Er ziele vielmehr auf radikale Umverteilung von unten nach oben ab, von der öffentlichen in die private Sphäre; dabei stehe nicht die Abschaffung des Staates (wie bei Anarchokapitalisten) im Fokus, sondern ein Umbau gegebener Strukturen, der dafür sorgen solle, daß den wirtschaftlich Mächtigen jene staatlichen Rahmenbedingungen gewährt werden, die für Kapitalvermehrung und (durchaus auch autoritäre) Herrschaftssicherung vonnöten sind.

Die andauernde massenweise Umverteilung von der Bevölkerungsmehrheit zu einer verschwindend geringen Minderheit werde durch konstante Indoktrination verdeckt und unsichtbar gemacht – die Lämmer schweigen, während Macht im 21. Jahrhundert sich der Hülle repräsentativer Demokratie bedient, um die eigentlichen Schwerpunkte reeller politischer Macht für diese schweigende, geblendete und eben indoktrinierte Mehrheit nicht greifbar erscheinen zu lassen.

Artikulierte Wut und Unzufriedenheit zielen dann nicht auf die Zentren der Macht, sondern auf Ablenkziele. Die »kapitalistische Demokratie« erweise sich somit als Widerspruch in sich. Während Demokratie Volkssouveränität und Handlungsfähigkeit für die Bevölkerung meint, bedeute Kapitalismus »Unterwerfung unter die Machtverhältnisse, die eine Minderheit von Besitzenden über eine Mehrheit von Nichtbesitzenden ausübt«.

So richtig diese und viele weitere Analysen des Buches erscheinen, verdecken sie doch nicht den Umstand, daß Mausfeld selbst ideologischen Fehlannahmen aufsitzt und die Welt durch einen entsprechenden Schleier betrachtet. Es bleibt – wie so oft bei alten und neuen Linken – unklar, wer sich zum potentiellen Souverän wider technokratische Kapitalherrschaft erheben könnte.

Völker und nationale Kulturen sind es für Mausfeld nicht, er bezeichnet sie als »Fiktionen«. Rechte Populisten sind Fleisch vom Fleische, und »rechts« sei ohnehin jener, der die Zentren der Macht (etwa die undemokratische Wirtschaftselite) und ihre Privilegien stütze und zu erhalten trachte.

Dieser unreflektierte und dichotomische Rechts-Links-Blickwinkel führt zur größten Fehlannahme des Buches, die der Autor ausgerechnet anhand einer richtigen Ausgangsbasis entwickelt. Die öffentliche Meinungsbildung lasse sich effektiv steuern, indem man die Ränder dessen determiniert, was sagbar ist. »Wer es vermag, die Ränder des in der Öffentlichkeit sichtbaren Meinungsspektrums zu markieren, der hat schon einen großen Teil des Meinungsmanagements« erreicht.

So weit, so durch die bundesrepublikanische Realität bestätigt. Allein, Mausfeld bindet dem Leser einen gewaltigen Bären auf: Diese theoretische Prämisse werde in der Realität ausgerechnet dadurch bestätigt, den »linken Rand« zu markieren. Links des Philosophen Jürgen Habermas herrsche demnach die Stigmatisierung von Ideen und Lösungsansätzen, links der Mitte werde der politische Rand dessen vermerkt, »was man noch verantwortlich vertreten kann«.

Mausfeld, Wahrnehmungsforscher und Analyst der Manipulation, tut damit so, als gebe es keine Sondergesetze gegen »rechts«, keine Stigmatisierung jedweder »rechter« Ansichten, keine »zivilgesellschaftliche« Ächtung »rechter« Personen unter staatlicher und parastaatlicher Kuratel.

In Mausfelds Wahrnehmung existiert der massenpsychologisch höchst wirksame »Kampf gegen rechts« durch bundesdeutsche Eliten und ihre antifaschistischen Exekutoren schlichtweg nicht (und daher kann er ihn auch nicht als Ablenkungsziel interpretieren).

Dabei böte diese seit Jahrzehnten andauernde und zuletzt verschärfte Denunziation oppositioneller Akteure und Ideen doch hervorragendes Forschungsmaterial für die Analyse von Meinungs- und Empörungsmanagement durch die politisch, medial und ökonomisch herrschende Klasse in einer entkernten Demokratie volksferner Eliten.

Rainer Mausfeld: Warum schweigen die Lämmer? Wie Elitendemokratie und Neoliberalismus unsere Gesellschaft und unsere Grundlagen zerstören, Frankfurt a. M.: Westend 2018. 304 S., 24 € - hier bestellen


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.


Kommentare (1)

Caroline Sommerfeld
10. April 2019 10:02

Und noch einen blinden Fleck des ansonsten diagnostisch richtig guten Buches gibt es: Mausfeld und die ungebrochene Aufklärung! Nur so ist sein radikaldemokratisches Vertrauen in die Massen erklärlich, die ja eigentlich keine blinden Massen sind, sondern lauter rationale und demokratiefähige Subjekte, denen bloß etwas Falsches eingeredet worden ist (da geht Lippmanns "Öffentliche Meinung" weiter). Vielleicht hängt damit auch das Skotom am rechten Auge zusammen: es kann keine "volksfernen Eliten" geben, denen ein Volk im eigentlichen Wortsinne gegenübersteht, sondern immer nur wieder: unterdrückte Klassen.