Sezession
2. Februar 2019

Peter Graf: Was nicht mehr im Duden steht.

Ellen Kositza

Es gibt zahlreiche illustre Betrachtungen über verschwundene Wörter und Redewendungen.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Dies ist eine weitere, und sie ist besonders verlockend, weil sie auf »Nachweisbarem« beruht. Peter Graf, ein Urgestein des Duden-Verlags, ist Wörtern nachgestiegen, die der Duden, das maßgebliche Buch zur Rechtschreibung, im Laufe seines Erscheinens getilgt hat. Eine unerschöpfliche Fundgrube, ein Schatz für Sprachliebhaber!

Der erste Duden erschien 1880. Die längste Spanne zwischen zwei Auflagen lag zwischen 1947 und 1954 – allerdings spaltete sich damals die Auflage auf, und bereits 1952 erschien der neue Ost-Duden – mit einigen Wörtern, die der Westen nicht kannte. Zum Beispiel die Ketwurst (von Ket- wie Ketchup), aber auch mit Vokabeln wie »Mach-mit«-Wettbewerb, Hausfrauenbrigade und Blauhemd. Das ist deshalb faszinierend, weil wir Sprachmoden heute zuvörderst im Gewand der politischen Korrektheit erleben. Was übrigens nur das Revival einer alten Mode ist! Im Duden von 1934, elfte Auflage, wurden beispielsweise von Nissan bis Adar sämtliche Monate des jüdischen Kalenders getilgt, ebenso Nana, die liederliche Romanfigur von Émile Zola.

Zwei Auflagen später wurden unwiederbringlich gestrichen: Blutfahne, Blutschutzgesetz, Eintopfsonntag, kriegsbereit/Kriegsbereitschaft, Rassenaufartung, fremdvölkisch und verjuden. Bereits in der Auflage 1942 wurden getilgt: Tankschlacht- und -abwehr, was nämlich nun gutdeutsch Panzerabwehr etc. lauten mußte. Dieses Büchlein ist ein echter Schmöker, den wohl kaum jemand streng am Stück lesen wird. Blätternd und schwelgend fällt auf, daß offenkundig für die Auflage 2009 besonders vielen besonders schönen Wörtern der (offiziöse) Garaus gemacht wurde: Etwa Mutgeld für die Abgabe, die ein Geselle seinem Meister zahlt. Oder Schwesterkind (Nichte /Neffe), und Funeralien (Trauerfeier), Eingesandt (Leserzuschriften) und Theomanie (religiöser Eifer).

Warum hingegen wurde halbschürig (minderwertig) erst 2013 getilgt? Sogar der Mohammedanismus schwand erst 2013! Der Amateurboxer hingegen bereits 1934, die Asphaltkultur (volksfremde Großstadtkunst) aus naheliegenden Gründen 1947. Einige Bedeutungen der gestrichenen Wörter erschließen sich leicht: Wehleid, abgemattet, Nahrungssorge (1941 getilgt), Kolonialrat oder Exportprämie. Andere führen in fremde, vergangene Welten: Was war ein Bdellometer? Was ein Zippennest? Was Weißsucht, was ein Weltfeind?

Peter Graf begleitet die ausgewählten Tilgungen mit feinen, feuilletonistischen Essays, die in zwanzig thematische Kapitel aufgeteilt sind, etwa: »Ordonnanzwaffen, Henrystutzen und allerlei Kriegsgerät«; »Sex sells«, oder »Kleider machen Wörter«.

Peu à peu aus der Mode gerieten übrigens auch diverse Schimpfwörter, etwa das Bratwurstmaul, die Heulhure oder die Insectenseele. Der Zärtling ist aus ostdeutschen Duden bereits 1951 getilgt worden, aus dem westdeutschen Pendant erst 1967. Den Feigling, Jammerlappen und Schlappschwanz gibt es bis heute.

Peter Graf: Was nicht mehr im Duden steht. Eine Sprach- und Kulturgeschichte, Berlin, Duden 2018. 223 S., 15 € - hier bestellen

 


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


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