Husch Josten: Land sehen – eine Rezension

Literaturprofessor Horand Roth wird nächtens angerufen – von seinem Onkel Georg, von dem er seit Jahrzehnten nichts gehört hat.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Horand hat gute Erin­ne­run­gen an Georg – ein Aben­teu­rer mit äußerst beweg­tem Leben, der stets die Extre­me such­te. Er hat­te gele­gent­lich gerät­selt, war­um es damals zum Bruch zwi­schen sei­ner Mut­ter – Georgs älte­rer Schwes­ter – und dem Onkel gekom­men war. Horan­ds Eltern sind tot, er kann sie nicht fra­gen. Georg will nun pro­mo­vie­ren, an der Uni­ver­si­tät Bonn, wo auch Horand lehrt. Nur heißt er mitt­ler­wei­le Bru­der Atha­na­si­us – er ist seit län­ge­rem Pries­ter­mönch bei einem mit der Pries­ter­bru­der­schaft Pius X. ver­bun­de­nen Orden.

Aus­ge­rech­net! Der coo­le Georg! Der Jazz-Lieb­ha­ber, der Frei­geist, der unter ande­rem Schaf­hir­te in Irland und als Jurist für eine Sext­oys-Fir­ma tätig war! Horand, kin­der­los getrennt­le­bend, glau­bens­fern und pro­gres­siv, wun­dert sich. Was könn­te den welt­of­fe­nen Onkel aus­ge­rech­net in die­se »reak­tio­nä­re« Pius­bru­der­schaft getrie­ben haben? Als Atha­na­si­us ein­trifft, erweist er sich als der­sel­be Jeans- und San­da­len-Typ, als den ihn Horand in Erin­ne­rung hat­te, lie­bens­wür­dig und cha­ris­ma­tisch zugleich.

Bald erfährt Horand, der sich gera­de schwer in eine Kol­le­gin ver­liebt hat, daß des Onkels Kon­gre­ga­ti­on – die fran­zö­si­sche Abtei Not­re-Dame de Bel­lai­gue – das Eifel­klos­ter Rei­chen­stein erwor­ben hat – was übri­gens exakt den his­to­ri­schen Tat­sa­chen ent­spricht. Ansons­ten hüllt sich Atha­na­si­us in Schwei­gen. Oder genau­er: Eigent­lich hat Horand – bei aller Wiß­be­gier – eine Nach­fra­ge­scheu. Er ver­sucht, es mit sich selbst zu klä­ren: Wie kann ein so groß­ar­ti­ger Mensch in die Fän­ge einer anti­li­be­ra­len Glau­bens­ge­mein­schaft, der »schlimms­ten Trup­pe über­haupt«, gelangt sein? Horand hält Glau­ben für ein indi­vi­du­el­les Gefühl, eine mög­li­che Ant­wort für Sinn­su­chen­de. Und wer soll­te schon wis­sen, und woher, was nun die »rich­ti­ge Kon­fes­si­on« sei?

Inwie­fern könn­ten Ord­nun­gen, Tra­di­tio­nen und Hier­ar­chien Halt bie­ten, und wäre das legi­tim? Mit der Zeit gibt es Ant­wor­ten, die wei­te­re Fra­gen auf­wer­fen. Nun hat die­se Autorin (*1969) mit dem aben­teu­er­li­chen Vor­na­men »Husch« kei­nes­wegs einen theo­re­ti­schen Kate­che­se­ro­man ver­faßt. Gleich­wohl legt sie ihrem Roman­per­so­nal inter­es­san­te Fra­gen in den Mund, und dane­ben gibt es man­cher­lei Span­nungs­bö­gen und Über­ra­schungs­mo­men­te – bereits die kon­kre­te Ver­or­tung läßt einen neu­gie­rig weiterlesen.

Das Haupt­pro­blem an die­sem Buch ist: Wenn es ein spe­zi­fisch »weib­li­ches Schrei­ben« gibt, dann wäre dies hier ein Mus­ter­fall. Nun fun­giert Horand als Ich-Erzäh­ler, aber weil der eben rea­li­ter eine Erzäh­le­rin ist, die ihre weib­li­che Sicht­wei­se und Den­kungs­art nicht zu tran­szen­die­ren in der Lage ist (wobei es Bei­spie­le gibt, daß der­glei­chen mög­lich ist), domi­niert die­se Glaub­wür­dig­keits­lü­cke die Lek­tü­re. Unau­then­tisch und man­gel­haft aus­ge­dacht wir­ken zudem die Hin- als auch die Fort­wen­dung Gre­gors zu und von der Kon­gre­ga­ti­on FSSPX, die dem vor­kon­zi­lia­ren Glau­ben und der ent­spre­chen­den Lit­ur­gie ver­pflich­tet ist.

Nur ein Bei­spiel: Bekannt­lich ist es eines der wesent­li­chen Merk­ma­le der Hei­li­gen Mes­se, wie sie über Jahr­hun­der­te gefei­ert wur­de, daß der Pries­ter sich dem Aller­hei­ligs­ten zuwen­det und somit der hin­ter ihm ste­hen­den Gemein­de vor­an­steht. Daß hier ein Opfer zele­briert und kei­nes­wegs nur eine men­schen­freund­li­che »Tisch­ge­mein­schaft« gehal­ten wird, gehört zu den Kern­ele­men­ten der triden­ti­ni­schen Mes­se. Für Gre­gor braucht es einen gewöhn­li­chen Dorf­pfar­rer, der ihm die Augen öff­net: »Es sei wich­tig, die Men­schen wäh­rend des Got­tes­diens­tes anzu­se­hen«, denn das »bedeu­te, ins Eben­bild Got­tes zu schau­en.« Fer­ner kön­ne man nie­man­dem hel­fen, indem man ihn »maß­reg­le, dis­kri­mi­nie­re, auf eige­nen Wahr­hei­ten und Tra­di­tio­nen behar­re, statt sie leben zu las­sen, wie sie leben woll­ten.« Seit­her betreibt der flot­te Pries­ter­mönch anonym einen »kri­ti­schen« Blog gegen die Tra­di­tio­na­lis­ten. – Naja.

Husch Jos­ten: Land sehen. Roman, Ber­lin: Ber­lin Ver­lag 2018. 236 S., 20 € – hier bestel­len

 

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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