Gabriele Metzler: Der Staat der Historiker

Wenn Heinrich August Winkler, der deutsche Vorzeigehistoriker des linksliberalen Mainstreams, in einer Talkshow nach seiner Meinung zu aktuellen Themen gefragt wird,...

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

beson­ders gern zur AfD und zu dem noch nicht völ­lig umer­zo­ge­nen Ost­ler, kommt in der Regel eine Ant­wort, die sich auf dem Niveau eines bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Minis­ters bewegt. Dem wachen Beob­ach­ter stellt sich dann unwei­ger­lich die Fra­ge, ob der His­to­ri­ker dem Minis­ter oder der Minis­ter dem His­to­ri­ker nach dem Mund redet. Wer zieht die Leit­li­ni­en aus, an denen sich die staats­po­li­ti­schen Debat­ten aus­zu­rich­ten haben? Da wir in einer Demo­kra­tie leben und Frau Metz­ler, die seit 2007 an der HU Ber­lin einen Lehr­stuhl für die Geschich­te West­eu­ro­pas und der trans­at­lan­ti­schen Bezie­hun­gen inne­hat, selbst His­to­ri­ke­rin ist, wird die­se Fra­ge natur­ge­mäß nicht gestellt. Denn die Wis­sen­schaft ist frei, poli­ti­sche Ein­fluß­nah­me gibt es nur in Dik­ta­tu­ren, und der His­to­ri­ker kennt die Wahr­heit, die für den Poli­ti­ker natür­lich Richt­schnur des Han­delns sein sollte.

Frau Metz­ler hat sich in ihrem Buch vor­ge­nom­men, den mühe­vol­len Weg nach­zu­zeich­nen, der zu die­sem Ide­al­ver­hält­nis der Gegen­wart geführt hat. Um dem Leser auch beson­ders dras­tisch vor Augen zu füh­ren, wie segens­reich die heu­ti­gen His­to­ri­ker ihr Amt als Sinn­stif­ter ver­se­hen, fängt sie nicht 1945 an, son­dern beim His­to­ris­mus des Kai­ser­reichs, um dann über Wei­ma­rer Repu­blik und Drit­tem Reich zum Jahr 1945 zu gelan­gen. Das Elend beginnt bei ihr mit dem Jahr 1871 und dem Wir­ken der His­to­ri­ker, die­sem Staat eine his­to­ri­sche Legi­ti­ma­ti­on zu ver­lei­hen und einen »Macht­staat« zu pro­pa­gie­ren. Damit begann, unaus­ge­spro­chen, der deut­sche Son­der­weg, der sich Frei­heit nur durch den Staat, nicht vom Staat vor­stel­len konn­te. Dem Staat der Wei­ma­rer Repu­blik stan­den die His­to­ri­ker mehr­heit­lich skep­tisch gegen­über, d. h. hier woll­ten die Sinn­stif­ter nicht so wie die Poli­ti­ker. Im Drit­ten Reich sah das anders aus, nur weni­ge His­to­ri­ker fan­den in den Wider­stand, aber selbst dort »blieb ihr Den­ken an über­kom­me­nen Leit­vor­stel­lun­gen von Staat­lich­keit orientiert«.

Metz­ler kommt damit zu ihrem eigent­li­chen The­ma und damit zur Zeit­ge­schich­te selbst, die es vor 1945 in der Form nicht gab, und der Ent­wick­lung der bund­e­re­pu­bli­ka­ni­schen Staats­vor­stel­lun­gen bei den Zeit­his­to­ri­kern. Die­se brau­chen eini­ge Zeit, um die alte Skep­sis abzu­schüt­teln, ins­be­son­de­re weil es eine star­ke Kon­ti­nui­tät beim Per­so­nal gab. Zu einer Revi­si­ons­wis­sen­schaft wur­de die Zeit­ge­schich­te im Gegen­satz zur Geschichts­wis­sen­schaft nach 1918 nicht, weil die Nie­der­la­ge von 1945 total war. Die Hal­tung der His­to­ri­ker beschreibt Metz­ler als defen­siv und abwar­tend, »was die neue Zeit brin­gen moch­te«. Was da kam, war recht ein­deu­tig: die tota­le Aus­rich­tung nach Wes­ten, die durch Sti­pen­di­en­pro­gram­me für die Jün­ge­ren und Eta­blie­rung der Poli­tik­wis­sen­schaft mit Nach­druck vor­an­ge­trie­ben wur­de, und die Recht­fer­ti­gung der Ver­hält­nis­se aus einem anti­kom­mu­nis­ti­schen Kon­sens her­aus. Die His­to­ri­ker hal­fen damit, die Bun­des­re­pu­blik zu sta­bi­li­sie­ren. Es dau­er­te aller­dings nicht lan­ge bis die­ser Kon­sens in Fra­ge gestellt wurde.

Was jetzt folgt, wird bei Metz­ler als ein kon­ti­nu­ier­li­cher Pro­zeß beschrie­ben, der eini­ge Kata­ly­sa­to­ren brauch­te, um zu dem gegen­wär­ti­gen Ergeb­nis zu gelan­gen. Das eine war die Fischer-Kon­tro­ver­se, die zur Infra­ge­stel­lung jeder Epo­che der deut­schen Geschich­te führ­te, das ande­re die von kei­nem nam­haf­ten His­to­ri­ker erwar­te­te oder gar gewoll­te deut­sche Ein­heit, die nicht dazu führ­te, daß sich die His­to­ri­ker selbst hin­ter­frag­ten, son­dern vor allem die Denun­zia­ti­on der ers­ten bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen His­to­ri­ker­ge­nera­ti­on als NS-Anhän­ger zur Fol­ge hat­te. Daß sich die Geschich­te damit wie­der­um zur Magd der Poli­tik mach­te, ist offen­sicht­lich: Die deut­sche Tei­lung war als Stra­fe für Aus­sch­witz für ewig gehal­ten wor­den, als Aus­gleich muß­te man nach deren Ende die Schuld­me­ta­phy­sik ins Absur­de stei­gern (was nicht zuletzt Hein­rich August Wink­ler bei jeder Gele­gen­heit beför­dert hat). Für Metz­ler ist das nichts wei­ter als eine nach­ho­len­de Auf­ar­bei­tung der NS-Zeit, die nach 1945 ver­säumt wor­den sei.

All das stellt dem Buch kein beson­ders gutes Zeug­nis aus. Im Grun­de müß­te es kein schlech­tes Buch sein, wenn man es gegen den Strich lesen könn­te, nicht als Erfolgs‑, son­dern als Ver­falls­ge­schich­te der Staats­auf­fas­sun­gen der Zeit­ge­schich­te, die sich von dem ent­fernt haben, was man gemein­hin unter einem Staat ver­steht. Wenn es also eine nach allen Sei­ten hin quel­len­ge­sät­tig­te Stu­die wäre, müß­te man Metz­ler die Schief­la­ge nicht übel­neh­men, zumal sie an kei­ner Stel­le ver­birgt, wes Geis­tes Kind sie ist.

Aller­dings ist nicht nur die Deu­tung, son­dern auch die Dar­stel­lung ten­den­zi­ös. Es kom­men weder Hel­mut Diwald, noch Wer­ner Maser, Ste­fan Scheil oder Karl­heinz Weiß­mann vor. Das for­ma­le Kri­te­ri­um des Lehr­stuhls mag ihnen oft­mals feh­len, aber bei ihren Gewährs­leu­ten ist Metz­ler in die­ser Hin­sicht nicht pin­ge­lig. Wenn man das Gan­ze in den Blick näh­me, wür­de näm­lich auf­fal­len, daß der Staat zuguns­ten der Gesell­schaft und des Indi­vi­du­ums auf­ge­ge­ben wur­de, was die­se schutz­los zurück­läßt. Wenn die His­to­ri­ker die­sen Sinn gestif­tet haben soll­ten, trä­fe sie die höchs­te Schuld. Glück­li­cher­wei­se haben sie aber nichts gestif­tet, son­dern waren Erfül­lungs­ge­hil­fen der Politik.

Gabrie­le Metz­ler: Der Staat der His­to­ri­ker. Staats­vor­stel­lun­gen deut­scher His­to­ri­ker seit 1945 (= suhr­kamp taschen­buch wis­sen­schaft 2269), Ber­lin: Suhr­kamp 2018. 371 S., 22 € – hier bestel­len

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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