Frank Böckelmann: Die Gelben, die Schwarzen, die Weißen

Eine Rezension von Konrad Gill

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Wenn Migra­ti­on das poli­ti­sche The­ma des Jahr­zehnts und der kom­men­den Jahr­zehn­te ist, so sind Iden­ti­tät und Fremd­heit deren Meta­the­ma. Ein Buch (nach der Lek­tü­re ist der Rezen­sent ver­sucht zu sagen: das Buch) zum The­ma Fremd­heit im inter­kul­tu­rel­len Zusam­men­hang wird nun nach 20 Jah­ren in erwei­ter­ter Neu­aus­ga­be neu prä­sen­tiert. Die­se Neu­erschei­nung hat es in sich.

Der Autor ist ange­tre­ten, den Kon­struk­ti­ons­kon­struk­teu­ren mit ihren eige­nen Mit­teln einen ihrer Lieb­lings­be­grif­fe aus der Hand zu neh­men, die »Fremd­heit«. Die­se, so eine der The­sen des Buches, gebe es als holis­ti­schen Begriff gar nicht. Die Fremd­heit des Ost­asia­ten in Euro­pa sei etwas völ­lig ande­res als in der umge­kehr­ten Situa­ti­on. Wer ande­res behaup­tet, schlägt bloß zur Ver­ein­fa­chung die völ­lig ande­ren Lebens- und Erfah­rungs­wel­ten ande­rer Kul­tu­ren über sei­nen eige­nen euro­zen­tri­schen Leis­ten. Gera­de im Kon­takt mit ande­ren Völ­kern zeigt sich, so legt Böckel­manns Mate­ri­al nahe, daß letzt­hin der west­lich-ratio­na­lis­ti­sche wis­sen­schaft­li­che Werk­zeug­kas­ten nur selbst pro­du­zier­te und dem Befrag­ten eigent­lich unver­ständ­li­che Fra­gen beant­wor­tet. Eine ernst­zu­neh­men­de Annä­he­rung scheint nur dem mög­lich, der vor­aus­setzt, nichts wirk­lich zu verstehen.

Die Schär­fe die­ser argu­men­ta­ti­ven Klin­ge ist leicht erkenn­bar: wo Fremd­heit nicht durch­schaut wer­den kann, da liegt auch kein Stand­punkt, von dem aus (z. B. eige­ne) Iden­ti­tät dekon­stru­iert wer­den könn­te. Es fehlt dem For­scher beim bes­ten Wil­len und aller Metho­dik ein authen­ti­scher Ver­gleichs­maß­stab. Zur Ver­deut­li­chung wer­tet der Autor in sei­ner Stu­die nicht nur Rega­le vol­ler Lite­ra­tur (für die Ver­gan­gen­heit), son­dern auch meh­re­re lan­ge Gesprä­che mit in Deutsch­land leben­den Japa­nern, Chi­ne­sen und West­afri­ka­nern (für die dama­li­ge Gegen­wart) aus.

Die eth­no­gra­phi­schen Berich­te der For­schungs­rei­sen offen­ba­ren eben­so wie die Selbst­aus­künf­te von Ein­wan­de­rern über hun­der­te von Sei­ten die tra­gi­schen, bizar­ren und komi­schen Miß­ver­ständ­nis­se und Miß­ver­hält­nis­se der­je­ni­gen, die zwi­schen den Stüh­len zu sit­zen ver­su­chen und es doch nie ganz ver­mö­gen – ein Pan­op­ti­kum irri­tie­ren­der Fremd­heits­er­fah­run­gen. Dabei ist in den ver­schie­de­nen Kon­stel­la­tio­nen des Auf­ein­an­der­tref­fens (»Wei­ße sehen Gel­be«, »Gel­be sehen Schwar­ze« usw.) aus­ge­spro­chen viel zu ler­nen und zu stau­nen. Wie kraß die ras­si­sche Ableh­nung von Schwar­zen in Chi­na und Japan aus­fal­len kann – wer weiß das? Daß Afri­ka­ner höchst ungern in von Schwar­zen geflo­ge­ne Flug­zeu­ge stei­gen? Oder daß Ost­asia­ten an den Wei­ßen, die sie gene­rell als »schön« emp­fin­den, haupt­säch­lich der für sie unan­ge­neh­me Geruch stört?

Wer Böckel­manns heu­ti­gen Stil kennt, wird über­rascht sein, daß er sich in den 20 Jah­ren so gut wie nicht geän­dert hat; es ist ein ruhi­ges, doch nie trä­ges, durch Argu­men­te, nicht durch Rhe­to­rik fas­zi­nie­ren­des und beleh­ren­des Dozie­ren im bes­ten Sin­ne: »Schau, so schwer ist das nicht zu ver­ste­hen, aber ein biß­chen den Kopf anstren­gen mußt Du schon«. Wie neben­bei ver­faßt er die Skiz­ze einer Erschei­nungs­leh­re des Bli­ckes, eine Stil­kun­de des Sich-Bewe­gens in frem­den Län­dern und fragt nach Rol­len und Prä­sen­zen im öffent­li­chen Raum. Und nicht zuletzt erhellt das Buch, war­um die angeb­lich so frem­den­ver­lieb­ten Fremd­heits­ne­gie­rer sich gesell­schafts­po­li­tisch so ris­kant ver­hal­ten. Gäbe es kei­ne nicht indi­vi­du­ell (ab)wählbaren Iden­ti­fi­ka­ti­ons­merk­ma­le, so lie­ße sich mit dem Frem­den auch das Eige­ne abschaf­fen. Böckel­manns Abstieg in die Psy­che der Will­kom­mens­klat­scher erhellt, war­um die­se blind sind für die grup­pen­be­zo­ge­nen Merk­ma­le ori­en­ta­li­scher oder afri­ka­ni­scher (und eben nicht skan­di­na­vi­scher oder ost­asia­ti­scher) Ver­bre­cher: »Das deut­sche Emp­fangs­per­so­nal nimmt an denen, die ein­tref­fen, kei­ner­lei kör­per­li­che und men­ta­le Merk­ma­le wahr, abge­se­hen vom pau­schal unter­stell­ten Merk­mal der Hilfsbedürftigkeit.«

Das anschau­li­che und gedan­ken­rei­che Buch war und ist ein gro­ßer Wurf. Es gäbe der heu­ti­gen trans­kul­tu­rel­len und Migra­ti­ons­for­schung, die sich hin­ter Arkan­spra­che und Ideo­lo­gie ver­schanzt, empi­ri­sches Brot statt Stei­nen. Zuge­ben wird sie das aller­dings nicht.

Frank Böckel­mann: Die Gel­ben, die Schwar­zen, die Wei­ßen, Ber­lin: Edi­ti­on Son­der­we­ge 2018. 607 S., 34,80 - hier bestellen

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