Philip Manow: Die Politische Ökonomie des Populismus

Der wahrnehmbare Aufstieg des Populismusbegriffs beginnt zeitlich etwa um 1980; das entspricht seiner Aufnahme in den Duden.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Über unter­schied­li­che Erschei­nun­gen – Par­tei­en, cha­ris­ma­ti­sche bzw. auto­ri­tä­re Poli­ti­ker, Medi­en­skan­da­le etc. – gerät er wei­ter in den mas­sen­me­dia­len Fokus ins­be­son­de­re West­eu­ro­pas. Gegen­wär­tig ist Popu­lis­mus eines der meist­ver­wen­de­ten Schlag­wor­te, des­sen Gebrauch man sich eben­so­we­nig ent­zie­hen kann wie dem Mei­nungs­streit über etwai­ge Inhal­te. Daher wird auch »rechts« kon­tro­vers dis­ku­tiert, wie man es mit Popu­lis­mus und popu­lis­ti­schen Erschei­nun­gen hält. Lehnt man die­ses Eti­kett für sich ab, ist es ein geg­ne­ri­scher Kampf­be­griff, eine Belei­di­gung gar – oder ange­mes­sen als selbst­be­wuß­te Eigen­be­schrei­bung ange­sichts der vor­han­de­nen rea­len Situation?

Im Insti­tut für Staats­po­li­tik, das die­se Zeit­schrift her­aus­gibt, hat man in einer Stu­die mit dem Titel Die Stun­de des Popu­lis­mus (Schnell­ro­da 2017) eine posi­ti­ve Über­nah­me des Begriffs und der dar­aus abge­lei­te­ten Ver­hal­tens­leh­ren zusam­men­ge­faßt. Alex­an­der Gau­land hat dar­an anknüp­fend gezeigt (vgl. den ent­spre­chen­den Bei­trag »Popu­lis­mus und Demo­kra­tie« in Sezes­si­on 88), wie es aus­se­hen kann, wenn man als Par­tei­den­ker Popu­lis­mus als poli­ti­sche Aus­rich­tung ins Posi­ti­ve wen­det und ihn offen­siv für sich und sei­ne Par­tei beansprucht.

Nun lie­fert Phil­ip Manow den Befun­den bei­der genann­ter Tex­te (IfS-Stu­die und Gau­land-Auf­satz) wei­te­re Argu­men­te, obschon eini­ge ideo­lo­gie­be­ding­te Unzu­läng­lich­kei­ten des Bre­mer Poli­tik­wis­sen­schaft­lers zu kon­sta­tie­ren sind: als (alt)linker Intel­lek­tu­el­ler über­ge­wich­tet er bis­wei­len öko­no­mi­sche Beweg­grün­de zu Las­ten kul­tu­rel­ler Größen.

Ent­schei­dend für die Wür­di­gung des vor­lie­gen­den Titels ist jedoch Manows Fest­stel­lung im Anschluß an den Har­vard-For­scher Dani Rodrik, wonach man den zeit­ge­nös­si­schen Popu­lis­mus als Pro­test­be­we­gung gegen die Glo­ba­li­sie­rung inter­pre­tie­ren soll­te, als Pro­test »gegen­über zwei ihrer haupt­säch­li­chen Erschei­nungs­for­men: dem inter­na­tio­na­len Han­del und der Migra­ti­on, also der grenz­über­schrei­ten­den Bewe­gung von Geld und Gütern einer­seits und von Per­so­nen ande­rer­seits«. Ent­spre­chend der unter­schied­li­chen Gewich­tung der bei­den Haupt­ar­ten der erleb­ba­ren Glo­ba­li­sie­rungs­for­men äußern sich, wie Manow doku­men­tiert, lin­ke und rech­te Spiel­ar­ten des Popu­lis­mus. In Euro­pa ist dies­be­züg­lich eine gewis­se Nord-Süd-Unter­schei­dung zu notie­ren, denn noch reüs­sie­ren im Süden links­po­pu­lis­ti­sche Bewe­gun­gen (gegen die Glo­ba­li­sie­rungs­fol­ge Aus­teri­tät u. a.), wäh­rend sich im Nor­den und der Mit­te eher rechts­po­pu­lis­ti­sche Alter­na­ti­ven behaup­ten (gegen die Glo­ba­li­sie­rungs­fol­ge Mas­sen­mi­gra­ti­on u. a.).

Manow ana­ly­siert ver­siert ent­spre­chen­de Zusam­men­hän­ge; er impft sei­ne Leser erfolg­reich gegen das sys­te­ma­ti­sche Aus­blen­den öko­no­mi­scher Pro­zes­se. Doch die spe­zi­ell in Deutsch­land vor­han­de­ne anti­po­pu­lis­ti­sche Koali­ti­on aus »Wohl­mei­nen­den« und »Wohl­ha­ben­den« (Bernd Ste­ge­mann), d. h. aus hyper­mo­ra­lisch auf­tre­ten­den Links­li­be­ra­len und der welt­bür­ger­li­chen, wirt­schaft­lich wie poli­tisch herr­schen­den Klas­se, ist eine Koali­ti­on, mit der sich hier­zu­lan­de rech­te Akteu­re pri­mär kon­fron­tiert sehen, was Manow ver­schweigt. Ein­mal mehr ana­ly­siert ein lin­ker deut­scher Autor also gescheit, ohne nahe­lie­gen­de Rück­schlüs­se zu ziehen.

Manows Aus­füh­run­gen über Kom­mu­ni­ta­ris­mus und Kos­mo­po­li­tis­mus sind des­sen unge­ach­tet für eine kon­kre­te Lage­ana­ly­se eben­so lehr­reich wie sei­ne sozi­al­wis­sen­schaft­li­che Unter­su­chung der AfD-Wäh­ler­schaft. Über­dies ist es die kon­zi­se Dar­stel­lung der sozio­öko­no­mi­schen Beweg­grün­de für popu­lis­ti­sche Phä­no­me­ne, die Manows schma­len Band zu einem intel­lek­tu­el­len Rat­ge­ber für jene Tei­le der poli­ti­schen Rech­ten machen, die – wie das IfS und Gau­land – einen aus der Zeit her­aus not­wen­dig gewor­de­nen Popu­lis­mus befür­wor­ten, weil sie lang­fris­tig ein Bünd­nis »aller Kul­tu­ren, die sich nicht damit abfin­den, unter der Dampf­wal­ze der Glo­ba­li­sie­rung zu ver­schwin­den« (Alain de Benoist), anvisieren.

Phil­ip Manow: Die Poli­ti­sche Öko­no­mie des Popu­lis­mus (= edi­ti­on suhr­kamp), Frank­furt a. M.: Suhr­kamp 2018. 178 S., 16 € – hier bestel­len

Benedikt Kaiser

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