Gerd-Klaus Kaltenbrunner: Vom Geist Europas

Eine Rezension von Stehan Silber

 Gastbeitrag

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Wie es Kal­ten­brun­ner zu Leb­zei­ten gelun­gen war, sein auf das geis­ti­ge Erbe Euro­pas gerich­te­tes Oku­lar in Form volu­mi­nö­ser Essay­bän­de einer brei­ten Leser­schaft zu öff­nen, so ist sei­ner lang­jäh­ri­gen Mit­ar­bei­te­rin Mag­da­le­na S. Gmeh­ling sowie dem Ares-Ver­lag zu ver­dan­ken, jenen Ari­ad­ne­fa­den, den Kal­ten­brun­ner ange­spon­nen hat­te, anläß­lich sei­nes 80. Geburts­ta­ges wie­der auf­ge­nom­men zu haben. Ganz im Sin­ne des Jubi­lars (1939 – 2011) scheint die Her­aus­ga­be die­ser in zwei Bän­den kon­zi­pier­ten Blü­ten­le­se – eine Ein­füh­rung in rund 3000 Jah­re euro­päi­schen Geis­tes – dem Anlie­gen gefolgt zu sein, dem heu­ti­gen Leser eine Wie­der­an­knüp­fung an die »aurea catena occi­den­tis« zu ermög­li­chen. Denn so kann der viru­len­ten Ten­denz ent­ge­gen­wirkt wer­den, den einst akten­kun­dig gewor­de­nen Quel­len­reich­tum unse­rer Über­lie­fe­rung qua Musea­li­sie­rung aus­zu­ran­gie­ren oder gar zur Ver­schluß­sa­che zu erklären.

Taucht man in die gut 50 Essays ein, so erscheint einem der Autor als lei­den­schaft­li­cher Archäo­lo­ge des Geis­tes, als spu­ren­su­chen­der Aben­teu­rer in Per­ma­nenz. Und doch war er gleich­zei­tig ein enzy­klo­pä­di­scher Ere­mit, der kaum sei­ne Biblio­thek und sei­nen Gar­ten ver­ließ. Daß er den­noch die aus­ge­dehn­tes­ten Rei­sen unter­neh­men konn­te, lag an sei­ner Auf­fas­sung der Welt als »Glo­bus des Geis­tes« und sei­ner Metho­de, mit Hil­fe derer er ihn umse­gel­te: dem Zwie­ge­spräch mit den Toten: »Die meis­ten, im Grun­de sogar alle mei­ner Essays ver­dan­ken sich die­sem Dia­log«, so Kaltenbrunner.

Er ent­larv­te viel­mehr jene dem »Eros der Fer­ne« ver­fal­le­nen »Deser­teu­re der euro­päi­schen Über­lie­fe­rung«, »unfä­hig, die har­te Dis­zi­plin euro­päi­scher Geis­tig­keit zu ertra­gen,« als die eigent­li­chen geis­ti­gen Stu­ben­ho­cker. Eupho­ri­scher Exo­tis­mus, chro­ni­sche »Exor­rhö« als Aus­druck lethar­gie­ge­schul­de­ter Aus­wei­tungs­sucht der eige­nen Kom­fort­zo­ne, ent­spricht gera­de jener kul­tu­rel­len Deka­denz­er­schei­nung, die Kal­ten­brun­ner dia­gnos­ti­zier­te und zu bekämp­fen such­te. Die nun wie­der zugäng­lich gemach­ten Rei­se­no­ti­zen des geis­tig welt­rei­sen­den Wan­der­phi­lo­so­phen sind Aus­druck die­ses Versuchs.

Kal­ten­brun­ner führt den Leser durch ein geis­ti­ges Laby­rinth aus unter­ir­di­schen, längst ver­schüt­tet geglaub­ten Geheim­gän­gen und über­ir­di­schen, noch lan­ge nicht zu Ende gedach­ten Gedan­ken­gän­gen. Als poly­his­to­ri­scher »Chro­no­t­o­po­graph« ertas­tet und ver­mißt er die Tie­fen­di­men­sio­nen der Höhen­flü­ge jener Rie­sen euro­päi­scher Geis­tes­ge­schich­te, die im Kul­tur­raum des christ­li­chen Abend­lan­des, indem sie ihn durch­schrit­ten und durch­lit­ten, ihre Spu­ren hin­ter­las­sen hat­ten. Die­se Spu­ren und Hin­ter­las­sen­schaf­ten als Ana­to­mie ihrer Schul­tern ver­stan­den, kön­nen als jenes sub­stanz­spei­sen­des Fun­da­ment, als jenes geis­ti­ge Erb­gut begrif­fen wer­den, des­sen schöp­fe­ri­scher Anver­wand­lung der Mensch heu­te bedarf, um sein kul­tu­rel­les Immun­sys­tem wie­der kräf­ti­gen zu können.

Gerd-Klaus Kal­ten­brun­ner hat die hier­zu nöti­ge Schatz­kar­te gezeich­net. Da sol­cher­lei Schät­ze jedoch unge­ho­ben blei­ben, wenn sie nicht stets aufs Neue ver­ge­gen­wär­tigt wer­den, bleibt zu wün­schen, daß sich mög­lichst vie­le Leser zu ent­spre­chen­den Expe­di­tio­nen auf­ge­ru­fen füh­len. Wer die Euro­pa-Bän­de stu­diert, erfährt, auf wel­chem Fun­da­ment er steht und wem er sei­nen Stand­punkt ver­dankt. Möge er die­sen gera­de dadurch um so stark­mü­ti­ger ver­tre­ten können!

Gerd-Klaus Kal­ten­brun­ner: Vom Geist Euro­pas. Ursprün­ge und Por­träts. 2 Bän­de, Graz: Ares 2019. Je Band 384 S., à 29,90 € – hier bestel­len

 

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