1. April 2019

Eric Voegelin: Angst und Vernunft – eine Rezension

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Eine Rezension von Felix Dirsch

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Bei einem der Gründerväter der deutschen Politikwissenschaft, Eric Voegelin, fällt die reedukatorische Ausrichtung der eigenen Disziplin nur am Rande auf, argumentiert dieser doch vornehmlich auf der Basis des klassisch platonisch-aristotelischen Ordnungsbegriffes. Dessen offenkundige Transzendenzorientierung stellt Voegelin dezidiert heraus. Er wirft in seinem umfangreichen Werk mit Begriffen um sich, etwa dem der »Gnosis«, die nur bedingt geeignet sind, moderne Phänomene wie den Nationalsozialismus zu erfassen.

Die zwei kleineren Abhandlungen »Angst und Vernunft« sowie »Vernunft. Die Erfahrung der klassischen Philosophen« gehen aus größeren Publikationsprojekten hervor und finden später Eingang in das mehrbändige Werk Ordnung und Geschichte. Auch in den alten asiatisch-mesopotamischen Kulturen entdeckte der Autor »symbolische Formen«. Für sie prägte er – in Anlehnung an das biblische Genesis-Buch – den Ausdruck »Historiogenesis«, die seiner Ansicht nach in Gesellschaften mit kosmischer Primärerfahrung entsteht. Sie soll auf der Ebene des Mythos die Entsprechung zur kritischen Historie darstellen. Verschiedene kosmische Rituale haben die primäre Aufgabe, Ängste zu bannen, die sich vor allem durch die nicht vom Menschen zu bestimmenden kosmischen Einflüssen ergeben. Viele Riten im heutigen politischen Alltagsleben sind seiner Ansicht nach davon abgeleitet.

In frühen Gesellschaftsformationen spielen mythische Abschnitte und Gestalten eine zentrale Rolle. Auf diese Weise gewinnt der Ursprung (im Vergleich zu den historischen Abläufen in der Zeit) eine legitimitätsstiftende Rolle. Über die verschiedenen Realitätsbereiche will Voegelin zum Sein der Metaphysik vorstoßen. Ein weiterer Schlüsselbegriff ist der der Äquivalenz. Dieser meint den Zusammenhang zwischen mythologischen und philosophischen Formen, die sich aus Spekulationen vom Seinsgrund ergeben. Besonders die symbolische Ebene wird dabei analysiert.

Voegelin behält stets im Blick, daß über einen langen Zeitraum der Geschichte menschliche Gesellschaften als Teil der kosmischen Ordnung begriffen worden sind. Schon dieser Hintergrund macht genaue Untersuchungen über sie notwendig. Die verschiedenen Arten von Vernunft, die der Remigrant haarklein erörtert, gehören in diesem Zusammenhang.

Voegelins Erörterungen über Angst und Vernunft gehören zu den schwierigeren Teilen seines Werkes. Gewinnbringend sind die Darlegungen nur dann, wenn der Rezipient sich auf das zum Teil eigenartige Vokabular des Autors einläßt.

Eric Voegelin: Angst und Vernunft (= Fröhliche Wissenschaft), hrsg. von Peter Opitz. Aus dem Amerikanischen von Dora Fischer-Barnicol und Helmut Winterholler, Berlin: Matthes & Seitz 2019. 208 S., 16 € - hier bestellen


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