Eric Voegelin: Angst und Vernunft – eine Rezension

Eine Rezension von Felix Dirsch

 Gastbeitrag

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Bei einem der Grün­der­vä­ter der deut­schen Poli­tik­wis­sen­schaft, Eric Voe­ge­lin, fällt die ree­du­ka­to­ri­sche Aus­rich­tung der eige­nen Dis­zi­plin nur am Ran­de auf, argu­men­tiert die­ser doch vor­nehm­lich auf der Basis des klas­sisch pla­to­nisch-aris­to­te­li­schen Ord­nungs­be­grif­fes. Des­sen offen­kun­di­ge Tran­szen­denz­ori­en­tie­rung stellt Voe­ge­lin dezi­diert her­aus. Er wirft in sei­nem umfang­rei­chen Werk mit Begrif­fen um sich, etwa dem der »Gno­sis«, die nur bedingt geeig­net sind, moder­ne Phä­no­me­ne wie den Natio­nal­so­zia­lis­mus zu erfassen.

Die zwei klei­ne­ren Abhand­lun­gen »Angst und Ver­nunft« sowie »Ver­nunft. Die Erfah­rung der klas­si­schen Phi­lo­so­phen« gehen aus grö­ße­ren Publi­ka­ti­ons­pro­jek­ten her­vor und fin­den spä­ter Ein­gang in das mehr­bän­di­ge Werk Ord­nung und Geschich­te. Auch in den alten asia­tisch-meso­po­ta­mi­schen Kul­tu­ren ent­deck­te der Autor »sym­bo­li­sche For­men«. Für sie präg­te er – in Anleh­nung an das bibli­sche Gene­sis-Buch – den Aus­druck »His­to­rio­ge­ne­sis«, die sei­ner Ansicht nach in Gesell­schaf­ten mit kos­mi­scher Pri­mär­er­fah­rung ent­steht. Sie soll auf der Ebe­ne des Mythos die Ent­spre­chung zur kri­ti­schen His­to­rie dar­stel­len. Ver­schie­de­ne kos­mi­sche Ritua­le haben die pri­mä­re Auf­ga­be, Ängs­te zu ban­nen, die sich vor allem durch die nicht vom Men­schen zu bestim­men­den kos­mi­schen Ein­flüs­sen erge­ben. Vie­le Riten im heu­ti­gen poli­ti­schen All­tags­le­ben sind sei­ner Ansicht nach davon abgeleitet.

In frü­hen Gesell­schafts­for­ma­tio­nen spie­len mythi­sche Abschnit­te und Gestal­ten eine zen­tra­le Rol­le. Auf die­se Wei­se gewinnt der Ursprung (im Ver­gleich zu den his­to­ri­schen Abläu­fen in der Zeit) eine legi­ti­mi­täts­stif­ten­de Rol­le. Über die ver­schie­de­nen Rea­li­täts­be­rei­che will Voe­ge­lin zum Sein der Meta­phy­sik vor­sto­ßen. Ein wei­te­rer Schlüs­sel­be­griff ist der der Äqui­va­lenz. Die­ser meint den Zusam­men­hang zwi­schen mytho­lo­gi­schen und phi­lo­so­phi­schen For­men, die sich aus Spe­ku­la­tio­nen vom Seins­grund erge­ben. Beson­ders die sym­bo­li­sche Ebe­ne wird dabei analysiert.

Voe­ge­lin behält stets im Blick, daß über einen lan­gen Zeit­raum der Geschich­te mensch­li­che Gesell­schaf­ten als Teil der kos­mi­schen Ord­nung begrif­fen wor­den sind. Schon die­ser Hin­ter­grund macht genaue Unter­su­chun­gen über sie not­wen­dig. Die ver­schie­de­nen Arten von Ver­nunft, die der Remi­grant haar­klein erör­tert, gehö­ren in die­sem Zusammenhang.

Voe­ge­lins Erör­te­run­gen über Angst und Ver­nunft gehö­ren zu den schwie­ri­ge­ren Tei­len sei­nes Wer­kes. Gewinn­brin­gend sind die Dar­le­gun­gen nur dann, wenn der Rezi­pi­ent sich auf das zum Teil eigen­ar­ti­ge Voka­bu­lar des Autors einläßt.

Eric Voe­ge­lin: Angst und Ver­nunft (= Fröh­li­che Wis­sen­schaft), hrsg. von Peter Opitz. Aus dem Ame­ri­ka­ni­schen von Dora Fischer-Bar­ni­col und Hel­mut Win­ter­hol­ler, Ber­lin: Mat­thes & Seitz 2019. 208 S., 16 € – hier bestel­len

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