Sezession
10. Juni 2019

Yuri Slezkine: Das Haus der Regierung.

Benedikt Kaiser / 6 Kommentare

Der US-amerikanische Historiker Yuri Slezkine (* 1956) ist kein Vielschreiber. 14 Jahre nach The Jewish Century (2004) liegt nun sein nächstes Buch vor:

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Das Haus der Regierung will Eine Saga der Russischen Revolution erzählen. Das Göttliche, das in der »Saga« anklingt, durchzieht das monumentale Werk; nur sind die »Götter« keine skandinavischen Kriegerheroen oder Naturerscheinungen, sondern Vertreter einer speziell 1936 bis 1938 wahnhaft operierenden Parteiformation.

Doch was ist dieser epochale Wälzer neben einer Saga? Handelt es sich beim Haus der Regierung um ein Glanzstück über die Tücken einer Revolution, die ihre Kinder nicht entließ, sondern verhöhnte, fraß, ausspie? Enthält Slezkines reich bebildertes Werk dokumentarische Berichte über ein mächtiges Bauprojekt im zentralen Moskauer Sumpfgebiet, in dem lebte, wer in der Sowjetunion Rang und Namen hatte? Oder legt Slezkine eine dichte Darstellung über menschliche Abgründe und ihren quasireligiösen Erklärungsrahmen vor? Das Haus der Regierung ist all dies und vieles mehr: Vor allem ist es eine materialreiche, aufwühlende und literarisch wertvolle Erzählung über Hunderte Menschen, die in den über 500 Wohnungen des Elitenbaus lebten, arbeiteten und schließlich – in Zeiten des orchestrierten Terrors durch das Volkskommissariat für innere Angelegenheiten (NKWD) – in relevanter Anzahl litten.

Slezkine setzt historisches und ideologisches Wissen voraus, aber schreibt kein Buch für »Gelehrte«. Er führt die Leser durch die Entstehungsgeschichte der bolschewistischen Gemeinden, schildert deren erste Organisationsversuche als »freie Kameradschaften« für Agitprop, erschließt die Bedeutung des Exils, der Gefangenschaft sowie der Verbannung für die Ideologie- und Charakterbildung parteikommunistischen Personals, erwähnt die Wechselwirkungen »weißer« und »roter« Mordlust und veranschaulicht die Lebensrealität der Kader und ihrer Familien in den 1920er Jahren: nach Lenins Tod, vor Stalins Herrschaft. Man zieht 1931 mit den ersten Familien der Sowjetelite in das Haus an der Moskwa, lernt seinen Grundriß und die Abläufe zu verstehen und sieht eine bis dato beispiellose Gated Community zum Leben erwachen.

Der rote Faden bei Slezkine ist die millenaristische Dimension seines Untersuchungsgegenstandes: Er zeichnet das Wesen der Bolschewiki als sektengleich; sie warteten auf das Eintreten des Paradieses auf Erden, des Kommunismus, während sie mit allen Konsequenzen darauf hinwirkten, es selbst herbeizuführen. In das alleinseligmachende Zentrum der tiefroten Kirche kamen verdiente Kader. Doch regelmäßige Parteisäuberungen sorgten für Fluktuation in den Reihen der Bewohner: Wer aus der Partei flog, verlor das Wohnrecht.

Die Säuberungen erreichten zwischen Juli 1936 (nach der Resolution »Über antisowjetische Elemente«) bis November 1938 (als die Massenoperationen ohne Erklärung stoppten und die Todesschwadronen selbst liquidiert wurden) eine unvorstellbare Dimension: Der Terror war entfesselt, er traf primär die »eigene« Riege. Jeder Alt-Bolschewik wurde unter Verdacht gestellt, opponiert und wider Stalin gesündigt zu haben; der Nächste wurde der Fernste, den es wie Geschmeiß zu vernichten galt. Nikolai Bucharins Exempel wird plastisch dargelegt: Am Ende stand die Akzeptanz der eigenen »Schuld« und der Todesstrafe. Slezkines Skizzen der massenhaft erfolgten (und freilich wirkungslosen) vollständigen Unterwerfung angesichts der Allmacht des NKWD lesen sich wie eine psychopathologische Horrorgeschichte.

Die Ausrottung der »Verräter« ist dabei eine Kontinuität von Erlösungssekten. Der unbändige Haß richtet sich vor allem gegen »Apostaten«, also tatsächliche oder angenommene Abweichler. Innere Feinde sind schlimmer als äußere Widersacher: Sie haben die Wahrheit gesehen und sich von ihr entfernt; sie verdienen nur den Tod.

Das Haus der Regierung ist nicht zuletzt aufgrund möglicher zeitloser Ableitungen eminent lesenswert. Daran können auch zwei Kritikpunkte nichts ändern: Erstens hätte Slezkine auf seine Finalthese verzichten können, der Bolschewismus wäre – gemessen am kontingenten eigenen Erfolg – nicht totalitär genug gewesen. Er erklärt diese Haltung, aber sie bleibt aufmerksamkeitsheischend. Zweitens wird Slezkines stilistische Brillanz nicht immer von analytischer Klarheit begleitet. Sein roter Faden – die Sektenlesart – wird auch dort durchgesetzt, wo andere (außenpolitische, historisch bedingte, politiktheoretische usf.) Faktoren stärker zu gewichten wären. Gleichwohl: ein großer Wurf, der lange nachwirkt.

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Yuri Slezkine: Das Haus der Regierung. Eine Saga der Russischen Revolution, München: Carl Hanser Verlag 2018. 1344 S., 49 € - hier bestellen.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.


Kommentare (6)

Niekisch
4. Juni 2019 19:59

"Wesen der Bolschewiki als sektengleich; sie warteten auf das Eintreten des Paradieses auf Erden, des Kommunismus, während sie mit allen Konsequenzen darauf hinwirkten, es selbst herbeizuführen."

In Rogalla v. Biebersteins Werk "Jüdischer Bolschewismus" ist das deutlicher umschrieben: aus russisch-jüdischen Sekten durch eigenen Antrieb und eigenes Handeln sowie jüdisch-brüderlicher Finanzierung durch die "Ostküste" der USA zu weltweiter Verwirklichung jüdischer Heilserwartung.

Laurenz
4. Juni 2019 20:16

Hört sich recht spannend an, wohl aber eher als ein Roman-Thema wie Game of Thrones. Denn den bolschewistischen Wahn auf die Zeit der großen Säuberung zu reduzieren, klingt arg nach Beschönigung und Geschichtsklitterung.

Den Zaren wurden oft vorgeworfen, in den letzten 80 Jahren der Herrschaft der Romanows um die 6.000 politische Todesurteile vollzogen zu haben, und der Widerstand des dämlichen russischen Adels gegen die Aufhebung des Leibeigenschaft, (auch wenn ich ihre Existenz wegen @Maiordomus als rustikale folkloristische Romantik hochleben lassen muß), sein Übriges beitrug, ließ Lenin in den ersten 3 Monaten nach der bolschewistischen Machtergreifung an die 30.000 politische Todesurteile vollstrecken. Lenins Sowjetunion verließ nach der Machtergreifung sofort die Genfer Konventionen und alle Landkriegsabkommen. Der Krieg wurde von und gegen die Weißgardisten und gegen die polnischen Invasoren mit einer unvorstellbaren Bestialität geführt. (Gefangene weißgardistische Offiziere wurden von der Roten Armee in der Regel gepfählt).
Mitglieder des Politbüros wohnten mit ihren Familien, ähnlich dem Versailles Ludwig des 14ten, im Kreml und nicht im Sumpf.
Ab 1931 war die Macht Stalins insoweit gefestigt, daß die kolossale Rüstung der Sowjetunion in die Produktion zu Lasten der Bevölkerung ging, was bis 1939 dazu führte, daß die Rote Armee mehr Kampfpanzer und Kampfflugzeuge besaß als der Rest des Planeten zusammen.
Richtig ist, daß während der großen Säuberung, 36-38, alle möglichen Nachfolger des international unterstützten Trotzki', bis auf einen, liquidiert wurden, was weitreichende internationale politische Konsequenzen nach sich zog.

Gustav
11. Juni 2019 07:52

Rudolf Steiner hat während und nach dem Ersten Weltkrieg des öfteren davon gesprochen, dass es in den Plänen bestimmter westlicher Kreise läge, «sozialistische Experimente» in Russland zu veranstalten. Nach Steiner erschien Russland diesen Leuten für solche Versuche aufgrund bestimmter Voraussetzungen des Volkscharakters geeigneter als der Westen selbst. Außerdem sollten die Experimente auch dazu dienen, in ihrem schließlichen Scheitern den Gedanken des «Sozialismus», von dem sich diese westlichen Kreise bedroht fühlten, möglichst dauerhaft zu diskreditieren. Diese Angaben Steiners sind bemerkenswerterweise schon vor der russischen Oktoberrevolution 1917 gemacht worden, während man nicht umhin kann, in der Sowjetunion der Jahre 1917- 1991 eine Verwirklichung dieser Pläne zu erblicken.

Weiterlesen: https://www.perseus.ch/wp-content/uploads/2012/02/Rasputin_Parvus.pdf

Gustav Grambauer
11. Juni 2019 08:31

Es gäbe hierbei viel über Ostberlin zu sagen, über Hans-Michael Schulzes "Wohnzimmer der Macht" und "Villen der Agenten", Christian Halbrocks "Stasi-Stadt" so wie insgesamt über den Bezirk Lichtenberg, der das eigentliche damalige okkult-politische Machtzentrum von Karlshorst über die Kultstätten der Afterreligion (Sport) und bis hin zum "Zentralfriedhof" war und wo der dort eine Wohnung zugewiesen bekommen habende Heiner Müller immer genüßlich-doppeldeutig betonte, er wohne "am Tierpark" - Delikatessen für den (Laien-)Historiker.

Aber das ist Vergangenheit. Die effektiver arbeitende und deshalb b. a. w. bevorzugte Fraktion, die nicht zufällig das Ideologem der "Unsichtbaren Hand" pflegt, ist sich einig, nicht mehr bis in den Tod in Gorodoks zu hausen sondern sich anonym zu verstreuen. Dazu Reichsaußeminister Rathenau:

"Dreihundert Männer, von denen jeder jeden kennt, leiten die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents und suchen sich Nachfolger aus ihrer Umgebung. Die seltsamen Ursachen dieser seltsamen Erscheinung, die in das Dunkel der künftigen sozialen Entwicklung einen Schimmer wirft, stehen hier nicht zur Erwägung“. - am 25. Dezember 1909 im Beitrag "Unser Nachwuchs" in der Neuen Freien Presse, Wien, Nr. 16288

"Die wirklichen '300' haben die Gewohnheit und Vorsicht, ihre Macht abzuleugnen. Wenn Sie sie anrufen, werden sie Ihnen sagen: wir wissen von nichts; wir sind Kaufleute wie alle anderen. Dagegen werden nicht 300, sondern 3000 Kommerzienräte sich melden, die Strümpfe oder Kunstbutter wirken, und sagen: wir sind es. Die Macht liegt in der Anonymität; ich kenne unter den Bekannteren – nicht immer den Bedeutendsten – einen, den überhaupt niemand zu sehen bekommt, außer seinem Barbier. Ich kenne einen, der fast arm ist und die gewaltigsten Unternehmen beherrscht. Ich kenne einen, der vielleicht der Reichste ist, und dessen Vermögen seinen Kindern gehört, die er hasst. Mehrere sind unzurechnungsfähig. Einer arbeitet für das Vermögen der Jesuiten, ein anderer ist Agent der Curie. Einer, als Beauftragter einer ausländischen Vereinigung, ist mit einem Besitz von 280 Millionen Konsols der größte Gläubiger des preußischen Staates. Alles ist vertraulich. Aber Sie sehen: diesen Menschen ist auf gewöhnlichen Wegen nicht leicht beizukommen." - zitiert in der Süddeutschen Zeitung Nr. 13 vom 7. Februar 1963

"... einen, den überhaupt niemand zu sehen bekommt, außer seinem Barbier." - Der Kreis schließt sich nur an einer Stelle, dort, wo Markus Wolf seinem Barbier in der Frankfurter Allee als "Dr. Lötscher" bekannt war, was Günter Bohnsack in seinem köstlichen, köstlichen, köstlichen Buch "Die Legende stirbt" enthüllt hat.

- G. G.

Adler und Drache
11. Juni 2019 09:30

Niekisch:

"In Rogalla v. Biebersteins Werk "Jüdischer Bolschewismus" ist das deutlicher umschrieben: aus russisch-jüdischen Sekten durch eigenen Antrieb und eigenes Handeln sowie jüdisch-brüderlicher Finanzierung durch die "Ostküste" der USA zu weltweiter Verwirklichung jüdischer Heilserwartung."

Das ist das Wesen des Messianismus. "Tikkun Olam" ist die Lehre von der Verbesserung der Welt. Der Christ wartet auf die endgültige Erlösung und Verwandlung der Welt, betend, hoffend, arbeitend, aber er weiß, dass sie das endzeitliche Hoheitsrecht des Weltenrichters ist, dem er nicht in die Parade zu fahren hat. Im Judentum ist es anders. Die messianischen Bewegungen haben natürlich das Christentum auch "angesteckt", die Täuferbewegung war eine solche. Heute ist das der Hauptstrom.

Gustav Grambauer
11. Juni 2019 09:56

Gustav, mein Namensvetter

"Rudolf Steiner hat während und nach dem Ersten Weltkrieg des öfteren davon gesprochen, dass es in den Plänen bestimmter westlicher Kreise läge, 'sozialistische Experimente' in Russland zu veranstalten. ..."

Auch wenn dies stimmt, so ist dies nur Fraktale eines viel komplexeren Phänomens:

https://anthrowiki.at/Der_Kampf_um_den_russischen_Kulturkeim

Bedenke auch:

"Die Mitte Europas ist ein Mysterienraum. Er verlangt von der Menschheit, dass sie sich dementsprechend verhalte. Der Weg der Kulturperiode, in welcher wir leben, führt, von Westen kommend nach dem Osten sich wendend, über diesen Raum. Da muss sich Altes metamorphosieren. Alle alten Kräfte verlieren sich auf diesem Gange nach dem Osten, sie können durch diesen Raum, ohne sich aus dem Geiste zu erneuern, nicht weiterschreiten. Wollen sie es doch tun, so werden sie zu Zerstörungskräften; Katastrophen gehen aus ihnen hervor." - Polzer-Hoditz, "Der Untergang der Habsburger Monarchie und die Zukunft Mitteleuropas", ebenso Perseus-Verlag

- G. G.

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