Yuri Slezkine: Das Haus der Regierung.

Der US-amerikanische Historiker Yuri Slezkine (* 1956) ist kein Vielschreiber. 14 Jahre nach The Jewish Century (2004) liegt nun sein nächstes Buch vor:

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Das Haus der Regie­rung will Eine Saga der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on erzäh­len. Das Gött­li­che, das in der »Saga« anklingt, durch­zieht das monu­men­ta­le Werk; nur sind die »Göt­ter« kei­ne skan­di­na­vi­schen Krie­ger­he­ro­en oder Natur­er­schei­nun­gen, son­dern Ver­tre­ter einer spe­zi­ell 1936 bis 1938 wahn­haft ope­rie­ren­den Parteiformation.

Doch was ist die­ser epo­cha­le Wäl­zer neben einer Saga? Han­delt es sich beim Haus der Regie­rung um ein Glanz­stück über die Tücken einer Revo­lu­ti­on, die ihre Kin­der nicht ent­ließ, son­dern ver­höhn­te, fraß, aus­spie? Ent­hält Slez­ki­nes reich bebil­der­tes Werk doku­men­ta­ri­sche Berich­te über ein mäch­ti­ges Bau­pro­jekt im zen­tra­len Mos­kau­er Sumpf­ge­biet, in dem leb­te, wer in der Sowjet­uni­on Rang und Namen hat­te? Oder legt Slez­ki­ne eine dich­te Dar­stel­lung über mensch­li­che Abgrün­de und ihren qua­si­re­li­giö­sen Erklä­rungs­rah­men vor? Das Haus der Regie­rung ist all dies und vie­les mehr: Vor allem ist es eine mate­ri­al­rei­che, auf­wüh­len­de und lite­ra­risch wert­vol­le Erzäh­lung über Hun­der­te Men­schen, die in den über 500 Woh­nun­gen des Eli­ten­baus leb­ten, arbei­te­ten und schließ­lich – in Zei­ten des orches­trier­ten Ter­rors durch das Volks­kom­mis­sa­ri­at für inne­re Ange­le­gen­hei­ten (NKWD) – in rele­van­ter Anzahl litten.

Slez­ki­ne setzt his­to­ri­sches und ideo­lo­gi­sches Wis­sen vor­aus, aber schreibt kein Buch für »Gelehr­te«. Er führt die Leser durch die Ent­ste­hungs­ge­schich­te der bol­sche­wis­ti­schen Gemein­den, schil­dert deren ers­te Orga­ni­sa­ti­ons­ver­su­che als »freie Kame­rad­schaf­ten« für Agit­prop, erschließt die Bedeu­tung des Exils, der Gefan­gen­schaft sowie der Ver­ban­nung für die Ideo­lo­gie- und Cha­rak­ter­bil­dung par­tei­kom­mu­nis­ti­schen Per­so­nals, erwähnt die Wech­sel­wir­kun­gen »wei­ßer« und »roter« Mord­lust und ver­an­schau­licht die Lebens­rea­li­tät der Kader und ihrer Fami­li­en in den 1920er Jah­ren: nach Lenins Tod, vor Sta­lins Herr­schaft. Man zieht 1931 mit den ers­ten Fami­li­en der Sowjet­eli­te in das Haus an der Moskwa, lernt sei­nen Grund­riß und die Abläu­fe zu ver­ste­hen und sieht eine bis dato bei­spiel­lo­se Gated Com­mu­ni­ty zum Leben erwachen.

Der rote Faden bei Slez­ki­ne ist die mil­lenaris­ti­sche Dimen­si­on sei­nes Unter­su­chungs­ge­gen­stan­des: Er zeich­net das Wesen der Bol­sche­wi­ki als sek­ten­gleich; sie war­te­ten auf das Ein­tre­ten des Para­die­ses auf Erden, des Kom­mu­nis­mus, wäh­rend sie mit allen Kon­se­quen­zen dar­auf hin­wirk­ten, es selbst her­bei­zu­füh­ren. In das allein­se­lig­ma­chen­de Zen­trum der tief­ro­ten Kir­che kamen ver­dien­te Kader. Doch regel­mä­ßi­ge Par­tei­säu­be­run­gen sorg­ten für Fluk­tua­ti­on in den Rei­hen der Bewoh­ner: Wer aus der Par­tei flog, ver­lor das Wohnrecht.

Die Säu­be­run­gen erreich­ten zwi­schen Juli 1936 (nach der Reso­lu­ti­on »Über anti­so­wje­ti­sche Ele­men­te«) bis Novem­ber 1938 (als die Mas­sen­ope­ra­tio­nen ohne Erklä­rung stopp­ten und die Todes­schwa­dro­nen selbst liqui­diert wur­den) eine unvor­stell­ba­re Dimen­si­on: Der Ter­ror war ent­fes­selt, er traf pri­mär die »eige­ne« Rie­ge. Jeder Alt-Bol­sche­wik wur­de unter Ver­dacht gestellt, oppo­niert und wider Sta­lin gesün­digt zu haben; der Nächs­te wur­de der Ferns­te, den es wie Geschmeiß zu ver­nich­ten galt. Niko­lai Bucharins Exem­pel wird plas­tisch dar­ge­legt: Am Ende stand die Akzep­tanz der eige­nen »Schuld« und der Todes­stra­fe. Slez­ki­nes Skiz­zen der mas­sen­haft erfolg­ten (und frei­lich wir­kungs­lo­sen) voll­stän­di­gen Unter­wer­fung ange­sichts der All­macht des NKWD lesen sich wie eine psy­cho­pa­tho­lo­gi­sche Horrorgeschichte.

Die Aus­rot­tung der »Ver­rä­ter« ist dabei eine Kon­ti­nui­tät von Erlö­sungs­sek­ten. Der unbän­di­ge Haß rich­tet sich vor allem gegen »Aposta­ten«, also tat­säch­li­che oder ange­nom­me­ne Abweich­ler. Inne­re Fein­de sind schlim­mer als äuße­re Wider­sa­cher: Sie haben die Wahr­heit gese­hen und sich von ihr ent­fernt; sie ver­die­nen nur den Tod.

Das Haus der Regie­rung ist nicht zuletzt auf­grund mög­li­cher zeit­lo­ser Ablei­tun­gen emi­nent lesens­wert. Dar­an kön­nen auch zwei Kri­tik­punk­te nichts ändern: Ers­tens hät­te Slez­ki­ne auf sei­ne Final­the­se ver­zich­ten kön­nen, der Bol­sche­wis­mus wäre – gemes­sen am kon­tin­gen­ten eige­nen Erfolg – nicht tota­li­tär genug gewe­sen. Er erklärt die­se Hal­tung, aber sie bleibt auf­merk­sam­keits­hei­schend. Zwei­tens wird Slez­ki­nes sti­lis­ti­sche Bril­lanz nicht immer von ana­ly­ti­scher Klar­heit beglei­tet. Sein roter Faden – die Sek­ten­les­art – wird auch dort durch­ge­setzt, wo ande­re (außen­po­li­ti­sche, his­to­risch beding­te, poli­tik­theo­re­ti­sche usf.) Fak­to­ren stär­ker zu gewich­ten wären. Gleich­wohl: ein gro­ßer Wurf, der lan­ge nachwirkt.

– – –

Yuri Slez­ki­ne: Das Haus der Regie­rung. Eine Saga der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on, Mün­chen: Carl Han­ser Ver­lag 2018. 1344 S., 49 € – hier bestellen.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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Kommentare (6)

Niekisch

4. Juni 2019 19:59

"Wesen der Bolschewiki als sektengleich; sie warteten auf das Eintreten des Paradieses auf Erden, des Kommunismus, während sie mit allen Konsequenzen darauf hinwirkten, es selbst herbeizuführen."

In Rogalla v. Biebersteins Werk "Jüdischer Bolschewismus" ist das deutlicher umschrieben: aus russisch-jüdischen Sekten durch eigenen Antrieb und eigenes Handeln sowie jüdisch-brüderlicher Finanzierung durch die "Ostküste" der USA zu weltweiter Verwirklichung jüdischer Heilserwartung.

Laurenz

4. Juni 2019 20:16

Hört sich recht spannend an, wohl aber eher als ein Roman-Thema wie Game of Thrones. Denn den bolschewistischen Wahn auf die Zeit der großen Säuberung zu reduzieren, klingt arg nach Beschönigung und Geschichtsklitterung.

Den Zaren wurden oft vorgeworfen, in den letzten 80 Jahren der Herrschaft der Romanows um die 6.000 politische Todesurteile vollzogen zu haben, und der Widerstand des dämlichen russischen Adels gegen die Aufhebung des Leibeigenschaft, (auch wenn ich ihre Existenz wegen @Maiordomus als rustikale folkloristische Romantik hochleben lassen muß), sein Übriges beitrug, ließ Lenin in den ersten 3 Monaten nach der bolschewistischen Machtergreifung an die 30.000 politische Todesurteile vollstrecken. Lenins Sowjetunion verließ nach der Machtergreifung sofort die Genfer Konventionen und alle Landkriegsabkommen. Der Krieg wurde von und gegen die Weißgardisten und gegen die polnischen Invasoren mit einer unvorstellbaren Bestialität geführt. (Gefangene weißgardistische Offiziere wurden von der Roten Armee in der Regel gepfählt).
Mitglieder des Politbüros wohnten mit ihren Familien, ähnlich dem Versailles Ludwig des 14ten, im Kreml und nicht im Sumpf.
Ab 1931 war die Macht Stalins insoweit gefestigt, daß die kolossale Rüstung der Sowjetunion in die Produktion zu Lasten der Bevölkerung ging, was bis 1939 dazu führte, daß die Rote Armee mehr Kampfpanzer und Kampfflugzeuge besaß als der Rest des Planeten zusammen.
Richtig ist, daß während der großen Säuberung, 36-38, alle möglichen Nachfolger des international unterstützten Trotzki', bis auf einen, liquidiert wurden, was weitreichende internationale politische Konsequenzen nach sich zog.

Gustav

11. Juni 2019 07:52

Rudolf Steiner hat während und nach dem Ersten Weltkrieg des öfteren davon gesprochen, dass es in den Plänen bestimmter westlicher Kreise läge, «sozialistische Experimente» in Russland zu veranstalten. Nach Steiner erschien Russland diesen Leuten für solche Versuche aufgrund bestimmter Voraussetzungen des Volkscharakters geeigneter als der Westen selbst. Außerdem sollten die Experimente auch dazu dienen, in ihrem schließlichen Scheitern den Gedanken des «Sozialismus», von dem sich diese westlichen Kreise bedroht fühlten, möglichst dauerhaft zu diskreditieren. Diese Angaben Steiners sind bemerkenswerterweise schon vor der russischen Oktoberrevolution 1917 gemacht worden, während man nicht umhin kann, in der Sowjetunion der Jahre 1917- 1991 eine Verwirklichung dieser Pläne zu erblicken.

Weiterlesen: https://www.perseus.ch/wp-content/uploads/2012/02/Rasputin_Parvus.pdf

Gustav Grambauer

11. Juni 2019 08:31

Es gäbe hierbei viel über Ostberlin zu sagen, über Hans-Michael Schulzes "Wohnzimmer der Macht" und "Villen der Agenten", Christian Halbrocks "Stasi-Stadt" so wie insgesamt über den Bezirk Lichtenberg, der das eigentliche damalige okkult-politische Machtzentrum von Karlshorst über die Kultstätten der Afterreligion (Sport) und bis hin zum "Zentralfriedhof" war und wo der dort eine Wohnung zugewiesen bekommen habende Heiner Müller immer genüßlich-doppeldeutig betonte, er wohne "am Tierpark" - Delikatessen für den (Laien-)Historiker.

Aber das ist Vergangenheit. Die effektiver arbeitende und deshalb b. a. w. bevorzugte Fraktion, die nicht zufällig das Ideologem der "Unsichtbaren Hand" pflegt, ist sich einig, nicht mehr bis in den Tod in Gorodoks zu hausen sondern sich anonym zu verstreuen. Dazu Reichsaußeminister Rathenau:

"Dreihundert Männer, von denen jeder jeden kennt, leiten die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents und suchen sich Nachfolger aus ihrer Umgebung. Die seltsamen Ursachen dieser seltsamen Erscheinung, die in das Dunkel der künftigen sozialen Entwicklung einen Schimmer wirft, stehen hier nicht zur Erwägung“. - am 25. Dezember 1909 im Beitrag "Unser Nachwuchs" in der Neuen Freien Presse, Wien, Nr. 16288

"Die wirklichen '300' haben die Gewohnheit und Vorsicht, ihre Macht abzuleugnen. Wenn Sie sie anrufen, werden sie Ihnen sagen: wir wissen von nichts; wir sind Kaufleute wie alle anderen. Dagegen werden nicht 300, sondern 3000 Kommerzienräte sich melden, die Strümpfe oder Kunstbutter wirken, und sagen: wir sind es. Die Macht liegt in der Anonymität; ich kenne unter den Bekannteren – nicht immer den Bedeutendsten – einen, den überhaupt niemand zu sehen bekommt, außer seinem Barbier. Ich kenne einen, der fast arm ist und die gewaltigsten Unternehmen beherrscht. Ich kenne einen, der vielleicht der Reichste ist, und dessen Vermögen seinen Kindern gehört, die er hasst. Mehrere sind unzurechnungsfähig. Einer arbeitet für das Vermögen der Jesuiten, ein anderer ist Agent der Curie. Einer, als Beauftragter einer ausländischen Vereinigung, ist mit einem Besitz von 280 Millionen Konsols der größte Gläubiger des preußischen Staates. Alles ist vertraulich. Aber Sie sehen: diesen Menschen ist auf gewöhnlichen Wegen nicht leicht beizukommen." - zitiert in der Süddeutschen Zeitung Nr. 13 vom 7. Februar 1963

"... einen, den überhaupt niemand zu sehen bekommt, außer seinem Barbier." - Der Kreis schließt sich nur an einer Stelle, dort, wo Markus Wolf seinem Barbier in der Frankfurter Allee als "Dr. Lötscher" bekannt war, was Günter Bohnsack in seinem köstlichen, köstlichen, köstlichen Buch "Die Legende stirbt" enthüllt hat.

- G. G.

Adler und Drache

11. Juni 2019 09:30

Niekisch:

"In Rogalla v. Biebersteins Werk "Jüdischer Bolschewismus" ist das deutlicher umschrieben: aus russisch-jüdischen Sekten durch eigenen Antrieb und eigenes Handeln sowie jüdisch-brüderlicher Finanzierung durch die "Ostküste" der USA zu weltweiter Verwirklichung jüdischer Heilserwartung."

Das ist das Wesen des Messianismus. "Tikkun Olam" ist die Lehre von der Verbesserung der Welt. Der Christ wartet auf die endgültige Erlösung und Verwandlung der Welt, betend, hoffend, arbeitend, aber er weiß, dass sie das endzeitliche Hoheitsrecht des Weltenrichters ist, dem er nicht in die Parade zu fahren hat. Im Judentum ist es anders. Die messianischen Bewegungen haben natürlich das Christentum auch "angesteckt", die Täuferbewegung war eine solche. Heute ist das der Hauptstrom.

Gustav Grambauer

11. Juni 2019 09:56

Gustav, mein Namensvetter

"Rudolf Steiner hat während und nach dem Ersten Weltkrieg des öfteren davon gesprochen, dass es in den Plänen bestimmter westlicher Kreise läge, 'sozialistische Experimente' in Russland zu veranstalten. ..."

Auch wenn dies stimmt, so ist dies nur Fraktale eines viel komplexeren Phänomens:

https://anthrowiki.at/Der_Kampf_um_den_russischen_Kulturkeim

Bedenke auch:

"Die Mitte Europas ist ein Mysterienraum. Er verlangt von der Menschheit, dass sie sich dementsprechend verhalte. Der Weg der Kulturperiode, in welcher wir leben, führt, von Westen kommend nach dem Osten sich wendend, über diesen Raum. Da muss sich Altes metamorphosieren. Alle alten Kräfte verlieren sich auf diesem Gange nach dem Osten, sie können durch diesen Raum, ohne sich aus dem Geiste zu erneuern, nicht weiterschreiten. Wollen sie es doch tun, so werden sie zu Zerstörungskräften; Katastrophen gehen aus ihnen hervor." - Polzer-Hoditz, "Der Untergang der Habsburger Monarchie und die Zukunft Mitteleuropas", ebenso Perseus-Verlag

- G. G.

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