Lothar Fritze: Die Moral der Nationalsozialisten

Braucht es einen Wälzer, um die Moral der Nationalsozialisten zu analysieren?

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Ist das durch­zu­hal­ten als Leser, wenn man nicht spe­zi­ell an ana­ly­ti­scher Phi­lo­so­phie inter­es­siert ist?

Der Dres­de­ner Pro­fes­sor für Poli­tik­wis­sen­schaft und Phi­lo­soph Lothar Frit­ze, der an der TU lehrt und am Han­nah-Arendt-Insti­tut für Tota­li­ta­ris­mus­for­schung arbei­tet, hat sich in meh­re­ren Schrif­ten bereits die­ses The­mas ange­nom­men. War­um nun die­se Abhandlung?

Han­nah Arendt hat­te gemut­maßt, Hit­ler sei ein »Mör­der mit mör­de­ri­schen Instink­ten« gewe­sen. Joa­chim Fest nann­te den NS eine »rechen­schafts­lo­se Bar­ba­rei«, Ruth Klü­ger sprach von der »völ­li­gen Sinn­lo­sig­keit die­ser Mor­de und Ver­schlep­pun­gen«. Das heu­ti­ge his­to­ri­sche Nar­ra­tiv über die Ver­bre­chen der Natio­nal­so­zia­lis­ten geht von eben­sol­chen Grund­an­nah­men aus: Sie hät­ten ent­we­der kei­ne Moral oder eine »ande­re Moral« als wir gehabt, ihr Han­deln sei dem­zu­fol­ge zumin­dest nicht ratio­nal nach­voll­zieh­bar, wenn nicht absurd oder böse gewesen.

Frit­ze tritt mit dem Werk­zeug­kof­fer des ana­ly­ti­schen Phi­lo­so­phen an die­sen gefähr­li­chen For­schungs­ge­gen­stand her­an. Sei­ne Kern­the­se: daß die Natio­nal­so­zia­lis­ten, folgt man Doku­men­ten ihrer füh­ren­den Ver­tre­ter, mora­li­sche Grund­nor­men (z. B. das Tötungs­ver­bot, das Ver­bot zu lügen etc.) akzep­tiert haben. Aus der bewußt voll­zo­ge­nen Ver­let­zung einer Grund­norm folgt näm­lich nicht, daß man die­se nicht akzep­tiert. Auch ein in Kampf­ein­sät­ze ver­wi­ckel­ter Sol­dat wür­de sich gegen den Vor­wurf ver­weh­ren, er leh­ne das mora­li­sche Tötungs­ver­bot ab. In die­sem Sin­ne hat­ten die Natio­nal­so­zia­lis­ten weder eine »ande­re Moral« noch über­haupt kei­ne. Auch die Tötung von Juden muß­te gerecht­fer­tigt werden.

Indem der Autor vom Kon­zept des »Täters mit gutem Gewis­sen« aus­geht, kann er unter­schei­den zwi­schen den mora­li­schen Über­zeu­gun­gen des Beob­ach­ters (unse­ren eige­nen oder denen der oben zitier­ten His­to­ri­ker) und denen der NS-Akteu­re, ohne die Über­zeu­gun­gen des Beob­ach­ters mit defi­ni­to­ri­scher Macht aus­zu­stat­ten, so daß gilt: »Aus natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Bin­nen­per­spek­ti­ve wur­den gera­de kei­ne Ver­bre­chen begangen.«

Der wesent­li­che Unter­schied, den Frit­ze her­aus­ar­bei­tet und wofür er wegen sei­ner sorg­fäl­ti­gen Argu­men­ta­ti­on einen sol­chen Umfang an Sei­ten benö­tigt, liegt in der Begrün­dung des Han­delns der NS-Täter durch deren außer­mo­ra­li­sche Annah­men. Die Selbst­er­hal­tung des eige­nen Vol­kes unter Knapp­heits­be­din­gun­gen ist eine außer­mo­ra­li­sche Annahme.

Der Autor ver­tritt die The­se, daß die Natio­nal­so­zia­lis­ten die­sel­ben Grund­nor­men wie wir, jedoch ande­re Reich­wei­ten­re­ge­lun­gen ver­tre­ten haben. So stellt er fest: »Die füh­ren­den Natio­nal­so­zia­lis­ten waren gera­de nicht der Mei­nung, dass sich Juden außer­halb des Gel­tungs­be­reichs der mora­li­schen Grund­nor­men befin­den.« Daher hat­ten sie Recht­fer­ti­gungs­grün­de nötig, um ihr Han­deln zu ver­ant­wor­ten. Die­se muß man ein­zeln erläu­tern, um nicht Gefahr zu lau­fen, daß das gan­ze Pro­jekt einer Ana­ly­se der NS-Moral sei­ner­seits als Recht­fer­ti­gung die­ser Moral ver­stan­den wer­den könn­te. Frit­zes lupen­rei­ner Trenn­schär­fe der Begrif­fe und Ebe­nen ist es zu ver­dan­ken, daß man auf kei­ner Sei­te auch nur Nähe zu die­ser Gefahr bemer­ken kann.

In einer Fuß­no­te lie­fert er ein Bei­spiel für die­se Klar­heit: »Eine Behaup­tung wird nicht dadurch falsch, dass sie von Natio­nal­so­zia­lis­ten und dazu noch in einer bestimm­ten (pro­pa­gan­dis­ti­schen) Absicht ver­tre­ten wur­de. (…) Auch Pro­pa­gan­da – und eben auch ›Nazi­pro­pa­gan­da‹ – kann, was ihren Aus­sa­ge­inhalt anlangt, den Tat­sa­chen ent­spre­chen.« Es ist in moral phi­lo­so­phi­scher Hin­sicht gleich­gül­tig, ob der Über­le­bens­kampf des »Vol­kes ohne Raum« nötig oder ob der Bol­sche­wis­mus rea­le Bedro­hun­gen waren.

Der Schluß sei­nes Foli­an­ten führt in die Fra­ge­stel­lung ein, wie denn auf eine spe­zi­fisch inner­mo­ra­li­sche Art und Wei­se natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Über­zeu­gungs­tä­ter beur­teilt wer­den kön­nen. Sie haben kogni­ti­ve Pflich­ten ver­letzt, es also an zutref­fen­der Urteils­bil­dung, Ver­ant­wor­tungs­über­nah­me und Reich­wei­ten­ein­schät­zung feh­len las­sen: »Mora­li­sche Schuld ent­steht dann, wenn auf einer defi­zi­tä­ren kogni­ti­ven Basis gehan­delt wird, obwohl deren Man­gel­haf­tig­keit erkenn­bar war und pflicht­ge­mäß hät­te erkannt wer­den müs­sen«. Da unse­re Intui­ti­on als Nicht­na­tio­nal­so­zia­lis­ten dies für unzu­rei­chend hält – der gewich­tigs­te Vor­wurf liegt in der man­geln­den Empa­thie der Prot­ago­nis­ten ihren Opfern gegen­über – muß Lothar Frit­ze hier ein gro­ßes meta­phy­si­sches Faß auf­ma­chen. War der NS Aus­druck von zu viel oder von zu wenig auf­klä­re­ri­scher Ratio­na­li­tät? Der Autor kon­sta­tiert, daß Täter mit gutem Gewis­sen glaub­ten, daß es gebo­ten war, mora­li­sche Grund­nor­men zu ver­let­zen. Das klingt kopflastig.

Sie moral­an­thro­po­lo­gisch als ratio­na­le Hand­lungs­pla­ner, in deren Den­ken man sich hin­ein­ver­set­zen kann, zu betrach­ten, ermög­licht indes, aus den Ver­bre­chen des NS zu ler­nen. Kate­go­ri­siert man die Täter hin­ge­gen als Irre, Böse oder Sadis­ten, exkul­piert man sie. Wir Heu­ti­gen, die wir glau­ben, für das Gute ein­zu­tre­ten, glei­chen Hit­ler und Himm­ler in die­ser Hin­sicht. Frit­zes cool­ness, er selbst spricht von »metho­di­schem Prag­ma­tis­mus«, kann wirk­lich nur einem ana­ly­ti­schen Phi­lo­so­phen zu Gesicht ste­hen. Von ihm kön­nen wir sie in eige­ne Über­le­gun­gen zu die­sem argu­men­ta­ti­ven Minen­feld übernehmen.

Lothar Frit­ze: Die Moral der Natio­nal­so­zia­lis­ten, Rein­bek: Lau 2019. 550 S., 38 €. – hier bestellen.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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Kommentare (4)

Laurenz

4. Juni 2019 08:18

Wenn man die Nationalsozialisten als Erfinder des staatlichen Tierschutzes betrachtet, weißt ihre Radikalität konkrete Parallelen zu heutigen Organisationen auf. Die Annahme, die Mischung von solchen und solchen Menschen sei eine andere gewesen, beruht nur auf religiöser oder konstruierter Geschichtsbetrachtung. Hier wird auch die internationale politische Handhabe ausgelassen. Die Bundesregierung zu Bonn garantierte der DDR-NomenKlatura Straffreiheit für in der DDR von höheren Staatsorganen begangenen Verbrechen wider die Menschlichkeit. Der totale Krieg der Alliierten gegen das Deutsche Reich schloß diese sonst häufig geübte Abmachung aus. Der NS-Führung, außer den Nachkriegs-eminenten Personen, wie zB Heinrich Müller, Chef der Gestapo, blieb nur der Strang in Aussicht, was die politische Handlungsweise logischerweise verändert, solange eine Exekutive zur Ausführung zur Verfügung steht. Solange sich die historische Wissenschaft zur heute zeitgeistigen Bewertung hinreißen läßt, werden diejenigen Völker in einem unerhörten globalen Rassismus mißachtet, welche die damalige Gelegenheit nutzten, sich von unseren Befreiern zu befreien.

Thomas Martini

4. Juni 2019 17:13

Oh, wie schön. Lothar Fritze spielt mit "Die Moral der Nationalsozialisten" eine weitere Variation auf der Klaviatur der Siegergeschichtsschreibung.

Wenn man sich angewöhnt, einen Schreiber daran zu bemessen, ob seine Arbeit etwas zur Entlastung der Deutschen beiträgt, findet man leider kaum jemanden, weshalb sich einmal mehr Tempranillo aus dem Gelben Forum empfiehlt:

"Warum liest kaum jemand Céline? Dieser Autor enthält einiges, womit man Frans Timmermanns, Juncker, Merkel und vielen anderen mehr eine reinwürgen könnte.

Ich denke jetzt nicht an die Pamphlete, die wurden nicht übersetzt, kann man kaum übersetzen, im Moment geht es um Célines, wie man in Frankreich sagt, Trilogie Allemande, deutsche Trilogie, *Von einem Schloß zum anderen*, *Norden* und *Rigodon*.

Die deutsche Trilogie ist von Louis-Ferdinand Céline, die deutsche Tetralogie von Richard Wagner.

Norden und Rigodon enthalten Schilderungen eines SS-Obersts sowie Hauptmännern und Generälen der Wehrmacht, die für sich genommen schon dazu angetan wären, das alliierte Geschichtsbild zu kippen.

Die Herren werden von Dr. Destouches ausnahmslos als sehr höflich, frei von jeder Arroganz und frankophon geschildert.

Na so was, Nazis waren höflich, haben französisch gesprochen und frei von jedem Haß auf Personen des Erbfeinds, obwohl uns Frankreich 1939 wieder einmal den Krieg erklärt hat.

Célines Schilderung eines Treffens mit Generalfeldmarschall von Rundstedt in Ulm, am Tag der Beerdigung Erwin Rommels, ist das Entsetzen jedes aufrechten Demokraten.

Anfangs ist Rundstedt ein wenig scharf, aber als er merkt, Franzosen vor sich zu haben, wechselt er ins Französische und fragt, was in der Tasche ist, die sich gerade bewegt.

*Unser Kater Bébert.*

Die Nazi-Bestie Rundstedt: *Kommt er aus Paris?*

*Montmartre.*

Rundstedt: *Kratzt er mich, wenn ich ihn anfasse.*

Rundstedt streichelt ihn, Bébert schnurrt.

Der Feldmarschal steht auf, verbeugt sich vor Lucette Almansor, *Meine Verehrung, Madame*.

Er wünscht den drei Franzosen, Céline, Lucette und Boris Le Vigan viel Glück, streichelt noch einmal den Kater und geht, den Marschallstab unter dem Arm.

Céline lobt das beinahe akzentfreie Französisch Rundstedts, lediglich sein *vous* sei etwas hart gewesen.

Ich bin mir sicher, wenn Deutschland irgendwo das Heil erblicken und finden wird, dann ganz bestimmt im Rektum der USA." - Tempranillo, "Timmermanns in die Suppe spucken, 2"
verfasst von Tempranillo, 25.05.2019, 16:07

Niekisch

4. Juni 2019 19:47

Lassen wir einen Nationalsozialisten sprechen: "Es ist immer wieder ein endloser akademischer Streit um die Frage aufgekommen, ob die Politik unter dem Gesetz der Moral stehe oder ob sie sich über die moralische Gesetzlichkeit erheben dürfe oder gar müsse. Ein solcher Streit war nur möglich, weil man, entsprechend der Ausrichtung des modernen Geistes, den Begriff einer "allgemeingültigen", die durch die Lehre Kants philosophisch begründet wurde, vertrat, von der wir in seiner "Kritik der Urteilskraft" (und damit seine Ausführungen in der "Kritik der praktischen Vernunft" ergänzend) lesen: "Der innere moralische Wert einer Handlung besteht alleine in ihrer formalen Beschaffenheit, nämlich in ihrer Unterordnung unter das Prinzip der Allgemeingültigkeit". In solchem Sinne gibt es aber keine Moral. Der höchste Wert alles Seins ist das Leben des Menschen als Ausdruck seiner metaphysischen Wirklichkeit. Diesem Leben hat auch die Moral zu dienen. Moral ist diejenige charakterliche Haltung, die ausschließlich durch das Gesetz der metaphysischen Wirklichkeit bestimmt ist. Metaphysisch existiert allein der Mensch, der durch Kampf und Einsatz das ihm aufgegebene wesenhafte Sein als Leben verwirklicht. Moralisch ist danach nur dasjenige menschliche Handeln, das diesem Sein und Leben dient. Da aber die Menschen nach ihrer völkischen Wesensart im Grunde verschieden sind, gibt es kein "allgemeingültiges" moralisches Gesetz. Moralisch ist für ein Volk allein das, was seinem wesenhaften Sein, seinem wahren Leben Kraft zur Vollendung und Behauptung gibt. ...ist alles politische Wirken moralisch, das der Wesens- und Lebensgesetzlichkeit eines der Erhaltung und Festigung eines gegliederten Weltgefüges dienenden Volkes entspricht. Ein Volk, das nicht im Grunde anarchisch ist, vielmehr mit seinem lebendigen Sein eine echte Ordnung vertritt, handelt somit immer moralisch, wenn es ausschließlich die Rechte seines Lebens verteidigt. Wenn wir das Lebensrecht des deutschen Volkes als den höchsten moralischen Wert ansehen und zum Gesetz unserer Politik erheben, dann darf unser gesamtes politisches Handeln nur durch die Forderungen unseres Lebens bestimmt werden. Da wir aber mit diesem unserem Leben gleichzeitig einen übervölkischen, einen "planetarischen" Auftrag erfüllen, ist unser Dienst an unserem eigenen Leben gleichzeitig ein Dienst am Leben aller anderen Völker. ..Unter einer solchen Gesetzlichkeit ist der Widerstreit von Politik und Moral endgültig überwunden. Politik als Ausdruck moralischer Gesetzlichkeit und Reichsmacht, als Offenbarung charakterlicher Kraft: eine solche Wirklichkeit zu vertreten, ist eine radikale, revolutionäre Tat, eine Tat, die den Vertretern des versinkenden Weltalters unbegreiflich bleiben muß, weil sie aus Mangel an charakterlicher Kraft außerstande sind, eine für sie verbindliche moralische Gesetzlichkeit anzuerkennen. Wo es keine lebensgesetzliche Moral und keine metaphysische Charakterlichkeit gibt, kann es auch keine echte Völkerordnung und kein wahres übervölkisches Gefüge der Politik geben...(Beck, Friedrich Alfred, Aufgang des germanischen Weltalters, Verlag Carl Feldmüller, Bochum, 6. Juni 1944,S. 247-249)

Prüfe jeder für sich Anspruch und Wirklichkeit.

Thomas Martini

4. Juni 2019 19:49

Michael Heltau, der Doyen des Wiener Burgtheaters über seine Kindheit:

"Mich hat schon damals nichts so interessiert wie die Literatur. Ich
hab’ Rotz und Wasser geheult bei „Kabale und Liebe“. Der Lehrer
sagte meiner Mutter: „Ich glaub, er hat a künstlerische Ader.“ Das
find ich irrsinnig komisch: Warum soll a Bub eine künstlerische
Ader haben, nur weil er beim Lesen weint? Aber es war gut, dass
er ihr nicht gesagt hat, sie solle mir das verbieten. Er hätte ja auch
sagen können: „Der regt sich so auf beim Lesen!“ Es gab also auch
in der Nazizeit ein paar gute Lehrer."

https://www.derstandard.de/story/2000093150552/burgtheater-doyen-michael-heltau-bin-ein-wahnsinnig-begabter-zuschauer