1. Juni 2019

Lothar Fritze: Die Moral der Nationalsozialisten

Caroline Sommerfeld / 4 Kommentare

Braucht es einen Wälzer, um die Moral der Nationalsozialisten zu analysieren?

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Ist das durchzuhalten als Leser, wenn man nicht speziell an analytischer Philosophie interessiert ist?

Der Dresdener Professor für Politikwissenschaft und Philosoph Lothar Fritze, der an der TU lehrt und am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung arbeitet, hat sich in mehreren Schriften bereits dieses Themas angenommen. Warum nun diese Abhandlung?

Hannah Arendt hatte gemutmaßt, Hitler sei ein »Mörder mit mörderischen Instinkten« gewesen. Joachim Fest nannte den NS eine »rechenschaftslose Barbarei«, Ruth Klüger sprach von der »völligen Sinnlosigkeit dieser Morde und Verschleppungen«. Das heutige historische Narrativ über die Verbrechen der Nationalsozialisten geht von ebensolchen Grundannahmen aus: Sie hätten entweder keine Moral oder eine »andere Moral« als wir gehabt, ihr Handeln sei demzufolge zumindest nicht rational nachvollziehbar, wenn nicht absurd oder böse gewesen.

Fritze tritt mit dem Werkzeugkoffer des analytischen Philosophen an diesen gefährlichen Forschungsgegenstand heran. Seine Kernthese: daß die Nationalsozialisten, folgt man Dokumenten ihrer führenden Vertreter, moralische Grundnormen (z. B. das Tötungsverbot, das Verbot zu lügen etc.) akzeptiert haben. Aus der bewußt vollzogenen Verletzung einer Grundnorm folgt nämlich nicht, daß man diese nicht akzeptiert. Auch ein in Kampfeinsätze verwickelter Soldat würde sich gegen den Vorwurf verwehren, er lehne das moralische Tötungsverbot ab. In diesem Sinne hatten die Nationalsozialisten weder eine »andere Moral« noch überhaupt keine. Auch die Tötung von Juden mußte gerechtfertigt werden.

Indem der Autor vom Konzept des »Täters mit gutem Gewissen« ausgeht, kann er unterscheiden zwischen den moralischen Überzeugungen des Beobachters (unseren eigenen oder denen der oben zitierten Historiker) und denen der NS-Akteure, ohne die Überzeugungen des Beobachters mit definitorischer Macht auszustatten, so daß gilt: »Aus nationalsozialistischer Binnenperspektive wurden gerade keine Verbrechen begangen.«

Der wesentliche Unterschied, den Fritze herausarbeitet und wofür er wegen seiner sorgfältigen Argumentation einen solchen Umfang an Seiten benötigt, liegt in der Begründung des Handelns der NS-Täter durch deren außermoralische Annahmen. Die Selbsterhaltung des eigenen Volkes unter Knappheitsbedingungen ist eine außermoralische Annahme.

Der Autor vertritt die These, daß die Nationalsozialisten dieselben Grundnormen wie wir, jedoch andere Reichweitenregelungen vertreten haben. So stellt er fest: »Die führenden Nationalsozialisten waren gerade nicht der Meinung, dass sich Juden außerhalb des Geltungsbereichs der moralischen Grundnormen befinden.« Daher hatten sie Rechtfertigungsgründe nötig, um ihr Handeln zu verantworten. Diese muß man einzeln erläutern, um nicht Gefahr zu laufen, daß das ganze Projekt einer Analyse der NS-Moral seinerseits als Rechtfertigung dieser Moral verstanden werden könnte. Fritzes lupenreiner Trennschärfe der Begriffe und Ebenen ist es zu verdanken, daß man auf keiner Seite auch nur Nähe zu dieser Gefahr bemerken kann.

In einer Fußnote liefert er ein Beispiel für diese Klarheit: »Eine Behauptung wird nicht dadurch falsch, dass sie von Nationalsozialisten und dazu noch in einer bestimmten (propagandistischen) Absicht vertreten wurde. (…) Auch Propaganda – und eben auch ›Nazipropaganda‹ – kann, was ihren Aussageinhalt anlangt, den Tatsachen entsprechen.« Es ist in moral philosophischer Hinsicht gleichgültig, ob der Überlebenskampf des »Volkes ohne Raum« nötig oder ob der Bolschewismus reale Bedrohungen waren.

Der Schluß seines Folianten führt in die Fragestellung ein, wie denn auf eine spezifisch innermoralische Art und Weise nationalsozialistische Überzeugungstäter beurteilt werden können. Sie haben kognitive Pflichten verletzt, es also an zutreffender Urteilsbildung, Verantwortungsübernahme und Reichweiteneinschätzung fehlen lassen: »Moralische Schuld entsteht dann, wenn auf einer defizitären kognitiven Basis gehandelt wird, obwohl deren Mangelhaftigkeit erkennbar war und pflichtgemäß hätte erkannt werden müssen«. Da unsere Intuition als Nichtnationalsozialisten dies für unzureichend hält – der gewichtigste Vorwurf liegt in der mangelnden Empathie der Protagonisten ihren Opfern gegenüber – muß Lothar Fritze hier ein großes metaphysisches Faß aufmachen. War der NS Ausdruck von zu viel oder von zu wenig aufklärerischer Rationalität? Der Autor konstatiert, daß Täter mit gutem Gewissen glaubten, daß es geboten war, moralische Grundnormen zu verletzen. Das klingt kopflastig.

Sie moralanthropologisch als rationale Handlungsplaner, in deren Denken man sich hineinversetzen kann, zu betrachten, ermöglicht indes, aus den Verbrechen des NS zu lernen. Kategorisiert man die Täter hingegen als Irre, Böse oder Sadisten, exkulpiert man sie. Wir Heutigen, die wir glauben, für das Gute einzutreten, gleichen Hitler und Himmler in dieser Hinsicht. Fritzes coolness, er selbst spricht von »methodischem Pragmatismus«, kann wirklich nur einem analytischen Philosophen zu Gesicht stehen. Von ihm können wir sie in eigene Überlegungen zu diesem argumentativen Minenfeld übernehmen.

Lothar Fritze: Die Moral der Nationalsozialisten, Reinbek: Lau 2019. 550 S., 38 €. - hier bestellen.


Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.


Kommentare (4)

Laurenz
4. Juni 2019 08:18

Wenn man die Nationalsozialisten als Erfinder des staatlichen Tierschutzes betrachtet, weißt ihre Radikalität konkrete Parallelen zu heutigen Organisationen auf. Die Annahme, die Mischung von solchen und solchen Menschen sei eine andere gewesen, beruht nur auf religiöser oder konstruierter Geschichtsbetrachtung. Hier wird auch die internationale politische Handhabe ausgelassen. Die Bundesregierung zu Bonn garantierte der DDR-NomenKlatura Straffreiheit für in der DDR von höheren Staatsorganen begangenen Verbrechen wider die Menschlichkeit. Der totale Krieg der Alliierten gegen das Deutsche Reich schloß diese sonst häufig geübte Abmachung aus. Der NS-Führung, außer den Nachkriegs-eminenten Personen, wie zB Heinrich Müller, Chef der Gestapo, blieb nur der Strang in Aussicht, was die politische Handlungsweise logischerweise verändert, solange eine Exekutive zur Ausführung zur Verfügung steht. Solange sich die historische Wissenschaft zur heute zeitgeistigen Bewertung hinreißen läßt, werden diejenigen Völker in einem unerhörten globalen Rassismus mißachtet, welche die damalige Gelegenheit nutzten, sich von unseren Befreiern zu befreien.

Thomas Martini
4. Juni 2019 17:13

Oh, wie schön. Lothar Fritze spielt mit "Die Moral der Nationalsozialisten" eine weitere Variation auf der Klaviatur der Siegergeschichtsschreibung.

Wenn man sich angewöhnt, einen Schreiber daran zu bemessen, ob seine Arbeit etwas zur Entlastung der Deutschen beiträgt, findet man leider kaum jemanden, weshalb sich einmal mehr Tempranillo aus dem Gelben Forum empfiehlt:

"Warum liest kaum jemand Céline? Dieser Autor enthält einiges, womit man Frans Timmermanns, Juncker, Merkel und vielen anderen mehr eine reinwürgen könnte.

Ich denke jetzt nicht an die Pamphlete, die wurden nicht übersetzt, kann man kaum übersetzen, im Moment geht es um Célines, wie man in Frankreich sagt, Trilogie Allemande, deutsche Trilogie, *Von einem Schloß zum anderen*, *Norden* und *Rigodon*.

Die deutsche Trilogie ist von Louis-Ferdinand Céline, die deutsche Tetralogie von Richard Wagner.

Norden und Rigodon enthalten Schilderungen eines SS-Obersts sowie Hauptmännern und Generälen der Wehrmacht, die für sich genommen schon dazu angetan wären, das alliierte Geschichtsbild zu kippen.

Die Herren werden von Dr. Destouches ausnahmslos als sehr höflich, frei von jeder Arroganz und frankophon geschildert.

Na so was, Nazis waren höflich, haben französisch gesprochen und frei von jedem Haß auf Personen des Erbfeinds, obwohl uns Frankreich 1939 wieder einmal den Krieg erklärt hat.

Célines Schilderung eines Treffens mit Generalfeldmarschall von Rundstedt in Ulm, am Tag der Beerdigung Erwin Rommels, ist das Entsetzen jedes aufrechten Demokraten.

Anfangs ist Rundstedt ein wenig scharf, aber als er merkt, Franzosen vor sich zu haben, wechselt er ins Französische und fragt, was in der Tasche ist, die sich gerade bewegt.

*Unser Kater Bébert.*

Die Nazi-Bestie Rundstedt: *Kommt er aus Paris?*

*Montmartre.*

Rundstedt: *Kratzt er mich, wenn ich ihn anfasse.*

Rundstedt streichelt ihn, Bébert schnurrt.

Der Feldmarschal steht auf, verbeugt sich vor Lucette Almansor, *Meine Verehrung, Madame*.

Er wünscht den drei Franzosen, Céline, Lucette und Boris Le Vigan viel Glück, streichelt noch einmal den Kater und geht, den Marschallstab unter dem Arm.

Céline lobt das beinahe akzentfreie Französisch Rundstedts, lediglich sein *vous* sei etwas hart gewesen.

Ich bin mir sicher, wenn Deutschland irgendwo das Heil erblicken und finden wird, dann ganz bestimmt im Rektum der USA." - Tempranillo, "Timmermanns in die Suppe spucken, 2"
verfasst von Tempranillo, 25.05.2019, 16:07

Niekisch
4. Juni 2019 19:47

Lassen wir einen Nationalsozialisten sprechen: "Es ist immer wieder ein endloser akademischer Streit um die Frage aufgekommen, ob die Politik unter dem Gesetz der Moral stehe oder ob sie sich über die moralische Gesetzlichkeit erheben dürfe oder gar müsse. Ein solcher Streit war nur möglich, weil man, entsprechend der Ausrichtung des modernen Geistes, den Begriff einer "allgemeingültigen", die durch die Lehre Kants philosophisch begründet wurde, vertrat, von der wir in seiner "Kritik der Urteilskraft" (und damit seine Ausführungen in der "Kritik der praktischen Vernunft" ergänzend) lesen: "Der innere moralische Wert einer Handlung besteht alleine in ihrer formalen Beschaffenheit, nämlich in ihrer Unterordnung unter das Prinzip der Allgemeingültigkeit". In solchem Sinne gibt es aber keine Moral. Der höchste Wert alles Seins ist das Leben des Menschen als Ausdruck seiner metaphysischen Wirklichkeit. Diesem Leben hat auch die Moral zu dienen. Moral ist diejenige charakterliche Haltung, die ausschließlich durch das Gesetz der metaphysischen Wirklichkeit bestimmt ist. Metaphysisch existiert allein der Mensch, der durch Kampf und Einsatz das ihm aufgegebene wesenhafte Sein als Leben verwirklicht. Moralisch ist danach nur dasjenige menschliche Handeln, das diesem Sein und Leben dient. Da aber die Menschen nach ihrer völkischen Wesensart im Grunde verschieden sind, gibt es kein "allgemeingültiges" moralisches Gesetz. Moralisch ist für ein Volk allein das, was seinem wesenhaften Sein, seinem wahren Leben Kraft zur Vollendung und Behauptung gibt. ...ist alles politische Wirken moralisch, das der Wesens- und Lebensgesetzlichkeit eines der Erhaltung und Festigung eines gegliederten Weltgefüges dienenden Volkes entspricht. Ein Volk, das nicht im Grunde anarchisch ist, vielmehr mit seinem lebendigen Sein eine echte Ordnung vertritt, handelt somit immer moralisch, wenn es ausschließlich die Rechte seines Lebens verteidigt. Wenn wir das Lebensrecht des deutschen Volkes als den höchsten moralischen Wert ansehen und zum Gesetz unserer Politik erheben, dann darf unser gesamtes politisches Handeln nur durch die Forderungen unseres Lebens bestimmt werden. Da wir aber mit diesem unserem Leben gleichzeitig einen übervölkischen, einen "planetarischen" Auftrag erfüllen, ist unser Dienst an unserem eigenen Leben gleichzeitig ein Dienst am Leben aller anderen Völker. ..Unter einer solchen Gesetzlichkeit ist der Widerstreit von Politik und Moral endgültig überwunden. Politik als Ausdruck moralischer Gesetzlichkeit und Reichsmacht, als Offenbarung charakterlicher Kraft: eine solche Wirklichkeit zu vertreten, ist eine radikale, revolutionäre Tat, eine Tat, die den Vertretern des versinkenden Weltalters unbegreiflich bleiben muß, weil sie aus Mangel an charakterlicher Kraft außerstande sind, eine für sie verbindliche moralische Gesetzlichkeit anzuerkennen. Wo es keine lebensgesetzliche Moral und keine metaphysische Charakterlichkeit gibt, kann es auch keine echte Völkerordnung und kein wahres übervölkisches Gefüge der Politik geben...(Beck, Friedrich Alfred, Aufgang des germanischen Weltalters, Verlag Carl Feldmüller, Bochum, 6. Juni 1944,S. 247-249)

Prüfe jeder für sich Anspruch und Wirklichkeit.

Thomas Martini
4. Juni 2019 19:49

Michael Heltau, der Doyen des Wiener Burgtheaters über seine Kindheit:

"Mich hat schon damals nichts so interessiert wie die Literatur. Ich
hab’ Rotz und Wasser geheult bei „Kabale und Liebe“. Der Lehrer
sagte meiner Mutter: „Ich glaub, er hat a künstlerische Ader.“ Das
find ich irrsinnig komisch: Warum soll a Bub eine künstlerische
Ader haben, nur weil er beim Lesen weint? Aber es war gut, dass
er ihr nicht gesagt hat, sie solle mir das verbieten. Er hätte ja auch
sagen können: „Der regt sich so auf beim Lesen!“ Es gab also auch
in der Nazizeit ein paar gute Lehrer."

https://www.derstandard.de/story/2000093150552/burgtheater-doyen-michael-heltau-bin-ein-wahnsinnig-begabter-zuschauer