Hannes Hofbauer: Kritik der Migration. Wer profitiert und wer verliert.

Eine Rezension von Jörg Seidel

 Gastbeitrag

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»Kri­tik« im Titel meint nicht das Kri­ti­sie­ren die­ses Vor­gan­ges – oder doch nur als zwei­ten Schritt –, son­dern, ganz mar­xis­tisch, sei­ne his­to­ri­schen Grün­de unter beson­de­rer Berück­sich­ti­gung der öko­no­mi­schen Zusam­men­hän­ge auf­zu­klä­ren und sie vom ideo­lo­gi­schen Bei­werk – der die Migra­ti­on als Kampf­be­griff umman­telt – zu befrei­en. Die Metho­de hat Schwä­chen und Stärken.

Hof­bau­er gelingt es in gro­ben Zügen – es man­gelt ein wenig an belast­ba­rem empi­ri­schem Mate­ri­al –, die im Migra­ti­ons­pro­zeß ver­steck­te und ver­mu­te­te inne­re Kapi­tal­lo­gik auf­zu­de­cken und die Dis­kus­si­on um einen oft nur stief­müt­ter­lich behan­del­ten Zusam­men­hang zu berei­chern, aber ande­rer­seits blen­det er ande­re Erklä­rungs­mo­del­le weit­ge­hend aus. Die in bestimm­ten Milieus als Hei­li­ger Gral behan­del­te Theo­rie des »youth bul­ge«, des Jung­män­ner­über­schus­ses und der schier demo­gra­phi­schen Explo­si­on von Gun­nar Hein­sohn etwa, wird noch nicht mal im Lite­ra­tur­ver­zeich­nis erwähnt. Auch die Rol­le der Medi­en, der Wertho­mo­ge­ni­sie­rung in hege­mo­nia­len Ver­hält­nis­sen, der tech­ni­schen Mobi­li­tät oder der glo­ba­len Infra­struk­tur wird nur peri­pher und funk­tio­nal thematisiert.

Gleich zu Beginn räumt Hof­bau­er als Prä­mis­se mit einer instru­men­ta­li­sier­ten Fehl­wahr­neh­mung auf. Auch wenn es Migra­ti­on immer gab, ist Seß­haf­tig­keit doch die Norm, und zwar in über­wäl­ti­gen­dem Maße. Sie läßt sich auf eini­ge Grund­ur­sa­chen zurück­füh­ren: Zer­stö­rung der Sub­sis­tenz, Krieg, Umwelt­ver­än­de­run­gen, reli­giö­se und poli­ti­sche Kon­flik­te sowie sozia­le Ver­wer­fun­gen. Sie wird nicht sel­ten im Inter­es­se des Kapi­tals initiiert.

Das läßt sich an der west­li­chen Migra­ti­ons­ge­schich­te immer wie­der nach­voll­zie­hen – bezeich­nen­der­wei­se ver­gißt der Autor, die sta­li­nis­ti­schen Umvol­kun­gen auch nur zu erwäh­nen. Zudem scheint ein Kate­go­ri­en­feh­ler vor­zu­lie­gen, wenn Gast­ar­bei­ter­wel­len, die Migra­ti­on im Zuge der Jugo­sla­wi­en­krie­ge oder der Wie­der­ver­ei­ni­gung mit der heu­ti­gen Lage ver­gli­chen werden.

Was immer­hin allen gemein­sam bleibt, ist die Exis­tenz von Push- und Pull­fak­to­ren. Bei­de wer­den im Diens­te der Kapi­tal­lo­gik her­ge­stellt und auch ideo­lo­gisch-medi­al abge­fe­dert. Sub­til wer­den im Ziel­land Begrif­fe ver­än­dert (Fremd­ar­bei­ter-Gast­ar­bei­ter-Inte­gra­ti­on), weni­ger sub­til im Her­kunfts­land sozia­le Struk­tu­ren und mehr oder weni­ger funk­tio­nie­ren­de Öko­no­mien zer­stört. Kri­tik wird als »Frem­den­feind­lich­keit« zum Schwei­gen gebracht. Demo­kra­ti­sche Legi­ti­ma­tio­nen hat­te es in kei­nem Fall gegeben.

Beson­de­re Auf­merk­sam­keit im his­to­ri­schen Rück­blick ver­dient natür­lich »die gro­ße Wan­de­rung der Mus­li­me«. Auch hier sieht Hof­bau­er ein »öko­no­mi­sches Kal­kül«, das mit den dür­ren Zwei­gen huma­ni­tä­rer Moti­va­ti­on bedeckt wer­den konn­te. Einer­seits wur­den Schlüs­sel­län­der wie der Irak, Afgha­ni­stan, Liby­en und Syri­en desta­bi­li­siert, inne­re Unru­hen wur­den »von außen dyna­mi­siert«, ande­rer­seits ein sozia­les Netz vor­be­rei­tet und des­sen Exis­tenz medi­al – neue und alte Medi­en – in die Welt gesendet.

Jedoch: »Hin­ter der vor­der­grün­di­gen Mensch­lich­keit kam bald der deut­sche Impe­ria­lis­mus zum Vor­schein.« Sol­che Sät­ze machen die inne­ren Ant­ago­nis­men des Buches deut­lich. Ein kla­res, der rei­nen Ver­nunft geschul­de­tes Pro­blem­be­wußt­sein wird mit einer kräf­ti­gen, wenn auch anti­quier­ten Ter­mi­no­lo­gie behan­delt. Span­nen­der­wei­se führt das mit­un­ter gera­de zur Dekon­struk­ti­on der lin­ken Begriff­lich­keit aus sich selbst her­aus. Im letz­ten Drit­tel geschieht das dann auf abs­trak­ter Ebene.

Migra­ti­on ist ein Zei­chen dra­ma­ti­scher sozia­ler Unter­schie­de. Die­se sind dem kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schafts­sys­tem inhä­rent und wer­den z. T. auch bewußt ver­stärkt. In den Ziel­län­dern geht es dar­um, eine Reser­ve­ar­mee zu unter­hal­ten, die ent­schei­dend für die Lohn­re­gu­lie­rung ist. Zudem benö­ti­ge der glo­ba­le Kapi­ta­lis­mus mobi­le Arbeits­kräf­te. Es gibt »vier kapi­ta­lis­ti­sche Frei­hei­ten – unge­hin­der­ter Ver­kehr von Kapi­tal, Waren, Dienst­leis­tun­gen und Arbeitskräften«.

Dem kurz­fris­ti­gen Gewinn ste­hen frei­lich lang­fris­ti­ge Ver­lus­te sowohl in deren Her­kunfts- als auch den Ziel­län­dern gegen­über, sie ist eine Ent­wick­lungs- und Fort­schritts­brem­se. Hier ist sie inno­va­ti­ons­feind­lich und zer­stört das sozia­le Gleich­ge­wicht, dort blu­ten Län­der aus und wer­den an eigen­stän­di­gen Ent­wick­lun­gen gehindert.

Hof­bau­ers Arbeit stellt ein Uni­kum dar. Weiß man vom blin­den Fleck der Metho­do­lo­gie und der Spra­che und sieht man von sei­ner zu engen Fokus­sie­rung ab, so hat man hier ein maß­geb­li­ches, per se zur Quer­front ein­la­den­des Werk, das einen erfri­schend ande­ren Blick auf das Phä­no­men der moder­nen Mas­sen­mi­gra­ti­on wirft.

Han­nes Hof­bau­er: Kri­tik der Migra­ti­on. Wer pro­fi­tiert und wer ver­liert, Wien: Pro­me­dia 2018. 272 S., 19.90 € – hier bestel­len

 

 

 

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Kommentare (1)

Laurenz

4. Juni 2019 19:48

Die Besprechung ist gut, bis auf einen Satz. Zitat- Migration ist ein Zeichen dramatischer sozialer Unterschiede.-Zitatende .... Diejenigen, die aus anderen Kontinenten hier ankommen, gehören keinesfalls zu den sozial Schwachen in ihren Herkunfts-Staaten. Die sozial Schwachen kommen da erst gar nicht weg. Siehe hier .... https://youtu.be/KCcFNL7EmwY