Patrice C. McMahon: Das NGO-Spiel

Würde man in Deutschland demoskopisch ermitteln, wie hoch die Zustimmung für Maßnahmen der Friedenskonsolidierung ist, wäre das Ergebnis vermutlich überwältigend.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

Denn in einer post­he­roi­schen Gesell­schaft genie­ßen jene hohes Anse­hen, die sich schein­bar selbst­los dafür ein­set­zen, benach­tei­lig­ten Men­schen zu hel­fen, und nicht mehr jene, die in einem Krieg ihr Leben – viel­leicht sogar noch aus patrio­ti­schen Moti­ven – riskieren.

Die­ses Stim­mungs­bild sagt frei­lich nichts über den Erfolg gut­ge­mein­ter Initia­ti­ven von Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen (NGOs) aus. Ist es wirk­lich der rich­ti­ge Weg, afgha­ni­schen Frau­en Fahr­rä­der zu schen­ken, damit sie sich von den Tali­ban fern­hal­ten? Die ame­ri­ka­ni­sche Poli­tik­wis­sen­schaft­le­rin Patri­ce McMa­hon hat dies für den Zeit­raum seit Ende des Kal­ten Krie­ges unter­sucht und kommt zu einem Befund, der den wenigs­ten gefal­len dürfte.

Inter­na­tio­na­le NGOs kri­ti­siert sie wegen über­mä­ßi­ger finan­zi­el­ler Inter­es­sen und eines fehl­ge­lei­te­ten Altru­is­mus. Loka­len NGOs von Ein­hei­mi­schen wirft sie vor, sich ihre Zie­le von ihren Geld­ge­bern dik­tie­ren zu las­sen und so die Bedürf­nis­se des eige­nen Vol­kes aus den Augen zu ver­lie­ren. Und dem Wes­ten mit den USA an der Spit­ze weist sie das Schei­tern der ver­folg­ten, inter­ven­tio­nis­ti­schen Außen­po­li­tik mit mensch­li­chem Ant­litz nach.

Ins­be­son­de­re sei es bei­na­he unmög­lich, mit NGOs der »inter­na­tio­na­len Gemein­schaft« die Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung zu len­ken. Die Ein­hei­mi­schen wür­den dies als »bevor­mun­dend, unpas­send und von Unge­duld geprägt« wahr­neh­men. Als eben­so kom­pli­ziert hät­te sich die Aus­söh­nung zwi­schen ver­schie­de­nen Eth­ni­en erwie­sen, so daß sich die meis­ten Pro­jek­te als Zeit­ver­schwen­dung herausstellten.

Obwohl ihr Buch stel­len­wei­se sehr lang­at­mig ist und McMa­hon sich mit Details ver­zet­telt, gelingt es ihr den­noch, die dürf­ti­ge Bilanz der NGOs in einen grö­ße­ren, zeit­his­to­ri­schen Kon­text ein­zu­bet­ten. Der Wes­ten setz­te auf die­se Orga­ni­sa­tio­nen, als er bereits an impe­ria­ler Über­deh­nung (impe­ri­al overstretch) litt und aus die­sem Grund Ver­ant­wor­tung abge­ben woll­te. Inzwi­schen dürf­te sich aber zumin­dest bei den poli­ti­schen und mili­tä­ri­schen Eli­ten die Über­zeu­gung durch­ge­setzt haben, daß mit den Beschäf­ti­gungs­the­ra­pien der NGOs kein Blu­men­topf zu gewin­nen ist. McMa­hon begrün­det die­se Ver­mu­tung mit dem feh­len­den Ehr­geiz des Wes­tens, in Liby­en eine Zivil­ge­sell­schaft aufzubauen.

Eine libe­ra­le Demo­kra­tie läßt sich anschei­nend weder mit Droh­nen­krie­gen noch Stuhl­krei­sen instal­lie­ren. Es liegt somit nahe, dem Wes­ten zu emp­feh­len, sich auf sich selbst zu konzentrieren.

Patri­ce C. McMa­hon: Das NGO-Spiel. Zur ambi­va­len­ten Rol­le von Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen in Post­kon­flikt­län­dern, Ham­burg: Ham­bur­ger Edi­ti­on 2019. 312 S., 35 € – hier bestel­len

 

 

 

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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Kommentare (3)

Weltversteher

4. Juni 2019 09:00

Ein bißchen platt, den Leser vor die Wahl zu stellen, die NGOen zu bejubeln oder sich aus Heldenlust für einen Krieg zu interessieren. Auch geschmacklos.
Mit solchem Kriegsbereitschaftsgemurmel wird in diesem Lager aus meiner Sicht gern der Verdacht fehlender Männlichkeit abgewiegelt.

Es wäre sehr verdienstvoll, wenn sich hiesige Beteiligte unter Frieden mal etwas anderes als Verhausschweinung vorzustellen versuchten. Klar, viele glauben nicht mal an eine mögliche Herrschaftsfreiheit. Eine echte Friedlichkeit wäre vor allem der größte Triumph gegen volksfremde Kriegstreiber, ohne die schon seit mehr als einem Jahrhundert nichts Größeres vom Zaune bricht.

Laurenz

4. Juni 2019 14:09

In Rußland sind mehr als 200 westliche NGOs zuhause, und die Russen haben 2 wesentliche im Westen am laufen, die man ihnen auch dauernd zumachen will. Rußland kontrolliert die ausländischen NGOs zwar scharf, läßt sie aber am Leben, denn immerhin bringen die Geld ins Land. Die bis heute in Deutschland gültigen alliierten Schulpläne sahen/sehen eine Erziehung zum Pazifismus für Deutschland vor, hat auch weitestgehend funktioniert. Seit einiger Zeit stößt dieser aber unseren besten Freunden auf, denn deutsche Truppen im Ausland sind vollkommen nutzlos.
Frau McMahons Logik erscheint dürftig. Wer will schon Libyen sanieren? Der Sinn und Zweck der Zerstörung Libyens ist der Ölzugriff für Italien und Frankreich und für letztere der freie Weg zu den Uranerzminen in Mali. Und die USA wollen natürlich den destabilisierten Nahen Osten und Nordafrika, um Europa nachhaltig zu schwächen, da innereuropäische Kriege aktuell nur noch an der Peripherie zu organisieren sind.
Und ob die Amis NGOs beauftragen oder die 6. Flotte ballert, bleibt im Resultat mehr oder weniger gleich. Deutsche NGOs in der Ukraine und Syrien, finanziert durch die Konrad-Adenauer-Stiftung, meist geführt von Peter Altmeier, blieben in den letzten Jahren weitestgehend erfolglos.

@Weltversteher ... der Haken an der oben beschriebenen deutschen Haltung ist, daß wir kapitulieren müssen, wenn Liechtenstein bei uns einmarschiert. Und wohin sollten wir denn vor dem Krieg flüchten?

Niekisch

4. Juni 2019 20:25

"Es liegt somit nahe, dem Westen zu empfehlen, sich auf sich selbst zu konzentrieren."....und u n s endlich freizugeben.