Hartmut Rosa: Unverfügbarkeit

Eine Rezension von Jörg Seidel

 Gastbeitrag

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Mein Exem­plar strotzt vor Anstrei­chun­gen zu Beginn des Buches und ist blü­ten­weiß am Ende. Das liegt, wie schnell klar wur­de, an der Repe­ti­ti­vi­tät des Buches. Rosa sagt Bedenk­li­ches, ja sogar Bedeu­ten­des, aber er sagt es immer wie­der, in Varia­ti­on zwar, aber doch durch­schau­bar. Erst zum Ende des unver­schämt gut les­ba­ren Buches, das man in drei, vier Stun­den durch hat, zieht er – etwas über­ra­schend, aber erfreu­lich – die Schrau­ben noch ein­mal an.

Im Grun­de ver­sucht er sich an einer neu­en Groß­erzäh­lung, nur spie­len weder Öko­no­mie, Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se, Ideo­lo­gie, Begeh­ren, Angst und ande­re Zen­tral­be­grif­fe ver­brann­ter Welt­erklä­run­gen die zen­tra­le Rol­le, son­dern die »Reso­nanz«. So lau­te­te auch sein volu­mi­nö­ser Best­sel­ler und Vor­läu­fer des vor­lie­gen­den Titels. Das Moment der Ver­füg­bar­keit stellt letzt­lich nur einen Teil­aspekt jenes »Bezie­hungs­mo­dus« Reso­nanz dar, den Rosa zum archi­me­di­schen Punkt erklärt.

Die­se Per­spek­ti­ve leis­tet eini­ges, aber sie ver­strickt sich auch in etli­che Wider­sprü­che. Sie macht zuvör­derst das Fal­sche und Ver­kehr­te des spät­mo­der­nen Lebens sichtbar.

»Unver­füg­bar­keit kon­sti­tu­iert mensch­li­ches Leben und mensch­li­che Grund­er­fah­rung«, die Moder­ne wie­der­um zeich­net sich durch das wach­sen­de Ver­spre­chen der Ver­füg­bar­keit (»Reich­wei­ten­er­wei­te­rung«) aus und zwar, wie Rosa in diver­sen Exkur­sen dar­legt, auf allen Ebe­nen: indi­vi­du­ell, kul­tu­rell, insti­tu­tio­nell und struk­tu­rell. Der Pfer­de­fuß an der Ver­füg­bar­keit ist der ver­än­der­te Welt­zu­gang der Men­schen: die Welt begeg­net ihnen als Aggres­si­ons­punkt, als to-do-Lis­te, als noch zu Erle­di­gen­des, noch zu Erle­ben­des. Das frei­lich ver­un­mög­licht das wah­re Erle­ben, sprich den Reso­nanz­zu­stand. Reso­nanz ist unver­füg­bar, sie ist eine Gabe, ein Geschenk.

Das alles ist nun nicht neu, man kennt ähn­li­che Gedan­ken aus Phi­lo­so­phie, Psy­cho­lo­gie und Theo­lo­gie zur Genü­ge, Rosa aber nimmt für sich in Anspruch, sozio­lo­gisch zu argu­men­tie­ren, er meint, daß unse­re Bezo­gen­heit zur Welt nicht anthro­po­lo­gisch fest­ge­legt sei, son­dern von den »sozia­len und kul­tu­rel­len Bedin­gun­gen, in die wir hin­ein sozia­li­siert wer­den«, pri­mär abhän­ge. Wovon aller­dings die sozia­len und kul­tu­rel­len Bedin­gun­gen abhän­gen, wird uns nicht erläutert.

Statt­des­sen wid­met sich der Autor den Dimen­sio­nen der Ver­füg­bar­keit, ihren Para­do­xien, ihrem Ide­al (Reso­nanz), der Unver­füg­bar­keit von Erfah­rung und Begeh­ren, der moder­nen Ver­füg­bar­keit im Lau­fe eines indi­vi­du­el­len Lebens von Geburt bis Tod oder ihrer Bedeu­tung als insti­tu­tio­nel­le Notwendigkeit.

Das alles ist immer wie­der so ange­legt, daß der Leser einen Selbst­er­kennt­nis­ef­fekt erlebt. Ein gelun­ge­ner Blick in den Spie­gel. Ein Ver­wei­sen auf die Hams­ter­rä­der, in denen wir alle lau­fen, die Glas­häu­ser, in denen wir sit­zen. Auch wenn sich Rosa zahl­reich Unter­stüt­zung aus der gro­ßen wei­ten Welt der Phi­lo­so­phie holt, bleibt die Nähe zum New Age nicht unbemerkt.

Man könn­te mei­nen, das Buch sei zu glatt, es feh­le dem Ver­fas­ser an Mut, wirk­lich wider­stän­dig zu sein. Alles ist sau­ber in PC, kei­ne Bean­stan­dun­gen, nichts hat Vor- oder Nach­tei­le, man legt nur wert­frei dar etc. Nur wenn man die lei­sen Töne ver­neh­men will, die blitz­ar­tig auf- und unter­tau­chen­den Äuße­run­gen zu Hei­mat, Tra­di­ti­on, Abtrei­bung, Asyl oder die »unkon­trol­lier­ba­re Eigen­dy­na­mik der Medi­en«, dann könn­te man einen Kryp­to­rech­ten ver­mu­ten. Aber psst!, das bleibt unter uns – man will schließ­lich kei­ne Kar­rie­ren verbauen.

Nur ganz zum Schluß ver­rät er sich mit sei­nem aus­ge­präg­ten Kul­tur­pes­si­mis­mus, da möch­te man ihn fast brü­der­lich in die Arme schlie­ßen: »Das Pro­gramm der Ver­füg­bar­ma­chung der Welt droht am Ende zu einer radi­ka­len Unver­füg­bar­keit zu füh­ren, die kate­go­ri­al anders und schlim­mer ist als die ursprüng­li­che Unverfügbarkeit …«

Noch ein biß­chen mehr Mut, viel­leicht noch ein Buch über die »Reso­nanz der Lie­be« und Rosa hät­te das Zeug, der Erich Fromm der Genera­tio­nen X bis Z zu werden.

Hart­mut Rosa: Unver­füg­bar­keit, Wien / Salz­burg: Resi­denz Ver­lag 2019. 131 S., 19 € – hier bestel­len

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