Andreas Vonderach: Anthropologie des früheren Ostdeutschlands (vor 1945).

Bücher, die sich mit sichtbaren anthropologischen Merkmalen befassen, wirken in unserer Zeit fremd und deplaziert.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Fremd, weil wir uns dar­an gewöhnt haben, alles mit gene­ti­schen Merk­ma­len zu beschrei­ben, und depla­ziert, weil anthro­po­lo­gi­sches Meß­be­steck unwei­ger­lich Asso­zia­tio­nen an eine Zeit aus­löst, in der man es damit über­trie­ben hat. Aus die­sen bei­den Grün­den hat die Anthro­po­lo­gie auch kei­nen uni­ver­si­tä­ren Rück­halt mehr, und Wis­sen­schaft­ler wie Andre­as Von­der­ach müs­sen ihre For­schun­gen ohne insti­tu­tio­nel­len Rah­men betrei­ben. Auf der ande­ren Sei­te steht ein unver­wüst­li­ches Inter­es­se an einer Anthro­po­lo­gie, die sich auf das bezieht, was man sehen und sicht­bar machen kann. Der Grund dafür liegt nahe. Der Blick in den Spie­gel und in die Gesich­ter unse­rer Zeit­ge­nos­sen macht Unter­schei­de und Gemein­sam­kei­ten schlag­ar­tig deutlich.

Das Mate­ri­al der vor­lie­gen­den Stu­die ver­dankt sein Vor­han­den­sein und vor allem sei­ne Ver­füg­bar­keit der Ver­trei­bung der Deut­schen aus den Ost­ge­bie­ten. Auch wenn es schon seit der Kai­ser­zeit zahl­rei­che Rei­hen­un­ter­su­chun­gen in Deutsch­land gab, ist man offen­bar nie dazu gekom­men, die Bevöl­ke­rung der deut­schen Ost­ge­bie­te sys­te­ma­tisch zu unter­su­chen. Da die­se nach 1945 in alle Win­de ver­streut wur­de, sind die von Von­der­ach ver­ar­bei­te­ten Daten ein Neben­pro­dukt einer Unter­su­chung in West­fa­len aus den Jah­ren 1955 bis 1958, bei der 22 000 Schul­kin­der im Alter von 14 Jah­ren unter­sucht wur­den. Dar­un­ter waren ca. 5000 Kin­der aus den Ost­ge­bie­ten, von denen 2759 in die vor­lie­gen­de Aus­wer­tung ein­be­zo­gen wur­den, weil min­des­ten drei Groß­el­tern von ihnen bereits in den Ost­ge­bie­ten ansäs­sig waren.

Auch wenn die Unter­su­chung durch die Rede von »Nor­d­iden« und »Alpi­nen« wie­der­um etwas unzeit­ge­mäß klingt, so för­dert die Stu­die doch inter­es­san­te Befun­de zuta­ge, die vor allem für Nach­fah­ren von Ver­trie­be­nen von Bedeu­tung sein dürf­ten, z. B. wenn es dar­um geht, die Salz­bur­ger im ost­preu­ßi­schen Völ­ker­ge­misch zu iden­ti­fi­zie­ren oder Kor­re­la­tio­nen von kör­per­li­chen Merk­ma­len und sozia­ler Schich­tung zu fin­den. Da die Ver­trie­be­nen mitt­ler­wei­le in der Bevöl­ke­rung Rest­deutsch­lands auf­ge­gan­gen sind, wirkt die­se Unter­su­chung wie ein unver­stell­ter Blick in die Ver­gan­gen­heit, der durch eine abge­leg­te Bril­le gewagt wird.

Andre­as Von­der­ach: Anthro­po­lo­gie des frü­he­ren Ost­deutsch­lands (vor 1945). Eth­ni­sche Schich­tung und Sozi­al­bio­lo­gie, Belt­heim-Schnell­bach: Lin­den­baum 2019. 128 S., 18 € – hier bestel­len

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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