1. Juni 2019

Andreas Vonderach: Anthropologie des früheren Ostdeutschlands (vor 1945).

Erik Lehnert

Bücher, die sich mit sichtbaren anthropologischen Merkmalen befassen, wirken in unserer Zeit fremd und deplaziert.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Fremd, weil wir uns daran gewöhnt haben, alles mit genetischen Merkmalen zu beschreiben, und deplaziert, weil anthropologisches Meßbesteck unweigerlich Assoziationen an eine Zeit auslöst, in der man es damit übertrieben hat. Aus diesen beiden Gründen hat die Anthropologie auch keinen universitären Rückhalt mehr, und Wissenschaftler wie Andreas Vonderach müssen ihre Forschungen ohne institutionellen Rahmen betreiben. Auf der anderen Seite steht ein unverwüstliches Interesse an einer Anthropologie, die sich auf das bezieht, was man sehen und sichtbar machen kann. Der Grund dafür liegt nahe. Der Blick in den Spiegel und in die Gesichter unserer Zeitgenossen macht Unterscheide und Gemeinsamkeiten schlagartig deutlich.

Das Material der vorliegenden Studie verdankt sein Vorhandensein und vor allem seine Verfügbarkeit der Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten. Auch wenn es schon seit der Kaiserzeit zahlreiche Reihenuntersuchungen in Deutschland gab, ist man offenbar nie dazu gekommen, die Bevölkerung der deutschen Ostgebiete systematisch zu untersuchen. Da diese nach 1945 in alle Winde verstreut wurde, sind die von Vonderach verarbeiteten Daten ein Nebenprodukt einer Untersuchung in Westfalen aus den Jahren 1955 bis 1958, bei der 22 000 Schulkinder im Alter von 14 Jahren untersucht wurden. Darunter waren ca. 5000 Kinder aus den Ostgebieten, von denen 2759 in die vorliegende Auswertung einbezogen wurden, weil mindesten drei Großeltern von ihnen bereits in den Ostgebieten ansässig waren.

Auch wenn die Untersuchung durch die Rede von »Nordiden« und »Alpinen« wiederum etwas unzeitgemäß klingt, so fördert die Studie doch interessante Befunde zutage, die vor allem für Nachfahren von Vertriebenen von Bedeutung sein dürften, z. B. wenn es darum geht, die Salzburger im ostpreußischen Völkergemisch zu identifizieren oder Korrelationen von körperlichen Merkmalen und sozialer Schichtung zu finden. Da die Vertriebenen mittlerweile in der Bevölkerung Restdeutschlands aufgegangen sind, wirkt diese Untersuchung wie ein unverstellter Blick in die Vergangenheit, der durch eine abgelegte Brille gewagt wird.

Andreas Vonderach: Anthropologie des früheren Ostdeutschlands (vor 1945). Ethnische Schichtung und Sozialbiologie, Beltheim-Schnellbach: Lindenbaum 2019. 128 S., 18 € - hier bestellen


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.


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