20. Juni 2019

Nur noch kurz die Welt retten: Habecks Dromokratie

Caroline Sommerfeld / 65 Kommentare

Ich stolperte im Netz über einen Schnipsel, einen mundgerecht für rechtes Haareraufen aufbereiteten Ausschnitt aus einem dreiviertelstündigen Gespräch:

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Es fand statt zwischen dem Fernsehphilosophen Richard David Precht und dem grünen Kanzlerkandidaten Robert Habeck.

Der Schnipselzusammensteller der Schweizer Express Zeitung schlägt dem so manches Mal überschießenden truther-Duktus dieses Formats entsprechend entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen und untertitelt: Habeck wolle "kommunistischer Kanzler von China werden". Hat der Grünen-Vorsitzende sich da bloß ungeschickt ausgedrückt? Liegt hier ein gesinnungsgeleitetes Mißverstehenwollen vor?

Die besagte Passage lautet wie folgt (Kürzungen betreffen Prechts Interventionen und Bezüge auf den vorherigen Gesprächsverlauf):

"... Bürgerbeteiligung (das wollen wir ja auch), aber dadurch entsteht eine Wirklichkeit, daß die Politik nicht immer auf Ballhöhe der Herausforderungen ist. (...) Man kommt da nur normativ weiter. Da muß man sich entscheiden: will man, daß ein demokratisches System noch eine Chance hat, dann muß man aber in großer Geschwindigkeit radikale Schritte in der Politik einführen, oder gibt man es auf, dann muß man zu zentralistischen Systemen hingehen, die natürlich schneller sind (...)  da gibt es eben keine Opposition und keine Mitbestimmung, und wenn die Fehler machen, dann werden die eben trotzdem nicht abgewählt, vielleicht gibt es mal eine Revolte in China, aber erstmal ist das System China effizienter. Wollen wir das oder wollen wir das nicht? Ich glaube, die Entscheidung kann man nicht ökonomisch treffen, die kannst du nur wertegeleitet treffen, und ich würde sagen: ja, das wollen wir. Dann müssen wir aber den Wettlauf mit der Technik aufnehmen und auch mit der Macht der Konzerne ...".

Was will Habeck? Bezieht sich sein vollmundiges "Ja, das wollen wir" tatsächlich auf chinesische Verhältnisse? Man muß den Schnipsel im Gesprächszusammenhang sehen:

Der Titel des Precht-Gesprächs "Frisst der Kapitalismus die Demokratie?" insinuiert, daß es unausweichliche, rapide fortschreitende, exponentiell an Fahrt aufnehmende globale Entwicklungen gibt. Die beiden Diskutanten einigen sich auf drei davon: Digitalisierung, Klimawandel und Turbokapitalismus. Sie kommen einmütig zu dem Befund, daß die Politik hinterherhinkt, sie findet nach wie vor analog und in analoger Geschwindigkeit statt. Habeck verweist auf den unglücklichen Umstand, daß Gesetze in einer Demokratie nun einmal verabschiedet und Anhörungen ausgesetzt werden müssen und so weiter, und das dauere so seine zwei Jahre.

Robert Habeck will die "Demokratie" retten. Ich schreibe den Begriff in Anführungszeichen, weil der Grüne eine extrem gekonnte "linguistische Therapie" (Herbert Marcuse) an diesem Begriff vornimmt. Precht gibt als Assistenztherapeut den Slogan aus, "daß die Dinge sich ändern müssen, um die gleichen zu bleiben". Lassen Sie uns mal sehen, wie dieser Eingriff gelingt.

Zunächst ist es sinnvoll, zwischen Demokratie I als "prozeduraler Republik" (Michael Sandel) und Demokratie II als einem "demokratischen Lebensstil“ (John Dewey) zu unterscheiden. Demokratie I ist gemeint, wenn man davon spricht, daß Entscheidungen "auf demokratischem Wege" zustandekommen, also durch Wahlen, Entsendung von Abgeordneten, Gewaltenteilung, Plebiszite etc., eben: prozedural und dem Prinzip nach erst einmal unabhängig von "demokratischen" oder "undemokratischen" Inhalten, die diese Prozeduren durchlaufen.

Demokratie II ist mit "Lebensstil" schon gut verschlagwortet. Es handelt sich um einen bestimmten linksliberal-"progressiven" Wertekanon, der eben bestimmt ist von Fortschritt durch social engineering, "Toleranz" und Minderheitenpolitik, wozu auch die gesamte kulturmarxistische Programmpalette samt "Kampf gegen Rechts" gehört. Nur im Sinne von Demokratie II kann man begrifflich sinnvoll demokratische Parteien wie die AfD oder die FPÖ sowie deren Wähler und gewählten Mandatare als "antidemokratisch" bezeichnen und verunglimpfen.

Demokratie“ läßt sich mithin oszillierend in doppelter Bedeutung gebrauchen: Mal ist es der politische Rahmen überhaupt, die verfahrensrechtliche Staatsform, und mal ist es ein bestimmtes linkes oder eben grünes Programm innerhalb desselben. Der Sophist Robert Habeck geht in seiner Argumentation klammheimlich von der einen zur anderen Bedeutung über:

1. Prima facie verteidigt er natürlich Demokratie der althergebrachten Bauform, also Demokratie als Prozeß der "Bürgerbeteiligung" (Demokratie I).

2. Da diese Demokratie I aber nun vom Kapitalismus gefressen zu werden droht, muß er sie notgedrungen "normativ" und "wertegeleitet" retten. Deshalb muß er

3. das nicht-demokratische, zentralistische chinesische Modell hernehmen als neue prozedurale Republik, um

4. bestimmte normative Inhalte, die in der bisherigen Demokratie I aufseiten bestimmter Parteien zur Debatte stehen, zu gewährleisten. Es geht ihm um die Inhalte eines "demokratischen Lebensstils" (Demokratie II), die aber ihrerseits nichts mit dem demokratischen Prozeß zu tun haben. Per "radikaler Steuerung" (Habeck) ist man sodann

5. in der Lage, mit der erforderlichen Geschwindigkeit diese Inhalte (Ausstieg aus der fossilen Energie, Vereinigte Staaten von Europa, Weltstaat, Veganismus, Digitalisierung, Entflechtung der Großkonzerne usw., sie alle werden in dem Gespräch genannt) durchzudrücken und

6. die "Demokratie" (Demokratie II) in letzter Sekunde zu retten. Ansonsten: Katastrophe.

Ab Minute 40:00 fragt der Philosoph den Politiker nach dessen "Utopien". Ja freilich hat Habeck welche auf Lager, und auch Pläne, wie diese denn per "Steuerung" schnell umgesetzt werden können, um mit der Entwicklung Schritt zu halten und "eine Reihe von Problemen einfach abräumen" zu können. "Nach der Europawahl können wir beginnen, diese Prozesse europäisch einzuleiten ... und wenn Donald Trump nicht wiedergewählt wird, kann es international weitergehen ....".

Der Expresszeitungsdramatisierer hat also recht mit seiner Deutung, nur kann man diese nicht isoliert dem Anderthalbminutenschnipselchen inklusive manipulativer Bösartigkeitswiederholung tonverzerrter "Ja, das wollen wir!"-Drohungen entnehmen.

Daß die Demokratie I historisch ein Auslaufmodell sein könnte - Prechts Gedankenexperiment, was wohl ein Historiker in 100 Jahren über die Gegenwart sagen würde, ist philosophenhandwerklich naheliegend, aber suggestiv - legt jedoch weder ihre bewußte Preisgabe zugunsten einer totalitären Demokratie II nahe, noch bedingt die Geschwindigkeit außerpolitischer Sphären politischen Zugzwang. Die Frage "Wollen wir die Welt in den Untergang rasen lassen, weil unsere Demokratie einfach nicht schnell genug ist, oder wollen wir Tempo zulegen und zack, zack die Welt retten?" ist schon ohne die Demokratie-Begriffsverdrehung falsch gestellt.

Habecks Logik des "Nur noch kurz die Welt retten" entspringt der "Dromokratie", die der französische Philosoph Paul Virilio beschrieben hat: der Herrschaft der zunehmenden Geschwindigkeit. Dieser wollte in den 80er Jahren wenigstens noch trotzig-reaktionär "wieder zu einer wirklichen Politik zurückzufinden, die Zeit braucht, zu einer 'demokratischen Geschwindigkeit'".

Der Panikmodus - täglich anhand der Klimahysterie zu beobachten - ist als Denkaxiom fatal: er führt zu Denkzwang ("wir müssen - sonst passiert") und als praktischer Syllogismus zu Handlungszwang ("radikale Steuerung"). Habeck verfällt diesen Zwängen allerdings nicht unabsichtlich wie unsere Klimajugend, sondern er und seinesgleichen machen sie sich zunutze zur "denklogisch" (Habeck) alternativlosen Festigung der Grünen Weltordnung, wie sie auch Kommandant Rezo bereits verkündet hat: "es gibt nur eine legitime Einstellung".

Wer grüne Preisdemokraten wählt, bekommt bolschewistische Steuerungstechnologen.


Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.


Kommentare (65)

Gotlandfahrer
20. Juni 2019 09:02

Erneuten Dank für die Herausarbeitung.

Mein spontaner Gedanke dazu:
Wer einmal, zum Beispiel in einer Wohneigentümergemeinschaft, die sich gegenseitig versichert auf „Nettigkeit“ Wert zu legen, d.h. „wertschätzende Kommunikationsregeln“ einzuhalten und jeder für sich nicht egoistisch zu sein, beobachtet hat, wie sich bei divergierenden Präferenzen der Egoismus verstärkt und sich dabei unter ostentativer Beibehaltung der „wertschätzenden Kommunikationsregeln“ immer stärker windende Wiederholungsschleifen ergeben, bis schlussendlich entweder eine Seite gewinnt oder es dann doch knallt, kann erahnen, wie auch in der Politik die Sprache, vorgebliche “Werte“ und überhaupt die „richtige Einstellung“ genutzt, gedehnt, verdreht aber niemals offen aufgekündigt werden, schlichtweg um das zu tun, was man dreist und egoistisch erreichen will. Man fragt sich, für welche „Menschheit“ Habeck & Co denn das, was sie vorhaben, erreichen wollen, wenn es doch eben diese Menschheit ist, die aufgrund ihrer Defekte und Unzulänglichkeiten im Grunde für sie ja verachtenswert ist. Der „Neue Mensch“ ist ja offenbar nicht der jetzige Mensch, das heißt ihr Ansinnen ist menschenfeindlich, nicht menschenfreundlich. Offenbar treibt negativselektierte Erbprasser wie Habeck das Leid an ihrer Unmöglichkeit, die Welt nach ihrem Willen zu beherrschen, dazu an, dieses Defizit wenigstens durch das Beherrschen möglichst vieler Menschen auszugleichen. Habeck & Co sind schlichtweg herrschsüchtig und benutzen Sprache, Werte und alles was bislang als Konsens galt dazu, ihren Willen – ggf. sogar sich selbst gegenüber – zu verschleiern. Solche Personen sind nur noch zum Kotzen.

Michael B.
20. Juni 2019 10:20

Die Definition von "Demokratie II" halte ich fuer sehr fragwuerdig. Sie ist ja nun mit jeglichem Inhalt fuellbar und nicht nur mit dem des Gruenen. Ich koennte es auch "bollocks 43" nennen, voellig beliebig. Was zerbrochen ist, ist "Demokratie I", allerdings nicht wegen Ineffizienz gegenueber 'Turbokapitalismus' oder anderen der genannten Gruende.

Gewaltenteilung? Ich habe gestern gerade die Ablehnung meines Widerspruchs zur GEZ-Zahlung bekommen. Das ist das dritte Mal und wird das zweite Gerichtsverfahren ausloesen. Im verbleibenden Fall hatte ich getestet, wie schnell ein GV vor der Tuer steht (Anm.: die lassen nichts anbrennen). Dieses Verfahren werde ich genau aus dem simplen Grund nichtvorhandener Gewaltenteilung wieder verlieren.

Man muss vorsichtig sein, mit den exklusiven Zuschreibungen von Dingen zu Herrschaftsformen. Marco Gallina hat einmal auf seinem Loewenblog ein sehr schoenes Beispiel fuer Gewaltenteilung (um beim Beispiel zu bleiben) in einem -nichtdemokratischen System skizziert. Das hat allerdings funktioniert, u.a. weil man sich des Wertes eines solchen gegenseitigen Inschachhaltens der Kraefte wohlbewusst (und auch dazu unter Androhung des Untergangs gezwungen) war.

http://www.marcogallina.de/traktate/die-vorteile-des-venezianischen-aemtersystems/

zeitschnur
20. Juni 2019 11:22

Es ist ja eigentlich nicht zum Lachen, aber bei Habeck muss ich an die grotesken frühen Filme des unnachahmlichen Jacques Tati denken. Im Film "Jour de fête" (1947) lässt Tati den langsamen, mit einem schwarzen alten Tourenrad fahrenden Briefträger Francois (c muss cedille haben) nach Ansicht eines amerikanischen Films über "schnelle" und "effiziente", moderne Postzustellung plötzlich "turbo"-mäßig Tempo aufnehmen. "Rapidité" wird sein Motto. Er rast durch die Landschaft, stellt tatsächlich Briefe und Päckchen doppelt so schnell zu wie vorher, selbst die Tour de France überholt er dabei... NUR: die reale Welt braucht das nicht und bleibt antiquiert. Die schnellen Handlungssplitter rasten nun an falschen Stellen ein und führen zu Absurdität und Zerstörung. Die Physis des Menschen wird nicht schneller durch den Appell "rapidité", auch nicht die der Ziegen, Hunde und Gäule. Der Tag hat immer noch 24 Stunden, und die Sonne geht nicht schneller auf und unter, nur weil einer "rapidité" ruft. Vielmehr wehe dem, der meint, das alles umfunktionieren zu können. -

Im Hinblick auf welche Phänomene also will Habeck seine "rapidité"-Parole anwenden?
Oder noch anders gefragt: Kann man sich das "gut Ding will Weile haben" heutzutage sparen? Gibt es so etwas wie eine „schnelle/effiziente Besonnenheit“? Was kommt dabei heraus, wenn man, in der Zentrifuge der "Demokratie II" mit ihren Implikationen, die sowieso schon abgehoben haben von jeder Realität und nur auf einem ideologischen, käseglockengeschützten Jahrmarktkarussell funktionieren, mit immer größerer Geschwindigkeit und Spannung, um mit den selbstverursachten Absurditäten noch "Schritt zu halten", nach außen geschleudert wird, bis die Kette reißt und die Idioten, die darauf gesetzt haben, wie irre Stubenfliegen von innen gegen das Glas der Käseglocke donnern lassen?!
Wir müssten es ja nur nicht mitmachen - so vieles... was der "Turbokapitalismus" uns an Wünschen erzeugt... und in aller Gemütsruhe diesen Käseglockenzirkus von außen betrachten und abwarten und Tee trinken.

In Habecks Perspektive ist offenbar keinerlei Kenntnis dessen vorhanden, was man "condition humaine" nennt. Und DAS macht wirklich Angst - denn entweder solche Burschen glauben im transhumanistischen Taumel, sie könnten den Menschen unendlich umformen, oder sie werden im infantilen Zorn darüber, dass der Mensch halt so ist wie er ist, irgendwann nur noch um sich schlagen. Solche Wahnsinnigen hatte die Welt im 20. Jh aber schon so oft, dass es wirklich auf herabgesetzte Klugheit, vielleicht schlicht Mängel-Intelligenz hinweist, wenn heutige Menschen erneut mit fliegenden Fahnen in die nächste Katastrophe laufen (Umfragewerte der Grünen!), und dies mit dem guten Gefühl, "den Anfängen gewehrt zu haben".

Maiordomus
20. Juni 2019 11:25

Einer der analytisch intelligentesten Kommentare hier in den letzten Monaten. Ansonsten war ich wohl nicht der einzige, der im letzten Halbjahr oder schon länger über die hier geführten Debatten kaum mehr glücklich oder auch nur befriedigt sein konnte. Einen nach wie vor exzellenten Eindruck macht mir aber das gedruckte Heft "Sezession". Der mittlerweile umstrittene katholische Intellektuelle David Berger hat in den letzten paar Jahren wenig bis nichts abgesondert, was das Niveau der besten Artikel erreicht hätte. Sehr zu denken geben mir die neuesten Beiträge in Sezession über Rolf Peter Sieferle, wiewohl dessen Thesen über den Krieg nicht über jeden Zweifel erhaben scheinen, nichtsdestoweniger aber einen Hauptschauplatz und eine unterdrückte Zentralthematik der "geistigen Situation der Zeit* (Carl Jaspers) beschlagen.

Zurück zum Artikel von Sommerfeld: Wenn Demokratie I, für die einzutreten sich nach wie vor lohnt, der gesinnungsorientierten Demokratie II geopfert wird, wozu die gegenwärtigen in der Geschichte der Bundesrepublik kaum je dagewesenen Hetzkampagnen wegen einem noch längst nicht abgeklärten Mordfall an einem Politiker beitragen, dann Gute Nacht! Dieser Prozess in Richtung Gesinnungsdemokratie nach dem Vorbild von Robespierres Tugendterror ist aber leider schon länger im Gange. Immer fragwürdiger gebärdet sich, was nicht ohne Konsequenzen für die Normalos bleiben wird, zumal der Justizstaat, etwa dann, wenn eines der bisher angesehensten Gerichte in Europa, das Eidgenössische Bundesgericht in Lausanne, "niedrigen IQ" eines Verbrechers als legitimen Hinderungsgrund zu dessen von Verfassung und Volksabstimmung verfügten Ausschaffung in sein balkanisches Heimatland ins Feld führt. Wir nähern uns hier einem wahnhaften Tiefpunkt der europäischen Rechtsgeschichte, einer historisch bedingten pseudohumanen Idiotisierung, wie ich sie bisher höchstens - aus historischen Gründen, nicht wegen kruder Dummheit - allenfalls einem aus Parteileuten bestückten deutschen Gericht zugetraut hätte.

Noch interessant ist gemäss Sommerfelds Analyse, wie schicksalhaft nun aber doch die Wiederwahl von Donald Trump zu sein scheint, selbst wenn dessen ideologisch keineswegs konsistente Politik aus Sicht der europäischen Rechten weder als klassisch konservativ noch als "konsequent rechts" eingeschätzt werden kann. Er bleibt aber - seit rund 9 Jahrzehnten, Herbert Hoover - wohl der amerikanische Präsident mit dem geringsten weltpolitischen Schaden. Für die Wiederwahl des aus rechter Sicht geringsten Übels in der Weltpolitik zu beten scheint mir insofern kein Luxus zu sein. Auch Putin, den zu verehren aus westlicher Sicht kein grundsätzlicher Anlass besteht, scheint mir nichtsdestotrotz der immer noch vernünftigste und berechenbarste russische Politiker seit etwa der Zeit von Zar Alexander II. zu sein. Die langfristigen Interessen seines Landes liegen bei ihm in besseren Händen als die langfristigen Interessen Europas in den Händen der Europäischen Kommission. Dies ändert nichts daran, dass die kriminellen Hintergünde des Abschusses der Maschine vom Juli 2014 unklar bleiben und eine Mitverantwortung des russischen Präsidenten auf jeden Fall eher wahrscheinlich erscheint als z.B. eine Verantwortung der deutschen neuen Rechten und der AfD für den oben genannten, bei weitem noch nicht abgeklärten Mordfall, der nicht nur von linken Demagogen heute schon mit dem Mordfall Rathenau gleichgesetzt wird. Es ist, wie es selbst in Österreich im Zusammenhang mit Sellner und anderen am Tage liegt, mit Verfolgungen zu rechnen, die durchaus an diejenigen von 1819 im Zusammenhang mit der Ermordung von August von Kotzebue erinnern. Das Beispiel ist indes nicht als Signal politischer Verzweiflung gemeint. Die damaligen Verfolger erwiesen sich nämlich durchaus als Verlierer der Geschichte.

Andreas Walter
20. Juni 2019 11:45

Ich dachte, das wäre hier jedem bekannt. Doch schon vor ein paar Tagen las ich auch den Artikel bei Arcadi über die Grünen und habe mich danach gefragt, wie Lars Steinke diese Wölfe im Schafspelz so dermaßen unterschätzen kann:

https://arcadi-online.de/gruenes-spiessertum-und-rechter-fortschritt/

Macht ihr denn keine Schulungen, in denen Ihr euren Leuten die Methoden und den bereits existierenden Klüngel auch der Grünen erläutert?

Da machen ein paar Grüne, ein grünes Institut eine falsche Studie, dann fliessen Milliarden in ein grünes Projekt, und am Ende heisst es dann ausser Spesen nichts gewesen. Das Geld aber, das haben dann schon ganz viel grüne (aber auch etablierte) Akteuere bereits eingesteckt, und müssen es auch nicht wieder zurückgeben:

https://www.focus.de/auto/elektroauto/projekt-des-bundesumweltministeriums-erste-praxiserfahrung-oberleitungs-lkw-sparen-nur-10-prozent-kraftstoff_id_10837344.html

So macht man Geld, auch mit vollkommen unsinnigen Projekten, von der Windkraft bis zur Photovoltaik, und als nächstes wollen sie auch noch Elektroautos, die ebenso zig Milliarden verschlingen werden, ohne auch nur einen nennenswerten Beitrag zur Lösung zukünftiger Energieprobleme in Deutschland zu bringen.

Fast die gesamte Politik der Grünen ist darum einzig und allein auf Bereicherung ihrer Kreise bei gleichzeitiger Zerstörung Deutschlands als Industrienation ausgerichtet. "keep ... the Germans down.", "Deutschland verrecke".

Moderne Schlangenölverkäufer, die gerne darum auch ganze Völker und Nationen ausbeuten, ausplündern, wenn nur genug zu holen ist. Was auch hier (noch) der Fall ist.

Stimmt, CO2-Steuer habe ich vergessen.

(...)
Kommentar Sommerfeld ad Youtube-Links
Faustregel: Ein sinnvoll beschriebener Link geht durch, ein zusammenhanglos dastehender nicht. Beispiel: "Sie können in diesem Video sehen, daß seit der Einführung der FED ..." geht durch, auch wenn wir ggf. inhaltlich nicht derselben Meinung sind. Extrablödes Gegenbeispiel: "Wir wissen doch eh bescheid: Link 1, Link 2, Link 3" geht nicht durch. Diese Faustregel entbindet uns natürlich nicht von Admin-Entscheidungen, was überhaupt freigeschaltet wird.

quarz
20. Juni 2019 12:03

Geschichtlich lässt sich folgende Entwicklung beobachten. Wenn eine weltanschauliche Gruppe über wenig politische Macht verfügt, dann liegt der Fokus ihrer Kritik auf Defiziten bzgl. Demokratie I. "Mitbestimmung" ist ein zentrales Ziel der politischen Agenda. Je mehr politische Macht der Gruppe zuwächst, umso weniger Wert legt sie dann auf Demokratie I. An den Schalthebeln der Macht (oder in absehbarer Reichweite derselben) weicht dieses kritische Anliegen zunehmend dem Gedanken, dass ja nunmehr (bald oder bereits) diejenigen über politische Macht verfügen, die den Durchblick und die richtige Wertorientiertung haben, kurz: die wahren Typ-II-Demokraten. Und so gesehen verliert das Engegement für Demokratie I seinen Sinn und seinen Platz in der politischen Programmatik der betreffenden Gruppierung. Früher oder später kommt man dann nicht an der Frage vorbei, welche "Demokratie" im Konfliktfall das Nachsehen haben soll. Und dass die Antwort im Hinblick auf die Machtfrage gegeben wird, ist dann kaum überraschend: democratia ancilla potentiae.

Gustav Grambauer
20. Juni 2019 12:50

Nicht nur die Expreßzeitung, auch Precht und Habeck bleiben an der Oberfläche, muten die Offenlegung der ganzen konzeptionellen Wucht des Vorhabens, bei dem sie nur Helfer (Precht) und Figur (Habeck) sind, dem Publikum (noch) nicht zu. Beide dürften den hier inkrimierten

https://www.zeit-fragen.ch/de/ausgaben/2012/nr25-vom-1162012/moechten-sie-zu-schule-und-bildung-eine-kleine-neurolinguistische-seelenmassage.html

Titel,

https://www.zvab.com/servlet/SearchResults?sts=t&cm_sp=SearchF-_-homeISS-_-Results&kn=logik+der+rettung&an=&tn=&isbn=

in dem es hinab in die Tiefe der Materie geht, sehr gründlich gelesen und den projektiven Romantizismus und z. B. die Irritation des Grünen Adolf nur kühl heraussteuerungstechnoglisiert haben.

Es handelte sich um einen schon damals hochumstrittenen, zweifellos außerordentlich mutigen und faszinierenden sowie - leider - immer noch und sogar zunehmend aktueller werdenden Vorstoß. Meine Haltung dazu, Herr Lehnert möge mir verzeihen: Bahro war ein - ezxellenter - Taschenspieler, was ihm Günter Rohrmoser (!) auch, etwas höflicher ausgedrückt, öffentlich bescheinigt hat. Bahros Virtuosität lag darin, New Age, Deep Ecology, diotimisierte Matriarchatsutopie und urkommunistischen Spleen auf Sehnsuchtsbasis mit knallharter Hegelei zusammenzumischen, die Mixtur für den BRD-Müesli-Zeitgeist der 80er Jahre anschlußfähig zu machen, dabei kräftig mit den damals grassierenden Zukunftsängsten zu spielen sowie noch kräftiger auf die "I-want-you-to-Panic"-"Rettungs"-Tube zu drücken. Er hat mir mal gesagt, er wäre sich in der Osho-Kommune klar darüber geworden, wieviel SED-Agitpropagandist immer noch in ihm gesteckt hatte - ich sehe den SED-Agitpropagandisten

https://www.kopp-verlag.de/Weltoktober.htm?websale8=kopp-verlag.01-aa&pi=B3822596

auch noch sehr im Autor der "Logik der Rettung". All dies sei gesagt bei zugleich großem Dank für die Begegnungen mit ihm und dafür, daß er mich wie viele meiner - auch durch ihn hinzugewonnenen - Ossi-Freunde nach 1990 in die westliche Welt der Reflexion eingeführt hat; auch dafür, wie er mir vermittelt hat, meinen eigenen Denk- und sogar Lebensstil sehr zum Guten zu ändern. Aber wenn er mir erstmals die Bekanntschaft mit Schamanen ermöglichte, dann muß er auch deren Prinzip "Burn your Teacher" gegen sich gelten lassen.

- G. G.

Kommentar Sommerfeld: Sehr guter Hinweis - ich kenne Rudolf Bahros Schriften nicht, und damit, daß ich halt zweite Generation der Grünen bin, kann ich mich nicht herausreden. Den schau ich mir genauer an!

RMH
20. Juni 2019 13:27

Zusammengefasst:
Habeck gibt sich als Überzeugungstäter in der urlinken Tradition seit 1789. Ein kleiner Jakobiner, der natürlich genau zu wissen glaubt, was das "Glück" der Menschen ist und für diese hehren Ziele rechtfertigt der Zweck die Mittel und da die Welt bekanntermaßen gerade untergeht, muss man auch rasch handeln. Heutzutage wird man als schnelles Mittel zum Glück vermutlich nicht mehr zur Guillotine greifen, aber manchmal ist ein schnelles Kopf ab fast humaner, als dieser unerträglich sozialpädagogisierende und erzieherische Tugend-Terror dieser Oberlehrer Partei, der für gesunde Menschen nicht nur einer Psycho-Folter gleich kommt, sondern diesen auch ganz konkret ihrer Freiheiten berauben will.

Mit Habeck haben wir quasi das Destillat der grünen Bewegung und Weltanschauung. Ein echter "Führer".

Elvis Pressluft
20. Juni 2019 13:47

„Seit Jahren wird die Grenze des Sagbaren gezielt verschoben …“ – C. Roth. Wohl wahr. Habeck ist „relevant“ in dem Wortsinne, der neuerdings auch auf einen Tauber (et alii) anwendbar ist: Man traut sich was; die Zeit ist reif. Niemand will die Gunst der Stunde verstreichen lassen. Tauber hatte – hoffentlich – seine 15 Minuten, aber Habeck bleibt uns erhalten, und er denkt in richtig (!) großen Maßstäben. Hoffnung macht dieser Tage, daß selbst Teile des gesetzten Bürgertums aufzuwachen scheinen: Eine verarmte Bevölkerung ist zwangsweise „nachhaltig“ und „klimaneutral“ – so hat es ein Kommentator auf „Welt online“ erkannt (wo übrigens teils auch Tauber annähernd richtig interpretiert wird). Die hüpfenden Klima-Kinder kapieren das noch lange nicht, ebensowenig wie den Umstand, daß nur eine (relativ) reiche brd die Statik des Kartenhauses EU gewährleisten und beliebig viele „Geflüchtete“ verköstigen kann. Immerhin, Weizen und Spreu trenne sich aufgrund zunehmender radialer Beschleunigung (wie auch die Causa Berger zeigte).

Atz
20. Juni 2019 14:07

Ich halte es nicht für klug, sich an Habeck abzuarbeiten. Er ist eher ein mittelmäßiger Denker, der aber mit dem ordnenden Eingriff sympathisiert. Er ist im Kern ein Ordoliberaler. Ich habe ihm mal zusammen mit Lindner gesehen. Lindner fährt ja ideologisch einen dezidiert ordoliberalen Kurs (entgegen seiner Partei), Habeck sympathisiert mit allem, was nach Rute aussieht ohne selbst zuschlagen zu wollen. Diese Kombination, dieses Konzept von Rute für die Freiheit, ist ansonsten oft schwer vermittelbar. Ordoliberalismus ist kein populistisches Programm, sondern das österreichische Denken und Vorverständnis, das größere politische Flexibilität gegenüber Ideologien bringt. Ordoliberale stellen die Machtfrage und wollen den Machthaber stets entthronen, Machdistanz reduzieren.

heinrichbrueck
20. Juni 2019 17:17

„Wer grüne Preisdemokraten wählt, bekommt bolschewistische Steuerungstechnologen.“

Umgekehrt.
Die Grünen haben die Demokratie nicht erfunden. Die Demokratie muß schon als Gesamtkonzept gesehen werden, und nicht geteilt in positiv und negativ. Die Grünen sind auch nicht die Vordenker ihrer eigenen Politik, kommunizieren sie lediglich in negativer Hofnarrenmanier; und wer wählt, wählt immer Demokraten. Hat mit Schuld nichts zu tun, auch wenn der demokratische Schuldkult die Bindung verfestigt. Ein Demokrat kann es einfach nicht glauben, daß seine Wahlentscheidung eine Lüge anbetet. Anstatt eine Alternative I im System, wäre eine Alternative II zum System die passendere Variante. Noch etwas: Politiker lügen. Und wer sich ein demokratisches Parlament leisten kann, hat genug Geld, auch genug Sklaven als ausgebeutete Wählermasse, die es erwirtschaften, um den ideologischen Teufelskreis zu erhalten. Wer gut wählt, bekommt Plan A; wer böse wählt, bekommt Plan A. Plan A ist verkommen, richtig und falsch spielen wahltechnisch keine Rolle.

Monika
20. Juni 2019 17:40

Danke, Frau Sommerfeld, für diesen wichtigen Beitrag !
Auf dem Weg in eine Gesinnungsdiktatur ( und nichts anderes meint hier „wertegeleitet“ zu handeln, denn die „Werte“ werden unhinterfragt vorausgesetzt) ist es immer wieder ratsam, die osteuropäischen Dissidenten der 70/80er Jahre heranzuziehen. Etwa Leszek Kolokowski, Alexander Sinowjew, Havel, Czeslaw Milosz u.v.a.. Der Typus „ Weltenretter aus Menschenfreundlichkeit“ ist von den genannten Autoren immer wieder beschrieben worden. Und dieser Menschentypus stirbt nicht aus.
Ein Auszug aus Milosz‘ „Verführtem Denken“:
„Wenn nun ein neuer Mensch sich erhebt, ein Mensch, der die Welt, anstatt sich ihr zu unterwerfen, gründlich verändern will, statt sich ihr sklavisch zu unterwerfen? Nur so kann er sich aus der Absurdität seiner physiologischen Existenz erlösen. ....Wenn der Intellektuelle die Todesqual des Denkens kennenlernen muss, warum sollte er anderen diesen Schmerz ersparen? Warum sollte er sich schützend vor diejenigen stellen, die bisher nur getrunken, gejohlt, sich den Bauch vollgeschlagen, alberne Scherze gerissen und das Leben recht prächtig gefunden haben ? ....
Der Mittelstand, die Bauern besitzen in ihm keinen Verbündeten....Und doch ist er warmherzig und gut - ein Freund der Menschheit, nicht der Menschheit, wie sie ist, sondern wie sie sein sollte. Er ist dem Inquisitor des Mittelalters nicht unähnlich: Doch während jener das Fleisch folterte, aus dem Glauben, dass er damit die einzelne Seele errette, wirkt der Intellektuelle des Neuen Glaubens für die Errettung des ganzen Menschengeschlechtes.“
Das wurde 1980 geschrieben und ist aktueller denn je.
Habeck wurde mit einer Arbeit über „literarische Ästhetizität“ zum Doktor der Philosophie promoviert. Ich weiß nicht, über was er geschrieben hat, es klingt aber in etwa so harmlos wie „Zentrum für politische Schönheit“. Und Philosophen, die die Welt verändern wollen, traue ich nicht über den Weg.

Weltversteher
20. Juni 2019 17:59

Toll, Frau Sommerfeld, einer Ihrer besten Beiträge. Ich glaube, auf dem Arbeitsgebiet können Sie hier sehr nützlich sein.

Der_Juergen
20. Juni 2019 20:57

@Ein ausgezeichneter Artikel von Caroline Sommerfeld; von den Kommentaren fand ich die von @Maiordomus und @Monika besonders gelungen.

Da mich hier niemand verdächtigen wird, ein Habeck-Sympathisant zu sein, möchte ich bekennen, dass ich den eingangs zitierten Abschnitt für überraschend ehrlich und im Prinzip richtig halte. Selbstverständlich ist ein autoritäres Regime, solange es von Menschen mit einem Minimum an gesundem Verstand geführt wird, sehr viel eher als ein demokratisches imstande, jene drastischen Entscheidungen zu treffen, die in der Politik immer wieder nötig sind.

Die von C. Sommerfeld vorgenommene Unterscheidung zwischen "Demokratie 1" und "Demokratie 2" ist treffend. Dass "Demokratie 2" pure Heuchelei ist, leuchtet jedem von uns ein, aber auch "Demokratie 1" ist heute in Ländern wie Deutschland zur Farce geworden, weil ein Machtwechsel auf demokratischem Wege de facto nicht möglich ist (eine Opposition wie die AFD erhält, solange das System die Medien kontrolliert, nie und nimmer die absolute Mehrheit, und wenn sie z. B. mit der Union koaliert, muss sie ihre Prinzipien verraten). Meiner Überzeugung nach bekommen wir so oder so eine offen autoritäre Regierungsform. Die Frage ist nur, wer ans Ruder kommen wird - jene, die das eigene Volk erhalten oder jene, die es zerstören wollen. Wir haben, um einen hier nicht unbekannten spanischen Denker des 19. Jahrhunderts zu zitieren, die Wahl zwischen der Diktatur des Degens und der Diktatur des Dolches.

Waldgaenger aus Schwaben
20. Juni 2019 21:11

Was macht den Markenkern der deutschen Rechten aus?

Für mich ist es die Volkssouveränität, im GG niederlegt in Art 20: "Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. "

Das sich Teile der Autoren hier diese Auffassung teile, begrüße ich sehr.

Volkssouveränität setzt natürlich voraus, dass es einen Begriff davon gibt, was "das Volk" ist. Wer den Begriff Volk ablehnt, ist also schon per se ein Verfassungsfeind.

Zur Ökodiktatur :
Eine Ökodiktatur würde zu den schlimmsten Umweltzerstörungen führen. Denn auf der einen Seite wie in jeder Diktatur würde eine Ökodiktatur wichtige Posten gerade in ihrem Kernthema weniger nach Kompentenz sondern mehr nach Linientreue besetzen.
Auf der anderen Seite würde jede Ökodiktatur Kritik an ihren umweltpolitischen Massnahmen direkt als Angriff auf ihre Rechtfertigungsgrundlage empfinden und auf Schärfste bekämpfen.
Beides zusammen würde schlimmste Umweltzerstörungen zeitigen.

Habeck ist entweder so dumm und historisch ungebildet, dass er nicht sieht, dass Umweltpolitik nur einem Klima freier Meinungsäusserung und freier Wahlen funktionieren kann, oder er weiß um diese Zusammenhänge und will die Diktatur, zu der ihm der Umweltschutz nur Vehikel ist.

Weltversteher
20. Juni 2019 21:31

"Meiner Überzeugung nach bekommen wir so oder so eine offen autoritäre Regierungsform." (Der_Juergen)

So sieht's aus. Und in meinen Augen sollte es eines der entscheidendsten Anliegen sein, das zu verhindern.
Ich glaube nicht, daß sich dafür die Frage stellt, in welcher politisch-philosophischen Form man das erreichen kann, sondern schlichtweg, ob gegenwärtige Menschen das verhindern wollen und den Mut zum entsprechenden Einsatz zu haben.
Denn es geht zu allererst darum, fernerhin die Handlungsfreiheit des einzelnen Menschen zu entwickeln. Dieser Begriff enthält interessanterweise gleichermaßen die Vorstellung vom "Neuen Menschen" (dem weiterentwickelten zukünftigen) wie auch der "conditio humana" (zu der doch wohl gehört, daß der Mensch seinem Entwicklungsziel entgegenstrebt).

Lotta Vorbeck
20. Juni 2019 21:57

@Michael B. - 20. Juni 2019 - 10:20 AM

"... Dieses Verfahren werde ich genau aus dem simplen Grund nichtvorhandener Gewaltenteilung wieder verlieren. ..."

*****************************

Sich einem Verfahren stellen zu wollen, was von vornherein absehbar nicht zu gewinnen ist, naja, dann haben Sie wohl das Zeug zum Märtyrer.

Schauen Sie vielleicht mal ins NuoViso-Archiv. Eines der neueren Filmchen vom Robert Stein behandelt genau dieses, von Ihnen genannte leidige Thema.

Bereits aus dem Film selbst, können Sie für sich brauchbare Informationen extrahieren und unter dem Film sind weiterführende Links bereitgestellt.

Ostelbischer Junker
20. Juni 2019 21:59

Danke Frau Sommerfeld, ich finde der zukünftige Bundeskanzler sollte gerade hier im Fokus liegen.

Es gibt entweder Demokratie I oder gar keine. Es ist wie im Recht. Als Angeklagtem nützt mir die StPO mehr als ein lasches StGB. Und als ob sie nicht schon längst in Trümmern läge, unsere Prozessdemokratie. Euro, Atom, Fugees. Wenn ihnen danach ist, dann ist das GG und der Gesetzgebungsprozess doch eh nur „scrap of paper"!

Habeck müsste als echter Umweltfreund das Gegenteil wollen, die Langsamkeit gerade in der Politik. Wir haben Ruck Zuck unsere Flüsse zu Industrielandschaften gemacht, den Boden für die Kohle aufgerissen, unsere Felder monokultiviert, AKWs hochgezogen und Kulturlandschaften mit teuflisch drehenden Grätschaften überzogen. Saloppe Energiewende, die den CO2 Ausstoß massiv erhöht. Es geht alles viel zu schnell.....In einer heilen konservativen Welt findet aller drei Jahre ein Reichstag als Wanderzirkus statt, dazwischen dürfen nur vorläufige Beschlüsse getroffenen werden, die der Abschied bestätigt oder verwirft.

Wie sehr die entscheidende Klasse gerade ihre b8sher in der Öffentlichkeit geübte Zurückhaltung ablegt ist atemberaubend. Sollen sie weiter machen, hoffentlich merkt auch der letzte GG Fan, wohin uns dieses Papier und seine Prediger führen.

Lotta Vorbeck
20. Juni 2019 22:09

@Maiordomus - 20. Juni 2019 - 11:25 AM

"... Dies ändert nichts daran, dass die kriminellen Hintergünde des Abschusses der Maschine vom Juli 2014 unklar bleiben und eine Mitverantwortung des russischen Präsidenten auf jeden Fall eher wahrscheinlich erscheint ..."

***************************************

In Mecklenburg passiere alles 100 Jahre später - heißt es.

Gehen die Uhren hoch droben in der helvetischen Bergwelt auch ein paar Jahre nach?

Michael B.
21. Juni 2019 00:06

"Demokratie II ist mit "Lebensstil" schon gut verschlagwortet. Es handelt sich um einen bestimmten linksliberal-"progressiven" Wertekanon"

Ich wuerde den Begriff "Demokratie II" etwas anders sehen:

Er kommt mir hier etwas unterschaetzt weg, wenn er einfach auf diese spezielle Gruenenfuellung reduziert wird. Ein Wertekanon ist ja immer da, insofern ist Demokratie (eigentlich jede Gesellschaftsform) immer I + II, sprich Prozedur + Werte. Da die beiden Komponenten wechselwirken, ist eine voellige Besetzung von D II durch eine einzelne Variante gefaehrlich, bei dem skizzierten konkreten gruenen Inhalt brandgefaehrlich, das ist ja richtig gesehen. Die Folgerung halte ich aber fuer falsch und auch etwas fuer Augenwischerei. Der Gruene wuchert einfach mit seinen Pfunden, der Moeglichkeit der Realitaetsgestaltung durch ein momentan starkes - in seinem Fall irrationales - Wertgefuege.

Der Ebenenwechsel in einer Diskussion wie im Artikel skizziert ist aber nicht per se abzulehnen, weil gewisse Punkte eben weder von I noch von II allein erreich- oder diskutierbar sind. Es geht viel eher darum, in D II wieder in signifikantem Umfang Fuss fassen zu koennen. Denn D I braucht die Regulierung durch diesen Aspekt, weil sie aus sich heraus gerade im gegenwaertigen zerstoerten Zustand nicht mehr mittels ihrer ganzen ausgehoehlten Regularien aenderbar ist.

Stefanie
21. Juni 2019 05:58

Der Kern der Umwelt-, insbesondere der Klimadebatte besteht wohl darin, daß diese Themen in erster Linie ein Mittel sind, um andere Agenden damit voranzutreiben. Natürlich sind die Habecks, die Greta-Jünger und weite Teile der Grünen Partei Gläubige reinsten Wassers, doch bauen sie mit ihren Vorstößen letztlich Brücken für andere, die von den dadurch etablierten Mitteln profitieren würden: Gehirnwäsche, zentrale Lenkung/Überwachung von Wirtschaftsprozessen und Kommunikation und der Etablierung von Mechansimen zum Ausschluß und Unterdrücken von "Leugnern" und "Demokratiefeinden." Im globalen Maßstab betrachtet, wären wohl letztlich die Folgen selbst der apokalyptischsten Klimaszenarien für die Menschheit leichter zu überstehen, als die Folgen der "Klimarettungs"-politik.
Andererseits können in einem ressoucenarmen Land wie Deutschland auch schnell Szenarien eintreten, in denen plötzliche Ressourcenknappheiten auftreten: sei es im Energiebereich oder bei Nahrungsmitteln. Das daraus folgende Rationierungssystem wäre ebenso leicht ein Einfallstor für starke zentralistische Tendenzen.
Was die Folgen solcher Politik angeht, denke ich, daß an @ Waldgaengers Ausführungen zur Ökodiktatur etwas dran ist.

Andreas Walter
21. Juni 2019 05:59

@Gustav Grambauer

Einer meiner eher grünen Agrarprofessoren, er wählte nach Eigenaussage aber trotzdem die FDP, versuchte uns mal (oder mir?) die Idee, das Prinzip, die Notwendigkeit eines "Wohlwollenden Diktators" in Bezug auf die Ökologie zu vermitteln, worauf ich nach einer Häme diesbezüglich bei ihm für immer unten durch war. Ein Machtmensch und stolzer, eitler Pfau, dem man das, dem ich das aber damals rein äußerlich noch nicht angesehen habe (weil damals noch mein eigener Schatten). Böser Fehler.

Wobei uns die "I-want-you-to-Panic"-"Rettungs"-Tube auch mal ganz gut tun würde, in Bezug auf Restdeutschland, auf Deutschland, die deutsche Kultur, das, was von Deutschland noch übrig ist und nicht gefrankfurtsteinert wurde.

Sonst wird es später heissen, die Erhaltung eines Restdeutschland, die Schaffung eines deutschen “Israel“ scheiterte an Sachzwängen, an deutscher Starsinnigkeit und Rechthaberei. An Streitlust.

Denn Protokoll hin oder her, soviel Verbissenheit wie auch bei Merkel, die (Selbst-)Kontrolle und Selbstdisziplin aufrecht erhalten zu wollen, stösst mich eher ab als das ich das bewundere. Wir haben daher bereits einen machtbesessenen Psychopathen und Kontrollfreak mit "freundlichem Gesicht" (welch ein Euphemismus) an der Macht:

https://www.youtube.com/watch?v=Cs7FEpUG-WI

Der Schatten, nach Jung, spielt eben sein ganz eigenes, oft auch spiegelverkehrtes Spiel. Väterchen Stalin haben genau deshalb die Mitglieder des Politbüros auch unterschätzt, was sie dann sogar mit ihrem Leben bezahlen mussten, nicht wie ich nur mit vereinzelt etwas schlechteren Noten. Weil ich die "Kritische Theorie" nämlich gar nicht kenne, sondern sie einfach sui generis seit Kindheit lebe. Ober- oder sogar Hauptgefreiter bin ich darum auch nicht geworden, wie alle anderen Wehrpflichtigen in meinem Generalstab. Steckt wohl auch zuviel Führungsanspruch auch in mir, lebt dort auch ein Alpha-Tier.

Die Welt der Schatten ist es darum, die zu Kriegen und Intrigen führt, zu Diktaturen und Missbrauch. Missbrauchte aber missbrauchen, und das sieht man deshalb nicht nur in Belgien, sondern auch beim anderen Extrem, bei den Linken und Grünen, Sozialisten und Marxisten. Ja, auch Nationalsozialisten. Wobei hier das Problem auch bei der Teilmenge sozialisten liegt, nicht bei der Teilmenge National-.

Mein Grossvater und meine Großmutter mütterlicherseits sind ja auch nicht zufällig dem Adolf hinterhergerannt, dieser Übervaterfigur. Der Erste Weltkrieg und auch die Spanische Grippe haben eben viele Kinder zu Waisen gemacht. Zu Waisen, mit a, und nicht zu Weisen mit e. Revolutionen aber werden von Waisen, von Geschlagenen, Missbrauchten, Unterdrückten, Gestörten losgetreten, und nicht von Weisen.

Komplizierte Sache.

Gustav
21. Juni 2019 07:29

Habeck ist nur Erfüllungsgehilfe. Was jetzt kommt, kann man bei Karlheinz Weißmann, Post-Demokratie, nachlesen.

"Die Jakobiner waren die ersten, die versuchten, im Zuge der französischen Revolution eine Ordnung durchsetzten, die als demokratisch aufgefaßt wurde, insofern sie egalitär war und grundsätzlich auf dem Mehrheitsprinzip aufbaute und gleichzeitig jede Opposition für illegitim erklärte, weil sie dem Gemeinwillen entgegenstand.

Der innere Zusammenhang solcher Demokratie mit dem Terror hat auf die politische Linke ausgesprochen begeisternd gewirkt und in erfolgreichen Revoiutionen (Rußland 1917) ebenso wie in fehlgeschlagenen (die Commune von 1870/71, die Herrschaft der Anarchisten, Radikalsozialisten und Kommunisten in Spanien 1936-1939, die Epuration von 1944/45, die Studentenrevolte von 1968) regelmäßig »Wohlfahrtsausschüsse« hervorgebracht, die vorübergehend tatsächlich das Volk oder doch die Volksmeinung hinter sich wußten.

Angelegt war diese Möglichkeit schon in dem argumentativen Taschenspielertrick, den Marx und Engels anwandten, um die Diktatur des Proletariats als »Demokratie« erscheinen zu lassen, einen Führungsanspruch gegenüber der Gesamtlinken zu erheben, die sich im 19. Jahrhundert als unbedingt »demokratisch« betrachtete, und intern über das »ganze demokratische hiesige Geschmeiß«, »demokratische Gesindel« und »demokratische Lumpenpack« herzuziehen, das in seiner »demokratischen Pißjauche« liege, ohne einen Funken politischer Einsicht.“ (Karlheinz Weißmann, Post-Demokratie, 2009, S. 42-43)."

Andreas Walter
21. Juni 2019 08:06

@Monika

Könnte auch damit etwas zu tun haben:

“Ästhetische Theorie“, Wikipedia

Also mit schöner Morden, oder schöner Unterdrücken (Punktesystem, China).

Schöner Umwerten. Der übliche dialektische Schwachsinn halt, mit dem man Menschen verrückt macht und hinters Licht führt.

Ein weibliches Prinzip. Das Gegenteil darum auch einer Junggesellenbude oder eines Rockerklubs. Oder eines Punkschuppens.

Schmutzig versus sauber.

Schöner koten, Blümchen pupsen.

Chaos und Logos. Wild oder kultiviert. Krieger oder Hure, abgründig oder eben, Geburt oder Tod, ungehobelt oder politisch korrekt, eins oder unendlich, Materie und Energie, Gravitation und Expansion, Anziehung und Abstossung.

Sex? Ja, nein. Zusammen bis in alle Ewigkeit? Ja, Nein. Ja, aber nicht mit dir.

Dialektik, diametral, Dichotomie, Dialität. Di? Tri? Oder Mono? Monolektik? Triametral?

Beides zugleich, doch nie am selben Ort.

Alles hängt zusammen (allein schon über die Gravitation), und doch ist alles getrennt. Ein Gleichgewicht, Schnappschuss in ständiger Veränderung, Bewegung, Rekombination.

Heiss und brav zugleich, soll sie sein.

Er lieb und brutal, aber auch bitte nicht gleichzeitig.

Bestand hat, was sich bewährt. Dinosaurier zum Beispiel, für immerhin (immer alles zirka*) 170 Millionen Jahre.

*wegen der heisenbergsche Unschärferelation

Darum ist ja auch ein Kuss ein Kuss. Absolut. Egal welcher. Der des Todes - oder der in Liebe.

Die Tat ist darum was zählt, nicht die Absicht.

Phantasie, Worte, Gedanken, Wünsche, Hoffnungen, Ideen, Ideologien, Versprechen.

"Eine Frau der Tat". Diese Redewendung habe ich glaube noch nie irgendwo gelesen. (Rechte?) Männer (Weiße?) sind darum die Täter. Alle anderen angeblich ... schwach.

Michael B.
21. Juni 2019 08:25

@Lotta Vorbeck

> Schauen Sie vielleicht mal ins NuoViso-Archiv.

Ich lerne ja gern etwas zum Thema dazu. Ich erhalte dort allerdings unter dem Stichwort 'Robert Stein' nur eine lange, inhaltlich, zeitlich und visuell bunt gewuerfelte Liste von Filmchen, unter denen ich keinen finde, der irgendwie relevant zu sein scheint. Koennten Sie den gemeinten Titel bitte einmal nennen?

> dann haben Sie wohl das Zeug zum Märtyrer.

Das ist schon etwas herablassend, oder? Es gibt nach meinem Wissen wohl 4 Millionen offene 'Beitragskonten' bei diesem Verein, die unterschiedlichste Stadien des Nichtzahlens umfassen. Wuerden nur diese Leute das einmal alle bis zu einem Verfahren durchziehen, waere das Thema ganz schnell vom Tisch oder in einen Zustand eskaliert, der nicht mehr ignorierbar ist. Insofern gibt es gute Gruende, in dieser Form etwas Sand ins Getriebe zu streuen.

Adler und Drache
21. Juni 2019 09:20

Ähnlich heute Felix Menzel bei Manuscriptum, wo er vom Übergang von der "Rechts- in die Wertegemeinschaft" schreibt:
https://www.manuscriptum.de/kassiber/ubergang-in-den-ausnahmezustand.html
Ich frage mich, ob im Interim "Demokratie II"/die "Wertegemeinschaft" nicht der politische Normalzustand der Massengesellschaft ist, ob "Demokratie I"/die "Rechtsgemeinschaft" dagegen nicht eher die Ausnahme bzw. der Glücksfall ist.
Natürlich stellt sich mir auch immer wieder die bange Frage, was wohl geschähe, wenn "wir" am Drücker wären: ob "wir" nicht ebenso auf "Wertegemeinschaft" und "Gesinnungsdiktatur" bauen würden?

Andreas Walter
21. Juni 2019 09:31

Ja, tschuldigung, habe die Bremse gerade nicht gefunden. Kommt manchmal vor.

Tobinambur
21. Juni 2019 09:53

Klasse Analyse. Danke.

Lotta Vorbeck
21. Juni 2019 09:59

@Michael B. - 21. Juni 2019 - 08:25 AM

> Schauen Sie vielleicht mal ins NuoViso-Archiv.

Ich lerne ja gern etwas zum Thema dazu. Ich erhalte dort allerdings unter dem Stichwort 'Robert Stein' nur eine lange, inhaltlich, zeitlich und visuell bunt gewuerfelte Liste von Filmchen, unter denen ich keinen finde, der irgendwie relevant zu sein scheint. Koennten Sie den gemeinten Titel bitte einmal nennen?

***************************************

Sehr gern helfe ich Ihnen weiter:

1.) ganz neu

# Klare Sicht auf die Haushaltsabgabe - Das Ende der GEZ? - Christoph Kobe bei SteinZeit

am 27.05.2019 veröffentlicht

2.) schon ein bißchen älter

# GEZahlt? - Marco Fredrich bei SteinZeit

am 27.06.2015 veröffentlicht

RMH
21. Juni 2019 10:25

"... hoffentlich merkt auch der letzte GG Fan, wohin uns dieses Papier und seine Prediger führen."

@Ostelbischer Junker & Co,
was soll eigentlich immer dieser herumgehacke auf dem GG? Glauben Sie, eine wie auch immer geartete Verfassung, die dann auch in Papierform vorliegen wird, ob nun jetzt endlich einmal vom Wähler per Abstimmung legitimiert oder nicht, ist in den Händen ernsthaft williger Machthaber mehr als nur ein "Papier"? Deswegen sind gute Verfassungen auch durch entsprechende checks and balances, Gewaltenteilung etc. abgesichert.
Man sprach - als noch Leute hier im Forum mit Ahnung davon redeten - nicht umsonst im Zusammenhang mit der Nichtbeachtung von entsprechenden Vorschriften des GG (siehe EU-Rettung, siehe Migrationskrise) von einer Krise der Verfassung und seiner Institutionen. Das ach so schlimme GG war - zumindest bis zur Änderung des Art 23 - Demokratie I in quasi reiner Form.

Sorry, aber auf solch plattes "Papier-Geschreibsel" wird in anderen Foren und Debatten sicher die Reichsbürger-Keule kommen, die ich jetzt ausdrücklich nicht schwingen will.

Hier einmal der bekannte Standpunkt der AfD dazu:

https://www.youtube.com/watch?v=xUdZmO-KFMM

Aber die AfD ist ja offenbar nicht einmal hier im Forum mehr gut genug …

"Schöner Umwerten."
@Andreas Walter,
gutes Stichwort, findet man aktuell bei den beschönigenden Gesetzüberschriften in Reinform wieder - da wird zum Gesetzestext dann gleich das passende Framing und NLP mitgeliefert, siehe "Gute-KiTa-Gesetz" etc.
Statt guter gesetzgeberischer Handwerksarbeit im Sinne von Demokratie I wird gleich Demokratie II darüber gestülpt.
(...)

Der_Juergen
21. Juni 2019 10:34

@Weltversteher

Sie zitieren meinen Satz, wonach wie so oder so eine offen autoritäre Regierungsform bekommen werden, und fügen hinzu: "So sieht es aus. Und in meinen Augen sollte es eines der entscheidendsten Anliegen sein, das zu verhindern."

In früheren Zeiten hätte ich Ihnen beigepflichtet, aber ich habe mittlerweile ein pessimistischeres (oder besser gesagt realistischeres) Menschenbild als Sie und bin zum Hobbesianer geworden. Die grosse Mehrheit der Menschen ist keineswegs böse, aber schwach und unfähig, Gebrauch von ihrem Verstand zu machen. Sie glaubt, was ihr von den Autoritäten vorgekaut wird. Selbst heute, wo fast jeder einen Computer mit Internetzugang besitzt, beziehen die meisten ihre Informationen weiterhin aus den Mainstream-Medien und schlucken deren gigantische Lügen. Dies gilt auch für viele hochgebildete Menschen, nicht zuletzt für den einen oder anderen Foristen hier.

In der Schweiz mit ihrer direkten Demokratie wird bei Volksabstimmungen fast jede Schurkerei des Systems abgesegnet; dank der Gehirnwäsche hat sich das Schweizer Volk bereits anno 1994 selbst entmündigt, und im nächsten Jahr wird mit Sicherheit ein Gesetz gegen "Homophobie" angenommen werden.

Um die geplante Schreckensherrschaft der Globalisten - deren militanter Flügel die Grünen sind - zu verhindern, muss man also zuerst der Giftschlange, den Lügenmedien, den Kopf zertreten, und wie schaffen Sie das mit demokratischen Mitteln? Es geht nur über eine Revolution (oder einen Putsch, der in Deutschland allerdings unwahrscheinlich anmutet). Und nach einer solchen Revolution oder einem solchen Putsch muss man die Anhänger des gestürzten Systems aus dem Verkehr ziehen (was wohlverstanden nicht unbedingt "liquidieren" heissen muss), um ohne ständige Sabotage ein besseres System aufbauen zu können und die unabdingbaren Massenrepatriierungen vollziehen zu können, ohne dass jedem abzuschiebenden Verbrecher "Kirchenasyl" gewährt wird oder ein Gericht seine Abschiebung verhindert (wie kürzlich in der Schweiz die eines schwerkriminellen Kosovaren, weil dieser "einen zu niedrigen IQ" aufweise; siehe die Wortmeldung von @Maiordomus auf diesem Strang).

Ich weiss, bei jedem autoritären System besteht die Gefahr der Entartung. Wie verhindern wir, dass der Lenker des Staates zu einem Caligula wird, fragt schon Thomas Hobbes im "Leviathan". Es wird also bestimmter Kontrollmechanismen bedürfen, um eine Entartung der Macht zu verhindern, und wie diese aussehen sollen, kann ich Ihnen nicht sagen. Ich stelle nur fest, dass man auch in einem formal demokratischen System einen Caligula bekommen kann, der nichts aufbaut, sondern nur noch zerstört, und zwar sehr viel nachhaltiger, als es der Römer, der sein Pferd zum Konsul ernannte, je gekonnt hätte. Im Vergleich zu den Leuten, die Deutschland oder England oder Schweden heute regieren, war der doch ein lächerlicher Operetten-Despot. Und er wurde schon nach vier Jahren gestürzt und abserviert, während Angela Merkel schon um das Mehrfache länger im Amt ist und ihr nach ihrem Abtritt eine andere Kreatur ihrer Art folgen wird.

Sandstein
21. Juni 2019 10:40

"Weltversteher
20. Juni 2019 17:59

Toll, Frau Sommerfeld, einer Ihrer besten Beiträge. Ich glaube, auf dem Arbeitsgebiet können Sie hier sehr nützlich sein.
"

schließe mich vollumfänglich an :).

Zu Habeck fällt mir nicht viel ein. Habe neulich ein Bild von ihm und seiner Frau gesehen - irgendwie ein unstimmiges Paar und das hat mich stutzig gemacht. Würde mich nicht wundern, wenn er auch das Heikochen macht und sich irgendeine abgehalfterte Berliner/Potsdamer C-Prominenz
(wohl wer aus dem Rundfunk?) anlacht.

AlbertZ
21. Juni 2019 10:48

Die zitierte Antwort Habecks stehen am Ende der 10-minütigen Einführung.
Weder der SchweizerExpress noch CS suchen die zugehörige Frage von Precht heraus.
Diese ist unter den langatmigen Erklärungen von Precht, den Füllsätzen, den Abschweifungen und dem Nonsens von Habeck nicht leicht zu finden.

[Precht]
(4:17) Wie wird das zukünftige Betriebssystem dieser Gesellschaft aussehen ?
[Habeck]
(9:50) Ich glaube, man kommt da nur normativ weiter,
… dann muß man sich entscheiden: will man daran festhalten, daß ein demokratisches System … noch eine Chance hat, dann muß man jetzt aber in großer Geschwindigkeit radikale Schritte in der Politik einführen, oder gibt man es auf, und dann WIRD man zu zentralen/zentralistischen Systemen hingehen, die natürlich schneller sind ... da gibt es eben keine Opposition und keine Mitbestimmung, und wenn die Fehler machen, dann werden die eben trotzdem nicht abgewählt … aber ersteinmal ist das System effizienter.
… Und ich glaube, die Entscheidung kann man nicht ökonomisch treffen, die kannst du nur wertegeleitet treffen und sagen: ja, und ich würde sagen: ja, das wollen wir." (10:37)

Habeck sagt damit, daß er das demokratische System abschaffen will - und zwar in Deutschland.

An einer Stelle wird Habeck von CS falsch zitiert: " ... dann MUSS man zu zentralistischen Systemen hingehen ..."
Tatsächlich sagt Habeck: " ... dann WIRD man zu zentralisitischen Systemen hingehen ..."
Für Habeck hat die zentralistische Utopie Vorrang vor der Realität des demokratischen Systems, denn dafür hat er eine Begründung "das System [ist] effizienter".
Bereits in der ersten Frage des 42-Minuten-Gesprächs fand er als "Verteidiger" der Demokratie keinen Grund für deren Erhalt, sondern nur "Hoffnung".

In dem Gespräch gibt Precht die Themen Globalisierung und Digitalisierung am Beispiel Chinas vor.
Zudem will er auf Transhumanismus hinaus, worauf Habeck nicht eingeht.
Habeck will die "Klimafrage" einbringen, auf die Precht aber nicht anspringt.

Das gesamte Gespräch ist eine Groteske, denn der Politiker Habeck will mit dem Honorarprofessor für Philosophie Precht auf einer Stufe stehen.
Tatsächlich ist Precht gut vorbereitet und Habeck ihm weder an Intelligenz noch an Eloquenz gewachsen.

Die Schlußfolgerung des SchweizerExpress ist also richtig, die Assoziation zu China ist im wesentlichen Dramaturgie und Polemik.
CS findet mehrere Verkleidungen für die Ablehnung der Demokratie bei Habeck, sieht jedoch nicht, daß er sie bereits in toto abgetan hat.

heinrichbrueck
21. Juni 2019 10:57

„(Für mich ist es die Volkssouveränität, im GG niederlegt in Art 20: "Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.“)“

Soll das ein Witz sein?
https://www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=MsS_7hrO8X4

Und es geht weiter:
„("Meiner Überzeugung nach bekommen wir so oder so eine offen autoritäre Regierungsform." (Der_Juergen)
So sieht's aus. Und in meinen Augen sollte es eines der entscheidendsten Anliegen sein, das zu verhindern.)“

Was muß denn hier verhindert werden: vielleicht das Sichtbarwerden einer autoritären Regierungsform? Eine andere gibt es nämlich nicht.

„Es gibt entweder Demokratie I oder gar keine.“

Eine Realitätsbeschreibung wird nie mitgeliefert. Das Wissen wird einfach vorausgesetzt. Also stellt sich jedermann diese Demokratie vor, und gut ist!

Caroline Sommerfeld
21. Juni 2019 12:50

Antwort an alle "Offensichtlichkeitsleugner", die den Demokratie-I-Begriff infragestellten: Sie haben recht. Weiteres dazu in einem kommenden Beitrag, ich denke schon auf Hochtouren ...

Michael B.
21. Juni 2019 13:28

@Lotta Vorbeck

Ihre Verweise (der Programmierer der Suchfunktion der Seite gehoert weiterhin erschlagen) bringen nichts wesentlich Neues fuer denjenigen, der sich ein paar Jahre praktisch mit dem Thema befasst.

Was speziell die Taktiken im Umgang mit dem Ansinnen betrifft - beginnend ganz oben auf der Klaviatur mit der Anbringung schwerer Gewissensnoete bis hin zu Tricksereien aller Art und Hinhalten -, die kennt man dann schon. In der Praxis sind aus dem Fuellhorn im konkreten Einzelfall einige brauchbar zu verwenden, andere nicht. Unter Erstgenannten kann man dann auswaehlen, wenn man denn moechte. Dazu mag auch gehoeren, den Bettel als Nebenproblem abzuhaken, zu zahlen, und sich um umfassendere Dinge zu kuemmern, die das Problem letztlich mit erledigen sollten oder auch nicht. Das ist OK.
Die meisten Leute haben allerdings weniger ehrenwerte Gruende dafuer, sondern bekommen beim Tieferbohren schon bei dem Gedanken an eine Auseinandersetzung mit ganz seltsamen Rationalisierungen ihrer Feigheit um die Ecke.

RMH
21. Juni 2019 13:57

Das System lässt immer noch genug Narrenfreiheit zu, damit die aus dessen Sicht "Richtigen" sich selber markieren. Demokratur ist clever. Bald werden die sich hier so munter selber Markierenden es merken.

G.K. hatte in seinem Schlusswort zum letzten Beitrag recht - wir erleben eine Live-Vorführung der Strategie der Spannung und des deep state.

Jetzt habe ich einmal geraunt und orakelt - man möge es mir verzeihen ;)

zeitschnur
21. Juni 2019 15:30

Ich habe noch ein Problem der Demokratie dem Rechtsprinzip un dem GG nach - manche haben es ja schon auf ihre Weise angesprochen: es bedarf stets einer Auslegung, und gerade jene ist in den letzten Jahren vollständig iS des Typs II verkommen. Selbst das BVerfG hat etwa den Volksbegriff ad absurdum geführt, obwohl er der Intention nach konstituierend ist für das GG und an sich auch erkennbar in der Tradition eines bestimmten, eher liberalen "ethno-kulturellen" Volksbegriffes steht, der nicht verwechselt werden darf mit einem rassischen Volksbegriff. Ich habe einen entsprechenden Vortrag von Dr. Thor von Waldstein angehört, der dies in Schnellroda darlegte.
Man hat also das Problem wie bei der Bibel: es gibt da Worte, aber wie man sie versteht, bestimmt analog zum Lehramt in Rom in dogmatischen, quasi-unfehlbaren Entscheidungen das BVerfG auch dann, wenn diese Entscheidung unsinnig und absurd klingt. Der Volkssouverän, also zB ich, habe nicht das Recht, das GG einfach mal so zu verstehen, wie es einem Normalsterblichen klingt. Das BVerfG bringt es fertig, aus A nonA zu machen und zu definieren, dass nonA aber A ist.
Was macht man dann?
Vor allem dann, wenn es gar kein Volk mehr gibt, also auch keinen Volkssouverän mehr?

Was ist dann dieses Demokratiegerüst (Typ I), wenn nicht so etwas wie die römische "regula fidei proxima", die wir aus der katholischen Dogmatik kennen, also die jeweils nächste Regel der Auslegung durch die, die dafür autorisiert sind? Und autorisiert sind sie, weil sie Surrogat bestimmter Machtverhältnisse sind, die wiederum aus dem Typ II gespeist werden? Auch in der Kirche ist das "grundsätzliche" "depositum fidei" immer nur die "regula fidei remota", also die fernerliegende Glaubensregel. Niemand hat das Recht dort, sich auf dieses "depositum" ohne lehramtliche Maßregel zu berufen - das war ja die Auseinandersetzung der Reformation.

Was hier bei uns vorgeht, hat übrigens aus genau dem Grund mE eine erzkatholische Struktur, nur begreifen das die meisten nicht, weil sie diese Struktur nicht kennen oder unterschätzen. Man muss diese Struktur nun nur noch zurückführen aus den Freiheitseskapaden der letzten 5 Jahrhunderte in ihren Ausgangshafen: Rom. Und ich wette, es sind alle dabei und werden es klasse finden. ME liegt auch die wirklich sensible Trennlinie, die es mit Sicherheit im "alternativen Lager" gibt, das von außen als "rechts" klassifiziert wird. Vielleicht aber kommt auch den Bruch mit David Berger letztendlich daher - ist nur so eine Idee.

Martin Heinrich
21. Juni 2019 15:42

Robert Menasse bringt das, was Robert Habeck in der Diskussion mit Precht vorbringt, bereits 2012 zum Ausdruck:

In seinem Essay „Der europäische Landbote“, der 2012 erschien, schreibt [Robert] Menasse: Um den Nationalstaat zu überwinden, „muss man sich mit dem Gedanken anfreunden, die Demokratie erst einmal zu vergessen, ihre Institutionen abzuschaffen, soweit sie nationale Institutionen sind, und dieses Modell einer Demokratie, das uns so heilig und wertvoll erscheint, weil es uns vertraut ist, dem Untergang zu weihen. Wir müssen stoßen, was ohnehin fallen wird, wenn das europäische Projekt gelingt. Wir müssen dieses letzte Tabu der aufgeklärten Gesellschaften brechen: dass unsere Demokratie ein heiliges Gut ist.“

Schrieben sich die GRÜNEN bei Ihrer Gründung nicht auf die Fahne: Basisdemokratisch, sozial, ökologisch, gewaltfrei?

Welch eine Entwicklung ...

Weltversteher
21. Juni 2019 16:43

Es scheinen nicht wenige hier noch im Untertanenmodus zu leben - unten oder oben. Vielleicht in der Hoffnung, später oben zu sein.

Man möge es sich mal deutlich beantworten, welcher Lebensweise man zuneigt. Es ist nicht mehr an der Zeit, daß ein Mensch anderer Menschen Untertan sei. Insofern ist beim Blick auf die Gestaltung eines Staates eben anzuschauen, ob seine Strukturen die Beherrschung von Staatsangehörigen vorsehen bzw. ermöglichen.

Es ist sicherlich ein Problem, daß man am Staatsverständnis seit der abschließenden (formalen) Auskehr des Absolutismus nicht so viel geändert hat und die scheinbar / theoretisch andere, demokratische "Willensbildung" nur die ehemaligen Regierungsorgane ersetzt, aber - Regierung bleibt.

Zu der anklingenden Skepsis gegen eine Selbstermächtigung des Menschen bitte ich, doch mal für sich den Begriff "Mensch" zu bilden. Was bedeutet es, Mensch zu sein? Man denke dabei nicht an das, was man schon darüber gehört hat, sondern was sich einem zeigt, wenn man selbst gründlich, und gern auch länger, darauf hinschaut.

Niekisch
21. Juni 2019 18:00

Die Diskussion um Demokratie I und II mit ihren Varianten kann ich nicht als in irgendeiner Richtung zielführend ansehen. Denn der Demokratiebegriff beinhaltet neben Verfassungsgesetzen incidenter auch einen "demokratischen Lebensstil", den die Verfassungsbürger pflegen oder eben nicht pflegen, in besonderen Fällen in extrem kämpferischer Weise verwerfen mit der Folge von Sanktionen bis zum Grundrechteentzug gem. Art. 18 GG, welcher gerade durch Herrn Tauber gefordert wurde. Herr Habeck muß ebenso wie jeder andere garnicht erst über eine "totalitäre Demokratie II" nachdenken oder reden. Denn ebenso wie die evolutive Umwandlung der Reichsverfassung von 1871 in die Weimarer Reichsverfassung und deren Umwälzung ab 1933 in den "Führerstaat" kann auch das Grundgesetz durch das Volk als Träger des "pouvoir constituant" gem. Art. 146 GG revolutionär oder evolutiv durch eine wirkliche Verfassung ersetzt werden. Auch ohne einen solchen Akt über eine Nationalversammlung ist das Grundgesetz mit Art. 79 I GG abänderbar. "Ewigkeitsgarantie" gem. Art. 79 III GG besitzen nur die Gliederung des Bundes in Länder, die grundsätzliche Mitwirkung der Länder bei der Gesetzgebung und die in den Art. I (Würde des Menschen unantastbar) und 20 GG niedergelegten Grundsätze. Letztere Vorschrift ist neben Art. I die bedeutendste Vorschrift des GG, eine "Verfassung in Kurzform". Kurz und bündig: Zur Demokratie gehört, daß die Abgeordneten vom Volk gewählt werden. Die Staatsform der Republik schließt einen König als Staatsoberhaupt aus. Im Rechtsstaat muß es unabhängige Gerichte geben. Der Sozialstaat darf Menschen in Not nicht verhungern lassen. Im Bundesstaat muß es Zuständigkeiten von Bund und Ländern geben.

Und da soll es variabel nach der jeweiligen innen- oder außenpolitischen Lage keine flexibel anwendbaren Möglichkeiten geben, mit dem Vorhandenen das deutsche Schiff zwischen Skylla und Charybdis selbst durch Monsterwellen zu steuern?

starhemberg
21. Juni 2019 19:16

Ein interessanter und gelungener Kommentar von Caroline Sommerfeld, danke dafür. Die, welche ihn lesen und verstehen, werden in ihrer Skepsis bestätigt. Die, welche Skepsis entwickeln sollten, werden ihn nicht lesen. Und jede, die der grünen Spinne per "Klimawandel" bereits ins Netz gingen, würden den Inhalt nicht verstehen. Oder es wäre Ihnen schlicht egal.

Wir haben es nicht nur mit einem gefährlichen, sondern auch einem erstaunlich infantilen Gegner zu tun. Das macht Fakten und intellektuell hervorragend aufgearbeitete Zuspitzungen zu einer schwächlichen Waffe. Blaue Haare hingegen scheinen eine größere Wirkung zu erzielen.

Aber genau deshalb bin ich ja auch hier. Die Sezession dünkt mich immer mehr eine Insel inmitten eines Meeres von ekelerregendem Wortschleim.

Benno
21. Juni 2019 19:17

Natürlich gibt es nur eine Demokratie I und sonst keine. Wobei einige der angeführten Merkmale schon fraglich sind. Bspw. das Entsenden von Abgeordneten. So etwas wie eine Stellvertreterdemokratie kann es nämlich nicht geben. Sonst kann man gleich einen Monarchen an die Staatsspitze stellen, solange dieser glaubhaft vorgibt den Volkswillen wiederzugeben, solange könnte er sein System auch demokratisch nennen. Demokratie II ist ein blosser Etikettenschwindel, um die Ideologie einiger Leute als Systemrelevant zu verbrämen, was sie aber beileibe nicht ist. Die Linke will ihre Ideen im Gesetz niedergeschrieben haben, damit gar keine politische Debatte mehr geführt werden kann. Ich nenne das einmal die „Verrechtlichung des Politischen“. Eine hochgradig antidemokratische Tendenz. ImÜbrigen haben wir eigentlich nirgends eine reine Demokratie. Alle heutigen Staaten sind gemischte Systeme mit demokratischen Elementen. Vor den essentiellen demokratischen Mitteln und Methoden fürchten sich die selbsternannten Oberdemokraten nämlich wie die Vampire vor dem Licht: Abstimmungen zu Sachthemen und politische Gleichheit, was in der Demokratie das Recht jedermanns auf die freie Rede bedeutet. Demokratie ist letztlich eine Methode zur Entscheidungsfindung in einem Gemeinwesen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wer glaubt Demokratie sei ein Mittel zur Wahrheitsfindung oder ein Vehikel zur Beförderung von Menschenrechten, der überlädt den Begriff oder will ihn ideologisch missbrauchen.

Gustav Grambauer
22. Juni 2019 09:01

Die Lust am Untergang

https://www.deutschlandfunk.de/furcht-als-heimliches-vergnuegen.700.de.html?dram:article_id=84680

bleibt vom Schicksal nicht unbestraft, Demokratie II ist - für Deutsche, in China mag es anders sein - nichts als deren unentrinnbare Strafe. Noch wichtiger als Sieburg zu lesen wäre es für alle "Apokalypsespießer", das Antidot zu lesen (Warnung: die Lektüre könnte auch manch gestandenen Sezessionisten in Identifikationskrisen mit verzweifelten Schreikrämpfen und Trampelanfällen, abwechselnd mit Atemnot und Grün-und-Blau-Anlaufen stürzen).

https://www.socialnet.de/rezensionen/5041.php

- G. G.

Thomas Martini
22. Juni 2019 10:52

Die Mutter aller Utopien: reine Demokratie.

Wer in der real existierenden grüne Öko-Cola (statt Pepsi- oder Coca-) wählt, bekommt "bolschewistischen" Borschtsch nach sowjetischer Brauart?

"Die Erfolge der Rechtspopulisten sind auch eine Reaktion auf die liberale, offene – grüne – Gesellschaft. Um diese Gesellschaft zu bewahren, um sie wieder stärker werden zu lassen, müssen wir mehrheitsfähig werden. Das werden wir nicht durchs Rechthaben, sondern indem wir uns in Haltung und Argumentation als Fürsprecher der Gesellschaft verstehen. Wenn wir das nicht hinbekommen, geht es uns wie den Demokraten in den USA. Der amerikanische Traum von Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung ist auf die Formel gebracht „e pluribus unum“ – Aus vielen Eins. Er heißt aber auch umgekehrt, die Vielfalt in einem zu bewahren. Für die progressiven Kräfte lautet der Befund, dass sie ihre Mehrheitsfähigkeit zu verlieren drohen. Die Niederlage der Ostküsten- und Westküstenliberalen in den USA, der global ausgerichteten, gebildeten Eliten hat auch eine Botschaft für die Grünen, für uns. Wenn wir uns nur auf uns selbst konzentrieren, schießen wir uns ins Abseits. Wenn wir nicht mehrheitsfähig werden, dann verlieren wir am Ende alles. Wenn wir uns nur an unser Milieu richten, haben wir keine Chance. Wir müssen um „Unum“ kämpfen."

https://www.robert-habeck.de/texte/blog/wir-muessen-um-unum-kaempfen/

Die "grundangelegte" Ambivalenz der Sezession, drückt sich ganz stark in der Haltung zu den USrael aus. Daher rührt der Konflikt mit den "liberal-konservativen" und den Möchtegern-Rebellen der "WerteUnion", der immer tiefere Gräben zieht.

Vorschlag, um alle Mißverständnisse auszuräumen: Die Macher der Sezession bilden Hinweise auf der Startseite ab, aus denen zweifelsfrei hervorgeht, daß man proamerikanisch und proisraelisch ist.

"Wir sind pro-amerikanisch und pro-israelisch. Nicht nur aus einer wohlverstandenen historischen Verantwortung bzw. Dankbarkeit heraus, sondern auch, weil der moderne Staat Israel als einziger Staat im Nahen Osten weltweit ein Vorbild für die Abwehr des aggressiven Islam und dem gleichzeitigen Hochhalten von Menschenrechten und Demokratie ist."

https://philosophia-perennis.com/

Kommentar Sommerfeld: Äh - das ist jetzt ein Scherz, oder? Oder geht der Riß auch durch den Humor?

Was die allermeisten Deutschen unter Demokratie verstehen, ist ein politisches Konzept, das nur in ihrer Phantasie bestand hat. Den real existierenden westlichen Demokratien spricht wird die Reinheit abgesprochen. Keine Erkenntnis, der eigentlichen, gründlich vorbereiteten Vollendung des globalen Demokratismus, stattdessen Klage, und die irre Befürchtung, die Demokratie könnte beerdigt werde. Allgegenwärtiges Politikversagen hält den Gläubigen nicht davon ab, Demokratie theoretisch wie die Heilige Jungfrau zu behandeln, und zwar selbst dann, wenn dieses Idealbild in der Wirklichkeit durch die traurige Gestalt einer abgehalfterten Puffmutter verkörpert wird.

Adler und Drache
22. Juni 2019 21:26

Demokratie III: irgendein Instrument zum Machterwerb. 95% der demokratisch Regierten diskutieren über die Beschaffenheit des Instruments, statt darüber, wozu es verwendet wird. #wirsindmehr

Lotta Vorbeck
22. Juni 2019 21:36

@Michael B. - 21. Juni 2019 - 13:28 PM

Werter @Michael B. - da wir uns hier nicht in einem Anti-GEZ-Forum befinden dazu nur noch soviel in stenographischer Kürze:

1.) RS sagte sinngemäß, ratsam sei es, sich den in Rede stehenden Betrag separiert zur Seite zu legen, so sei man in die Lage versetzt, in jedem Stadium gefahrlos aus dem Spiel aussteigen zu können.

2. ) Vor ein paar Tagen erst, erwähnte Vera Lengsfeld in ihrem Netztagebuch einen Beitragszahler, der erfolgreich durchgefochten hatte, die Zwangsgebühr in bar, per dem immer noch gesetzlichen Zahlungsmittel begleichen zu dürfen. Dieses Vorgehen ist geradezu dafür prädestiniert um einerseits massiv Zeit zu schinden und andererseits, sollte es wie beim von VL erwähnten Beitragszahler erfolgreich sein, müßte die Gegenseite dann erstmal eine Stelle einrichten, bei der die offene Summe in bar eingezahlt werden kann / entgegen genommen wird.

3.) Gibt's aktuell mindestens zwei Leute, die gar kleine, detaillierte Hinweise enthaltende Büchlein dazu veröffentlicht haben, wie es Ihnen gelang die Krakenarme der GEZ im jeweiligen Falle ins Leere greifen zu lassen.

Gracchus
22. Juni 2019 22:33

Ein wie immer anregender Kommentar von C. Sommerfeld. Wenn der Weg zu Demokratie II strategischer Planung unterliegt, frage ich mich, wie die unbegrenzte Migration insbesondere von Muslimen in diesen Plan passt. Müssten Grüne nicht befürchten, dass eine starke muslimische Community ein Widerstandslager gegen Demokratie II bildet?

Das Schlimme ist, dass viele Deutschen genau das wollen, was Habeck vorschwebt. Es ist/wäre kein Wählerbetrug.

Demokratie II scheint mir so alt wie das Grundgesetz. Grob gesagt galt seinerzeit: Das verführte deutsche Volk muss Demokratie I erst lernen. Nur so kommen - wie Sommerfeld sagt - so paradoxal anmutende Sätze zustande, wie die - frei nach H. Maas - die Demokraten müssten gegen die AFD zusammenstehen.

Wer so redet, sieht natürlich nicht das Spannungsverhältnis zwischen Rechtsstaat und Demokratie. Das BVerfG kann Gesetze des Souveräns "einfach" kassieren. Problematisch hat sich wohl auch die Wertejudikator des BVerfG ausgewirkt, die Grundrechte nicht nur als liberale Abwehrrechte versteht, sondern - eben als die gesamte Rechtsordnung überstrahlende Werte.

Will sagen: Habeck will die ohne bereits bestehende wertegeleitete Demokratie verschärfen, natürlich mit teils neuen Inhalten und v. a. mit nahezu flächendeckender Unterstützung der Medien. Man könnte auch an Giorgio Aagamben anschliessen und sagen: Die Politik versucht Ausnahmezustände zu schaffen oder - im Falle des Klimawandels - herbeizureden, in denen das Recht suspendiert ist.

Wie sieht das rechte Gegenmittel aus? Die Destruktion jeder Demokratie II? Oder eine alternative Konzeption von Demokratie II?

Michael B.
23. Juni 2019 00:47

> da wir uns hier nicht in einem Anti-GEZ-Forum befinden dazu nur noch soviel in stenographischer Kürze

Das Mitteilungsbeduerfnis scheint vorhanden zu sein :)

Beugen Sie sich doch einfach mal praktischer Erfahrung zu einem Thema, auch wenn es schwer faellt. Ihr letztes posting bringt ebenfalls nichts Neues, auch das ist bekannt (bis auf die ominoesen Buechlein - aber nein, die muessen Sie jetzt nicht noch konkretisieren).

Warum ich immer noch antworte, hat mit der von mir schon kritisierten Art Ihrer Maertyrerbemerkung zu tun. "Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es" sind die Worte eines Schriftstellers meiner Heimatstadt. Das kann man respektieren, egal wie gross oder klein nun manches Problem scheint. Eine Diskrepanz zwischen Anspruch und eigenem Genuegen, die in diesem Forum allerdings oefter in extremerer Form zu beobachten ist.

Entschuldigung, Frau Sommerfeld. Das war nicht das engere Thema dieses threads, damit hat mein Vorredner recht. Ich belasse es zum Thema Zwangsfernsehen auch dabei.

links ist wo der daumen rechts ist
23. Juni 2019 00:50

Schon ein bißchen eigenartig.

Hier plaudert also ein typischer Vertreter des „linksliberalen Mainstreams“ die allergeheimsten Geheimnisse aus, wobei Herr Precht mit seiner raubvogelartigen Mäeutik (ist es der Blick, sind es die Hände?) wahrscheinlich das Seine dazu beiträgt.
Nachdem Politik i.e. Entscheidungsfindung (Demokratie 1) durch „Politik“ i.e. moralische Befindlichkeit (Demokratie 2) ersetzt wurde, ist der Weg frei für „bolschewistische Steuerungstechnologie“. So weit, so gut.
Die Debatte ist so alt wie das Aufkommen fundamentalistisch ökologischer Parteien; damals hieß es „Alternativzivilisation vs. Ökodiktatur“ (nachzulesen beim hierorts vermutlich wenig geschätzten Iring Fetscher).

Zwei Einwände.

Erstens:
Die Vertreter ALLER demokratisch legitimierten Parteien denken so; die Neurechten sprechen es halt nur nicht – öffentlich - aus. Das, verehrte Kollegen, ist der Umkehrschluß aus dem sogenannten Ibiza-Skandalvideo.
Und was den Panikmodus betrifft: Achmeingottchen, was den Linken das Klima, ist den Rechten das Volk.

Zweitens:
China beschreitet gerade den Weg, den Deutschland zwischen etwa 1880 und 1910 hätte einschlagen müssen. Die „Ideen von 1914“ sind nur die – zu späte - Summe dieser Einsicht: „Preußentum und Sozialismus“ als gemeinwohlorientierte Gesellschaftsform gegen den Raubtierkapitalismus angelsächsischer Prägung. Die Einigung Europas unter einem Hegemon Deutschland wäre im Vergleich zum heutigen Europa-Geschwafel ein Leichtes gewesen.

Daß Deutschland 1989ff den allerletzten Anlauf dazu leichtfertig verspielt hat und seitdem verkohlt (Entnationalisierung), geschrödert (Neoliberalisierung) und zermerkelt (Entpolitisierung) wurde, kann auch durch hohle und gestrige Phrasen aus dem neurechten Lager seit 2015 nicht mehr wettgemacht werden.

Und da ist mir denn die naive Ehrlichkeit (oder ehrliche Naivität) eines Herrn Habeck fast lieber.

Gustav
23. Juni 2019 09:39

@ links ist wo der daumen rechts ist

"Und was den Panikmodus betrifft: Achmeingottchen, was den Linken das Klima, ist den Rechten das Volk...."

Aha, Mais fressende Krähen = Mais anbauende Bauern.
Originelle Denkweise! Damit machen Sie in Zeiten der Dekadenz sicher Karriere.....

Gustav
23. Juni 2019 10:04

In der Mediendemokratie der Gegenwart werden die Menschen durch eine Sprache versklavt, die als die unwiderrufliche der Mehrheit auftritt. Deshalb kann man vermuten, daß die öffentliche Meinung nicht der Majorität, sondern der Orthodoxie, die heute Politische Korrektheit heißt, zum Ausdruck verhilft. Und da es auf Dauer zu anstrengend ist, anders zu denken als man redet, denken die meisten auch schon politisch korrekt. Heute dürfen die meisten Menschen sagen und schreiben, was sie wollen, weil sie ohnehin dasselbe denken.

All das hat Tocqeville schon genau gesehen. Doch auch hier bestechen die Beobachtungen des Aristokraten durch ihre besonnenen Unterscheidungen. Zunächst einmal hält Tocqueville fest, daß keine Gesellschaft ohne dogmatische Überzeug leben kann, die der Einzelne ungeprüft, auf Treu' und Glauben übernimmt. Die Kürze des Lebens und die Grenzen des Verstandes machen es unmöglich, alle Lebensumstände selbst zu erforschen. Auch demokratische Gesellschaften brauchen geistige Autorität, und es gibt keine vernünftige Alternative dazu, sich bestimmte Meinungen im Vertrauen auf andere zu eigen zu machen. Sehr schön spricht Tocqueville hier von einer »heilsamen Unterwerfung« , denn sie macht überhaupt erst einen sinnvollen Gebrauch von Freiheit möglich.

Doch die strikte demokratische Orientierung am Ideal der Gleichheit verwandelt diese heilsame Unterwerfung in eine neue Form von Tyrannei. Denn je größer die Gleichheit zwischen den Bürgern ist, desto geringer wird die Bereitschaft des Einzelnen, einem bestimmten anderen zu glauben oder gar zu gehorchen. Gerade weil die Menschen sich als gleichartig verstehen, glauben sie nicht aneinander. Gleichzeitig aber wächst die Bereitschaft, an die größte Zahl, an die Masse zu glauben. Man mißtraut dem Nächsten und hat gleichzeitig ein unbegrenztes Vertrauen in die öffentliche Meinung. Ich glaube nicht dir, sondern der Statistik.

Tocqueville sieht also schon sehr klar, daß es in modernen Demokratien nicht um Argumente und Überzeugung geht, sondern daß die öffentliche Meinung einen geistigen Druck ausübt, dem sich niemand entziehen kann. Das ist aber nicht mehr jene heilsame Knechtschaft einer freiwilligen Unterwerfung unter die geistige Autorität der Gesellschaft, sondern ein neues Gesicht der Knechtschaft.
(Norbert Bolz)

links ist wo der daumen rechts ist
23. Juni 2019 11:24

@ Gustav

Es ging um eine strukturelle Analogie; über die Inhalte kann man diskutieren (sofern noch Zeit bleibt).

Auch Ihre zweite Schlußfolgerung ist falsch.
Kritisieren Sie einmal in einem neofeudalen Land wie Österreich ein ausgesucht dummes Exemplar des universitären Establishments über einen längeren Zeitraum und bei jeder sich bietenden Gelegenheit.
Sie werden staunen, wie eilfertig die Hofschranzen plötzlich einmütig behaupten, daß zwei plus zwei fünf ist.
Karrierefördernd würde ich das nicht nennen.

Aber das ist lange her.
Lange vor der Zeit, als die Neurechten den "linksliberalen Mainstream" als Hauptgegner entdeckten.

heinrichbrueck
23. Juni 2019 11:34

@ Gustav
Was für ein Vertrauen: https://www.jesus.de/wp-content/uploads/2017/10/Vertrauen-03-696x464.jpg

zeitschnur
23. Juni 2019 11:35

@ links ist wo der daumen rechts ist

Wie kommen Sie darauf, dass Habeck "naiv" sein könnte?

Oben verwies ein Kommentator auf dessen Blog https://www.robert-habeck.de/texte/blog/wir-muessen-um-unum-kaempfen/

Habeck gibt hier mehr als deutlich eine alte und gut dokumentierte Strategie zu erkennen, die Felipe González 1990 gegenüber Gorbatschow am 26.10. 1990 folgendermaßen beschrieb:

"Die Revolution von 1917 spaltete die Welt in zwei antagonistische Systeme. Das Aufkommen dieser beiden Modelle eröffnete in der Tat den Weg zu Versuchen, ein drittes Modell zu erschaffen: Sozialdemokratie, Faschismus, Nazismus. Heute ist die Essenz der Revolution, die auf der ganzen Welt voranschreitet, die Bewegung zu einer Vereinigten Weltgemeinschaft."

Von nichts anderem spricht auch Habeck mit seinem Verweis auf das "unum". Wie aber der Kundige weiß, geht die Formel "e pluribus unum" nicht nur auf bestimmte Zirkel und Geheimgesellschaften in den USA zurück, die diese Parole auf "the great seal" der United States schrieben, sondern diese Formel kommt aus der Kirche und hat dort eine lange Tradition und geht auf Augustinus zurück, der damit allerdings die neutestamentliche Zielrichtung pervertierte. Wolfgang Hübner arbeitete die Herkunft der Parole bei Augustinus auf https://www.augustinus.de/einfuehrung/texte-ueber-augustinus/zeitungsartikel-vortraege/189-e-pluribus-unum-augustinus-und-die-vereinigten-staaten-von-amerika.
Augustinus behauptete, die Ausdifferenzierung der Menschheit in Völker und Gruppen, letztendlich auch in Mann und Frau sei der Sündenfall gewesen und die Rückkehr ins "unum" sei sozusagen das Königreich Gottes.
Wie gesagt - das widerspricht tatsächlich der biblischen Tradition diametral, die überliefert, dass Gott selbst die Differenzierung wollte (Mann/Frau werden in der Gen vor dem Sündenfall geschaffen – „breitet euch aus über den Erdkreis“ ebenfalls vor dem Fall/ Zerschlagung des Projektes "Turm von Babel nach dem Fall, das ein "unum"-Projekt war, das die Einigkeit durch Verneinung der Differenz erreichen wollte: die Menschen wollen sich nicht über den Erdkreis ausbreiten, daher zwingt Gott sie durch Sprachverwirrung).
Im NT gibt es ebenfalls nirgends ein "e pluribus unum". Das "unum" dort wird nicht durch Verschmelzung aller zu einem erreicht, sondern dadurch, "ut sit Deus omnia in omnium" (1 Kor 15,28): „auf dass Gott alles in allem sei“. Die Differenz bleibt, was eint, ist, dass in allem Gott alles ist. „Unum“ meint dort nie Identität oder Identifizierung, sondern das Durchwirktsein von Gott bei aller Differenz in großer Vielfalt und Fülle. Aber bereits die Trinitätslehre erzwang die Umkehrung des Denkens und wird daher heute von katholischen Theologen (zum Missfallen Roms) aufgrund der gewaltsamen Einführung dieses Dogmas erst ab dem 4. Jh kritisch (endgültiger Abschluss erst auf dem Laterankonzil 1215) gesehen (etwa Karl-Heinz Ohlig).
Habeck mag all diese Probleme kaum so genau kennen, aber er kennt die Wichtigkeit der Parole für die Hinterzimmerpolitik, an der er wohl Anteil haben dürfte.
Die ausdrückliche programmatische Erwähnung von "e pluribus unum" auf dem großen Siegel Amerikas (welch ein Pathos übrigens: "great seal", meine Güte!) wird Habeck kennen, wenn er überhaupt so viel Bildung hat, diese lateinische Parole zu kennen. Und wenn er sie kennt, wird er auch eingeweiht sein in deren politisch-spirituelles Bedeutungsfeld. Wie ich oben schon sagte: es ist eine erzkatholische, anti-aufklärerische Struktur, die all diesen Gedanken zugrunde liegt. Wer genau hinhört, entdeckt auch in den ständigen zeitgenössischen Hieben gegen die "Ich-Sucht" bzw den Individualismus, die Papst Franziskus regelmäßig austeilt, dieselbe Zielrichtung. Auch Johannes Paul II interpretierte das "unum" in diesem Sinne auf leiseren Sohlen. Für „Mosaik“ und Vielfalt und „sapere aude“ ist da kein Platz mehr — und für Demokratie I sowieso nicht!
Habeck steht hier also in einer Tradition, und wir wären gut beraten, wenn wir nicht naiv auf dieses Phänomen sehen würden, sondern die Geschichte dieser Parole kennten und um ihre totalitäre, die ganze Welt erfassende Gefährlichkeit wüssten... und auch darum, wer sie alles stützt und vorantreibt...

zeitschnur
23. Juni 2019 13:41

@ Gustav

Natürlich muss jeder zunächst sehr viel einfach glauben, weil er es nicht selbst prüfen kann.
Die Frage ist, was das konkret heißt:
Ob man von einem festen "framework" mit weitreichenden Implikationen (einem engen, paternalistisch-autoritär festgelegten Gitternetz/"Legehennenbatterie") ausgehen muss, die vom einzelnen nicht mal partiell geprüft werden sollen, um Gesellschaften zusammenzuhalten (bzw sie zu beherrschen - darum geht es doch wohl eher!), oder schlicht und einfach von einer gewachsenen, frei weitergetragenen Tradition, die man als gegeben, aber nicht in Stein gemeißelt anerkennt, und kritisch fortentwickelt, und einem moralischen Minimalkonsens (ein knapp definiertes, auf Selbstverantwortung abzielendes "Man darf niemandem Schaden zufügen, den man selbst nicht durch andere erleiden wollte"). Im letzteren Fall kann zwar nicht jeder alles prüfen, aber es findet dennoch eine Art intersubjektiver Prüfprozess aller in Freiheit statt - und genau das fürchten unsere Herrscher wie der teufel das Weihwasser.

Ich fand es bezeichnend, dass mir neulich ein junger Naturwissenschaftler vorhielt, konzentriertes Denken sei ja nur möglich, wenn man sich einem geframten Methoden- und Dogmenzwang unterwirft, "um sich nicht zu verlieren"- dass das eine Kapitulation des eigenen Geistes bedeutet, das Ende der Wissenschaft, der Aufklärung und des Erkenntnisfortschritts ohnehin ist, verstand er nicht. Die Idee, dass man zwar SPIELERISCH von einem Standpunkt ausgeht, von da aus aber dann vordringt in die Weite, konnte er sich überhaupt nicht mehr vorstellen. Die bloße Vorstellung verwirrte ihn.

Wohin führt das? Wie sagte Ignatius von Loyola so schön in seinen Exerzitien: Der Übende soll erst mal von jedem eigenständigen Urteil Abstand nehmen und sich schließlich nach einsam-geführter, visualisierter innerer Programmierung von der Hierarchie sagen lassen, ob das Schwarze, das er wahrnimmt, nicht doch Weiß ist und dies dann, selbst wenn er es nicht aufgrund der eigenen Wahrnehmung so sehen kann, dennoch annehmen.

Man muss also solche Ideen schon zu Ende denken und steht dann vor einem "Entweder radikale Freiheit des Denkens" soweit man es vermag oder "totale Selbstaufgabe". Dazwischen gibt es (leider) nichts.

Caroline Sommerfeld
23. Juni 2019 15:02

Ich verkünde hiermit Badeschluß und danke. Auf Wienerisch übrigens so: https://www.youtube.com/watch?v=Fh6CugiMXz8. Wird in allen Wiener Bädern seit heuer allabendlich gespielt.
Demnächst kommt ein Folge-Artikel zum Demokratiebegriff.

Lotta Vorbeck
23. Juni 2019 18:14

@Michael B. - 23. Juni 2019 - 00:47 AM

"... Warum ich immer noch antworte, hat mit der von mir schon kritisierten Art Ihrer Maertyrerbemerkung zu tun. "Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es" sind die Worte eines Schriftstellers meiner Heimatstadt. ..."

****************************

Wenn Sie meinen, sich partout ins eigene Schwert stürzen zu müssen, dann tun sie's in Gottes Namen!

Laurenz
23. Juni 2019 22:32

Ich finde diesen Artikel von Frau Sommerfeld auch hervorragend. Der Forist Atz hat Unrecht, Habeck wurde von den immer noch mächtigen Alt-Bolschewisten der Grünen installiert, weil er eben die Wählerinnen, die mit dem Uterus entscheiden, anspricht. Seine philosophischen Betrachtungen sind doch reine Schönfärberei. Das gilt auch für Precht. Der hat zwar sehr wohl was drauf, aber wen interessiert das schon? Er lebt von Seinem hübschen Äußeren, welches Quote und Aufmerksamkeit garantiert. Die Frage nach chinesischen Verhältnissen lenkt natürlich ab und zeigt schlicht die allgemeine Unkenntnis asiatischer Verhältnisse. Wie sollte man denn China erfolgreicher regieren? Wenn ich am Frankfurter Flughafen 1,5 Stunden auf mein Gepäck warten muß, ist der Vergleich mit Asien in keiner Weise angebracht, sondern afrikanische Staaten wären im Vergleich adäquat.
@Maiordomus .... in der Regel sind Ihre Beiträge daneben. Ihr Beitrag hier ist eine seltene Ausnahme. Der war recht gut.
(...)

links ist wo der daumen rechts ist
24. Juni 2019 00:48

Es ist zwar unhöflich kurz nach Badeschluß noch einmal den Algenteppich in der Alten Donau aufzusuchen, aber immerhin konnte nicht einmal ich als Wahlwiener das Genuschel der angeführten Austroband verstehen.

Deshalb noch eine kurze Replik auf
@ zeitschnur

Natürlich ist Herr Habeck naiv.
Entweder ist er ein unwissentlicher Erfüllungsgehilfe der von Ihnen nun Gottseidank entschlüsselten Weltformel, oder er weiß als Adept Bescheid - dann sollte er halt nichts ausplaudern.
Und plappern tut er gern. Hören Sie doch einmal in dem Gespräch mit Precht hin, wie er um seine Vorstellungen einer zukünftigen Arbeitswelt herumlaviert; geschätzte fünfmal kam da das Wort "Fachkräftemangel" ...
Nein, hier wird jemand von Freund und Feind hochstilisiert, der bei der erstbesten Gelegenheit (falls doch noch die Reflexion einsetzt oder die Big Four und ihre Helfershelfer ihn als Hindernis sehen) wieder in der Versenkung verschwinden wird.

Zum Abschluß und Kontrast noch der Hinweis auf einen der letzten würdigen Vertreter der "Ideen von 1914" (wenn auch - naturgemäß - im Modus des Abschieds):

https://www.youtube.com/watch?v=HXpGMoKPdMo

Genießen Sie den Schwalbenflug.

Laurenz
26. Juni 2019 08:52

@Ratwolf .... das Bundesverfassungsgericht hatte bezüglich der öffentlich-rechtlichen Medien desöfteren versagt. Von dort ist also keine Hilfe zu erwarten. Die einzige Option für uns ist, wie wir die Mehrheit in den Rundfunkräten erhalten. Das geht wiederum nur über den Gewinn von Wahlen.

Und natürlich kann man Ihre Meinung gegenüber Herrn Precht vertreten. Aber solch pauschale Aussagen, über einen Kamm geschoren, sind oft gefährlich. Günstiger wäre es, konkret zu werden. Precht hat, wie jeder andere auch, gute und schlechte Tage. Seine Ausführungen zu unserem Schul- und Bildungssystem erachte ich als überdenkenswert. Und da Er horrende mediale Aufmerksamkeit erhält, wäre es manchmal, wahltaktisch betrachtet, sicher kein Fehler, sich manche Seiner Positionen zu eigen zu machen. Das würde dann unseren schönsten Philosophen oder Verbal-Randalierer ab und an in Erklärungsnot bringen, was uns wiederum kostenlose Aufmerksamkeit einbringen würde.

Oblationisvir
26. Juni 2019 10:35

Als Alexis de Tocqueville 1831 bis 1832 die USA bereiste, kam er aus Frankreich als einem Land, in welchem Abgeordnete gewählt wurden und das insofern als demokratisch im Sinne der Demokratie I bezeichnet werden darf, wenn auch nur im weiteren Sinne, schon weil ein Monarch oberster Repräsentant des Staates war. In Frankreich war das Wahlrecht damals an eine gewisse Höhe jährlich aufgebrachter Steuerleistungen gebunden, während in den USA solche Beschränkungen wegfielen.* - Bis in die Gegenwart gilt die us-amerikanische Form einer parlamentarischen Demokratie noch immer als Vorbild für jede ebenso bezeichnete Staatsform, was etwa ein Dreiklassenwahlrecht unmöglich erscheinen läßt, und damit zugleich gegeben ist der us-amerikanische - und seit 1989 noch radikaler mit der Globalisierung verbundene - demokratische Lebensstil als Demokratie II,** der in Widerspruch zur Demokratie I gerät, wenn diese sich irgendwo in der Peripherie von ihrem Vorbild löst und z.B. die Jurisdiktion auf die Anwendung der Gesetze beschränken will, statt sie auch über deren Gültigkeit befinden zu lassen.
* vgl. Gustavs Beitrag (23.6. 10:04)
** Auf den Zusammenhang zwischen Grünen und Globalismus wies auch Der Juergen (21.6. 10:34) hin.

Nun aber entfernen sich die USA unter Trump als Demokratie I jedoch selbst von dem, was sie nach dem Verständnis der globalistischen Demokratie II sein sollten, und gefährden damit die Demokratie I in aller Welt, die ihr Vorbild zu verlieren droht; dies beeinträchtigt die Globalisierung. Dem eigentlich will die Demokratie II - trotz aller ökologischen zur Rettung der Welt oder gegen den Turbokapitalismus gerichteten Parolen - entgegenwirken, und zwar mit der durch die Bedrohung gebotenen größten Geschwindigkeit bzw. nach chinesischem Muster,* womit die bisher nach us-amerikanischer Manier praktizierte Demokratie I nicht bewahrt, sondern, wenn man so will, weiterentwickelt wird, z.Z. eben nur in der Peripherie, nach Trump dann, so hofft man gewiß, auch wieder in den USA.
* vgl. dazu AlbertZs Beitrag (21.6. 10:48)

Laurenz
27. Juni 2019 02:19

@Oblationisvir ... die Essenz Ihres Beitrags endet in der Sackgasse. 1830/31 war die Sklaverei in den USA noch gang und gebe, ein Steuergebundenes Wahlrecht hätte da gewiß einen Fortschritt bedeutet.
Die Erlebnisse von Maximilian Alexander Philipp Prinz zu Wied-Neuwied bringen sicherlich mehr Erkenntnisgewinn bezüglich der USA im 19. Jahrhundert als Ihr Frog.
Man muß Trump nicht mögen, aber es war Trump, der den arg verengten Meinungskorridor einer 2-Parteien-Oligarchie wieder erweitert hat. Ihrer Analyse zu folgen, bleibt daher schwierig.

Oblationisvir
27. Juni 2019 07:53

@ Laurenz

Meine Erwähnung der Reise de Tocquevilles sollte lediglich der Veranschaulichung der Verschiedenheit möglicher Formen von Demokratie I diene, da gegenwärtig nur allzu rasch meist das us-amerikanische Modell vorausgesetzt wird, wenn von Demokratie I die Rede ist. - Das Wahlrecht setzt die persönliche Freiheit des Bürgers voraus, weshalb ich die damals in den Südstaaten der USA noch bestehende Sklaverei nicht erwähnt habe.

Wie Trump die politischen Verhältnisse verändert, habe ich versucht anzudeuten, wobei ich unter Globalisierung - das hätte ich noch erwähnen sollen - verstehe, daß alle Welt zum Investitionsobjekt gemacht wird, wobei die USA in der durch sie seit Franklin D. Roosevelts Zeiten (1933 - 1945) errichteten Weltordnung die Rolle eines Büttels des Finanzkapitals einnehmen. Die negativen Auswirkungen bekommen auch die US-Bürger in zunehmendem Maße zu spüren; man denke nur an die De-Industrialisierung ganzer Landstriche. So wurde Trump zum Präsidenten gewählt, um „America first“ durchzusetzen, was nun wiederum die Globalisierung beeinträchtigt, und eben dies ruft den Widerstand der politisch korrekten Zivilgesellschaft etc. der Demokratie II auf den Plan, die nun versuchen muß, von der Peripherie aus die Demokratie umzugestalten, damit sie der Globalisierung wieder voll und ganz entspricht, während sich die Demokratie I in den USA als dem Zentrum in die entgegengesetzte Richtung bewegt. Letzterem Vergleichbares sollte auch in der Peripherie geschehen; Ansätze dazu sind vorhanden, z.B. in Italien. Dazu ist es sinnvoll, vom Verständnis der Demokratie I nach us-amerikanischem Modell zumindest gedanklich einmal Abstand zu nehmen, um geistige Freiheit bei der Umgestaltung der politischen Verhältnisse zur Abkehr von der Globalisierung zu gewinnen, und dem diente wiederum, was ich eingangs de Tocquevilles Reise schrieb oder auch die Erwähnung des Dreiklassenwahlrechts, ohne daß ich damit für letzteres eintreten wollte.

Laurenz
27. Juni 2019 11:46

@Oblationisvir ... Ihre letzte Ausführung ist wesentlich nachvollziehbarer. Allerdings zeigen die Schilderungen des Prinzen zu Neuwied eine grundlegendere Problematik der Verhältnisse in den USA. Der dort herrschende Neu-Adel, die Freimaurer, sorg(t)en bis heute dafür, daß Bildung ziemlich teuer ist, welche den blutrünstigen und Bildungs-freien Aspekt des us amerikanischen Volkscharakters in der Revanche gegen die alten Herren in Europa über jegliche Demokratie-Form erhebt. Mit anderen Worten, es ist vollkommen egal, welche Staatsform die US Amerikaner wählen würden.
Die linke Behauptung, Trump hätte tatsächlich eine andere (Wirtschafts-)Politik ins Auge gefaßt, läßt viele auf diese Argumentation hereinfallen. Zölle machen rein gar nichts, sie verteilen nur das Geld in andere Kanäle. Wäre dem so, hätte über 1.000 Jahre keiner auch auch nur ein Produkt den Rhein hinab geschickt.
Was Trump von seinen Vorgängern unterscheidet, ist doch nicht die Schuldenpolitik, die ist unverändert. Und Obama schickte mehr Migranten als Trump nachhause.
Trump unterscheidet sich durch seine politische Weitsicht. Die bisherigen Terms of Trade, also Ihr globaler Investitionsstandort, basieren auf der militärischen Potenz einer singulären Weltmacht. Trump hat erkannt, daß die multipolare Weltordnung nicht mehr aufzuhalten ist. Von daher braucht es für die USA weniger militärische Investitionen, (was innenpolitisch schwer durchzusetzen ist,) und als Folge dieser Entwicklung ist es auch nicht mehr egal, wo sich die Produktionsstandorte befinden, aufgrund des Mangels einer militärischen Option in Übersee.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.