Sezession
1. Juli 2009

Das Juli-Gedicht: Benn, Trakl, George, Hölderlin

Götz Kubitschek / 15 Kommentare

rätselnDas ist das Viergestirn -- mein Viergestirn. Ich möchte mit diesem Quartett den Monat Juli einläuten und gleichzeitig eine Sommerpause bis zum 3. August verkünden: In der Zwischenzeit wird also nur sporadisch in unser Netz-Tagebuch etwas eingetragen.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Aber zurück zu Benn, Trakl, George und Hölderlin. Ich habe von jedem der Dichter meine beiden Lieblingsgedichte notiert -- auf einen Zettel, der in meinem Schreibtisch liegt. Diesmal ist das Gedicht des Monats eine Sammelaufgabe: Wer sich beteiligen möchte, schreibe von jedem Dichter ebenfalls ein oder zwei Gedichte (Titel und 1. Strophe) als Kommentar. Wer meiner Auswahl am nächsten kommt, erhält eine sehr schöne Balladen-Sammlung.

Auflösung ist am kommenden Samstag.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (15)

Heinrich von Korinth
1. Juli 2009 15:08

GOTTFRIED BENN

Ach, das Erhabene (Saló-Fassung)

Nur der Gezeichnete wird reden
und das Vermischte bleibe stumm,
es ist die Lehre nicht für jeden,
doch keiner sei verworfen drum.

Statische Gedichte

Entwicklungsfremdheit
ist die Tiefe des Weisen,
Kinder und Kindeskinder
beunruhigen ihn nicht,
dringen nicht in ihn ein.
Richtungen vertreten,
Handeln,
Zu- und Abreisen
ist das Zeichen einer Welt,
die nicht klar sieht.

GEORG TRAKL

Menschheit

Menschheit vor Feuerschlünden aufgestellt,
Ein Trommelwirbel, dunkler Krieger Stirnen,
Schritte durch Blutnebel; schwarzes Eisen schellt,
Verzweiflung, Nacht in traurigen Gehirnen:
Hier Evas Schatten, Jagd und rotes Geld.
Gewölk, das Licht durchbricht, das Abendmahl.
Es wohnt in Brot und Wein ein sanftes Schweigen
Und jene sind versammelt zwölf an Zahl.
Nachts schrein im Schlaf sie unter Ölbaumzweigen;
Sankt Thomas taucht die Hand ins Wundenmal.

Im Osten

Den wilden Orgeln des Wintersturms
Gleicht des Volkes finstrer Zorn,
Die purpurne Woge der Schlacht,
Entlaubter Sterne.

STEFAN GEORGE

Der Dichter in Zeiten der Wirren

Der Dichter heisst im stillern gang der zeit
Beflügelt kind das holde träume tönt
Und schönheit bringt ins tätige getrieb.
Doch wenn aus übeln sich das wetter braut
Das schicksal pocht mit lauten hammerschlägen
Klingt er wie rauh metall und wird verhört ..
Wenn alle blindheit schlug · er einzig seher
Enthüllt umsonst die nahe not .. dann mag
Kassandra-warnen heulen durch das haus
Die tollgewordne menge sieht nur eins:
Das pferd · das pferd! und rast in ihren tod.
Dann mag profeten-ruf des stammgotts groll
Vermelden und den trab von Assurs horden
Die das erwählte volk in knechtschaft schleppen:
Der weise Rat hat sichreren bericht
Verlacht den mahner · sperrt ihn ins verlies.
Wenn rings die Heilige Stadt umzingelt ist

Der Täter

Ich lasse mich hin vorm vergessenen fenster: nun zu
Die flügel wie immer mir auf und hülle hienieden
Du stets mir ersehnte du segnende dämmrung mich zu
Heut will ich noch ganz mich ergeben dem lindernden frieden.

FRIEDRICH HÖLDERLIN

Der Tod fürs Vaterland

Du kömmst, o Schlacht! schon woogen die Jünglinge
Hinab von ihren Hügeln, hinab in's Thal,
Wo kek herauf die Würger dringen,
Sicher der Kunst und des Arms, doch sichrer

Der Zeitgeist

Zu lang schon waltest über dem Haupt mir
Du in der dunkeln Wolke, du Gott der Zeit!
Zu wild, zu bang ists ringsum, und es
Trümmert und wankt ja, wohin ich blicke.

Gerald W.
1. Juli 2009 15:33

Friedrich Hölderlin (1770-1843)

Hymne an den Genius der Jugend

Heil! das schlummernde Gefieder
Ist zu neuem Flug' erwacht,
Triumphirend fühl' ich wieder
Lieb' und stolze Geistesmacht;
Siehe! deiner Himmelsflamme,
Deiner Freud' und Stärke voll,
Herrscher in der Götter Stamme!
Sei der künen Liebe Zoll.

Marco
1. Juli 2009 15:34

George

Kindliches Königtum

Du warst erkoren schon als du zum throne
In deiner väterlichen gärten kies
Nach edlen steinen suchtest und zur krone
In deren glanz dein haupt sich glücklich pries.
...

Traum und Tod

Glanz und ruhm! so erwacht unsre welt
Heldengleich bannen wir berg und belt
Jung und gross schaut der geist ohne vogt
Auf die flur auf die flut die umwogt.
...

Hölderlin

Das Schicksal

Als von des Friedens heilgen Talen,
Wo sich die Liebe Kränze wand,
Hinüber zu den Göttermahlen
Des goldnen Alters Zauber schwand,
Als nun des Schicksals ehrne Rechte,
Die große Meisterin, die Not,
Dem übermächtigen Geschlechte
Den langen, bittern Kampf gebot,
...

Hymne an die Freiheit (1793)

Wonne sang ich an des Orkus Toren,
Und die Schatten lehrt' ich Trunkenheit,
Denn ich sah, vor Tausenden erkoren,
Meiner Göttin ganze Göttlichkeit;
Wie nach dumpfer Nacht im Purpurscheine
Der Pilote seinen Ozean,
Wie die Seligen Elysiens Haine,
Staun ich dich, geliebtes Wunder! an.

Benn

Durch jede Stunde...

Durch jede Stunde, durch jedes Wort
blutet die Wunde der Schöpfung fort,
verwandelt Erde und tropft den Seim
ans Herz der Werde und kehret heim.
...

Trakl

In einem verlassenen Zimmer

Fenster, bunte Blumenbeeten,
eine Ogel spielt herein.
Schatten tanzen an Tapeten,
Wunderlich ein toller Reihn.
...

Verfall

Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.
...

Septimius Severus
1. Juli 2009 18:02

Benn
Wir tragen in uns Keime aller Götter,
das Gen des Todes und das Gen der Lust –
wer trennte sie: die Worte und die Dinge,
wer mischte sie: die Qualen und die Statt,
auf der sie enden, Holz mit Tränenbächen,
für kurze Stunden ein erbärmlich Heim.

Trakl
Schlaf und Tod, die düstern Adler
Umrauschen nachtlang dieses Haupt:
Des Menschen goldnes Bildnis
Verschlänge die eisige Woge
Der Ewigkeit. An schaurigen Riffen
Zerschellt der purpurne Leib
Und es klagt die dunkle Stimme
Über dem Meer.
Schwester stürmischer Schwermut
Sieh ein ängstlicher Kahn versinkt
Unter Sternen,
Dem schweigenden Antlitz der Nacht.

George
Da in den äussersten nöten
Sannen die Untern voll sorge ·
Holten die Himmlischen gnädig
Ihr lezt geheimnis .. sie wandten
Stoffes gesetze und schufen
Neuen raum in den raum ...

Hölderlin
Im Finstern wohnen
Die Adler und furchtlos gehn
Die Söhne der Alpen über den Abgrund weg
Auf leichtgebaueten Brüken.
Drum, da gehäuft sind rings
Die Gipfel der Zeit, und die Liebsten
Nah wohnen, ermattend auf
Getrenntesten Bergen,
So gib unschuldig Wasser,
O Fittige gib uns, treuesten Sinns
Hinüberzugehn und wiederzukehren.

M.
1. Juli 2009 20:46

Georg Trakl
Abendländisches Lied

O der Seele nächtlicher Flügelschlag:
Hirten gingen wir einst an dämmernden Wäldern hin
Und es folgte das rote Wild, die grüne Blume und der lallende Quell
Demutsvoll. O, der uralte Ton des Heimchens,
Blut blühend am Opferstein
Und der Schrei des einsamen Vogels über der grünen Stille des Teichs.

Friedrich Hölderlin
An die Deutschen

Spottet nimmer des Kinds, wenn noch das alberne
Auf dem Rosse von Holz herrlich und viel sich dünkt,
O ihr Guten! auch wir sind
Tatenarm und gedankenvoll!

Aber kommt, wie der Strahl aus dem Gewölke kommt,
Aus Gedanken vielleicht, geistig und reif die Tat?
Folgt die Frucht, wie des Haines
Dunklem Blatte, der stillen Schrift?

Und das Schweigen im Volk, ist es die Feier schon
Vor dem Feste? die Furcht, welche den Gott ansagt?
O dann nehmt mich, ihr Lieben!
Daß ich büße die Lästerung.

Stefan George
Hyperion

Ich kam zur heimat: solch gewog von blüten
Empfing mich nie .. ein pochen war im feld
In meinem hain von schlafenden gewalten.
Ich sah euch fluss und berg und gau im bann
Und brüder euch als künftige sonnen-erben:
In eurem scheuen auge ruht ein traum

Thomas K.
1. Juli 2009 21:37

Von Gottfried Benn

Abschied

Du füllst mich an wie Blut die frische Wunde
und rinnst hernieder seine dunkle Spur,
du dehnst dich aus wie Nacht in jener Stunde,
da sich die Matte färbt zur Schattenflur,
du blühst wie Rosen schwer in Gärten allen,
du Einsamkeit aus Alter und Verlust,
du Überleben, wenn die Träume fallen,
zuviel gelitten und zuviel gewußt.

Berlin

Wenn die Brücken, wenn die Bogen
von der Steppe aufgesogen
und die Burg im Sand verinnt,
wenn die Häuser leer geworden,
wenn die Heere und die Horden
über unseren Gräbern sind,

Eines kann man nicht vertreiben:
dieser Steine Male bleiben
Löwen noch im Wüstensand,
wenn die Mauern niederbechen,
werden noch die Trümmer sprechen
von dem großen Abendland.

Von Georg Trakl

Winterdämmerung

Schwarze Himmel von Metall.
Kreuz in roten Stürmen wehen
Abends hungertolle Krähen
Über Parken gram und fahl.

Trübsinn

Weltunglück geistert durch den Nachmittag.
Baraken fliehn durch Gärtchen braun und wüst.
Lichtschnuppen gaukeln um verbrannten Mist,
Zwei Schläfer schwanken heimwärts, grau und vag.

Von Stefan George

Das Zeitgedicht

Ihr meiner zeit genossen kanntet schon
Bemasset schon und schaltet mich – ihr fehltet.
Als ihr in lärm und wüster gier des lebens
Mit plumpem tritt und rohem finger ranntet:
Da galt ich für den salbentrunknen prinzen
Der sanft geschaukelt seine takte zählte
In schlanker anmut oder kühler würde ·
In blasser erdenferner festlichkeit.

Das Wort

Wunder von ferne oder traum
Bracht ich an meines landes saum

Von Friedrich Hölderlin

An die Deutschen

Spottet ja nicht des Kinds, wenn es mit Peitsch' und Sporn
Auf dem Rosse von Holz mutig und groß sich dünkt,
Denn, ihr Deutschen, auch ihr seyd
Thatenarm und gedankenvoll.

Heidelberg

Lange lieb ich dich schon, möchte dich, mir zur Lust,
Mutter nennen, und dir schenken ein kunstlos Lied,
Du, der Vaterlandsstädte
Ländlichschönste, so viel ich sah.

Armin
1. Juli 2009 22:03

Hölderlin
Ein Bruchstück

Denn über die Erde wandeln
Gewaltige Mächte,
Und es ergreifet ihr Schicksal
Den, der leidet und zusieht,
Und ergreifet den Völkern
das Herz.

eleonoraduse
2. Juli 2009 15:06

Gottried Benn

Abschied

Du füllst mich an wie Blut die frische Wunde
und nimmst hernieder seine dunkle Spur,
du dehnst dich aus wie Nacht in jener Stunde,
da sich die Matte färbt zur Schattenflur,
du blühst wie Rosen schwer in Gärten allen,
du Einsamkeit aus Alter und Verlust,
du Überleben,wenn die Träume fallen,
zuviel glitten und zuviel gewußt.

Auf deine Lider senk ich Schlummer

Auf deine Lider senk ich Schlummer,
auf deine Lippen send ich Kuß,
indessen ich die Nacht ,den Kummer,
den traum alleine tragen muß.

Georg Trakl

Verfall

Am Abend wenn Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart,gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

Im Osten

Den wilden Orgeln des Wintersturms
Gleicht des Volkes finstrer Zorn,
die purpurne Woge der Schlacht,
Entlaubter Sterne.

Friedrich Hölderlin

Diotima

Komm und besänftige mir,die du einst Elemente versöhntest,
Wonne der himmlischen Muse,das Chaos der Zeit,
Ordne den tobenden Kampf mit Friedenstönen des Himmels,
Bis in der sterblichen Brust sich das Entzweite vereint,
Bis der Menschen alte Natur,die ruhige,große
Aus der gärenden Zeit mächtig und heiter sich hebt.
Kehr in die dürftigen Herzen des Volks,lebendige Schönheit!
Kehr an den gastlichen Tisch,kehr in die Tempel zurück!
Denn Diotima lebt,wie die zarten Blüten im Winter,
Reich an eigenem Geist,sucht sie die Sonne doch auch.
Aber die Sonne des Geists,die schönere Welt,ist hinunter
Und in frostiger Nacht zanken Orkane sich nur.

An die Parzen

Nur Einen Sommer gönnt,ihr Gewaltigen!
Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
Daß williger mein Herz,vom süßen
Spiele gesättigt,dann mir sterbe.

Stefan George

Du schlank und rein

Du schlank und rein wie eine flamme
Du wie der morgen zart und licht
Du blühend reis vom edlen stamme
Du wie ein quell geheim und schlicht

Der Widerchrist

Dort kommt er vom berge..dort steht er im hain!
wir sahen es selber...er wandelt in wein
das wasser und spricht mit den toten.

Kyffhäuserverband (VVDSt)
3. Juli 2009 14:23

Uwe Lammla
Aus »Deutsche Passion«. Gedichte 2003

KYFFHÄUSERGEIST

Der Herr aller herrlichen Heere,
Der Walter des Winds und des Walds,
Der Stifter von Eiden und Ehre,
Des Deutschen Beseelung und Salz,
Will haugkher, wo Licht aus Kristallen
Den Goldreif des Niblungs verheißt,
Des Rüstmeisters Kammer bestallen
Und segnen im Kyffhäusergeist.

Uns gehts wie dem Schmiede der Flamen,
Zur Jüterbog stark und bekannt,
Es braucht für die Tat keinen Namen,
Wer Teufel und Tod überwandt,
Doch wer sich das Heil nicht erbeten,
Eh Boten des Himmels verreist,
Der muß in die Kyffgrotte treten
Und dauern im Kyffhäusergeist.

Zum Weltbild der Ptolemäiden
Führt uns weder Kaiser noch Papst,
Die Zukunft heißt Kampf und nicht Frieden,
Heißt Freiheit, der du dich ergabst,
Verfolgt von dem römischen Banne,
Der Blut seiner Wurzel entreißt
Und taub für das Horn ist im Tanne,
Drin wiederklingt Kyffhäusergeist.

Wir haben die Unschuld verloren,
Der Vögel, der Wölfe sogar,
Wir haben ein Los uns erkoren,
Daß kindsgläubig scheint uns der Aar,
Wir schufen die mächtigsten Schwerter
Und Schilde, titanisch verschweißt,
Und bleiben doch unreif wie Werther
Und treu nur im Kyffhäusergeist.

Im Kyff ist uns alles versprochen,
Gemeinschaft, die Volk überragt,
Und wird einst die Grotte zerbrochen,
Weil all deine Herrlichkeit tagt,
So soll uns die Thinglinde scharen
Zu Tilleda, wie es da heißt,
Daß wir das Jahrtausend erfahren,
Das Reich und den Kyffhäusergeist.

Doch weh! es vergehen die Jahre,
Die Eiche ist tot längst und hohl,
Der Motor verbannt die Fanfare,
Es schmelzen uns Gletscher und Pol,
Der Weltbrand schlingt Runen und Reiser,
Der Lebensborn schimmelt verwaist,
Uns führt kein Prophet und kein Weiser,
Uns führt nur der Kyffhäusergeist.

Er sagt uns was wahr ist was Blendung,
Wenn hundert der Edelsten stehn,
So bleibt deine Stiftung uns Sendung
Wird Trug und Gemeinheit verwehn,
Solange die Fackeln uns lodern,
Solange du Atem uns leihst,
Kann deutsches Land nicht vermodern,
Wird aufstehn im Kyffhäusergeist.

Zwar wissen allein noch die Dichter,
Wer drunten im Kyffhäuser wohnt,
Es wurden die Ämter und Richter
Entweiht und gleich mehrfach entthront,
Wir stehen, umzingelt von Fremden,
Verrätern, mit Schmerbäuchen feist,
Uns schützt nicht der Ringwall von Emden,
Uns schützt nur der Kyffhäusergeist.

Wer weiß, wann die Raben verflogen,
Der blitzschwarze Baum sich belaubt,
Man hat uns unendlich belogen,
Doch rein bleibt die Seele, die glaubt,
Dein Reich kann sie nimmer verlieren,
Die Träume, von wannen du seist,
Und wir werden weitermarschieren
Und sterben im Kyffhäusergeist.

M.
4. Juli 2009 09:46

Das Benn-Gedicht hatte ich vergessen:

Gottfried Benn
Der Dunkle

Ach gäb er mir zurück die alte Trauer,
die einst mein Herz so zauberschwer umfing,
da gab es Jahre, wo von jeder Mauer
ein Tränenflor aus Tristanblicken hing.

Corvusacerbus
6. Juli 2009 15:27

Gottfried Benn

Menschen getroffen
Ich habe Menschen getroffen, die,
wenn man sie nach ihrem Namen fragte,
schüchtern - als ob sie garnicht beanspruchen könnten,
auch noch eine Benennung zu haben -
„Fräulein Christian" antworteten und dann:
„wie der Vorname", sie wollten einem die Erfassung erleichtern,
kein schwieriger Name wie „Popiol" oder „Babendererde" -
„wie der Vorname" - bitte, belasten Sie Ihr Erinnerungsvermögen nicht!

Ich habe Menschen getroffen, die
mit Eltern und vier Geschwistern in einer Stube
aufwuchsen, nachts, die Finger in den Ohren,
am Küchenherde lernten,
hochkamen, äußerlich schön und ladylike wie Gräfinnen -
und innerlich sanft und fleißig wie Nausikaa,
die reine Stirn der Engel trugen.

Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,
woher das Sanfte und das Gute kommt,
weiß es auch heute nicht und muß nun gehn.

Viele Herbste
Wenn viele Herbste sich verdichten
in deinem Blut, in deinem Sinn
und sie des Sommers Glücke richten,
feg doch die fetten Rosen hin,

den ganzen Pomp, den ganzen Lüster,
Terrassennacht, den Glamour-Ball
aus Crepe de Chine, bald wird es düster,
dann klappert euch das Leichtmetall,

das Laub, die Lasten, Abgesänge,
Balkons, geranienzerfetzt -
was bist du dann, du Weichgestänge,
was hast du seelisch eingesetzt?

Christoph Schulze
12. Juli 2009 18:58

Stefan George

Der Eid

Schreitet her und steht um mich im rund
Die ich auserkor zum bund
Dich aus kerkern flüchtig -leichenfarb-
Dich der an dem weg verdarb
Den ich vor dem sturz am haare griff
Der sich selbst die klinge schliff
Wilde kräfte vom geschick gehemmt
Edle saat durchs land verschwemmt.

Gottfried Benn

Denk der Vergeblichen

denk der Vergeblichen,
die zarter Schläfe, innegewendeten Gesichts
in der Erinnerungen Treue,
die wenig Hoffnung ließen,
doch auch nach Blumen fragten
und still Verschwiegenes br> mit einem Lächeln von wenig Ausdruck
in ihren kleinen Himmel hoben,
der bald verlöschen sollte.


Georg Trakl

Abendmuse

Ans Blumenfenster wieder kehrt des Kirchturms Schatten
Und Goldnes. Die heiße Stirn verglüht in Ruh und Schweigen.
Ein Brunnen fällt im Dunkel von Kastanienzweigen -
Da fühlst du: es ist gut! in schmerzlichem Ermatten.

Friedrich Hölderlin

Das Erinnern

Viel, viel sind meiner Tage

Durch Sünd entweiht gesunken hinab.

O, großer Richter, frage

Nicht wie, o lasse ihr Grab

Erbarmende Vergessenheit,

Laß, Vater der Barmherzigkeit,

Das Blut des Sohns es decken.

Coriolan
13. Juli 2009 11:31

Peter Hacks

Beeilt euch, ihr Stunden

Beeilt euch, ihr Stunden, die Liebste will kommen.
Was trödelt, was schleppt ihr, was tut ihr euch schwer?
Herunter da, Sonne, und Abschied genommen.
Verstehst du nicht, Tag, man verlangt dich nicht mehr.

Mit seinen Droschken und Schwalben und Hunden
Wird mir das ganze Leben zum Joch.
Schluß mit Geschäften. Beeilt euch, ihr Stunden.
Und wärt ihr Sekunden, ich haßte euch noch.

Ich kann nicht erwarten, den staunenden Schimmer
In ihrem zärtlichen Auge zu sehn.
Verschwindet, ihr Stunden, am besten für immer.
Die Liebste will kommen, die Welt soll vergehn

rg
17. Juli 2009 15:17

Benn / Astern

Astern - schwälende Tage,

alte Beschwörung, Bann,

die Götter halten die Waage

eine zögernde Stunde an.



Noch einmal die goldenen Herden,

der Himmel, das Licht, der Flor,

was brütet das alte Werden

unter den sterbenden Flügeln vor?



Noch einmal das Ersehnte,

den Rausch, der Rosen Du -

der Sommer stand und lehnte

und sah den Schwalben zu,



Noch einmal ein Vermuten,

wo längst Gewissheit wacht:

Die Schwalben streifen die Fluten

und trinken Fahrt und Nacht.

Hölderlin / Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
und voll mit wilden Rosen

das Land in den See,

ihr holden Schwäne,

und trunken von Küssen
tunkt ihr das Haupt

ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm' ich,

wenn es Winter ist,
die Blumen, und wo

den Sonnenschein,

und Schatten der Erde?

Die Mauern stehn

sprachlos und kalt, im Winde

klirren die Fahnen.

Geroge / Das Wort

Wunder von ferne oder traum

Bracht ich an meines landes saum

Und harrte bis die graue norn

Den namen fand in ihrem born -

Drauf konnt ichs greifen dicht und stark

Nun blüht und glänzt es durch die mark...

Einst langt ich an nach guter fahrt

Mit einem kleinod reich und zart

Sie suchte lang und gab mir kund:

"So schläft hier nichts auf tiefem grund"

Worauf es meiner hand entrann

Und nie mein land den schatz gewann...

So lernt ich traurig den verzicht:

Kein ding sei wo das wort gebrich

Corvusacerbus
20. Juli 2009 08:42

Night
by Percy Bysshe Shelley

Swiftly walk o'er the western wave,
Spirit of Night!
Out of the misty eastern cave,-
Where, all the long and lone daylight,
Thou wovest dreams of joy and fear
Which make thee terrible and dear,-
Swift be thy flight!

Wrap thy form in a mantle grey,
Star-inwrought!
Blind with thine hair the eyes of Day;
Kiss her until she be wearied out.
Then wander o'er city and sea and land,
Touching all with thine opiate wand-
Come, long-sought!

When I arose and saw the dawn,
I sigh'd for thee;
When light rode high, and the dew was gone,
And noon lay heavy on flower and tree,
And the weary Day turn'd to his rest,
Lingering like an unloved guest,
I sigh'd for thee.

Thy brother Death came, and cried,
'Wouldst thou me?'
Thy sweet child Sleep, the filmy-eyed,
Murmur'd like a noontide bee,
'Shall I nestle near thy side?
Wouldst thou me?'-And I replied,
'No, not thee!'

Death will come when thou art dead,
Soon, too soon-
Sleep will come when thou art fled.
Of neither would I ask the boon
I ask of thee, belovèd Night-
Swift be thine approaching flight,
Come soon, soon!

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