Abendländische Fitneß

von Heino Bosselmann -- Die Entlastungen des menschlichen Daseins waren – von Informationstechnologie bis Medizin – nie so weitgehend wie heute.

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Das gilt zuerst für die ent­wi­ckel­ten Indus­trie­län­der, deren Stan­dards jedoch glo­ba­le Ziel­vor­stel­lung sind.

Nun gehört es zu den grund­le­gen­den Über­ein­stim­mun­gen bei­na­he aller Anthro­po­lo­gien, daß der Mensch als „Män­gel­we­sen“  – mit Arnold Geh­len – einer „künst­lich bear­bei­te­ten und pas­send gemach­ten Ersatz­welt“ bedarf, „die sei­ner ver­sa­gen­den orga­ni­schen Aus­stat­tung ent­ge­gen­kommt. (…) Er lebt sozu­sa­gen in einer künst­lich ent­gif­te­ten, hand­lich gemach­ten und von ihm ins Lebens­dien­li­che ver­än­der­ten Natur, die eben die Kul­tur­sphä­re ist.“

Die­se den Men­schen erhal­ten­de und schüt­zen­de künst­li­che Welt zu errich­ten bedurf­te es immenser Leis­tun­gen und Opfer; nichts von dem, was uns gegen­wär­tig an Tech­nik und Kul­tur gesi­chert erscheint, ist selbst­ver­ständ­lich, son­dern als Errun­gen­schaft fra­gil und gefähr­det. Dies gilt eben­so für die von Arnold Geh­len gehei­lig­ten Insti­tu­tio­nen „wie das Recht, die mono­ga­me Fami­lie, das Eigen­tum.“ Geh­len warnt:

Und wenn man die Stüt­zen weg­schlägt, pri­mi­ti­vi­sie­ren wir sehr schnell.

Was Geh­len fol­gernd dar­an anschließt, erin­nert, ins Phy­si­ka­li­sche wei­send, an den zwei­ten Haupt­satz der Ther­mo­dy­na­mik bzw. die Entro­pie: „Die Bewe­gun­gen nach dem Ver­fall zu sind stets natür­lich und wahr­schein­lich, die Bewe­gun­gen nach der Grö­ße, dem Anspruchs­vol­len und Kate­go­ri­schen hin sind stets erzwun­gen, müh­sam und unwahr­schein­lich. Das Cha­os ist ganz im Sin­ne ältes­ter Mythen vor­aus­zu­set­zen und natür­lich, der Kos­mos ist gött­lich und gefährdet.“

Je per­fek­tio­nier­ter Sicher­heit, Kul­tur und Kom­fort ent­wi­ckelt sind, je selbst­ver­ständ­li­cher und dau­er­prä­sent sie dann schei­nen, um so mehr ver­läßt sich der Mensch fata­ler­wei­se auf sie, wenn er sei­ne Umwelt nur so lebens­dien­lich ein­ge­rich­tet kennt: Sau­be­res Trink­was­ser, aus­rei­chend gesun­de Nah­rungs­mit­tel und dau­er­ver­füg­ba­re Ener­gie schei­nen für die Indus­trie­län­der eben­so abge­si­chert wie das Recht und eine grund­sätz­lich gewähr­leis­te­te Sicherheit.

Davon aus­zu­ge­hen, daß die­se Sta­bi­li­tä­ten aus sich her­aus sta­bil blei­ben, ist gefähr­lich. Sie sind eben nicht natur­ge­ge­ben, son­dern künst­lich instal­liert, mit­hin angreif­bar und bestän­di­ger Ero­si­on sowie Hava­rien preis­ge­ge­ben. Die­ser Gefahr nicht auf­merk­sam gewär­tig zu sein macht fahrlässig.

Geh­lens Beden­ken und Mah­nun­gen gel­ten nicht nur für die inge­nieur­tech­ni­sche Hard­ware der Gesell­schaft, son­dern eben­so für deren geis­ti­ges und sozia­les Betriebs­sys­tem. Daß etwas poli­tisch erwünscht erscheint, und sei es ein „Men­schen­recht“, eine „ethi­sche Grund­ver­ein­ba­rung“ oder eine angeb­lich „unhin­ter­geh­ba­re“ mora­li­sche Selbst­ver­ständ­lich­keit“, heißt noch nicht, daß damit sicher zu leben ist.

Inter­es­sant fer­ner: Was uns heu­te sichert und erhält, wur­de in Jahr­zehn­ten, ja Jahr­hun­der­ten errich­tet, deren Prot­ago­nis­ten heut­zu­ta­ge vom „huma­nis­ti­schen“ Stand­punkt aus als impe­ria­lis­tisch, ver­bre­che­risch und unmensch­lich gera­de­zu ver­teu­felt wer­den, wäh­rend sie den Zeit­ge­nos­sen als „Tat­sa­chen­men­schen“ gal­ten. Und unse­re huma­ni­tä­ren Stan­dards, nach denen gera­de jeder „Welt­bür­ger“ ver­langt, schuf – Ja, auf Kos­ten und zu Las­ten ande­rer, aber damit wohl doch zum Nut­zen einer Mehr­heit! – ein heut­zu­ta­ge extrem nega­tiv kon­no­tier­ter Akteur, näm­lich der wei­ße Mann Euro­pas und Ame­ri­kas. Er unter­warf sich die Welt, wie sich der Mensch die Welt nun mal zu sei­nen Guns­ten unter­wirft; er selek­tier­te, unter­schied, grenz­te ab und betrieb auf die­se dra­ma­ti­sche, eben nicht per se glo­bal­ge­rech­te Wei­se neu­zeit­lich den „Fort­schritt“.

Sei­nem Mus­ter folg­ten nahe­zu alle ande­ren, unter ande­rem das nach west­li­chen Leit­bil­dern in den Mei­ji-Refor­men sich öff­nen­de moder­ne Japan oder das nach­ko­lo­nia­le Indi­en. Chi­na indes­sen mag sei­ner Füh­rung selbst als kom­mu­nis­tisch gel­ten, han­delt aber, von kon­fu­zia­ni­scher Ethik unter­setzt, in der stra­te­gi­schen Macht­lo­gik des wei­ßen Westens.

Leben selbst ist wesent­lich Aneig­nung, Ver­let­zung, Über­wäl­ti­gung des Frem­den und Schwä­che­ren, Unter­drü­ckung, Här­te, Auf­zwän­gung eige­ner For­men, Ein­ver­lei­bung und min­des­tens, mil­des­tens, Ausbeutung,

schreibt Nietz­sche in “Jen­seits von Gut und Böse”. Man mag das ethisch pro­ble­ma­ti­sie­ren, aber damit pro­ble­ma­ti­siert man die Grund­la­gen unse­rer Kul­tur. Für Güte, Hil­fe, Soli­da­ri­tät  muß Platz sein. Wenn und weil man um das Böse weiß.

Die düs­te­ren Sei­ten der Fort­schritts­ge­schich­te kann man als dan­tes­ke Höl­len­rei­se lesen: Daß der Mensch näm­lich ein Wesen wäre, das sei­nen Nächs­ten zu erschla­gen bereit ist, um sich mit des­sen Fett die Stie­fel zu schmie­ren. So Scho­pen­hau­er. Daß der Fort­schritt ein blu­ti­ger Göt­ze wäre, der sei­nen Nek­tar aus den Hirn­scha­len Erschla­ge­ner trinkt. So Marx. Und daß das Recht, hob­be­sia­nisch und schmit­tia­nisch ange­schaut, über die Gewalt der Mäch­ti­gen eta­bliert wird, sei­en die­se nun selbst- oder frem­dermäch­tigt. Die wich­ti­gen zivi­li­sa­to­ri­schen Errun­gen­schaf­ten wur­den – Teil der mensch­li­chen Tra­gö­die – tat­säch­lich eher durch eine „Poli­tik von Eisen und Blut“ erstrit­ten als fried­lich durch „Majo­ri­täts­be­schlüs­se“ ein­ge­führt. Das gilt für das Revo­lu­ti­ons­er­geb­nis Demo­kra­tie als poli­ti­sche Gestalt gewor­de­nes Prin­zip des Libe­ra­lis­mus im 19. Jahr­hun­dert eben­so wie für das Nie­der­kämp­fen des Hit­le­ris­mus. Und um den Sta­li­nis­mus in staats­er­hal­ten­der Wei­se zu trans­for­mie­ren, bedurf­te es mit dem Haupt­ziel der poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Bestands­si­che­rung eben des viel­fach geschmäh­ten Puti­nis­mus, der nicht allen Kräf­ten in und um Ruß­land frei­en Lauf läßt, auch nicht den ver­meint­lich pro­gres­si­ven des NGO-Humanismus.

Ich hal­te es für fatal, daß „im Wes­ten“ mehr und mehr auf phy­si­sche wie intel­lek­tu­el­le Fit­neß Ver­zicht geübt wird, indem die Poli­tik meint, es wäre jetzt end­lich soweit, auf Anstren­gun­gen zuguns­ten von umfas­sen­den Gerech­tig­keits­de­kla­ra­tio­nen zu ver­zich­ten. Wir leben nicht auf einer Insel der Glück­se­li­gen. Ein Blick in die Welt offen­bart die Gefahr.

Daß wir nicht wehr­haft sein sol­len, erscheint eben­so ris­kant wie die Läs­sig­kei­ten der Kul­tus­po­li­tik, die uns sug­ge­riert, umfas­sen­de Bil­dung, qua­li­fi­zier­tes, nament­lich für die Demo­kra­tie uner­läß­li­ches Lese- und Sprach­ver­mö­gen und die Befä­hi­gung zu ratio­na­lem und ana­ly­ti­schem Den­ken wären durch blo­ßes Tun und Machen zu erset­zen, aus dem sich dann „Kom­pe­ten­zen“ ent­wi­ckeln wür­den. Nein, nichts ent­wi­ckelt, nichts erhält sich ohne straf­fes Trai­ning von Kör­per und Geist. Wer Frie­den gebie­ten will, muß offen­siv die Aus­ein­an­der­set­zun­gen beherrschen.

Dem Impro­vi­sie­ren des Irgend­wie ist die Aus­bil­dung von Hal­tung, Leis­tungs­ver­mö­gen, Kraft und Ver­stand ent­ge­gen­zu­set­zen. Selbst­ver­ständ­lich ist der Lern­be­hin­der­te und Ver­hal­tens­ge­stör­te im Sin­ne der „Inklu­si­on“ zu schüt­zen und zu för­dern, aber eben­so gilt es, das Talent zu for­dern und davon zu über­zeu­gen, daß es zur Bewah­rung der Kul­tur har­ter Kämp­fe bedarf. Je wei­ter das Lais­ser-fai­re getrie­ben wird, um so näher der Ver­fall oder um so här­ter eben die Gegen­kräf­te, die sich dem ent­ge­gen­stel­len wer­den, solan­ge im Abend­land – schon aus demo­gra­phi­schen Grün­den – über­haupt noch Kraft ver­sam­melt ist. Gehlen:

Wenn die Gauk­ler, Dilet­tan­ten, die leicht­fü­ßi­gen Intel­lek­tu­el­len sich vor­drän­gen, wenn der Wind der Hans­wurste­rei sich erhebt, dann lockern sich auch die uralten Insti­tu­tio­nen und die stren­gen pro­fes­sio­nel­len Kör­per­schaf­ten: Das Recht wird elas­tisch, die Kunst ner­vös, die Reli­gi­on sen­ti­men­tal. Dann erblickt unter dem Schaum das erfah­re­ne Auge schon das Medu­sen­haupt, der Mensch wird natür­lich und alles wird mög­lich. Es muß heiß­ten: Zurück zur Kul­tur! Denn vor­wärts geht es offen­bar mit schnel­len Schrit­ten der Natur ent­ge­gen, da die fort­schrei­ten­de Zivi­li­sa­ti­on uns die gan­ze Schwä­che der durch stren­ge For­men nicht geschütz­ten mensch­li­chen Natur demonstriert.

Genau das geschieht gera­de. Und wie­der mal geht es um die Ent­schei­dung, ob wir sicher über­le­ben wer­den oder Wesent­li­ches ver­lie­ren, was uns – all­zu selbst­ver­ständ­lich – aus­mach­te. Nicht infan­ti­li­sie­ren, son­dern erwach­sen bleiben!

 Gastbeitrag

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Kommentare (26)

Götz Kubitschek

28. Juni 2019 22:47

Seltsam, daß es keine Kommentare gibt. Das gab es noch nie. Dabei ist das so ein wichtiger Text! Oder funktioniert etwas nicht?

andreia

28. Juni 2019 22:56

Der Text beschreibt das »Good times create weak men.«-Meme, nicht wahr?

RMH

28. Juni 2019 23:16

Die Schlagzahl von wesentlichen Beiträgen wurde erhöht. Die wichtige Serie Sommerfeld - Poensgen - Sommerfeld hat man noch nicht mal halbwegs verdaut und dann kommt so was daher …

Das ist Wahnsinn - das ist Metapolitik - das ist Sezession!
;) (frei nach 300)

knoppek

29. Juni 2019 00:52

... was gibt es da noch zu kommentieren? Es ist alles gesagt.

Klaus P Kurz

29. Juni 2019 04:39

Ich denke nicht, daß "es keine Kommentare gibt"
Hier ist immerhin schon der zweite. Die anderen kommen ganz sicher noch, Herr Kubitschek, keine Sorge, einfach abwarten, denn dieser Beitrag erfordert Zeit zum Nachdenken. Er ist ganz hervorragend durchdacht und geschrieben: Besonders gefallen hat mir Herrn Bosselmanns Einleitung per Hinweis auf die Thermodynamik. Schließlich sind wir alle, auch wenn es Leute wie viele Grüne falsch einordnen, ganz und gar abhängig von einem natürlichen Gleichgewicht, welches jedoch immer zur Unordnung strebt. Selbst diejenigen, die das nicht wahrhaben wollen. unterlegen dieser Gesetzmäßigkeit. Da hilft eben keine Toleranz und Akzeptanz allem und jedem gegenüber. Da kann man nicht Darwin vernachlässigen und auch keinen Goethe, dessen Sprache "Naturlaut" ist und dessen "Faust" sinnbildhaft den Weg des Menschen durch die natürliche Verworrenheit des Lebens zur Klarheit im Geistigen zeigt. Darwin und Goethe und all die vielen anderen großen Geister unserer (weißen - westlichen) Kultur haben das Medusenhaupt unter dem gärigen Schaum gehalten. Entsprechende Bemühungen in unserer Zeit der Dekadenz, lassen allenthalben nach. Ja, es ist höchste Zeit, altes Wissen um den wahren Sachverhalt der Dinge wieder auszugraben.

GuntherManz

29. Juni 2019 05:33

Mich erschreckt der Text.
Vieles war mir schon klar, anderes hatte ich nur gefühlt. Seltsam daß bei den Konservativen so wenig Reaktionäre vorhanden sind, im Gegensatz zu den "Grünen", die manches so gerne zurückschrauben würden, daß dabei wohl eine Mrd. Leute verrecken müssten.

Monika

29. Juni 2019 06:40

Weil es so ein wichtiger Text ist, gibt es zunächst so wenige Kommentare. Schwätzer zum Verstummen zu bringen, das ist wahrlich eine Leistung!!!
Mir gefallen die Texte von Heino Bosselmann immer sehr gut. Sie sind klar, verständlich und von einem emotionalen Tiefgang jenseits vordergründiger Religiosität und pietistischer Erbaulichkeit. Bosselmann gelingt, was kaum ein Theologe oder Philosoph mehr kann:
Er redet von Gott, dem Göttlichen in der Sprache der Welt.
Das lässt erstmal verstummen. Wie eine gute Predigt.
Gerade auch diejenigen, die einen SiN-Beitrag nur als Vorlage für Ihre geistige Onanie benutzen oder zur Selbstdarstellung.
Mehr Heino Bosselmann , bitte !

Laurenz

29. Juni 2019 07:44

Gehlen geht grundsätzlich von bigotten Prämissen aus. Sie sind teils unmenschlich, siehe "wie das Recht, die monogame Familie, das Eigentum. Gehlen warnt: Und wenn man die Stützen wegschlägt, primitivisieren wir sehr schnell.
Karl, der Sachsenmörder, lebte noch mit 3 Frauen zusammen und hielt sich noch weitere nebenbei. Das Mätressentum zieht sich, wegen des üblen Christentums (unsere Kultur entwickelte sich trotz des Christentums), durch unsere ganze Geschichte. Nur im Himalaya existiert ein Volksstamm, der, basierend auf einem genetischen Fehler, Vielmännerei betreibt. 200k-400k käufliche Damen arbeiten heute im horizontalen Gewerbe, die Zahlen sind ungenau. Vor allem verheiratete Männer nehmen diese Dienstleistung in Anspruch. Unsere Beziehungswelten sind trotz lächerlicher Genderei noch archaisch wie ehedem. Allerdings schicken Idiotenstaaten kostbare Frauen in den Krieg. Da war man in der Steinzeit schlauer, ein selbstmordender Rückschritt.
Bezüglich unseres Rechtswesens stand unsere Kultur bis in das 16. Jahrhundert hinein im Kampf zwischen römischen Kirchenrecht und germanischen Recht. Heutzutage bekommt vor allem derjenige Recht, der es bezahlen kann. Und Eigentum ist natürlich eine seßhafte Errungenschaft. Betrachten wir die islamische Eroberung bis Wien und Frankreich, so war Eigentum nie grundsätzlich gesichert. Eigentum basiert natürlich auf militärischer Macht. Deswegen leben wir ja auch im kleinsten Deutschland unserer Geschichte.

@Herrn Kubitschek, wir finden hier einen der seltenen Fälle auf SiN, daß man der Schlußfolgerung folgen kann, obwohl die Analyse daneben ist. Meist ist es umgekehrt, die Analyse ist nachvollziehbar, man streitet aber um die Schlußfolgerungen.

Mike55

29. Juni 2019 08:14

Thermodynamik, er sagt es. Es scheint eben auch ein Naturgesetz der gesellschaftlichen Entropie zu geben, die Bequemlichkeit ist der Anfang vom Ende der Dominanz. Man streckt sich nach der Decke, hätte man auch kürzer sagen können. Und wer macht jetzt das Spartaner-Camp auf..;)?

Gustav Grambauer

29. Juni 2019 09:07

Schärfster Widerspruch. Was Herr Bosselmann schreibt, gilt für den American Way of Life, nicht für Mitteleuropa im wohlverstandenen Sinne:

"Ihr seid gewissermaßen in der gegenteiligen Lage von einem Volke, das in einer gewissen Beziehung zu einem kurzen Glanze auch aufsteigender Art die Erde bevölkert. Ihr seid in einer gegenteiligen Lage wie das nordamerikanische Volk. Bedenkt, meine lieben Freunde, daß dieses nordamerikanische Volk, das Euer Gegenpol ist, von der Zeit ab begonnen hat, vom Westen allmählich gegen den Osten vorzurücken, in der in Europa das Zeitalter des Materialismus begonnen hat, und ihn weiter ausgebaut hat. Bedenkt, daß in den Wurzeln des Amerikanertums der Materialismus waltet. Bedenkt einmal, daß diejenigen Menschen, die Amerika kultiviert haben, dies getan haben mit den Vorstellungen des kultivierten Europäers vor Jahrhunderten, die so wenig weit hinter uns liegen. Was haben denn diese Menschen gemacht? Diese Menschen haben mit den materialistischen Vorstellungen der modernen Parlamente, mit den Vorstellungen der modernen Naturwissenschaft, der modernen Gesellschaftsordnung dasjenige getan, was sonst ungebildete Menschen machen, wenn sie Urwälder ausroden, Stück für Stück Ackerboden erobern, Land bereiten der Kultur. Das ist alles aus Materialismus entsprungen. Und wenn man heute betrachtet den als ihren bedeutendsten Schriftsteller Anerkannten, den ja auch die Amerikaner durch Wahl zu ihrem Leiter bestimmt haben, Woodrow Wilson, der für die heutigen Verhältnisse wirklich ein bedeutender Schriftsteller ist, der Glänzendes an schriftstellerischer Leistungen für die soziale Anschauung geleistet hat, wenn man ihn anschaut, seine Begriffe und Ideen, alles, was er repräsentiert als Vertreter des amerikanischen Volkes, was ist es? Ein Kartenhaus. Ein Kartenhaus, von einem einzigen Hauch, wenn er einmal gehaucht würde aus den spirituellen Welten heraus, vernichtet. Dann würde diese ganze Kultur umfallen. Jede Einzelheit, aus der die amerikanische Kultur stammt, kann man nachweisen aus äußeren Geschichtsbüchern, aus der Kulturgeschichte der vorigen Jahrhunderte. Alles liegt offen da, alles ist Menschenwerk, woraus das entsprungen ist. Fragt nach, woher Euer Volkstum kommt, woher Euer Geistesleben stammt, fragt nach, woher das Beste kommt, was Ihr in Euren Seelen hegen könnt. Ihr werdet es auf der Erde nicht finden! Das ist nicht in dieser Weise zu finden, das wurzelt in der geistigen Welt selber. Das ist Organismus, Lebewesen, das ist kein Kartenhaus. - Steiner: "Der Zusammenhang des Menschen mit der elementarischen Welt – Kalewala-Olaf Ǻsteson – Das russische Volkstum", GA 158, Seite 216 (1993)

Mir geht diese - erzmaterialistische - Fiume-kommt-wieder-Denke, diese Anheizerei, dieses ständige Unter-Streß-Setzen, dieser Alarmismus, dieses Suhlen in der Lust an Bedrohtsein und Untergang nur noch auf die Nerven. Meine Kutur ist kein Kartenhaus, keine "künstlich bearbeitete und passend gemachte Ersatzwelt". Von meiner Herangehensweise her ist die Kultursphäre kein Plastik-Exoskelett der "künstlich entgifteten, handlich gemachten und vom Menschen ins Lebensdienliche veränderten Natur" (sie ist - frei von Dichotomie - vielmehr Veredlung und Vollendung der Natur, in jeder Chemiestunde eines jeden Schulkindes), somit ist sie auch nicht "fragil und gefährdet". (Ihr Ausdruck auf dem physischen Plan mag gefährdet sein, ich komme gleich noch darauf.) Wenn Europa "primitivisiert", dann aus ganz anderen Gründen, nicht zuletzt, weil sich das Gehlensche Kulturverständnis in seiner Trivialität und Primitivität durchgesetzt hat, übrigens in Konsequenz auch das Verständnis der "Gesellschaft" (???) als aus "Hardware" und "Betriebssystem" bestehend. So eindimensional und phantasielos!

Habe das Beispiel dafür, wie mit einem Taschenspielertrick aus Ur-Angst Politik gemacht werden sollte, schon mal gebracht: als Honecker abgesetzt werden sollte, trat Verteidigungeminister AG Keßler auf und beschwor in den düstersten Bildern die Bedrohung durch die NATO. Der Feind würde die Absetzung als Schwäche auslegen, deshalb dürfe (sein Kumpel) Honecker nicht abgesetzt werden. Aber da hat der Trick, der einzig über Jahrzehnte das ganze System zusammengehalten hatte, schon nicht mehr gefunzt, erstmals ist keiner mehr darauf hereingefallen. In dem Moment (!) ist das Kartenhaus in sich zusammengefallen.

Ich verstehe, daß man mit dem ständigen Rekurrieren auf "die Dünnheit des Firnis" und allerhand existentielle Bedrohungen am allerbesten Anhänger für "Rettungsvorhaben" rekrutieren und steuern kann. Lehne für meinen Teil das Angebot dankend ab. Erschlage auch nicht meinen Nächsten, um mir mit dessen Fett die Stiefel zu schmieren. Das ist das - leider massenhafte - Weltbild des homo homini lupus, der entweder darauf beharrt oder frech den Leviathan herbeiruft. Besten Dank, ich nehme Abstand. Lasse mich auch nicht zwischen den Hegel-Polen "Lassez-faire" und "Leistungsbereitschaft" (bin ich ein Ackergaul?) zerreiben. Habe Besseres zu tun.

"Die Bewegungen nach dem Verfall zu sind stets natürlich und wahrscheinlich, die Bewegungen nach der Größe, dem Anspruchsvollen und Kategorischen hin sind stets erzwungen, mühsam und unwahrscheinlich." - Wenn dies für Gehlen, Herrn Bosselmann und Millionen andere so ist, bitte sehr. Bei mir ist es umgekehrt.

Heilung der Lage gedeiht aus der Besinnung auf existentielle Sicherheit (siehe oben: "Organismus, Lebewesen"), nicht auf der ständigen Strapazierung existentieller Unsicherheit, sogar wenn diese äußerlich besteht.

Genauer gesagt: es gibt eine unzerstörbare und eine zerstörbare Sphäre, und man tut gut daran, zweitere als Gleichnis der ersteren i. S. v. "Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis" anzusehen, denn vor allem hieraus erwächst - nicht "Rettung" - Heilung. "Physische und intellektuelle Fitneß" genügen lange nicht, vielmehr ist das sogar der Kasernenhofjargon, der die Misere nur verschlimmbösert. Der Intellekt ist bei den meisten Menschen heute längst ins "Defizitäre" (Gebser) abgekippt und damit verheerend-zerstörerisch geworden. Die grassierende kulturelle Haltlosigkeit ist nur genau die Quittung dafür, aber diesen Zusammanhang will ja kaum einer verstehen.

(Zustimmung zu Herrn Bosselmanns Schlußfolgerung aus dem Nietzsche-Verdikt.)

- G. G.

Gracchus

29. Juni 2019 10:42

Es ist eben Sommer - da will man sich nicht so schwere Gedanken machen.

Und das ist auch mein Einwand: Obwohl ich mit der Stoßrichtung des Textes einverstanden bin, klingt das teutonisch schwer. In Tombergs "Arcana" ist der Gaukler zum Beispiel eine positive Figure: der die Arbeit in Spiel verwandelt. Das erfordert natürlich Übung.

Und was steht auf dem Spiel?

Gustav Grambauer

29. Juni 2019 10:50

"Die Bewegungen nach dem Verfall zu sind stets natürlich und wahrscheinlich, die Bewegungen nach der Größe, dem Anspruchsvollen und Kategorischen hin sind stets erzwungen, mühsam und unwahrscheinlich. Das Chaos ist ganz im Sinne ältester Mythen vorauszusetzen und natürlich, der Kosmos ist göttlich und gefährdet.“

"Davon auszugehen, daß diese Stabilitäten aus sich heraus stabil bleiben, ist gefährlich. Sie sind eben nicht naturgegeben, sondern künstlich installiert, mithin angreifbar und beständiger Erosion sowie Havarien preisgegeben. Dieser Gefahr nicht aufmerksam gewärtig zu sein macht fahrlässig.":

Geh unter, schöne Sonne, sie achteten
Nur wenig dein, sie kannten dich, Heilge, nicht,
Denn mühelos und stille bist du
Über den Mühsamen aufgegangen. ... - Hölder

- G. G.

Niekisch

29. Juni 2019 11:42

"Oder funktioniert etwas nicht?"

Doch, lieber Herr Kubitschek, es funktioniert alles ganz hervorragend. Nur laufen die Rollen des Transportbandes manchmal etwas schnell. Zum Thema "Demokratie" z.B. könnte die Ausbeute an Ergebnissen noch wesentlich größer sein, hätten wir Kommentatoren mehr Zeit, Material heranzuziehen. Ich z.B. finde manche zu zitierende Werke gar nicht so schnell, wie es nötig ist. Gerne zitierte ich aus Ignatio Silone, den unser Maiordomus gerade erwähnt hat, wo aber ist das Buch unter den sicher 5000 Werken in diversen Regalen und Schränken, ja Kisten?

limes

29. Juni 2019 13:26

"Erwachsen bleiben"? Ich fürchte, das ist bereits zu optimistisch gesehen. Die Forderung an die meisten deutschen Mitbürger muss wohl heißen: Erwachen und erwachsen werden!

Dabei spreche ich aus eigener Erfahrung: Aufgewachsen als "Prinzessin" vom KRieg gebeutelter Eltern im Wirtschaftswunder, mit linker Indoktrinierung selbst in der Musik der Jugendzeit (in Westdeutschland!), bin ich erst im fortgeschrittenen Alter erwacht, als kaum mehr zu übersehen war, dass die Sache schiefzugehen droht.

In meiner Umgebung sind die meisten noch nicht einmal erwacht, die in der Demokratie (konsum)selig in den Schlummer gefallen sind ... Diese gilt es, durch Informationen und Überzeugungsarbeit erst einmal aufzuwecken.

Erwachsen werden sie dann so oder so. Wenn es nicht schnell genug geht, um den politischen und gesellschaftlichen Kurs hart zu ändern, ist die Zivilisation verloren.

Fredy

29. Juni 2019 13:32

Wer heut schon überdurchschnittlich fitt ist, dazu reichen 10 Liegestütz, steht bereits im Verdacht sich auf den Tag X, die Machtübernahme, den nächsten Judenmord, den Überfall auf Polen und das Einmarschieren in Frankreich vorzubereiten. Also, besser täglich zu McDonalds und vollfressen gegen Rechts.

heinrichbrueck

29. Juni 2019 14:27

Solange die Menschen an Mitbestimmungsrechte glauben, verläuft der Verfall mit ziemlicher Sicherheit stabil. Denn diese Mitbestimmungslüge begrenzt die Macht derjenigen, die den Schutz der Menschen garantieren könnten. Sie begrenzen nicht die Macht ihrer Feinde, stattdessen fürchten sie sich vor der eigenen Macht; in solchen Zusammenhängen haben schon immer ihre Feinde geherrscht und herrschen noch. Die gesamte Ordnung ist unterwandert. Die Fitneß dieser Ordnung bezahlt die eigene Zerstörung, die als selbstgewollt ihr sichtbares Mitbestimmungsrecht wahrnimmt. Falls jetzt versucht werden soll, aus Schafen Wölfe zu machen, werden die Naturgesetze nicht mitspielen. Die Leistungsfähigkeit ist ungerecht verteilt, was auch nicht weiter schlimm wäre, würde sie nicht unmoralisch kompromittiert. Gegenkräfte werden skrupellos diffamiert, bis hin zu selbst ungewollt durchgezogener Domestikation derselbigen. Die Gezähmten fallen wieder in den alten Trott zurück, nichts ändert sich. Nicht aufmucken, demokratisch bleiben? Demokratische Mehrheiten bleiben ethnisch nicht konstant, dann werden die Mitbestimmungsrechte neu ausgehandelt. Danach wird auch klar, wie Demokratie und Demokratisierung zu verstehen sind.

Lotta Vorbeck

29. Juni 2019 16:01

@Monika - 29. Juni 2019 - 06:40 AM

"... Bosselmann gelingt, was kaum ein Theologe oder Philosoph mehr kann: Er redet von Gott, dem Göttlichen in der Sprache der Welt. ..."

************************

Heino Bosselmann ist bekennender Atheist.

Lotta Vorbeck

29. Juni 2019 16:22

@Fredy - 29. Juni 2019 - 01:32 PM

"Wer heut schon überdurchschnittlich fitt ist, dazu reichen 10 Liegestütz, steht bereits im Verdacht sich auf den Tag X, die Machtübernahme, den nächsten Judenmord, den Überfall auf Polen und das Einmarschieren in Frankreich vorzubereiten. Also, besser täglich zu McDonalds und vollfressen gegen Rechts.

**********************

ÄTZKALK & LEICHENSÄCKE

"Eine Gruppe von Rechtsextremisten in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg hat für Angriffe auf politische Gegner rund 200 Leichensäcke und Ätzkalk bestellen wollen. Das erfuhr das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) aus Kreisen des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV).
Der Bundestag erhielt demnach vom Inlandsnachrichtendienst vor wenigen Wochen eine entsprechende Material-Liste der Rechtsextremisten mit Bestelladressen, Kontakten und Wohnungsbeziehungen.

...

„Nordkreuz“ gehören mehr als 30 sogenannte Prepper an, die über den Messenger-Dienst Telegram miteinander verbunden sind und sich auf den „Tag X“ vorbereiten – den Zusammenbruch der staatlichen Ordnung durch eine Flüchtlingswelle oder islamistische Anschläge und die anschließende Liquidierung politischer Gegner."

...

Die meisten Personen der Chat-Gruppe stammen aus dem Umfeld von Bundeswehr und Polizei, darunter sind mehrere ehemalige sowie ein aktives Mitglied des Spezialeinsatzkommandos (SEK) des Landeskriminalamtes (LKA) Mecklenburg-Vorpommern. Alle Mitglieder von „Nordkreuz“ haben Zugang zu Waffen, verfügen über Zehntausende Schuss Munition und sind geübte Schützen.

...

„Nordkreuz“ ist Teil eines Polizei-Netzwerks

...

Weitere Recherchen zeigen, dass Franco A. Teil des „Hannibal-Netzwerks“ in Polizei und Bundeswehr ist, zu dem auch „Nordkreuz“ gehört. Bislang unbestätigt ist die Vermutung der Ermittler, dass sich das rechte Netzwerk in Bundeswehr und Polizei über ganz Deutschland erstreckt und in vier Sektionen nach Himmelsrichtungen aufteilt. Franco A. würde demnach der Sektion „Südkreuz“ angehören.

..."

[Ostsee-Zeitung, 28.06.2019]

+ Weiterlesen:
https://www.ostsee-zeitung.de/Nachrichten/Politik/Verfassungsschutz-warnte-Bundestag-Namenslisten-Leichensaecke-Aetzkalk-Nazi-Gruppe-bereitete-weitere-Angriffe-auf-Fluechtlingsfreunde-vor

Niekisch

29. Juni 2019 16:29

"Geh unter, schöne Sonne, sie achteten
Nur wenig dein, sie kannten dich, Heilge, nicht,
Denn mühelos und stille bist du
Über den Mühsamen aufgegangen. ...- Hölderlin"

@ Gustav Grambauer 29.6. 10:50: Darf ich noch einmal?:

"Ich bin bei euch so recht vernünftig geworden,
habe gründlich mich unterscheiden gelernt
von dem, was mich umgibt, bin nun vereinzelt
in der schönen Welt, bin so ausgeworfen
aus dem Garten der Natur,
wo ich wuchs und blühte,
und vertrockne an der Mittagssonne"

( Hölderlin, Hyperion )

Lotta Vorbeck

29. Juni 2019 18:30

HELDEN DES ABENDLANDES

Der Vater der SeaWatch-"Kapitänin" Carola Rackete ist ein ehemaliger Experte für militärische Systeme

von Giovanni Giacalone

Der Vater der "Kapitänin" von SeaWatch, Carola Rackete, ist ein Militäringenieur, ein ehemaliger Experte für "Verteidigungssysteme" in der Bundeswehr und ein gut bezahlter Berater im privaten Militärsektor. Es genügt, die Linkedin-Seite zu besuchen, auf der unter anderem Ekkehart Rackete den Rang eines Tenent-Colonels in der deutschen Armee und 30 Jahre Erfahrung in der Militärindustrie mit Bezug zur Elektronik ELINT (Spionage Through) angibt, Sprengstoffentsorgung und Minenräumung, Schiffbau, ballistischer Fahrzeugschutz usw.

In seiner zivilen Karriere hat Ekkehart auch Erfahrung bei TAG Krefeld, dem Vertrieb von ABC-Schutzmaterialien (nuklear, bakteriologisch und chemisch), dann bei GTC in Celle, wo er an der ballistischen Verteidigung von Schiffen, gepanzerten Fahrzeugen und Hubschraubern arbeitete. Von Ende 2011 bis Mitte 2013 ist er dann Berater der Dr. Fehr GmbH gewesen, die auf LinkedIn als "security and investigations" geführt wird und über eine recht anonyme website verfügt, auf der Referenzen zu verschlüsselten USB-Geräten und zur biometrischen Identifikation eingesehen werden können.

Seit 2012 ist Ekkehart Rackete Berater bei Mehler Engineered Defense, einem im militärischen Bereich tätigen Unternehmen, das sich mit ballistischen Schutzsystemen befasst - Land-, See-, Luft- und Luftsystemschilde.

Ekkehart Rackete, der von Corriere della Sera kontaktiert wurde, äußerte sich bezüglich seiner Tochter so, dass die Familie ihr zwar alles gab, einschließlich des Kaufs eines Hauses in England, aber das Mädchen mit ihrem "Boarding" genug verdiente, um sich Zeiten der Freiwilligenarbeit leisten zu können. Ekkehart fügte hinzu, dass Carola das Richtige tue. Bedauerlich, dass das "Richtige" offenbar impliziert, illegale Einwanderer vor der libyschen Küste eingesammelt, in italienische Gewässern zu befördern und in der Art eines Piratenmanöver, bei dem ein Massaker an dessen Besatzung riskierend, ein Patrouillenboot der Guardia di Finanza tatsächlich zerstört wurde, in den Hafen von Lampedusa zu verbringen. Wie die betroffenen Guardia-di-Finazia-Männer dem Adkronos sagten: "Wir riskierten, von einem 600 Tonnen schweren Tier zermalmt zu sterben, es waren Momente puren Terrors in der Nacht. Sie sagen, sie retten Leben und riskieren dann, Männer des Staates zu töten. Auf der Seite des Kommandanten war es eine kriminelle Handlung. Punkt".

Der Vater der SeaWatch-"Kapitänin" erklärte gegenüber Corriere della Sera: "Carola spricht fünf Sprachen und spricht auch ein bisschen Italienisch. Wir hoffen nur, dass sie in einem ihrer Gefängnisse keine Möglichkeit bekommt, es zu perfektionieren."

Die Straftatbestände "Widerstand oder Gewalt gegen Kriegsschiffe" und "versuchter Schiffbruch" wurden von Rackete jedoch wegen des Rammens des Patrouillenbootes erfüllt und es droht ihr daher eine mehrjährige Haftstrafe, möglicherweise dieses Mal ohne Hausarrest.

© Bereitgestellt von Il Giornale Online

https://www.msn.com/it-it/news/italia/il-padre-di-carola-rackete-c3-a8-un-ex-ufficiale-esperto-in-sistemi-militari/ar-AADByZS?fbclid=IwAR1UKumiO2JdUWGJip324oXqFO3Hba8VXMxpg8Rfl6xmGcfs6fk1Qhg7dA0

+Das Photo zu Beitrag gibt's hier:
https://img-s-msn-com.akamaized.net/tenant/amp/entityid/AADBGad.img?h=298&w=270&m=6&q=60&o=f&l=f&x=229&y=109

Gracchus

29. Juni 2019 20:20

An meinen eigenen Kommentar und den höchst bedenkenswerten von G. G. anknüpfend, kann ich meinen Einwand noch verdeutlichen: Bosselmann scheint das Wozu von intellektueller und physischer Fitness fraglos voraussetzen, obwohl er den Fortschritt zugleich problematisiert. Dabei ist dieser Fortschritt längst fragwürdig, auch für dessen Nutznießer, eben aufgrund der Opfer, die er fordert. Gegenwärtig ist man übrigens schon bescheidener geworden: Opfer werden "nur noch" im Namen der ökologischen Krise oder Mutter Gaia gefordert.

Kurzum: M. E. steckt insbesondere der Westen in einer Sinnkrise. Und zwar deshalb weil man den Kontakt mit der seelischen-geistigen Welt - durchaus im Sinne Steiners, also als eine mit geistigen Sinnen erfahrbare Welt - verloren oder aufgegeben hat. Dieser Verlust spiegelt sich in der ökologischen Krise, so dass Lösungen, die im Materialismus stecken bleiben, scheitern werden. Daher: physische und intellektuelle Fitness: gut, aber zugleich: die geistigen Antennen ausfahren und die geistigen Sinne üben.

Monika

29. Juni 2019 21:14

@ Lotta Vorbeck
„Heino Bosselmann ist bekennender Atheist“
Das ist mir bekannt.
Kardinal Marx und Bischof Bedford-Strohm sind bekennende Christen.
Sie reden in der Sprache der Theologen, aber sie reden nicht von Gott.
Das meine ich.

Franz Bettinger

29. Juni 2019 22:32

@Grambauer: Ha, ich lache befreit auf. Ihr Widerspruch hat mir gut gefallen. Sie haben recht. Die Natur und darin wir selbst, ja alle Lebewesen, sind sehr stabil gebaut. In jeder Ameise steckt dieses Programm der Ordnung und des Aufbaus. Was wäre die Evolution (Schöpfung?) denn auch anderes als ein Gegen-Programm zur Entropie. Sie schafft Ordnung und immer mehr Ordnung und höhere Ordnungen, auch wenn die Stinkstiefel des Tiefen Staates seit >200 Jahren dagegen anrennen und zu ihrem Machterhalt immer wieder Chaos verbreiten. Nein, weniger die Ordnung als das Chaos ist menschen-gemacht. Der Hang zur Ordnung ist in der Natur, das heißt genetisch verankert, der Hang zum Chaos nicht; letzterer ist das Resultat des menschlichen Willens. Gibt es in der Tierwelt Chaos? Nein. In der Geschichte der Menschheit? Zuhauf! Weil die Mächtigen irgendwann erkannt haben, dass sie in Zeiten des Chaos, in denen sich die Menschen angstvoll nach Führern umschauen, viel leichter als durch Waffengewalt ihre satanischen Programme durchziehen können. Gegenrezept: Habt keine Angst!

@Lotta Vorbeck: Danke für den Hinweis auf Bosselmanns Atheismus. Auch ich rede gern von Gott, obwohl ich wie B. Atheist bin. Denn die Vorstellung eines gerechten Gottes ist schön. Ein schöner Gedanke! Wäre er nur wahr!

Anthropofugaler Wanderer

30. Juni 2019 10:57

Ich komme ehrlich gesagt auch nicht mit und ließ lohnend erscheinende Beiträge ganz aus.

andreia
28. Juni 2019 22:56
„Der Text beschreibt das »Good times create weak men.«-Meme, nicht wahr?“
Nur halten die „guten Zeiten“ des Fortschritts bereits Jahrhunderte an und umso tiefer und brachialer wird der Fall sein, wenn dieses virtuell verästelte, sich selbst multiplizierende Weltzivilisationskonstrukt seine wohl verdiente Implosion vollzieht. Je mehr man meint, dieses Konstrukt, seine Funktion und sein Schicksal zu verstehen, desto mehr muss man auch reaktionär denken und handeln. Man muss sich der Volatilität und Zerbrechlichkeit all dieser materiellen Errungenschaften stets bewusst sein. Und in diesem Sinne sehe ich den Beitrag verstanden: Sich der Statik des Komforts, des Luxus, des Überflusses nicht gänzlich hingeben, sondern eine (zeitweise) Rücknahme all jener degenerativen »Vorteile« des Fortschritts vollziehen.

Der auch Gehlen zitierende und sich vorrangig mit technischem Fortschritt, Evolution und Demografie beschäftigende Herbert Gruhl hinterließ auch knappe zusammenfassende Zeilen dazu:
„Nur stumpfsinnige Menschen fühlen sich im Glück der gefüllten Futtertröge wohl, die anderen brechen aus einer solchen Situation aus.“

„Wird es der durch den Wohlstand korrumpierte Normalbürger jemals begreifen, daß menschliches Leben, wie jedes Leben, unter Anstrengungen besser gedeiht als in der Fülle?“

„Der Mensch der Industrienationen lebt heute wie sein eigenes Haustier: er ist domestiziert.“

„Die heutige Manie, auch die geheimnisvollsten Regungen der Natur und der Seele mit den grellsten Scheinwerfern auszuleuchten, führt zu nichts anderem als zu kulturellen Verwüstungen, zu einer Verminderung der innigsten Gefühle, zu seelischer Entropie.“

In diesem Kontext könnte man auch Klages anführen: „Nicht der Eingriff überhaupt ins Leben ist notwendig schon Verletzung des Lebens, sondern der eigenmächtige Eingriff, der den Rhythmus zerbricht, statt ihn fortzuleiten.“

Sich deckende Narrative der Selbstdomestikation des zivilisierten und wohlständigen Massenmenschen erzählen beispielsweise Konrad Lorenz, Irenäus Eibl-Eibelsfeld, Theo Löbsack und recht prominent Theodore Kaczynski.

Ulrich Horstmann lehnte diese Deklaration des Mängelwesens aus dem Grund ab, dass die durch es bewirkte "Blüte" eine totale Vernichtung des Lebens sein muss (denn radikal zu ende gedacht, führt der Fortschritt nur darauf hin) und jenes so, als ordnende Gegenkraft zur allgegenwärtigen Entropie, als Anomalie von dieser abweichend, eliminiert wird. Es (das vmtl. Mängelwesen) erfülle also mit wohl angelegten Fähigkeiten seinen Sinn in dieser Rückführung zum Urzustand.

@Gracchus
29. Juni 2019 20:20
Stimme Ihnen zu. Jedoch ist das ein weiterer Faktor, welcher den Westen fragiler werden lässt, aber nicht der ausschlaggebende. Denn asiatische Länder haben trotz homogener Völker und festerer, traditionellerer spiritueller Bindungen im selben Fortschritt und dem zugrundeliegenden Materialismus ähnliche Probleme zu schultern, weil freilich die Globalisierung einen Zwang zur Anpassung durch Übernahme der geläufigen Prinzipien erzeugt(e).

Hartwig aus LG8

30. Juni 2019 15:18

Ja, Herr Grambauer. Gewiss.
Aber muss man zuvor nicht zwingend die Bosselmann'sche Ebene durchqueren? Der gesunde Geist in einem gesunden Körper? Und noch viel mehr?
Wenn ich sehe und erlebe, wie sich viele meiner Landsleute an den ihnen widerwärtigen Gegebenheiten aufreiben und abarbeiten; Leute, die Tagesschau und Talkshows schauen und sich maßlos ärgern; Leute, die sich über die Zustände in unserem Land per pi oder jf informieren und jedesmal erneut aus allen Wolken fallen.
Da hilft nur eine Kur, eine Entgiftung: Entziehung der Massenmedien (am besten zunächst mal aller Medien), Sport und Ernährung, frische Luft, Urlaub in der Einöde ... um eine geistige und körperliche Fitness zuerlangen. Erst von da aus kann es weiter gehen.

Laurenz

30. Juni 2019 22:24

@Gracchus & Franz .... der technologische Fortschritt basiert rein auf der Digitalisierung und nicht im mechanischen Bereich. Das Damokles-Schwert des Fortschritts basiert auf der militärischen Eminenz. Dem kann
sich keiner entziehen, auch wenn es unsinnig ist.

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