30. Juni 2019

Sonntagsheld (112) – Neuer Rauch aus alter Asche

Till-Lucas Wessels / 15 Kommentare

Noch ist der Pinsel scharf.

Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.

Gleich vorab – die Welt der Malerei blieb mir stets verschlossen. Zwar vermag das eine oder andere Bild mich zu bewegen und meine Kunstlehrerin war zu Schulzeiten durchaus angetan von meinen kreativen Interpretationen, aber meine Zeichenhausaufgaben ließ ich schon damals für einen schmalen Taler oder eine Süßigkeitentüte von meinen Klassenkameradinnen anfertigen und in eine Kunstgalerie bekommen mich auch heute keine zehn Pferde rein (auch nicht, wenn sie blau wären).

Eingedenk dieser Tatsachen möge man mir also verzeihen, wenn ich die aktuelle Debatte um den Leipziger Maler Neo Rauch nicht aus der Perspektive des rotweinschlürfenden Soirée-Sommeliers betrachte, sondern mit dem leidgeprüften Blick des politischen Publizisten.

Zuerst vielleicht, für diejenigen, die wichtigeres zu tun haben, als die ganze Woche über Schlagzeilen auf der Suche nach geeigneten Wochenend-Heroen zu durchforsten: Worum geht es hier eigentlich?

Vor ungefähr einem Monat veröffentlichte der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich in der Zeit unter der Überschrift “Auf dunkler Scholle” einen Schmähartikel der üblichen Sorte gegen besagten Neo Rauch. Die Anwürfe – rechte Okkupation der Kunstautonomie, kryptofaschistische Botschaften in Rauchs Bildwelten, dazu ein bisschen Sippenhaft mit den offensichtlich eindeutiger einordenbaren Krausens und Tellkamps unserer Tage - sind ermüdend unkreativ zusammengekleckst, nicht der Rede und keinesfalls eines 4-Wochen-Gratis-Testzugangs im Netzportal der Zeitung wert.

Anscheinend trafen sie jedoch in der illustren Leipziger Künstlerszene einen empfindlichen Punkt. Das Affentheater um den AfD-nahen Maler Axel Krause, der erst vor kurzem von der Leipziger Jahresausstellung ausgeladen wurde, bevor der Vorstand selbiger zurücktrat und die Ausstellung absagte, nur um sie schließlich doch zu veranstalten, freilich ohne den bösen Maler mit dem Herz für die blaue Partei; jene Misere also war offensichtlich noch nicht ganz vergessen und so sah sich Neo Rauch, der zumindest als Prominentester unter den der in Ullrichs Artikel mit dem Schandfleck der Düsternis Behafteten gelten darf, genötigt, eine Antwort zu verfassen.

Freilich, eine Antwort in seinem eigenen Stil.

Unter dem Titel “Der Anbräuner” schickte er wenige Wochen später die Fotografie eines Gemäldes an die Redaktion der Zeit (Hier beim MDR einsehbar). Darauf zu sehen ist der zur Kenntlichkeit entstellte Feuilletonist Ullrich, wie er mit seinen eigenen Fäkalien eine allzudeutsch grüßende Figur auf eine Leinwand malt. Durch das Fenster lugt der Führer persönlich, neben der provisorischen Toilette liegen einige Ausgaben der taz, vermutlich als Toilettenpapier, oder als Klolektüre.

Charmant an dieser Darstellung ist in jedem Fall, dass niemand sich ernsthaft fragen wird, “was uns der Künstler mit diesem Werk sagen möchte”. Vielmehr mag man sich lebhaft das lüstern-empörte Geschnatter ältlicher Damen vorstellen, die sich in einem schon fast reaktionär eingerichteten Café fragen, ob der Herr Rauch das überhaupt darf, seinen Kritiker so zu beleidigen.

Für die ganze Kunst-Szene müsste ein solcher “Skandal” eigentlich recht ergötzlich sein, hört man doch allenthalben, dass selbige von der Provokation lebt. Und doch kann man diese Wortmeldung schon für mehr nehmen als bloß für eine kecken Wurf oder die bildgewordene Zickigkeit eines Diva-Charakters.

Dieser “Anbräuner” ist eine Gestalt, die jedem von uns, der schon einmal auf seine Leinwand geschmiert wurde, nur allzu vertraut ist. Jeder kennt sie, die Schreiberlinge die aus ihrem Wortegewurschtel heraus mit Scheiße schmeißen in der Hoffnung, dass am Ende doch irgendwas hängen bleiben wird.

Diese Typen als das darzustellen was sie sind, ist das Mindeste. Und ich hoffe, dass wir das Bild von Neo Rauch in Zukunft öfter sehen werden – immer dann, wenn sich wieder einer zu einer längeren Sitzung bequemt hat, um seinen Unrat gegen uns ins Feuilleton zu spritzen, wollen wir es hervorholen und es hochhalten wie einen Schild.

Und vor Allem darunter schirmen wollen wir die Künstler, denn, wissen Sie liebe Leser, auch ich kenne ein paar von ihnen und zwar solche von der Sorte, deren Bilder nie im Metropolitan Museum in New York hängen werden. Solche, die keinesfalls von dem Bisschen leben können, was ihre Arbeit abwirft. Für sie können Artikel wie der von Wolfang Ullrich existenzbedrohend werden, und doch werkeln, dichten, malen und schaffen sie stetig auf jener dunklen Scholle aus der jeden Morgen unsere Hoffnung sprießt, wenn im Osten die ersten Sonnenstrahlen vom Himmel fallen.

Einen ausführlichen Artikel zur Thematik, auch mit weiteren Informationen zu Neo Rauch und seinem Hintergrund finden interessierte Leser auf der abermals empfehlenswerten Seite des Projektes “Anbruch” - im Gegensatz zu den Artikeln in der ZEIT steht er nicht hinter einer Bezahlschranke.


Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.


Kommentare (15)

Laurenz
30. Juni 2019 22:17

Herr Weesels, mir geht's in der bildenden Kunst wie Ihnen. Allerdings gibt es "Übersetzer", wie die Macher von "Hundert Meisterwerken", welche die malerische Kunst auf einem pädagogisch erfolgreichen Wege, mir, einem malerischem Banausen, die Kunst näher brachte.
Das Bild ist geil. Vor allem steht die künstlerische Befähigung außer Frage. Der Mann kann malen. Und, welch Errungenschaft, jeder wird es verstehen. Die Bigotterie gegenüber nationalsozialistischer Architektur und diese in 70 Jahre kopierend, wird vielleicht dazu führen, daß dieser Maler zukünftig dem Widerstand zugerechnet werden wird.

Ratwolf
1. Juli 2019 01:22

Zitat: „die Welt der Malerei blieb mir stets verschlossen“

Geht mir auch so.
Bildinterpretationen, also tagelanges Grübeln über die Symbolik und Zusammenhänge von alten Bildern sind für mich Zeitverschwendung,

Die neunen Künstler der Moderne stellen sich lieber selber in den Vordergrund. Von Kunst als Können ist nichts mehr zu sehen.

Guter Artikel. Schön geschrieben. Gut zu lesen.

Janno
1. Juli 2019 03:17

Wahrlich ein verdienter Held. Die sächsischen Künstler können eben auf eine Tradition zurück blicken, die größer ist als "das Land, in dem wir gut und gerne leben".

Atz
1. Juli 2019 10:06

Es gab in der Süddeutschen gerade einen Artikel zu einem Hatz in Havard gegen einen Rechtsprofessor, der Team der Verteidiger von Harvey Weinstein ist.

Und dort: "Der Dekan des Harvard College, Rakesh Kurana, schrieb in einer E-Mail an die Studenten, dass er deren Sorgen sehr ernst nehme."

Diese Führungsschwäche gibt es auch in Deutschland. Es sind liberale Menschen, die notwendige liberale Prinzipien nicht verstehen. Künstler können machen, was sie wollen.

Michael B.
1. Juli 2019 11:17

Warum hat der Mann auf Rauchs Bild eigentlich drei Beine? Uebersehe ich die Rolle des Schattens, hoehere Symbolik? Ebenfalls wohl eher Kunstbanause...

Niekisch
1. Juli 2019 11:41

"Künstler können machen, was sie wollen."

@ Atz 10:06: Nicht wirklich. Zwar ist die Kunst gem. Art. 5 III GG frei, sie unterliegt dennoch "immanenten" Schranken. Soweit staatliche Maßnahmen sich nicht gegen das Kunstwerk als geistigen Wert - in einer Gestaltung wird ein geistig-seelisches Erlebnis offenbart- richten, sondern der Schutz anderer Rechtsgüter im Vordergrund steht, gelten die allgemeinen Beschränkungen (Vorbehalt des Gesetzes).

Würde z.B. der Kunstkritiker im Gemälde Neo Rauchs die Persönlichkeit herabsetzend dargestellt, so könnten Beleidigungsdelikte die Kunstfreiheit einschränken.

KlausD.
1. Juli 2019 12:23

Neo Rauch ist in Aschersleben, der ältesten Stadt Sachsen Anhalts, aufgewachsen und studierte in Leipzig. Alle ehemaligen DDR-Bürger kennen aus eigenem Erleben die Merkmale eines totalitären Regimes, sie haben dafür sozusagen einen 7. Sinn entwickelt. Sie WISSEN: Eine (Merkelsche) Einheitspartei, (fremdgesteuerte) „alternativlose“ politische Entscheidungen, gleichgeschaltete Medien mit ihrer Dauerpropaganda sind Merkmale einer Diktatur, und genau dagegen sind sie vor 30 Jahren auf die Straße gegangen. Das Problem ist: Die Meinungen, die Anschauungen, die Gefühle der Ossis interessieren im Westen niemanden. Dort ist man überzeugt, nach wie vor im besten aller Systeme zu leben und jede Kritik daran wird als Abkehr von ihrer (weltbesten) „Demokratie“ verstanden. Eine Lösung dieser Misere? Ich sehe keine, zumindest kann ich die Meinung von @LotNemez in seinem Kommentar vom 28.Juni 2019 um 21:15 zum Thema „Sezession: Thema Sachsen und Abokampagne“ nachvollziehen.
Nachsatz: In Aschersleben hat übrigens die 2012 gegründete Grafikstiftung Neo Rauch ihren Sitz, ein Besuch lohnt sich!
https://www.grafikstiftungneorauch.de

Maxx
1. Juli 2019 13:07

Genialer und gut ausgedrückter bildlicher Konter von Neo Rauch, dessen Bilder ich auch schon seit langem sehr mag.

"Warum hat der Mann auf Rauchs Bild eigentlich drei Beine?"
Drei Beine stehen (möglicherweise) als Symbol für übereifrige Denunanziationstätigkeit, wobei der Mann zugleich nicht mehr in der Lage ist, sich auf drei Beinen fortzubewegen und dazu verurteilt ist, sitzen zu bleiben. Dem Anbräuner ist ein drittes Bein gewachsen, das er in einen Topf mit eigenen Fäkalien gesteckt hat, um sie zusätzlich zum Pinselauftrag auf robustere Weise zu verteilen. Die Fußspitze des vorderen Beins hat der W. U. in einen bereits gefüllten Topf mit Fäkalien gesteckt, die er nach Bedarf an der Leinwand verteilt.

Fredy
1. Juli 2019 15:00

Bild ist von der Aussage top, von der künstlerischen Fähigkeit ein Flop: Die 2 Schatten am Stuhl passen nicht, die Beine passen nicht (selbst wenn das 3. Bein eine spezielle Aussage hätte, müßten zumindest 2 perspektivisch zusammenpassen), die Scheiße-Schüssel hängt in der Luft (der Maler hält ja den Pinsel), und grundsätzlich kann man in dieser seltsamen Stellung schon gar nicht verweilen. Das ist ganz schnell und schlecht hingerotzt worden. Aber vielleicht ist das die Botschaft (mehr Einsatz war das Zielobjekt einfach nicht wert).

Anthropofugaler Wanderer
1. Juli 2019 16:17

Ich finde es bemerkenswert, wie ausnahmsweise nicht ausgewichen, gerechtfertigt und relativiert sondern scharf und treffsicher zurückgeschossen wird. Solche gekonnten Konter, welche sich nicht auf das Terrain des Gegner begeben, sollten viel mehr Schule machen - gerade in der Kunst stehen einem unendliche Möglichkeiten zur Verfügung. Freilich ist das dem hohen Renommee und der geringeren Druckmittel des hegemonial-repressiven Apparates geschuldet, aber wenn man schon fällt, dann könnte man auch austeilen.

Ein angedeutetes oder ausgeführtes drittes Bein stehen symbolisch für den Teufel oder das Böse, sollten in dem Fall hier besonders die Falschheit der Figur unterstreichen.

Gracchus
1. Juli 2019 21:17

Neo Rauch scheint mir auf gutem Weg, ein bedeutender Künstler zu werden, und nicht zufällig lautet ein Film über ihn "Ein deutscher Maler"; mir scheint, als male er live aus dem deutschen Unbewussten. Ohnehin finde ich die Leiozuger Schule interessant, obwohl mich die gegenwärtige Kunst in ca. 9 von 10 Fällen kalt lässt. Soll man es bezeichnend nennen, dass Rauch ein "Ossi' ist.

Möglicherweise hat der Schmalspur-Intellektuelle W. U. eben das Deutsche am Werk Rauchs wahrgenommen, und jemand wie W. U. in seiner gehirngewaschenen Phantasielosigkeit assoziiert Nazi-kontaminiertes.

W. U. zeigt sich übrigens - im Deutschlandfunk - und unbeeindruckt und fühlt sich gar nicht gemeint, sondern sieht darin ein Selbstporträt.

Hartwig aus LG8
1. Juli 2019 21:52

Ohh @Fredy!
Ich kann mit den Bildern Neo Rauchs nicht viel anfangen. Sie sprechen mich nicht an. Wer El Greco liebt, kann Neo Rauch nicht mögen.
Aber das Rauch Bilder "hinrotzt", ist nun wirklich eine Interpretation, die Sie zum Banausen stempelt. Rauch ist ein Virtuose, ein Meister der Technik. Nichts ist "mißraten", nichts mißlungen, nichts zufällig.

Man darf den "Anbräuner" nicht überhöhen - das ist kein GEMÄLDE von Neo Rauch, sondern allenfalls ein Illustration.

Thomas Martini
1. Juli 2019 22:02

Das plumpe und monotone Gleichsetzen von Nazis und Kot, ist lediglich der stumpfsinnige Ausdruck von 40 Jahren BRD-Vergangenheitsbewältigung.

Der Maler Neo Rauch trägt daher mit seinem beschissenen Gemälde rein gar nichts zur Entlastung der Deutschen oder Deutschlands bei.

Das ist der einzige Maßstab, an dem man deutsche Helden messen sollte - und zwar solange, bis man die Geschichte der Deutschen nicht mehr mit Inquisitionsgesetzen in Geiselhaft gefangen hält.

"Du bist ein Nazi!"

"Nein, seht her: Ich bin kein Nazi, und möchte nicht mit dem braunen Hitlerdreck in Verbindung gebracht werden".

Diese Haltung, auf welche Art auch immer, einzunehmen, ist weder mutig, noch sonstwie bewundernswert. In Nazideutschland hätte diese Reaktion ihre Entsprechung wohl in einem Hitlergruß nach Aufforderung gefunden.

quarz
1. Juli 2019 22:16

Das ist jetzt schon der dritte prominente ostdeutsche Maler, der aufmuckt. Etwas untergegangen neben Rauch und Krause ist Gerhard Richter (in einschlägigen Rankings immerhin als bedeutendster lebender Künstler der Welt gelistet, dessen Gemälde "Abstraktes Bild" vor ein paar Jahren für über 25 Millionen Euro den Besitzer wechselte).

Richter ließ vor zwei, drei Jahren in einem Interview folgende Anmerkungen fallen:

"Die Parole von der Willkommenskultur, die wir eingeführt haben mit unserem Präsidenten, die ist so verlogen. Das ist unwahr, mir sind Flüchtlinge nicht willkommen. Ich hab noch nie was gegen Ausländer gehabt. Aber wenn mir gesagt wird, du musst jetzt alle willkommen heißen, dann ist das gelogen. Ich nehm die nicht zum Essen, sondern nur die ich jetzt kenne, egal, ob das jetzt ein Neger ist oder ein Däne."

Atz
3. Juli 2019 08:34

@Niekisch Ich wollte keine grundrechtspositivistische Diskussion evozieren. Nur das Beispiel einer Hochschule, die vor Angriffen von Aktivisten gegen einen Professor einknickt - Angriffen, weil er Strafverteidiger einer Person ist - statt diese entschieden zurückzuweisen.

Genau das gleiche bei Neo Rauch, wie er weltanschaulich blinkt und was er an der deutschen Seele bespielt, sollte doch kein Werturteil nach sich ziehen. Selbst in der DDR hat man Künstler nicht so ganz platt für die Regierung eingespannt. Dass Künstler den Gesetzen unterliegen, geschenkt. Dass Künstler Sachen für ihre Kunst enteignen dürfen, eine Kuriosität des BGB.

Mich erinnert das mit dem "Anbräuner" übrigens an die Karikaturen von Greser und Lenz.

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