1. Juli 2019

Negative Pädagogik

Gastbeitrag / 42 Kommentare

von Heino Bosselmann -- Das will ich mal zur Debatte stellen: Besteht eine Hauptsymptomatik von Lehrern in deren latenter Infantilität?

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Wer sonst als die Lehrer hätte die Schule nur verlassen, um zwischendurch ein paar Jahre zu studieren. Und dann zurück in diese Kinderwelt, wo es doch – nach Freud – eine Kulturleistung wäre, sich davon abzukoppeln, anstatt weiterhin ein behütetes Leben in geschützt geschlossenen Räumen zu führen.

Außerhalb des Schulgeländes die dramatisch bewegte Welt, drinnen das ewige Experiment, meist in der wohlwollenden, aber trügerischen Illusion, die Schule – möglichst ganztags! – biete das Wahre, Gute und Schöne in reiner Gestalt, als trügerisches Paradiesgärtlein der Unvertriebenheit, frei von Sünde und noch ganz ohne Kain. Statt des gefährlichen Lebens inszenierte Projekte, die den guten Menschen herausbilden. Vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen wird zwar gekostet, aber Geltung hat nur das Gute.

Lehrer verbringen Jahrzehnte damit, anderen die Welt zu erklären – eine kommunikative Situation, die außerhalb des Klassenraumes so dreist wie peinlich erschiene. Und das noch mit dem zweifelhaften Kunststück, die „freiheitliche Grundordnung“ ebenso schlüssig darstellen zu können wie die „Diktatur des Proletariats“, wenn für die jeweiligen Auslegungen ein Ministerium die Rechtfertigungen liefert und das Gehalt überweist. Typus korrumpierter Erklärbär?

Provokant gefragt: Ist nicht jede Schulbildung in einem weitgefaßten Sinne wesentlich Übergriff und „Mißbrauch“, mindestens gedankliche Penetration, wenigstens Distanzüberschreitung, indem sie im Auftrage wechselnder Autoritäten und Auffassungen permanent Menschenbilder prägt, durch die Manipulation eines Publikums, das schulpflichtig festgesetzt und zwangsvereinnahmt ist?

Wo überhaupt gibt es vergleichbare Interventionen wie in der Schule, die von der Weltliteratur hinlänglich als Ort verordneter Langeweile, wenn nicht gar als übelste Korrektur- und Kränkungsanstalt dokumentiert ist, bevor sie seit den Siebzigern des vorigen Jahrhunderts einer Art innerem Sozialismus mitten im Kapitalismus zugeschlagen wurde? Was an der ihr eigenen Impertinenz und den Indoktrinationen nichts ändert, sondern diese nur zeitgemäß bunter erscheinen läßt: Schule ist cool! Niemand glaubt das, aber alle müssen mit.

Wenn sich Lehrer nach langen Jahren im Dienst immer noch darüber echauffieren können, wie Schüler, diese Rohware der Natur, so sind (fehlende Hausaufgaben, blutrünstige Ballerspiele, Pöbeleien auf Facebook), liegt das sicher an deren „Erziehungsauftrag“, aber vor allem an der naiven Erwartung, der Mensch, schon der heranwachsende, wäre vernünftig oder – mit Goethe – edel, hilfreich und gut. Oder, wie in der DDR, ein „glühender Sozialist“ oder, wie im Dritten Reich, ein junger Nationalsozialist oder, wie in der Bundesrepublik, ein überzeugter Demokrat, der sich nach dem Wahlrecht mit sechzehn oder vierzehn sehnt, selbstverständlich dank politischer Bildung ausschließlich auf die „demokratischen Parteien“ orientiert.

Und demokratische Parteien sind derzeit allesamt links, denn rechts zu stehen gilt als pathologisch. – Konservativ zu denken gilt nur als eine gefährliche Vorform des rechten Denkens. Wer sich als konservativ bezeichnet, der ist längst infiziert. Wer von Nation und Heimat spricht, bei dem bricht rechte Symptomatik schon durch, so daß er in Quarantäne muß.

So wie man als Kind vom „Sozialismus in der Schule“ hörte, höre man jetzt von „Demokratie in der Schule“. Und erlebte beides als fragwürdige bis gefährliche, jedenfalls inszenierte Propagandismen. Wobei das ideologisch Bestimmte nicht so blutarm wirkte wie das von der Kultusbürokratie über all die Initiativen und Flyer neuerdings Verordnete. Immerhin konnten DDR-Schüler ab sechzehn Traktor oder LKW fahren, schrubbten Schichten in der Produktion und spielten nicht Counter-Strike, sondern schossen beim militärischen Mehrkampf Kalaschnikow-Kleinkaliber.

Nach Bewährung mußten sie nicht lange suchen. Man warf ihnen die Verantwortung zu wie ein Werkzeug, das sie zu fangen hatten. Es hieß, sie würden gebraucht! Man müsse sich auf sie verlassen können, sie wären die sozialistische Elite des neuen Jahrtausends. Zwar ging die Geschichte darüber schulterzuckend hinweg, aber genau diese Grundvereinbarung zwischen den Generationen erlosch. Denn werden die gerade Heranwachsenden wirklich gebraucht? Über ihre Rolle aus Konsumenten hinaus? Sie sind sich dessen nicht sicher, und dieser Zweifel macht ihnen zu schaffen.

Lehrkräfte, schon physisch meist zerknittert, erschöpfen sich psychisch an der ihnen abverlangten Rollentäuschung, selbst auf dem Weg zum besseren Menschen – heute zum Demokraten, vormals zum Sozialisten oder Nationalsozialisten – bereits ziemlich weit vorangekommen zu sein. Die hoch gehandelte Vorbildwirkung strengt nicht nur an, sie kann schnell zu einer unfreiwilligen Karikatur verrutschen. Wilhelm Busch und die „Feuerzangenbowle“ setzten das eindrucksvoll ins Bild und waren darin schon damals realistischer, als es offizielle Studien und dauernde „Evaluierungen“ je sein können.

Schule will heutzutage zwar ausschließlich lust- und freudvoll verfahren, aber keinesfalls komisch sein. Sie ist es dennoch durchweg, auf bittere Art. Vielleicht wird es in Anlehnung an Adornos Begriff der „negativen Dialektik“ Zeit für eine „negative Pädagogik“. Die Übereinstimmung wäre sinnfällig, insofern der von links zu kurzschlüssig verstandene Philosoph jenes Denken als negativ dialektisch auffaßte, das sich selbstkritisch gegen die Herrschaft der Begriffe wendet – mit dem Ziel, daß sich der Vorrang des unmittelbar Gegebenen vor den Worten wieder zeigen kann.

Kaum ein Bereich ist derart von irren Täuschungs- und Trostbegriffen umstellt wie die Bildung in Deutschland. Man greife nur einige der Modewörter heraus – Inklusion, Binnendifferenzierung, Coaching, Methodenkompetenz, Ganztagsschule – , prüfe diese und ermesse, was für Lebenslügen oder gar welcher Nonsens sich hinter vielen dieser Konstrukten und Euphemismen verbergen.

Wenn neuerdings beispielsweise der Mangel das Zusammenlegen von Klassen verschiedener Altersgruppen verlangt, wird das nicht etwa als Malus beschrieben, sondern als Innovation „jahrgangsübergreifenden Unterrichts“. Lehrerausfälle im naturwissenschaftlichen Bereich, die über Wochen nicht vertreten werden können, kaschiert Mecklenburg-Vorpommern mit der Sprachregelung „selbstverantwortetes Lernen“.

Grundsätzlich müßte eine „negative Pädagogik“ bereit sein, den Menschen einmal nicht ausschließlich als aller Möglichkeiten voll und per se als Talent anzusehen, nur weil er auf die Welt und zwangsläufig in die Schule gekommen ist, sondern ihn durchaus mit pessimistischem Lebensernst und gerade deswegen wohlwollend in seinen Grenzen betrachten, und zwar die Lehrer wie ihre Schüler. Dies entspannte nicht nur die angestrengte Situation des aufdringlichen Dauerlächelns, sondern ließe klarer erkennen, was Schule kann und wovon sie lieber lassen sollte.

Vor allem: Weniger versprechen, dafür an echten Befähigungen viel mehr bieten. Die geschmähte Schule des Kaiserreiches verstand sich darauf, die ganze Nation zu alphabetisieren. Selbst der Landarbeiter konnte lesen und schreiben, im Vergleich zum heutigen Durchschnitt sogar qualifiziert. So viel „funktionaler Alphabetismus“ wie in der „Bildungsrepublik Deutschland“ war nie! Was für ein Kulturverlust!

Beispiel: Weil das Leben weit mehr ist als sein Vehikel, die Wirtschaft, könnte man wieder darauf kommen, streitbare Persönlichkeiten zu bilden, kraftvoll in der Weise, daß sie sich zu positionieren verstehen und ihnen Urteils- über Marktfähigkeit, Haltung über Geschwätz und Wissen über simplen Pragmatismus geht. Abgesehen vom kultusministeriellen Gedöns wäre dieser Anspruch vor allem von einer Grundbedingung abhängig: Die Lehrer müßten selbst Persönlichkeiten sein.

Waren sie das je? Durften sie es? Mitunter können Pädagogen zwar von vermeintlich großartigen Methoden erzählen, wissen aber in den Klassenräumen nicht mal eine kommunikative Situation herzustellen oder die Relevanz ihrer Unterrichtsthemen so geschickt nachzuweisen, daß ihre Schüler aufgeschlossen mitziehen.

Immerhin: Fast jeder, der durch die Schule ging, kennt charaktervolle Lehrer, die – im Gegensatz zu den faden Pflichterfüllern und ängstlichen Anpassern – Schüler zu inspirieren und ihnen Fenster aufzustoßen verstanden. Glücklicherweise, denn sie haben uns geprägt, manchen gar entscheidender als die Eltern. Konformisten waren solche echten Pädagogen nie, und Karriere im System interessierte sie wenig. Sie waren von ihren Fächern und Gegenständen selbst begeistert und setzten auf das, was zunehmend verpönt ist, ja fast schon als bildungsreaktionär gilt, nämlich auf Inhalte und auf den Erwerb anwendungsbereiter Fähigkeiten. Sie waren fair auch in der Weise, daß sie manchem rieten: Schule und Studium ist nicht deine Sache, aber versuch’s mit einem guten Handwerk. Oder in der Kunst! Aber jemanden aufs ehrenwert Praktische zu orientieren galt lange als Negativauslese, als diskriminierende Selektion.

Ein allzu positives Menschenbild kann – ganz entgegen seiner vermeintlichen Absicht – früh zu einer Mißerfolgskonditionierung führen, indem sich allzu viele der als abiturabel Deklarierten trotz ständig reduzierter Anforderungen immer noch überfordert sehen. Schon das Wort und den traditionellen Anspruch „Gymnasium“ verstehen die meisten gar nicht.

Von einer dazu erforderten Einstellung ganz zu schweigen. Überhaupt gehört das gegenwärtige Gymnasium selbst zu jenen Begriffen, die lediglich noch vortäuschen, was einst Bildungsrealität war. Ein trauriger Etikettenschwindel, der nicht nur verspricht, was er nicht halten kann, sondern gar nicht mal mehr weiß, was er sagen will.

Die von der Schule an Schülern verursachten schmerzlich ambivalenten Überspreizungen zwischen egozentrischen Allmachtsphantasien und tiefer Verunsicherung, zwischen Akzelerationssexismus und neurotischer Verklemmtheit, zwischen narzißtischem Geltungsdrang und mangelnder Erprobung und Bewährung sind durch die bereits zwei, drei Generationen prägenden „Reformen“ der „Erziehungswissenschaft“ und „Bildungsforschung“ immer weitergetrieben worden.

Hinzu kommt das gesamte Spektrum psychischer und psychosomatischer Krankeheitsbilder bei jenen, die erschöpft sind, weil sie trotz oder gerade durch Dauerförderung und Dauerbetreuung mit Anforderungen gestreßt werden, die sie nicht erfüllen können. Indem ferner die Zertifikate inflationiert und mit Zeugnissen ungedeckte Schecks ausgestellt werden, macht man der Gefällt-mir-Generation des Leitmediums Facebook zwar kurzfristig Komplimente, läßt sie langfristig aber mit der Hypothek im Stich, schmerzlich erfahren zu müssen, wieviel Kompetenz zum Leben und Arbeiten selbst bei hochgerechneten Schnitten fehlt.

Ein System, das nicht mehr qualifizieren will, quantifiziert dafür um so mehr. Aller Schulstreß geht auf Quantifizierungen zurück und eben nicht auf qualitative Ansprüche. Es ist allein der Streß der Klausurpläne und Schnitte, nicht aber der inhaltlichen Herausforderungen.

So, wie derzeit benotet wird, deutet ein Zweierabitur auf Limitierungen und mangelnde intellektuelle Belastbarkeit, eines mit Drei aber schon auf kognitive und sprachliche Defizite hin. Konnte man vor dreißig Jahre mit einer befriedigenden Reifeprüfungen noch alles studieren, dürfte einem damit heute bereits die Lektüre des Feuilletons oder der Wirtschaftsseiten schwerfallen, abgesehen davon, daß die kaum mehr ein Durchschnittsabiturient liest. Die Welt wird ihnen von Power-Point-Stichpunkten und Youtube-Clips erklärt.

Daß ein direkter bildungspolitischer Zusammenhang besteht zwischen der wachsenden Überzahl an Abiturienten und allzu wenigen Absolventen in Naturwissenschafts- und Ingenieurfächern des MINT-Bereichs, ging der Politik noch gar nicht auf. Wenn sie ihre Zielstellungen formuliert, so um sich selbst zu beruhigen oder aus rein praktischem Kalkül, etwa der Kurzschlußlogik folgend, daß, wenn Abiturienten besser „in Jobs zu bringen“ sind, eben flott mehr davon hermüssen, und zwar am bequemsten über rechtlich garantierte Ansprüche.

Daß jeder kreativ, also schöpferisch wäre, nur weil er in einem „Kompetenztraining“ bloßen Machens irgendwas tut, und daß ihm dank eines Abwahlen und Resultatsoptimierung sichernden Regulariums beinahe überall ein Zeugnis ausgedruckt wird, das früher mal Reifezeugnis hieß, sind unlautere Verheißungen. – Mehr Redlichkeit!

Es kann schon heute nur der Lehrer mindestens vor sich selbst bestehen, der bereit ist, in Wahrnehmung seiner Verantwortung bewußt gegen gängige „Richtlinien“ zu arbeiten, denen der pädagogische, also anthropologische Unfug seit vierzig Jahren folgt, ausstaffiert wie in Andersons Märchen von des Kaisers neuen Kleidern, dessen Schneider in diesem Fall jene Experten sind, denen die Welt lediglich ein Wunschbild ist, zu dem alle nur noch „erzogen“ werden müssen.

Mut dazu, innerhalb dieser Farce konsequent eigene Wege zu gehen, etwa auf Inhalte und die Ausbildung echter kognitiver, sprachlicher und praktisch „polytechnischer“ Fähigkeiten zu setzen, muß nicht heroisch sein. Es reicht dazu die aufmerksame Prüfung der Ziele völlig aus, denn eine „Schulaufsicht“ existiert nur in bezug auf reine Formalien.

Sie prüft, ob alle Spalten ausgefüllt sind und an deren Ende ein Signum steht. Und sie ist müde, sehr müde, so müde wie das System selbst, so müde wie die Kollegen in den Lehrerzimmern, die erschöpft aus ihren Stunden kommen und Kaffee brauchen, anstatt für eine geistige und mentale Selbsterfrischung zu sorgen, die wirksamer wäre, die aber, wie stets, einer Revision des eigenen Standorts bedürfte.


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Kommentare (42)

Monika
1. Juli 2019 11:42

Schade, ich hätte im Strang „Der Islam und die Rechte“ gerne noch A. Kovacs, nom de guerre, Michael B. und Juergen geantwortet. Aber der Kommentarberich ist leider schon geschlossen.
☹️🙁🙁
Kositza: Ja. Das Thema "Beschneidung" nahm komischerweise überhand...

Niekisch
1. Juli 2019 11:51

"so müde wie die Kollegen"....wenn sie die anstrengenden Studien- und Bußfahrten nach Majdanek und Treblinka hinter sich gebracht haben und die traumatisierten Schülerinnen und Schüler ohne psychiatrisch-fachliche Begleitung beruhigen müssen.

Lotta Vorbeck
1. Juli 2019 12:26

@Heino Bosselmann: "Vor allem: Weniger versprechen, dafür an echten Befähigungen viel mehr bieten. Die geschmähte Schule des Kaiserreiches verstand sich darauf, die ganze Nation zu alphabetisieren. Selbst der Landarbeiter konnte lesen und schreiben, im Vergleich zum heutigen Durchschnitt sogar qualifiziert. So viel „funktionaler Alphabetismus“ wie in der „Bildungsrepublik Deutschland“ war nie! Was für ein Kulturverlust!"

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Die deutschen U-Boot-Kommandanten des WK2 gehörten allesamt zur Alterskohorte der 30- bis 35jährigen.

Neben dem Besuch "der geschmähten Schule des Kaiserreiches" [Bosselmann] hatten viele von ihnen als Schüler in der elterlichen Landwirtschaft oder im Handwerksbetrieb der Eltern mithelfen müssen. Sodann erlernten sie (nicht alle) einen Beruf, bevor sie in die Kriegsmarine eintraten. In den Bildungsanstalten der Kriegsmarine qualifizierten sie sich binnen weniger Jahre weiter, erwarben Ingenieurs-, Offiziers- und Käpitänspatente.

Wenn sie, verantwortlich für 60 bis 80 Mann Besatzung mit einer millionen Reichsmark teuren, tauchfähigen Kampfmaschine in See stachen, waren diese jungen Männer zugleich in maritim-nautischer, seemännischer, technischer, miltärisch-strategisch-taktischer Hinsicht, sowie in Sachen Menschenführung bestens qualifizierte Offiziere.

Hohles Wortgeklingel von "lebenslangem Lernen", "Lernen nach Neigung", "Schreiben nach Gehör", "inclusivem Unterricht", "Ausbildung von Kompetenzen", jahrzehntelangen "Selbstfindungs- und Orientierungsphasen" war damals völlig unbekannt.

Man vergleiche die einstigen U-Boot-Asse mit heutigen, infantil gebliebenen, lebensuntüchtig-hyperaktiven, häufig grotesk adipösen, zerpiercten und zutätowierten BRD-Dreißigjährigen ...

Maiordomus
1. Juli 2019 12:59

Unter den neueren wenigen wirklich bedeutenden Werken der deutschen Literatur thematisiert das Meisterwerk "Schilten - Schulbericht an die Inspektorenkonferenz" von Hermann Burger wie wenige Werke der deutschen Literatur den Gegensatz von Schule und Leben und zumal die Thematik des Lehrers, der im Grunde genommen, von seiner Ausbildungszeit abgesehen, nie aus der Schule herausgekommen ist. Am depressivsten fühlt sich der Lehrer bei Schulschluss, wie er sieht, dass die Schüler freudvoll aus dem Schulhaus rauseilen, wohingegen er "lebenslänglich" drin stecken bleibt, immerhin als leidenschaftlicher Professioneller, was heute, wo viele Lehrkräfte teilzeitbeschäftigt sind, kaum mehr der Fall ist, zumal Lehrpläne und vieles andere in der neueren Bildungsbürokratie kaum mehr anziehend wirken auf den genialischen Schulmeister, den es immer wieder mal gegeben hat. Blickt man auf die ganz grosse deutsche Bildungsgeschichte zurück, bleibt klar, dass zwar zum Beispiel das humanistische Gymnasium, das es heute nur noch ganz ausnahmsweise gibt, mal seine grosse Zeit hatte, dass jedoch die genialsten Vertreter der deutschen Bildung Privatunterricht genossen, zumal die ganz grossen Mathematiker etwa mit Namen Bernoulli und Euler, natürlich auch Goethe, im Musikbereich Bach und Mozart, so wie andererseits etwa Hölderlin, Hegel und andere als "Hofmeister", Privatlehrer, tätig waren, so Hölderlin in der Schweiz als Mädchenerzieher in Hauptwil im Kanton Thurgau. Auch die bis heute vielleicht gebildetste deutsche Frau, zumindest unsere grösste Dichterin, Annette von Droste-Hülshoff, war ein Produkt von Privatunterricht. Andererseits gab es im Deutschland des 19. Jahrhunderts noch absolute Eliteschulen wie Porta, dessen berühmtestes Produkt Friedrich Nietzsche geworden ist.

Noch zur Schulbildung der beiden wohl genialsten Physiker Deutschlands: Johannes Kepler war in der Tat das Produkt einer Stiftsschule, es gibt aber sehr zu denken, dass er trotz früher Hochbegabung im Baccalaureat nur den 32. Rang von 52 Schülern einnahm, was er selber als grosse Unrechtserfahrung registrierte. Die Maximalnote gab und gibt es bekanntlich oftmals dann, wenn man die vorgefertigten Antworten auf schon vorher festgelegte Probleme korrekt wiedergibt, auch politisch korrekt, was dann zu einem Fall wie Kepler führen kann. Andererseits muss das Märchen vom schlechten Schüler Albert Einstein zurückgewiesen wurde. Er war vielmehr an einer der besten Eliteschulen der früheren Schweiz, der 1802 gegründeten Kantonsschule Aarau, in mehreren Fächern unvordenkliche Spitze, verfügte jedoch über einen grossen Rückstand im Französischen zu einer Zeit, da Fächer nicht bloss nicht abgewählt werden konnten, sondern durchwegs mit genügender Note zur Bewältigung des Abiturs geleistet werden mussten. Zumal hat Einstein mit 16 Jahren mit Recht die Aufnahmeprüfung an die Eidg. Technische Hochschule nicht bestanden, weil dieselbe über Fachwissen eben auch sprachliche Fähigkeiten prüfte, die Einstein in modernen Fremdsprachen als Jugendlicher noch nicht erbrachte, so wie sein Französisch und auch sein Englisch noch zu wünschen übrig liess, im Gegensatz etwa zu Kepler, der mit 10 Jahren schon lateinisch schreiben konnte. Derzeit steht zumal an den Höheren Schulen nicht mehr Leistung im Vordergrund, sondern diskriminierungsfreie sog. Chancengleichheit mit maximaler Einfühlungsfähigkeit ins System, auch mit Betonung von sog. Fertigkeiten im Gegensatz zu den reinen Bestätigungen des intellektuellen Formates, das auch in den heutigen Lehrkörpern noch weniger im Vordergrund steht als dies schon immer der Fall gewesen war, wiewohl eines noch festzuhalten bleibt: Der Beruf der Lehrerin und/oder des Lehrers war in früheren Generationen zumal auf dem Lande vielfach die einzige Möglichkeit für noch begabte Junge, ein einfaches Studium zu machen, was letztlich für die Ausübenden dieses Berufes eine doch eher überdurchschnittliche Intelligenz generierte. Noch typisch für heute ist die Umstrittenheit der mathematischen Fächer, weil diese nach der weitgehenden Eliminierung der alten Sprachen heute fast allein noch echt selektionierend wirken, was natürlich einen "Diskriminierungsfaktor" mit sich bringt.

Leo
1. Juli 2019 13:12

Ein echter Bosselmann: Der Lehrer denkt nach, über Schule - und das selbst in den Ferien! (Aber wegen dieses quasi unerschöpfbaren Themenfeldes habe ich ihn schon vor x Jahren auf sezession.de schätzengelernt..)

Die Hauptsymptomatik von Lehrern besteht zumindest darin, in einem zutiefst künstlichen Feld zu arbeiten. "Who can, does. Who cannot, teaches" heißt es nicht ohne Grund auch bei unseren angelsächsischen Nachbarn, diesbezüglich. Eine gewisse Lebensuntauglichkeit prädestiniert heute noch, mehr als vor Jahrzehnten, dazu, Lehrer werden zu wollen und dies - einmal erreicht, auch ein Leben lang zu bleiben (Beamtenstatus hin oder her; Im mittlerwile "grünen" Berlin seit Rot-Rot, also nun fast fünfzehn Jahren, vollkommen irrelevant).

Im vor dreißig Jahren langsam abscheidendem "Vormundschaftlichen Staat" (R. Henrich) lag die Künstlichkeit dieser Lebens- und Wirkungswelt auf der Hand. "Lehrer sein" war, frei nach Hans-Joachim Maaz, mehr Diagnose als Beruf - damals hinterm Mond in der DaDaeR... Und nun ersteht er wieder, nur anders, dieser "Demokratie-in-der-Schule-Staat".

Und dennoch: Ein Schüler benötigt auch heute Lehrer als Persönlichkeiten, an denen er sich abarbeiten kann und muß, der (wie auch immer) Wissen vermittelt und nicht bloß Kompetenzen. Und es gibt diese auch. Aber, natürlich, wie auch früher, nicht in Massen-Fertigung, nur als Solitäre, Findlinge. Ist er, der Lehrer, doch selbst ein Produkt, kommend aus einer Fertigungsstrecke, über deren Eingang steht: "Unwissende! / Damit ihr unwissend bleibt / werden wir euch / schulen." [Na - von wem?!]

Laurenz
1. Juli 2019 13:40

Sehr geehrter Herr Bosselmann, darf ich Sie fragen, woher Sie alles das wissen, was Sie im Artikel geschrieben haben? Haben Sie denn eigene Kinder, die Ihnen zur Erkenntnis gereichen?
Ich höre in Medienbeiträgen und von mir bekannten Pädagogen meist nur, daß Lehrer und Kindergärtnerinnen die Erziehung, welche eigentlich von den Eltern zu übernehmen wäre, heutzutage leisten müssen. Das schlaucht.

Gegen das Lehrsystem im Kaiserreich möchte ich nichts einwenden. Aber gegen das Schulsystem. Immerhin kostete Schule ab Mittlerer Reife Geld und das wurde erst am Ende der 50er abgeschafft. Hier handelte es eine Besitzstandswahrung der Oberschicht, die man heute noch an den Voraussetzungen der Beamtenkarriere erkennen kann, eine eklatante Mißachtung des Leistungsprinzips.
Im Grunde sollten wir dafür eintreten, die Haupt- und Realschule abzuschaffen. Auch einem Handwerker schadet es nicht, wenn er Fachabi machen muß.

Noch ein Hesse
1. Juli 2019 13:43

Lieber Herr Bosselmann,
Ihre Eingangsfrage würde ich, jedenfalls für heutige Junglehrer, einfach mal mit einem pauschalen "Ja!" beantworten. Vor allem möchte ich aber zwei Gegenfragen stellen: a) Was genau ist Akzelerationssexismus? (Sorry, hessisches Abitur 1996, war wohl auch schon nicht mehr das Wahre...) b) Sind Sie selbst Lehrer?

Gustav Grambauer
1. Juli 2019 14:19

Everybody screamed when I kissed the teacher
And they must have thought they dreamed when I kissed the teacher
All my friends at school
They had never seen the teacher blush, he looked like a fool
Nearly petrified 'cause he was taken by surprise
When I kissed the teacher
Couldn't quite believe his eyes, when I kissed the teacher
My whole class went wild
As I held my breath, the world stood still, but then he just smiled
I was in the seventh heaven when I kissed the teacher
One of these days
Gonna tell him I dream of him every night
One of these days
Gonna show him I care, gonna teach him a lesson alright
I was in a trance when I kissed the teacher
Suddenly I took the chance when I kissed the teacher
Leaning over me, he was trying to explain the laws of geometry
And I couldn't help it, I just had to kiss the teacher
One of these days
Gonna tell him I dream of him every night
One of these days
Gonna show him I care, gonna teach him a lesson alright
What a crazy day, when I kissed the teacher
All my sense had flown away when I kissed the teacher
My whole class went wild
As I held my breath, the world stood still, but then he just smiled
I was in the seventh heaven when I kissed the teacher
(I want to hug, hug, hug him)
When I kissed the teacher
(I want to hug, hug him)
When I kissed the teacher
(I want to hug, hug, hug him)
When I kissed the teacher
(I want to hug, hug him)
When I kissed the teacher
(I want to hug, hug, hug him)

https://www.youtube.com/watch?v=BWnKGYnuE8o

- G. G.

Lotta Vorbeck
1. Juli 2019 14:28

@Noch ein Hesse - 1. Juli 2019 - 01:43 PM

b) Sind Sie selbst Lehrer?

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Ja, Bosselmann ist Lehrer.

quarz
1. Juli 2019 14:28

"Ein System, das nicht mehr qualifizieren will, quantifiziert dafür um so mehr. Aller Schulstreß geht auf Quantifizierungen zurück ... "

"Daß ein direkter bildungspolitischer Zusammenhang besteht zwischen der wachsenden Überzahl an Abiturienten und allzu wenigen Absolventen in Naturwissenschafts- und Ingenieurfächern des MINT-Bereichs, ging der Politik noch gar nicht auf."

Mit einem Madigmachen der Quantifizierung steigern wir die MINT-Quoten sicher nicht. Sinnvoller wäre doch eine Erziehung zu größerer Stressresistenz.

Anthropofugaler Wanderer
1. Juli 2019 16:50

@Noch ein Hesse
1. Juli 2019 13:43

Es wird sich bezüglich a) um die verpflichtende Frühsexualisierung handeln, die absolut jedes Kind vom Kindergarten bis zur Schule über sich ergehen lassen muss. Diese seelische Vergewaltigung wird damit noch mehr psychisch geschädigt Existenzen generieren als sie sich bereits in der Gegenwart befinden.

Kositza: Ich denke, mit "Akzelerationssexismus" ist gemeint, daß die Grenzen, was als "sexistisch" zu gelten hat, immer enger gespannt werden. Mit der "Frühsexualisierung" ist es übrigens seltsam: Fraglos bin auch ich gg. eine solche. Nur: "absolut jedes Kind vom Kiga bis zu Schule" stimmt schon mal nicht. Meine Kinder wurden allesamt n i c h t mit sowas konfrontiert. Einmal habe ich verhindert, daß eine Tochter bei einer "Theaterfahrt" zu einem entsprechenden Grips-Theaterstück mitfährt. Aber außer diesem Einzelffal gab es von Kiga bis Schule nie eine frühsex. Indoktrination.
Bin gespannt, was Bosselmann antwortet.

Gustav Grambauer
1. Juli 2019 17:48

In der DDR gab es die Vorgaben der sogenannten Unterrichtshilfen für jede einzelne Unterrichtsstunde, mit der die Mein-Gott-ist-Margot-Lehrer an der ganz kurzen Hundeleine gehalten werden sollten. (Böses Karma des Gesamtkunstwerks Stalin: jederman konnte diese Bücher für hochsubventionierte - nach meiner Erinnerung - 1,50 Mark in jeder beliebigen Buchhandlung kaufen, habe alle besessen und war somit nicht nur im Besitz aller Lösungen aller Aufgaben, womit ich meine Zeit für Hausarbeiten auf ein Mini-Minimum reduzieren konnte, war sogar über die Schwerpunkte der Didaktik bestens im Bilde und konnte manchen Lehrer, der mir blöd kam, damit vor mir hertreiben. So war`s sicher nicht gedacht!) Wich ein Lehrer auch nur um eine einzige Urterrichtsstunde von diesen Vorgaben ab, riskierte er bereits einen disziplinarischen Vermerk in der Kaderakte, "Plansoll" wie in Industrie und Landwirtschaft, Ausdruck der Polytechnischen Doktrin.

Wir hatten aber eine Literaturlehrerin, die den Mut hatte, den gesamten unsäglichen Jahreskanon innerhalb von drei (!) Monaten mit uns durchzurasseln, unter Wegfall ganzer Welten der proletarisch-revolutionären Literatur und begleitet von Spitzen und bösesten Anekdoten über Fürnberg, Kahlau, Bredel, Kurella, Abusch & Co. - um dann ein dreiviertel Jahr Zeit für die Dinge zu haben, die sie für wichtig hielt. Dazu gehörte, daß jeder von uns einmal vom Lehrertisch aus, sie saß dann abseits auf einem einfachen Stuhl, eine Diskussion vor der Klasse zu einem frei gewählten und nicht vorab zensierten Thema initiieren und leiten mußte. Weiterhin haben wir bei ihr ausgiebig die kulturmarxistisch-subversive DDR-Literatur von Christoph Hein über Christa Wolf bis Heiner Müller sowie z. B. James Krüss gelesen. Kamen "Hospitatoren" vom Rat des Stadtbezirks oder vom Magistrat Abt. Volksbildung hat sie schnell und kurz auf Dienst nach Vorschrift umgeschaltet. Sie hat gesehen, um was für eine pathologische (nochmal:)

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Schule bzw. Schulklasse es sich handelte und hat mit ihren Mitteln der Provokation heilend eingegriffen. Das interessante Phänomen war, daß sie und ihr Unterricht allgemein nicht beliebt waren. Viele konnten mit ihrem Angebot der Freiheit nichts anfangen, es haben sich z. B. kaum je Freiwillige für die Diskussionen gefunden, in deren Verlauf auch viele das Maul gar nicht aufkriegten. Diejenigen mit der sonst am größten aufgerissenen Fresse schrumpften bei ihr zu Zwergen, zumal sie niemandem die üblichen opportunistischen Phrasen durchgehen ließ. Ihre Autorität der Kompromißlosigkeit, Strenge und Schärfe war wohl auch der Grund, warum es - soweit ich es bemerken konnte - niemand gewagt hat, sie zu verpetzen, obwohl es von SSD-Schüler-Zuträgern

https://www.kiwi-verlag.de/buch/vater-mutter-stasi/978-3-462-04723-3/

gewimmelt haben dürfte, jedenfalls gab es keine erkennbaren Maßregelungen. Frau Kü. wurde 1989 mit der politischen Säuberung der Schule Direktorin.

- G. G.
Im Ausdruck der Dankbarkeit

Caroline Sommerfeld
1. Juli 2019 19:28

Ich kenne eine ehemalige Schülerin von Ihnen - mindestens ein Fenster haben Sie also aufgestoßen!
Die drangvolle Lage der Schüler zwischen Einbettung (Hyperfürsorglichkeit, auch in der Schule, keiner darf mehr rausgeschmissen, angefaßt oder allein irgendwo hingeschickt werden) und Einspannung für eine wirtschaftshörige Schule, die "Leistungsträger" am Schnürchen produzieren will, also Bulimielernen als Kollateralschaden anrichtet, habe ich in "Wir erziehen" beschrieben - und auf "Arbeiten" als Gegenprogramm hingewiesen. Die Reformpädagogik hat uns da einiges vorexerziert, das allerdings heute so gut wie komplett korrumpiert ist, genau so wie Sie, verehrter Herr Bosselmann, es beschreiben.

Skaansdirmo
1. Juli 2019 19:42

Jaja, selbstverständlich ist jeder Unterricht ein Übergriff; wie sich "belehren" auf "versehren" reimt. Na und? Das ist abgedroschen.

Schon die Berufswahl Lehrer ist doch bei etlichen das Ergebnis eines mißglückten Starts in das Leben: Ich studiere mein Lieblingsfach, und mit irgendwas muß ich ja auch noch Geld verdienen. Und Leistungsdruck möchte ich im Beruf eigentlich auch nicht so gerne haben, also gehe ich zu den Kindern. Man kann diesen Typ sehr leicht identifizieren; u. a. weil die Kommunikation mit den Eltern eine Katastrophe ist.

Beispiel aus dem Leben: Ich schreibe der Klassenlehrerin: Mein Sohn will sich dann und dann widerrechtlich vom Schulgelände entfernen und zur Freitags-Demo, bitte verhindern Sie das. Bekomme ich zur Antwort: Der Schulleiter hätte gesagt, da könne man nichts machen, denn die Schule dürfe ja keine Gewalt anwenden.

Nicht zu fassen, daß solche Leute studiert haben. Für Jura hat es wohl nicht gereicht, aber das Bedürfnis, sich irgendwo dranzuhängen, ist Kennzeichen und Aushängeschild.

Aber mir fällt auch nichts besseres ein. Es braucht halt Lehrer. Irgendjemand muß den Job ja machen. Das Problem ist die verruchte Ganztagsschule, die die Kinder daran hindert, Erfahrungen im richtigen Leben zu machen, in Vereinen oder Jugendbünden.

Ellen Kositza
1. Juli 2019 19:57

@skaansdirmo

Wie bitte? Sie wollen Ihren Erziehungsauftrag an den Lehrer delegieren? Haben Sie denn keinen Einfluß auf Ihren Sohn?
Liebe Güte!

Skaansdirmo
1. Juli 2019 20:14

Liebe Ellen,
die Geschichte geht ja noch weiter. Um nun sicherzustellen, daß die Schüler in der Schule bleiben, anstatt heimlich zu gehen, habe ich das Schulgebäude betreten und mich mit einem selbstgemalten Pappschild "Parents for Education"vor den Klassenraum gestellt. Mehr Einsatz kann man nun wirklich nicht zeigen. Erst bildete sich eine Traube von Schülern. Nach 10 Minuten kam der Rektor. Und dann kam die Polizei. Jetzt habe ich Hausverbot in der Schule, und mein Chef hat mich wegen Selbstbeurlaubung abgemahnt, weil ich auf Arbeit so kurzfristig keinen Urlaub mehr bekommen habe. Dabei bin ich der einzige in diesem Narrenspiel, der seiner Verantwortung wirklich gerecht geworden ist.

RMH
1. Juli 2019 20:50

"Kositza: Ja. Das Thema "Beschneidung" nahm komischerweise überhand..."

Sorry, meinen Beitrag dazu hätten Sie gerne beschneiden dürfen (kleiner Witz) bzw. gar nicht frei schalten müssen - hatte mich angesichts der erstaunlichen Theorie nur zu noch erstaunlicheren Theorien hinreißen lassen.

DonFrederico
1. Juli 2019 20:51

Das heutige Berufsbild des Lehrers ist wohl nicht vergleichbar mit dem von vor fünfzig oder gar hundert Jahren. Ich will nicht polemisieren, aber mit den 68zigern musste dieser Beruf einiges an Respekt einbüßen, wie auch die Professoren und viele andere akademische Berufszweige. Gerade in heutiger Zeit ist er nur noch eine Verlegenheitsdiagnose in der Berufswahl verzweifelter junger Leute, die gerne irgendwie im unteren Mittelmaß mitschwimmend etwas aus ihrem Leben machen wollen. Selbst wenn sich diese jungen völlig unmotivierten Lehrkörper irgendwann mit ihrer Berufswahl identifizieren würden, so fehlt doch in der heutigen Zeit der Anstand und der Respekt! Es fängt in der Schule an, geht über die Schwimmbäder (Bademeister ) und hört wohl irgendwo bei der Polizei auf, wenn ein Hochzeitskorso nach dem anderen über Autobahnen tuckert oder im Görlitzer Park gedealt wird - egal ob es die "jungen Männer" sind oder die schwarzvermummten Wohlstandskinder, die ihre linken Triebe ausleben wollen. Bedauerlich ist der Lehrer an sich, da er am Anfang dieser Kette steht und wie auch die Polizei ohne jegliche Mittel ausgestattet ist um sich Respekt zu verschaffen. Tut er es dennoch, so hat er sein Amt wohl bald verwirkt und nicht nur die Eltern, sondern auch die Schulleitung auf den Fersen.

Schule an sich setzt heute wie damals die ersten Traumata des Lebens: Fehlerhaftigkeit, Unvermögen, Verzweiflung, Zurückweisung...die Reihe lässt sich beliebig fortführen, jeder findet wohl etwas. Mein Großvater, 92 Jahre alt, wacht noch heute nachts auf, weil er träumt, er würde im Abitur sitzen und hat die Aufgaben vergessen. Der Lehrer damals war wie der Arzt und der Pfarrer eine Institution. Wie Herr Bosselmann eben schon schreibt, Kinder sind nicht per se gut. Im Gegenteil, denke man an die Feuerzangenbowle wie Brett sagt: "Man muss einen jungen Baum wie einen Menschen anbinden, damit sie schön und gerade emporwachsen". Das war einmal - auch wenn frühere Züchtigungsmethoden sicherlich stark körperlich waren, so ist aus dieser Generation etwas geworden. Ihr ist Verantwortung zu Teil geworden. Heute sind wir bunt, politisch korrekt, hypermoralisch, inkludiert, queer, genderneutral und vor allem völlig ideenlos. Die jungen Bäume werden nicht mehr gebunden, sondern ihrem Wildwuchs überlassen, jeder verkrüppelter und geiler als der nächste.

Meine Generation wurde von 1968zigern Biolehrern geprägt, die am liebsten den Unterricht mit Softpornofilmen aus den Siebzigern garnierten, uns Schulbücher von 1978 abschreiben liessen (wir hatten da schon 1990) oder in Philosophie über Themen schwadronierten wie: Sterben Äpfel auch.
Neben dem Aspekt, dass ich vor diesen Leuten auch keinen Respekt empfinden konnte, weil sie diesen selbst nicht mehr für sich empfanden, kann ich Heino Bosselmanns Frage nur bejahen und das, obwohl in der beiden Großelternpaaren jeweils Lehrer hatte, die diesen Beruf mit Leib und Seele ausübten.
Heute denken viele, die den Beruf ausüben oder ausüben wollen, sie müssen auf das Niveau der Kindern zurück und in dieser latenten Infantilität einen pädagogischen Wer sehen. Sie verkennen dabei, dass Kinder und Jugendliche zu jemanden aufschauen wollen und sich nach oben orientieren - nicht nach unten. Nehme man noch mal den Lehrer Brett aus der Feuerzangenbowle: Er steht über den Schülern und will, dass die Kinder ihn verstehen - nicht andersherum.

zeitschnur
1. Juli 2019 20:58

"Sie waren von ihren Fächern und Gegenständen selbst begeistert und setzten auf das, was zunehmend verpönt ist, ja fast schon als bildungsreaktionär gilt, nämlich auf Inhalte und auf den Erwerb anwendungsbereiter Fähigkeiten."

Weiß immer nicht, ob man so etwas wie Pädagogik wirklich braucht. Dass einer, der schon in einem Bereich Fuß gefasst hat und Werke hervorbringt, in aller Regel — sofern er Geduld hat und Menschenliebe — auch sein Können und Wissen weiterzugeben weiß, sollte man annehmen. Das alte System lautete: ein Meister seines Faches ist der beste Lehrer — nicht der Fachdidaktiker, den es erst seit wenigen Jahrzehnten gibt. Lernen bedeutete vor allem, dass man sich selber seinen Meister sucht und vor seinen Augen autodidaktisch vorwärtsstrebt, regelmäßig auf dessen Urteile darüber hört. Dass man sich schon selbst einarbeitet ins Fach, sollte man eigentlich annehmen, sonst hat einer bei diesem Meister eh nichts zu suchen.

Wenn man sich ab und zu mal klar macht, dass keiner unserer großen Komponisten vor 1850 eine Hochschule von innen gesehen, geschweige denn langjährig Privatunterricht hatte, dann sollte es allmählich Klick machen. Das waren zum großen Teil fast reine Autodidakten — und sie waren es, die die wirklich große Kunst hervorbrachten. Die „Studierten“ brachten diese Frische nicht mehr, waren zu verbildet und gelähmt. Söhne und Töchter lernten im elterlichen Haushalt und der Werkstatt schon alles Wesentliche, und wenn sie weiterkommen wollten, sahen sie sich an, wie man es anderswo macht. Die größten Ingenieursleistungen - ja: das waren keine Werke doktorierter und ewig lang studierender Männer. Daniel Düsentrieb ist der Prototyp, der forscht, weil er nicht anders kann, nicht weil er studiert hat.

Nur Problemfälle brauchen so etwas wie eine umfangreiche "Pädagogik" - gesunde Menschen, früh herausgefordert, aber auch zugleich in Ruhe und bei sich gelassen, werden ihren Weg unter den Augen vernünftiger Mütter zuerst und dann selbstverständlich auch verantwortungsbewusster Väter in jedem Fall machen. Ohne diesen Vorbau nützen die besten Lehrer nichts. Mit diesem Vorbau aber ist dann ein guter Meister ein Gewinn!

Man kann hier wirklich viele Fragezeichen setzen, aber dass Staaten, die wie Deutschland Schulzwang ausüben und die Hand geradezu krampfhaft auf der Bildung halten, nicht in erster Linie Interesse an der Bildung und Entfaltung ihrer Untertanen (!) haben, sollte man sich klarmachen. Wenn es nach mir ginge, würde ich das sofort abschaffen und stattdessen eine Bildungspflicht einführen, deren Erfüllung ich aber ganz und gar den Eltern und ihren Kindern überlassen würde. Nur in objektiv problematischen Fällen sollte der Staat da eingreifen.
Ich sehe nicht, dass man als Mutter, als Vater da nicht eine enorme Aufgabe hat. Aber, wie ich in meinem Buch Das Schillern der Dinge“ u.a. darlege, stellt die Familie aus der Sicht eines Staates stets ein anarchisches Moment dar und muss eingehegt und kontrolliert werden. Zentral dabei die Rolle der Frau und Mutter, die von Anfang an das Kind einmalig prägt: ist sie unabhängig im Geist und frei, werden es auch ihre Kinder zumindest der Tendenz nach. Solche Kinder sind keine Untertanen, egal was man mit ihnen anstellt… Und genau das muss ein Staat zerstören, wenn er seine Herrschaft aufrecht halten will — entweder durch Entmündigung bzw Vermündelung der Frau oder durch Entfernung der Frau aus der Familie.
Und?
Hat man nicht genau dies fast durchweg getan, so oder so?

Nath
1. Juli 2019 21:16

Ich möchte mich der Bemerkung von @Monika anschließen und die Administratoren anregen, transparente Regeln für die Kommentarfunktion aufzustellen. Obwohl ich persönlich es für optimal hielte, die Anzahl der Kommentare zu einem bestimmten Artikel ü b e r h a u p t nicht zu begrenzen (wie dies in anderen Foren praktiziert wird), so kann ich andererseits doch nachvollziehen, dass man die Diskussion zu einem bestimmten Thema nicht ins Endlose "ausufern" lassen will. Gleichwohl sollten klare Leitlinien existieren, an welchen man sich orientieren kann. Beispielsweise gab es zu Martin Sellners Beitrag über hundert Kommentare, bevor "Badeschluss" verkündet wurde, wöhrend es bei dem von Monika erwähnten Artikel nur 53 waren. Dies erscheint zuweilen etwas willkürlich. Es gäbe etwa die Möglichkeit, eine zahlenmäßige Obergrenze festzulegen. Alternativ hierzu wäre auch eine z e i t l i c h e Limitierung (z.B. eine Woche) erwägenswert. Welche Lösung man seitens der Administratoren auch immer favorisieren mag, sie wäre m. E. sehr zu begrüßen und einem unvorhersehbaren Kappen des Themenstrangs vorzuziehen.

Gracchus
1. Juli 2019 21:55

Ich hätte gern noch was zum Islam geschrieben. Aber bei Bosselmann ist vom Islam keine Rede; sodass ich das schon sehr weithergeholt wäre, hier was zum Islam zu sagen.

Schule ist für mich die Zeit, in der sich das Leben woanders abspielt. Aus einer Familie engagierter Pädagogen kommend, stehen mir die Deformationen dieses Berufsgruppe lebhaft vor Augen. Lehrer als Mandanten oder Patienten - sagen mir Anwälte und Ärzte - seien aber so was von anstrengend.

Mein Patenkind sagte mir, ihre Grundschullehrerin habe zur Klasse, sie wolle ihre "Freundin" sein. Mich befremdet so was. Ich habe bei Lehrern nach Autorität gesucht. Ich finde diese Vermischung der Sphären nicht gut.

Nicht gut finde ich auch den Totalitätsanspruch, den das Erziehungssystem - nach Luhmann: ganz natürlich und wie jedes andere System - m. E. erhebt. Erziehung ist der Positivwert und soll alle Lebensbereiche erfassen. Das geschieht aber unter freiheitlich-demokratischen Vorzeichen. Also eine Zwangsveranstaltung, die ihren Zwangscharakter ständig verschleiert - ob das bei Schülern nicht zu einem double-bind führt?

Lotta Vorbeck
1. Juli 2019 23:27

@Skaansdirmo

Chapeau!

H. M. Richter
2. Juli 2019 07:06

Mit der Erinnerung an Ihre Deutschlehrerin haben Sie, verehrter Grambauer, ein ganzes Drehbuch abgeliefert, - sollte Andreas Dresen hier also mitlesen, dann ...

Ellen Kositza
2. Juli 2019 08:10

@skaansdirmo: Aber Ihr Sohn ist dann dennoch zu Demo gegangen? Oh weh.

Lotta Vorbeck
2. Juli 2019 11:07

Der Arbeitsalltag eines hessischen Volksschullehrers ... im Jahre 1959:

https://youtu.be/jBCBNr35E5k

Laufzeit: 6:15 min.

Lotta Vorbeck
2. Juli 2019 11:54

@Ellen Kositza - 2. Juli 2019 - 08:10 AM

"@skaansdirmo: Aber Ihr Sohn ist dann dennoch zu Demo gegangen? Oh weh."

**************************************

Das Kino der Kleinstadt - zu Beginn der 1990er Jahre zunächst geschlossen und dann alsbald abgerissen - befand sich weniger als fünf Minuten Fußweg vom Elternhause entfernt.

In denselben Kinosesseln hatten die eigenen Eltern schon zur Ufa-Wochenschau gesessen.

In Begleitung der Mutter schauten wir, nur zum Geburtstag als exorbitant seltenen, ultimativen Sonntagshöhepunkt zelebriert, nach dem Mittagessen DEFA-Märchenfilme, ein paar Jahre später (unbegleitet) in den 17:00-Uhr-Jugendvorstellungen "Jean-Paul-Belmondo"- und "Lois-de-Funes"-Filme, die Abenteuer der "Olsenbande", Jules Vernes "Geheimnisvolle Insel" und "20.000 Meilen unter dem Meer", Bud Spencer & Terence Hill, oder "Die Schatzinsel" als japanischen Zeichentrickfilm.

Als Vorfilm lief "Der Augenzeuge", der Lotte und Walter Ulbricht auch mal in leichter Sommerkleidung beim Federballspielen zeigte ...

... eines schönen Sommertages geschah es, daß am hausaufgabenfreien Mittwoch, an selbigem Tage während des Schulunterrichts angekündigt, des nachmittags eine Gratis-Kinovorstellung stattfinden sollte. Wie der Zufall so spielt, war um dieselbe Zeit, für die die Kinovorstellung angesetzt war, getrennt nach Klassenstufen, eigentlich der allwöchentlich in der Zeit von 14:00 bis 16:00 Uhr gehaltene, außerschulische Religionsunterricht terminiert.

In der Gratis-Kinovorstellung lief:

+ Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse (DDR, 1954)
https://youtu.be/-Tk1AUcGQd4

+ Ernst Thälmann – Führer seiner Klasse (DDR, 1955)
https://youtu.be/0NKRazAMSRc

Nicht daß das Leben des "Teddy" genannten Hamburger Kommunisten Ernst Thälmann in irgendeiner Weise als interessant erschienen wäre. Seelsorgehelferin, Ordensschwester und Vikar warteten an diesem Mittwochnachmittag vergeblich auf ihre Schüler. Gegen eine Gratis-Kinovorstellung konnten sie einfach nicht anstinken.

Venator
2. Juli 2019 12:04

Ja, es soll tatsächlich Kinder geben, die nicht immer das machen, was die Eltern gerne hätten. Überraschende Erkenntnis. Aber wer hier ohne Sünde, der werfe den ersten Stein.

Wahrheitssucher
2. Juli 2019 13:48

@ Nath

Zustimmung zu Ihren Ausführungen zum Thema „Badeschluß“!
Was sagen der/die Bademeister?

Laurenz
2. Juli 2019 13:54

Ich möchte mich hier @Gracchus anschließen und bitte um Verzeihung wegen des Postens eines Bezahlt-Artikels des Relotius-Spiegleins. https://www.spiegel.de/plus/globale-iq-vergleiche-unsere-intelligenz-sinkt-a-00000000-0002-0001-0000-000164523782 ... Die Überschrift reicht wohl. Das kommt doch nicht von ungefähr.

Noch ein Hesse
2. Juli 2019 14:12

@Lotta Vorbeck, Anthropofugaler Wanderer, Kositza: Danke für die Aufklärung, es gibt dem Text natürlich noch mehr Gewicht, zu wissen, dass Bosselmann sehr genau weiß, wovon er schreibt. Noch nicht überzeugt bin ich von dem akzelerativ-sexistischen Begriffsungetüm, vielleicht kommt ja tatsächlich noch ein Nachsatz des Autors?
--
Als noch recht neuer SiN-Forist an dieser Stelle übrigens mal ein Kompliment: Das gepflegte Deutsch, der respektvolle Umgang und das generelle Niveau in diesem Forum sind einfach eine Freude. Ich komme immer wieder hierher, um von einer Überdosis Systempropaganda zu entgiften, und es tut wirklich gut (so weit das eben online funktioniert ..).

Noch ein Hesse
2. Juli 2019 14:15

Ach ja, noch ein Nachtrag: Ich möchte noch einmal eine Lanze für die Waldorfschule brechen. So unangenehm ich es finde, dass man sich auch hier offenbar genötigt fühlt, in die allgemeine "gegen rechts"-Hysterie einzustimmen, so sehr schätze ich Lehrpläne, Didaktik und die völlige Abwesenheit von genderifizierter Frühsexualisierung.

Caroline Sommerfeld
2. Juli 2019 15:30

@Noch ein Hesse: zu Ihrer Frage nach Bosselmanns Worterfindung "Akzelerationssexismus". Das ist ganz einfach die Tatsache, daß die Jugend heute körperlich i.e. in Hinblick auf die Entwicklung der Sexualorgane, die Menarche, überhaupt die Pubertät) früher entwickelt ist als noch vor soundsoviel Jahren. Das Wort "Akzeleration" entstammt nicht etwa der Hochbegabungsforschung (wo ich es zum ersten Mal wahrnahm), sondern der empirischen Humananthropologie. Ich lese gerade zum Vergnügen in einem älteren "Praktischen Handbuch der Pastoralanthropologie" (1975) herum, und neben und vor allem in allen nur erdenklichen Lemmata zum menschlichen Sexualleben schaffen es die katholischen Autoren, kluge Rückbindungen auf den Erhalt der "Ordnung der Überfülle" unserer gottgegebenen Welt zu liefern.

Sandstein
2. Juli 2019 19:29

@ Nath

Sie fordern sowas wie demokratische Mitsprache, richtig (musste schmunzeln als Sie von Obergrenze schrieben. Transparenz, die ganze Nummer..)? Es gibt gute Gründe, warum "Moderatoren" die Teilnehmer in der Regel nicht fragen, wann es ihnen passt, mit dem Reden aufzuhören. Und wenn ich hier lese, dass es unter "Islam und die Rechte" hin zu Themen wie Abschneidung abdriftet, dann sollten wir alle froh über den spontanen und für manche unfreiwilligen Badeschluss sein. Ich hab auch schon mal etwas nicht mehr schreiben können..so what?

Weltversteher
2. Juli 2019 21:10

Was >>zeitschnur hier trefflich auf den Punkt bringt, ist die Frage nach Sinn und Unsinn der überaus bemühten Pädagogik. Bosselmann deutet auf Gestaltungsfreiräume hin, die seine Kollegen gar nicht sich zu nehmen im Stande sind.
Unsere Söhne und Töchter aber werden zwangsweise diesen meist täppischen Versuchen zugeführt und dabei verbraucht. Dabei scheint die Mehrzahl der Hiesigen dies für alternativlos zu halten, immerhin ist es eine Tradition, ein Relikt - der letzte Trost des Konservativen.

Wer ganz andere Persepktiven erwägen will, schaue sich "CaRabA" an - Leben ohne Schule. Zieht seit zwei Monaten durch die Programmkinos und ist seit dieser Woche auf Scheibe erhältlich: www.caraba.de

zeitschnur
3. Juli 2019 10:38

@ Weltversteher

Danke für den Link! In dieselbe Richtung geht zB auch Maxim Gorkis Buch "Meine Universitäten". Ein junger Mann, der auszieht, um zu studieren, dann aber merkt, dass das nichts für ihn ist und im Eigenstudium seiner Bücher und durch Beobachtung der Menschen und des Lebens um ihn herum studiert...

Dass der IQ sinke, wie oben @ Laurenz verlinkt hat, zeigt a. dass der IQ keine statische Größe ist (weder in einem Volk noch bei einer Einzelperson) und b. Konstrukt und Resultat eines Systems von "Intelligenz" und "Bildungsvermittlung" ist.
Viele beten den IQ gerade auch auf der Rechten ja förmlich an, assoziiert mit einem strammen Glauben an die Vorherrschaft mehr oder weniger starr vorgestellter genetischer Ausstattungen in einer Persönlichkeit. (Ich glaube dagegen, dass Erbgut zwar ein objektives Gut ist, das aber niemand wirklich messen kann und daher eine enorme und unvorhersehbare Plastizität aufweist! Wir messen ja immer nur innerhalb eines bereits relativ eng und starr gefassten kulturellen Rahmens.)
Wenn ich Argumente höre wie "der Durchschnitts-IQ in Malawi" liegt bei irgendwas weit unter 80 oder gar Sarrazin, der die gesamte sozialökonomische Verwertbarkeit eines Menschen am IQ festmacht, als sei das ein göttlich-objektives Maß über die Qualität einer Person... dann packt mich das kalte Grausen.
Das ist vollendeter Blödsinn, wenn Sie mich fragen.

Argumente:

Der IQ ist wie gesagt Geigerzähler für ein artifizielles und fragwürdiges Intelligenzkonstrukt. Schlägt er nach oben oder unten aus, weil der „Normbereich“ verlassen wird, würde es eigentlich erst so richtig interessant…
Dass ein Staat allzu „dumme“ Leute nicht gerne mitschleppen will, wundert niemanden. Diese „Dummen“ sind stets solche, die es nicht schaffen, ihre Funktionstüchtigkeit für jeweilige Systemanforderungen zu beweisen. Welche tatsächlichen Fähigkeiten sie haben, bleibt verborgen.
Aber:
Kein Staat kann noch viel mehr allzu intelligente Leute ertragen oder gar noch selbst heranziehen. Nichts ist gefährlicher als Menschen mit hohen geistigen, handwerklichen oder sozialen Fähigkeiten! Auch das beschreibe ich in "Das Schillern der Dinge". Ein Staat wird unweigerlich ein Mittelmaß im oberen Durchschnitt nach seinen eigenen Kriterien bilden wollen, das intelligent genug ist, für die Belange des Systems ins Rennen geschickt zu werden, aber zu dumm, um dieses System, das ihn zum Hamster im Rad macht, zu durchschauen, und unterwürfig genug, dankbar für sinnliche "Freiheit" (Essen, Sex, Freizeitvergnügen) zu sein, die der Staat ihm "schenkt".
Es ist ein leicht erkennbares Rechenexempel: Gesellschaften mit einem solchen Bildungssystem müssen zwangsläufig von Generation zu Generation nach unten nivellieren, denn die jeweils folgende Generation Verbildeter wird stets leicht unter der liegen müssen, die sie "bildet", um der nicht etwa überlegen oder kritisch zu begegnen. Das bildungsverursachte Niedrighalten kann nur einen Abwärtstrend erzeugen.
Ich fürchte, das wird bis zum bitteren Ende so weitergehen. Und gerade weil der deutsche Staat seit 1938 eine echte freie und unabhängige Bildung kriminalisiert, ist es für uns Eltern auch sehr schwer, unseren Kindern Alternativen zu suchen, zu finden und zu bieten. Aber auch alle, die echte meister sind, werden systematisch davon abgehalten, ihr Wissen und Können weiterzugeben.
Einzelne sind natürlich immer ausgenommen von dieser Phänomenologie. Kein System ist dicht genug verpicht. Aber gerade das deutsche System weist hier eine hohe negative Effizienz auf.

Interessant zum Thema autodidaktisches bzw unabhängiges Lernen sind übrigens auch Arno Stern und dessen Sohn André Stern, in Frankreich lebend, aber ursprünglich aus Deutschland stammend.

quarz
3. Juli 2019 15:34

@zeitschnur

"Der IQ ist wie gesagt Geigerzähler für ein artifizielles und fragwürdiges Intelligenzkonstrukt."

Der IQ ist so ziemlich die verlässlichste Prädiktorgröße, über die die empirische Psychologie verfügt. Wenn ein Personalchef den beruflichen Erfolg eines Bewerbers abschätzen will, dann ist der IQ erwiesenermaßen die treffsicherere Urteilsgrundlage als Schulzeugnisse oder persönliche Gespräche. Es ist auch ziemlich präzise ermittelt, welcher Mindest-IQ die notwendige Voraussetzung für die Bewältigung bestimmter beruflicher Aufgaben ist. Und in diesem Zusammenhang ist er ein ganz wichtiger Indikator dafür, was in Bezug auf die Arbeitsmarktsituation und - damit zusammenhängend - in Bezug auf die Überlastung der Sozialsysteme zu erwarten ist, wenn in Massen Menschen einwandern, die über einen IQ verfügen, der zu niedrig für fast alle Erwerbstätigkeiten in unserer Hochtechnologiegesellschaft ist.

Bei Geisteswissenschaftlern trifft man oft auf eine Abneigung gegen das Herunterbrechen des "Mysterium Mensch" auf nüchterne Messgrößen, die sich in feindseligen Polemiken gegen den IQ äußern. Aber warum denn? Wenn ich ein Kind davor warne, sich auf das dünne Eis des Teichs zu begeben, weil es zu schwer sei und das Eis brechen würde, dann erhebt ja auch niemand den Einwand, dass die Masse bzw. das Gewicht als schnöde physikalische Größe ein "fragwürdiges Konstrukt" sei, das den Menschen in seiner Komplexität zu wenig ganzheitlich erfasse. Nichts wäre fataler als die lebensrettende Warnung aufgrund von Ganzheitlichkeitsbedenken zu unterlassen. Oft wird vor "Vereinfachung" gewarnt. Vielfach ist aber "Verkomplizierung" viel gefährlicher.

Der IQ will gar kein "Wesensröntgen" des menschlichen Geistes sein. Er ist schlicht eine Messgröße, die erwiesenermaßen im Zusammenhang mit bestimmten Eigenschaften/Fähigkeiten ihres Inhabers steht und deshalb ein nützliches Instrument für deren Vorhersage in Situationen ist, in denen viel davon abhängt, ob er bzw. ob viele von seiner Sorte über diese Eigenschaften/Fähigkeiten verfügen.

Sandstein
3. Juli 2019 15:53

@zeitschnur

Natürlich ist jede monokausale Erklärung leicht zu zerpflücken, das macht sie deswegen aber nicht immer unbedingt gleich falsch.
Finde es genauso wie Sie bedenklich, wenn nur auf dem IQ rumgeritten wird.

Ich erinnere mich aber auch an einen ziemlich guten Artikel (meine fast sicher hier auf SiN) über Sprachen der Subsahara. In vielen afrikanischen Sprachen ist beispielsweise eine präzise Orts- oder gar Zeitangabe nicht möglich. So kann zwar in vielen dieser Sprachen eine Aussage darüber getroffen werden, dass eine Banane "oben hängt", aber eben nicht wo genau "oben" (seitlich von x, diagonal versetzt zu y, usw..).

Und wenn man davon ausgeht, dass Sprache ein Abbild der Lebensumwelt der Menschen und ihrer auch daraus resultierenden Vorstellungswelt ist, dann ergibt das zusammengenommen mit dem von Ihnen angeführten "Durchschnitts-IQ" durchaus ein aussagekräftiges Bild. Es gibt Gründe, warum wir im Deutschen beispielsweise mehrere Wörter für den Sonnenaufgang haben, Inuit gleich ein knappes Dutzend an unterschiedlichen Wörtern für Schnee usw.

Ich finde, man sollte solchen Tatsachen mehr Beachtung schenken. Im Falle von uns Deutschen erklärt es uns viel über uns. Nibelungen, Weltschmerz, Romantik, ..Morgenröte? Das kommt alles nicht von ungefähr.
Naja ich schweife ab..

Gracchus
3. Juli 2019 20:14

Ich gebe @zeitschnur, was den IQ betrifft, recht und empfehle H. M. Enzensberger "Im Irrgarten der Intelligenz" zur amüsanten Lektüre. Es ist ein überaus fragwürdiges Jonstrukt, und überaus fragwürdig, dieses Konstrukt als universellen Massstab zu gebrauchen - wo man doch sonst so gegen jede Art von Universalismus zu Felde zieht.

Ratwolf
3. Juli 2019 22:26

Es ist der Konflikt zwischen Männlichen und Weiblichen, in der Form von Väterlichen vs dem Mütterlichen als Projektion der einen Biographie.

Wir leben in Zeiten der Bemutterung.
Das Väterliche (strenge, begrenzende, auf Eigenversorgung ausgelegte) ist fast völlig abgeschafft. Es wird kollektiv als falsch abgelehnt.

Aber beide Seiten existieren immer und zu jeder Zeit. Auch im unterbewussten Lebensstiel (siehe Adler) jedes Menschen.

Eine Ausblendung bedeutet nicht, dass es nícht existiert. Es wird unbewusst beobachtet und bei Bedarf verdrängt oder bekämpft.

Es ist eine allgemeine Ablehnung der eigene väterlichen Seite seiner unterbewussten Strukturen zu beobachten. Das ist absurd und führt zu den allgemeinen Verwirrungen dieser Tage.

zeitschnur
3. Juli 2019 23:16

@ quarz @ Sandstein

Mit diesem Ihrem Aufschrei war zu rechnen - Sie irren vermutlich, denn es ist längst erwiesen, dass der IQ sehr wohl mit allgemeiner Geübtheit, bestimmten sinnlichen Fähigkeiten (v.a. bei den Speedtests) und weiteren Dingen zusammenhängt.
Tut mir leid - es ist auch nicht sonderlich überzeugend, mit Keulen gegen "Geisteswissenschaftler" zu kommen, die sowieso immer dies und jenes. Von stolzen MINT-Absolventen erwarte ich ein Minimum an Argumentationskunst. Pardon. Vielleicht sollte man die Philosophie doch nicht so gering schätzen…

"Intelligenz" ist nun mal keine objektiv messbare Größe, sondern immer ein Konstrukt der Gesellschaft, die bestimmte kulturelle Leistungen ausprägt.
Intelligenz kann sich tatsächlich selbst in IQ-Tests einer und derselben Person steigern oder wieder absinken. Das ist alles längst in zahlreichen Studien nachgewiesen.

Den Vergleich mit dem Eis finde ich mehr als hinkend. Es ist eine Kunst, jemandem zur Entfaltung von Möglichkeiten zu verhelfen. Von vornherein nur defensiv und mit Warnblinklampe einem heranwachsenden Menschen zu begegnen, ihm also zu suggerieren, er möge sich nur nicht zu weit aus dem Fenster lehnen oder gar zu hoch hinaus wollen - das hat durchaus neurotische und gewalttätige Züge und traumatisiert die Jugend. Es ist genau diese Haltung, die den IQ sinken lässt. Ich habe einmal einen sehr guten Artikel in der "Weltwoche" vor vielen Jahren gelesen, der gerade auch afrikanische Gesellschaften neben ihrer kolonialgeschichtlichen Tragik als Mitverursacher ihrer Misere beschrieb, eben weil in vielen afrikanischen Kulturen in weitaus höherem Maß als bei uns diese Deckelungsmentalität herrscht: niemand lässt den Mitmenschen allzu weit springen.

Es ist der verdammte Neid, der hier spricht, die "invidia", einer der Todsünden. Man gönnt dem andern die Butter auf dem Brot nicht.
Dabei ist es so einfach: wer wirklich nichts kann, wird es auch nicht bringen.
Na und?
Aber das wenigstens muss man ihn doch selbst versuchen lassen. Und mit dem ersten Versuch ist das oft nicht entschieden - auch hier stehen mir wieder viele unserer kulturgeschichtlichen Beispiel vor Augen, die von verknöcherten "Lehrern" abgehalten werden sollten, sich aufs Eis zu begeben... wie gut, dass sie auf diese Boandlkramer nicht gehört haben.
Die Massenmigration ist natürlich ein Fehler, aber nicht wegen solcher herbeigeredeter "Probleme", die wir zu den realen und vorhandenen nicht auch noch brauchen.

Und noch etwas: Sprachen entwickeln sich mit ihrer kulturellen Entwicklung und Alltagsnotwendigkeiten auf und ab. Das ist auch für das Deutsche gut nachweisbar. Sobald es für afrikanische Kulturen notwendig würde, etwas Bestimmtes zu sagen, würde auch deren Sprache eine Möglichkeit dafür bieten. Was alleine die Christianisierung an begrifflicher Schärfe auch ins Deutsche brachte, war nun mal vorher so nicht vorhanden.

quarz
4. Juli 2019 08:39

Genau um diesen Wildwuchs an Assoziationen und Querverbindungen zum Thema "Intelligenz" einzudämmen habe ich meinen vorigen Kommentar geschrieben. Anscheinend habe ich genau das Gegenteil davon bewirkt.

Doch: mit dem IQ wird sehr wohl eine empirische Eigenschaft gemessen. Und deren Kausalzusammenhänge mit anderen empirischen Eigenschaften sind vielfach und massiv belegt. Deshalb ist der IQ ein guter Indikator für die Prognosen dieser anderen Eigenschaften. Das sind geradezu mustergültige Rahmenbedingungen für Nutzung empirischer Erkenntnisse.

Vielleicht hilft es, wenn ich explizit einige Missverständnisse ausräume:

1.) Nein, durch den IQ wird nicht der Wert eines Menschen bemessen. Es wird nicht einmal der "intellektuelle Wert" eines Menschen ermittelt. Dazu sind die Begrifflichkeiten des "(intellektuellen) Wertes" viel zu vage und vieldeutig. Es wird schlicht und einfach die Reaktion auf einen Test ermittelt und auf Basis gut belegter Erkenntnisse daraus auf die Fähigkeit geschlossen bestimmte Aufgaben zu bewältigen. Und manche dieser Aufgaben bzw. die Unfähigkeit zur Bewältigung dieser Aufgaben sind von hoher gesellschaftlicher Relevanz.

2.) Ja, der IQ ist veränderlich. Aber die Variationsbreite, insbesondere im Zusammenhang mit dem Lebensalter (ab der späten Jugend ist sie nicht mehr sehr groß), ist abschätzbar und wird bei der prognostischen Verwendung berücksichtigt. Insgesamt schmälert das die Brauchbarkeit des IQ kaum.

Insbesondere ist in diesem Zusammenhang dem Irrtum entgegenzutreten, Migranten könnten durch Schulungen und sonstige "Integrations"maßnahmen ihr IQ-bedingtes Defizit überwinden. Dagegen spricht erstens der Umstand, dass - wie gerade erwähnt - das Lebensalter, in dem sie bei uns eintrudeln, keine große Steigerungsrate mehr zulässt. Und zweitens können sie ihre Biologie nicht ablegen. Und die genetischen Faktoren im Zusammenhang mit dem IQ gewinnen in der aktuellen Forschung immer mehr an Gewicht (wenn auch viel unternommen wird, um das zu verschleiern). In einem vor kurzem veröffentlichten "Expert Survey", einer weltweiten Umfrage unter über 70 führenden Intelligenzforschern, wurden die Gene als einflussreichster Einzelfaktor für die Höhe des IQ genannt.

3.) Nein, der IQ ist (bei seriöser Testung) nicht nennenwert "culturally biased", d.h. er weist Angehörigen anderer Kulturen keine unfair niedrigen Werte zu. Das wird u.a. dadurch belegt, dass die prognostische Kraft der bei ihnen gemessenen Werte nicht geringer ist als bei Angehörigen des westlichen Kulturraumes.

4.) Nein, der IQ ist auch in meinen Augen nicht das einzige Problem im Zusammenhang mit der Masseneinwanderung. Für einen Erhalt unserer Kultur wäre ich sogar mit einem niedrigeren gesellschaftlichen Durchschnitts-IQ einverstanden - ein Dilemma, das sich allerdings nur bei drohender Massenimmigration aus dem nordostasiatischen Raum eröffnen würde. Migriert wird aber in der Regel von Niedrig-IQ-Regionen in Hoch-IQ-Regionen, weil es dort aufgrund er IQ-bedingten Produktivität mehr zu holen gibt.

Sandstein
4. Juli 2019 09:02

"Dabei ist es so einfach: wer wirklich nichts kann, wird es auch nicht bringen.
Na und?
Aber das wenigstens muss man ihn doch selbst versuchen lassen."

@zeitschnur

wirklich schön gesagt, hier stimme ich auch zu. Was den IQ angeht wirken Sie mir allerdings ein wenig zu dünnhäutig. Sie gehen überhaupt nicht auf meinen Punkt ein, dass der IQ alleingenommen natürlich für jedermann leicht zu zerpflücken ist. Was machen Sie? Nehmen sich den IQ als Einzelmerkmal vor.. tja wie soll man hier noch adäquat antworten?

Vielleicht so: ja, Sprachen befinden sich sicherlich im Wandel, und wenn aus "Entschuldigen Sie bitte den Anrempler" "Wallah - was guckst du" wird, dann brauche ich keine Definition von Intelligenz, um daraus meine Schlüsse zu ziehen.
Ich brauche auch keine Theorie, mir reicht das Wissen, dass irgendwo auf der Welt Wissenschaftler an der Kernfusion mit Plasma im Magnetfeld experimentieren, während andere Erdbwohner zwecks Brautschau zeitgleich über Kühe springen.
Mich dünkt, Sie haben einen gänzlich anderen Standtpunkt zu Kultur und Ethnie als ich.

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