Die Hoffnung stirbt zuletzt – Neues zur Integration

pdf der Druckfassung aus Sezession 13 / April 2006

sez_nr_13von Burkhard Raue

Die islamischen Aufstände nach dem Karikaturenstreit in Dänemark, die bürgerkriegsähnlichen Zustände in den Vororten der französischen Großstädte, der Mord an dem Filmemacher van Gogh in Holland oder die Morddrohungen gegen die niederländische Integrationsministerin Rita Verdonk wegen ihres konsequenten Eintretens für das Burka-Verbot bringen es an den Tag: Der Terror rückt näher, „die Zeit des gemütlichen Teetrinkens ist vorbei“ (Verdonk in der Zeit vom 2. März 2006). Nun müssen auch Innenminister Wolfgang Schäuble und die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer wie ihre europäischen Amtskollegen eingestehen, daß die Integration insbesondere der Muslime weitgehend mißlungen ist. Weder Assimilierungsversuche noch Multikulti-Strategien führten zum Ziel, sind im Gegenteil dabei, die Noch-Mehrheitsgesellschaften zu überfordern. Tatsächlich entdeckt man jetzt, daß „interne Gründe innerhalb ethnischer und religiöser Minderheiten“ (Zeit vom 14. November 2005) für die Nichtanpassung der Migranten verantwortlich sein könnten, obwohl schon die Fatwa gegen Salman Rushdie hätte aufmerken lassen müssen.

 Gastbeitrag

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So wächst sehr spät die Erkennt­nis, daß die Ein­wan­de­rer die Schuld an ihrer feh­len­den Inte­gra­ti­on haupt­säch­lich selbst tra­gen und der „Wil­le, hier hei­misch zu wer­den“ (Schäub­le) oft nicht ein­mal ein from­mer Wunsch ist. Da hel­fen kein „Ein­bür­ge­rungs­leit­fa­den“ wie in Baden-Würt­tem­berg und kein „Hand­buch für Deutsch­land“, das Frem­den erklärt, war­um sie eine Mün­ze in den Ein­kaufs­wa­gen zu ste­cken hät­ten. Vie­le der Zuge­wan­der­ten sind auch nach Jah­ren der deut­schen Spra­che nicht mäch­tig, die erst ein Ver­ständ­nis von Kul­tur und Gesell­schaft des Auf­nah­me­lands ermög­li­chen wür­de. Die jüngs­te Empö­rung gegen das Ansin­nen einer Ber­li­ner Real­schu­le mit 90 Pro­zent Aus­län­der­an­teil, die deut­sche Spra­che zur Pflicht bei allen schu­li­schen Akti­vi­tä­ten zu machen, kann dann nicht mehr ver­wun­dern. Die Kri­te­ri­en, nach denen eine kul­tu­rel­le Inte­gra­ti­on erfol­gen soll­te, sind völ­lig unklar. Die jüngs­ten Dis­kus­sio­nen dar­über wei­sen nur auf den Gesamt­zu­stand der euro­päi­schen und deut­schen Gesell­schaft hin.
Immer­hin trägt das „Forum für Ver­ant­wor­tung“ mit den Über­le­gun­gen renom­mier­ter Geis­tes­wis­sen­schaft­ler (Hans Joas und Klaus Wie­gan­dt (Hrg.): Die kul­tu­rel­len Wer­te Euro­pas, Frank­furt a.M.: Fischer 2005, 522 S., 13.90 €) zu die­sen Dis­kus­sio­nen bei, bestrei­tet aber schon im Vor­wort „die Mög­lich­keit einer Wie­der­an­knüp­fung an die Idee vom christ­li­chen Abend­land … als Hort von Ver­nunft und wah­rer Frei­heit“. Die Unter­su­chung von Ent­ste­hung und Wan­del eines Euro­pas „in der Span­nung zwi­schen Athen und Jeru­sa­lem“ ist wich­tig, auch die „moder­nen“ Wer­te Inner­lich­keit, Beja­hung des gewöhn­li­chen Lebens, Selbst­ver­wirk­li­chung, Rechts­staat­lich­keit, Ratio­na­li­tät und Plu­ra­li­tät – immer­hin als „ertra­ge­ne Dif­fe­renz“ dar­ge­stellt – wer­den aus­führ­lich bespro­chen, jedoch fehlt ihre Ver­or­tung im wirk­li­chen Leben. Denn wie gera­de die­ses „Ertra­gen“ heu­te zu erle­ben ist, wis­sen wohl nur die, die damit täg­lich kon­fron­tiert sind. Die­ter Seng­haas wird in sei­nem Bei­trag „Die Wirk­lich­keit der Kul­tur­kämp­fe“ deut­lich: Kul­tur schaf­fe öffent­li­che Ord­nung und begrün­de poli­ti­sche Sou­ve­rä­ni­tät. Sie kön­ne aktu­ell „Ent­wick­lungs­na­tio­na­lis­mus“ her­vor­brin­gen, der in Gesell­schaf­ten auf­bre­che, in der der Auf­wärts­trend der Mit­tel­schich­ten nicht mehr zu Wohl­stand, der Abwärts­trend der Unter­schich­ten zur Ver­grö­ße­rung der Armut führt. Eine „mili­tan­te Rekul­tu­ra­li­sie­rung von Poli­tik“ füh­re zu „Über­frem­dungs­ab­wehr“ auf der einen und „Assi­mi­la­ti­ons­ab­wehr“ auf der ande­ren Sei­te ein­an­der frem­der Bevölkerungsgruppen.

Die Rea­li­tät der Beschrei­bung läßt sich in fast jedem Migran­ten­vier­tel deut­scher Groß­städ­te erken­nen. Gud­run Krä­mers Bei­trag „Wett­streit der Wer­te: Anmer­kun­gen zum zeit­ge­nös­si­schen isla­mi­schen Dis­kurs“ zeigt im Anschluß tat­säch­lich die „inter­nen Grün­de“ ver­wei­ger­ter Anpas­sung. Die hier beschrie­be­ne unan­tast­ba­re Hei­lig­keit des Korans in der ara­bi­schen Sakral­spra­che, die unbe­zwei­fel­ba­re Über­le­gen­heit der isla­mi­schen Ord­nung und die strik­te Abgren­zung des rein­zu­hal­ten­den „Gebie­tes des Islam“ von zu bekämp­fen­den oder „im Waf­fen­still­stand ruhen­den Gebie­ten“ machen eine Inte­grier­bar­keit tief­gläu­bi­ger Mus­li­me aus­sichts­los. Oder soll­te die Not­wen­dig­keit zur Inte­gra­ti­on in Zukunft schwin­den? Schät­zun­gen gehen zur Jahr­hun­dert­mit­te von einem Ver­hält­nis von 19 Mil­lio­nen Ein­wan­de­rern zu 49 Mil­lio­nen Deut­schen aus, die Migran­ten könn­ten aber schon in weni­gen Jah­ren bei den unter Vier­zig­jäh­ri­gen die Mehr­heit bilden.
Ange­sichts die­ser Situa­ti­on stellt sich für Urs Fuh­r­er und Haci-Halil Uslucan die Fra­ge nicht mehr, ob, son­dern wie Deut­sche mit Migran­ten zusam­men­le­ben kön­nen, deren genera­tio­nen­über­grei­fen­de Ein­wan­de­rung nicht ver­hin­der­bar sei (Urs Fuh­r­er und Haci-Halil Uslucan (Hrg.): Fami­lie, Akkul­tu­ra­ti­on und Erzie­hung. Migra­ti­on zwi­schen Eigen- und Fremd­kul­tur, Stutt­gart: Kohl­ham­mer 2005, 244 S., 28.00 €). Ein Fach­pu­bli­kum mit Bil­dungs­auf­trag mag die­se Publi­ka­ti­on von Psy­cho­lo­gen, Sozio­lo­gen und Erzie­hungs­wis­sen­schaft­lern schät­zen, stellt sie doch als eine der weni­gen Zuwan­de­rung als Fami­li­en­un­ter­neh­men dar – als sei die­se Tat­sa­che erst jüngst bekannt gewor­den. Inte­gra­ti­on müs­se nur von „Akkul­tu­ra­ti­on“ beglei­tet sein, und die Frem­den wür­den hei­misch, so die Ver­hei­ßung. Natür­lich müß­ten in die­sem Pro­zeß „Ele­men­te der eige­nen Kul­tur … auf­ge­ge­ben wer­den, weil sie nicht mehr funk­tio­nal sind“, und zwar von bei­den Sei­ten. Dann ent­ste­he eine neue Kul­tur, die alle inte­grie­ren wür­de, vor­aus­ge­setzt, und das sei der Schlüs­sel, die Sprach­kom­pe­tenz blei­be nicht hin­ter dem Not­wen­di­gen zurück. Man kann ange­sichts sol­cher Fort­schrei­bun­gen einer Poli­tik des from­men Wün­schens nur den Kopf schüt­teln. „Inte­gra­ti­on“ nun „Akkul­tu­ra­ti­on“ zu nen­nen, bedeu­tet, alten Wein in neue Schläu­che umzu­gie­ßen. Und hin­ter der Hoff­nung auf eine neue Kul­tur, in der Ein­wan­de­rer und Ein­ge­bo­re­ne glei­cher­ma­ßen zufrie­den wären, steckt nicht nur der Ver­such, „das Deut­sche“ auf­zu­lö­sen; wer auf eine Ein­heits­kul­tur hofft, sie­delt den Men­schen auf der Ebe­ne des Haus­schweins an: Denn alles, was über die Befrie­di­gung der Grund­be­dürf­nis­se hin­aus­reicht, muß zum Kon­flikt, zum Kampf der Kul­tu­ren im All­tag füh­ren. Der kul­tu­rel­le Kon­flikt prägt bereits alle Lebens­be­rei­che, „Dia­log“ zwi­schen den Kul­tu­ren scheint nicht mög­lich zu sein. Wie auch? Grund­le­gend für jeden „Dia­log“ ist ja eine gemein­sa­me Spra­che. Ohne Sprach­kom­pe­tenz wird kein Aus­län­der in den Dia­log mit der deut­schen Kul­tur ein­tre­ten kön­nen, vor­aus­ge­setzt, er woll­te dies überhaupt.
Die Ernst­haf­tig­keit von Inte­gra­ti­ons­kon­zep­ten läßt sich also stets nach dem Stel­len­wert beur­tei­len, den der Sprach­er­werb ein­nimmt. Eine Ghet­to­bil­dung im Auf­nah­me­land führt zu man­gel­haf­ter Sprach­be­herr­schung und ver­hin­dert Inte­gra­ti­on. Man­geln­der Sprach­kom­pe­tenz fol­gen man­geln­de schu­li­sche Leis­tun­gen und der Aus­schluß aus der Berufs- und Arbeits­welt. Gefahr droht jedoch auch dem demo­kra­tisch ver­faß­ten Staat selbst. Die Demo­kra­tie ist näm­lich die Staats­form des Dia­logs und ihr Ernst­fall ist die Wahl. Wen soll wäh­len, wer nichts ver­steht? Und noch wich­ti­ger: Wer wird als rele­van­te Min­der­heit auf Dau­er demo­kra­ti­sche Mehr­hei­ten akzep­tie­ren, wenn zwi­schen der eige­nen Posi­ti­on und der des Sie­gers kul­tu­rel­le Grä­ben lie­gen? Über sol­che Fra­gen, über die augen­schein­li­che Gefähr­dung des inne­ren Frie­dens, über die Leer­for­mel vom „Dia­log der Kul­tu­ren“ hät­te man im Buch von Fuh­r­er und Uslucan ger­ne etwas gele­sen. Der Band jedoch hat die Situa­ti­on in Deutsch­land weder gegen­wär­tig noch zukünf­tig im Blick und ver­harrt im fried­fer­ti­gen Wunsch­den­ken über eine sanf­te Entwicklung.

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