9. August 2019

Nell Zink: Virginia – eine Rezension

Ellen Kositza / 14 Kommentare

Bei Gesellschaften wird oft zur Begrüßung Sekt gereicht. Das öffnet und macht gesprächig.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Introvertierte werden locker, andere kommen ins Sprudeln, spätestens nach dem zweiten Gläschen. So kann es auch mit Büchern sein, und mit Nell Zinks Roman Virginia ist es definitiv so.

Dieser außergewöhnliche Roman einer außergewöhnlichen Autorin ist gut mit einem Zustand zwischen dem dritten und dem vierten Sektglas zu vergleichen, wenn Beflügeltsein zum Schwindel gerät. Mehr kann man schlecht verkraften. Gläschenweise ist es ein irres Vergnügen.

Auf’s Korn genommen wird hier die große Erzählung des postmodernen Westens über »fluide Identitäten«. Es geht – wir schreiben die sechziger Jahre in Virginia – um die begabte Peggy (die ihren Namen mehrfach ändern wird), die lesbisch ist, allerdings keine sexuellen Beziehungen zu Frauen hat.

Sie beginnt als ganz junge Frau eine Affäre mit dem hochbegabten Dichter und Dozenten Lee, der seinerseits eigentlich schwul ist. »Hochbegabt«: Lee schafft Poesie, in dem er beispielsweise 41mal das Wort »F*tze« in der Form des Empire State Buildings anordnet. Es gehe, sagt er, um den »Leseakt« und darum, daß die USA »schließlich ein freies Land« seien. Rasch entspringen dieser Mesalliance zwei Kinder. Peggy töpfert nun Figürchen, die sie als Symbole »für ihre Frustration als Hausfrau« betrachtet.

Lee liebt seinen Sohn, ist ansonsten aber ein mieser Kerl, der sie notorisch betrügt und ihre Tonfiguren mißhandelt. Peggy verzieht sich mit ihrer Tochter in den Untergrund, sie wird jahrelang nicht auffindbar sein und mit Drogen handeln.

Ihrer Tochter (wie sich selbst) verpaßt sie eine neue Identität. Das hellblonde Mädchen wird als Schwarze ausgegeben. Bei der Einschulung stutzt die Rektorin: »Sind Sie ganz sicher, daß sie nicht weiß sein soll?« Als das Kind dazwischenruft, es sei blond, fährt man ihr über den Mund: »Es gibt keine blonde Rasse!« und läßt darüber hinaus die Selbstaussage der Mutter gelten.

Das also per definitionem »schwarze« Mädchen wird größer, wiederum hochbegabt und verliebt sich in einen höchstbegabten jungen Schwarzen. Der nennt die Freundin »Blondie«, wie Hitlers Hund.

Am Ende dieser durchgedrehten, verschmitzten, gelegentlich trashigen, aber durchweg mit kalter Arroganz erzählten Geschichte kommt es zu einer erweiterten (zwischenzeitlich war Peggy platonisch mit einem päderastischen Indianer liiert) Familienzusammenführung. Lee will seiner schwarzweißen, wiedergefundenen Tochter ihren innigsten Wunsch erfüllen. Den wiederum kann man sich– die Flasche Sekt nun gewissermaßen intus – beinahe schon denken: Einmal die Villa Malaparte auf Capri besuchen …

Nell Zink (*1964) wurde in Kalifornien geboren, wuchs in Virginia auf, promovierte in Tübingen und lebt schon seit langem in Bad Belzig. Sie liebt Vögel, ist also das, was man bei den Angelsachsen einen Bird-watcher nennt, was wiederum den Kreis zu Malaparte schließt, der Vögel verehrte. Ihren Schreibstil ( übersetzt hat Michael Kellner; das Original hatte sie 2015 unter dem Titel Mislaids veröffentlich) dürfte man typisch amerikanisch nennen. Sprich: in den artigen oder maximal mainstreamfrechen deutschen Erzählduktus hat sie sich noch nicht integriert. Und das ist gut so.

Nell Zink: Virginia. Roman, Hamburg: Rowohlt 2019. 320 S., 22 € - hier bestellen


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Kommentare (14)

Niekisch
9. August 2019 11:17

Hier komme ich auch ohne Sekt ins Schwindeln. So oder so: der Artikel ist beabsichtigt oder absichtslos ein Kettenglied am Schutzpanzer der Rüstung gegen die bereits im Anflug begriffene Lanze der Verfassungsschützler.

LotNemez
9. August 2019 14:07

@Kositza: "Bei Gesellschaften wird oft zur Begrüßung Sekt gereicht. Das öffnet und macht gesprächig."

Sie haben mir gerade die Augen geöffnet. Ich bin Wassertrinker und fand solche Veranstaltungen immer wenig prickelnd.

nom de guerre
9. August 2019 15:42

Normalerweise schätze ich Frau Kositzas Rezensionen sehr - auch wenn ich ihren Geschmack nicht immer teile, kann ich im allgemeinen trotzdem nachvollziehen, warum sie ein Buch empfiehlt oder eben nicht. Aber hier? Spätestens bei dem indianischen Päderasten wurde es mir zu viel. Nein, eigentlich schon bei Hitlers Hund.

Lotta Vorbeck
9. August 2019 16:44

@nom de guerre - 9. August 2019 - 03:42 PM

Was haben sie gegen Schicklgrubers Hund?

Augustinus
9. August 2019 17:36

Mich würde interessieren wie Menschen im rechten Lager zu dem Wort Mitteldeutschland stehen.

Man hört es immer wieder, einige AFDler benutzen dieses Wort, wie aber auch beispielsweise der YouTuber "Red Pill Germany" neulich.

www.youtube.com/watch?v=hdH4ZHGCL70

Natürlich liegt Thüringen geographisch gesehen in der Mitte Deutschlands. Ostdeutschland ist ein Wort, das üblicherweise politisch-geographisch benutzt wird. Insofern impliziert die Verwendung des Wortes Mitteldeutschland die Vorstellung, dass es östlich der ehemaligen DDR Gebiete gibt, die zu Deutschland gehören.

Angesichts der Tatsache, dass wir uns in einem Land befinden, dass jegliche Grenzen in Frage stellt, halte ich obige Vorstellungen für völlig absurd.

Laurenz
9. August 2019 17:46

Keinen zeitgeistigen Fettnapf auszulassen, kann sicherlich berauschen. Bedeutet es nicht, zumindest kurzfristig, ein ungeheures Machtgefühl?

Die letzten Tage waren erfüllt von Schaumwein aus burgundischen Weintrauben, gekrönt mit holden Erdbeeren. Könnte man das nicht lapidar kommerzialisieren? Antaios-Burgunder-Sekt, flaschengegoren, und eine neue, besonders langlebige Ernst-Jünger-Erdbeersorte?

Gracchus
9. August 2019 19:57

Verstehe nicht die Mäkelei. Ich würd's lesen, hätte ich Zeit. Stutzig macht nur der letzte Satz. Dachte, der deutsche Mainstream kopiert den typisch amerikanischen Stil.

Waldgaenger aus Schwaben
9. August 2019 21:08

Hitlers Hund schrieb sich ohne das amerikanisierende, artfremde"e" am Ende:
Blondi
https://de.wikipedia.org/wiki/Blondi

Was ich auch nicht wusste: Blondi hat anscheinend einmal geworfen. Hitler ließ sie und ihren Nachkommen "Wolf" kurz vor seinem Suizid töten. Es wurden zwei tote Hunde nahe bei Hitler gefunden.

Da Hündinnen gewöhnlich mehr als einen Welpen werfen, könnten Nachkommen Blondis unter uns weilen.
Es gibt sogar eine Zucht-Tafel Blondis:
https://de.working-dog.com/dogs-details/327664/Blondi-Hitler

Da müsste man allerdings dafür zahlen, um mehr über Nachkommen und Geschwister zu erfahren.

Wie dem auch sei. Daraus liesse sich eine wunderbare Politik-Satire im Stile Kishons schreiben:

Über ebay bietet jemand den letzten Nachkommen Blondis einen Rüden namens Adolph zu Kauf an. Die politische Nomenklatura läuft heiß, Kanzlerin und Präsidentin fordern die sofortige Kastration. Eine online-Petition sammelt in drei Tagen fünf Millionen Stimmen dagegen, die Umfragewerte der Grünen brechen um 10% ein. Während noch diskutiert wird, löst sich das Problem von selbst.
Inzwischen hat der Besitzer Blondis Nachkommen für eine Millionen Dollar in den arabischen Raum verkauft.

Während in Deutschland eine lex Blondi die die Einfuhr von Blondis Nachkommen verbietet, verabschiedet wird, deckt der Stern die wahre Geschichte auf:
Blondis letzter überlebender Welpe wurde 1946 von einer Holocaust-Überlebenden von Berlin nach Israel mitgenommen. Dort wurden dann über zwanzig Generationen lang israelische Hunde eingekreuzt.
Daraufhin will niemand mehr Adolphs Nachkommen haben.
Der Käufer Adolphs kündigt an, die inzwischen 1000 Nachkommen Adolphs, die er zum Stückpreis von 10 000 Dollar anbietet, zu töten. Die Grünen fordern diese zu kaufen und in Deutschland aufzunehmen. Schliesslich ist das Schicksal der armen Hunde eine historische Schuld Deutschlands. Die Umfragewerte der Grünen schiessen in ungeahnte Höhen.
Kanzlerin und Präsidentin schließen sich dem an und so erhalten Blondis Nachkommen am Ende in Deutschland Asyl.

RMH
9. August 2019 22:02

Wenn ich das jetzt im aktuellen Heft richtig überflogen habe (genaue Lektüre erfolgt erst im kommenden Urlaub), dann war das hier jetzt die einzige Rezension eines Romans in der Sezession und der Rest waren nur Sachbücher. Frau Kositza hält hier offenbar recht einsam die Stange oben - was ist mit dem anderen Autoren der Sezession bzw. des Sezessionsumfeld? Liest da keiner Romane?
Müssen meiner Meinung nach ja nicht immer Neuerscheinungen sein - auch nicht ganz druckfrisches will besprochen sein, wenn es uns auch heute noch etwas zu sagen hat.

PS: Ich habe nichts gegen Bilder von Welpen, Hunden und Katzen - ich gebe zu, ich bin ein gutes Clickbait-Opfer :)

Klaus P Kurz
10. August 2019 01:41

@ Waldgänger aus Schwaben:
Klasse! Ja, nur so geht's, mit Ironie oder Sarkasmus, wenn der überwältigende Blödsinn unserer Zeit nicht mehr zu ertragen ist oder nur im Zustand zunehmender Alkoholisierung. Warum ein Buch besprochen werden soll, das offenbar nur unter Einnahme von Drogen Vergnügen verschafft, erschließt sich mir nicht.

nom de guerre
10. August 2019 11:06

@ Lotta Vorbeck

"Was haben sie gegen Schicklgrubers Hund?"
Nichts, ich mag Tiere und vermutlich hätte ich auch Blondi gemocht (danke @ Waldgänger für die Klarstellung; ich glaube allerdings nicht, dass der Hund "sich schrieb"). Und genau deshalb störe ich mich an der erwähnten Stelle des Romans. (Wenn ich jetzt versuche zu erklären, was ich meinte, reite ich mich noch tiefer in das ernsthafte Erörtern dieses wie mir scheint etwas seltsamen Buchs hinein, also lasse ich es; vielleicht würde es sich tatsächlich lohnen, den Vorschlag @ Laurenz' zu Burgundersekt und Ernst-Jünger-Erdbeeren aufzugreifen; sollte der Antaios-Verlag noch weitergehen wollen und einen Kunstdruck des Jünger-Bildes von Rudolf Schlichter vor der Felskulisse als Kunstdruck feilbieten, verspreche ich, dass ich ein Exemplar erwerben werde ;-))

Anderes, dieses Mal ernst zu behandelndes Thema, der Kommentar von @ Augustinus zu "Mitteldeutschland": Ich selbst benutze diesen Begriff normalerweise nicht, da ich nicht mit ihm sozialisiert wurde und ihn wirklich bewusst verwenden müsste, aber die Bezeichnung ist doch unbestreitbar historisch-geographisch zutreffend. Es mag sein, dass sich unser Staat aus den von Ihnen genannten Gründen derzeit selber ad absurdum führt, aber zum einen muss man dieses Narrativ der allgemeinen Grenzenlosigkeit ja nicht übernehmen (das wäre wirklich absurd) und zum anderen wird dieser Zustand nicht ewig anhalten. Was danach kommt, kann niemand wissen. Ich jedenfalls wage dazu keine Prognose.

Lotta Vorbeck
10. August 2019 12:30

@Augustinus - 9. August 2019 - 07:36 PM

"Mich würde interessieren wie Menschen im rechten Lager zu dem Wort Mitteldeutschland stehen.

Man hört es immer wieder, einige AFDler benutzen dieses Wort, wie aber auch beispielsweise der YouTuber "Red Pill Germany" neulich.

...

Natürlich liegt Thüringen geographisch gesehen in der Mitte Deutschlands. Ostdeutschland ist ein Wort, das üblicherweise politisch-geographisch benutzt wird. Insofern impliziert die Verwendung des Wortes Mitteldeutschland die Vorstellung, dass es östlich der ehemaligen DDR Gebiete gibt, die zu Deutschland gehören.

Angesichts der Tatsache, dass wir uns in einem Land befinden, dass jegliche Grenzen in Frage stellt, halte ich obige Vorstellungen für völlig absurd."

***********************************************

Wäre der Osten der BRD identisch mit Ostdeutschland, gäbe es die nachfolgend aufgelisteten Firmennamen in dieser Form nicht:

+++ Mibrag - Mitteldeutsche Braunkohlegesellschaft mbH
https://www.mibrag.de/de-de/ueber-mibrag

+++ Mitteldeutsche Eisenbahn
www.meg-bahn.de/

+++ Mitteldeutsche Erfrischungsgetränke GmbH
https://www.meg-gruppe.de/

+++ Mitteldeutsche Netzgesellschaft - MITNetz-Strom
https://www.mitnetz-strom.de/

+++ DOW IN MITTELDEUTSCHLAND (Mitteldeutscher Olefinverbund)
https://de.dow.com/de-de/standorte/mitteldeutschland

+++ Mitteldeutscher Rundfunk
https://www.mdr.de/home/index.html

+++ S-Bahn Mitteldeutschland
https://www.s-bahn-mitteldeutschland.de/s_mitteldeutschland/view/index.shtml

+++ Mitteldeutscher Verlag
https://www.mitteldeutscherverlag.de/

+++ Mitteldeutsche Zeitung
https://www.mz-web.de/

Lotta Vorbeck
10. August 2019 13:08

@Waldgaenger aus Schwaben - 9. August 2019 - 09:08 PM

Der Waldgaenger in Hochform - einfach köstlich!

"...

Während in Deutschland eine lex Blondi die die Einfuhr von Blondis Nachkommen verbietet, verabschiedet wird, deckt der Stern die wahre Geschichte auf:
Blondis letzter überlebender Welpe wurde 1946 von einer Holocaust-Überlebenden von Berlin nach Israel mitgenommen. Dort wurden dann über zwanzig Generationen lang israelische Hunde eingekreuzt.
Daraufhin will niemand mehr Adolphs Nachkommen haben.

Der Käufer Adolphs kündigt an, die inzwischen 1.000 Nachkommen Adolphs, die er zum Stückpreis von 10.000 Dollar anbietet, zu töten. Die Grünen fordern diese zu kaufen und in Deutschland aufzunehmen. Schliesslich ist das Schicksal der armen Hunde eine historische Schuld Deutschlands. Die Umfragewerte der Grünen schiessen in ungeahnte Höhen.
Kanzlerin und Präsidentin schließen sich dem an und so erhalten Blondis Nachkommen am Ende in Deutschland Asyl."

********************************************

Wer "A" sagt, muß auch "dolf" sagen.

Zu jedem der nachgezüchteten Adolph-Welpen gibt's eine Pistole des Föhrlers - natürlich Original nebst vom Mr. Michael O'Hara beglaubigten Echtheitszertifikat aus Zella-Mehlis (Thüringen), gedruckt mit im Jahre 1934 manufakturierter Druckerschwärze, auf altes Papier mit besonders hohem Anteil an Lumpenfasern - dazu!

Darauf einen 1992er "Schtonk",

Cheers 803157!

~~~~~~~~~~~~

SPIEGEL-TV vor 20 Jahren: Dubiose Hitler-Waffe
https://youtu.be/A6MdHNlnEK8

am 30.03.2019 veröffentlicht

Für Sammler mit einem Hang zum Makabren gab es Anfang 1999 ein verlockendes Angebot: Eine Pistole, Marke: Walter PPK, Kaliber 7,65. Der Preis, zusammen mit einer anderen Waffe desselben Herstellers: 3,15 Millionen Dollar. Mit der PPK soll sich Adolf Hitler in den Kopf geschossen haben. SPIEGEL TV hat damals den anonymen Anbieter gesucht und dingfest gemacht.

bisher 179.121 Aufrufe

RMH
10. August 2019 20:44

"Wäre der Osten der BRD identisch mit Ostdeutschland, gäbe es die nachfolgend aufgelisteten Firmennamen in dieser Form nicht"

Offenbar genau aus diesem Grund gab "der Flügel" seinem Treffen das Motto "Der Osten steht auf" … und das am Kyffhäuser :)
(das war sarkastisch gemeint - bzw. man merkt, dass da Wessis am Start waren).

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.