1. April 2006

Antideutsche Wissenschaft?

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 13 / April 2006

sez_nr_13von Daniel Bigalke

Die alte „Vergangenheitsbewältigung“ mit ihren Argumentationsschemata gerät ins Abseits. Bestimmte sie lange Zeit den öffentlichen Diskurs, so hat sich ein alternativer Reflexionsprozeß entwickelt. Er eröffnete in den Feuilletonspalten zum Beispiel mit der Aussage Laurenz Meyers von 2000, er sei „stolz, Deutscher zu sein“, der Walser-Debatte (2002) oder mit Jörg Friedrichs Der Brand (2002) einen neuen Horizont des Selbstbewußtseins. Darauf reagieren derzeit – kaum überraschend – die Apostel der alten Zunft mit der üblichen Polemik aus einseitiger Anschuldigung, fehlgeleitetem Geschichtsverständnis und monologischen Begriffen, die der Realität kaum Rechnung tragen.

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Ute und Wolfgang Benz (Hrsg., Stolz deutsch zu sein? Aggressiver Anspruch und selbstverständlicher Patriotismus, Berlin 2005, 192 S., 17.00 €) widmen sich „interdisziplinär“ dem Begriff „Stolz“. Nach Benz sei deutsches Staatsdenken bestrebt gewesen, Sehnsucht nach nationaler Einheit über die „Konstruktion des Vaterlandes“ zu stillen. Benz bastelt sich ein Feindbild, worin deutsche Politik von irrationalem Nationalismus geprägt gewesen sei, der eine Kontinuität bis zur heutigen „Rechten“ habe. Der nationale „Inferioritätskomplex“ führe zur Romantik der Vaterlandsliebe. Das heißt nicht weniger, als daß Benz die deutsche Geschichte auf einen einzigen psychologischen Irrweg reduziert und diesen für Zwecke der Gegenwart gebraucht. Psychologisch wichtig ist, daß seine Untersuchung aggressiven Motivationen anderer Nationen am Vorabend des Ersten Weltkrieges – auch typisch für die alte ‚Vergangenheitsbewältigung‘ – keine Beachtung schenkt. Die krampfhafte Kreation eines deutschen Negativbildes erscheint so als seine persönliche Reaktion auf die oben genannte Infragestellung der Dogmen.
Bei einer weniger bewußtseinsverengten Betrachtung hätte Benz erkennen müssen, daß deutsches Staatsdenken nicht notwendig irrationalistisch ist, wenn in ihm die analytische Geopolitik in Verbindung mit einem metaphysischen Bild vom Menschen gesehen wird. Damit ist der deutsche Politikbegriff realistisch und idealistisch zugleich. Durch diese integrale Reflexion steht er jenseits punktuell auftretender Meinungen oder mechanisch abrufbarer Gesinnungen.
Benz hätte zur Ausgewogenheit auch den Vernunftidealismus und seinen übernationalen Begriff des „Reiches“ von Fichte hinzuziehen können. Was hinderte ihn daran? Seine Methode wäre zu einem differenzierteren Urteil gelangt. Wer also den Begriff „Stolz“ umfassend bewerten will und deutsches Selbstbewußtsein nicht auf ein banales „Unvermögen“ bei der „Sauberkeitsentwicklung“ reduziert sieht, sollte das Benzsche Buch mit Vorsicht genießen. Deutlicher: Die wenig ergebnisoffene Forschung der Familie Benz – symptomatisch beim Zentrum für Antisemitismusforschung – ist simple Pseudo- Wissenschaft, vor deren Hintergrund man jeden Versuch zur Objektivität schätzen lernt. Kein interdisziplinärer Ansatz ist ergiebig, wenn er sich primär aus einem aggressiven antideutschen Ressentiment speist.
So verwundert es nicht, daß Benz über die Walser-Debatte sagt, sie habe den nationalen Stolz noch problematischer gemacht. Dieser wichtigen Debatte widmete Matthias N. Lorenz seine Dissertation (Auschwitz drängt uns auf einen Fleck. Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser, Stuttgart 2005, 560 S., geb., 49.95 €). Seine Leistung ist keine geringe: Lorenz nahm sich Walsers Gesamtwerk vor, um dort durchaus sorgfältig „subtextuell“ Antisemitismus nachzuweisen. Schnell wird klar, daß auch hier Voreingenommenheit als Wissenschaft auftritt. Neben der Rekonstruktion des literarischen Antisemitismus mit seinen Stilmitteln (der „feige“ oder „gefährliche“ Jude) schreitet Lorenz zum Nachweis solcher Chiffren für „Andersheit“ bei Walser voran. Der Roman Tod eines Kritikers (2002) hebe den jüdischen Opferstatus auf, der Essay Halbzeit (1960) mache jüdische Opfer zu Tätern. Seine Belege sind überzeugend. Die Arbeit steht und fällt ausschließlich hinsichtlich ihrer Gesamtmethode: Kann ein literarisches Werk anhand ihm nicht wesenseigener Kategorien sinnvoll bewertet werden?

Lorenz möchte von Walsers Textabsicht, die literarisch frei ist, auf den wirklichen Charakter des Autors schließen. Eine Einseitigkeit herrscht vor, weil sein Ergebnis gemäß der „Sumpfblütenmethode“ bereits mit dem Vorwort klar ist. Wer Antisemitismus sucht, der findet ihn auch, und dies ist ein wenig überzeugendes Vorgehen. Ebenso könnte man „kommunistische“ oder „homoerotische“ Stereotype in Ernst Jüngers Werk entschlüsseln und dadurch auf die sexuellen und ideologischen Neigungen des Autors schließen. Wer also begriffen hat, daß Lorenz mit dem Terminus „antisemitisch“ inflationär um sich wirft, kann seiner Arbeit nur noch wenig Gewicht zumessen. Tatsächlich spielen derlei Begriffe in der Beurteilung der politischhistorischen Realität eine untergeordnete Rolle. Sein Vorwurf der „Konstruktion einer deutschen Opferrolle“ bei Walser steht massiv hinter unleugbaren Teilwahrheiten (Vertreibung, Bombenterror) zurück. Er muß sie notwendigerweise zwecks seiner eigentlichen Absicht diskreditieren. Könnte er sonst die in der deutschen Leidenswahrnehmung wurzelnden Texte Walsers im Sinne der alten – wissenschaftlich wenig reflektierten – Bewältigungsdoktrin negativ einordnen? Er beschränkt sich auf Begriffe („antisemitisch“), die sich bei rationaler und freier Betrachtung von selbst erledigen würden: Denn leicht durchschaubar ist ihre auf diskriminierende Wirkung zielende strategische Plazierung.
Den Ansätzen kontroversen Denkens im Bereich der Vergangenheitspolitik wirft Lorenz „Erinnerungsabwehr“ vor. Er stilisiert sich selbst zum Verfechter einer Zeitgeistdogmatik mit ihrer Entweder-Oder-Logik. Damit lassen sich „Dissidenten“ willkürlich konstruieren, etwa wenn er die Haltung der Jungen Freiheit zur Walser-Debatte im Verlauf der Untersuchung in sich konträr kategorisiert („extremistisch“, „gemäßigt rechtsextrem“). Man bedauert, daß das von Lorenz gesammelte Material vor dem Hintergrund seiner Motivation kaum sinnvoll verwendet wurde. Die Arbeit – verstärkt durch den unbefriedigenden Gesamteindruck – ignoriert komplexere Erkenntnisräume, womit sein Fazit krampfhaft beabsichtigt wirkt. Es ist Opfer subjektiver Gesinnung und selbstauferlegter Denkverbote.
Einen Paradigmenwechsel zu verhindern, hat sich auch Hannes Heer vorgenommen. (Hitler war’s. Die Befreiung der Deutschen von ihrer Vergangenheit, Berlin 2005, geb., 24.90 €). Er beklagt, daß deutsche „Schandtaten“ allein Hitler angelastet würden. Nach der Kritik am Film „Der Untergang“, der die NS-Geschichte neu erfinde, stellt er ebensolche „Entlastungsmanöver“ bei Guido Knopp und Joachim Fest heraus. Seine Vorwürfe sind blind dafür, daß die alternative Sicht der Geschichte, wie sie etwa auch bei Günther Grass einsetzte, keine „Verleugnung der Schuld“ an sich ist. Vielmehr ist sie eine Korrektur, die die bisherige Hoheit über die einseitige Vergangenheitspolitik der Willkür ihrer vorteilhaft integrierten Profiteure entreißt. Für Heer gilt schon die allgemeine „Verknoppisierung“, die populäre antideutsche Geschichtsklitterung also, als „revisionistisch“. In welcher sonderbaren ideologischen Nische befindet er sich, wenn sogar Knopps Schuldkult die Deutschen zu sehr von ihrer Schuld entlaste? Der Versuch, die Infragestellung der kollektiven deutschen Täterrolle rückgängig zu machen, scheitert also an der üblichen Indienstnahme der Wissenschaft durch habituelle Scheuklappen, die auch mit seinem Appell an ein moralisches Gewissen nicht mehr zu verbergen sind.
Die beschriebenen Bücher zeigen an, daß veraltete oder verordnete Glaubenswerte und ihre ausschließlich „antideutschen“ Absichten dem freien Denken kaum noch gewachsen sind. Auch deshalb treten sie umso aggressiver auf und verlieren ihren Anspruch auf Sorgfältigkeit. Die wirkliche Wissenschaft sollte einen Wahrheitskontakt anstreben, der auf die strategische Definition „extremer“ Haltungen verzichtet und damit nicht ideologischen Modeströmungen sondern geistiger Substanz folgt. Damit würde sie lediglich ein nachkriegsdemokratisches Paradox mit seiner inhaltlich stagnierenden Denkpraxis aus der Vernunft heraus korrigieren.


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