1. August 2019

Hilaire Belloc: Die Großen Häresien

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Eine Rezension von Magdalena S. Gmehling

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Der katholische Apologet und Historiker Hilaire Belloc (1870 – 1953) war ein brillanter Politiker und Schriftsteller französischer Herkunft. Er gilt zusammen mit G. K. Chesterton als Begründer des Distributismus, einer ökonomischen Philosophie, die sich als Opposition zu den Wirtschaftssystemen des Kapitalismus und des Sozialismus verstand.

Ohne Glaube keine Kultur. Diesem Grundsatz huldigte Belloc, dessen Anliegen es war, Wort- und Sprachgenauigkeit als Grundlage klarer Definitionen, Verhaltensregeln und gediegener Sitten einzufordern. Der Autor betont, daß dem Wort »Häresie« keine zeitgenössische Bedeutung zukommt, da eine Materie behandelt werde, die keiner mehr ernst nehme. Um so beachtenswerter ist seine Begriffsbestimmung. Er schreibt: »Häresie ist die Verzerrung eines kompletten und selbständigen Systems durch die Einführung einer neuartigen Leugnung eines seiner wesentlichsten Teile.« Wer Europa in seiner Entstehung, seinen Veränderungen und Verzerrungen verstehen will, muß sich mit diesen Gegebenheiten auseinandersetzen.

Aus der Geschichte der Christenheit greift der Autor fünf Hauptangriffe heraus, die – weil bahnbrechend zerstörerisch – von überzeitlicher Bedeutung sind.

Alle Irrlehren der ersten drei christlichen Jahrhunderte wandten sich gegen die Naturen Christi. Zentrale Lehre der Kirche war und ist, Jesus Christus sei vollkommener Gott und vollkommener Mensch. Der Arianismus (300 n. Chr.) leugnete das Mysterium der zwei Naturen. Bemerkenswert ist die historische Situation, nämlich die Entwicklung des Machtgefüges in den ersten Jahren des offiziell christlichen Reiches, in welchem sich der Arianismus manifestiert. So war die Armee gänzlich arianisch. Arius selbst, eitel, eloquent und ehrgeizig, wurde auf dem Konzil von Nicäa (325 n. Chr.) verurteilt. Athanasius von Alexandrien steuerte einen Kompromiß an, nahm mehrmalige Verbannung durch das häretisch gesinnte Kaiserhaus auf sich und siegte mit dem Gedanken der Gottheit Jesu Christi und seiner Wesensgleichheit mit dem Vater (Homousie). Im Westreich starb der Arianismus aus. Im Osten überflutete ihn eine gewaltige Macht: der Islam.

Die Lehre Mohammeds kennzeichnet Hilaire Belloc als Häresie, nicht als neue Religion. Er beschreibt sie als Perversion des Christentums, als dessen Adaption und Mißbrauch. Mohammed war Heide, vereinnahmte jedoch Vorstellungen aus der katholischen Welt. Zentraler Punkt seiner Häresie ist die komplette Leugnung der Inkarnation und die Eliminierung der Dreifaltigkeit. In den Sakramenten sah er verdorbene Auswüchse, die hinweggefegt werden müssen. Einfachheit war das Merkmal seiner Lehre. Der Islam erschien als Erleichterung vieler Spannungen in einer komplizierten und ermatteten Gesellschaft. Hervorragend stellt Belloc die historische Infiltration der Mohammedaner dar. Er resümiert, daß diese verzehrende Häresie und ihre schwer zu ergründende Vitalität die Christenheit beinahe zerstörte.

Im 13. Jahrhundert manifestieren sich unter dem Nachwirken gnostisch-manichäischer Anschauungen spiritualistische Sekten. Aus dem Département Tarn im französischen Zentralmassiv mit seiner Hauptstadt Albi schwärmten häretische Missionare aus. In Toulouse errichteten sie eine dualistisch geprägte albigensische Gegenkirche. Priesterliche Konsekrationsgewalt und die Realpräsenz wurden geleugnet, Antisakramentalismus verkündet, Inkarnation und christliche Mysterien verworfen, seltsame Reinigungsrituale und esoterische Arkandisziplinen eingeführt. Die Anprangerung des klerikalen Wohlstandes hetzte die Massen auf. Schließlich griff Papst Innozenz III. (1198 – 1216) ein. Es kam zu rabiaten Kämpfen und Plünderungen. Der sogenannte Albigenserkreuzzug leitete den Untergang der Sekte ein.

Bei der Beurteilung der Reformation geht es Hilaire Belloc weniger um die Darstellung der sattsam bekannten dogmatischen Irrtümer, sondern mehr um die sittliche Atmosphäre des Protestantismus und der in ihm vereinigten häretischen Strömungen, die alle im Widerstand gegen eine einzige geistliche Autorität (Papsttum) gipfelten. Zweifellos richtete sich der reformatorische Eifer gegen den in Lehre und Gewohnheiten versteinerten Klerus, gegen Mißbräuche und Verweltlichung. Weitgehend vernachlässigt wird jedoch die Tatsache, daß das Desaster der Spaltung nicht 1517, sondern erst zwischen 1690 bis 1700 zur kompletten Trennung führte. Letztlich zeitigte diese Entwicklung als bitterste Frucht die Teilung der weißen Zivilisation in eine katholisch geprägte Kultur und in eine antikatholische – die alte moralische Einheit war zerstört.

Die fünfte Häresie nennt Belloc »modern«, wobei er ein Milieu kennzeichnet, in welchem der Antichrist zunehmend die Kontrolle über die Wahrnehmung, die Gedanken und das emotionale Leben des Menschen übernimmt. Dieser Angriff ist materialistisch und atheistisch. Verachtung und Haß auf die Tugend sind seine Hauptmerkmale. Letztlich wurzelt er in der Leugnung der Zentralautorität. Grausamkeit ist ein Teil seiner Philosophie, neues Heidentum und Lohnknechtschaft. Belloc wendet sich energisch gegen das Geschwätz von »den Kirchen«. Es gibt nur die Sancta Ecclesia Apostolica.

 

 

Hilaire Belloc: Die Großen Häresien. Der Kampf gegen Europa, Bad Schmiedeberg: Renovamen 2019. 209 S., 16 € - hier bestellen


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