Hilaire Belloc: Die Großen Häresien

Eine Rezension von Magdalena S. Gmehling

 Gastbeitrag

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Der katho­li­sche Apo­lo­get und His­to­ri­ker Hil­ai­re Bel­loc (1870 – 1953) war ein bril­lan­ter Poli­ti­ker und Schrift­stel­ler fran­zö­si­scher Her­kunft. Er gilt zusam­men mit G. K. Ches­ter­ton als Begrün­der des Dis­tri­bu­tis­mus, einer öko­no­mi­schen Phi­lo­so­phie, die sich als Oppo­si­ti­on zu den Wirt­schafts­sys­te­men des Kapi­ta­lis­mus und des Sozia­lis­mus verstand.

Ohne Glau­be kei­ne Kul­tur. Die­sem Grund­satz hul­dig­te Bel­loc, des­sen Anlie­gen es war, Wort- und Sprach­ge­nau­ig­keit als Grund­la­ge kla­rer Defi­ni­tio­nen, Ver­hal­tens­re­geln und gedie­ge­ner Sit­ten ein­zu­for­dern. Der Autor betont, daß dem Wort »Häre­sie« kei­ne zeit­ge­nös­si­sche Bedeu­tung zukommt, da eine Mate­rie behan­delt wer­de, die kei­ner mehr ernst neh­me. Um so beach­tens­wer­ter ist sei­ne Begriffs­be­stim­mung. Er schreibt: »Häre­sie ist die Ver­zer­rung eines kom­plet­ten und selb­stän­di­gen Sys­tems durch die Ein­füh­rung einer neu­ar­ti­gen Leug­nung eines sei­ner wesent­lichs­ten Tei­le.« Wer Euro­pa in sei­ner Ent­ste­hung, sei­nen Ver­än­de­run­gen und Ver­zer­run­gen ver­ste­hen will, muß sich mit die­sen Gege­ben­hei­ten auseinandersetzen.

Aus der Geschich­te der Chris­ten­heit greift der Autor fünf Haupt­an­grif­fe her­aus, die – weil bahn­bre­chend zer­stö­re­risch – von über­zeit­li­cher Bedeu­tung sind.

Alle Irr­leh­ren der ers­ten drei christ­li­chen Jahr­hun­der­te wand­ten sich gegen die Natu­ren Chris­ti. Zen­tra­le Leh­re der Kir­che war und ist, Jesus Chris­tus sei voll­kom­me­ner Gott und voll­kom­me­ner Mensch. Der Aria­nis­mus (300 n. Chr.) leug­ne­te das Mys­te­ri­um der zwei Natu­ren. Bemer­kens­wert ist die his­to­ri­sche Situa­ti­on, näm­lich die Ent­wick­lung des Macht­ge­fü­ges in den ers­ten Jah­ren des offi­zi­ell christ­li­chen Rei­ches, in wel­chem sich der Aria­nis­mus mani­fes­tiert. So war die Armee gänz­lich aria­nisch. Ari­us selbst, eitel, elo­quent und ehr­gei­zig, wur­de auf dem Kon­zil von Nicäa (325 n. Chr.) ver­ur­teilt. Atha­na­si­us von Alex­an­dri­en steu­er­te einen Kom­pro­miß an, nahm mehr­ma­li­ge Ver­ban­nung durch das häre­tisch gesinn­te Kai­ser­haus auf sich und sieg­te mit dem Gedan­ken der Gott­heit Jesu Chris­ti und sei­ner Wesens­gleich­heit mit dem Vater (Homou­sie). Im West­reich starb der Aria­nis­mus aus. Im Osten über­flu­te­te ihn eine gewal­ti­ge Macht: der Islam.

Die Leh­re Moham­meds kenn­zeich­net Hil­ai­re Bel­loc als Häre­sie, nicht als neue Reli­gi­on. Er beschreibt sie als Per­ver­si­on des Chris­ten­tums, als des­sen Adap­ti­on und Miß­brauch. Moham­med war Hei­de, ver­ein­nahm­te jedoch Vor­stel­lun­gen aus der katho­li­schen Welt. Zen­tra­ler Punkt sei­ner Häre­sie ist die kom­plet­te Leug­nung der Inkar­na­ti­on und die Eli­mi­nie­rung der Drei­fal­tig­keit. In den Sakra­men­ten sah er ver­dor­be­ne Aus­wüch­se, die hin­weg­ge­fegt wer­den müs­sen. Ein­fach­heit war das Merk­mal sei­ner Leh­re. Der Islam erschien als Erleich­te­rung vie­ler Span­nun­gen in einer kom­pli­zier­ten und ermat­te­ten Gesell­schaft. Her­vor­ra­gend stellt Bel­loc die his­to­ri­sche Infil­tra­ti­on der Moham­me­da­ner dar. Er resü­miert, daß die­se ver­zeh­ren­de Häre­sie und ihre schwer zu ergrün­den­de Vita­li­tät die Chris­ten­heit bei­na­he zerstörte.

Im 13. Jahr­hun­dert mani­fes­tie­ren sich unter dem Nach­wir­ken gnos­tisch-manichäi­scher Anschau­un­gen spi­ri­tua­lis­ti­sche Sek­ten. Aus dem Dépar­te­ment Tarn im fran­zö­si­schen Zen­tral­mas­siv mit sei­ner Haupt­stadt Albi schwärm­ten häre­ti­sche Mis­sio­na­re aus. In Tou­lou­se errich­te­ten sie eine dua­lis­tisch gepräg­te albi­gen­si­sche Gegen­kir­che. Pries­ter­li­che Kon­se­kra­ti­ons­ge­walt und die Real­prä­senz wur­den geleug­net, Antisa­kra­men­ta­lis­mus ver­kün­det, Inkar­na­ti­on und christ­li­che Mys­te­ri­en ver­wor­fen, selt­sa­me Rei­ni­gungs­ri­tua­le und eso­te­ri­sche Arkan­dis­zi­pli­nen ein­ge­führt. Die Anpran­ge­rung des kle­ri­ka­len Wohl­stan­des hetz­te die Mas­sen auf. Schließ­lich griff Papst Inno­zenz III. (1198 – 1216) ein. Es kam zu rabia­ten Kämp­fen und Plün­de­run­gen. Der soge­nann­te Albi­gens­er­kreuz­zug lei­te­te den Unter­gang der Sek­te ein.

Bei der Beur­tei­lung der Refor­ma­ti­on geht es Hil­ai­re Bel­loc weni­ger um die Dar­stel­lung der satt­sam bekann­ten dog­ma­ti­schen Irr­tü­mer, son­dern mehr um die sitt­li­che Atmo­sphä­re des Pro­tes­tan­tis­mus und der in ihm ver­ei­nig­ten häre­ti­schen Strö­mun­gen, die alle im Wider­stand gegen eine ein­zi­ge geist­li­che Auto­ri­tät (Papst­tum) gip­fel­ten. Zwei­fel­los rich­te­te sich der refor­ma­to­ri­sche Eifer gegen den in Leh­re und Gewohn­hei­ten ver­stei­ner­ten Kle­rus, gegen Miß­bräu­che und Ver­welt­li­chung. Weit­ge­hend ver­nach­läs­sigt wird jedoch die Tat­sa­che, daß das Desas­ter der Spal­tung nicht 1517, son­dern erst zwi­schen 1690 bis 1700 zur kom­plet­ten Tren­nung führ­te. Letzt­lich zei­tig­te die­se Ent­wick­lung als bit­ters­te Frucht die Tei­lung der wei­ßen Zivi­li­sa­ti­on in eine katho­lisch gepräg­te Kul­tur und in eine anti­ka­tho­li­sche – die alte mora­li­sche Ein­heit war zerstört.

Die fünf­te Häre­sie nennt Bel­loc »modern«, wobei er ein Milieu kenn­zeich­net, in wel­chem der Anti­christ zuneh­mend die Kon­trol­le über die Wahr­neh­mung, die Gedan­ken und das emo­tio­na­le Leben des Men­schen über­nimmt. Die­ser Angriff ist mate­ria­lis­tisch und athe­is­tisch. Ver­ach­tung und Haß auf die Tugend sind sei­ne Haupt­merk­ma­le. Letzt­lich wur­zelt er in der Leug­nung der Zen­tral­au­to­ri­tät. Grau­sam­keit ist ein Teil sei­ner Phi­lo­so­phie, neu­es Hei­den­tum und Lohn­knecht­schaft. Bel­loc wen­det sich ener­gisch gegen das Geschwätz von »den Kir­chen«. Es gibt nur die Sanc­ta Eccle­sia Apostolica.

 

 

Hil­ai­re Bel­loc: Die Gro­ßen Häre­si­en. Der Kampf gegen Euro­pa, Bad Schmie­de­berg: Reno­va­men 2019. 209 S., 16 € – hier bestel­len

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