1. August 2019

Anne Applebaum: Roter Hunger. Stalins Krieg gegen die Ukraine

Erik Lehnert

Seit die Ukraine 1991 nach einer Volksabstimmung ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion erklärte,...

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

stellt sich für sie die Frage nach der nationalen Identität. Kompliziert wird die Beantwortung dadurch, daß es keinen historischen Staat gab, außer einige kurzlebige Gründungen am Ende des Ersten Weltkriegs, auf den man sich berufen könnte. Die Traditionen in der Ost- und Westukraine sind durch die Zugehörigkeit zu Österreich-Ungarn oder Rußland völlig unterschiedlich. Trotzdem war mit der Unabhängigkeit schnell klar, worauf man die Nation, neben dem Rückgriff auf die fernen Zeiten der Kiewer Rus des Frühmittelalters, stützen konnte: den Holodomor.

Dieser Neologismus steht für den von Bolschewisten planvoll herbeigeführten Hungertod von vier Millionen (andere Stellen sprechen von bis zu 14 Millionen) Ukrainern in den Jahren 1932 / 1933. In diesem Ereignis, von dem die damals polnischen Gebiete nicht betroffen waren, verdichtet sich das Schicksal der Ukraine im 20. Jahrhundert, weil sich neben der Leidensgeschichte auch eine Heldengeschichte des Überlebens erzählen läßt, die ihre Erfüllung in der Unabhängigkeit hat. Allerdings erkennen nur wenige Länder den Holodomor als Völkermord an. Daran haben auch die Spannungen in der Ostukraine, die Besetzung der Krim durch die Russen, die Maidan-Revolution nichts geändert. Andererseits verbindet Anne Applebaum, die als journalistische Historikerin schon einige Bücher über Osteuropa im 20. Jahrhundert vorgelegt hat, mit der Geschichte des Holodomor konkrete politische Forderungen im Hinblick auf die Einbindung der Ukraine in westliche Bündnisse.

Das Buch bringt keine neuen Fakten, sondern ist nach Robert Conquests Werk von 1986 das erste populäre Buch über den Holodomor, das in deutscher Übersetzung erscheint. Wissenschaftliche Bücher zum Thema sind nur in englischer Sprache verfügbar. Deshalb ist Applebaums Buch ein aufklärerischer Akt. Ohne den Streit über den kausalen Nexus aufnehmen zu müssen, wird man für den Holodomor doch festhalten müssen, daß dieser vor dem Zweiten Weltkrieg und vor Hitlers Machtergreifung stattfand. Auch wenn die Bolschewisten versuchten, den Völkermord vor der Welt geheim zu halten, waren die führenden Politiker Europas über das Sterben in der Ukraine im Bilde.

Applebaum beginnt ihr Buch im Jahr 1917, als nach Februarrevolution und den russischen Niederlagen die Zeit reif schien für einen eigenen ukrainischen Nationalstaat. Die Geschichte muß dort beginnen, weil nur so Stalins Paranoia verständlich wird, aufgrund derer er meinte, die Ukrainer aushungern zu müssen. Der Widerstand gegen die bolschewistische Machtergreifung war in der Ukraine am stärksten, immer wieder flammten Aufstände auf, die, bei aller Unterschiedlichkeit (von Sozialdemokraten wie Petljura bis zu Anarchisten wie Machno) national grundiert waren. Da Rußland auf die Ukraine als Kornkammer angewiesen war, versuchte man es eine zeitlang mit Zugeständnissen, indem man die ukrainische Volkskultur förderte. Die Lage spitzte sich zu, als die Sowjets anfingen, mit dem ukrainischen Getreide Devisen zu erwirtschaften, um damit den Aufbau der Industrie zu bezahlen. Das vertrug sich nur schlecht mit der gleichzeitigen Kollektivierung der Landwirtschaft und dem Kampf gegen die sogenannten Kulaken, die zu einem spürbaren Rückgang der Erträge führten und politische Proteste provozierten.

Es eskalierte, als im Frühjahr 1932 eine Dürre die Erträge zusätzlich schmälerte, die Sowjets aber auf der Höhe der Getreideablieferungen beharrten. Damit kam eine Spirale in Gang, die schließlich zum millionenfachen Tod führte. Die Sowjetführung vertuschte die Katastrophe und ließ keine internationale Hilfe zu. Den Bauern wurde jegliche Nahrung beschlagnahmt, so daß diese nicht nur verhungerten, sondern ihnen auch kein Saatgut und keine Arbeitskräfte für die nächste Aussaat zur Verfügung standen. »Als die Wochen vergingen, erregte es schon Verdacht, überhaupt am Leben zu sein. Wenn Familien lebten, besaßen sie Lebensmittel. Wenn sie aber Lebensmittel besaßen, hätten sie sie abgeben müssen – und wenn sie das nicht getan hatten, waren sie Kulaken, Petljuristen, polnische Agenten, Feinde.«

Einzelne Befehle von Stalin und die strikte Geheimhaltung, für die auch später durch die Vernichtung der Sterbebücher gesorgt wurde, sind starke Beweise dafür, daß dieser Tod willentlich herbeigeführt wurde und keine Verkettung unglücklicher Umstände war. Daß es die Welt damals kaum interessierte, was in der Ukraine vor sich ging, hatte politische Gründe: Die Welt buhlte um die Zuneigung der Sowjetunion, schon allein, um sie nicht im Lager der Gegner zu wissen. Daher ist die Wirkungsgeschichte des Holodomor aufschlußreich. Sie zeigt nicht nur die Ignoranz des Auslands, sondern auch die Mittel, mit denen die Bolschewisten die Informationshoheit behaupteten. Die heutige Aufmerksamkeit hat wiederum politische Gründe, die Applebaum nicht verhehlt.

Allerdings schießt sie über das Ziel hinaus, wenn sie das historische Geschehen ziemlich unverblümt im Sinne der Westbindung der Ukraine instrumentalisiert. Unausgesprochen wird damit eine Schuldideologie exekutiert, die den Unterschied zwischen den Tätern und dem Volk, dem sie größtenteils entstammten, verwischt. Eine Auffassung, die vielen bekannt vorkommen dürfte.

Anne Applebaum: Roter Hunger. Stalins Krieg gegen die Ukraine, München: Siedler 2019. 541 S., 36 € - hier bestellen


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.


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