Anne Applebaum: Roter Hunger. Stalins Krieg gegen die Ukraine

Seit die Ukraine 1991 nach einer Volksabstimmung ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion erklärte,...

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

stellt sich für sie die Fra­ge nach der natio­na­len Iden­ti­tät. Kom­pli­ziert wird die Beant­wor­tung dadurch, daß es kei­nen his­to­ri­schen Staat gab, außer eini­ge kurz­le­bi­ge Grün­dun­gen am Ende des Ers­ten Welt­kriegs, auf den man sich beru­fen könn­te. Die Tra­di­tio­nen in der Ost- und West­ukrai­ne sind durch die Zuge­hö­rig­keit zu Öster­reich-Ungarn oder Ruß­land völ­lig unter­schied­lich. Trotz­dem war mit der Unab­hän­gig­keit schnell klar, wor­auf man die Nati­on, neben dem Rück­griff auf die fer­nen Zei­ten der Kie­wer Rus des Früh­mit­tel­al­ters, stüt­zen konn­te: den Holodomor.

Die­ser Neo­lo­gis­mus steht für den von Bol­sche­wis­ten plan­voll her­bei­ge­führ­ten Hun­ger­tod von vier Mil­lio­nen (ande­re Stel­len spre­chen von bis zu 14 Mil­lio­nen) Ukrai­nern in den Jah­ren 1932 / 1933. In die­sem Ereig­nis, von dem die damals pol­ni­schen Gebie­te nicht betrof­fen waren, ver­dich­tet sich das Schick­sal der Ukrai­ne im 20. Jahr­hun­dert, weil sich neben der Lei­dens­ge­schich­te auch eine Hel­den­ge­schich­te des Über­le­bens erzäh­len läßt, die ihre Erfül­lung in der Unab­hän­gig­keit hat. Aller­dings erken­nen nur weni­ge Län­der den Holo­do­mor als Völ­ker­mord an. Dar­an haben auch die Span­nun­gen in der Ost­ukrai­ne, die Beset­zung der Krim durch die Rus­sen, die Mai­dan-Revo­lu­ti­on nichts geän­dert. Ande­rer­seits ver­bin­det Anne App­le­baum, die als jour­na­lis­ti­sche His­to­ri­ke­rin schon eini­ge Bücher über Ost­eu­ro­pa im 20. Jahr­hun­dert vor­ge­legt hat, mit der Geschich­te des Holo­do­mor kon­kre­te poli­ti­sche For­de­run­gen im Hin­blick auf die Ein­bin­dung der Ukrai­ne in west­li­che Bündnisse.

Das Buch bringt kei­ne neu­en Fak­ten, son­dern ist nach Robert Con­quests Werk von 1986 das ers­te popu­lä­re Buch über den Holo­do­mor, das in deut­scher Über­set­zung erscheint. Wis­sen­schaft­li­che Bücher zum The­ma sind nur in eng­li­scher Spra­che ver­füg­bar. Des­halb ist App­le­baums Buch ein auf­klä­re­ri­scher Akt. Ohne den Streit über den kau­sa­len Nexus auf­neh­men zu müs­sen, wird man für den Holo­do­mor doch fest­hal­ten müs­sen, daß die­ser vor dem Zwei­ten Welt­krieg und vor Hit­lers Macht­er­grei­fung statt­fand. Auch wenn die Bol­sche­wis­ten ver­such­ten, den Völ­ker­mord vor der Welt geheim zu hal­ten, waren die füh­ren­den Poli­ti­ker Euro­pas über das Ster­ben in der Ukrai­ne im Bilde.

App­le­baum beginnt ihr Buch im Jahr 1917, als nach Febru­ar­re­vo­lu­ti­on und den rus­si­schen Nie­der­la­gen die Zeit reif schien für einen eige­nen ukrai­ni­schen Natio­nal­staat. Die Geschich­te muß dort begin­nen, weil nur so Sta­lins Para­noia ver­ständ­lich wird, auf­grund derer er mein­te, die Ukrai­ner aus­hun­gern zu müs­sen. Der Wider­stand gegen die bol­sche­wis­ti­sche Macht­er­grei­fung war in der Ukrai­ne am stärks­ten, immer wie­der flamm­ten Auf­stän­de auf, die, bei aller Unter­schied­lich­keit (von Sozi­al­de­mo­kra­ten wie Pet­lju­ra bis zu Anar­chis­ten wie Mach­no) natio­nal grun­diert waren. Da Ruß­land auf die Ukrai­ne als Korn­kam­mer ange­wie­sen war, ver­such­te man es eine zeit­lang mit Zuge­ständ­nis­sen, indem man die ukrai­ni­sche Volks­kul­tur för­der­te. Die Lage spitz­te sich zu, als die Sowjets anfin­gen, mit dem ukrai­ni­schen Getrei­de Devi­sen zu erwirt­schaf­ten, um damit den Auf­bau der Indus­trie zu bezah­len. Das ver­trug sich nur schlecht mit der gleich­zei­ti­gen Kol­lek­ti­vie­rung der Land­wirt­schaft und dem Kampf gegen die soge­nann­ten Kula­ken, die zu einem spür­ba­ren Rück­gang der Erträ­ge führ­ten und poli­ti­sche Pro­tes­te provozierten.

Es eska­lier­te, als im Früh­jahr 1932 eine Dür­re die Erträ­ge zusätz­lich schmä­ler­te, die Sowjets aber auf der Höhe der Getrei­de­ab­lie­fe­run­gen beharr­ten. Damit kam eine Spi­ra­le in Gang, die schließ­lich zum mil­lio­nen­fa­chen Tod führ­te. Die Sowjet­füh­rung ver­tusch­te die Kata­stro­phe und ließ kei­ne inter­na­tio­na­le Hil­fe zu. Den Bau­ern wur­de jeg­li­che Nah­rung beschlag­nahmt, so daß die­se nicht nur ver­hun­ger­ten, son­dern ihnen auch kein Saat­gut und kei­ne Arbeits­kräf­te für die nächs­te Aus­saat zur Ver­fü­gung stan­den. »Als die Wochen ver­gin­gen, erreg­te es schon Ver­dacht, über­haupt am Leben zu sein. Wenn Fami­li­en leb­ten, besa­ßen sie Lebens­mit­tel. Wenn sie aber Lebens­mit­tel besa­ßen, hät­ten sie sie abge­ben müs­sen – und wenn sie das nicht getan hat­ten, waren sie Kula­ken, Pet­lju­ris­ten, pol­ni­sche Agen­ten, Feinde.«

Ein­zel­ne Befeh­le von Sta­lin und die strik­te Geheim­hal­tung, für die auch spä­ter durch die Ver­nich­tung der Ster­be­bü­cher gesorgt wur­de, sind star­ke Bewei­se dafür, daß die­ser Tod wil­lent­lich her­bei­ge­führt wur­de und kei­ne Ver­ket­tung unglück­li­cher Umstän­de war. Daß es die Welt damals kaum inter­es­sier­te, was in der Ukrai­ne vor sich ging, hat­te poli­ti­sche Grün­de: Die Welt buhl­te um die Zunei­gung der Sowjet­uni­on, schon allein, um sie nicht im Lager der Geg­ner zu wis­sen. Daher ist die Wir­kungs­ge­schich­te des Holo­do­mor auf­schluß­reich. Sie zeigt nicht nur die Igno­ranz des Aus­lands, son­dern auch die Mit­tel, mit denen die Bol­sche­wis­ten die Infor­ma­ti­ons­ho­heit behaup­te­ten. Die heu­ti­ge Auf­merk­sam­keit hat wie­der­um poli­ti­sche Grün­de, die App­le­baum nicht verhehlt.

Aller­dings schießt sie über das Ziel hin­aus, wenn sie das his­to­ri­sche Gesche­hen ziem­lich unver­blümt im Sin­ne der West­bin­dung der Ukrai­ne instru­men­ta­li­siert. Unaus­ge­spro­chen wird damit eine Schuld­ideo­lo­gie exe­ku­tiert, die den Unter­schied zwi­schen den Tätern und dem Volk, dem sie größ­ten­teils ent­stamm­ten, ver­wischt. Eine Auf­fas­sung, die vie­len bekannt vor­kom­men dürfte.

Anne App­le­baum: Roter Hun­ger. Sta­lins Krieg gegen die Ukrai­ne, Mün­chen: Sied­ler 2019. 541 S., 36 € – hier bestel­len

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Kommentare (4)

Brandolf

2. Oktober 2020 20:53

Das ist wahrscheinlich einer der schlechtesten Artikel, die auf dieser Website jemals publiziert worden sind.Die massenmedialen Narrative zum Regierungswechsel in der Ukraine und der territorialen Neuzuordnung der Krim sind nämlich falsch.

Der in der Ukraine 2013/2014 stattgefundene Machtwechsel war keine Revolution bzw. das Ergebnis eines Volksaufstandes, sondern nur ein von den USA durch ihren Auslandsgeheimdienst CIA (in enger Kooperation mit der Pseudo-NGO National Endowment for Democracy und zivilen Netzwerken der US-amerikanischen Oligarchen George Soros und Pierre Omidyar) initiierter und operativ angeleiteter bewaffneter und paramilitärisch organisierter Aufstand und anschließender Putsch der ukrainisch-nationalistischen und transatlantischen Opposition (Vaterland, Swoboda) gegen die damalige Regierung des demokratisch gewählten Präsidenten Janukowitsch.
 

Teil 1

 

Brandolf

2. Oktober 2020 20:53

Die Krim hat sich unter dem Eindruck des von der Mehrheit ihrer Bevölkerung abgelehnten Umsturzes im Zuge eines von eben dieser Bevölkerungsmehrheit getragenen Sezessionsaktes mit der militärischen Unterstützung Russlands verselbstständigt und ist anschließend kraft demokratischer Legitimation eines von der Majorität der Bürger in einem Plebiszit geäußerten authentischen Votum Russland beigetreten. Der gesamte Prozess der territorialen Neuzuordnung der Krim war ein völkerrechtlich zulässiger, weil mit dem Prinzip des Selbstbestimmungsrechts der Völker legitimierbarer, Wechsel der staatlichen Zugehörigkeit eines autonomen Staatsteils.

Der militärische Eingriff Russlands in die Gebietshoheit der Ukraine zur Ermöglichung einer schnellen und friedlichen Abtrennung der autonomen Republik Krim vom ukrainischen Mutterstaat durch die Verhinderung einer von diesem versuchten Unterbindung des Abspaltungsvorgangs hat letztlich den Ausbruch eines Bürgerkrieges wie im Donbass oder ein Massakers wie in Odessa - durch die bis zur Anwendung tödlicher Gewalt bereiten staatlichen und parastaatlichen Sicherheitsorgane - an der Zivilbevölkerung verhindert.

Die Echtheit der im Referendum zum Ausdruck gekommenen Willensäußerung wurde durch die Resultate von zwei Repräsentativbefragungen, die von zwei ausländischen Meinungsforschungsinstitutes nach dem Wechsel der staatlichen Zugehörigkeit der Krim unabhängig voneinander durchgeführt worden sind, bestätigt.
 

Teil 2

Brandolf

2. Oktober 2020 20:54

Die Lesart der in der Ukraine als Holodomor bezeichneten - und nicht ausschließlich auf die Ukraine beschränkten - sowjetischen Hungersnot von 1932/1933 als Völkermord ist umstritten und bei verständiger Würdigung  aller relevanten, historisch Tatsachen zweifelhaft.

Die Hungersnot war das Resultat der Wechselwirkung von ideologisch verbrämter Turboindustrialisierungs- und Zwangskollektivierungspolitik sowie widriger Umweltfaktoren in Kombination mit mangelndem ökonomischen Sachverstand und administrativem Missmanagements. Das stalinistischer Regime finanzierte die im Schnellverfahren durchgeführte Industrialisierung der UdSSR durch die Erlöse aus Lebensmittelexporten, um sich die für den Auf- und Ausbau verschiedener Industriezweige notwendigen Maschinen und technischen Vorrichtungen kaufen zu können. Die Beschaffung der für die Ausfuhr erforderlichen Lebensmittel erfolgte gewaltsam durch Konfiskation bei der bäuerlichen Bevölkerung. Die Agrarbetriebe litten jedoch in Folge der übereilten und unter Anwendung brutaler Gewalt erfolgten sowie ideologisch mit der Herstellung sozialistischer Produktionsverhältnisse und physischen Liquidierung der Landbourgeiosie begründeten Kollektivierung an einem strukturellen und durch zeitgleich wirkende Wetterphänomene (Dürren, Überschwemmungen usw.) verschärften Produktionsrückgang, der seinerseits durch die sowjetische Staatspropaganda auf das Wirken in- und ausländischer Diversanten und Saboteure erklärt wurde, was die Konfiskationspraxis radikalisierte.

Teil 3

Brandolf

2. Oktober 2020 20:55

Der Umstand, dass die Ukrainische SSR am stärksten von der Hungersnot betroffen war, liegt in den dortigen für landwirtschaftliche Tätigkeit optimalen geoökologischen Gegebenheiten (fruchtbaren Erdböden) begründet. Die Kasachische und - wenn auch in deutlich geringerem Maße - Kirgisische SSR hatten auch gewaltige Bevölkerungsverluste zu verzeichnen, wo sich mit der gewaltsamen Sesshaftmachung der bis dato nomadisch lebenden Bevölkerungen eine noch fundamentalere Umgestaltung der soziostrukturellen Verhältnisse ereignet hatte.

Die Zahl der ethnisch russischen Hungertoten in südlichen Regionen des europäischen Teils Russlands und im westlichen Sibirien ist auch hoch, wenngleich niedriger als die Zahl der Todesopfer ukrainischen und kasachischen Volkstums.

Eine Absicht und ein Motiv für die Ausrottung der Ukrainer auf Seiten des sowjetischen Diktators und der multiethnisch zusammengesetzten Staatspartei ist nicht nachweisbar und wegen der Ideologie des Vielvölkerstaates UdSSR wenig glaubhaft.
 

Teil 4