Andreas Arndt: Die Reformation der Revolution. Friedrich Schleiermacher in seiner Zeit

Wie alle großen Deutschen, deren Wirken in die Jahre vor 1945 fällt,...

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

muß­te sich auch der Theo­lo­ge Fried­rich Schlei­er­ma­cher (1768 – 1834) in den letz­ten Jah­ren manch ein­sei­ti­ge Deu­tung gefal­len las­sen, in denen sein Anti­ju­da­is­mus ange­pran­gert oder die reli­giö­se Bin­dung sei­nes Erzie­hungs­kon­zep­tes bekrit­telt wur­de. Sol­che Bespie­le rufen förm­lich nach einer »gro­ßen intel­lek­tu­el­len Bio­gra­phie«, die Schlei­er­ma­chers »Den­ken und Wir­ken umfas­send im geschicht­li­chen Kon­text« dar­stellt und damit den ein­sei­ti­gen Unter­su­chun­gen der Nach­ge­bo­re­nen ein Kor­rek­tiv an die Sei­te stellt. Andre­as Arndt hat das zumin­dest ver­sucht, auch wenn sein Buch den selbst­ge­stell­ten (oder vom Ver­lag gewähl­ten) Anspruch nicht ein­lö­sen kann.

Denn Arndt, der sich als Phi­lo­soph seit 1979 mit Schlei­er­ma­cher beschäf­tigt hat und dem­entspre­chend über eine pro­fun­de Kennt­nis der Wer­ke als auch der Sekun­där­li­te­ra­tur ver­fügt, wid­met sich vor allem zwei Aspek­ten des Lebens und Wir­kens von Schlei­er­ma­cher: sei­nem Rin­gen mit der Auf­klä­rungs­phi­lo­so­phie vor dem Hin­ter­grund der eige­nen geis­ti­gen Ent­wick­lung im Schoß der Herrn­hu­ter Brü­der­ge­mein­de und sei­ner Idee eines Gemein­we­sens vor dem Hin­ter­grund der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on und den Befrei­ungs­krie­gen (die Arndt kon­se­quent als »soge­nann­te« bezeich­net, war­um auch immer). Es fehlt zu viel, um wirk­lich von einer Bio­gra­phie spre­chen zu können.

Als das eigent­li­che Pro­blem von Schlei­er­ma­chers Bio­gra­phie bezeich­net Arndt die Fra­ge, was gesche­he, wenn der reli­giö­se Enthu­si­as­mus (von dem auch die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on erfüllt sei) auf eine skep­ti­sche Ver­nunft tref­fe? Das Ergeb­nis die­ser Über­le­gun­gen sind die bekann­ten Reden Über die Reli­gi­on, die eine Ver­nunft­re­li­gi­on pro­pa­gie­ren, der nicht ganz ohne Grund der Vor­wurf gemacht wur­de, daß damit Gott aus der Reli­gi­on ent­las­sen wer­de. In die­sem Kon­text sieht Schlei­er­ma­cher auch die Revo­lu­ti­on (»die erha­bens­te Tat des Uni­ver­sums«), die ohne Enthu­si­as­mus nicht begin­nen kann, mit ihm aber gleich­zei­tig zu ent­ar­ten droht, was Schlei­er­ma­cher durch die (skep­ti­sche) Ori­en­tie­rung auf das Gan­ze, das Uni­ver­sum, ver­hin­dert wis­sen will: die Refor­ma­ti­on der Revo­lu­ti­on. In Deutsch­land beschränk­te sich die Revo­lu­ti­on von Anfang an auf »eine Revo­lu­ti­on des Geis­tes durch eine geschlos­se­ne kul­tur­re­vo­lu­tio­nä­re Avantgarde«.

Die Poin­te besteht nun gera­de dar­in, daß es zumin­dest auch eine kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on war, die sich in Deutsch­land ereig­ne­te, nach­dem Napo­le­on Preu­ßen 1807 gede­mü­tigt hat­te. Schlei­er­ma­cher war hier in vor­ders­ter Stel­lung im Rah­men der Bil­dungs­re­form betei­ligt, was ihm Arndt zwar nicht aus­drück­lich übel­nimmt, aber den­noch nicht zu sehr gewür­digt wis­sen möch­te. Er will lie­ber zei­gen, daß Schlei­er­ma­cher trotz sei­ner natio­na­len Gesin­nung kein Natio­na­ler war, son­dern immer schon Universalist.

Die­ser Nach­weis gelingt Arndt nicht, auch wenn er behaup­tet, daß Schlei­er­ma­chers Werk die »Uni­ver­sa­li­sie­rung von Huma­ni­tät« wie ein roter Faden durch­zie­hen wür­de. Am Ende kon­sta­tiert Arndt ledig­lich eine Ambi­va­lenz in sei­nem Den­ken, was nicht beson­ders über­ra­schend ist, da das Pro­blem ja spä­tes­tens seit der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on lau­tet, wie man das uni­ver­sa­lis­ti­sche Chris­ten­tum mit einer natio­na­len Gesin­nung in Ver­bin­dung brin­gen kann. Arndt ver­rät schließ­lich im Epi­log, daß für ihn Ambi­va­lenz ledig­lich ein Schach­zug ist, um Schlei­er­ma­cher auf die Sei­te der Gut­men­schen zu zie­hen. Dort heißt es näm­lich, daß die Ambi­va­lenz nicht ste­hen­ge­las­sen wer­den kann, son­dern als »Unbe­stimmt­heit« auf­ge­ho­ben gehört, »indem die Ziel­vor­stel­lung einer uni­ver­sel­len Huma­ni­tät auf ver­nünf­ti­ge Wei­se mit den Bedin­gun­gen der Gegen­wart ver­mit­telt wird«.

Andre­as Arndt: Die Refor­ma­ti­on der Revo­lu­ti­on. Fried­rich Schlei­er­ma­cher in sei­ner Zeit, Ber­lin: Mat­thes & Seitz 2019. 334 S., 30 € – hier bestel­len

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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