22. August 2019

Vergleiche

Gastbeitrag / 25 Kommentare

von Heino Bosselmann -- Zuweilen erhellen Vergleiche Zusammenhänge, jedenfalls reizen sie gerade geschichtlich: Wohin treibt uns das Schicksal?

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

  • Sezession

Historische Vergleiche erscheinen aus der Grundannahme möglich, daß sich die wesentliche innere Verfaßtheit des Menschen nicht in dem Maße wandelt, wie sich die gesellschaftlichen und technischen Existenzbedingungen fortlaufend ändern, die er sich allerdings selbst einrichtet.

Unser gegenwärtiges Dasein ist bestimmt von einem Grundwiderspruch: Zum einen erhöht sich in exponentiellem Tempo die Frequenz der Reproduktionszyklen, wird der Takt der Veränderungen und Innovationen immer hektischer, drehen die Laufwerke sich schneller und schneller, Druck und Hektik wachsen, so daß der Mensch sich verzweifelt den Bedürfnissen der von ihm kreierten Maschinerie anpaßt, jedoch erschrocken bemerkt, daß nicht er sie, sondern sie ihn zum Vehikel hat; zum anderen aber lassen diese Beschleunigungen vermissen, wonach er eigentlich sucht – Frieden, Glückseligkeit, Muße und Sinngebung.

Wir können uns nun mal nie fest einrichten, sondern bleiben Getriebene, ewige Wanderer ohne Ziel, dabei aber Hoffnung, ja Erlösung ersehend. Darin besteht unser mythisch anmutendes Dilemma, aus dem heraus die Religion befragt wird. Der neuerdings beschworene Globalismus bleibt abstrakt, konkret erfahrbar ist jedoch der Verlust von Heimat, Bindung, Schutz und Vertrauen. Besinnung, Ruhe und Kontemplation fehlen, weil derlei Grundbedürfnisse der durchweg geforderten Effizienzsteigerung entgegenstehen, die zunehmend eine Selbstoptimierung verlangt, auf daß man darwinistisch passabel plaziert bleibe und in der Nahrungskette der Verwertereien nicht zu weit vorn schwimme.

Positiv konnotierte Begriffe, die als politische Werbeträger mittlerweile inflationär gebraucht werden, deuten nicht etwa darauf hin, daß das, was sie bezeichnen, sich real erfüllt findet, sondern daß es vielmehr vermißt wird: Authentizität, Empathie, Inklusion. Insofern ökonomisch fortschreitend eine harte soziale Exklusion erfolgt, als Preis des allseits geforderten leistungsbasierten Wachstums, so wird andererseits um so mehr Inklusion ersehnt – national, indem Limitierte mitgetragen, ja sogar bevorzugt werden, international, um Armutsmigranten zu ihrem vermeintlichen Recht kommen zu lassen. Wo beides mit rigoroser Unbedingtheit völlig unrealistisch gefordert wird, ohne daß die Probleme dabei gesehen werden wollen, beginnt der Bereich des Moralismus und der Propaganda.

Namentlich die Linke steht ganz unfreiwillig vor einem sie aufreibenden Problem: Der große Internationalismus des vermeintlich Menschlichen, den sie erträumt, wird ihr nur globalkapitalistisch geliefert, also eben nicht als das final herzustellende Paradies, sondern als nächster Akt der Vertreibung daraus; dennoch hält sie an ihrer globalistischen Idee verzweifelt fest, selbst verwundert über ihren mephistophelischen Partner, das vermeintlich böse Kapital. Kaschiert wird dieser linke Selbstwiderspruch durch laufende Updates der Illusionen idealistisch befrachteter Aufklärung und durch gedankliche Nachauflagen von Kants Traum „Zum Ewigen Frieden“.

Im Bereich der Bildung spiegelt sich der Widerspruch zwischen Erlebtem und Ersehntem, zwischen sachlicher Tatsachennähe und politischem Trance, sehr signifikant: Wo das Schulsystem nicht mehr qualifizieren will oder kann, wo es überdies auf echte Forderung und interessante Anregung längst verzichtet, dort quantifiziert es um so mehr.

Wenn die Schule derzeit, wie vielfach beklagt, überhaupt streßt, dann vor allem mit Quantifizierungen, also mit einem überbordenden Kalender, mit wechselnden politischen Kampagnen, mit Bürokratie, Verwaltungsaufwand und mit Verrechtlichungen. Letztlich streßt sie sich selbst, indem sie lauthals verspricht, was sie nicht halten kann und gar nicht versprechen sollte, etwa die sozialpädagogische Heilung gesellschaftlicher Ungerechtigkeiten, anstatt sich mit neuer Redlichkeit auf ihre Aufgabe zu besinnen, nämlich so zu bilden, daß die vermittelten Fähigkeiten anwendbar sind, und so zu erziehen, daß ihre Absolventen Anstrengungen in Selbstüberwindung eigenverantwortlich und „resilient“ bewältigen können. Bildung statt „Bildung“!

Bildung bedarf eines ideellen Zentrums, und genau dieses Zentrum liegt verwaist. Menschen bilden sich und werden aus Ideen heraus gebildet. Diese setzen eine im Vorfeld zu bestimmende Anthropologie voraus, mit deren Hilfe grundvereinbart werden sollte, woran uns gesellschaftlich liegt. Durchaus, man hört andauernd Bekenntnisse, nur sind diese entweder verphrast durchideologisiert oder eben abstrakt.

Zurück zum Beginn: Kann man die Gegenwartspolitik mit der Zeit vor hundert Jahren vergleichen? In Deutschland? Einiges drängt sich auf. Das Reich prosperierte wirtschaftlich, damals sogar noch befeuert von einer so ergiebigen wie erfolgreichen naturwissenschaftlichen und ingenieurtechnischen Grundlagenforschung. Dafür stehen Albert Einstein, Max Planck, Fritz Haber und viele, viele andere. Wenn Deutschland je Weltmacht und dabei nicht nur Exportweltmeister war, dann damals.

Wir erreichen in der heutigen „Bildungsrepublik“ nicht mal die damalige Alphabetisierungsrate. Selbst sozial herrschte kraft Bismarckscher Sozialgesetzgebung ein innerer Frieden, freilich auf anderem Anspruchsniveau und dank der landläufigen Befähigung zu Maß und Bescheidenheit.

Aber dennoch schien auch damals das Zentrum der Lebensinspiration zu veröden, weil wirtschaftliche Sachlichkeit und politische Parolen nicht ausreichen. Kraftvoll wirkte die Sozialdemokratie; sie erstrebte mit wachsendem Selbstvertrauen in die eigene Kraft einen Volksstaat der Gerechtigkeit und hatte ihn bereits dank allgemeinem, gleichem und geheimem Wahlrecht – jedenfalls reichsweit und nur für Männer – trügerisch nah vor Augen. Allgemein jedoch lag eine Schwüle in der Luft, die den Expressionisten ein Gewitter anzukündigen schien. Andere verloren die bisher vertraute Sprache. Man lese noch mal Hugo von Hofmannsthals Chandos-Brief:

Mein Fall ist, in Kürze, dieser: Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen.

Zuerst wurde es mir allmählich unmöglich, ein höheres oder allgemeineres Thema zu besprechen und dabei jene Worte in den Mund zu nehmen, deren sich doch alle Menschen ohne Bedenken geläufig zu bedienen pflegen. Ich empfand ein unerklärliches Unbehagen, die Worte »Geist«, »Seele« oder »Körper« nur auszusprechen.

Ich fand es innerlich unmöglich, über die Angelegenheiten des Hofes, die Vorkommnisse im Parlament oder was Sie sonst wollen, ein Urtheil herauszubringen. Und dies nicht etwa aus Rücksichten irgendwelcher Art, denn Sie kennen meinen bis zur Leichtfertigkeit gehenden Freimut: sondern die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muß, um irgendwelches Urtheil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze.“

Obwohl das Reich also nicht nur funktionierte, sondern gesund und leistungsfähig schien, vermißten die sensiblere Geister Inspiration und Sinn. Der Ausdruck dafür wurde nicht nur im expressionistischen Schrei gefunden, sondern ebenso im Bemühen um ein erstaunlich breites Spektrum an Weltanschauungs-, Religions- und Lebensreformen, wozu als besonders starker Part die Jugendbewegung gehörte, die sich ihren eigenen Stil ersann, den Jugendstil.

Geradezu unheimlich aber, daß diese Zeit andererseits eine Flammenschrift wahrzunehmen schien, die als Menetekel auf den Ersten Weltkrieg hindeutete, den man mindestens nicht in der Dimension erwartete, wie er sie schließlich grausig offenbarte, beinahe als Fleischwerdung expressionistischer Prophezeiungen, wenn man etwa an Georg Heyms Lyrik denkt. Aber selbst der Beginn dieses Krieges wurde vielfach als eine Befreiung aus einer geradezu physisch empfundenen Lethargie begrüßt.

Die gesellschaftliche Situation also scheint bedingt vergleichbar, insofern äußerer Erfolg und positive Leistungsbilanz mit innerer Erschöpfung einhergehen, nur fehlt (Noch?) der Ausdruck der Alternativen, die geistige Bewegung, das Erneuerungsbewußtsein. Denn „Fridays for Future“ wird nichts Stilbildendes zustande bringen, insofern die Kinder-Aktivisten ohne echtes Charisma eher dem schlechten Gewissen ihrer grün wählenden Mittelstandseltern folgen, dystopische Klimatod-Bilder entwerfen und vor allem von anderen mehr fordern als selbst gestalten. – Oder hat der Mangel an markanter Artikulation schon demographisch schlechthin mit dem Mangel an Jugend überhaupt zu tun?

Die Alterspyramide der Gesellschaft deutet auf eine Verwachsenheit hin, die auf andere Weise auch der gesellschaftliche Bodymaßindex offenbart. Vital und unverwechselbar ließ sich allein die „Identitäre Bewegung“ vernehmen. Und die wurde durchaus gehört, sogleich beargwöhnt und schließlich unter Verdacht und Kuratel gestellt. Die Exekutive reagierte mit einem Allergieschub, also mit einer Überreaktion ihres ansonsten schwachen Immunsystems. – Es wird andere Ausdrucksformen geben, durchaus wohl „expressionistisch“, also expressiv.


 Gastbeitrag

Gastbeitrag

  • Sezession

Kommentare (25)

Monika
22. August 2019 09:46

Heino Bosselmann, der Anselm Grün der Neuen Rechten.
Und das meine ich durchaus anerkennend !

Rob Salzig
22. August 2019 09:53

Heino Bosselmanns klugem Text muss leider in einem Punkte widersprochen werden. Er sagt, dass „Fridays for Future“ nichts Stilbildendes zustande bringen werde. In der Güte eines Hugo von Hofmannsthal oder Georg Heym sicherlich nicht. Damit hat er Recht.
Allerdings ist die Politisierung und Radikalisierung großer Teile der wohlstandssatten Jugend sowie der inbrünstige Glaube an irrationalen Prophezeiungen im pejorativen Sinne sehr wohl stilbildend. Dem Credo der Aufklärung, also dem Primat der Vernunft, wird damit ein Kehraus bereitet und zugleich werden die Fußtruppen der heraufziehenden Ökodiktatur rekrutiert und mobilisiert. Diese wenig Freude stiftende Feststellung beantwortet Bosselmanns Eingangsfrage „Wohin treibt uns das Schicksal?“.

Caroline Sommerfeld
22. August 2019 10:00

"Geradezu unheimlich aber, daß diese Zeit andererseits eine Flammenschrift wahrzunehmen schien, die als Menetekel auf den Ersten Weltkrieg hindeutete, den man mindestens nicht in der Dimension erwartete, wie er sie schließlich grausig offenbarte, (...)"

Ihre Ausführungen, lieber Herr Bosselmann, sind sehr interessant und aufschlußreich. Man kann aus historischen Konstellationen Parallelen ziehen. Rudolf Steiner hat das in seinen "Zeitgeschichtlichen Betrachtungen" (Bd II, 1916/17, GA 173b) einmal am Beispiel des Auftritts von Gabriele D'Annunzio 1915 und der "Pfingstrede" des Tribunen Cola di Rienzi 1374 durchexerziert: die Konstellation ist die gleiche, die beiden Männer machen sich das herrlich zunutze, Steiner spricht von einem "Einlaufen in die gleichen Schwingungen". Da muß man gar nicht an die Sternenkonstellation oder das Pfingstereignis als solches denken. Es gibt Konstellationen, die einander verflucht ähnlich sehen - und aus denen man auch verflucht Ähnliches machen kann, wenn man sie zu handhaben versteht.

Wir aber, so verstehe ich Sie, haben allenfalls dieselben Empfindungen wie 1919, dasselbe "expressionistische" Gefühl, dieselbe Ohnmachtserfahrung trotz oder wegen des doch so reibungslos funktionierenden Systems, dasselbe diffuse Aufbegehren. Von historischer Erkenntnis aber keine Spur.

Was mich also interessiert von Ihnen zu erfahren: können Sie da Ebenen unterscheiden, auf denen sich diese Parallelen vollziehen? Was wird einem bewußt, wenn man merkt: he, stop mal, das kennen wir doch? Kann man das überhaupt ins bewußte Erkennen rüberziehen, oder bleibt es beim "expressionistischen Gefühl", und einer vagen Ahnung, daß sich da Konstellationen ergeben? Sollen wir da etwas "handhaben", können die Identitären eingreifen in den Plan? Oder ist die Erkenntnis der Ohnmacht das, was wir durch diese Konstellationswiederholung jetzt existenziell erfahren dürfen?

Steiner hat ja im genannten Werk durchaus mehrere Ebenen am Wickel: das Empfinden der Zeitgenossen, das konkrete Geschehen des notwendig ablaufenden I. Weltkriegs, die Planungen der Diplomatie, das Auftreten bestimmter Figuren (Wilson zum Beispiel), den Sinn und Zweck des Ganzen in der Geschichte der europäischen Völker, das Zeitalter der Bewußtseinsseele und ihrer Widersacher usw. usf.

Niekisch
22. August 2019 12:06

"Wir können uns nun mal nie fest einrichten, sondern bleiben Getriebene, ewige Wanderer ohne Ziel"

Waren wir früher Wanderer mit eigenen Zielen, so wandern wir jetzt ziellos ahasverisch umher, immer auf der Suche nach dem "Warum" oder ins menschengemachte Schicksal ergeben. Parallelen oder Vergleiche in dieser Frage und diesem Zeitraum seit Adam Weishaupt führen nur weiter, wenn wir uns die Problematik als Perlenkette vorstellen, die nicht wir, sondern andere um den vorderasiatischen Hals tragen.

Dieter Rose
22. August 2019 12:55

"Ohnmachtserfahrung",
ja das Gefühl der Ohnmacht zu empfinden,
das trifft es auf den Punkt.
Geschehen lassen, und das Ergebnis hinnehmen.
Vielleicht noch d i e stärken - geistig -,
die dann aufräumen und aufbauen müssen.
Und glauben!

Andreas Walter
22. August 2019 14:03

Wohin das führt? Wenn man es zu Ende denkt?

Dass es Deutschland und die Deutschen nicht mehr geben wird.

Denn was kommt nach dem Agrarstaat (nach Morgenthau)? Feindliche Übernahme. Weil es auch ohne Export hier weiterhin Wasser, Wald, fruchtbares Land und sogar etwas Kohle gibt.

Die Polen stellen ja auch bereits Forderungen:

https://www.focus.de/politik/ausland/wir-haben-sechs-millionen-menschen-verloren-jetzt-fordert-auch-polens-regierungschef-weltkriegs-reparationen-von-deutschland_id_11053421.html

Besser als in der Wüste ist es hier aber auch für den Islam.

Oder ganz andere Leute ziehen hier dann wieder ein, allerdings solche mit Kernwaffen. Denn mit Kernwaffen ist der Standort ja gar nicht mal so schlecht, wenn man gleichzeitig auch eine ganz klare Einstellung gegenüber den Muslimen und Afrikanern hat. Eine reine Frage des Glaubens also.

Ja, letzteres erscheint mir am plausibelsten. Jemand mit Kernwaffen zieht hier dann ein. Wenn er nicht sogar jetzt schon hier ist:

https://youtu.be/nF1qHrmeHuI

Den kleinen Aufstand der Patrioten erledigen die Deutschen schon selbst, ist eh eine nützliche Spaltung und damit Schwächung, der Rest internationale Feinabstimmung. Ähnlich wie gekaufter Fussball oder gekaufte Boxkämpfe.

Kulturmarxismus funktioniert nämlich auch kapitalistisch, mit Brot und Spielen sogar viel besser als ohne. Mit Bananen statt Marx.

Für das was hier täglich erledigt werden muss braucht man daher keinen Albert Einstein, Max Planck oder Fritz Haber mehr, sehr wohl aber faule, korrupte und/oder verblendete, inkompetente oder naive Deutsche.

Eine für die Mehrheit unsichtbare aber erträgliche und darum verteidigungswürdige Diktatur. Mehr, besser geht glaube ich auch gar nicht, ist darum womöglich schon das real machbare Optimum. Zumindest materiell, und Glauben ist Privatsache. Das ist ja der Deal auch mit den Rechten. Privat könnt ihr denken und reden was ihr wollt, doch hängt euer Wissen nicht an die grosse Glocke. So läuft es auch in China, und in Russland kann auch nicht jeder sagen und machen wozu er Lust hat.

Ich lass' das mal so stehen, natürlich sehr nachdenklich und besorgt, unglücklich.

heinrichbrueck
22. August 2019 14:15

Wenn der Kritisierte die Kritik ernst nimmt, der Kritiker aber zerstören will, ist die Kritik, in welchem Gewande sie auch auftreten mag, tödliche Absicht. Unter Selbstoptimierungszwang zu geraten, sich vom Kritiker hineinziehen zu lassen, ist die Umsetzung eines Plans der Selbstzerstörung. Die Logik der Selbstvernichtung, die der Selbstoptimierer anwenden muß; auch wenn man ihm sagt, er müsse es tun, oder positiv formuliert, er sei deswegen Exportweltmeister. Der Selbstoptimierer hat weder einen Gott noch eine Geschichte. Dieses Schicksal ist der Tod. Deshalb muß die Kultur der falschen Kritiker vernichtet werden. Der Hase und der Igel: Der Hase rafft einfach nicht, daß der Igel richtig verheiratet ist. „Ick bün al dor!“ Er läuft und rennt, am Ende Niederlage und Tod. "De Swinegel aver nöhm sien gewunnene Lujedor un den Buddel Branwien, röp siene Fro uut der Föhr aff, un beide güngen vergnögt mit enanner nah Huus, un wenn se nicht storben sünd, lewt se noch."

Thomas Martini
22. August 2019 16:01

Sucht man nach der Herkunft des Sprichworts: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“, landet man vielleicht bei Pietro Longhi, einem Maler aus der Epoche des venezianischen Rokoko.

Von Longhi gibt es ein Gemälde, auf dem auf der rechten Seite ein ganz kleiner Mann auf einem Tisch steht. Wie auf einem Podest. Seinen rechten Arm hält der Winzling angewinkelt nach oben. Selbstsicher steht er da. Er trägt Blau auf, und weiße Strumpfhosen. Zwischen Daumen und Zeigefinger hält er eine Phiole. Ein Zaubermittel vielleicht? Seinen linken Arm vergräbt der Zwerg unauffällig in der Jackentasche. Man kann nur darüber rätseln, was er zu verbergen versucht. Freundlich distanziert, erhaben, einladend, die Gestik des Halblings - aber auch: überheblich, starr, um Aufmerksamkeit heischend.

Der kleine Mann rechts im Bild, der auf seinem Sockel so groß wirkt, fast doppelt so groß wie normal, sticht leidlich aus Longhis Gemälde heraus. Unter und neben ihm hat sich Weibsvolk versammelt. Mit allen Sinnen hängen die Weiber an den Lippen des kleinen Mannes, auf dem Tischlein zu ihrer Rechten, und ihre blindgläubigen Augen verzehren sich nach ihm. Blicke der Bewunderung. Ein kleiner Junge streckt vorne die Hand nach des Halblings Zaubertrank aus. Weiter rechts im Hintergrund: Auf einem anderen Tisch noch mehr Fläschchen. Für Nachschub ist also bereits gesorgt.

Dann der Köter, der sich unter dem vorderen Tisch zusammengerollt hat. Irgendwie unpassend liegt er da rum. Wem gehört er, oder ist er herrenlos? Des Kläffers Augen wirken wach und aufmerksam. Ansonsten: Traurigkeit, und völlige Ernüchterung. Warum wurde der Hund von Longhi an der Stelle platziert? Klar ist, ihm wird eine ganz bestimmte Rolle in dem Gemälde zugewiesen, die sehr weit über das Dekorative hinausgeht.

Kommt ihm eine Schutzfunktion zu? Da ist schließlich die Dame in der Mitte des Gemäldes, weißes Kleid und schwarzer Umhang. Sie schaut aus dem Bild heraus, verklärt, und dem kleinen Mann rechts oben hinter ihr, hat sie den Rücken zugedreht. Hat sie sich von ihm abgewendet? Ist sie bedient? Leicht links versetzt hinter ihr sehen wir eine weitere Person. Einen maskierten Mann, ausgewachsen und bedrohlich wirkend. Bemerkt das verklärte Weib den Häscher hinter sich? Der Zwielichtige hat schon Hand an ihrem Rock angelegt, der Zugriff steht bevor.

Dagegen kann der Köter nichts ausrichten. Er könnte natürlich knurren, aufspringen und losbellen, Alarm machen, sogar versuchen, den kleinen Pimpf von seinem Sockel zu reißen, oder seinem Komplizen an den Kragen zu gehen.

Doch damit würde er sich nur unbeliebt machen, vor allem bei den Weibern. Man würde ihn ruhig stellen, oder auf ihn eintreten. Und der Scharlatan könnte sein Werk hernach ungerührt fortsetzen.

Es käme also darauf an, daß die Weiber und der kleine Junge von selbst einsehen, daß sie da rechts einen Quacksalber vor sich haben, dessen Bestimmung ins Hier und Heute übersetzt, nur darin zu bestehen scheint, „in Europas Seicht- und Sumpfland, den teutschen Gauen“, „Phrasendampf und Opium für die gebildeten Stände“ anzumischen, und „dort, wo sehr genaue Interessen vorliegen, metaphysischen Qualm“ zu liefern. (Zitate verfasst von Tempranillo, in "Forderung zum Duell der Argumente", und "Es war als hätt' der Rotschild den Oswald still geküsst.")

limes
22. August 2019 20:13

»Die Linke steht ganz unfreiwillig vor einem sie aufreibenden Problem: Der große Internationalismus des vermeintlich Menschlichen, den sie erträumt, wird ihr nur globalkapitalistisch geliefert«? Die Linke »… selbst verwundert über ihren mephistophelischen Partner, das vermeintlich böse Kapital …« So Autor Heino Bosselmann.

Die Linke und das Kapital sehe ich in unserer Zeit als recht komplexe Symbiose:

Da gibt es eine links-grüne Führungselite, die kalt kalkulierend jeden Pakt eingeht, um den gesellschaftlichen Umsturz zu erreichen.

Da gibt es globale Strippenzieher, die über enormes Kapital verfügen und dieses in Macht umzumünzen wissen. Für diese politisch und metapolitisch wirkenden „Global Player“ sind Nationalstaaten als Garanten von Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat Hindernisse auf dem Weg zum globalen Durchregieren. Totalitäre Bestrebungen tarnen sie mit linken und ökologischen Themen. Und vermutlich gefallen sie sich auch selbst in der Rolle von Robin Hood, während sie tatsächlich - im Gegensatz zum sagenhaften Gesetzlosen von Sherwood Forest - Werte und Chancen in einem globalen Monopoly von unten nach oben umverteilen.

Da gibt es intelligente und beruflich sehr erfolgreiche junge Leute, die smarten „Anywheres“, die in der Pose von Kommunisten ihr Dasein als Konsumenten erster Klasse moralisch aufpimpen.

Da gibt es die Masse derjenigen, deren Interessen eigentlich rechts gut aufgehoben wären: die eigentlich für Privateigentum sind, für das Eigene auch im weiteren Sinne, für hierarchische Strukturen. Denen aber letztere Neigung im Weg steht, weil sie nicht mit genügend Intelligenz, Mut und Bildung ausgestattet sind, und denen es vor allem an Selbst- und Verantwortungsbewusstsein als notwendigem Gegengewicht zur Autoritätshörigkeit fehlt: „Somewheres“, die der Herdentrieb in den Abgrund führt, weil sie in ihrem Streben nach Vertrautheit und Sicherheit nicht zu erkennen vermögen, dass auf diejenigen kein Verlass mehr ist, denen man Jahrzehnte vertrauen konnte. Linke wider Willen sozusagen.

Und da gibt es diejenigen, die idealistisch sind, aber mit der Realität komplett überfordert; die man am Schlafittchen packen und wachrütteln möchte, damit sie erkennen, dass ihre »„Bunt“-Ideologie … in sich zusammenbrechen und in einer blutroten Apokalypse enden« wird, wie Michael Stürzenberger aktuell auf PI-News anmerkt.

Franz Bettinger
22. August 2019 21:45

@Andreas Walter: Ein kluger Kommentar! Ich fürchte, Sie haben recht.

Simplicius Teutsch
22. August 2019 22:11

@ Bosselmann: „Kann man die Gegenwartspolitik mit der Zeit vor hundert Jahren vergleichen? In Deutschland?“

Nein, überhaupt nicht.

Deutschland um 1900; - das war ein im Wachstum befindlicher, furchtloser, ungehobelter, auch unsympathisch auftrumpfender Riese auf starken Beinen mit kräftigen Armen, der sich einen der ersten Plätze an der Sonne erkämpfen wollte, - und den man schließlich gemeinsam in zwei Weltkriegen furchtbar zusammengeschlagen und ihm alle Knochen gebrochen und das Hirn gequetscht hat.

Und heutzutage? - Ein traumatisierter Krüppel und schleimgeifernder Moralspucker mit zwanghaftem Drang zur fortgesetzten Selbstverstümmelung.

Gustav Grambauer
23. August 2019 11:47

Caroline Sommerfeld

Der erste Schritt hierzu wäre, das "Wir" aus den Überlegungen wie im ersten Teil herauszunehmen, weit über diesen Absatz hinaus:

"Wir können uns nun mal nie fest einrichten, sondern bleiben Getriebene, ewige Wanderer ohne Ziel, dabei aber Hoffnung, ja Erlösung ersehend. Darin besteht unser mythisch anmutendes Dilemma, aus dem heraus die Religion befragt wird. ..."

Dieses Wir ist eigentlich LQI / Jargon der Weltoffenheit / Sprache der BRD, wo es - anders als hier - einschmeichelnd / anschleimend und zugleich paternalisierend verwendet wird. (Warum Herr Bosselmann diese Wir-Form verwendet, weiß ich nicht; mit dem, was ich über seine Lebensanschaung und, wenn auch in geringem Umfang, über seinen Lebensstil weiß, wirkt es auf mich befremdlich.) Eine noch größere Kuriosität ist die Steigerung der Empathie bis zum Hineinziehen des fremden Ich ins eigene Ich hinein, wodurch hart an der Grenze zur Schizophrenie eine rhetorische Figur grassiert, wie sie nur Psychotherapeuten im Setting der BRD zustande bringen konnten und die man als "Das Gouvernanten-Ich" bezeichnen könnte:

Klient: "Ich habe gestern vor Wut meiner Frau eine gehauen".

Therapeut: "Na, wenn ich (!) hier in der Therapie nie richtig
an meinen Aggressionen gearbeitet habe, dann war doch zu erwarten,
daß ich (!) früher oder später meiner Frau eine hauen würde."

Man könnte sich, das diffuse "Wir" und "Den Menschen" als Gattungsbegriff einmal beiseits schiebend, beim ersten Teil von Herrn Bosselmanns Zeilen durchgängig, eigentlich nahezu bei jedem einzelnen Satz, fragen:

Wo trifft dies konkret zu?
In welchem Bezugsrahmen trifft es zu?
Von wem geht es aus und wen betrifft es konkret?
Betrifft es eigentlich ihn als Autor selbst und wenn ja, dann inwiefern?
Muß ich mich hier als Leser angesprochen, teilweise angeklagt sehen? Oder soll ich hier pauschal in Sippenhaft für Mißstände genommen werden, für die ich nicht veranrwortlich bin, so wie er sich qua "Wir" und "Der Mensch" in Sippenhaft dafür nimmt?

Meine Geschichtslehrerin, diejenige mit dem Kalfaktor-Schlüsselbund vom "Leninplatz", war eine üble rote Hexe, aber eine Lektion habe ich bei ihr dankbar gelernt, auch wenn diese bei ihr viel zu stark im damaligen "Wer-Wen?"-Schema angelegt war. Sie hat jede Arbeit mit der damal schlechtesten Note Fünf bewertet, in der nicht klar, wie sie immer sagte, Roß und Reiter benannt wurden, Subjekt und Objekt. Wischiwaschi, wie sie auch immer sagte, wurde nicht geduldet.

---

Steiner wird drei Jahre später

https://www.dreigliederung.de/essays/1919-02-02-rudolf-steiner-an-das-deutsche-volk-und-an-die-kulturwelt

sehr "unterkomplex" und benennt allein das deutsche Volk - wir wissen aus dem Volksselenzyklus: für ihn Subjekt sui generis - sowie die "Verwalter des Reichsbaus" als Hauptverantwortliche für die Misere, erst recht, wenn Ersteres auch nach der Katastrophe Selbstbesinnung und Hinwendung zu neuen Denkformen, die er in der Prädisposition der Goethezeit sieht, verweigern würde. Sehe darin eine Haltung bzw. die Erziehung zur Haltung. Vor der Katastrophe kann und sollte man den Blick weiten und alle möglichen Ebenen wie in einem Kräfteparalellogramm in seine Lageanalyse einbeziehen. Ex post, wenn auch die rückblickende Lageanalyse eine ganz andere Qualität haben sollte, geziemt sich dies nicht mehr, rückblickend hat man die Urheberschaft an einer einen selbst betreffenden Katastrophe nicht mehr an andere zu adressieren, selbst wenn sie objektiv gegeben war.

Werde sehen, ob ich noch dazu komme, vor der Sperrstunde etwas zu 173b zu schreiben.

- G. G.

Thomas Martini
23. August 2019 15:25

„Deutschland um 1900; - das war ein im Wachstum befindlicher, furchtloser, ungehobelter, auch unsympathisch auftrumpfender Riese auf starken Beinen mit kräftigen Armen, der sich einen der ersten Plätze an der Sonne erkämpfen wollte, - und den man schließlich gemeinsam in zwei Weltkriegen furchtbar zusammengeschlagen und ihm alle Knochen gebrochen und das Hirn gequetscht hat.“ - Simplicius Teutsch

Wer kam dabei nicht unter die Räder? Brillant: Die These aufstellen, man könne das heutige Deutschland „überhaupt nicht“ mit dem von 1900 vergleichen. Direkt danach unpassende Vergleiche ziehen.

(....) Kositza: Pardon, Sie müssen sich bitte etwas mäßigen.

Thomas Martini
24. August 2019 01:45

"Pardon, Sie müssen sich bitte etwas mäßigen." - Ellen Kositza

Aber ja, Frau Kositza. Wie recht Sie doch haben. Wie immer, Gnädigste. Ich bin's, der sich mäßigen muß. Da bedanke ich mich artigst, daß Sie 90% meiner letzten Wortmeldung in den Papierkorb verfrachtet haben. Sehr großzügig von Ihnen! Meine Bemühung, die Geschichte der Deutschen positiver zu schreiben, als über 80 Millionen andere "Bürger" in diesem Land, die darf und wird, ich verspreche es Ihnen, Verehrteste, nicht Überhand nehmen. Für meine "allzu schrille Rhetorik" in den letzten Beiträgen, kann ich ja nur um Nachsicht bitten. So dumm von mir. Was, wenn's der Herr Maaßen, von der CDU (mit Merkelianer) oder einer seiner "Follower" mitbekam? Keine gute Idee von mir, so auf die Pauke zu hauen, durchaus nicht. Es ist schon so, wie Sie sagen, und ich muß jetzt schnell wieder zurück ins Glied. Aye, aye Captain! Ob ich mich mäßigen werde? Ja, ja, ja! Ganz sicher, Frau Kositza. Versprochen!

Die ganzen Quacksalberschriftsteller hingegen, die nichts unversucht lassen, den umerziehungsgeschädigten Deutschen mit ihren homöopathischen Placeboschriftsätzen auch noch den letzten Rest an klarem Geist zu vernebeln, die müssen das nicht. Das bin schließlich ich, der auf einem völlig falschen Dampfer unterwegs ist, der "Klugscheißer" und "Besserwisser", der Dinge sieht und wahrnimmt, deren allgegenwärtige Existenz dem Bildungsliteraten ungeeignet erscheint, um auch nur ein einziges Mal überprüft zu werden.

Der krampfhaft und - ach, was soll ich das ausschreiben, besser die Gedanken hüten - also der krampfhaft um Tiefgründigkeit bemühte Till-Lucas Wessels zum Beispiel, der hat bei sezession.de jetzt einige Jahre Zeit gehabt, "on any given Sunday" sozusagen, einen Sonntagshelden zu küren, der sich leidenschaftlich für die Entlastung der deutschen Geschichte einsetzt. Hat er nicht auf die Kette bekommen. Kein einziges Mal! Darf er nicht, oder will er nicht? Und was weiß ich? Aber es könnte doch sein, daß es später mal Deutsche gibt, die sich Fragen stellen. Meine Tochter könnte mich das zukünftig fragen: "Du Papa, warum hat man eigentlich auch bei Sezession im Netz, genau wie bei Pipi-Nachrichten und der Journalistenschau, so energisch versucht, die offensichtliche Besatzung Deutschlands möglichst unthematisiert zu lassen?"

Was soll ich ihr dann antworten? "Tja, weißt Du Kleines, die dachten in Schnellroda, das Thema sei nicht so wichtig, und hielten es für angebrachter über den "Hegemon: grüner Weltverbraucher" und "Abendländische Fitneß" [sic!] zu philosophieren."

Oder ist dem Bildungsliteraten das Thema zu heiß, wie von Roger Beckamp im Heft "Sachsen" in eindringlichen Worten beschworen? Traut er sich nicht ran, aus berechtigter Furcht vor dem existenziellen Ruin?

Alles gut, Freunde! Lasst uns die Friedenspfeife auspacken. Easy going. Dann hört aber doch bitte endlich damit auf, diejenigen als Kleingeistige zu beschimpfen, die sich nicht vor dem intellektuellen Abenteuer unserer Zeit ins Höschen machen.

Deal, oder nicht? Ich denke es wäre gerecht so.

zeitschnur
24. August 2019 10:52

"Der große Internationalismus des vermeintlich Menschlichen, den sie erträumt, wird ihr nur globalkapitalistisch geliefert, also eben nicht als das final herzustellende Paradies, sondern als nächster Akt der Vertreibung daraus; dennoch hält sie an ihrer globalistischen Idee verzweifelt fest, selbst verwundert über ihren mephistophelischen Partner, das vermeintlich böse Kapital."

Ich habe den Verdacht, dass diese marxistische Grundannahme, das "kapitalistische" Desaster würde eines Tages umkippen müssen in den "ewigen Frieden", in dem geradezu himmlische Zustände für immer verwirklicht werden, keine philosophisch-messianische Idee war, sondern ein Handlungskonzept für die, die als "Kapitalisten" die Geschicke an sich gerissen haben:

Die globalistischen Zustände, in die wir gesteuert wurden, wären ohne die massive Nachhilfe der Finanzkapitalisten niemals so gekommen. Bloßer freier Welthandel von echten Produkten oder reinen Dienstleistungen durch die, die sie erschaffen, würde nicht zu dem Szenario führen, das wir haben. Verdächtig ist bei Marx, dass er es ist, der ausdrücklich ein Zentralbanksystem gefordert hat: in den "Maßregeln" (also den despotischen Eingriffen in die Eigentumsrechte) formulieren er und Engels (im KM) unter Nr 5: "Zentralisation des Kredits in den Händen des Staats durch eine Nationalbank mit Staatskapital und ausschließlichem Monopol.“
Und genau das erfüllt sich - aber nicht durch die "Proletarier", sondern durch die "Kapitalisten". Sehen Sie das denn nicht, Herr Bosselmann?

Was soll man daraus folgern?
Vielleicht das: Marx hat in Wahrheit eine Verfahrensmethode für das Erreichen der Weltherrschaft einer bestimmten Interessengruppe, die damals schon extrem reich und einflussreich war, entwickelt, die die Masse der Bevölkerungen einlullt und deren Zustimmung manipulativ erreicht durch eine messianische, aber gottlose Idee. Durch die Gottlosigkeit erreicht man die Entwurzelung der Seelen und des Geistes. 100 - 200 Jahre eingeübt, sich - selbst von den besten Köpfen wie Bonhoeffer etwa - die Welt "etsi Deus non daretur" zu denken, wird kein Volk der Erde mehr in der Lage sein, dem Zugriff zu widerstehen. Man muss sich klarmachen, dass es niemals in der Weltgeschichte Kultur ohne Religion gab! Die islamische Restauration ist Schein, denn sie ist nicht spirituell, sondern hat systematisch alles, was an dieser Religion je spirituell war, vernichtet und durch eine grausame, materialistische Lehre ersetzt, in der Gott zwar als Begriff und Alibi vorkommt, der aber so weit entfernt wurde, dass er keine Beziehung zum Gläubigen mehr hat. In Ländern, in denen einst die islamische Mystik blühte, ist davon heute nichts mehr übrig - etwa in Pakistan. Das "Christentum" hat sich selbst erledigt, das Judentum durchläuft ähnliche Prozesse wie das Christentum und der Islam. Außer dem Hinduismus ist in Asien ebenfalls Spiritualität entweder Aberglaube, durch westliche Ideologien wie den Kommunismus oder amerikanischen Druck (zB in Japan) unterdrückt und vernichtet oder fast ganz erloschen.
Die Menschheit wurde so reif gemacht für den letzten Akt: das Umkippen fällt ganz gewiss nicht einem "Proletariat" in die Hände...

Ihr Satz ist also zutreffend, bis auf die Verkennung des "bösen Kapitals", Herr Bosselmann: dieses "Kapital", also dieses zentralisierte Finanzkapital, das freie Märkte hasst, inzwischen rein virtuell ist, Fiatmoney, stranguliert und verhindert und uns alle sichtlich ins Abwärts drängt, ist wirklich böse. Es ist der Abgrund der Bosheit. Und ich bin eine Vertreterin echter freier Märkte — echter!; ohne Zentralbanken, ohne staatliche Schikanen, aber auch mit klaren Grenzen, die da definiert werden, wo man anderen empirisch gut erkennbar schadet. Allerdings müsste da jeder und jede die Verantwortung übernehmen, zu der er und sie fähig sind! Tatsächlich ist das alte hebräische System vor dem Königtum mit regelmäßigen Entschuldungen aus mS sehr menschlich gewesen. So kam niemand dauerhaft unter die Räder, und niemand konnte dauerhaft Monopole oder Kartelle bilden.
In dieser einen, kleinen, aber bedeutsamen Hinsicht ist wohlmeinenden Linken doch rechtzugeben: dieses heutige zentralisierte Finanzkapital ist wirklich böse!
Dass gerade diese "guten" (ich halte sie wirklich für gut, aber blind) Linken nicht erkennen, dass dieses böse Kapital die "final revolution" herbeiführen wird, wie Huxley es doch ganz zynisch und offen schon 1962 in einem Vortrag sagte, liegt daran, dass ihr marxistischer Glaube ihr Opium geworden ist, - sie sind noch mehr verschaukelt worden als jeder Katholik -, und sie es nicht erkennen. Für sie gibt es keinen Gott, der sie liebt, unverbrüchlich, und den sie lieben, was immer kommt. Sie sind so unendlich einsam und können sich in dem einmal für wahr Gehaltenen nicht mehr entwickeln, weil das vitale Prinzip, das alleine von Gott kommt, ablehnen. "The final revolution" meint bei Huxley: "men will love their servitude". Und die “Gesellschaft” wird “a big concentration camp”. Und die gefütterten und freisexenden Sklaven „will love it“. Und danach kommt nichts mehr. Das ist der Endzustand. Das römische Recht wird wieder gelten, und der pater familias wird wieder das ius vitae necisque haben — allerdings herrscht dann ein pater mit seinem grausamen Staat über alle „Minderwertigen“, denn so nannte Coudenhove-Kalergi sie.
Dass viele Rechte diesen österreichischen Oberzyniker so lieben, der uns das heutige EU-Europa eingebrockt hat, ist ein Phänomen, das in mir nur Kopfschütteln auslöst: Denn hier trifft sich linker mit rechtem Zynismus, und ich stelle Ihnen die Frage, ob Sie sich wirklich in diesen künstlichen Schützengräben einfangen lassen wollen. Das alles ist wie ein großes Strategiespiel, und wir dürfen frei und demokratisch wählen, in welchem Schützengraben wir mitkämpfen dürfen zur Erreichung unserer eigenen "servitude", wenn es bei "servitude" überhaupt bleibt...

zeitschnur
24. August 2019 11:06

@ Caroline Sommerfeld

Ich finde hinsichtlich Ihrer Fragen ein Phänomen unserer Tage so interessant wie irritierend: dass die Ereignisse vor, während und unmittelbar nach dem 1. WK so intensiv einem "revisionistischen" Prozess unterzogen werden.
Der gesamte Komplex über die Rolle des Deutschen Reiches wird neu durchdacht, anhand von viel mehr Quellen neu rekonstruiert, die geostrategischen Aktionen der Engländer und Amerikaner werden überhaupt erstmals in ihrer ganzen Schändlichkeit offen und ungeschminkt thematisiert, und das "Gefühl", von dem Sie und Herr Bosselmann sprechen, erhält dadurch doch - zumindest für die meisten - einen fast völlig neuen Kontext. Es scheint doch fast, als erwachten die Deutschen allmählich aus ihrer fremd- und selbstverschuldeten Umnachtung und verordneten Nabelschau.

Nordlicht
24. August 2019 11:08

Als Dauer-Leser von Geschichtswerken bin ich die Frage der Vergleichbarkeit historischer Situationen gewohnt; das ist bei vielen Werken der Einstieg. Gleich im Vorwort wird so begründet, warum sich der Autor mit dieser Phase beschäftigt und weshalb sie heute aktuell sei.

Natürlich kann man auch 1900 mit 2019 vergleichen - warum nicht. Die von Hofmannsthal beschriebene Orientierungs- und Ruhelosigkeit sowie sein Ekel an der Sprache berührt sicherlich viele heutige, an der Merkel-Ära gesitig leidenden Bürger. Ansonsten: Wir sind heute im freien Fall, der wilhelminische Staat aber strotzte damals vor Kraft.

Der Roman-Brief des Dichters von 1902 scheint mir mehr eine spezifisch österreichische Stimmung wiederzugeben, Fin de Siècle, Wiener Moderne und die mittlerweile modrig gewordene Habsburger Monarchie. Letztere fand keine Antwort auf die nationalen Unabhängigkeitsbewegungen im Vielvölkerstaat. Dauerkaiser Franz Joseph I. war die Verkörperung der Stagnation.

Das Deutsche Reich dagegen: Völlig andere Stimmung.

Thomas Martini
24. August 2019 15:37

Für die Bosselmann-Liebhaber und Beckamp-Versteher:

Wo der Mensch sich in die Hosen macht, fängt es bald darauf an zu stinken. Elterngrundwissen. Denken Sie bitte mal in Ruhe, und mit Muße, darüber nach.

Simplicius Teutsch
24. August 2019 20:23

@Thomas Martini, … warum regen Sie sich so auf?

Wieso gehen Sie wie ein verrückt-schnaubender Stier gegen Bosselmann los? - Beruhigen Sie sich.
Sie nerven mit der Zeit. Denken Sie mal in Ruhe darüber nach.

Franz Bettinger
24. August 2019 20:45

@Martini:
Ist Ihnen - gerade Ihnen, die Sie so viel geschnallt haben - eigentlich noch nie der Gedanke gekommen, dass wir zu Vielem das Maul halten MÜSSEN. Dass wir ansonsten extreme Probleme mit den wahren Herrschern - ja, Ihren Amis und deren deutschen Lakaien - bekommen könnten?! Dass wir Kommentartoren und Autoren und K+K inklusive all unsere Familienanhänge eben nicht frei sind, alles zu schreiben, was wir für wichtig halten; dass wir oft um den Brei herum reden und insinuieren und andeuten müssen, aus schierem Selbsterhaltungstrieb?! Was bringt es Ihnen (oder uns), immer Ross und Reiter zu nennen? Wir wissen längst, wer die Einzelfälle und die "Gruppen von Männern" sind, die messern und rauben ud vergewaltigen, und was wir von Flüchtlingen" und Seenotrettern zu halten haben. Man braucht den Namen des dunklen Voltemort nicht ans Firmament zu brüllen oder zu schreiben. Jedes Kind weiß, was für ein Spiel hier gespielt wird. Na, jedenfalls, die, die hier mitlesen. (Nur die zählen.) Aus Ihnen, werter Martini, spricht Wut und Verzweifelung. Das versteht hier jeder, denn wir fühlen genauso. Aber reagieren Sie sich nicht an uns ab. Wir sind die falsche Adresse.

Laurenz
25. August 2019 00:58

Wieder hervorragend geschrieben, allerdings, werter Herr Bosselmann, ist zwar Ihre Intention des Vergleichs zwar klar ersichtlich, aber bezüglich des II. Reichs schon arg überzogen stilisiert. Und Sie unterschlagen uns auch, bezüglich der Linken, deren politisches Endsieg-Szenario, die Vermobbung, die Proletarisierung des Planeten und seiner Menschen zum 2-beinigen Tier. Wie bei jeder Religion werden die inneren Widersprüche ignoriert, die Lebenslüge ist aufrecht zu erhalten, bis zur bitteren Neige. Bildung muß natürlich entkernt werden, sonst ist der zukünftige zu erwartende Widerstand absehbar zu groß, solange systemfremde funktionierende Staaten existent sind.

Das II. Reich war nie Weltmacht, nur Großmacht, neben Frankreich, Japan, Rußland und den USA. Britannien war damals die einzige, aber geschwächte Weltmacht. Die althergebrachte feudale Oberschicht in Deutschland, Britannien und Rußland lebte völlig abgehoben in einer völlig ignoranten Allmachts-Blase, ähnlich den heutigen Polit-Statisten in Berlin. Der britische Finanz-Adel opferte das Britische Weltreich und suchte sich schon vor dem 1. Weltkrieg eine neue Weltmacht, die USA. Rußland, Deutschland und Japan unterschätz(t)en bis heute die bedingungslose Brutalität der Weltmacht, womöglich ein volks-charakterliches Problem. Rußland hat seine diesbezügliche mangelnde Erkenntnis erst in 2015 verändert.

Die Sehnsucht nach einem Reich ging sicher durch alle gesellschaftlichen Klassen in Deutschland. Aber die deutsche Romantik war wohl eher der Oberschicht vorbehalten. Auch beim sinnlosen Bau eine Schlachtflotte, war die gesellschaftliche Separation auf den Schiffen von Offizieren (Oberschicht) und Mannschaften nicht mehr zeitgemäß. Man hätte die deutsche Ingenieurskunst wohl auch anders fördern können, als mit dem Bau von unproduktiven Schlachtschiffen mit zuwenig Reichweite. Der unglücklichste deutsche Charakterzug ist  Sehnsucht nach Exotik und ist sicher als völkisches Gemeingut zu erachten. Niemand befriedigte diese Sehnsucht besser als einer der erfolgreichsten deutschen Autoren aller Zeiten, Karl May (*1842, +1912). Karl Mays Lebensgeschichte zeigt ausführlich seine Unterschichts-Herkunft von Webern im Erzgebirge und seinen Aufstieg in die arme Bildungsschicht, aber ohne mit Arbeit einen sozialen Aufstieg bewerkstelligen zu können. Erst später, nach Seinen Erfolgen, wurde Er akzeptiertes Mitglied der oberen Bildungsschicht und lebte auch so. Und in Seinen Büchern mutet uns die Sehnsucht, die Welt der edlen Wilden mit dem Christentum und deutschen Tugenden zu retten, quasi mit dem heutigen Diktum der Grünen an. Bismarck war leider wohl der einzig geo-strategische Kopf in Deutschland und schätzte unsere "Freunde" recht gut an der Wahrheit liegend ein. Bismarck war gegen teure und nutzlose Balkankriege und gegen die teuren Kolonien. Dieser koloniale Luxus wäre wohl besser in die Sozialpolitik investiert worden. Die völlige Borniertheit des Kaisers und Seiner Adlati sind ungeheuerlich. Leider war niemand in der Lage, diesen Mann frühzeitig politisch zu beseitigen, hier kommt die unglückliche deutsche Nibelungentreue zum Exzeß. Auch unterscheidet sich das II. Reich, entgegen Herrn Bosselmanns Aussage doch weniger von uns, als man denken mag. Wir sind die naiven Nachkommen unserer naiven Vorfahren, schwer zu verleugnen. Das II. Reich war nach den USA das 2t-wichtigste Einwanderungsland auf dem Planeten. Natürlich lassen die heutigen Studien die Probleme aus, die sich daraus bis zum Niedergang des 2. Reichs ergaben. Aber das ist nur ein weiterer Nachweis, wie sehr der deutsche und der europäische Adel an Degeneration litt und wohl bis heute leidet.

@Niekisch .... schön beschrieben.

@Thomas Martini ... Bismarck war tot und es gab keinen neuen, welch ein nationales Unglück bis heute. Man könnte fast heulen, wenn es was brächte.

Ich habe Frau Kositza nicht so verstanden, daß Sie nicht schreiben sollen, was Sie denken, solange Sie eine erträgliche Formulierung finden. Mir fällt das ebenso schwer, was aber nicht heißt, daß man es nicht probieren sollte. 

@zeitschnur ..... Marx, als Paulus der Neuzeit, ist nicht nur verdächtig. Er ließ die Banken ungeschoren, auch der Übergang vom Geldwechsler auf einer Bierbank zu Bankpalästen des späten 19. Jahrhunderts blieben völlig frei von marxistischen Disputen, obwohl in Zentral-Europa der größte Wirtschaftskrieg aller Zeiten stattfand und für die Gründung der "mighty" Sparkassen und Raiffeisenbanken führte. Marx und alle seine Nachfolger bis zu den heutigen Grünen gehen gegen das produzierende Gewerbe vor. Und das produzierende Gewerbe verließ sich damals wie heute zu sehr auf die herrschende Klasse. Zentralbanken gibt es seit 1694 durch die private Bank von England geboren, allerdings sind die Gründer bis heute klassifiziert, auch wenn Marx sie wohl kannte. Und es ist naiv zu glauben, irgendwer würde auf diese Macht verzichten.

Was das globale Weltgeschehen angeht, wovon durch die Fokussierung auf Deutschland schon immer abgelenkt wurde, so ist es sehr wohl bekannt, aber nur das Netz war in der Lage, Information breiter zu streuen.

@Nordlicht ... dem ist nicht so, wie Sie schreiben. Die soziale Problematik wurde unterdrückt. Und man arbeitete mit Zuwanderung um den Hunger nach billigen Arbeitskräften zu befriedigen. Im Westen also nichts Neues. (Einer meiner Urgroßväter war Chemiefacharbeiter, verließ nach schweren Werks-Unfällen mit vielen Toten seinen Beruf, und führte danach einen armseligen Hof nach Steiner.) Heute sind unsere Gegner nur geschickter. Damals wurden wir mit einem dämlichen Krieg vernichtet, weil wir selbst zu naiv waren, um für Krieg unter unseren Gegner zu sorgen, was nicht wirklich schwer gewesen wäre. Das schlägt dem Faß den Boden aus. Heute saugt man, anstatt eines wenig profitablen Krieges gegen uns, lieber wie ein Vampir an uns.

Thomas Martini
25. August 2019 01:05

Was für ein Haß in Deutschland auf „Nazis“. Eine Obsession wie bei „Army of Lovers“. Mit „Nazis“ reden? Verboten! „Push your Style with Braun“, aber nur beim Rasieren bitteschön. Im Werbespot mit Boateng, wird Braun nicht mit Exkrementen gleichgesetzt. Beim Neger ist die braune Haut so schön. Beim Herr Bohlen auch. Merkwürdig, nicht? Manche denken bei „Nazi“ an Frau Kositza oder Herr Kubitschek. Jeder Bildungsverweigerer kann ungeschoren seine Aversionen gegen „Nazis“ ausleben. Schauspieler Schweiger ebenso selbstverständlich wie Ministerpräsidentin Dreyer. Und die Linksgrünversifften erst? Mein lieber Herr Gesangsverein. FCK NZS. In dem Milieu pulsiert der Haß auf „Nazis“ heiß wie Frittenfett.

„Sehr geehrter Herr, ich stimme Ihnen ja grundsätzlich zu, aber können Sie Ihren obsessiven Hass auf 'Nazis' vielleicht unterdrücken oder für sich behalten?“

Aus der Kategorie „Nie gehörte Fragen“. Kein Zitat, @Laurenz.

„Mindestens 35.000 Menschen für eine Zukunft ohne Nazis - #Dresden du bist wunderbar! Wir lassen uns nicht klein kriegen, wir sind #unteilbar“

Gezwitscher von Ricarda Lang. Das war ein Zitat @Laurenz. Gut genug
markiert?

Jetzt wieder das Niegehörte:

„Mindestens 35.000 Menschen für eine Zukunft ohne Amis - #Dresden usw. usf. #unteilbar“

Patriotische Europäer gegen die Amerikanisierung des Abendlandes? „Lieber nicht, Herr Martini. Das wäre antiamerikanisch und“, jetzt so wie @RMH, „außerdem sollten wir die Schuld nicht nur bei den 'Anderen' suchen“. Gegen die Mohammedaner kein Problem. Da geht’s, und ist's statthaft. Den Vorwurf der „Islamfeindlichkeit“, nehmen Rechtsintellektuelle dann schulterzuckend zur Kenntnis.

Oh weh aber, es geht gegen die Besatzungsmächte. Da sind die Glacéhandschuhe Pflicht wie beim Wiener Opernball.

Laurenz
25. August 2019 21:16

@Thomas Martini .... es ist menschlich, in der Debatte Recht haben zu wollen und Recht zu bekommen. In der Politik, explizit im Wahlkampf, ist dem nicht unbedingt so.
Um sich auf FJS zu beziehen, solange rechts von uns nichts nennenswertes zu finden ist, finden wir zusätzliche Wähler nur in Richtung Mitte, was uns dann zu einer Volkspartei machen würde.
Denn solange wir keine Macht-Option ausüben, brauchen wir uns nur wenig über Ami oder Nicht-Ami tatsächlich Gedanken zu machen.

links ist wo der daumen rechts ist
26. August 2019 21:45

Der Gegner heißt Liberalismus oder: Zur Ehe von Linksliberalismus und Neoliberalismus

Deutschland vor hundert Jahren? Einstein, Planck, Haber?
Hofmannsthal?
Jugendstil und Expressionismus?

Gut, gehen wir in die Zeit zurück.

Ich predige wieder einmal wie der arme Hl. Antonius vor den Fischen und ermuntere zu intensiverer Auseinandersetzung mit den „Ideen von 1914“; als bester Einstieg dazu Sieferles Buch „Die Konservative Revolution. Fünf biographische Skizzen“; v.a. ad Paul Lensch/Johann Plenge, Werner Sombart und Oswald Spengler; Jünger bleibt in seiner Entwicklung vom Frontkämpfer zum planetarischen Waldgänger ein Solitär, Hans Freyer kann man, wie Günter Maschke richtig erkannte, nicht ganz unwitzig als rechten Herbert Marcuse sehen.

Zu dem o.a. Stilmischmasch empfehle ich als Verdünnungsmittel das Studium der sogenannten „Neuen Sachlichkeit“; hier hatten sich bekanntlich die Söhne (Bronnens „Vatermord“) gegen die als peinlich empfundenen Väter eines expressionistischen Unmittelbarkeitsanspruchs („O-Mensch-Pathos“) mit den Großvätern einer satisfaktionsfähigen wilhelminischen Gesellschaft verschworen (ohne es explizit zu machen).
Anfang der 60er Jahre gab es dazu ein Pendant, als die jungen deutschen Filmemacher verkündeten: „Papas Kino ist tot!“ - und sich mit den Großvätern aus der Stummfilmära verbündeten.

In der Zwischenkriegszeit waren die Annäherungen zwischen links und rechts Legion („Unheimliche Nachbarschaften“).

Nach der Verschärfung der Frontenbildungen (immer noch erhellend die Todesstoß-Aktion von Becher/Kisch gegen Benn) zwischen den Lagern und dem Abgleiten in die – alternativlosen - Totalitarismen gab es erst wieder im Verschwörerkreis des 20. Juli angesichts des aussichtlos gewordenen Krieges den Versuch eines lagerübergreifenden Zusammendenkens. Als letzter Akt.

Gegen wen haben sich nun diese jeweils legitimen Lagerbildungen eines „deutschen Sonderweges“ auch gerichtet?
Richtig, gegen den Liberalismus.

Wie ging es nach dem Krieg weiter?

Die Situation nach 1945 hat Schrenck-Notzing in seinem Büchlein „Charakterwäsche“ bisher unübertroffen beschrieben.

Ausgehend von Roosevelts New-Deal-Liberalismus gab es immer wieder Phasen einer konservativen Gegenkraft (und damit einer Ausweitung des Sagbaren, Stichwort Antikommunismus), ehe in Deutschland Ende der 50er/Anfang der 60er mit dem Beginn der „Vergangenheitsbewältigung“ die Weichen Richtung liberaler Volksfront gestellt wurden:
1959 Synagogenschmierereien in Köln, 1960 der Fall Oberländer, 1961 der Eichmann-Prozeß, 1962 die „Spiegel“-Affäre (Fritz Bauer sehe ich etwas anders).

Schrenck-Notzing:
„Die Ära der ,Moralpolitik und politischen Moral' (Die Zeit) begann in Deutschland zu dämmern. Moralpolitik hätte innerhalb gewisser Grenzen für Deutschland förderlich sein können, da Moral eine Waffe der Schwachen ist. Eine Moral, wie sie sich im Heimatrecht, im Selbstbestimmungsrecht, im Recht der kleinen Staaten gegenüber den Weltmächten niederschlug, hätte innerhalb der deutschen Politik eine positive Rolle spielen und diese in eine Weltströmung hineinstellen können, die den deutschen Interessen nicht widersprach. Die Moral, die die Moralpolitiker jedoch meinten, war die des Franklin D. Roosevelt in neuem Gewande. (…)
Die Moral der Vergangenheitsbewältigung führte unter Anerkennung der Ordnung von Jalta zum Versuch, den Nachweis zu erbringen, daß sich die Bundesregierung in permanenter Selbstreinigung und Wandlung in dieses System einzufügen habe.“

Schrenck-Notzing prognostiziert nun eine weitere konservative Gegenwirkung des US-Liberalismus um 1970 herum.

Hier ergänze ich aus linker Perspektive:
Das eigentlich neoliberale Zeitalter begann Anfang der 70er (mit den Probeläufen Allende-Putsch und ökonomische Krise in NYC, sozusagen die nächste konservative Verschärfung gegen liberale Entspannung und zugleich die Vereinnahmung der künstlerischen Elite NYs), um nach dem Höhepunkt von Reaganomics und Thatcherism nach 1989 schließlich als Globalismus in seine Endphase zu treten; IFW, Weltbank und WTO walten ihres Amtes (Probelauf Mexikos Schuldenkrise Anfang der 80er).
Die europäische Sozialdemokratie ging in die Knie.
Und damit konnten sich der wirtschaftspolitische Neoliberalismus und der gesellschaftspolitische Linksliberalismus im Globalismus vereinen.

Eine Entwicklung (i.e. Linksvereinnahmung), die in Deutschland 1957 mit dem Verbot der KPD begann.
Schrenck-Notzing scharfsinnig:
„In der Bundesrepublik ist die Bildung einer stillen Volksfront durch das Verbot der KPD nicht erschwert, sondern erleichtert worden. (…)
Seit diesem Zeitpunkt sind die Liberalen nicht mehr genötigt, bestimmte Argumente zu unterlassen und sich von bestimmten Aktionen zu distanzieren, weil diese Argumente und Aktionen in kommunistischer Erbpacht sind.
Der Liberalismus ist seither nach links unbegrenzt manövrierfähig geworden.“
Der letzte Satz ist für mich der Schlüsselsatz schlechthin.
Links(liberal) meinen, rechts-(i.e. neoliberal) handeln.

In den USA begann eben diese Entwicklung natürlich wesentlich früher, wie er – auch in anderen Aufsätzen - ausführlich beschreibt.

Und ebenfalls vor mehr als 50 Jahren wußte er in seiner Einleitung zu schreiben:

„Der Liberalismus hat eine Diktatur über den Stil und den Charakter errichtet. Als Arbitri elegantiarum politicarum stellen die liberalen Meiner die Spielregeln für alle auf, wachen über ihre Einhaltung und bestrafen die falschen Zungenschläge. Ihre Idiosynkrasien erheben sie zu Konventionen, ihre privaten Unzulänglichkeiten zu öffentlichen Tugenden.“

Mein Fazit:
Weder hilft ein Kniefall der Rechten vor dem Neoliberalismus („Heulen mit den Wölfen“), noch halte ich dieses ewige Linken-Bashing für sinnvoll (alte Rechnungen?), sondern nur LINKE UND RECHTE KONSERVATIVE können gegen diesen Endzeit-Liberalismus bestehen.

zeitschnur
27. August 2019 11:04

@ links ist wo der daumen rechts ist

Ihre Ausführungen erinnern an die Aussage Ricarda Huchs von 1931:

"Ich kann, wenn ich ehrlich sein will, nichts durchweg erfreuliches sagen, da die Situation zu kompliziert ist. Ich bin nicht marxistisch, ich bin nicht kapitalistisch, ich bin nicht nationalsozialistisch, aber ich bin auch nicht schlichtweg demokratisch im heutigen Sinn."

Ricarda Huch schrieb dies an den Verleger Erich Lichtenstein, der einen Sammelband mit dem Titel "Bürgerliches Manifest" plante, das sich betont "demokratisch" geben sollte. Huch lehnte in ihrer Antwort an L. einen eigenen Beitrag in dem Band ab. Dabei war sie zwei Jahre später sofort eine der mutigsten Autorinnen gegen den NS... Nicht weil sie in jedem einzelnen Punkt dessen Politcollage abgelehnt hätte (wie man dies von den linken Widerstandshelden kennt), sondern aus wesentlich differenzierten, dafür aber umso triftigeren Gründen.

Gerade an der außerhalb der gewöhnlichen Schusslinien stehenden, aber doch im weiteren Sinn der "KR" zuzurechnenden Huch, wird deutlich, wie schwierig die Sachlage tatsächlich war und ist: Es geht nicht um die grobschlächtigen Schützengräben, die man uns damals wie heute bietet! Als Historikerin erfasste sie die mannigfaltigen Bruchlinien zum "Eigenen", wissend, dass sie nicht mehr rettbar sind, obwohl sie es gewollt hätte und auch versucht hat. Ihr Werk ist letzte Liebeserklärung an Deutschland ebenso wie es dessen alte, innere Brüche sensibel und farbig darstellt, dies aber so vielfältig, dass sehr viele ihr intellektuell schlicht nicht folgen konnten und können. In vielem spiegelt sich der verzweifelte Kampf um Erklärungen, ums bloße Verstehen des historischen Zusammenhangs, der Wandlungen dieses Verstehens und Einfühlens und der Erkenntnis, dass es das "reichische" Reich als Ideal hier nicht nur unvollkommen, sondern gar nicht geben kann. Sie wurde jedoch von Golo Mann verstanden und hochgeschätzt.
Die Parole der KR, man halte nicht an etwas Altem fest, sondern wolle etwas Neues schaffen, das sich lohnt, erhalten zu werden, zeigt die innere Absurdität der KR auf, an der auch Huch litt. Diese "Revolution" war genauso wenig konservativ konzipiert wie die linke Revolution und auch sie war - wie Sie es von der Linken beschreiben - in Teilen kompatibel mit dem Leviathan-Kapitalismus. Nicht umsonst formulierte Oliver Janich gerade in seiner Heftkritik des letzten Compact-Magazins von gestern, dass es aus sS auch bei der Rechten "gefährliche" Tendenzen gebe. Er nennt in dieser Hinsicht ausdrücklich Benoît.
Übrigens kann man sich in diesem Zusammenhang auch fragen, warum die Alliierten den Deutschen Widerstand, der durchweg in seiner ganzen Vielfalt den Reihen der KR entsprang (fast GAR NICHT der Linken!) nicht unterstützt, sondern an die Nazis verraten haben...

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.