Sezession
1. April 2006

Sire – Die Rückkehr des Jean Raspail

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 13 / April 2006

sez_nr_13von Karlheinz Weißmann

Konservative Utopien sind rar. Der Konservative hat einen, wenn man so will: natürlichen, Vorbehalt gegen das Ausmalen der Zukunft, gegen ihren Entwurf als berechenbare Konsequenz der Gegenwart. Vielleicht weicht diese Aversion aber auf, vielleicht bewirkt die lange Zeit der Machtlosigkeit, daß der Konservative angesichts schwindender Handlungsmöglichkeiten in der Gegenwart weniger Hemmungen verspürt, ein besseres oder jedenfalls ein ganz anderes Morgen zu entwerfen.

Der französische Autor Jean Raspail hat schon vor Jahren mit einer konservativen Utopie Furore gemacht, einer schwarzen Utopie allerdings. Als er 1973 seinen Roman Das Heerlager der Heiligen – Le Camp des Saints veröffentlichte, war der Fünfzigjährige schon ein anerkannter Autor, Träger des Literaturpreises der Académie Française und Verfasser zahlreicher Reiseberichte, Romane und Erzählungen. Außerdem hatte er sich als Expeditionsleiter in entlegene Regionen einen Namen gemacht. Der Arktis, vor allem aber den fremden Kulturen Amerikas und der Karibik galt immer seine Liebe. Von seinen Schilderungen dieser bedrohten Welten ist nur eine ins Deutsche übersetzt worden, unter dem Titel Sie waren die Ersten. Tragödie und Ende der Feuerlandindianer (München: Langen-Müller 1988, 320 S., geb, 18.90 €).

Mittlerweile glaubt Raspail, daß auch die europäische zu den bedrohten Welten gehört. Denn im Heerlager der Heiligen geht es um die Invasion asiatischer Massen in Europa, die den alten Kontinent überfluten, dessen Völker ausgedünnt und demoralisiert, von ihren Führern im Stich gelassen werden. Die Intelligenz hat alle Tradition zersetzt und die Auffassung etabliert, daß Selbstbehauptung unmoralisch ist, die Geistlichen glauben längst nicht mehr an die Wahrheit der alten Lehre und predigen Indifferenz oder eine als Nächstenliebe getarnte Sentimentalität, die Wirtschaft ist allein auf Gewinnmaximierung aus und schert sich nicht um das Gemeinwohl, die Politiker sind korrupt und den Soldaten hat man alle Möglichkeiten genommen, auf ihren Dienst stolz zu sein und ihr Leben für die Nation zu wagen. Längst sind die Vorhuten der Invasoren im Land, haben Verbündete gesucht und gefunden und den Tag vorbereitet, an dem Europa untergehen soll. Dazu kommt es, weil die Auswirkungen der großen Wanderung nur allmählich absehbar werden. Es handelt sich eben nicht um bewaffnete Invasoren, sondern um die Verdammten dieser Erde, deren schiere Zahl und deren Elend überwältigend wirkt, weil es Gefühle des Mitleids weckt, die den Widerstand erschweren. Schließlich kommen alle Abwehrversuche zu spät, Südfrankreich wird geräumt und man kann sich unschwer ausmalen, was in der Folgezeit geschieht.

Angesichts der Ereignisse in den vergangenen Monaten hat sich mancher dieses Buches erinnert, sogar die FAZ wies darauf hin und die lange vergriffene deutsche Ausgabe liegt mittlerweile wieder vor (Tübingen: Hohenrain 2005, 272 S., kt, 17.80 €). Raspail selbst sah sich durch die Aufstände in den banlieues zu einer Stellungnahme veranlaßt. In einem langen Leserbrief an den Figaro äußerte er seine Verwunderung darüber, daß noch jemand verwundert ist: über die Eskalation des Prozesses, das Phlegma der Europäer und die Unfähigkeit ihrer Eliten. Hoffnung auf einen Wandel zum Besseren habe er nicht, und er wolle auch nicht mehr zur Feder greifen, um literarisch eine Alternative zu gestalten. Immerhin deutet er an, wie so etwas aussehen könnte. Es müsse, so Raspail, in Zukunft ein junger Autor den Mut finden, die ungeschehene Geschichte jener reconquista zu schreiben, zu der die resteuropäische Bevölkerung irgendwann in den kommenden Jahrhunderten antreten werde.


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