4. September 2019

Sprachfindung

Gastbeitrag / 47 Kommentare

von Heino Bosselmann --- Politik ist gesellschaftlicher Abgleich über Anthropologie, also ist sie Kommunikation.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

  • Sezession

Beherrscht die Rechte ihre Sprache, wird sie allein aus diesem Vermögen Erfolg haben und politisch eine Verantwortung gewinnen, die sie dann hoffentlich zu tragen weiß.

Die angeblich „Anständigen“, die vermeintlich „#Unteilbaren“, die selbsterklärte Mitte also ist in ihrer Verlautbarungsrhetorik über öffentliche Medien zwar durchweg gegenwärtig, weil von Staats wegen getragen und alimentiert, allerdings im Substantiellen ihrer Sendung politisch erschöpft. Die Semantik ihrer Leitbegriffe stimmt nicht mehr oder erweist sich als leer.

Das große Denotat, die Gesellschaft, hat sich entscheidend gewandelt; eine griffige Rede darüber ist mit einst klaren, mittlerweile aber verbrauchten Begriffen nicht mehr möglich. Es muß eine Anpassung erfolgen. Adäquaten Text vermag vorzugsweise die Rechte zu formulieren, weil allein schon ihre Perspektive systemtheoretisch komfortabel ist, muß sie doch, lautstark von den „Anständigen“ ausgeschlossen, von außen auf das System blicken.

Was inside-the-box durchverordnet schlüssig erscheint, offenbart outside-the-box deutlich die internen Lebenslügen. Umgekehrt besteht das Dilemma der Linken darin, daß sie sich im System wiederfindet, inside the box, obwohl sie vor Jahren nicht dazugehören wollte oder konnte. Die Teilnahme an der Volksfront gegen rechts ist für ihr Selbstverständnis zwar unabdingbar, verschliß aber linke Leitbegriffe oder wertete sie um. Dies geschieht durchaus schleichend und dabei halb- oder unbewußt.

Zeichen – außer apriorische, also etwa mathematische – sind im Gespräch immer unklar; und nach Wittgenstein besteht Philosophie u. a. darin, das Denken aus der Verhexung zu befreien, in die es die Sprache immer wieder führt. Diesem Anspruch sollten man ebenso politisch folgen. Eine Klärung des politischen Denkens und Sprechens ist derzeit nun mal viel eher von rechts möglich als von links, schon gar nicht aber aus der auf sich selbst fixierten Mitte und ihrem blinden Fleck heraus. Ideal wäre freilich der Diskurs. Obwohl die Linksmitte beständig Habermas aufruft, fehlt ihr der Mumm, diesen Diskurs mit der Rechten zu führen. Was bleibt? Geschrei, bestenfalls polemisches Bekenntnis.

Die Exekutive und ihre Anhängerschaft formulieren zwar zunehmend Losungen und Spots und versuchen sich solcherart an Spracherfrischung, ebenso wie dieses „bunte“ Bündnis gern ausnehmend jung und lebensprall erotisch erscheinen möchte. Man suggeriert sich dort Selbstvertrauen, wo es zu schwinden beginnt: „Wir sind mehr!“ Dieses Pfeifen im Walde wird verstärkt durch Events, etwa kraft der mittlerweile staatstragenden Punk-Combo „Feine Sahne Fischfilet“ oder dem dauerpräsenten Herbert Grönemeyer, der – Warum eigentlich? – als ein Muster an „Courage“ gilt.

Die eigentliche Mehrheit, meist ja stets schweigend, wird, gerade im Osten, skeptischer, wenn sie erlebt, daß hinter dieser vorgeblichen Spontanität quasistaatliche Orga-Teams stehen, was solchen Inszenierungen eine Anmutung von Pfingstfestivals der FDJ gibt: Der Eintritt ist zwar frei, dafür aber ist mit gleichgeschalteter Auffassung zu bezahlen.

Man geriert sich als „unteilbar“, „bunt“, „weltoffen“; man will „Integration“ und unbedingt die Debatte, allerdings nur mit Gleichgesinnten. Eine solche Polit-Choreographie trägt nicht mehr weit, ihr fehlt das Echte, das Entzündliche, die Leidenschaft und die Anziehungskraft, die das Ideelle stets braucht, um zu inspirieren. Letztlich fehlt ihr sogar Witz. Gerade wenn der konstruiert erscheint und zum Calauer wird, bekommen selbst die Bekenner mit, daß es so lustig gerade nicht ist. Man denke an all die bemühten Wortspiele um die Farbe braun oder an ausgelatschte Storch-Heinar-Pointen.

Was indessen Übertreibungen, Überhöhungen und Schärfungen betrifft, so kennen wir derlei Sprachsignale aus dem Alltag. Immer, wenn erzählt wird, etwas wäre „wahnsinnig spannend“, „hochinteressant“ und durchweg „großartig“ gewesen, wissen wir, daß durch diese Hyperbeln öde Langeweile grell überfärbt werden soll.

In den Neunzigern und Nullerjahren war es eher der Euphemismus, der zum staatsprachlichen Stilmittel avancierte, jetzt regiert der Suggestivbegriff. Man prüfe daher, was genau gemeint sein soll mit „Deutschland bliebt bunt!“, mit „Willkommenskultur“, mit „Zusammenstehen“, „Toleranz“ und „Divergenz“, mit „Teilhabe“ und „Gerechtigkeit“.

Was genau ist der schwere Kern dieser Worte? Gibt es überhaupt noch einen? Was intendiert ihr propagandistischer Dauergebrauch? Fungieren sie schon als eine Art Gebet, als eine Fürbitte, als der Wunsch, es sei bitte alles so, weil es gerade eben nicht so ist, wie man es sich erhofft? Worauf hofft man denn genau?

Hinsichtlich der performativen Sprachakte ist es weniger die Frage, ob manipuliert wird, denn das geschieht unweigerlich und immer; es geht primär nicht mal um „Framing“, sondern lediglich darum, ob dieser Begriffe im Sinne des Wittgensteinschen Sprachspiels taugen: „Die Bedeutung des Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“

Im Beispiel: Wem gegenüber soll denn „Toleranz“ geübt werden? Bezeichnenderweise gerade nicht, wo es der Toleranz bedürfte, nämlich im fairen Disput auf Augenhöhe, ausgehend von der Akzeptanz des Gegners, dem man sich auf dem Podium argumentierend und diskutierend stellt, denn dem „Rechten“ soll doch gerade kein Podium geboten werden.

Der „Rechte“ gehört ausgeladen, verunglimpft, niedergebrüllt. Weil es ihn, den Rechten, vernünftigerweise ja dank politischer Bildung gar nicht mehr geben dürfte, personifiziert er das Böse, Abnorme, Kranke. Und man verhält sich, als wäre er infektiös. Befürchtet man eine zu schwache Immunabwehr?

Bleibt also die Toleranz gegenüber der eigenen Klientel, wo es allerdings keiner Toleranz bedürfte, da man doch prinzipiell übereinstimmt. Gut, als logisch aufzurufen wäre noch, daß die Rechte ihrerseits eben tolerant gegenüber der Linken sein sollte wie gegenüber all jenen, die nicht rechts sind. Das aber, heißt es wiederum ohne Diskussion, ist die Rechte ja nicht. Sie selbst sollte es üben, weil das Größe hat.

Klärung der Semantik ist also entscheidend, damit verstanden und gesprochen werden kann. Wollte man das zwischen den Lagern im Gespräch über „Bildung“ versuchen, so ist insbesondere auf diesem Feld nicht klar, wovon die Rede sein soll, da das, was das System meint, mit dem Bildungsbegriff der auf Rückbesinnung orientierten Konservativen kaum etwas gemein hat.

Eher wäre vorm Diskurs zu klären, was die jeweilige Seite mit der Bedeutung ihrer Zeichen überhaupt meint. Dies, sei unterstellt, weiß die Mitte und weiß die Linke kaum mehr. Sie benutzt Begriffe nur noch als reine Zeichen. Sie müßte Begriffe auf andere zurückführen, bis klar wird, daß die kaum mehr irgendwo gründen, also weder verstanden noch gebraucht werden können.

Übrig blieben dann in der Regel entweder Wortlosigkeit oder eben Losungen.


 Gastbeitrag

Gastbeitrag

  • Sezession

Kommentare (47)

igore
4. September 2019 22:45

Guter Text!
„Wem gegenüber soll denn Toleranz geübt werden?“ Ich denke hier ist vor allem das multikulturelle Experiment im Allgemeinen und der Islam im Besonderen gemeint.

Adler und Drache
5. September 2019 09:56

Den Diskurs halte ich für einen Mythos. Die Linke hat sich damit eine Art "politische Ethik" verordnet, aber es ist ziemlich egal, ob das wirklich praktikabel ist und praktiziert wird - man kann sich damit rechtfertigen, durch den Hinweis darauf sein Gutsein erweisen, und das genügt. Das ist der "Gebrauch in der Sprache".
Linke und Rechte können einander nicht verstehen, weil ihre Semantik eben nicht dieselbe ist. Rechte Semantik versucht zu definieren, linke Semantik versucht zu effizieren. "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern."
Die Linke ist nicht daran interessiert, ob ihre Semantik im Gebrauch eines Begriffs wie "Nazi" zutrifft oder nicht, sondern ob er die gewünschte Wirkung hervorbringt oder nicht. Linke Semantik ist hermetisch, rechte Semantik "offen": sie differenziert, stuft ab, weitet die Wahrnehmung.
Linke Semantik ist ein Instrument, um die Masse zu konditionieren, rechte Semantik ein Instrument des Einzelnen, um sich aus der Masse zu befreien.
Unsere Einwürfe wirken oft seltsam altbacken - "Moment mal, so ist das doch gar nicht, schaun Sie mal, erstens ..., zweitens ..., drittens ...". Gegen die Semantik der geistigen Vergewaltigung und Zurichtung hilft keine Argumentation, da hilft nur eine Rede, der die Menschen abspüren, dass sie aus einem freien, starken, überlegenen Herzen kommt.

Niekisch
5. September 2019 11:58

"Gegen die Semantik der geistigen Vergewaltigung und Zurichtung hilft keine Argumentation, da hilft nur eine Rede, der die Menschen abspüren, dass sie aus einem freien, starken, überlegenen Herzen kommt."

@ Adler und Drache 9:56: Darf ich präzisieren? "Da hilft nur eine Rede, die die Herzen der Menschen erklingen läßt, weil sie der Lage entsprungene Argumente in Worte faßt, wie es nur ein freies, starkes, mitfühlendes, daher überlegenes Herz bewirken kann."

Einverstanden, werter Adler und Drache?

zeitschnur
5. September 2019 12:29

Der Prozess intersubjektiven Gebrauchs der Sprache ist doch das Geheimnis, von dem wir hier reden. Er lässt sich eben nicht verordnen und auch nicht "im Wettbewerb" "besetzen". Die "Jahresendflügelfigur" musste einer großen Nachfrage nach den Engeln ebenso weichen wie die es das Binnen-I oder das Gendersternchen eines Tage tun werden muss.
Im Diskurs, der mechanistisch nach PR-Techniken gestaltet wird, bleibt niemals substanziell etwas Lebendiges oder Fruchtbares zurück. Sprache ist und bleibt lebendig und frei. Wer sie geschirren will, spricht nicht mehr, sondern stößt Laute aus — hier gebe ich dem Autor ganz und gar recht. Das Sprechen selbst ist unhintergehbares Zeichen der Freiheit.

Das ganze Gequatsche - "Nachhaltigkeit", "Zusammenstehen", "Toleranz", "Antirassismus", "innovativ", "Nazi", "Mitte", „future“, „klimaneutral“ blablabla bleibt auf der Bewusstseinsebene der Persilwerbung hängen und kann gar keine echte sprachliche Bedeutung und Lebendigkeit entfalten. Ein Poet dagegen kann durch Neuschöpfungen ohne außersprachliche Absicht ganze Zeugungs- oder Geburtsakte in der Sprache vollziehen, und dies zunächst ganz alleine und im Verbund mit seinen Lesern, die er zweckfrei, aber aus einem tieferen menschlichen Bewusstseinsfluss heraus inspiriert hat!

Wir müssen keine Begriffe klären, denn sie sind eigentlich intersubjektiv klar und bekannt, nur teilweise gewaltsam oder angstvoll deformiert und unterdrückt, andernfalls können wir eben nicht mehr miteinander reden. Die Sprachlosigkeit rührt von der gewaltsamen, manipulativen Veränderung der Sprache her, nicht daher, dass es unmöglich wäre, aufgrund verschiedener Begriffskonnotationen ins Gespräch kommen zu können.

Die Sprache ist wie der Mensch selbst: es gibt eine materielle, Oberfläche, wie einen Seespiegel, doch drunter sind die Unterwasserlandschaften und Pflanzen und Mikroben, bis hinunter in tiefste Tiefen, die niemand mehr ausloten kann. Das ist ein Mysterium!
Dennoch ist Sprache auch dann präzise anwendbar, wenn diese Tiefen der Tiefen deutlich mitschwingen. Am meisten spürbar wird das in der Dichtung, im Visionären und im Gebet.
Nur verweigern sich viele diesen Dimensionen oder sie sind schlicht zu faul, zu dumm oder zu ängstlich, sich in das Abenteuer des Sprechens zu wagen, das es natürlich immer nur mit dem anderen gibt. Und dieser andere ist immer ein anderer, auch wenn er in derselben "Partei" ist. Wer spricht läuft immer Gefahr, nicht nur echten menschlichen Anderen, sondern auch Gott über den Weg zu laufen. Die politisch erwünschte Abdrängung ins Asoziale will das verhindern.

Freies Sprechen und Denken mit jedermann, solange er den notwendigen Respekt vor der Sprache und der Tiefe hat, die er selbst, sein Gegenüber und die gemeinsame Sprache haben - das genügt, mehr braucht es nicht als den Mut zum Abenteuer solchen Gesprächs.
Die Segregation findet in Wahrheit zwischen den in diesem Sinne Gesprächsfähigen und den in diesem Sinne Unfähigen, unfähig Gemachten oder oft leider auch Unwilligen statt.

Was steht also an?
Nichts weiter als das freie Gespräch, öffentlich und lebendig geführt. Das genügt!

limes
5. September 2019 13:19

Heino Bosselmann analysiert die Sprache des politischen Gegners nicht zuletzt in Hinblick auf die Frage nach der Möglichkeit konstruktiver Gespräche und kommt dabei zu einem pessimistischen Fazit.

Nicht pessimistisch, sondern zornig machte mich unlängst der blanke Zynismus eines Politikers, der im Radio zu Wort kam, als es um die Enteignung von Auto- und Eigenheimeigentümern im Zeichen der »Klimarettung« ging – was freilich ganz anders »geframed« wurde. Der Politiker zeigte Verständnis für »Menschen« (offensichtlich meinte er: arme Schlucker), die sich nicht auf die Schnelle von ihrem fahrbaren Untersatz und ihrer Ölheizung trennen könnten, um E-Auto und »nachhaltiges« Heizungsgedöns anzuschaffen. Diesen Menschen müsse die Politik »helfen, damit auch sie klimafreundlich leben können«.

Ist das noch leBon oder schon Orwell? Egal: Normalität in Zeiten, in denen Rezos Überrumplungsgequassel den blauschöpfigen Influencer als »Jürgen Habermas‘ prominentesten Urenkel im Geiste« ausweist (Deutschlandfunk Kultur am 16.06.2019 »Rezo ist Habermasianer«).

Rezo, der »Urenkel«, hat die Bedingungen für den Diskurs eindeutig geklärt: »Das heißt, es geht hier nicht um verschiedene legitime politische Meinungen: Es gibt nur eine legitime Einstellung!«
(Auf youtube leicht zu finden.)

Adler und Drache
5. September 2019 13:30

Niekisch: Das ist natürlich noch schöner.

Nordlicht
5. September 2019 16:34

Ich bin kein sog. Geisteswissenschaftler, gehöre nur zu den Ingenieuren und Naturwissenschaftlern, die den Wohlstand mit erarbeitet haben.

Natürlich habe ich nichts gegen die englische Sprache - sie macht wesentliche Teile meiner beruflichen Kommunikation aus.

Jetzt komme ich zum Punkt: Könnte der Autor seine Aussagen nicht auch mit deutschen Ausdrücken für "inside-the-box ... outside-the-box" treffen?

Danke.

Thomas Martini
5. September 2019 17:46

Nachfolgend einige Fragen zum besseren Verständnis:

Zunächst: Reduziert sich das Gesagte zur Sprachfindung auf die deutsche Sprache, oder umfasst es auch andere, oder sogar alle Sprachen?

ZITAT Politik ist gesellschaftlicher Abgleich über Anthropologie, also ist sie Kommunikation." ZITATENDE

Ist das eine allgemeingültige Definition dessen, was unter dem Begriff der Politik zu verstehen ist? Wäre das auch bei einer Schularbeit die richtige Antwort auf die Frage: Was ist Politik?

ZITAT "Das große Denotat, die Gesellschaft, hat sich entscheidend gewandelt; eine griffige Rede darüber ist mit einst klaren, mittlerweile aber verbrauchten Begriffen nicht mehr möglich." ZITATENDE

Welche Gesellschaft ist hier konkret gemeint, und inwiefern handelt es sich bei dieser spezifischen um ein großes Denotat?

ZITAT "Was inside-the-box durchverordnet schlüssig erscheint, offenbart outside-the-box deutlich die internen Lebenslügen. Umgekehrt besteht das Dilemma der Linken darin, daß sie sich im System wiederfindet, inside the box, obwohl sie vor Jahren nicht dazugehören wollte oder konnte." ZITATENDE

Wann genau wollte oder konnte die Linke nicht zum System dazugehören? Und wann erfolgte der Ausschluß der Rechten aus der "Box"?

ZITAT "Zeichen – außer apriorische, also etwa mathematische – sind im Gespräch immer unklar..." ZITATENDE

Wenn dem so ist, warum verlässt man sich u. a. bei der Straßenverkehrsordnung fast ausschließlich auf Zeichensprache?

ZITAT "Eine Klärung des politischen Denkens und Sprechens ist derzeit nun mal viel eher von rechts möglich als von links, schon gar nicht aber aus der auf sich selbst fixierten Mitte und ihrem blinden Fleck heraus." ZITATENDE

Warum ist die Klärung zur Zeit viel eher von rechts möglich? Und seit wann ist das so? Außerdem, was verbirgt sich hinter dem blinden Fleck der Mitte, was ist damit gemeint?

ZITAT "Hinsichtlich der performativen Sprachakte ist es weniger die Frage, ob manipuliert wird, denn das geschieht unweigerlich und immer..." ZITATENDE

Unweigerlich und immer bedeutet, es geschähe auch dann, wenn die Rechte die kulturelle Hegemonie bestimmt?

ZITAT "Klärung der Semantik ist also entscheidend, damit verstanden und gesprochen werden kann." ZITATENDE

Die Klärung der Semantik entspricht der Klärung des politischen Denkens?

ZITAT "Eher wäre vorm Diskurs zu klären, was die jeweilige Seite mit der Bedeutung ihrer Zeichen überhaupt meint. Dies, sei unterstellt, weiß die Mitte und weiß die Linke kaum mehr. Sie benutzt Begriffe nur noch als reine Zeichen." ZITATENDE

Woran lässt sich deutlich ablesen und erkennen, daß es sich bei der Rechten anders verhält?

Laurenz
5. September 2019 19:53

Herr Bosselmann hat wohl einen Lauf, wieder ein Klasse-Artikel.
In einem Punkt mag ich widersprechen. Mit 19 Jahren war ich mal auf einer Kursfahrt in der DDR. Es gab auch eine Debatte mit der FDJ-Kreisleitung. Die Debatte hörte dann auf, als jeder, FDJ und meine Kurs-Kameraden aus dem Westen, in seiner "Semantik" blieb, was sich dann im Thema der nicht diskutierbaren "Reisefreiheit" als Ende der Debatte manifestierte. Es wäre nicht schwierig gewesen, sich in die Semantik der FDJ-Realität zu begeben, und nach dem Sinn von 5 unterschiedlichen Verpflegungs-Klassen in der Roten Armee zu fragen, und festzustellen, daß es in der kapitalistisch faschistischen Armee des deutschen Westens nur eine gibt. Damit löst sich das auf Händen voran getragene Mäntelchen der überlegenen Moral sofort in Luft auf.
Aufgrund des Rundfunk-Staatsvertrages sind "rechte" Vertreter desöfteren vor Wahlen in der Debatte mit "Linken". Und ich kann nicht bestätigen, daß "rechte" Granden in der Lage sind, sich innerhalb "linker" Semantik zu behaupten, oder was nicht wirklich schwer ist, "linke" Rechtfertigung und Existenzberechtigung zu nihilieren und die von Herrn Bosselmanns definierte Inhaltsleere linker Begrifflichkeiten jeglichem Auditorium vor Augen zu führen.

Die Mitforisten @Adler und Drache & Niekisch haben das schon sehr gut in Worte gefaßt. Aber ist es denn tatsächlich so schwer in der Bonner - und Berliner Republik die tatsächlichen und tot-geschwiegenen Überbleibsel des Nationalsozialismus zu analysieren und entlarvend in die Debatte zu werfen? Ich denke, es ist leicht, eben weil die Linke nur noch aus Plagiaten besteht, die mit einer Realität nichts zu tun haben.

@Nordlicht .... das bedenke ich jedesmal, wenn ich einen Anglizismus oder einen unflätigen Ausdruck benutze. Es existiert da keine Wahrheit. Denn dasselbe könnte man hier von überbordenden Fremdwort-Benutzern verlangen. Herrn Bosselmann wird es, mutmaßlich, nicht anders gehen. Er wird den Anglizismus vordergründig benutzt haben, um einen bestimmten "Ausdruck" des Geschriebenen verständlich zu machen. Deutsch hat den Vorteil, daß man sich schriftlich, auch in Nuancen, expliziter ausdrücken kann, als in den meisten anderen Sprachen. Das für Europa doch sehr primitive Englisch hat, als kurze lautende militaristische Sprache, eben den Vorteil des verkürzten mächtigen Ausdrucks.

Laurenz
5. September 2019 20:06

@Thomas Martini ... bisher haben die beteiligten Foristen alle verstanden, was Herr Bosselmann ausdrücken wollte. Der einzige, der Verständnis-Probleme und einen ausufernden Artikel wünscht, sind Sie.
Ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich auch nur halb so gut und konzeptionell das Wesentliche in eine logische Argumentations-Kette bringen könnte.
Deswegen schreibt auch Herr Bosselmann hier Artikel und nicht wir.

Um Ihnen nur ein Beispiel zu geben .... Zitat- ZITAT "Was inside-the-box durchverordnet schlüssig erscheint, offenbart outside-the-box deutlich die internen Lebenslügen. Umgekehrt besteht das Dilemma der Linken darin, daß sie sich im System wiederfindet, inside the box, obwohl sie vor Jahren nicht dazugehören wollte oder konnte." ZITATENDE
Wann genau wollte oder konnte die Linke nicht zum System dazugehören? Und wann erfolgte der Ausschluß der Rechten aus der "Box"? -Zitatende
Historisch kamen die Alt68er persönlich 1998 an die Macht. Und nun sind die Alt68er selbst das Establishment, also inside der immer kleiner werdenden Box. Bis 2013 konnte die Partei SED/Die Linke noch Proteststimmen einsammeln, also außerhalb der Box bleiben. Das ist vorbei. Die Linke gehört jetzt eben auch zum Alt 68er Establishment. Was, Thomas Martini, ist daran unklar?

Franz Bettinger
5. September 2019 20:33

@Martini: Gut gebrüllt, Löwe! Mir geht der manchmal verrkopfte Stil auf SiN auch oft gegen den Strich, und auch jener in manchen Kommentaren. Warum können sich manche nicht einfach und verständlich ausdrücken?

zeitschnur
6. September 2019 09:27

@ Thomas Martini, @ Franz Bettinger et alter

Reflexhaftes Kritisieren? Intellektuellenbashing? Der Artikel enthält sprachphilosophische Überlegungen, auch auf politische Szenerien bezogen, die wichtig sind, aber etwas Denkanstrengung brauchen.

Beispiel (Martini):

"Wann genau wollte oder konnte die Linke nicht zum System dazugehören? Und wann erfolgte der Ausschluß der Rechten aus der "Box"?"

Erinnere mich nur allzu gut, wie in meiner Gymnasialzeit jeden morgen Spalier gelaufen werden musste, um überhaupt in das Schulgebäude hineinzukommen: die systemkritischen Aktionisten in meiner Jugend verteilten Flugblätter an die systemkonform nachgepäppelte Intelligenz Deutschlands, links die Maoistengrüppchen, rechts die marxistisch-leninistischen Schülersammlungen...
Einer meiner Lehrer wurde suspendiert, weil er einer kommunistischen Partei angehörte. Informieren Sie sich über den "Radikalenerlass" https://de.wikipedia.org/wiki/Radikalenerlass Der Erlass bezog sich auch auf Rechtsradikale. Die Polarisierung zuungunsten der Linksradikalen damals war Schein: sie half den gemäßigten Linken und erzeugte eine Radikalisierung der Gesellschaft nach links. Heute könnte es langfristig umgekehrt sein.
Aber: Heute ließe keine Schulleitung der Welt zu, dass 5 verschiedene rechtsradikale Schülergruppen Flugblätter alias „Messages“ an die Mitschüler verteilen, auch nicht digital... Wir mussten im System nicht „gegen-links“ aufmarschieren, wie heute an staatlichen Schulen „gegen-rechts“ skandiert wird…

Beispiel (Martini):
""Zeichen – außer apriorische, also etwa mathematische – sind im Gespräch immer unklar..." ZITATENDE
Wenn dem so ist, warum verlässt man sich u. a. bei der Straßenverkehrsordnung fast ausschließlich auf Zeichensprache?"

Das meinte Herr Bosselmann doch mit den "apriorischen Zeichen"! Zeichen, die erfahrungsunabhängig gelten und einen absolut definierten, einfachen Regelsinn in ebenso eindeutigen Kontexten haben. In Ihrer Badewanne ergibt das Stoppschild am Abfluss keinen Sinn... "Immer wenn das Zeichen Z in einem Bereich B steht, gilt Y". So lernen wir die Verkehrszeichen in der Fahrschule. Lernen wir so sprechen?
Und: Für freie GESPRÄCHE kann man das hinsichtlich der sprachlichen Zeichen natürlich nicht so sagen! Die Bedeutung der sprachlichen Zeichen ist einerseits definiert, andererseits aber kontextabhängig bzw kann in Kontexten kreativ angewendet werden nach einer so komplexen "Regelhaftigkeit", dass sie bisher niemand je vollständig "definieren" oder "analysieren" konnte. Und weiter ist festzustellen, dass wir das nicht als Regeln gelernt haben, sondern wir haben schlicht sprechen gelernt. Darauf verweist Wittgenstein ja auch immer wieder: Niemand hat uns gesagt, wie man (prinzipiell der Regel nach) spricht.

Etcetera!

Ich verstehe ja, dass es der Irrationalität entgegenkommt, sich aufs rein Pragmatische und Volksnahe, um nicht zu sagen den gepflegten Stammtisch zu konzentrieren ("Es muss endlich etwas getan werden, bevor es zu spät ist!"). Der Mensch ist vor allem ein Herzwesen, was aber nicht bedeutet, dass er der Vernunftlosigkeit nachgeben sollte. Das Herz ist das Zentrum der Vernunft — nur haben manche das immer noch nicht begriffen.
Wer lange in die Irre ging, hat nun mal einen langen Rückweg, auch wenns schmerzlich ist. Immer noch gilt der alte Spruch meiner Mathematiklehrerin der Oberstufe: Erst denken, dann handeln...
Besonnenheit bleibt eine der höchsten Tugenden.
Virtutis summa usque ad tempora moderni sobrietas manet .

Franz Bettinger
6. September 2019 10:42

@Stil: zu viel Kopf, zu wenig Blut! Ich will mich beim Denken nicht anstrengen müssen, ich will es genießen.

zeitschnur
6. September 2019 10:44

@ Nordlicht

Diese naturwissenschaftliche Arroganz-Ignoranz - ohne "sogenannte" Geisteswissenschaft, die der Ausgang der abendländischen Kultur ist, gäbe es weder Naturwissenschaft noch "science fiction", die häufig mit "science" verwechselt wird: Warum brauchen Sie das?

Aber Sie und andere haben recht damit, wenn Sie über den Begriff "inside the box" bzw "out of the box" stolpern. Nicht wegen der englischen Begriffe! Es gibt weder Sprachen ohne Lehnwörter und -begriffe, noch wäre es menschlich, zu erzwingen, dass Sprachen "rein" bleiben ("rein" auf welchem Stand der Entwicklung - das Deutsche ist wie jede andere Sprache bereits eine vielfach überlagerte Mischsprache?). Vor allem, wenn es sich um spezifische Begriffe handelt, die man deutsch so nicht so treffend sagen kann, werden sie, um sie als solche kenntlich zu machen, in ihrer Herkunftssprache belassen. So what (:-))?

Herr Bosselmann meint, o wie ich ihn verstanden habe, dass man in einem Sprachspiel "betriebsblind" werden kann, die Sache sich aber außerhalb der "box", manche nennen es heute auch "bubble" (Blase) oder "Echoraum", völlig anders ansieht. Es geht schlicht um das Sektenwesen, das immer über Sprachregelungen agiert. Einerseits haben Definitionen von Begriffen das Denken differenziert und optimiert. Andererseits - wenn solche Differenzierung absoluten Charakter annimmt - vermindert das den Gebrauch der Sprache als Sprache und reduziert sie auf reine Laute oder "Losungen".

Nur wäre Herrn Bosselmann kritisch entgegenzuhalten, dass die Sprache "inside" und "outside" ja nicht unterschiedlich ist, sondern eher das, was man sagen darf, denken darf. "Inside" bedeutet "Einschränkung des Sagbaren", "outside" Freiheit des Sagbaren. Symptom dafür ist das dümmliche Gequatsche vieler Grüner, die "Rechten" hätten die "Grenzen des Sagbaren" gesprengt, etwa hier ein Radiobeitrag dazu https://www.deutschlandfunk.de/meinungsfreiheit-wo-die-grenzen-des-sagbaren-liegen.1148.de.html?dram:article_id=441626

Dieses dümmliche Sekten-Gequatsche (man verzeihe mir das drastische Urteil, das aber nur Echo auf drastischen Unsinn ist!) von den "Grenzen des Sagbaren" spiegelt die peinliche Verklemmtheit und Übersäuerung deutscher Zeitgenossen. Man meint damit ja keineswegs eine sprachliche Rücksichtnahme auf den Anderen im Sinne des „ad personam“, sondern die „ad rem“-Ebene! (Dass man andere nicht persönlich beleidigt oder schmäht (was allerdings diese sauren Spießer ständig tun), ist eine ethische Pflicht, aber nicht eine Frage des „Sagbaren“ oder „Unsagbaren“!)
Diesem sauerspießigen Horizont würde ich mich nicht anschließen - das sage ich auch respektvoll und wohlwollend in Richtung Herrn Bosselmanns. Es gibt in der Sprache kein "Inside" und "Outside". Was "sagbar" ist, ist sagbar. Punkt. Unsere grünen Sauertöpfe links kapieren das eben nicht: sie sind zu feige oder schlicht zu dumm, um sich einzugestehen, dass sie wie das berühmte Spießertum mit erhobenem Zeigefinger und Gouvernantenbunt ständig maßregeln wollen, ob man das Wort mit F oder mit S sagen DARF - nicht sagen KANN. Denn können tut man immer. Das Sagbare muss gesagt werden können, weil es eben "der Fall" ist. Sicher kann man fragen, ob es in einem ethischen Sinne „gut ist“, wenn man bestimmte Dinge so oder so sagt. Aber das hat wie gesagt mit „Sagbarkeit“ nichts zu tun, auch nicht mit „Inside (outside of) the box“.
Sagbar ist alles, was man sagen kann.
Wittgenstein: Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Anders: Wovon man sprechen kann, spricht man auch. Punkt.
Dieser ganze spießig-deutsche Sprachkrampf gehört überwunden. In der Sprache sind wir alle "inside the box". Es gibt kein "outside".
Wenn wir das begreifen, sind wir einen großen Schritt weiter.

Thomas Martini
6. September 2019 11:51

"@Martini: Gut gebrüllt, Löwe!"

Also wirklich, ein paar lose Fragen werden schon als Brüllen aufgefasst? Wie ich es auch anstelle, es scheint verkehrt.

Nun in meinem - sicherlich verwirrten und verrückten, nehmen Sie mich nicht zu wichtig - Kopf ist und bleibt Politik Politik, Anthropologie Anthropologie und Kommunikation Kommunikation. Überschneidungen erlauben mir keine Begriffsumdeutung. Wenn jemand diese Begriffe umdeutet und vermischt, gleich im ersten Satz, dann trägt er aus meiner Sicht gerade nicht zur Klärung des politischen Denkens bei. Wer den mehrdeutigen Begriff "Denotat" in einen Text einbaut, ohne den Kontext zu nennen, klärt nicht und trägt nichts zur Sprachfindung bei. Der ganze Sprachfindungstext strotzt - nach meinem Verständnis - letztlich nur so vor Ungenauigkeiten, und kann als das Gegenteil dessen aufgefasst werden, was man unter wissenschaftlicher "Exactitude" versteht.

1968 standen Linke nicht außerhalb des Systems. Und heute stehen die Rechten nicht außen vor. @zeitschnur und @laurenz von "Radikalen" ist in Bosselmanns Text nirgendwo die Rede. Wohl aber davon, daß die Linken vor Jahren nicht zum System dazugehören wollten oder konnten. Noch einmal gefragt: Wann genau waren die Linken raus?

Wie üblich agitiert Bosselmann fast ausschließlich gegen die Linke, und hier auch gegen die Mitte, und er tut das, wiederum für mein Empfinden, dermaßen offensichtlich, daß seine Texte hart dazu geeignet sind, mir alles Rechte zu verleiden.

Thomas Martini
6. September 2019 15:54

Vor einigen Monaten, Anfang des Jahres, bekam ich aus heiterem Himmel Post von einem gewissen Dr. Theo Homann. Manchen wird der Name ein Begriff sein, ansonsten sei auf den Beitrag "Coole Dissidenz" hier bei sezession.de verwiesen.

Dr. Homann teilte mir mit, daß er meine Sichtweise teilt, daß dem System heute nur noch von links beizukommen ist, und alles andere, Zitat "nolens volens" Zitatende, in Kollaboration mit dem System enden wird.

Diese Zuschrift war für mich ein geistiger Haltepunkt, an dem mir klar wurde, daß ich selbst weitaus eher links bin, als rechts.

Aber was heißt das schon? Die mitunter überzeugendste Stelle in dem Buch "Mit Linken leben" von Martin Lichtmesz und Caroline Sommerfeld, ist für mich jene, bei der die beiden Autoren ausführen, daß kein Mensch nur rechts oder links ist.

Darauf läuft es aber bei Bosselmann hinaus: Vollrechts sein. An Kommentaren wie von Adler und Drache, lässt sich ablesen, in welche geistige Sackgasse die Agitation von reaktionären Autoren wie Bosselmann führt. Am Schluß ist man genau so verblendet wie die Hauptstrom-Linken es längst sind.

Niekisch
6. September 2019 17:10

"ist es denn tatsächlich so schwer in der Bonner - und Berliner Republik die tatsächlichen und tot-geschwiegenen Überbleibsel des Nationalsozialismus zu analysieren und entlarvend in die Debatte zu werfen? "

@ Laurenz 5.9. 19:53: Das Analysieren bietet kaum Schwierigkeiten, das entlarvend in die Debatte werfen schon eher, werter Laurenz: welcher Diskursteilnehmer verfügt heute über unverfälschte Kenntnisse, da die noch einigermaßen objektive Literatur vor 1970 längst weitgehend durch reine Propagandawerke ersetzt ist und die Massenmedien antifantisch trommeln?

Wer kann und will Sie da verstehen?

Franz Bettinger
6. September 2019 22:02

@Martini: Lieber Thomas Martini, Sie haben wirklich ein Talent, die Leute misszuverstehen. "Gut gebrüllt, Löwe" (aus der Augsburger Puppenkiste) war als Lob gedacht!
Nebenbei: Wollen Sie nicht mal wieder Kontakt zu mir herstellen? Ich würde mich wirklich freuen. Wir sind nicht weit auseinander - weder örtlich noch weltanschaulich, obwohl ich dezidiert Rechts bin, und nicht Links. Vielleicht schreickt Sie das ab, oder sind Sie ein ängstlicher Mensch? Der sich auf SiN austobt, weil er es sonst nicht schafft? Verzeihen Sie die Spitze, aber ich kultiviere - wie andere ebenfalls - meine Schwächen ;-)

Das Benutzen von Fremdworten wie 'Denotat' sind häufig nur Angeberei, und sonst nichts! Das sehe ich wie Sie.

Thomas Martini
7. September 2019 07:01

Was dem Sagbaren in der westlichen Welt heutzutage im Wege steht, ist die „Politische Korrektheit“. Ein Schlagwort aus der englischsprachigen Welt, hinter dem sich unzählige Sprach- und Denkverbote verbergen. „Politische Korrektheit“ ist zugleich in einem hohen Maß Ausdruck jener Toleranz, die Heino Bosselmann in seinem Beitrag naiv hinterfragt.

Die „Politische Korrektheit“ hat den Meinungskorridor eingezäunt, in dem wir uns heute auch mit der deutschen Sprache bewegen. Die Scheuklappen ausziehen und genau hinsehen: Welche Einschränkungen der freien Rede sind in Deutschland nicht eine direkte Folge der Veramerikanisierung des Abendlandes?

Alle Werte und Ideale des Hauptstroms, zuvörderst Demokratie und Liberalität, aber auch Weltoffenheit, Vielfalt, Toleranz oder Menschlichkeit, sind Adaptionen an die englischsprachige Welt, sie sind die Offenbarung der geistigen Orientierung an das Englisch sprechende Amerika.

Wer also versucht, das „Denken aus der Verhexung zu befreien, in die es die Sprache immer wieder führt“ (Heino Bosselmann), wird nicht umhin kommen, sich zunächst gegenüber der englischsprachigen Welt „outside-the-box“ (H. Bosselmann) zu stellen. Erfolgt dort keine Sprachentrennung, endet die Sprachfindung in Vermischung und letztlich in einem von der englischsprachigen Welt geprägten Denken.

Zum Ansatz, sich nicht von der englischsprachigen Welt abzugrenzen: Die „Neue Linke“ hat genau deswegen seit 1968 alle ihre Ideale verraten. Man hat sich der angloamerikanischen Weichkraft ergeben. Die Kollaboration mit dem Transatlantikimperium verlief von ursprünglichen Blumenkraft-Antikriegs-Protesten während des Vietnam-Krieges geradewegs zur interventionistischen Kriegstreiberei eines Joschka Fischers. Städte bombardieren, um ein neues Auschwitz zu verhindern.

Meine Prognose: Die Neue Rechte wird die kapitalen Fehler der Neuen Linken wiederholen. Um der Systemteilhabe willen, wird es zur Kollaboration mit dem Transatlantikimperium kommen, und jeder reineuropäische Ansatz wird in den Mühlen der Amerikanisierung zu Schrot verarbeitet.

KlausD.
7. September 2019 09:13

@Franz Bettinger 6. September 2019 10:42
"Ich will mich beim Denken nicht anstrengen müssen, ich will es genießen."

Ganz genau, beim Lesen und Denken Spaß haben. Deshalb sind mir auch englischsprachige Begriffe ein Gräuel … muß ich mir nicht mehr antun … „samwär … äniwär“ … da verpasse ich nichts.
In dem Zusammenhang fällt mir immer eine Dozentin im Seminar für Einchipmikrorechner 1985 in Berlin ein, die, selbst erst relativ neu im Thema, bei Fragen an ihre Kollegen immer hinzusetzte „erklären Sie´s mal´ner Hausfrau“. Die besten Dozenten sind sowieso nicht diejenigen, die die meisten Fremdwörter kennen, sondern diejenigen, die komplizierte Zusammenhänge mit einfachen Worten erklären können (und überhaupt wollen). Denn wie heißt es so schön „Alles Geniale ist einfach“.

zeitschnur
7. September 2019 10:40

Noch ein Gedanke zum Artikel:

Neulich las ich auf achgut einen Artikel, in dem es um das "Drumherumreden" um die Wahrheit bei Habeck ging, eine "Kultur" der Wahrheitsvermeidung, weil ja das schlimmste Sakrileg darin besteht, sich im Besitz der Wahrheit zu wähnen. Habeck als Dauerschwafler, der um keinen Preis wahre Sätze sagen will, es aber unweigerlich auch in dieser Negativtheologie tut. Er soll bereits seine Doktorarbeit diesem Thema gewidmet haben.

Konsequenz dieser ideologischen Verneinung der Wahrheit führt unweigerlich zur Sprach- und Sinnentleerung, zum Vagen und programmatisch begrifflich Unklaren.

Vielleicht ist das, woran Herr Bosselmann so sehr Anstoß nimmt, diese Wahrnehmung v.a. aufseiten vieler Grüner und Linker, dass sie Begriffe gar nicht in einem bestimmten festen Sinn benutzen (wollen), sondern immerzu einer handfesten "Tacheles"-Debatte aus grundsätzlichen Erwägungen ausweichen. Das Unklare als existenzielle Strategie gewissermaßen, dies aber dogmatisch. Wehe dem, der klar spricht! Das "Entweder-Oder soll ersetzt sein durch ein "Sowohl-als-auch".

Nimmt man aber den Titel alleine dieses Projektes: "Sezession", dann ist das das Gegenprogramm: Trennung, Trennschärfe, überhaupt wieder klare Standpunkte formulieren, damit man sinn-voll reden kann.

Niekisch
7. September 2019 13:29

"Meine Prognose: Die Neue Rechte wird die kapitalen Fehler der Neuen Linken wiederholen. Um der Systemteilhabe willen, wird es zur Kollaboration mit dem Transatlantikimperium kommen, und jeder reineuropäische Ansatz wird in den Mühlen der Amerikanisierung zu Schrot verarbeitet."

@ Thomas Martini 7.9. 7:01: Daher immer und überall Ernst Niekisch lesen, zitieren und als Nahkampfmittel verwenden...

Gustav
7. September 2019 14:44

In einer ar­chai­schen Umwelt roher Gewalt herrschten die Stärk­sten und Bru­tal­sten. Sie wä­ren nie auf eine andere Idee ge­kommen, als daß der Starke zu Recht herrscht. Zu Zei­ten des Odys­seus machte ihnen aber schon die Schläue Kon­kurrenz. Sie konn­ten ihre Anwendung nicht hindern, und so unterlagen sie. Die Al­ler­­schlausten der Schlauen ka­men auf die pfiffige Idee, Rohheit und Gewalt für im­mer aus dem Ar­senal der erlaub­ten Waffen zu verban­nen und durch Schläue zu er­set­­zen. Platon forderte ei­nen durch Phi­losophen re­gierten Staat, womit er natürlich sich selbst und seine Zunft­brüder meinte. Er konnte sich allerdings nicht durch­set­zen und landete sogar vorüber­gehend auf dem Sklavenmarkt von Syra­kus. Dort muß­te er die be­drückende Erfahrung machen, daß seine geistigen Waffen nicht zähl­ten.

Daß gegen die überlegene Gewalt keine Schläue hilft und keine Moral, mußten die Bewohner der mit Sparta verbündeten Insel Melos in der Ägäis im Jahre 415 v.Chr. lernen. Die athenische Flotte landete auf Melos und wollte die Melier zu ei­nem Bündniswechsel im Pelo­ponnesischen Kriege er­pressen. Diese zogen die Athe­ner in Ver­hand­lungen. Sie beriefen sich ver­zweifelt auf die Götter, die Ehre, die Treue, das Recht und die Moral. Unge­rührt antworteten die Athe­ner: Daß alles die­ses auf Seiten der Melier ist, bestreiten wir über­haupt nicht. Doch wißt ihr eben­so gut wie wir, "daß das Recht im mensch­li­chen Verkehr nur bei gleichem Kräfte­ver­hältnis zur Gel­tung kommt, die Stärkeren aber alles in ihrer Macht Stehende durch­set­zen und die Schwachen sich fügen. ... Wir glauben nämlich, daß der Gott wahr­scheinlich, der Mensch ganz sicher allezeit nach dem Zwang der Na­tur überall dort, wo er die Macht hat, herrscht. Wir ha­ben dieses Ge­setz weder aufgestellt noch als bestehendes zuerst be­folgt. Als gege­ben haben wir es übernommen und werden es als ewig gül­tiges hinter­lassen." Als sich die Melier trotzdem nicht fügten, wur­den nach heftigem Kampf alle Männer getötet und die Frauen und Kin­der in die Sklave­rei verkauft.

Über solch abgebrühtes Macht­den­ken mag ein Moralist bitter räsonie­ren. Wich­tig für uns ist aber, daß die Berufung auf dis­kur­sives Ver­­handeln, auf Moral und Recht nicht nur in der Antike dem­je­ni­gen gegen einen Stär­keren nichts nützt, der sei­nerseits seine Existenz auf dem Spiel stehen sieht und sein Handeln gar nicht von vernünftigem Ver­­handeln abhängig ma­chen will. Wie wir in jeder beliebigen Nach­rich­tensendung an je­dem be­liebigen Tage nach­­voll­zie­hen können, pfle­gen auch heute noch allerorten in der Welt die Stärkeren den Sieg ent­schieden dem Ver­han­deln vor­zu­zie­hen . Diese menschliche Nei­gung muß eine politische Theorie in Rech­nung stellen, die den An­spruch erhebt, sich mit der Realität dieser Welt und die­ser Menschen zu befassen und nicht nur mit der Welt, wie wir sie lieber hätten, wie schon Machiavelli süf­fisant bemerkt hatte.

Nemesis
7. September 2019 15:22

@Martini
"Wie üblich agitiert Bosselmann fast ausschließlich gegen die Linke, und hier auch gegen die Mitte..."

Ich finde es schon außerordentlich bemerkenswert, wie leicht Ihnen der Vorwurf der Agitation von den Lippen (respektive den Schreibfingern) kommt - gegenüber Anderen.
Und dabei Ihre eigenen Agitationen völlig unter den Tisch fallen lassen. Das nenne ich mal einen ordentlichen blinden Fleck.

nur mal ein Beispiel (von Vielen):

"... Welche Einschränkungen der freien Rede sind in Deutschland nicht eine direkte Folge der Veramerikanisierung des Abendlandes?"

Analysen sind vollkommen in Ordnung. Etwas ganz Anderes ist es aber, das Ganze immer nur aus einer einzigen Perspektive zu betrachten: Als ob das Problem einer "political correctness" ausschließlich ein Amerikanisches wäre.
Wie sieht es denn in anderen Systemen aus?
Was denken Sie, wieviele Beiträge Sie in anderen Systemen hätten veröffentlichen können? In Systemen die keine "Westbindung" haben? Ich wäre in diesen Fällen mal sehr auf Ihre Begründungen gespannt. (Wenn ich sie denn überhaupt zu Gesicht bekäme).

Es ist diese unfaßbare Einseitigkeit in Ihren Beiträgen, die mich abstößt. Bei Ihnen wird alles und jedes auf genau eine einzige Ursache zurückgeführt: Als ob die Probleme alle monokausal wären.
Und wenn ich es richtig in Erinnerung habe, sind Sie des Öfteren schon aufgefordert worden, anstatt immer wieder dasselbe in unendlicher Rekursion zu kommentieren endlich einmal Lösungsoptionen zu bieten, über die zu Diskutieren sich lohne, war Ihre überkomplexe Antwort: "Mir doch egal. Alles Andere ist Besser".

Was soll man dazu noch sagen?

"... Erfolgt dort keine Sprachentrennung, endet die Sprachfindung in Vermischung und letztlich in einem von der englischsprachigen Welt geprägten Denken."

Ich war eben auf der Seite des Vereins deutscher Sprache e.V.
Denn, so meine Überlegung, wenn Sie Ihnen so am Herzen liegt, die deutsche Sprache, so finde ich Sie dort ganz bestimmt aufgeführt: mindestens im Direktorium. Hat man Sie evtl. dort vergessen aufzuführen? Talk is cheap.
Hier kann jeder immerhin noch wählen, ob er englische oder deutsche Ausdrücke verwenden möchte. Wie würde es wohl aussehen, wenn Sie über die Möglichkeiten verfügten eine "Sprachentrennung" durchzusetzen?

Thomas Martini
7. September 2019 16:42

@Franz Bettinger

"@Martini: Lieber Thomas Martini, Sie haben wirklich ein Talent, die Leute misszuverstehen. "Gut gebrüllt, Löwe" (aus der Augsburger Puppenkiste) war als Lob gedacht!"

Das hatte ich auch so verstanden, mein lieber Herr Bettinger. Dennoch lag es absolut nicht in meiner Absicht, mit meinen Fragen zum besseren Verständnis von Bosselmanns Beitrag als brüllender Löwe wahrgenommen zu werden.

"Nebenbei: Wollen Sie nicht mal wieder Kontakt zu mir herstellen?"

Wenn Sie mich so fragen, gerne.

"Wir sind nicht weit auseinander - weder örtlich noch weltanschaulich, obwohl ich dezidiert Rechts bin, und nicht Links. Vielleicht schreickt Sie das ab, oder sind Sie ein ängstlicher Mensch? Der sich auf SiN austobt, weil er es sonst nicht schafft?"

Das besprechen wir dann am besten unter Ausschluß der Öffentlichkeit.

Warum ich mich (immer noch) bei SiN "austobe", habe ich in den letzen Wochen mehrfach erläutert. Ich versuche hier im Sinne eines Volksverteidigers die Stellung zu halten.

Zu mehr bin ich vorläufig nicht berufen.

Laut Götz Kubitschek sollen wir doch alle an unserem Posten bleiben, und von dort aus das Möglichste versuchen. Diesbezüglich mal eine Wasserstandsmeldung: Wenn ich mit meinen Kollegen zusammensitze und es um Politik geht, dann dauert es meist nicht lange, bis es vor Revisionismus nur so unter die Decke qualmt. Da bemerkt man eine echte Entwicklung, deutliche Fortschritte in den Erkenntnissen.

Das vermisse ich bei vielen Rechten in der virtuellen Welt.

Von Heino Bosselmann habe ich mir mal einige Texte von vor 2015 durchgelesen, und sie mit dem verglichen, was er heute so publiziert. Fazit: Seine Aufsätze sind beinahe zeitlos.

Außerdem noch @zeitschnur: Die StVo ist wohl mitnichten "apriorisch".

Adler und Drache
7. September 2019 19:41

Thomas Martini: Sie tun Herrn Bosselmann Unrecht. Zu meinen Ansichten bin ich nicht durch seine Agitation (oder die eines anderen) gekommen, es sind Erfahrungswerte, verbunden mit gründlicher Reflexion. (So gründlich sie mir möglich ist.) Die von Ihnen genannte "überzeugendste Stelle" bei L&S ist in meinen Augen eine Allerweltsweisheit: Das wissen wir doch. Darum gehts doch auch gar nicht. Übrigens halte ich den guten Bosselmann für durchaus weniger "rechts" als L&S. Die Gänsefüßchen, weil man sich den Schwanzvergleich sparen kann und soll.

Laurenz
8. September 2019 03:29

@Niekisch .... Mit Verlaub, die SiN-Redaktion ist sehr sensibel mit 9-mm-Parolen. Weil wir das wissen, können wir leicht über die Strenge schlagen. Neulich schrieb ich über pro-semitischen Rassismus der Linken, falls ich die Ehre hatte, daß Sie meinen Beitrag lasen. Mein Beitrag beschäftigte sich nicht mit unseren Positionen. Das besorgen schon die Medien und unsere Partei-Granden schlagen sich mal mehr oder weniger gut. Was hat denn die Linke außer "anti-faschistischen" Inhalten denn noch zu bieten? Nicht viel, da werden Sie mir doch sicher zustimmen. Anstatt sich jedes Mal im Interview in die Defensive drängen und der Rechtfertigung frönen zu lassen, sollten wir, vor allem im Dialog die Linke zerlegen, was am besten durch Gegenfragen funktioniert. Nichts anderes tut Herr Bosselmann hier. Er analysiert die Linke und stellt Gegenfragen, was auch sonst.

Deswegen verstehe ich hier weder @Thomas Martini noch sonst die ganze Debatte. Wenn Sie meinen ersten Beitrag gelesen haben, ging ich mit Herrn Bosselmann konform, außer in einem Punkt. Ich bin der Meinung, man kann in die Welt der Linken einbrechen, und innerhalb der linken Semantik angreifen. Von daher verstehe ich nicht, was es daran nicht zu verstehen gibt? Schon gar nicht, warum @Thomas Martini einen absolut treffenden, weil kurzen Artikel aufweichen will. Wir können natürlich auch noch alles bis auf die Schwanzwurzel der Spitzmaus zurückführen.

Nemesis
8. September 2019 11:05

@zeitschnur
6. September 2019 10:44
"Diese naturwissenschaftliche Arroganz-Ignoranz - ohne "sogenannte" Geisteswissenschaft, die der Ausgang der abendländischen Kultur ist, gäbe es weder Naturwissenschaft noch "science fiction", die häufig mit "science" verwechselt wird: Warum brauchen Sie das?"

Und vice versa:
Schauen Sie z.B. mal, wieviele Journalisten eine geisteswissenschaftliche Ausbildung haben.

Mir ist jetzt allerdings persönlich noch kein Physiker, Chemiker oder Biologe begegnet, der mich als mich "white supremacist" klassifiziert hat (mit entsprechenden Konsequenzen), nur weil ich möglicherweise den 2. Hauptsatz der Thermodynamik ablehne (was ich nicht tue :) )
Mir ist auch noch keine Ingenieurin oder Ingenieur begegnet, der mir vorschreiben wollte, wie ich mein Leben zu leben oder zu ändern habe, nur weil ich seine Berechnungen zum Wirkungsgrad für falsch gehalten habe...

Was ich damit sagen will:
Es gibt so wenig eine naturwissenschaftliche wie eine geisteswissenschaftliche Arroganz-Ignoranz.
Sie geht immer von den Menschen in den einzelnen Disziplinen aus. Ich finde, da sollte man präzise (auch sprachlich) unterscheiden. Denn sonst kommt man zu dem Ergebnis, daß wir haben:
Die Geisteswissenschaft wird gegen die Naturwissenschaft in Stellung gebracht. Und umgekehrt.
Beschädigt oder zerstört werden dadurch Beide.

zeitschnur
8. September 2019 14:47

@ Nemesis

Pax! Gut - dann habe ich Sie möglicherweise missverstanden bzw mich triggern lassen, weil ich es so oft erlebe, dass aus dem MINT-Bereich gegen die GW gestänkert wird, als seien das keine Wissenschaften. Dabei wird notorisch "Sozialpädagogik" seitens solcher „Fundamental-Kritiker“ für eine Geisteswissenschaft gehalten.
Geisteswissenschaften sind allerdings klassisch: Geschichtswissenschaft, Philosophie, Theologie, Sprachen (als wissenschaftliches Forschungsgebiet), Literaturwissenschaften und alle verwandten Disziplinen (wie Archäologie etc.). Die Psychologie ist eine relativ neue Disziplin (erhielt in D erst im 3. Reich den Status eines eigenständigen Studiums, vgl. den entsprechenden Eintrag dazu im Dorsch) samt allen anderen Sozialwissenschaften. Die Sozialwissenschaften verfahren nach einer vollständig anderen Methode als die Geisteswissenschaften. Da ich auf meinem langen Bildungsweg auch ein Diplom in einer Sozialwissenschaft erworben habe, fiel mir sehr stark auf, dass sich das mit der differenzierten Methodik einer Geisteswissenschaft letztendlich nicht messen lässt. Ich sehe hier einen großen Unterschied. Der große Pluspunkt der GW ist, dass sie methodisch nicht mechanistisch ist.

Die Fanatiker, die Sie erwähnen, sind dies nicht aufgrund der GW, sondern aufgrund ihrer simplen und unwissenschaftlichen Einstellung. Im MINT-Bereich habe Sie solchen Fanatismus ebenfalls, aber bei anderen politischen Themen, zB beim Thema "Klima" aktuell, ebenso in allen Fragen der Kosmologie, die quasireligiös und mehr oder weniger rein tautologisch funktioniert (waren doch die "großen" Geister der Physik meist auch Okkultisten, Alchemisten oder sonstige Logenbrüder - gilt für Kopernikus, Kepler, Newton etc. und orientierten sich eben nicht an der Empirie, sondern wollten philosophische Prämissen in einer empirisch schwer prüfbaren Empirie durchsetzen und von da aus dann in die prüfbare Empirie, wozu man die natürliche Wahrnehmung des Menschen als „täuschungsanfällig“ erklärte, was ein weiterer Pferdefuß solcher „Wissenschaft“ ist. Wir wissen aus Experimenten, dass, lange genug behauptet, der normale Mensch seine tatsächliche Wahrnehmung verleugnet und sich verordnete Wahrnehmung zu eigen macht…). Wenn ich keine unmittelbare Empirie habe, kann ich locker mithilfe mathematischer Modell bis in ferne Galaxien rechnen. Dem Hochmut schmeichelt das sehr, so, dass er nicht mehr erkennt, dass mathematische Modelle niemals Realität abbilden, sondern nur Potenzialitäten darstellen. Genau das ist auch in der Klimadebatte der entscheidende Punkt...
Mir ist im aufmerksamen Literaturstudium aufgefallen, dass Menschen bis weit ins 20. Jh diese Schieflage sehr wohl erkannt und benannt haben, und zwar potente Geister ihrer Zeit redeten davon offen. Ich habe mich damit gerade mal wieder befasst auf meinem Blog. https://zeitschnur.blogspot.com/
Heute wird jeder, der den entsprechenden MINT-Dogmen nicht folgt und außerplanmäßig denkt, niedergemacht. Die großen Forschungsgebiete der Physik sind nicht umsonst von der größten Militärbehörde der Welt okkupiert. Und man muss auch fragen, wieso die Kirche bzw ein gewisser Orden bis heute und immer intensiver seit dem 16. Jh die Oberhand in sämtlichen Observatorien der Welt hat, warum der Vatikan mit der NASA kooperiert (in einem riesigen Forschungszentrum in Arizona, seit Johannes Paul II.) in angeblich wissenschaftlichen Projekten und warum es der Vatikan war, der bereits im 16. Jh die erste und größte europäische Sternwarte ("Specola Vaticana" in den Albaner Bergen) baute, als wären solche Themen im Zentrum kirchlicher Sendung - was immer man dazu zu wissen meint: es ist schon merkwürdig und wirft Fragen auf.

Vielleicht kann man es so sagen: Die gesamte Wissenschaft ist längst nicht mehr frei, wenn sie es denn je war, und Gegenstand massiver politischer Manipulation. Die Wissenschaften sind eine Art „Think Tanks“ zur Steuerung der intellektuelleren öffentlichen Meinungen.
Jeder von uns, die irgendwann mal ein Studium oder sogar mehrere absolviert haben, sollten daher innere Distanz zu vielem entwickeln, was man uns da eingetrichtert hat. Es ging nämlich ganz gewiss nicht drum, uns persönlich was Gutes zu tun...

Pax!

Gracchus
8. September 2019 19:51

Ich bin skeptisch, ob sich die konkreten Phänomene, die Herr Bosselmann ja treffend beschreibt, mit Hilfe der hochabstrakten Systemtheorie, für die ich durchaus ein gewisses Faible habe, erhellen lassen. Systemtheoretisch gehört jede politische Kommunikation zum System, ob nun rechts oder links, auch die der Opposition. Dass die Opposition quasi exkommuniziert werden soll, ist eine moralisch codierte Kommunikation und deutet auf eine "Entdifferenzierung" hin.

Wer sich in einer solchen Oppositionsrolle unter permanenter Exkommunikationsandrohung steht, kann natürlich nicht frei sprechen; der "Vorteil" liegt darin, dass er die Widersprüche der Herrschaft deutlicher sieht; er kann nicht einfach drauflos labern darf, er muss sein seine Argumente sorgfältig formulieren, das schult den Geist.

Dass von der öffentlichen Meinung das links/rechts-Schema dermaßen traktiert wird, soll m. E. nur die politische Orientierungslosigkeit und Verwirrung kaschieren. Es müsste überhaupt neu geklärt werden, was in der aktuellen geschichtlichen Situation rechts/links bedeutet oder überhaupt bedeuten kann.

Man kann die herrschende öffentliche Meinung mit ihrer eigenen Semantik kritisieren, wie Bosselmann das ja auch tut. Und zwar als pseudo-tolerant, pseudo-liberal, pseudo-weltoffen, pseudo-demokratisch, eben als Schein, der nur von wenig Sein gedeckt ist. Eine solche Kritik bejaht aber Toleranz, Liberalität, Weltoffenheit, Demokratie als erstrebenswert und ist daher nicht zwangsläufig rechts.

Skeptisch bin ich, wenn Bosselmann schreibt, dass Rechte die adäquaten Texte liefern. Welche denn? Hier spricht man selbst von Mosaik-Rechten, und die Mechanismen des Diskurses sind so, dass schon als recht gilt, wer die herrschende Meinung kritisiert, auch wenn er eher linke Ideale hochhält. Ich erkenne platt gesagt folgende Tendenz: Sagt der Linke Klimawandel, sagt der Rechte demographischer Wandel; sagt der Linke Welt unter, so der Rechte Abendland unter; sagt der Linke Gesellschaft, so der Rechte Biologie.

Weshalb mir @zeitschnur aus der Seele spricht, weil sie menschliche Freiheit hoch- bzw im Spiel hält und gegen das Mechanistische opponiert. Ich finde es gruselig, politische Talkshows anzusehen. Das hat nichts mit einem lebendigen Gespräch zu tun. Man hört da auch keinen unkonventionellen, tiefer greifenden Gedanken.

links ist wo der daumen rechts ist
9. September 2019 08:57

How German Is It?

Ein wesentliches Problem, das ich mit Bosselmanns Text habe, ist folgendes:

Die Sprache der Linken („Linksliberalen“ wäre mir lieber) sei entsemantisiert, nur noch reine Losung.
Indem jetzt die Rechten auf die Inhaltsleere hinwiesen, wäre ihre Sprache zwangsläufig gehaltvoll? Also „Weltoffenheit“ z.B. wäre substanzlos und „Volk“ demnach substantiell?
Wenn ich dem Gegner dessen rhetorische Leerformeln vorhalte, entbindet mich das der Aufgabe, die eigenen Begriffe auf ihren (Wahrheits-)Gehalt zu prüfen?

Aber wo liegt der Wahrheitsgehalt?

„Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fortwährend,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.“
(Eichendorff)

Frank Böckelmann spricht dazu in seinem Buch „Deutsche Einfalt“ (Hanser 1999):

„Der einfältig Sprechende vertraut den Dingen und darauf, daß sie in der Sprache unterwegs sind, vertraut der Möglichkeit, vom Anderen der Sprache geradewegs berührt zu werden, ohne Instanz der Vermittlung (Hinausschiebung), heiße diese Instanz nun Kirche oder Bedeutungsanalyse.“

Geht man nun noch weiter zurück, ist auch die Eigenbezeichnung der Deutschen von Vagheit gekennzeichnet.
Der Begriff „deutsch“ war über Jahrhunderte immer eine Bestimmung der Abgrenzung, am Anfang tiudisk (dem eigenen Stamm zugehörig) vs. walhisk (welsch).

Als Drittes kommt hinzu, daß es gerade dem Deutschen eigentümlich war und ist, zwischen dem spezifisch Eigenen und dem Universellen zu schwanken.

Böckelmann dazu an einer anderen Stelle im Buch mit deutlichem Gegenwartsbezug:

„Deutsche Universalisten bringen etwas durcheinander. Weil sie Deutschsein und Weltoffenheit für Gegensätze halten, die einander ausschließen, rennen sie die offenen Türen der Globalisierung ein.
(…)
Unsere Universalisten sind freilich keine Außenseiter. Sie tun etwas, was die Deutschen und ihre Vorfahren – aus allen Ständen und Lagern – seit gut fünfzehnhundert Jahren tun. Sie üben sich in Selbstverdächtigung, und sie hoffen dabei, die große Welt für sich einzunehmen.
(…)
Zwischen und neben den Selbstverneinungen finden sich Fremdverneinungen, bezeichnenderweise meist dann, wenn die Deutschen ihren Zusammenschlüssen neue Namen geben.
(…)
Im nationalsozialistischen Reich werden (Selbstverneinung und Fremdverneinung) identisch und erreichen ihre höchste Identität. Hitler rächt Deutschlands Dilemma, von der Ohnmacht nicht weiter als von der Weltgeltung entfernt zu sein, an den Bewohnern des europäischen Einschließungsraums (insbesondere des Hinterlands im Osten) und an Deutschland selbst.“

Diesem zutiefst deutschen Dilemma entgeht man nun aber nicht, indem man den linksliberalen Sprachgebrauch als substanzlos bezeichnet, ohne die eigene Inhaltsleere oder die Umwege über Fremdverneinung zu thematisieren.
Es geht also um nichts anderes, als sich über den eigenen Wesenszug klar zu werden.

Nemesis
9. September 2019 17:09

@zeitschnur
"Vielleicht kann man es so sagen: Die gesamte Wissenschaft ist längst nicht mehr frei, wenn sie es denn je war, und Gegenstand massiver politischer Manipulation."

pax zurück.

Sie war es nie.
Wie hätte es sie auch jemals sein können?
Benötigt sie doch neben Anderem auch immer Geld.
Und auch der reinste Theoretiker benötigt noch seine Dose Ravioli.
Sobald es um Experimente geht, ist die Finanzierungsfrage ja offensichtlich. Die Freiesten waren wohl die Wenigen, die finanziell Unabhängig waren; aber auch die unterlagen und unterliegen Beschränkungen.
Und: Wer Unabhängig war oder ist, warum sollte der sich diesen akademischen Zirkus antun? Und damit schließt sich der Kreis wieder.

Aber es stimmt schon: Man hat sie (zumindest bei uns) über längere Zeit an einer relativ langen Leine laufen lassen.
Alles hat eben seine Zeit. Systole und Diastole.

Danke für den Link auf Ihren Blog; ich komme gerne mal rüber,
denn ich vermute, daß dieses Thema den Blog hier sprengen würde.

Allerdings brauche ich dann wohl erst einmal ein dickes Lateinwörterbuch...
:))

Laurenz
9. September 2019 18:53

@Nemesis & zeitschnur .... ich habe "The God Delusion" von Richard Dawkins nicht mehr in allen Einzelheiten im Kopfe. Bis auf die Evolutions-Biologie, erachte ich das Buch
als schlecht recherchiert. Aber was Sie Beide darin finden werden, sind Zitate naturwissenschaftlicher Kollegen von Herrn Dawkins, die christliche Kreationisten sind, obwohl sie selbst in ihrer Arbeit den Kreationismus widerlegen. Solange also Glaubenswelten gesellschaftlichen Einfluß haben, bleiben wir in einem geistigen Totalitarismus. Ist es nicht vielmehr so, daß Geisteswissenschaften an der Neo-Inquisition scheitern, weil Sie so tun, als könnten sie "Wahrheiten" festlegen, anstatt nur Denk-oder gerne auch Glaubens-Angebote für das Individuum zu machen?
ZB Astro-Physik ist zwar, zugegeben, spannend, aber zu 90% vollkommen nutzlos, weil wir hier in absehbarer Zeit nicht wegkommen, rausgeschmissenes Geld. Schöne Bilder des Uranus oder vom Jupiter-Mond Europa verändern unser Leben um keinen Deut. Um Ihnen den Glauben (an die Schönheit) in der Naturwissenschaft deutlich zu machen, hier für Interessierte einen Vortrag von Frau Dr. Hossenfelder https://youtu.be/99hVAu1k6G8

links ist wo der daumen rechts ist
9. September 2019 19:35

How German Is It?

Ein wesentliches Problem, das ich mit Bosselmanns Text habe, ist folgendes:

Die Sprache der Linken („Linksliberalen“ wäre mir lieber) sei entsemantisiert, nur noch reine Losung.
Indem jetzt die Rechten auf die Inhaltsleere hinwiesen, wäre ihre Sprache zwangsläufig gehaltvoll? Also „Weltoffenheit“ z.B. wäre substanzlos und „Volk“ demnach substantiell?
Wenn ich dem Gegner dessen rhetorische Leerformeln vorhalte, entbindet mich das der Aufgabe, die eigenen Begriffe auf ihren (Wahrheits-)Gehalt zu prüfen?

Aber wo liegt der Wahrheitsgehalt?

„Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fortwährend,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.“
(Eichendorff)

Frank Böckelmann spricht dazu in seinem Buch „Deutsche Einfalt“ (Hanser 1999):

„Der einfältig Sprechende vertraut den Dingen und darauf, daß sie in der Sprache unterwegs sind, vertraut der Möglichkeit, vom Anderen der Sprache geradewegs berührt zu werden, ohne Instanz der Vermittlung (Hinausschiebung), heiße diese Instanz nun Kirche oder Bedeutungsanalyse.“

Geht man nun noch weiter zurück, ist auch die Eigenbezeichnung der Deutschen von Vagheit gekennzeichnet.
Der Begriff „deutsch“ war über Jahrhunderte immer eine Bestimmung der Abgrenzung, am Anfang tiudisk (dem eigenen Stamm zugehörig) vs. walhisk (welsch).

Als Drittes kommt hinzu, daß es gerade dem Deutschen eigentümlich war und ist, zwischen dem spezifisch Eigenen und dem Universellen zu schwanken.

Böckelmann dazu an einer anderen Stelle im Buch mit deutlichem Gegenwartsbezug:

„Deutsche Universalisten bringen etwas durcheinander. Weil sie Deutschsein und Weltoffenheit für Gegensätze halten, die einander ausschließen, rennen sie die offenen Türen der Globalisierung ein.
(…)
Unsere Universalisten sind freilich keine Außenseiter. Sie tun etwas, was die Deutschen und ihre Vorfahren – aus allen Ständen und Lagern – seit gut fünfzehnhundert Jahren tun. Sie üben sich in Selbstverdächtigung, und sie hoffen dabei, die große Welt für sich einzunehmen.
(…)
Zwischen und neben den Selbstverneinungen finden sich Fremdverneinungen, bezeichnenderweise meist dann, wenn die Deutschen ihren Zusammenschlüssen neue Namen geben.
(…)
Im nationalsozialistischen Reich werden [Selbstverneinung und Fremdverneinung] identisch und erreichen ihre höchste Identität. Hitler rächt Deutschlands Dilemma, von der Ohnmacht nicht weiter als von der Weltgeltung entfernt zu sein, an den Bewohnern des europäischen Einschließungsraums (insbesondere des Hinterlands im Osten) und an Deutschland selbst.“

Diesem zutiefst deutschen Dilemma entgeht man nun aber nicht, indem man den linksliberalen Sprachgebrauch als substanzlos bezeichnet, ohne die eigene Inhaltsleere oder die Umwege über Fremdverneinung zu thematisieren.
Es geht also um nichts anderes, als sich über den eigenen Wesenszug klar zu werden.
Der nächste Schritt wäre, die Rolle Deutschlands zu bestimmen.

zeitschnur
10. September 2019 11:15

@ Nemesis

Ja: sie war es nie. Aber wir haben eben dieses alte Ideal von den "artes liberales", den "freien" Künsten (also: Wissenschaften), wobei man hier schon fragen kann, ob der Begriff der "ars" für "Wissenschaft" nicht sogar entlarvend ist oder wenigstens teilweise ist. Was wir einem naiven Wissenschaftsbegriff zuordnen ("Die Wissenschaft hat festgestellt... es ist erwiesen, dass... blabla) ist in Wahrheit womöglich reine Erfindung, Konstrukt, ein schlichtes Narrativ und tautologisches Schließen im Narrativ.

zu @ Nemesis auch noch @ Laurenz

Ich gehe mit den Kreationisten nicht konform, weil sie eine Methode anwenden, die nicht zum Gegenstand passt: es ist, als ob man die göttliche Liturgie des Chrysostomus mit der E-Gitarre rocken wollte...
Was aber die Anti-Kreationisten einfach nicht schnallen ist, dass Darwin, Kopernikus, Newton und wie sie alle heißen, ebenfalls und nicht anders als die Kreationisten auf Narrative gründen, also: auf philosophische oder literarische Prämissen, die an sich für einen postmodernen Natur-Wissenschaftsbegriff völlig untauglich sein müssten. Es sind blanke Erfindungen. Und im Gegensatz zu alten Mythen wissen wir bei dem neuzeitlichen Schrott, dass er "neu" und darum auch wesentlich neu erfunden, also nichtig und ohne irgendeine authentische Tradition ist.

Ich glaube an eine Art uraltes Menschheitswissen über Herkunft und Art unserer Welt und unserer selbst. Wir wissen sehr wohl, dass wir von Gott stammen! Jeder fühlt es in sich, jeder! Es ist von Belang, dass alles alte Wissen, egal in welcher Kultur, bestimmte Erzählungen aufweist — zum Beispiel diese göttliche Herkunft!
Ob man nun wie Newton etwa tonnenweise alchemistische und hermetische Mystik studiert (die vergleichsweise "jung" ist), auf die man dann "naturwissenschaftlich" aufbaut oder kreationistisch auf Genesis 1, ist methodisch gleich, wobei aber die Schöpfungserzählungen älter und darum authentischer sind. Selbst der Hellenismus, in dessen Rahmen wir immer noch denken, hat dies so festgehalten: Je älter, desto näher an der Wahrheit.
Wer dies außer Kraft setzen will, muss das Prinzip systematisch mithilfe der "Wissenschaft" umkippen und alle alte Tradition entweder lächerlich machen oder mithilfe angeblicher Neuerkenntnisse überschreiben. Das ist doch sehr leicht erkennbar, was hier geschehen ist: Der Mensch wurde von seiner göttlichen Herkunft abgekoppelt und hält sich heute für einen Affenbruder, der nicht in einer geschaffenen Welt lebt und unter einem Firmament, das Schutz und Schirm vor dem Chaos darstellt, sondern als Staubkorn in einem unwirtlichen All herumtaumelt, initiiert durch einen herzlosen Urknall.

Es sind tatsächlich Peterchens Mondfahrt oder der Kleine Häwelmann "wissenschaftlich" genauso gut ausschmückbar wie die angebliche Apollo-Mission mit ihrem Schrotthaufen aus Glitzerpapier auf der Hollywood-Mondoberfläche - nur wussten unsere Großmütter, dass es eben einfach eine Story ist, während die Heutigen im Orson-Welles-Modus (Radiospiel "Krieg der Welten") zwischen Fiktion und Realität nicht mehr unterscheiden, ja, womöglich die Realität noch anzweifeln, die Fiktion aber für real halten. Wir glauben heute, dass der Mensch Transgender ist und machen jeden lächerlich, der sagt "Aber hey, ich seh nur Männer und Frauen...". Es ist eben eine Sinnestäuschung, das mit den Geschlechtern, alles nur gesellschaftliches Konstrukt, genauso wie die Sonnen, die angeblich um die Erde geht, da haben wir doch schon gelernt, dass wir unseren Sinnen nicht trauen können... Nur: warum trauen wir dann unseren Berechnungen und Erfindungen?!
Im Endergebnis bedeutet das, dass die sinnliche Wahrnehmung und die Empirie total ausgehebelt werden und das Prinzip von "Experiment und empirischem Beweis" hinfällig geworden ist. Es genügt, in einem Modell zu rechnen, das eine Potestas zur Realität erklärt hat. Dasselbe Dilemma haben wir auch in der Klimadebatte.

Den meisten ist wirklich nicht mehr klar, dass man, wenn man erst einmal einen fiktionalen Rahmen abgesteckt hat, in ihm alles "durchrechnen" und sehr vieles sogar Pi mal Daumen "beweisen" kann. In aller Regel wird eine gigantische Rhetorik aufgefahren, um die auftretenden Ungereimtheiten zu "erklären" bzw vom Tisch zu wischen oder die, die sie benennen, lächerlich zu machen. Manchmal lässt sich das dauerhaft nicht durchhalten, so etwa einst bei Ignaz Semmelweis, den man zum Bekloppten abgestempelt hatte, weil er ärztliche Hygiene in die Geburtshilfe eingeführt hatte: dennoch stellte die Lobby seiner Gegner ihn als Spinner dar. Er landete in der Klapse und starb dort. Die Sache lag hier nun sehr offensichtlich! Je weniger aber "wissenschaftliche Aussagen" empirisch überprüfbar sind, desto länger können sich die Mythen halten.

Davon abgesehen gehe ich davon aus, dass die Alten vieles tatsächlich "wussten", aber aus Respekt vor dem Mysterium (etwa über die grandiose Tat der Weltschöpfung oder über die komplexe und nicht wirklich direkt erkennbare Phänomenologie der Himmelphänomene) in Erzählungen einkleideten. Je älter die Mythen, desto näher dran am Beginn der Dinge. Die Urdinge wusste der Mensch von Gott selbst. Sie sind literarisch aussagekräftig, viel viel mehr als die lächerlichen und absurden, strunzlangweiligen, mechanistischen und lebensfernen Trivialitäten eines Darwin oder der neuzeitlichen Astronomie. Wenn man schon erfindet, dann bitte geistvoll... Jeder Alexanderroman war glanzvoller als dieses Perry Rhodan-Niveau unserer Tage.

Laurenz
10. September 2019 13:17

@links ist wo der daumen rechts ist .... wenn man schon unsere Themen debattieren will, muß man die vielfältigen inneren Widersprüche der Linken kenntlich machen, von denen es zuhauf gibt. Die Linke ist politisch wesentlich deutscher als wir. War sie auch schon, als Herr Hitler "Mein Kampf" schrieb.

Niekisch
10. September 2019 17:15

"Die Linke ist politisch wesentlich deutscher als wir. War sie auch schon, als Herr Hitler "Mein Kampf" schrieb."

Deswegen, werter Laurenz, hat sie ja auch damals die SPD wegen ihres Internationalismus bekämpft:-)

Laurenz
10. September 2019 20:22

@zeitschnur ...... ich will Ihnen da gar nicht widersprechen. Die Tage lief erst eine TV-Doku über Newton, in welcher behauptet wurde, erst Newtons dunkle Seite, seine private "Alchemie-Forschung", hätte zur Entdeckung der Schwerkraft geführt.
Ich widerspreche Ihnen nur beim "göttlichen Funken" bezüglich des Menschen. Entweder ist jegliche Materie, sowohl auch Anti-Materie, wie auch die ganzen Zwischenräume jeglicher Materie davon beseelt oder nichts. Gemäß Carlos Castaneda unterscheidet uns Menschen nur unsere eigene Art der Wahrnehmung von anderen organischen - oder anorganischen Wesenheiten. Castaneda spricht bei dem, was den Menschen ausmacht, von einer Überbewertung des Verstandes, welche unsere eigentlichen menschlichen Möglichkeiten eintrübt, einer Degeneration, die schon seit der Ausrottung der Neanderthaler stattfindet. Als wesentliche Übung, dem zu entkommen, empfiehlt Er die häufige Abschaltung des "inneren Dialogs" (zur Besinnung auf "inneres Wissen") und eine Abwanderung aus urbanen Räumen. Castaneda zu lesen, ist recht aufwendig, weil seine Bücher immer dasselbe behandeln, sie dokumentieren quasi nur seine eigene Entwicklung als Mensch und Spiritualist, und die Veränderung Seiner eigenen Wahrnehmung. Viele warfen Ihm vor, ein Scharlatan zu sein. Aber das verändert nichts an der Plausibilität Seiner Werke. Die von Ihnen ausgesprochene Überhöhung des Menschen ist die wesentlichste Degenerationserscheinung, die uns unser eigentliches Mensch-Sein entbehren läßt. Und daß eine kreationistische Sicht der Dinge derselben Mechanik unterliegen würde, wie alle anderen Schöpfungs-Geschichten, ist wohl hanebüchen. Die Schöpfungs-Erinnerung der Aborigines reicht ca. 60.000 Jahre zurück. Der Erinnerung des Edda reicht weit vor die Würm-Eiszeit bis in die Zeiten eines "leblosen" Planeten Erde ohne organische Wesenheiten, bestehend aus Feuer und Eis zurück. Es handelt sich also nicht um Thesen, sondern um "Erinnerungen", was Ihnen, zeitschnur, doch eigentlich liegen müßte.

Nemesis
10. September 2019 21:50

@Laurenz
„ich habe "The God Delusion" von Richard Dawkins nicht mehr in allen Einzelheiten im Kopfe.“

Dawkins repräsentiert für mich eines der Paradebeispiele der Problematik und der Arroganz in den Naturwissenschaften.
Manchmal kommt man eben auch an den Punkt, an dem man für seine Einstellung zur Rede- und Denkfreiheit zu leiden hat.

„Solange also Glaubenswelten gesellschaftlichen Einfluß haben, bleiben wir in einem geistigen Totalitarismus.“

Zeigen Sie mir einen Menschen, der keine Glaubenswelt hat.
Gesellschaften konstituieren sich aber aus Menschen.

Schlußfolgerung I:
Es existiert keine Gesellschaften ohne Glaubenswelt.
Eine Gesellschaft ohne Glaubenswelt existiert nicht, hat nie existiert und wird nie existieren.

Schlußfolgerung II:
Nicht die Glaubenswelt an sich ist das Problem:
Sondern welche Glaubenswelt welchen Einfluß auf die Konstituierung und Funktionalität einer Gesellschaft hat.

„Ist es nicht vielmehr so, daß Geisteswissenschaften an der Neo-Inquisition scheitern, weil Sie so tun, als könnten sie "Wahrheiten" festlegen, anstatt nur Denk-oder gerne auch Glaubens-Angebote für das Individuum zu machen?“

Ja. Das ist aus meiner Sicht der Grund. Aber sie scheitern aus meiner Sicht nicht. Sie werden dadurch aktiv zerstört.
Unterschied. Großer Unterschied.

@zeitschnur
"Die Wissenschaft hat festgestellt... es ist erwiesen, dass... blabla ist in Wahrheit womöglich reine Erfindung, Konstrukt, ein schlichtes Narrativ und tautologisches Schließen im Narrativ.“

In manchen Aspekten stimme ich Ihnen zu.
In manchen nicht.
Wenn es so wäre, daß die wissenschaftliche Wahrheit grundsätzlich eine reine Erfindung, Konstrukt, ein schlichtes Narrativ und ein tautologisches Schließen wäre, dann würden Sie jetzt nicht an Ihrem Tisch sitzen, auf Ihre Tastatur drücken und das Dach über Ihrem Kopf wäre nicht exakt dort, wo es hingehört. Es wäre: ein schlichtes Konstrukt, ein Narrativ.

Ihre Skepsis über tautologisches Schließen teile ich durchaus:
„Es ist „wahr“, weil es einen theoretischen oder gar empirischen Einspruch („Gegensatz“) schlicht und einfach ausgeschlossen hat aus der Argumentation und nur solche Gedanken und Schlüsse zulässt, die auf seiner eigenen Prämisse beruhen.“

Ich nenne das: Selbstreferentialität des Systems. Es ergibt sich schon aus der Art seines Aufbaus das Sie ja kennen: Axiome, Definitionen, Ableitungen, Beweise, Theoreme etc. Dies kann nur innerhalb seiner sich selbst auferlegten Regeln (Logik) erfolgen. Andernfalls wäre es sinnlos.
Als Ergebnis haben wir ein System geschaffen, daß innerhalb seiner sich selbst gesetzten Regeln durchaus Erstaunliches zu leisten imstande ist: Die gesamte Newtonsche Dynamik (Physik) und letztendlich (fast) die gesamt Technik basieren hierauf.
Der Preis, der dafür zu zahlen ist: Reduktion, d.h. Teilaspekte der Wirklichkeit (was immer das auch sein mag) müssen ausgeblendet werden.
Wer jemals in einer modernen Produktionsanlage war, wird auf den ersten Blick feststellen: Hochkomplex. Jedoch: artifiziell, das ist: sämtliche Strukturen sind beschränkt auf grundlegende Formen der euklidschen Geometrie („Idealisierungen der Formen“). Und das ist aus meiner Sicht kein Zufall, sondern das Ergebnis jener Reduktion, die die Grundlage zur Erschaffung dieses Systems bildeten.
Das gleiche Prinzip können wir in den zeitlichen Abläufen (also nicht nur in den Formen) wiederfinden. Diese zeitliche Abläufe (Dynamiken) sind Abläufe, die wir in der Technik als LTI (Linear-time-invariant) Systeme klassifizieren. Es sind: Reduktionistische Dynamiken, die aus bestimmten idealisierten Signalklassen („Idealisierungen der Zeitabläufe“) generiert werden:
(Ich bezeichne Sie in Äquivalenz zur euklidschen Geometrie als „euklidsche Dynamiken“). Sie sind linear und zeitinvariant, was bedeutet: Sie sind determiniert.

Ein einziger aufmerksamer Blick in die Natur reicht, um zu sehen, daß diese Art der Klassifizierung und Beschreibung der Geometrien und Dynamiken für natürliche, das sind: physiologische und biologische Vorgänge und Formen nicht auseichend sein können.

Die Naturwissenschaft hat großartige Annäherungen an die „Realität“ geleistet, das sollte man auch anerkennen und die Modelle auch würdigen können. Gleichzeitig hat sie jedoch, ganz offensichtlich, auch Ihre Grenzen.
Insofern geht es nicht um ein entweder (alles richtig)-oder (alles falsch).
Das nur in (stark) verkürzter Replik.

zeitschnur
10. September 2019 23:47

@ Laurenz

"Und daß eine kreationistische Sicht der Dinge derselben Mechanik unterliegen würde, wie alle anderen Schöpfungs-Geschichten, ist wohl hanebüchen. Die Schöpfungs-Erinnerung der Aborigines reicht ca. 60.000 Jahre zurück. Der Erinnerung des Edda reicht weit vor die Würm-Eiszeit bis in die Zeiten eines "leblosen" Planeten Erde ohne organische Wesenheiten, bestehend aus Feuer und Eis zurück. Es handelt sich also nicht um Thesen, sondern um "Erinnerungen", was Ihnen, zeitschnur, doch eigentlich liegen müßte."

Das ist in den falschen Hals geraten: Ich sagte doch, dass die Kreationisten gewissermaßen eine neuzeitliche Methode anwenden, wo sie weder greift noch passt oder gar würdig ist. Wohin immer die Mythen zugreifen - es ist bestimmt weder die "Würmeiszeit" noch ein Zeitraum von 600000 Jahren - das ist ein neuzeitlicher Filter, den Sie drüber zwingen, also weg damit. Es war schlicht einmal, wann immer es war.
Lesen Sie meinen Kommentar noch mal - wir stimmen - hurra- wohl doch mal überein. Die Leblosigkeit der heidnischen Erzählungen sowohl als der althebräischen Überlieferung passt doch zu deren Erinnerung: "Tohuwawohu" - "wüst und leer" - übersetzte Luther. Aus einem Urchaoswasser (hebr. "t'hom"), in dem elementar alles bereits vorhanden, aber "durcheinander" war, schuf ER (dessen Geist darüber schwebte). Das ist aber ein Mysterium. Weiter können wir nicht denken, brauchen es auch nicht.

Castaneda habe ich aus einem vielleicht gesunden Impuls heraus nie gelesen. Ihre "Überhöhung" des Menschen ist Blödsinn, wenn sie so ausgedrückt wird - pardon und +pax+. Der Mensch kommt von Gott. Das überhöht ihn nicht, sondern ist das Maß, in dem er alleine lebendig sein kann. Dass er dieses Maß ständig aus einer pathologischen "Demut" unterläuft (hier trennen sich unsere Denkwege vorerst), macht die Welt erst zu einem gottlosen Ort, vor allem, weil er sich selbst damit das Leben nimmt.

Laurenz
11. September 2019 01:15

@Nemesis ... Sie dürfen das beschreiben und definieren, wie Sie wünschen. Was Richard Dawkins angeht, so hat er einfach über Glaubenswelten und Weltanschauungen gar nichts recherchiert, weil er meinte, daß er das als Wissenschaftler nicht nötig hätte, und kehrt ohne irgendetwas zu "wissen" alles über einen Kamm.

Zitat - Es existiert keine Gesellschaften ohne Glaubenswelt.
Eine Gesellschaft ohne Glaubenswelt existiert nicht, hat nie existiert und wird nie existieren. -Zitatende

Da liegen Sie leider voll daneben. In den meisten historischen Gesellschaften konnte man glauben, was man wollte. Erst abrahamitische Relgionen brachten einen mordenden Exklusivitäts-Anspruch in die Welt. Etwas, was Richard Dawkins in seinem ganzen Leben nicht verstehen wird, obwohl er genau deren Moral-Anspruch vertritt. Dawkins ist quasi Marxist, ein Christ/Moslem/Jude ohne Gott.

In der föderalen nordischen Mythologie spielte es keine Rolle, was man glaubte. Entweder war das Heil mit einem oder eben nicht, bei letzterem fiel man eben.

zeitschnur
11. September 2019 09:21

@ Laurenz

Es ist doch gleich, ob man eine Vielfalt an Glaubensformen nebeneinander hat oder einen monotheistischen Zwang: In beiden Fällen ist die Gesellschaft nicht ohne die religiöse Potenz denkbar.
Das hat übrigens auch Jacob Burckhardt so beschrieben.
Es gab niemals eine atheistisch geprägte Kultur oder Ordnung. Und was in der nordischen Welt war, wissen wir schlicht nicht, weil es keine Quellen darüber gibt, die dazu authentsich etwas sagen.

Laurenz
11. September 2019 12:08

@zeitschnur .... das kann Jacob Burckhardt doch halten, wie er will, oder? Durch seine Aussage kommt weder mehr Wahrheit noch weniger Lüge in die Welt, Herr Burckhardt ist also belanglos und nicht durchdacht.
Alleine schon die Definition der Religion bereitet hier Probleme. Die nordische Mythologie reduziert sich auf Wahrnehmung, vermehrt spirituelle Wahrnehmung, ähnlich dem Shintoismus Japans. Und da die nordische Mythologie einem extremen Föderalismus zugrunde liegt, gibt es auch keine proklamierten moralischen Maßstäbe, nur persönlich wahrgenommene Fakten, welche keine Wunderkultur und -tätigkeit versprechen. Es existiert auch kein hergeleiteter Machtanspruch irgendeiner Institution. Eine jegliche Gefolgschaft bleibt freiwillig. Insofern haben wir es hier nicht mit einer "Religion" zu tun, sondern mit einer angebotenen Weltanschauung.

zeitschnur
11. September 2019 14:25

@ Laurenz

Es kann auch Ihnen nicht schaden, die Gedanken bekannter Denker wenigstens nachzuvollziehen und verstanden zu haben, bevor Sie sie verwerfen.
Es geht nicht um verschiedene Formen des Religiösen, die Sie ja richtig beschreiben!
Es geht darum, dass bisher noch keine Kultur oder Ordnung OHNE sie auskam und an der Stelle ein Vakuum hatte. Wenn Sie wider Erwarten eine solche historische Ordnung kennen, dann nennen Sie sie gerne - ich lerne gerne dazu. Die germanische Welt ist jedenfalls nicht religionslos. Es muss ja nicht zwingend institutionalisiert sein. Es geht um die Selbsteinfindung des Menschen im Kosmos. Die Frage, ob sie frei oder unter Zwang stattfindet, ist für die Fragestellung nicht relevant.

Natürlich können Sie mir entgegnen, man müsste nun klären, was man unter einer "Religion" versteht.
Ich jedenfalls verstehe darunter die Rückbindung bzw die Überzeugung es gäbe eine Rückbindung der eigenen Existenz in einen transzendenten Bezugsrahmen. Und das trifft auf den Katholizismus ebenso zu wie auf die Projektionsfläche der nordischen Mythologie, über die wir nicht viel Authentisches wissen. Nehmen Sie an der Stelle also besser den Mund nicht zu voll: Sie und ich wissen nicht, wie die historische Glaubenswelt sich dort ansah und anfühlte. Was wir wissen, ist bereits christliche Rückprojektion oder durch die Brille von heidnischen Nachbarn gesehen (Römer, Perser), ist also tatsächlich - im Gegensatz zu Burckhardts authentischen eigenen Gedanken (!) - wirklich wegen der mangelnden Authentizität und dem fehlenden Selbstzeugnis mit Vorsicht zu genießen. Es sei denn Sie hatten als Nachfahre eine Eingebung darüber, das ist natürlich was anderes, aber leider dann eben wieder etwas Religiöses.

Nemesis
11. September 2019 17:44

@ Laurenz
Zitat - Es existiert keine Gesellschaften ohne Glaubenswelt.
Eine Gesellschaft ohne Glaubenswelt existiert nicht, hat nie existiert und wird nie existieren. -Zitatende
"Da liegen Sie leider voll daneben. In den meisten historischen Gesellschaften konnte man glauben, was man wollte."

Im Gegenteil, Ihre Antwort zeigt doch: ich liege voll drin.
Lesen Sie bitte nochmal genau, was ich geschrieben habe.
Und dann Ihre Antwort darauf.
Meine Aussage bezieht sich nicht explizit auf den christl. oder irgendeinen anderen Glauben. Ich sprach von Glaubenswelten.
Und wenn es nur der Glaube an die nächste Hausse im Dow Jones ist.

"In der föderalen nordischen Mythologie spielte es keine Rolle, was man glaubte. Entweder war das Heil mit einem oder eben nicht, bei letzterem fiel man eben."

Was aber anderes ist das als: Glauben?

@ zeitschnur & @ Laurenz
"Es geht darum, dass bisher noch keine Kultur oder Ordnung OHNE sie auskam und an der Stelle ein Vakuum hatte.
Es muss ja nicht zwingend institutionalisiert sein. Es geht um die Selbsteinfindung des Menschen im Kosmos. Die Frage, ob sie frei oder unter Zwang stattfindet, ist für die Fragestellung nicht relevant."

Exakt das meinte ich.
Und ich machte es daran fest, daß der einzelne Mensch offensichtlich gar nicht anders leben kann. Warum das auch immer so ist.

Mir ist bisher noch kein Mensch begegnet, bei dem das anders war.

Möglicherweise hängt es damit zusammen, daß wir in einer Welt leben müssen, in der man niemals über vollständige Informationen
verfügen wird, um alle zukünftigen Ereignisse voraussagen zu können, um dann eine optimale Entscheidung treffen zu können.
Man muß aber Entscheidungen treffen (Keine zu treffen ist auch Eine).
D.h. um eine Entscheidung zu treffen, muß extrapoliert werden.
Das kann man jedoch nur, wenn man die fehlenden Informationen durch Annahmen ersetzt.
Was aber ist das anderes als: Glauben?

Das meinte ich mit Glaubenswelten.
Mit den sich für mich daraus ergebenden Schlußfolgerungen (s.o.)

Gracchus
11. September 2019 21:03

"Entweder war das Heil mit einem oder eben nicht, bei letzterem fiel man eben." -

"Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
Unendlich sanft in seinen Händen hält."

Rainer Maria Rilke

Laurenz
11. September 2019 22:41

@zeitschnur & Nemesis ..... Sie unterstellen, ich hätte nicht genau gelesen. Ich gehe davon aus, Sie Beide ziemlich genau verstanden zu haben. Wir debattieren also um Definition. Sie übersehen die realen Lebenswelten unserer Kultur.
Als Alleinstehender kann ich heutzutage wie der historische Afrikaner in den Tag hinein leben, und aufgrund der Frische von Lebensmitteln alle 2-3 Tage einkaufen gehen.
Das konnten unsere Vorfahren, Kinder der Eiszeit, so nicht. Sie mußten in die Zukunft planen und glauben, Vorratshaltung betreiben, da man in die Zukunft schauend nur glauben kann und wenn, vielleicht nur bedingt weiß. Ich selbst habe 15 Jahre im Kapitalmarkt gearbeitet. Und wie in allen Märkten handelt jeder und trifft jeder immer Entscheidungen in die Zukunft. Und da er diese nicht kennt, muß er "glauben", keine Frage. Und da Entscheidungen in die Zukunft sehr anstrengend sind (mich hatten diese täglichen Entscheidungsfindungs-Prozesse, wie viele andere Kollegen auch, ruiniert), wünscht sich der Mensch natürlich die Wohlgesonnenheit höherer Mächte, aber auch diese gingen im Heidentum angesichts einer Midgardschlange und einer Sintflut auf dem Sintfeld in der Gnitaheide drauf. Das waren nicht prognostizierte Klima-Katastrophen, sondern tatsächlich natürlich kosmische. Das steht diametral einem mörderischen Hirtenkult gegenüber, welcher einen menschlichen universalen Herrschaftsanspruch über das Weltall, der Welten alle, im totalitären Größenwahn, genannt Religio, Religionis stellt. Ist der Unterschied zwischen Religion und Weltanschauung nun klar?
Das haben Sie, Nemesis, dankenswerterweise natürlich erkannt.
Um, zeitschnur, auf Burckhardt zurückzukommen, Burckhardt hat deswegen Unrecht, weil wir zwar Quellen aus dem Orient vor 1.500 - 3.000 Jahren haben, aber diese die Authentizität der Religion absolut in Frage stellen.
Wenn Sie, zeitschnur, in sich hinein horchen, was Sie in meinen Augen schon recht erfolgreich tun, dabei Ihre zivilisatorische Prägung wegschmeißen, werden Sie ganz authentisch wissen, was unsere heidnischen Vorfahren wahrnahmen und empfanden. Dazu müssen Sie nichts lesen, auch wenn das Lesen gar nicht stört, wenn man sich dessen eingedenk bleibt.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.