17. September 2019

Liberal?

Gastbeitrag / 31 Kommentare

von Heino Bosselmann --- Die Grundlage seiner sich neigenden Erfolgsgeschichte legte der Westen mit einer Politik, die heute als illiberal gelten würde.

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Die Staaten, die den Weltmarkt schufen, gingen – so würde es gegenwärtig heißen – aggressiv, extrem rassistisch und vor allem nationalistisch vor. Aber sie legitimierten sich mittels Rechts- und Staatsauffassungen, die dem Westen als vermeintlich humanistisches Erbe wichtig sind und der Welt als Muster vorgehalten werden.

Nebenbei: Gerade der Begriff des Liberalismus ist stets zu prüfen, verheißt er doch ökonomisch mehr, als er ethisch leistet. So bleibt zu fragen, wer denn genau in den Genuß von juristisch gewährten Freiheitsrechten kommt. Wem nützen sie, weil er die intellektuelle Befähigung und die finanziellen Mittel zu ihrer aktiven Wahrnehmung mitbringt?

Der Marxismus bewunderte den Liberalismus; Marx selbst startete als Liberaler, forderte dann aber zur rechtlichen Emanzipation die soziale. Diesen Anspruch trug die Arbeiterbewegung durch hundertfünfzig Jahre Geschichte, u. a. mit dem Ergebnis, daß sich Zielstellungen sozialdemokratisierten und seit den Fünfzigern vom Primat der Leistung zu jenem der Fürsorge wandelten, mitunter so, daß gar nicht mehr nach Leistung gefragt wird.

Gut, das Wahlrecht hat sich gewandelt, die Menschenrechte wurden formuliert und sind beinahe weltweit einklagbar, kein US-Präsident hält mehr Sklaven, und London steht ein islamischer Bürgermeister vor. Außerdem entschuldigt man sich fortlaufend für die einstige Greuel gegenüber indigenen Völkern, Museumsexponate werden an frühere Kolonien zurückgegeben, das Schuldbekenntnis scheint dauerritualisiert, und in Europa ist man eifrig auf der Suche nach immer neuen Gruppen, die sich diskriminiert und ausgegrenzt fühlen und die man endlich, endlich gleichberechtigen müsse.

Während es mindestens die USA aus pragmatischen Gründen in der Nachkriegszeit ganz selbstverständlich legitim fanden, für ihre Interessen Militärdiktaturen in Lateinamerika und Asien einzuspannen und zum Schutz der Erdölversorgung auf reaktionäre islamistische Regimes zu setzen, während Staaten Westeuropas noch nach 1945 blutige Kolonialkriege führten, schienen die Vereinigten Staaten mindestens in der Regierungszeiten Clintons und Obamas humanistisch durchgeläutert.

Bis Donald Trump die Wahlen gewann. Würde er sich selbst als Liberalen sehen? Sicher nur in gewissen Anteilen. Die Art, wie er eine Konversion liberaler Grundbestände betreibt, ist symptomatisch für die gegenwärtige politische Tendenz. Außenpolitisch jedenfalls ist Trump ganz zu Recht auf China fixiert.

Obwohl der einst so sündige Westen immerfort die Menschenrechte predigte und sich für ein paar illusionäre Jahre in den Neunzigern gerade deswegen als Sieger der Geschichte wähnte, zog er mit seinem Kapitalexport und im Sinne seiner Absatz-, Markt- und Konsumbedürfnisse die nationalkommunistische Diktatur der „Volksrepublik“ Chinas groß und ließ sich dabei mit einer Staatspartei ein, deren Blutspur noch länger ist als jene des Bolschewismus und Stalinismus.

Mag sein, daß der Westen im Sinne des eigenen Narrativs zunächst erwartete, China würde sich gerade durch die Einführung der Marktwirtschaft quasi evolutionär liberalisieren. Als sich das als Trugschluß erwies und das Land sich nach innen so rigoros diktatorisch wie nach außen immer imperialer gebärdete, ließ man das durchgehen, zum einen, weil einem die neue Supermacht längst über den Kopf gewachsen war, zum anderen, weil man wachstumsfixiert den Riesenmarkt des Landes brauchte, allein schon zur Sicherung von Millionen Arbeitsplätzen im eigenen Land.

Daß die moralischen Appelle des Westens nichts als heiße Luft sind, dürfte mittlerweile die ganze Welt wissen. Nirgendwo kämpft der Westen im Sinn der „Menschenrechte“, es sei denn dies legitimiert die Durchsetzung seiner wirtschaftlichen und geostrategischen Interessen. – Gegnern gegenüber, die er noch bezwingen kann. In dem Fall führt er selbst völkerrechtswidrige Kriege wie jenen in Jugoslawien.

China aber ist nicht Serbien, sondern ein Koloß in Ergebnis seiner eigenen ökonomischen Erfolgsgeschichte, seitdem Deng Xiaoping den Kapitalismus im Kommunismus implantierte. Offenbar verhält es sich so, weil die Grundvereinbarungen im Land ganz andere sind als im Westen. Man möchte das nicht bewundern, denn der chinesische Erfolg in Gestalt einer unheimlichen Chimäre aus Turbokapitalismus und Neokommunismus gründet auf politischer Brutalität; man kann es aber bedenken, mindestens in Anteilen, etwa jenen des Bildungswesens und überhaupt leistungskulturell.

China fördert Talente, und sein Konfuzianismus erweist sich nationalkommunistisch als kompatibel. Der Westen hingegen fördert vorzugsweise die Schwachen, was wiederum humanistisch ehrenwert sein mag, aber er bremst systemisch die Starken, wiederum ausgehend von völlig verfehlten Schwerpunktsetzungen seiner Bildungswesen, die eher schlecht und recht sozialpädagogisch betreuen als daß sie Verstand und Sprachvermögen anregen und zur Leistungsbereitschaft erziehen.

Während Europa sich in Teilen als Sozialagentur Schwarzafrikas versteht, betreibt China in dieser Richtung eigennützige Investitionen. Man kann das als Entwicklungshilfe auffassen, sollte das aber wohl eher als modernen Kolonialismus ansehen, der allerdings manchem verlorenen schwarzafrikanischen Land oder mindestens dessen Machthabern entgegenzukommen scheint, zumal China nicht nach Demokratie und Menschenrecht fragt, sondern korrupte Regierungen im Sinne nationalchinesischer Interessen einzuspannen bereit ist.

Der Westen ist fasziniert von China, solange er dort Waren absetzen und von dort Billigprodukte beziehen kann, er sieht aber nicht, daß er gegenüber dieser Diktatur längst auf der Verliererstrecke läuft. Wenn die USA China etwas entgegensetzen wollen, so gelingt das traditionell liberal gerade nicht. Das scheint Trump klar zu sein. Liberales, auch marktliberales Handeln bedarf der Stärke des Akteurs. Es steht zu befürchten, daß diese Stärke schwindet, auf mehreren Ebenen.

Mag sein, man muß aus dem ehemaligen Ostblock kommen, um die Grenzen vermeintlichen Liberalismus erkennen zu können. Empfehlenswert dazu ein jüngst in der FAZ veröffentlichter Essay von Ivan Krastev, einem bulgarischen Politologen, der das Centre for Liberal Strategies in Sofia leitet. Krastev Intention besteht zwar darin nachzuweisen, daß der Liberalismus weiterhin „die politische Idee bleibt, die im 21. Jahrhundert zu Hause ist“, aber er sieht klar dessen Defensive und nennt dafür die Gründe oder stellt mindestens die richtigen Fragen:

Nicht der Aufstieg des Autoritarismus, sondern die Verwischung der Grenzen zwischen Demokratie und Autoritarismus lähmt das liberale Denken im Westen. Was ist der Unterschied zwischen der Behauptung des Kremls, es gebe keine Alternative zu Putin, und unserer These, es gebe keine Alternative zur aktuellen Wirtschaftspolitik? Was unterscheidet Putins Rußland von Erdogans Türkei, Modis Indien und Bolsonaros Brasilien? Und unterschiedet es sich deutlich von Orbáns Ungarn und Trumps Amerika? Sind wir sicher, daß wir noch in liberalen Demokratien leben? Und ist der Unterschied zwischen Demokratie und Autoritarismus überhaupt noch sinnvoll in Gesellschaften, die vom großen Geld und von neuen Technologien manipuliert werden? Das sind die Fragen, die viele Amerikaner und Europäer sich heute stellen. (…) Könnte es sein, daß die konkurrenzorientierten Wahlen im Westen – geprägt von der manipulativen Macht des Geldes, entstellt von der wachsenden politischen Polarisierung und durch einen Mangel an echten politischen Alternativen ihres Sinns entleert – den vom Kreml inszenierten Wahlen ähnlicher sind, als wir glauben möchten? Ist der Aufstieg des Populismus im Westen ein Indiz für eine Konvergenz zwischen Demokratie und Autoritarismus?

Ja, wohin mag es gehen? Weiter, ins Unvertraute.


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Kommentare (31)

quarz
17. September 2019 09:38

Ein bemerkenswertes, aber so gut wie nie reflektiertes Faktum am Rande: der Religionssoziologe Rodney Stark schätzt aufgrund aktueller Bestands- und Wachstumsraten sowie Dunkelzifferanalysen, dass im Jahr 2030 fast 300 Millionen Christen in China leben werden. China wäre dann das christenreichste Land der Erde.

Man darf gespannt sein, wie sich das ggf. auf den "konfuzianischen Nationalkommunismus" auswirken wird.

Caroline Sommerfeld
17. September 2019 13:41

Was soll eigentlich "Autoritarismus" sein? Mir scheint, wir haben es - trotz formal kluger Fragen von Krastev - im Grunde ganz ähnlich wie beim "Rassismus"-Thema mit einer Schlacht mit entleerten Begriffen zu tun.

Nehmen wir dieses unschöne Beispiel. Jürgen Fritz tut sich "ironisch" an Höcke gütlich: https://juergenfritz.com/2019/09/17/bjoern-hoecke-stellungnahme-zdf-interview/, und begründet das auf Twitter mit folgenden Münzen fürs Phrasenschweinchen:
"Es geht wohl weniger um den Menschen @BjoernHoecke als um den liberalismusfeindlichen, völkischen Ideologen, der einen reaktionären Transformationsprozess der Gesellschaft einleiten möchte und die #AfD dazu nur benutzt (#feindlicheÜbernahme)."

"Liberalismus" gegen "Reaktion" oder "Autoritarismus" also. Hier etwa noch gegen Jürgen Fritz anzutreten, um die Begriffe "liberal" und "Liberalismus" zu dekontaminieren, halte ich angesichts von Krastevs als Frage formulierter Überlegung für müßig, nämlich, ob der

"Unterschied zwischen Demokratie und Autoritarismus überhaupt noch sinnvoll in Gesellschaften, die vom großen Geld und von neuen Technologien manipuliert werden"

aufrechterhalten werden kann. Siehe meine kürzlich angestellten Überlegungen zur Programm- und Steuerungsdemokratie.
Auch die "reaktionäre Transformation" (könnt' sein, daß das der "Autoritarismus" sein soll?) ist Bestandteil der Steuerungsdemokratie.

Imagine
17. September 2019 14:20

„Der Marxismus bewunderte den Liberalismus; Marx selbst startete als Liberaler …“

Sorry, das ist Nonsens. Allerdings nicht verwunderlich, denn das, was in der DDR als „Marxismus“ gelehrt wurde, hatte war eine Legitimationsideologie der (post)stalinistischen Funktionärsherrschaft, die wenig oder gar nichts mit Marx zu tun hatte.

Richtig ist hingegen, dass Marx bereits in der Schule die Freiheitsideen des emanzipatorischen Humanismus vermittelt wurden.

Marx begriff, dass das marktwirtschaftlich-kapitalistische System die humaistische Freiheitsidee pervertiert, nämlich Freiheit für ALLE Menschen zu ermöglichen, was bedeutet, dass ein freier Bürger weder Herr noch Knecht ist. Das System der Marktwirtschaft macht die menschliche Arbeit zur Ware und zwingt die eigentumslosen Menschen dazu, sich selbst zur Ware auf dem Arbeitsmarkt zu anzubieten.

Das kapitalistische System der Lohnarbeit schafft eine neue Sklavenklasse, die der Lohnarbeiter. Wirklich frei sind nur die vermögenden Wirtschaftsbürger, denn sie können sich vom Zwang zur Arbeit emanzipieren und ihr Leben frei gestalten, weil sie im kapitalistischen System mit ihrem Geld ein arbeitsfreies Einkommen generieren können.

Aber Geld arbeitet nicht. Es ist die Mehrwertabschöpfung aus der Lohnarbeit, welche dieses leistungslose Einkommen der Vermögenden ermöglicht. Im formellen rechtlichen Sinne ist auch der Lohnarbeiter frei, denn er schließt „freiwillig“ einen Arbeitsvertrag mit dem „Arbeitgeber“. Allerdings unter dem systemischen Zwang, Geld verdienen zu müssen, um sich und seine Familie ernähren zu können.

Ein emanzipatorischer Liberalismus, der allgemeine menschliche Freiheit zum Ziel hat und nicht nur die Freiheit der Vermögenden, ist - wie der Liberalismus eines Friedrich Naumann - zugleich sozialistisch orientiert (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Nationaler_Sozialismus#Friedrich_Naumann)

Es gab in der BRD eine kurze Zeitphase eines freiheitlichen Liberalismus, der als „„Sozialer Liberalismus“ in den Freiburger Thesen programmatisch formuliert wurde.
https://de.wikipedia.org/wiki/Freiburger_Thesen

Der damaige Generalsekretär der FDP Karl-Hermann Flach wirkte maßgeblich an der inhaltlichen Konzeption der Thesen mit.

„1971 veröffentlichte Flach sein Buch Noch eine Chance für die Liberalen. Dieses Werk versuchte auf knapp 100 Seiten, liberale Positionen gegen seine politischen Gegner zu verteidigen und stellt eine vielbeachtete Theorie eines modernen Liberalismus in Abgrenzung u. a. zu sozialistischen Gesellschaftstheorien dar. Flach kommt dort unter anderem zu dem Ergebnis, dass „wenn ernsthafte Gefahr für ihre Besitzpositionen droht, (...) den herrschenden Kreisen in kapitalistischen Staaten die Rettung durch eine faschistische Ordnung lieber sein [kann] als ihr Abstieg.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Karl-Hermann_Flach)

Der Neoliberalismus als Gegenbewegung zum Sozialliberalismus hat eine postdemokratische und präfaschistische Ordnung etabliert. Leider wird dies weder von den konformistischen Linken noch den Rechten begriffen.

Vor 50 Jahren war die Erkenntnis noch präsent: Wenn den Besitzbürgern eine ernsthafte Gefahr für ihre Besitzpositionen droht, dann kann den herrschenden Kreisen in kapitalistischen Staaten die Rettung durch eine faschistische Ordnung lieber sein als ihr Abstieg. Genau dies passiert längst. Die Entwicklung geht in Richtung auf einen Neo-Faschismus.

Faschismus als Begriff beinhaltet die terroristische Aufrechterhaltung des kapitalistischen Systems. Das sollte eine kritische Opposition den systemkonformen Linken und Rechten entgegenhalten.

Der_Juergen
17. September 2019 16:21

Oh je, der Phrasendrescher ist wieder da... Ich hatte gehofft, er werde sich auf diesem Forum nicht wieder zu Wort melden. Aber da war wohl der Wunsch der Vater des Gedankens.

Andreas Walter
17. September 2019 16:53

Absolut betrachtet mag das richtig sein, relativ betrachtet wäre ich mir da nicht so sicher. Was die Länge der "Blutspur" betrifft. Selbst "nur" 4 Millionen Hungertote allein in der Ukraine sind schon ein grösserer Teil dort der Bevölkerung um 1930 als selbst 45 Millionen Chinesen von etwa 650 Millionen drei Jahrzehnte später (um 1960). Die ungekrönten Könige des Massenmords sind und bleiben darum die Bolschewisten.

Dazu übrigens zwei interessante Weltkarten, die ich vor einigen Wochen entdeckt habe. Hilfreich auch, um damalige Weltpolitik zu verstehen:

https://brilliantmaps.com/worlds-population-in-1900/

Meiner Meinung nach hätten die VSA auch nach 1924 noch problemlos ein paar weitere Millionen gerade nach der Weltwirtschaftskrise von 1928/29 bettelarme Süditaliener und auch ehemalige Osteuropäer aufnehmen können, während Europa damals nämlich schon aus allen Nähten platzte. Die Dinge darum immer im Kontext sehen, dann wird auch Évian um so unverständlicher. Brillant ist für diese beiden Weltkarten darum wirklich keine Übertreibung, und auch für Historiker ein absolutes Muss und "Augenöffner" (bewusstseinserweiternd).

Wer also Chinas Führungsstil kritisieren möchte sollte sich erstmal über die Dimensionen klar werden, über die er redet und die er vergleicht. Gegen China sind nämlich selbst die VSA ein Zwerg, zumindest was die Bevölkerung betrifft.

Laurenz
17. September 2019 20:10

Herr Bosselmann meint wohl mehr oder weniger den Weltmarkt nach den Napoleonischen Kriegen, als es nicht mehr möglich war, den Welthandel der europäischen Nachbarn und US Amerikaner zu unterbinden. Denn einen Weltmarkt gibt es wohl schon seit es Menschen gibt. Der Unterschied zum kolonialen Zeitalter besteht in einem nicht-tarifären Kolonialismus, der immer noch durch militärische Bedrohung unterhalten wird. Wenn EU-Fangflotten die west-afrikanische Küste leer fischen, kann sich Entwicklungs-Minister Müller (CSU) sooft im Bundestag feiern, wie er mag, er bleibt eine Pharce. Und die USA und ihre Verbündeten führen bis zum heutigen Tag neo-koloniale Kriege. Von daher bleibt der internationale Liberalismus einer derjenigen, die ihn bezahlen können.

Herr Obama verlagerte schon vor Herrn Trump den wesentlichen Teil der überseeischen Truppen der USA nach Ostasien. Nur die Medien zeichnen ein paradoxes Bild des aktuellen Präsidenten der USA und dem seines seines Vorgängers. Herr Trump tut wohl das, was er kann, aber Ihn als Liberalen zu bezeichnen, wäre absurd. Welche Unternehmer sind denn liberal?

Daß China nicht liberal wurde, war doch abzusehen. Deng Xiaoping erschuf den wirtschaftlichen Nationalsozialismus Chinas. Jegliche andere Definition bleibt eine Krücke. Gorbatschows Weg, die Politik zu liberalisieren ging ja auch durch die Pleite in das übliche Oligarchentum über, welches im Prinzip auch die USA beherrscht. Was der Westen in beiden Staaten hoffte, ist, daß die eigenen Oligarchen die Macht dort übernehmen, wie schon in Südamerika nach dem Rausschmiß der Spanier durch Lord Cochrane.

Der Westen fördert Minderheiten deswegen, weil er die sozialen Strukturen zerschlagen will, es handelt sich hier schlicht um Neo-Marxismus. 

Putin, Erdogan, Jinping, Orbán, Trump, Kaczyński sind doch nur die Antworten auf die oligarche Herrschaft der internationalen Ökonomie. Nicht, daß diese Herren die Oligarchen ausschalten würden, aber sie sind in der Lage eine gewisse Kontrolle auszuüben.

Unsere Medien sind bereits totalitär, extremer als Stalin, denn bei uns gibt es nur Rechts-Abweichler. Zu links sein verbleibt nur noch ein Kavaliersdelikt.

@quarz .... in China werden Minderheiten grundsätzlich wegge"mendel"t.

@Imagine ... Sie haben den politischen Zustand relativ gut beschrieben. Insofern will ich nicht dagegen argumentieren. Allerdings sind 2 Lücken vorhanden. Unser ökonomisches System basiert auf dem Keynesianismus der FED. Natürlich gab es diesen auch schon vor Keynes, Banken erschaffen schon länger Geld aus dem nichts. Würden nur Zentralbanken Geld schöpfen dürfen, was die Schweizer in einer Volksabstimmung ablehnten, wäre dem nicht so. Denn Marx ließ die Banken außen vor, deshalb enthebt sich der Marxismus ja auch jeder Debatte. Marx griff viel mehr das produzierende Unternehmertum an, weil dieses tatsächlich nicht zu ersetzen ist. Dax-Vorstände bleiben da schon außen vor, weil diese schon im Eliten-Sozialismus keine Verantwortung mehr für ihre unternehmerischen Entscheidungen tragen müssen. Echte Unternehmer brauchen echte Vermögen um unternehmerisch tätig sein zu können. Sie, Imagine, haben leider nur von echten mittelständischen Unternehmen keine Ahnung, daher bleibt Ihre Analyse zu starr. Der wahre sozial verantwortliche Theoretiker war weder ein Liberaler noch ein Marxist, sondern gab Seinem Namen her für das Raiffeisen-Genossenschafts-System. Gewinne nach Anteilen, Abstimmung nach Köpfen.

zeitschnur
17. September 2019 20:27

Dieser seltsame Unterschied zwischen "Demokratie und Autoritarismus" ist für mich falsch gesehen.

Das geht schon damit los, dass ich keine Ahnung habe, was "Demokratie" heißt und was nicht. Wir behaupten, unser System sei demokratisch, obwohl das Volk nicht herrscht, sondern faktisch im Untertanenstand gegenüber einer Elite ist, die es formell auch noch alle paar Jahre wählen muss, ohne dass überhaupt je echte Volksvertreter zur Wahl für echte Ämter stünden. In Ämter kommen nicht die Gewählten, sondern die Ausgeburten vorpolitischer Seilschaften.

Dabei ist schon das Grundproblem, dass Denksysteme, die davon ausgehen, dass ein Mensch einen anderen oder gar eine ganze Gruppe im Rang eines Führenden repräsentieren könne, zum Scheitern verurteilt sind. Dieses Denksystem liegt sowohl feudalen als auch angeblich "demokratischen" Systemen zugrunde, die alle in einem kollektivistischen Inferno münden. Wir erleben das derzeit nicht anders als auf seine Weise China, nähern uns nur von zwei Pendelextremen einander an.
Auch die diversen "Volksrepubliken" meiner Kindheit und Jugend nannten sich alle "demokratisch", waren aber autoritäre, kollektivistische (kommunistische) Systeme.
Den Unterschied macht nur aus, wie man die jeweilige Führung solcher Kollektivismen nennt: ob es "Repräsentanten", Große Vorsitzende alias Große Brüder, Hierarchen, Päpste oder sonstige Eliten, Präsidenten oder Führer sind, immer im Verbund mit dem Recht Geld zu prägen/drucken oder Zentralbanken an der Seite zu haben - immer ist die Masse kollektiv aufgestellt, nur die oben haben gewisse tyrannische Freiheiten, die sie unter der Vorgabe des heiligen Zwecks der Führung innehaben.

"Demokratie" und "Autoritarismus" sind also meistens identisch. Wobei nicht jeder "Autoritarismus" vorgibt, demokratisch zu sein. Das war Mode zwischen 1919 und 2019. Jetzt nimmt man die Faschingsmaske wieder ab, spuckt die Kreide ausm Hals und jagt und knurrt mit sinkender Beißhemmung.

Gelegentlich geht "Demokratie" aber auch für Lidschläge Hand in Hand mit einem libertären Ansatz: es soll keine Herrschaft im Sinne der Repräsentanz geben, jeder ist freiheitlich und ungeschmälert für sich selbst verantwortlich, Verantwortung für andere trägt er insofern, als er absolut verpflichtet ist, dass er niemandem schaden darf und Hilfe geben, wenn er es will - nicht weil er es müsste. Führung nur, wenn Führer und Geführte es individuell wollen.

Wir wissen, dass Liberalismus/Libertarismus als Entwurf einer Gesellschaft, die vom Individuum ausgeht und dessen Freiheit, mit keinem kollektivistischen Entwurf wirklich zusammenhält. Weder mit einem katholischen, noch einem faschistischen (was sich überlagert), noch einem sozialistischen, demokratischen, autokratischen, feudalen, neofeudalen, oligarchischen (als Rückseite jeder"Demokratie") oder ökologischen - die sind alle kollektivistisch und damit unverträglich mit Liberalität/Libertarismus.

Libertarismus heißt, dass JEDER einzelne das Ganze repräsentiert, dies aber niemals führend.
Davon sind wir geradezu Äonen entfernt.
Und waren es immer schon.

Thomas Martini
17. September 2019 21:22

In "Reise ans Ende der Nacht" lässt Louis-Ferdinand Céline die Romanfigur Barymont auf Seite 554 unter anderem sagen: "Ich hab zugesehen, Ferdinand, wie der Geist nach und nach aus dem Gleichgewicht geriet und sich dann im Durcheinander der großen apokalyptischen Bestrebungen anfing aufzulösen! Um das Jahr 1900 ist das losgegangen ... Das ist ein Datum!"

Das Ende der Fahnenstange ist offensichtlich noch nicht erreicht. Paar Aussagen die dafür sprechen:

"Der Marxismus bewunderte den Liberalismus;"

"Deng Xiaoping erschuf den wirtschaftlichen Nationalsozialismus Chinas."

[...]"wir haben es [...] im Grunde ganz ähnlich wie beim "Rassismus"-Thema mit einer Schlacht mit entleerten Begriffen zu tun."

"Das geht schon damit los, dass ich keine Ahnung habe, was "Demokratie" heißt und was nicht."

Von dem hier so hochgeschätzen Raskolnikow fand ich eben einen Kommentar unter einem Sellner-Text, in dem Raskolonikow - @Laurenz, das sind nicht meine Worte! - der "NR/IB/AfD-Opposition", "eine systemstabilisierende Funktion" untersellt, und Raskolnikow, nicht ich, meinte dort ferner, "wenn der Widerstand gegen die Zerstörung unserer Heimat und den Untergang Europas auf irgendeine Art Erfolg haben soll, dann müssen wir auch ehrlich sein und uns nicht gegenseitig belügen."

Das waren und sind so Worte, die den Bildungsliteraten und Berufsschwätzern der bundesdeutschen Scheinopposition zum linken Ohr rein, und zum rechten Ohr wieder rausgehen. Keiner von diesen Labersäcken geht dann mal für eine Minute in sich, um sich zu hinterfragen.

Daher meine Bitte: Werfen Sie mir nicht den Ekel vor, den ich mittlerweile hier beim Mitlesen verspüre.

Gast
17. September 2019 21:34

Ja, wohin mag es gehen? Weiter, ins Unvertraute.

Oder, um es mit dem Titel eines Songs der ehemaligen Newcomerband der Nuller Jahre 'Wir-sind-Helden' zu sagen: Von hier an ... blind

Franz Bettinger
17. September 2019 21:39

@zeitschnur: Sie schreiben wunderbar und treffend: "Wir behaupten, unser System sei demokratisch, obwohl das Volk nicht herrscht, sondern faktisch im Untertanen-Stand gehalten wird von einer Elite, die es formell auch noch alle paar Jahre wählen muss, ohne dass überhaupt je echte Volksvertreter zur Wahl für echte Ämter stünden. In Ämter kommen nicht die Gewählten, sondern die Ausgeburten vorpolitischer Seilschaften.“ Chapeau!

Nordlicht
18. September 2019 08:33

Einige Anmerkungen:

a. Der Westen war sicherlich nicht "sündiger" als andere Akteurs-Regionen.

b. Die Vorstellung, dass der Westen das natinalkommunisiche China "groß gezogen" hat, ist überheblich.

c. Für die Klärung, ob sich in China als Folge eines breiten Wohlstandes individuelle Freiheitsrechte ausbreiten werden, ist es noch zu früh.

d. Man sollte Wissenschaft, Forschung und Innovationsfähigkeit in China nicht übeschätzen. Studenten denken überwiegend schematisch und scheuen sich, eigene Fragen zu formulieren. Verwaltung und Industrie sind nach wie vor traditionell-hierarchisch strukturiert: Schlechte Voraussetzungen für wirkliche Innovationen.

e. Wie lange Chinas totalitärer Staatskapitalismus (- oder wie auch immer man diese spezifische Gesellschaftsform bezeichnet) die seit 1985 laufende Erfolgsgeschichte wird fortsetzen können, ist offen.

Imagine
18. September 2019 08:36

@zeitschnur 17. September 2019 20:27
„Libertarismus heißt, dass JEDER einzelne das Ganze repräsentiert, dies aber niemals führend.
Davon sind wir geradezu Äonen entfernt.
Und waren es immer schon.“

Diese Vorstellung von individueller Freiheit ist Äonen von der gesellschaftlichen Wirklichkeit entfernt.

Wie soll in einer hocharbeitsteiligen Gesellschaft, wo die meisten Menschen sich immer mehr spezialisieren und zu repetitiven Teilarbeitern werden, „JEDER einzelne das Ganze“ bewusstseinsmäßig repräsentieren?

Realität ist, dass im Kapitalismus die meisten lohnarbeitenden Menschen zwangsläufig zu a-sozialen Egoisten und Autisten werden. Sie befinden sich im Survival Mode in einer Konkurrenzgesellschaft, in einem alltäglichen Kampf von jeder gegen jeden und versuchen, nicht den Job zu verlieren oder mit ihrem Geschäftsmodell pleite zu gehen, um nicht mit ihren Familien ins ständig wachsende Prekariat exkludiert zu werden.

Geschätzt die Hälfte - vielleich sogar mehr - der Lohnarbeiter und Dienstleistenden befinden sich in gesellschaftlich unnützen oder sogar schädlichen Bullshit-Jobs, die den Charakter von Hamsterrädern haben. Viel Aktivität ohne gesamtgesellschaftlich einen Millimeter vorwärts zu kommen. Trotz wissenschaftlich technischen Fortschritts müssen die Menschen immer mehr und intensiver arbeiten bei sinkendem Wohlstand, während in einer gesamtgesellschaft rational konziperten Ökonomie der allgemeine Wohlstand steigen und die Arbeitszeit senkt werden würde.

Trotz dieser Tatsachen, steigt die Zahl der Irren, die Parteigänger von Marktwirtschaft und Kapitalismus sind. Diese Menschen begreifen nicht, dass sie sich in einem System befinden, in dem sie sich selbst arm arbeiten, während sie eine kleine Minorität von Vermögenden immer reicher machen.

Der Anteil der Menschen, welch die Funktionsweise dieses Systems noch begreifen, geht tendenziell asymptotisch in Richtung Null, und zwar links wie rechts.

Maiordomus
18. September 2019 09:19

@Thomas Martini. Raskolnikov, über den ich mich im Zusammenhang mit dem entschieden Antibürgerlichen der deutschen Rechten und speziell Schnellroda, vgl. das Buch "Tristesse droite" von Kositza, hier durchaus anerkennend vermochte, zähle ich zu den metapolitisch reflektierenden "Elementen", nicht zu den "Praktikern" der politischen Arbeit. Für praktische politische Arbeit in einem demokratischen System mit Wahlen sind solche Leute nun mal nicht geeignet, sogar eher schädlich als nützlich. Man könnte sie zum Beispiel zumal in der Schweiz in keiner Weise gebrauchen. Trotzdem soll er als "Element" in seiner Radikalität ernst genommen werden und man kann ihm auch dort, wo er theoretisch leider zum Teil recht hat, recht geben. Umgekehrt erweist sich Sellner gerade in seiner neuesten durchaus exakten Analyse der Wahlwerbung im österreichischen Wahlkampf als politisches Talent. Ihn kann man offenkundig für praktische politische Arbeit gebrauchen, hier ist er auch stärker als in politischer Philosophie, in die er nun mal noch ungenügend eingearbeitet ist, da ist ihm Lichtmesz überlegen . Diese praktische politische Alltagstauglichkeit für konkrete Arbeit bei Wahlen und Abstimmungen würde ich jedoch bei Ihnen, @Martini, eher schon ausschliessen. Behalten Sie vielleicht Ihren Ekel besser für sich.

Laurenz
18. September 2019 10:19

@Thomas Martini .... wenn wir, wie das auch Herr Bosselmann tat, über öffentliche Personen der aktuellen und historischen Zeitgeschichte schreiben, können wir das guten Gewissens tun, denn Wirkungen politischen Handelns sind nicht immer, aber bei diesen oft offensichtlich. Wenn Sie aber, ähnlich, wie Imagine das handhabt, Mio. von deutschen & europäischen Menschen über einen Kamm scheren, wird die Debatte schwierig, denn Sie kennen die alle ja nicht.
Wenn ich der Meinung bin, daß ich in dieselbe Kerbe schlagen müßte, wie Sie, bin ich vorsichtiger. Einerseits nutze ich meist das zweifelhafte Pseudonym des Deutschen, den Michel, und andererseits betrachte ich die Handlungen der nicht-veröffentlichten Mehrheit passiv, in dem ich zB auf die nicht vorhandene öffentliche politische Reaktion der Besteuerung von Renten, eingeführt durch die Rot-Grüne Koalition, eingehe, die tatsächlich auch jeder einzelne nachvollziehen kann, denn wie Herr Kaiser schrieb, wählten die Rentner in Sachsen und Brandenburg die Altparteien. Mit Verlaub, wenn Sie und viele andere hier auf SiN, eine gewisse Kultur verbal pflegen, so hatte Marx doch in einem einzigen Punkt Recht. Das Materielle bestimmt das Sein der meisten Menschen. Oder sehen Sie das anders?

Vom daher, werter Thomas Martini, kann ich mit Ihren göttlichen Urteilen über andere, wie auch mit denen von Imagine, reichlich wenig anfangen. Das betrifft natürlich alle die vielen Aussagen nicht, die nachvollziehbar bleiben. Aber es liegt auch an Ihnen Beiden für Nachvollziehbarkeit zu sorgen.

@Franz Bettinger @zeitschnur ..... Ich kann Dir, Franz, und auch zeitschnur da voll zustimmen, aber auch nur dann, wenn man den Blick sehr weit faßt. Ich möchte hier noch mal auf die Artikel von Herrn Kubitschek & Co. zu den Wahlen in Sachsen und Brandenburg verweisen. Dort stand klar die Forderung an die rechten Bürger, sich mehr um die lokalen Befindlichkeiten zu kümmern. Die ehemaligen Volksparteien haben sehr wohl "ehrenamtliche" Mitglieder, die sich in jeder Popel-Gemeinde freiwillig in den Haupt- und Finanz-Ausschuß setzen, um die lokale Infrastruktur am laufen zu halten. Und wer hier auf SiN empfindet schon den Haushaltsplan von zB Büdingen als spannend und macht diesen zu seiner Pflichtlektüre? Sich also auf "Friday-for-Idiots"-Demos hinzustellen und von anderen zu verlangen, daß sie endlich mal etwas täten, wird doch dann im Sande verlaufen, wenn man 2 Abende die Woche sich im Gemeinderat mit der Gestaltung der Ortsmitte und der Abwasser-Verordnung beschäftigen muß, mit überteuerten Parkbänken oder ohne. Am meisten Spaß macht dann doch die Umsetzung von Brüsseler EU-Vorgaben. Unsere griechischen Lokal-Politiker leben das ganz anders. In Griechenland betreiben nur 30% der Gemeinden eine Mülltrennung. Wie oft weilten Greta und ihr Idioten-Kreuzzug schon auf griechischen Inseln?

Nur, wenn wir, wie das Herr Kubitschek & Herr Kaiser forderten, selbst die Verwaltung auf der untersten Ebene durchdringen, haben wir die Möglichkeit der Veränderung. Die Alt68er haben das jetzt 51 Jahre lang gemacht. Unsere Beschwerden bleiben dann haltlos, wenn man sich diese Tortur ersparen will. Und Franz & zeitschnur, wie sieht es damit bei Euch/Ihnen aus? Ist man sich zu fein dazu? Hat man wichtigeres zu tun?

heinrichbrueck
18. September 2019 11:04

@ Thomas Martini
Wenn Bosselmann das Thema holzschnittartig in einem Beitrag anzugehen versucht, hat es auch einen Vorteil. Kommentare können manchmal detailreicher rüberkommen, ohne der Herangehensweise insgesamt Schaden zufügen zu können. Bleiben Dinge ungesagt, darf widersprochen werden etc. Es muß deshalb nicht falsch sein, hängt immer an der Perspektive. Deshalb können Sätze interessant sein, je nachdem wie sie aufgenommen werden. Geht es ins Unvertraute? Für manche schon. Ein Herrscher regiert nicht ins Unvertraute hinein, dem sind die Gesetzmäßigkeiten bekannt. Einem Beherrschten kann die Einsicht schon unvertraut sein, zwingt ihm die Erkenntnis eine Revision auf.
Beispiel Demokratie. Wird übersetzt mit Volksherrschaft. Wie soll in der Realität ein Volk herrschen? Es ist nicht möglich! Geherrscht wird trotzdem. Wem dienen die Parteien, die Politiker? Wäre eine Volksherrschaft ohne Parteien möglich? Nicht gegen das Volk, sondern für das Volk. Einige würden dann sagen: mit dem Volk. Manche Wähler haben Phantasie. Dann müssen sie nicht konkret werden.

Gustav
18. September 2019 12:29

@ Imagine

Mit seiner „Vergötzung“ der Ökonomie verbleibt der Marxismus klar innerhalb der kapitalistischen Gedankenwelt, die ebenfalls im Eigennutz des Menschen die Haupttriebkraft der Geschichte sieht. Während der Liberalismus vom Weltmarkt den Ausgleich dieser egoistischen Individualinteressen zu einer Art von gesellschaftlicher Harmonie erwartet, erhofft der Marxismus von der „Weltrevolution“ den gleichen Effekt. MARX unterschlägt aber – ob bewußt oder unbewußt – in seiner Konzeption die dominierende Rolle des internationalen Finanzkapitals. Im Gegensatz dazu ist das nationale Produktivpotential Zentrum des Angriffs, das sich – entsprechend seinem ausbeuterischen, kriegslüsternen, nationalistischen, imperialistischen Wesen – in nationalen Konkurrenzkämpfen zerfleischen soll: „Die Kleinbürgerschaft ist nächst den Bauern die miserabelste Klasse, die zu irgendeiner Zeit in die Geschichte hineingepfuscht hat.“ und: „Wenn aber das Kapital diese Klassen der Gesellschaft vernichtet [Zunfthandwerker, Kleinkrämer durch die Bourgeoisie], die durch und durch reaktionär sind, so tut es, was seines Amtes ist, und tut ein gutes Werk. ... Es hilft den zurückgebliebenen Preußen und Österreichern vorwärts, daß sie endlich auf den modernen Standpunkt kommen, wo alle gesellschaftlichen Unterschiede in den großen Unterschied aufgehen von Kapitalisten und Lohnarbeitern.“ ENGELS sieht in der Bourgeoisie nicht nur einen Partner bei der Zertrümmerung einheimischer „kleinbürgerlicher“ Sozialstrukturen, sondern auch einen weltweiten Partner bei der Globalisierung des „Proletengeschäfts“. Die Definition der zwei Formen des Bürgertums, von Kleinbürgertum und Bourgeoisie, gibt ENGELS folgendermaßen:
1. Kennzeichen des Kleinbürgertums (Mittelstand): Lokale Interessen, Arbeitseigentum, lokaler Markt, geringe Kapitalien, langsamer Kapitalumschlag.
2. Kennzeichen der Bourgeoisie (Großbürgertum): universelle Welthandelsinteressen, Handel mit Geld, große Kapitalien, schneller Kapitalumschlag.

Wer also wie MARX und ENGELS in der liberalen Entartungsform des Bürgertums (das in Deutschland eine hervorragende kulturelle Rolle spielte) zur finanzkapitalistisch-weltbürgerlichen „Bourgeoisie“ einen Wegbereiter eigener sozialistischer Bestrebungen begrüßt, ist selbst Wegbereiter der „Bourgeoisie“.

Der Marxismus in der Form des Kommunismus war auch keine Gegenkonzeption zum Kapitalismus, denn zur Macht kam er in einem nichtkapitalistischen Land, konnte das Weltkapital somit nicht schädigen; durch eine nachgeholte Proletarisierung der ländlichen Bevölkerung Rußlands machte er die Sowjetunion reif für den Weltmarkt, und indem er den multinationalen Konzernen seine billigen, willigen und nichtstreikenden Arbeitermassen zur Verfügung stellte, überführte er seinen Parteikonzern in die kapitalistische Weltwirtschaft. Mit der Vorstellung einer international genormten Welt befanden sich die Bolschewisten zudem in völliger Übereinstimmung mit den Marketingstrategen des internationalen Großkapitals. Diese sahen in den nationalen Verschiedenheiten und Absonderungen der Völker das entscheidende und zu bekämpfende Hindernis für eine weltweit genormte Massenproduktion. Es wundert daher nicht, daß der Hauptnutznießer des bolschewistischen Gesellschaftsumsturzes in Rußland ausländische Kapitalisten der USA waren.

zeitschnur
18. September 2019 13:32

@ Laurenz

Ihre persönlichen Anwürfe gegen @ Franz Bettinger und mich ignoriere ich einfach mal als sowieso nicht satisfaktionsfähig, aber der Rest vom Abschnitt

"Nur, wenn wir, wie das Herr Kubitschek & Herr Kaiser forderten, selbst die Verwaltung auf der untersten Ebene durchdringen, haben wir die Möglichkeit der Veränderung. Die Alt68er haben das jetzt 51 Jahre lang gemacht",

in dem Sie sich als schwanzwedelndes Sprachrohr bewunderter Herren ausgeben, ist mE aus folgenden Gründen realitätsfern:

Auf diesen unteren Ebenen dürfen ein paar Ehrenamtliche dafür arbeiten, dass sie nach erfolgtem Aufstieg der Regionalgruppe, einen Tritt in den Allerwertesten bekommen und danach zusehen müssen, wie alles, wofür sie sich verkämpft hatten, langsam aber sicher konterkariert wird.
Ich weiß nicht wie alt Sie sind und wie viel Erfahrung Sie haben, aber ich habe bei einem Freund über Jahrzehnte weg zusehen müssen, wie sein ehrliches und idealistisches Engagement, das er mit eben solchen Illusionen, wie Sie sie vortragen, über Jahrzehnte weg für die Grünen aufbrachte, nachdem sie in der Bundesregierung angekommen waren, mitsamt einigen anderen aus meiner Sicht integeren Typen, mehr als kaltschnäuzig und intrigant geschasst wurde. Die Mohren hatten Steigügel gehalten und waren zu naiv, das vorher zu erfassen... Muss man diese Erfahrung nun unbedingt wiederholen? Wäre es nicht besser, seine Kräfte effizienter zu bündeln?
Dass diese Typen alle Gründungsmitglieder waren, samt meinem Freund, macht die Sache noch schmerzlicher.
Ihr Denkfehler ist der, dass Sie nicht sehen können, dass man nicht nur auf den gängigen Wegen der Macht Macht ausüben kann. Die wirklich effiziente Frage ist, wie man Einfluss ausüben kann, ohne sich von diesem System verwursten lassen zu müssen. Wer mit dem Satan mit dessen Mitteln kämpft, ist am Ende selbst einer.

Den Sieg haben auch nicht die "Alt68er" geschafft - sind Sie eigentlich blind und taub: deren Konversion ins "Spießerlager" ist doch seit Jahrzehnten sprichwörtlich. Kaum im Chefsessel, haben sie jeden AltCSUler von "rechts" überholt, auch wenn sie weiterhin links wählten. Hier liegt der Hase im Pfeffer. Kaum einer ist autoritärer, machtorientierter und geldgeiler als sie.

Wer immer von welcher Seite her dieses System ändern wollte, landete punktgenau im Herzen des Systems. Oder er bleibt eben draußen, wie man das ja auch sehen kann - manche Alt68er (die nicht im System landeten) sind heute "rechte" Outlaws, manche sind ganz von der Bildfläche verschwunden, manche sind nach wie vor überzeugte (echte) "linke" Outlaws.

@ Imagine

Uns trennt das Menschenbild - Ihres ist negativ, Sie bashen die kleinen Leute. Ich finde das nicht richtig. Die Kleinen sollten immer unser Verständnis und unser Mitgefühl haben.
Meines ist trotz allem positiv.
Ich lehne Herrschaft ab - sie ist Teufelszeug, und endet immer infernalisch. Ein Blick in die Geschichte genügt. Und zwar in jede - egal in welcher Nation.
Herrschaft basiert auf dem Wahn , in einem hierarchischen System könnten "Obere" "Untere" "vertreten oder gar "darstellen" oder aber vor Gott repräsentieren.
Wenn ich das strikt ablehne gibt es nur eine Alternative:
Freiheit kann nur vom Individuum her gedacht werden, aber nur dann klug und gesund, wenn jeder und jede ausnahmslos verpflichtet ist, Repräsentant des Ganzen zu sein, ohne dies mit einem Machtanspruch verbinden zu können.
Das ist nicht realitätsfern, sondern in Ansätzen immer wieder erfahrbar, zB in einer Familie:
jedes Mitglied steht für die Familie, ist aber dennoch vollkommenes Unikat. Niemand hat in der Familie dieselbe Rolle wie ein anderer in ihr, keiner hat die Herrschaft, man kann aber führende Aufgaben an einen delegieren, wenn dem freiwillig und reversibel zugestimmt wird. Es handelt sich dabei nicht um "Macht", sondern einfach nur einen Dienst aufgrund guter Eignung, die bewiesen sein muss. "Eigentum verpflichtet" gewissermaßen.

Realitätsfern ist vielmehr, nach Jahrtausenden verheerender Hierarchien und ihrer gesammelten Eskalation und Tyranneien immer noch an deren Richtigkeit zu glauben.

Maiordomus
18. September 2019 13:46

Was hier oben über Lokalpolitik gesagt wurde, die Gemeindefinanzen, die konkrete und in Verantwortung stehende Beobachtung zum Beispiel der Umsetzung von Brüsseler Vorgaben vor Ort und dergleichen, hat mit den Grundlagen des politischen Lebens zu tun. Der konkrete und praktische "Endverbrauch" der Politik findet vor Ort statt. Athenische Demokratie zum Beispiel war ausschliesslich Lokalpolitik, wie es Sokrates persönlich erlebte, allerdings auf Dauer leider unangenehm. Da kann man sich speziell unmöglich machen, heute allein schon mit dem Outing, dass man mit der nationalen oder dem Bundesland bezogenen Politik der Altparteien nicht immer einverstanden ist. Zugleich geht es auf lokaler Ebene nicht ohne Kompromisse ab jenseits von Parteienfeindbildern. In Italien gab es zum Beispiel schon immer und besonders zur Zeit des Kalten Krieges gute kommunistische Lokalpolitiker. Insofern halte ich es auch keineswegs ausgeschlossen, dass es im heutigen Deutschland irgendwo einen brauchbaren, anständigen und vertrauenswürdigen Ortsvorsteher z.B. mit NPD-Hintergrund hätte geben können. Mir sind rein historisch, etwa im Badischen, aus der Zeit des 2. Weltkrieges durchaus anständige Dorf- und Kleinstadtbürgermeister mit NSDAP-Parteibuch bekannt. Warum sollte es das nicht gegeben haben dürfen? Dies scheint allerdings in Deutschland für viele psychisch undenkbar, wiewohl es zu allen Zeiten bekanntlich anständige Muslime, möglicherweise sogar anständige Katholiken gegeben hat und gibt.

Imagine
18. September 2019 17:05

@Gustav 18. September 2019 12:29
„Mit seiner „Vergötzung“ der Ökonomie verbleibt der Marxismus klar innerhalb der kapitalistischen Gedankenwelt, die ebenfalls im Eigennutz des Menschen die Haupttriebkraft der Geschichte sieht.“

Welchen „Marxismus“ meinen Sie? Den „Arbeiter-Marxismus“ der Arbeiterbewegung, den „DDR-Marxismus“ der SED-Funktionäre, den „Marxismus“, wie er in den Mainstream-Medien falsch dargestellt wird, den „Marxismus“ der ML-Sektierer, die nach wie vor an das Proletariat als den Erlöser der Menschheit glauben und eine „Diktatur des Proletariats“ ersehnen?

Heute liest man allenthalben nur Nonsens über Marx, weil es kaum noch jemanden gibt, der die Marxsche Theorie ordentlich studiert hat. Zumal es keine Professoren mehr an unseren Hochschulen gibt, welche das Marxsche Werk vermitteln können und daher nur papageienhaft die Vor- und Fehlurteile über Marx weitergegeben werden.

Bei Marx ist Ökonomie im Kern Naturwissenschaft. Er versteht den Menschen als ein Lebewesen, das im Stoffwechsel mit der Natur steht. Solange Mangel herrscht, treten sich Menschen in Konkurrenz und Feindseligkeit gegenüber.

Mangel herrschte in der Vergangenheit deshalb, weil die Produktion der zum Überleben notwenigen Güter nicht Schritt hält mit der Vermehrung der Menschen.

Der wissenschaftlich-technische Fortschritt und die damit verbundene Industrialisierung ermöglichen erstmalig in der Geschichte der Menschheit eine ökonomische Überproduktion. Der Kapitalismus spielt hierbei eine vorwärtstreibende Kraft.

Bei Marx findet sich keine „`Vergötzung´ der Ökonomie“, sondern die Ökonomie ist die materielle Basis für das Leben der Menschen.

„Während der Liberalismus vom Weltmarkt den Ausgleich dieser egoistischen Individualinteressen zu einer Art von gesellschaftlicher Harmonie erwartet, erhofft der Marxismus von der „Weltrevolution“ den gleichen Effekt.“

Das ist nicht Marx, das ist die kommunistische Illusion von „neuen, sozialistischen Menschen“.

„MARX unterschlägt aber – ob bewußt oder unbewußt – in seiner Konzeption die dominierende Rolle des internationalen Finanzkapitals.“

Keineswegs. Darauf geht er im Band III des „Kapitals“ (MEW 25) ein.

Bei Marx sollte – so meine These – unterschieden werden zwischen der wissenschaftlichen Analyse der Gesellschaft, welche nach wie vor ein grundlegendes Werk für die Gesellschaftswissenschaften darstellt, und seiner Revolutionstheorie, die spekulativ war und sich als falsch herausgestellt hat. Das Proletariat war und ist nicht das ersehnte revolutionäre und emanzipatorische Subjekt, eine „Diktatur des Proletariats“ führt nicht zur Befreiung der Menschheit, sondern in das Gegenteil.

Selbstverständlich ist die kritische Gesellschaftstheorie nicht auf dem Stand vor 150 Jahren stehengeblieben. Man hat sich in der Sozialwissenschaft von der Idee einer „Revolution von unten“ verabschiedet. Daran glauben nur noch ein paar sektiererische Retro-Kommunisten und es gibt auch noch ein paar Rechte, die an eine „Volksrevolution von unten“ glauben.

zeitschnur
18. September 2019 18:15

@ Gustav

Sie haben einen treffenden und wirklich scharfsinnigen Kommentar geschrieben - danke!

Franz Bettinger
18. September 2019 21:36

@Laurenz, du fragst im Ernst: "Franz & zeitschnur, wie sieht es aus? Ist man sich zu fein zur Kärrner-Arbeit an der Basis?“ Mein Lieber, ich bin da unten ziemlich eingebunden, fast tagtäglich. Bin da beinahe Feder- und Bizeps-führend. Das wirst du demnächst wieder erleben, wenn wir mit >30 Mann und Frau ums Lagerfeuer sitzen. Komm!

Imagine
18. September 2019 22:04

@zeitschnur 18. September 2019 13:32
„Uns trennt das Menschenbild - Ihres ist negativ, Sie bashen die kleinen Leute. Ich finde das nicht richtig. Die Kleinen sollten immer unser Verständnis und unser Mitgefühl haben.
Meines ist trotz allem positiv.“

Ja, Gratulation! Sie gehören zu den Gutmenschen, die für sich ohne Rücksicht auf die Realität ein positives Menschenbild reklamieren.

Aber was ist daran positiv, wenn man Verständnis und Mitgefühl dafür aufbringt, dass Sklaven weiterhin Sklaven bleiben wollen?

„Ich lehne Herrschaft ab - sie ist Teufelszeug, und endet immer infernalisch. Ein Blick in die Geschichte genügt. Und zwar in jede - egal in welcher Nation.
Herrschaft basiert auf dem Wahn , in einem hierarchischen System könnten "Obere" "Untere" "vertreten oder gar "darstellen" oder aber vor Gott repräsentieren.“

Dass Sie Herrschaft ablehnen, interessiert aber weder die Herrschenden noch deren Knechte.

Bekanntlich sind die glücklichen Sklaven die erbittertsten Feinde der Freiheit (Marie von Ebner-Eschenbach).

„Freiheit kann nur vom Individuum her gedacht werden, aber nur dann klug und gesund, wenn jeder und jede ausnahmslos verpflichtet ist, Repräsentant des Ganzen zu sein, ohne dies mit einem Machtanspruch verbinden zu können.
Das ist nicht realitätsfern, sondern in Ansätzen immer wieder erfahrbar, zB in einer Familie.“

Eine Klassengesellschaft funktioniert nicht wie eine Familie. Es ist töricht, die Familie als Beispiel für die Gesellschaft anzuführen.
Sondern in einer antagonistischen Klassengesellschaft gibt es jene, die arbeiten (müssen), und andere, die ein leistungsloses Einkommen erzielen. Letztere bilden die herrschende Klasse. Und diese Herrschenden sind bereit, alles tun, dass sich dies nicht ändert, gegebenenfalls mit (staats)terroristischen Mitteln.

Mir scheint, Sie leben bewusstseinsmäßig in einer anderen, einer subjektiven Realität.

Laurenz
18. September 2019 22:37

@zeitschnur .... Ihre Antwort zeigt nur, daß Sie Sich noch nie damit beschäftigt haben, wie eine Kommune oder ein ´Landkreis funktionieren. Das Sitzungsgeld für Sitzungen des Gemeindeparlaments reicht für die ehrenamtlichen Gemeindevertreter meist nicht mal für ein Abendessen. Und nur die wenigsten Kommunen leisten sich, wie der Stadtstaat Bremen 3 voll bezahlte Berufsparlamente. Deswegen vegetiert Bremen ja auch in einer Dauerpleite. Und in Deutschland existieren knapp 11.000 Kommunen und 294 Landkreise. Gemeinderatssitzungen sind öffentlich. Besuchen Sie doch mal eine, damit Sie uns hier nicht weiter lächerlich machen.

Laurenz
18. September 2019 22:54

@Imagine @Gustav ..... Sie täuschen Sich. Das Werk von Marx, (Marx war ein fauler Sack) reduziert sich auf den 1. Band des Kapitals. Der große Rest basierte auf dem Fleiß von Engels. Und das Gesamt-Werk ist vollkommen belanglos. Der einzige Sinn und Zweck dieser großen Täuschung ist der Versuch, permanent das Verbot von Privateigentum zu rechtfertigen, um das es einzig geht. Im Kapitalismus besteht immer, zumindest theoretisch, die Gefahr/Chance, daß ein Krupp oder Rockefeller zu Lebzeiten ein größeres Imperium erschafft, als die aktuell Mächtigen es innehaben. Das fällt bei einem Verbot des Privateigentums flach, der Weg ist frei für totalitäre Macht.
Der Sowjet-Bürger erwirtschaftete auf 2,5% der (privaten) Agrarfläche (also in der Vorgärten der Mietskasernen) 70% aller Erträge der sowjetischen Agrar-Wirtschaft.
Wie Herr Hitler bemerkte, ist der Erwerbstrieb des Menschen ein Naturtrieb. Im ehemaligen Jugoslawien gab es das berühmte Sprichwort:" Der Staat kann mir gar nicht so wenig bezahlen, wie ich wenig arbeiten kann." Die Debatten über Marx bleiben eine reine Zeitverschwendung. Wer glauben will, kann in die Kirche gehen.

Ratwolf
19. September 2019 02:33

Man sieht mit zunehmender praktischer Realisierung der Ideale der französischen Revolution (zb Wahlrecht) einen Anstiegt der manipulativen und zensorischen Beeinflussung der für die Wählerschaft relevanten Medien

:)

Maiordomus
19. September 2019 08:43

@Imagine. Marx ist vergleichsweise immer noch bekannter und im Grundsatz erforschter als zum Beispiel Rousseau, der meines Erachtens völlig zu Unrecht von der totalitär-jakobinischen Linken beansprucht wird. Von Bedeutung bleiben für mich die Marx-Studien von Eric Voegelin, der Frageverbote bei Marx nachgewiesen hat, das Standardwerk über den jungen Marx "Karl Marx - die revolutionäre Konfession" von Ernst Kux, vor rund 50 Jahren erschienen und nicht zu vergessen die differenzierten Ausführungen, die der rechte Publizist und Humanist Gerd Klaus Kaltenbrunner in der Herder-Buchreihe Initiative im Band "Terror" über Marx als Gegner des anarchistischen Terrors und Befürworter des Massenterrors gemacht hat. Massenmorde sind im marxistischen System durchaus legitim, wenn sie die "Richtigen" treffen! In diesem Sinn kann zum Beispiel Mao durchaus als Marxist durchgehen.

zeitschnur
19. September 2019 09:07

@ Imagine

"Das Proletariat war und ist nicht das ersehnte revolutionäre und emanzipatorische Subjekt, eine „Diktatur des Proletariats“ führt nicht zur Befreiung der Menschheit, sondern in das Gegenteil."

Habe gerade mein Gehirn durchgraben nach einer proletarischen Revolution und proletarischen Diktatoren.
Und nichts entdeckt: "Ihre Suche ergab keinen Treffer."
Das Proletariat war ebenso wie heute das "Klima" oder die "Flüchtlinge" auch für und durch Marx nur eine Hohlformel und leere Projektionsfläche für einen neuen Machtakt der sowieso schon Herrschenden, um in ihrer privat-satanischen Eschatologie vor den Massen - indem sie deren Interessen zynisch und für jene schmerzlich benannten und instrumentalisierten - eine Legitimation des neuen Kapitels ihrer Perversionen zu illuminieren.

Grobschlosser
19. September 2019 10:35

möchte den Bezug auf die VR - China kommentieren .

1) die Chinesen arbeiten ( spätestens seit 1978 ) auf nahezu allen Ebenen realpolitisch - pragmatisch ( VW seit 1978 in China engagiert ) , bis heute werden deutsche Konzepte 1:1 übernommen bzw. illegal kopiert ( siehe Transrapid ; Marktreife in Deutschland ab 1982 ( und ja : erforderliche Überprüfungen wurden in die Länge gezogen bis die Industrie genug hatte und die Patente nach China verkauft wurden ) ; nebenbei bemerkt : die Transrapidtechnik wird im Rahmen der "Klimadebatte" komplett unterschlagen - nun : Zufälle gibt`s .

China wird - soweit ich das beurteilen kann - auf keiner Ebene ideologisch sondern IMMER pragmatisch im Sinne der technischen Umsetzbarkeit regiert bzw. geführt - die Folgen sind bekannt : einerseits erfolgreiche Unternehmen im Bereich der Feinwerktechnik / Hochtechnologie ; die damit einhergehende ( erforderliche ) Elitenbildung , aber auch Korruption und für die Bevölkerungsbasis eine harte , manchesterkapitalistische (Un)ordnung .

China mit seinen 1,4 Mrd. Bürgern muss mehrere Sachzwänge technisch - administrativ lösen :

a) die VSA haben die Entwicklung in der VR China längst erkannt - sie werden sich in den kommenden 40 Jahren bevorzugt in Asien "engagieren" ( siehe auch : erste Vorzeichen des "Engagements" in Hong Kong ; "Studentenproteste" , der Oberstudent dann wenige Wochen später im gez -TV usw. MI 6 ick hör dir ... egal.

b) wichtigster Aspekt : die Ernährungslage ( China hat eine Grundnahrungsmittelreichweite von ca. 60 Tagen ) , entsprechend investiert China in Agrarflächen ( Brasilien , Afrika aber auch Europa ) .

c) die neue Seidenstraße als Langzeitprojekt

d) mil. Kooperation mit der Russischen Föderation ( grundsätzlich steht China alleine da sollten die VSA China offen angreifen oder die Infrastruktur mit EDV - Mitteln lahmlegen ).

vor dem Hintergrund dieser Herausforderungen wird sich jeder ( politisch bewusste ) Chinese für eine zentral organisierte Leitung entscheiden - wie diese dann etikettiert wird ( konfuzianisch , "kommunistisch" oder auch mafiös ) spielt dabei keine Rolle . China wird in den westlich - europäischen Medien beinahe jeden Tag kritisiert ;inzwischen sprechen einige Internetblogger bereits vom 2. "III.Reich" - nun haben die Chinesen ihre Lernfähigkeit seit 40 Jahren unter Beweis gestellt und ich gehe nicht davon aus, daß ein chinesischer "Sozialist" nationaler Prägung irgendwelche Fehler eines europäischen Landes wiederholt . ( und ja : es gibt soziale Verwerfungen in China , erhebliche Umweltprobleme usw. ) aber grundsätzlich kann die aktuell regierende Bürokratenklasse die anstehenden Aufgaben bewältigen .

wäre ein westlicher Nachrichtendienst in der Lage China zu destabilisieren müsste es allerdings auch einen Plan für die Zeit nach einem "regime change" geben - diesen Plan gibt es aber nicht - ein Sturz der aktuell herrschenden KP würde vermutlich die chinesische Mafia , die Triaden auf den Plan rufen ; ob der Westen dann aber mit einer atomar bewaffneten Mafia verhandeln kann oder will sei dahingestellt - d.h. : jeder Versuch des Westens die chinesischen Herrscher zu destabilisieren ist dumm und gefährlich . China wird weiterhin wirtschaftlich expandieren , ein denkbares , europäisches Gegengewicht ; eine deutsch-französische Allianz ist nicht erkennbar ( sieht man von den üblichen Sonntagsreden ab ) . China hat seinen "Platz an der Sonne" hart erarbeitet und 400 Mio. Mittelschichtchinesen werden dieses Wohlstandsniveau verteidigen ( entsprechend entsteht hier eine national (klein) bürgerliche Kaste mit erheblichen Einfluss auf die Politik .Die VSA können China wirtschaftlich niemals "besiegen" -was der komische Mafiamann in DC an "Sanktionen" verspricht ist PR für das us-Fernsehen -mehr nicht . Ob in China hier und da eine Fabrik geschlossen werden muss oder auch nicht spielt politisch keine Rolle . "Der Hunger wurde besiegt" ( so der Chef einer bekannten ch. Handyfirma kürzlich im Gespräch mit einem gez Sender ) - nun geht es um die Sicherung des Status Quo .

und ja : wirtschaftlicher Erfolg im autoritären System ist möglich - die "Intellektuellen" im Westen haben lange gebraucht um das zu begreifen - somit könnte das chinesische Modell wenigstens für die Schwellen - und Entwicklungsländer beispielhaft werden - und das wiederum beunruhigt die vergeistigte westlich-"liberale" Intelligenz. Kein "Ende der Geschichte" - aber Marktsättigung wohin man schaut - China wächst und entwickelt neue Märkte wenn das Wachstum in Europa stagniert , und ja : möglicherweise wird China den Planeten neu formatieren - und niemand hat eine Antwort auf die Frage : "was wenn ich das gar nicht will ?! ich bin kein Chinese " .

Die Russen werden ab 1,6 Mrd. Chinesen nervös .

Imagine
19. September 2019 17:47

Es scheint, dass Benedikt Kaiser eine große Ausnahme im Spektrum der Rechten ist, weil er die Relevanz und Aktualität der Marxschen Theorie erkennt und würdigt.

Laurenz
21. September 2019 00:58

@Imagine .... richtig, vor allem Intellektuelle fielen auf Marx herein, bis heute.

qvc1753
21. September 2019 17:32

Der Aufstieg Chinas scheint allerlei Leute zu beunruhigen. Zunächst belegt er, dass es keinerlei liberaler Ideen bedarf seine Wirtschaft voran zu bringen.

Nur vordergründig scheint dies den europäischen Libaeralismus zu deligetimieren. Darüber kann man nachdenken.

Der politische Aufstieg dessen was wir "den Westen" nennen ist im 19. Jahrhundert durch eine historisch einmalige Mischung aus wissenschaftlichem Vorsprung, militärtechnischer Überlegenheit und wirtschaftlichem Erfolg erfolgt.

In der Rückschau sind aber erst die Jahre nach dem II. Weltkrieg so wirklich durch einen breitflächigen wirtschaftlichen Erfolg geprägt.

Das beste Beispiel ist eigentlich das heutige Vereinigte Königreich. Das land ist heite unzweifelhaft kein Empire mehr, aber unzweifelhaft weitaus wohlhabender als es noch ein Empire besaß.
In politische Macht lässt sich dies jedoch nicht mehr so umsetzen, da inzwischen die USA und jetzt China schlicht um ein Vielfaches größere Ökonomien haben.

Das macht aber das, was man "die Idee des Westens" nennen kann nicht wertlos.

Zwischen einer Triadenherrschaft und Chaos mag ja die Herrschaft der Partei stehen. Es kan naber auch sein, dass die Partei und die mafiösen Interessen inzwischen ineinander verschränkt sind.
Auch in der UdSSR tauchte das Organisierte Verbrechen nicht erst in den Jelzin-Jahren auf.
Es war vielmehr bereits seit Jahrzehnten virulent und bisweilen mit der KPdSU lokal identisch oder zumindest mit ihr verwoben.

Ob und wie sich die inneren Verhältnisse der EU, die der USA oder andere Bestandteile des "Westens" in der Zukunft bewähren werden, das bleibt ab zu warten.

China steht in jedem Falle vor deutlich größeren Gefahren und befindet sich in einer aussenpolitisch weitaus unangenehmeren Lage als bspw. Europa oder die USA.

Alle Seewege nach China führen über enge und schnell sperrbare Seewege.
Der Plan der "Neuen Seidenstraße" hat - strategisch gesehen - den Nachteil, dass China die Zufuhr von Rohstoffen gewährleisten und die Transportrouten sichern muss.

Demgegenüber steht eine traditionelle Weltmacht, die - geschützt von zwei Ozeanen - in einer sehr bequemen geopolitischen Lage ist.

Und während die Bevölkerung Chinas in den nächsten Jahrzehnten den Anteil der Rentner verdreifachen wird, so wird sich dieser in den USA noch nicht einmal verdoppeln.

Was das bedeuten wird, das bleibt ab zu warten, aber die USA haben immer noch eine weitaus dynamischere Bevölkerungsentwicklung.

Und es scheint nicht so zu sein, dass das chinesische Model, der "China Way of Life" weltweit willige Nachahmer findet.

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