8. September 2019

Sonntagsheld (120) – Der Lorbeer wächst an den Ufern der Donau

Till-Lucas Wessels / 6 Kommentare

Danke, Antifa!

Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.

Waren Sie schon einmal im Herbst auf der Straße? Also, so richtig auf der Straße bei einer Demonstration, oder einer Kundgebung? Falls ja, so haben Sie vielleicht eine Ahnung, was ich meinte, als ich vor zwei Jahren in einem Artikel für die Druckausgabe vom "warmen Licht" schrieb, "welches Revolutionen im Herbst so reizvoll macht".

Heute weiß ich: Es begegnet einem vor allem in den großen Kulturstädten unserer Zivilisation. Ich schrieb diese Zeilen damals über meinen ersten Besuch bei Pegida in Dresden, das war irgendwann Ende November, Anfang Dezember 2014. Und ich mußte heute - fünf Jahre später - an dieses Licht denken, als ich die Bilder vom diesjährigen 1683-Gedenkmarsch in Wien betrachtete.

Als ich die Bilder sah, da wußte ich noch gar nichts vom überraschenden Verlauf des Tages. Ich hatte noch nicht mitbekommen, daß es kurzzeitig so ausgesehen hatte, als würde der Marsch weitestgehend ins Wasser fallen. Ich wußte nicht, daß linksextreme Gegendemonstranten die wichtigsten Hauptzufahrten zum ursprünglichen Versammlungsort am Kahlenberg blockiert hatten - obgleich ich offensichtlich nicht der einzige war, der damit gerechnet hatte.

Noch viel weniger bekannt war mir, daß für den Gedenkzug durch eine kluge Vorabplanung längst eine Alternativroute mitten durch die Wiener Innenstadt vorgesehen war und die eigens angereisten Roten spätestens am Abend einsehen mußten, daß man sie im sprichwörtlichen Regen hatte stehen lassen. Ein gelungener Schachzug, der zur Folge hatte, daß die 400 Demonstranten ihre Botschaft mitten in die belebte Wiener Fußgängerzone tragen konnten.

Wer schon einmal eine Demonstration organisiert hat, der weiß, daß es unter Einberechnung von Vorgesprächen, Beauflagungen und Gegenprotesten dieser Tage schon eine gehörige Portion Verhandlungsgeschick und Behördenglück braucht, um eine Route mitten in der Stadt durchzukriegen. Nicht ohne Grund war mit dem Kahlenberg ja ein wesentlich weniger zentraler, dafür ruhigerer Kundgebungsort gewählt worden, der dem feierlichen Gedenken angemessen gewesen wäre.

Daß aus der würdigen Kundgebung am Stadtrand ein kraftvoller Demonstrationszug durch das Herz von Wien wurde, daran hat also die Wiener Antifa einen nicht unmaßgeblichen Anteil. Ihren unruhigen Fingern, die noch am Abend empört in die Tasten sprangen, ist es zudem mit zu verdanken, daß der Gedenkmarsch am nächsten Morgen bereits in aller Munde war: Eine lokale FPÖ-Politikerin hatte auf der Kundgebung gesprochen und ihrer Freude über den großen Anteil an Jugendlichen unter den Demonstranten Ausdruck verliehen - ein Affront, der dieser Tage offenbar als Skandalschlagzeile taugt.

Wie gesagt: Das wußte ich alles noch gar nicht, als ich die Bilder sah. Was mir aber sofort auffiel, war wieder jenes besondere Licht von dem ich oben schrieb - der Schein von Fackeln, Kerzen und alten Straßenlaternen, warm zurückgeworfen auf die jungen Gesichter von den Fassaden aus einer Zeit, als bauliche Schönheit noch ein Gemeingut gewesen ist - Dieses Licht meine ich.

Ich wußte also, um zum Schluß zu kommen - schon relativ schnell, daß sich in Wien alles zum Besten ausgegangen war. Das bestätigten mir auch die Hallenser Delegation, die mit einem vollem Auto angereist war und einen Redebeitrag beisteuerte. Es muß wohl eine ganz und gar runde Veranstaltung gewesen sein und ich lege meinen Lesern nahe, das Versäumen derselben mindestens so sehr zu bedauern, wie ich mir vorgenommen habe, das nächste Mal dabei zu sein.

Mein besonderer Ehrengruß geht heute abend stellvertretend für alle Organisatoren des Marsches, an Philipp, Fabian und Richard, die uns vor anderthalb Monaten in Halle schon sehr genau über die Schulter geschaut und offensichtlich die richtigen Schlüsse aus der schwierigen Lage jenes Tages gezogen haben.

Er geht aber - dem kleinen pressepolitischen Rückzieher zum Trotz - auch an die (nicht amtsausübende) Wiener Stadträtin Stenzel, die begriffen hat, daß das Gedenken an die Helden von Wien ein Akt der Tradition ist, dem sich jeder Europäer unabhängig von Partei oder Organisation verpflichtet fühlen sollte.

Übrigens: Als erste Reaktion auf ihre Teilnahme hat die FPÖ angekündigt, im kommenden Jahr eine eigene Gedenkveranstaltung durchzuführen, damit gedenkwütige Patrioten sich nicht aus Versehen auf einer identitären Kundgebung wiederfinden. Das ist sicher ein Bier, das etwas schal schmeckt, aber nach den freiheitlichen Enttäuschungen der letzten Monate ist es auch ein modus vivendi mit dem man fast schon leben kann.

 


Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.


Kommentare (6)

quarz
8. September 2019 22:54

"dem kleinen pressepolitischen Rückzieher zum Trotz"

So kurz vor wichtigen Wahlen, in deren Vorfeld die Kontrolleure der Informationsflüsse das rationale Argument aus dem öffentlichen Diskurs weitgehend verbannt und durch ein täglich neu eingepeitschtes Reiz-Reaktions-Schema aus Stigmatisierung und Empörung ersetzt haben, ist freilich auch der schlechtest denkbare Zeitpunkt für ein grundsätzlich begrüßenswertes Bekenntnis einer FPÖ-Politikerin zur identitären Bewegung.

Der Konnex "identitär=böse" wurde in den Köpfen vieler Bürger erfolgreich neurologisch etabliert und gilt infolgedessen als Selbstverständlichkeit, die keine Begründung erfordert. Man kann ihn und die daran gekoppelte Ablehnungsreaktion nach Bedarf verlässlich abrufen und politische Akteure über diesen Zusammenhang kontaminieren und ihrer Wahlchancen berauben.

Die gezielte Dekonditionierung muss daher zeitlich in einer Phase stattfinden, in der sich diese Effekte nur in den Umfragewerten, nicht aber in Wahlergebnissen niederschlagen können.

Maiordomus
9. September 2019 11:04

Obwohl ich bei Sellner schon Irrtümer, im Einzelfall Selbstüberschätzung moniert habe, vor Übereifer heute noch warnen würde, scheint mir klar, dass er als politischer Analytiker den meisten FPÖ-Politikern und auch der braven Dame, die sich an die 1683-Demonstration verirrt hat, in mancher Hinsicht überlegen scheint. Zu schweigen davon, dass Joschka Fischer und Cohn-Bendit sich in ihrer Biographie um Welten im Vergleich zu Sellner zumindest relativ sogar politikriminell verhalten und geäussert haben. Und selbst der baden-württembergische Ministerpräsident und noch mindestens ein weiterer früherer grüner Bundesminister (Tritin oder wie er heisst) haben eine vergleichsweise ähnlich belastete Vergangenheit politischer Jugendsünden wie Sellner, was ihm freilich, weil es die Linken immer gut gemeint haben, bei der gegenwärtigen Politpathologie in Deutschland und Österreich politisch nichts nützen wird. Zudem schätze ich Sellner intellektuell und charakterlich eher höher ein als Haider selig und Strache, was zwar nur ein bedingtes Kompliment sein dürfte. Auch muss man zugeben, dass 1683er- Demonstrationen nicht das Gegenteil sind wie die Demonstrationen in Nordirland in Erinnerung an Siege der Protestanten gegen die Katholiken. Symbolpolitik ist zwar wichtig, auch historische Symbolpolitik, vor ihrer Vulgarisierung ist jedoch zu warnen. Auch wäre es für Sellner vielleicht doch klüger, wie es Blocher für die Schweiz vormacht, nicht für "gesamtdeutsche" Politik zu agitieren, sondern sich auf seine österreichische Heimat zu konzentrieren. Dies schliesst freilich Kritik an der Einwanderungspolitik der EU nicht aus, im Gegenteil, und speziell was um das Mittelmeer passiert, geht schlechthin alle europäischen Staaten an. Selber würde ich aber als zum Beispiel schweizerischer "Rechter" mich nie direkt für die Wahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen ins Zeug legen, unbeschadet davon, dass ich dort Freunde habe und gelegentlich zumal in Dresden als Referent eingeladen werde. Auch Salvini, dessen kürzlicher Sturz nicht ohne Anteil von Selbstverschulden erfolgt sein dürfte, muss das Seine verantworten. Die Hauptverantwortung liegt immer bei dem, was vor der eigenen Haustüre geschieht. Dass zum Beispiel bei der AfD die Bedeutung der Lokalpolitik, abgesehen davon, dass man tatsächlich vieles riskiert für persönliches Engagement, sich noch nicht allenthalben herumgesprochen hat, scheint mir bedauerlich. Globale katastrophale Entwicklungen müssen nämlich zuletzt immer lokal ausgebadet werden. Für mich ein bedeutendes Argument für einen stringenten Föderalismus, dessen unterschiedliche Wertschätzung für mich einen Unterschied zwischen der klassischen Rechten und der zum Teil einseitig nur nationalistischen Pseudo-Rechten ausmacht.

Solution
9. September 2019 18:52

Hat nicht im linken Polit-Magazin „profil“ der designierte FPÖ-Parteichef Norbert Hofer gesagt, er gehe davon aus, daß Stenzel nicht wußte, wo sie mitmarschiere? Sagte er nicht auch: „Beim historischen Konnex müssen wir viel, viel sensibler sein als andere Parteien. Was extrem ist, soll keinen Platz haben. Bei den Identitären ist es nachvollziehbar, daß die ein Wahnsinn sind"?

Sollen wir auch das wieder schlucken oder sollte man der FPÖ - und der AfD! - langsam mal etwas Deutliches erwidern? Solange die Cucks dort das Sagen haben, wird das nichts.

Maiordomus
10. September 2019 12:30

@Nachtrag zu meiner Kritik an Sellner. Wie er soeben wieder in der österreichischen Talkshow-Sendung "Fellner live" permanent "nazifiziert" wurde, war unter jeder Sau, verunmöglichte ein sachliches oder wenigstens ruhiges Gespräch, wenngleich gegen Schluss der Sendung noch ein paar nicht unkluge Aussagen Sellners noch knapp durchgekommen sind. Solche Sendungen haben keine Chance auf Glaubwürdigkeit, diskreditieren beide Partner. Der aufgeregte, Sellner ausschliessende Debattenstil, wenngleich noch auf väterlich-herablassende Art, ist geeignet, Sellner beim Mehrheitspublikum radikal zu isolieren und ihn nur gerade noch für diejenigen hörbar zu machen, die ohnehin seiner Meinung sind. Trotzdem hatte ich bei F e l l n e r den Eindruck, dass sein dreckiger Gesprächsstil nicht unbedingt seiner politischen Haltung entsprach, sondern ein erzwungener Selbstschutz seines Mediums gegenüber dem Mainstream und dem österreichischen Establishment gewesen sein könnte. Die neueste Ausgabe von Sellner-live (nicht zu verwechseln mit Fellner-live!) bleibt ein legitimer Beitrag zur Verteidigung elementarer, seit 1848 gültiger Meinungs- und Versammlungsfreiheit in Österreich. Sich in dieser Sache zu engagieren scheint mir für ihn bedeutender, als darüber hinaus auch noch Deutschland und Europa retten zu wollen. Dies geschieht allenthalben stets mit Zivilcourage vor Ort, wobei freilich die Mittelmeerpolitik in der Tat eine gesamteuropäische Koordination nicht nur der Rechten notwendig machen würde. Unglaublich sodann, wie neuerdings die Mainstream-Medien Boris Johnson mit Erdogan gleichsetzen. Bei solchen Massstäben geht natürlich auch Sellner als "Nazi" durch, wiewohl es Fellner schon mal bei einer früheren Sendung zurückgenommen zu haben scheint. In Österreich gehört aber die Distanzierung zu Sellner offenbar zu den Bedingungen der Möglichkeit, um im öffentlichen Diskurs noch eine "anerkannte" Stimme bleiben zu können. Unglaublich, dass heute die ÖVP mit ihrer Attacke auf das Vereinsrecht zur am meisten verfassungsfeindlichen Institution im Lande macht, wenn wir mal von den islamistischen Organisationen absehen, auf die Herbert Kickl neulich im Zusammenhang mit den Verbotsdrohungen gegen die Identitären mit Fug und Recht aufmerksam gemacht haben. Als Zugeständnis gegen die systematische Volksverhetzung in den Medien würde ich indes den Identitären empfehlen, künftig auf ihr Lambda-Logo zu verzichten, weil alle diese Zeichen ja bloss als Ersatzhakenkreuze denunziert werden. Weitaus am sympathischsten von allen rechten Demonstrationen in Deutschland in den letzten Jahren war mir übrigens der Auftritt freilich nur von 800 Aufrechten in Mönchengladbach vom vergangenen Wochenende, worüber der Blogger Carsten Jahn ausgezeichnet berichtet hat. Auch für diesen würde zwar vielfach gelten: Weniger wäre mehr, zumal gerade für Satire nicht gerade jeder geeignet ist, wiewohl kein Vergleich mit Böhmermann und anderen Hetzern, welche die Bombardierung Dresdens zurückwünschen und die Vergewaltigung ost- und mitteldeutscher Frauen.

Über Frau Stenzel, die übrigens jüdische Wurzeln hat, was einen Parteiausschluss endgültig blamabel machen würde, hat sich Sellner in seinem "live" noch informativ geäussert. Sie hat möglicherweise mehr drauf, als ich angesichts ihrer plumpen Äusserung, nicht gewusst zu haben, mit wem sie mitmarschiere, annehmen musste. Sie steht offenbar unter ähnlichem Druck wie Fellner. Am weitesten der Geschickteste im Ausdruck ist und bleibt Herbert Kickl, von dem könnten in Sachen politischer Klugheit auch Sellner und deutsche AfD noch in die Lehre gehen. Immer mehr wird klar, dass er der wahre Rivale von Sebastian Kurz war und dies auch bleibt. Norbert Hofer hingegen kommt mir ganz ähnlich vor wie der im Prinzip eher rechts positionierte österreichische Fernsehmann Fellner. Das Juste-Milieu war schon zur Nazi-Zeit politisch eunuchisiert.

Maiordomus
10. September 2019 15:40

Korrektur eines Satzes:.

"Unglaublich, dass heute die ÖVP s i c h mit ihrer Attacke auf das Vereinsrecht zur am meisten verfassungsfeindlichen Institution im Lande macht, wenn wir mal von den islamistischen Organisationen absehen, auf die Herbert Kickl neulich im Zusammenhang mit den Verbotsdrohungen gegen die Identitären mit Fug und Recht aufmerksam gemacht h a t."

Mit Martin Sellner würde ich nicht ungern mal intern kritisch diskutieren, über seine anerkennenswerten Leistungen, aber auch offensichtliche Fehler, zumindest Ungeschicklichkeiten.. Dies als einer, der in Sellners Alter seinerseits als polizeilich registrierter angeblicher Rechtsextremist ebenfalls eine rein denunziatorische Hausdurchsuchung über sich ergehen lassen musste. Eine Schikane, die ich fast unmittelbar nach der Heimkehr von den den sog. Flitterwochen in Italien über mich ergehen lassen musste, keineswegs zur Freude meiner frisch angetrauten Gattin, die bis an die Grenze des Nervenzusammenbruchs verhört wurde.

Laurenz
11. September 2019 12:29

@Maiordomus .... auch ich habe bereits Wünsche an Herrn Sellner gerichtet, und die Verkaufsstrategie eines Herrn Kurz als fast idealen Schwiegersohn zur Disposition gestellt, da das nicht nur jüngere Damen tangiert, sondern auch die älteren Wählerinnen. Aber da Herr Sellner im Gegensatz zu Ihnen, Maiordomus, und mir, eine öffentliche Person ist, bleibt hier keine Debatte über, die wir über Seine Überlegenheit führen müßten. Er hat in Seinem Leben politisch mehr erreicht, als wir beide in über 100 Jahren.
Herr Fellner mag doch sein, wie er will. Herr Fellner nutzt Gäste, wie Herrn Sellner, dazu, um Einschaltquote gegenüber seinen Mitbewerbern, mit geringen Produktionskosten zu erzielen. Und vollkommen logisch und klug nutzt Herr Sellner die angebotene Möglichkeit einer öffentlichen Darstellung. Selbst wenn wir beide uns besser verkaufen könnten, spielt das keine Rolle, da wir nicht eingeladen werden werden. Und denken Sie nicht, daß Herr Sellner in der Retro-Perspektive einer Sendung nicht selbst darüber nachdenken und analysieren wird, was gut und weniger gut gelaufen ist? Und was sollte demnach ein Gespräch mit Ihnen bringen? Etwa mehr Bodenhaftung? Schreiben Sie doch Herrn Fellner an und bieten Sie ihm Ihre Teilnahme an einer Debatte an. Viel Erfolg wünsche ich Ihnen.

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