Sezession
1. Januar 2006

Lob der Krise

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 12 / Januar 2006

sez_nr_12von Karlheinz Weißmann

Wir hatten eine „Staatskrise“. Wolfgang Schäuble stellte es fest und niemand widersprach. Vorher war schon die Rede von einer „Krise der Demokratie“ in bezug auf das eigenartige Zusammenspiel von Bundeskanzler, Bundespräsident und Bundesverfassungsgericht bei der Fingierung von Mißtrauensantrag im Parlament und vorzeitig anberaumter Neuwahl.

Über Wochen hinweg wurde diskutiert, ob es nun ein Zeichen politischer Reife sei, die Spielregeln der Verfassung zu umgehen, oder ob hier die Grundordnung in Frage gestellt werde. Was den Politikwissenschaftler Wilhelm Hennis zu der Bemerkung veranlaßte, daß er „die offensichtlich so fragil geeinte Nation nicht in einer wirklichen Krise erleben“ wolle.

Das alles ist bemerkenswert, weil die Vorstellung, daß der Staat oder die Demokratie in eine Krise geraten könnten, bis vor kurzem kaum vorstellbar schien, bestenfalls ein Rest historischer Erinnerung: in der Vergangenheit hatte es Staatskrisen gegeben, zerstörerische sogar wie im Fall der Weimarer Republik, aber das schien ein fernes Gerücht wie der Untergang Roms, ohne Bezug auf die Gegenwart. Womit nicht gesagt sein soll, daß es überhaupt an Krisenwahrnehmung mangelte. Seit den sechziger Jahren hatten wir Krisen der Gesellschaft, des Bildungs-, des Parteienund des Rentensystems, hinter der man schließlich die demographische Krise ausmachte, sowie eine das ganze dauernd begleitende Krise des Arbeitsmarkts, außerdem noch diverse sexuelle und ökologische Krisen.
Das Gerede über die Krise hat uns stumpf gemacht gegenüber dem alarmierenden Charakter jeder Krisendiagnose und ein eher diffuses Gefühl hinterlassen. Auch der Begriff der Krise wurde unscharf, und genau das sollte nicht passieren, denn das zugrundeliegende griechische Wort krisis wird von einem Verb abgeleitet, das soviel wie „scheiden“, „entscheiden“, „auswählen“, „richten“ oder „beurteilen“ heißen kann. Die Spannweite der Bedeutungen ist dementsprechend groß: Für Aristoteles war nur derjenige Vollbürger, der in der Polis am Richten (krisis) und am Regieren (arche) teilnahm; im Sinne von „göttlichem Gericht“ wird krisis in der Septuaginta, dann im Neuen Testament und bei den frühchristlichen Autoren verwendet. Daneben spielte der Begriff eine Rolle für die Medizin, die damit gleichermaßen den zur Entscheidung über Gesundheit oder Tod treibenden Krankheitsverlauf wie auch die Entscheidung des Arztes über die anzuwendende Therapie belegte.
Obwohl die Philosophie seit der Antike das Bild des „Großen Menschen“ für Staat oder Gesellschaft kannte, wurde erst im 17. Jahrhundert das medizinische Verständnis der Krise auf den politischen Bereich übertragen. So erschien im Vorfeld des englischen Bürgerkriegs ein Pamphlet mit dem Titel This is the Chrysis of Parliaments; we shall know by this if Parliaments live or die. Solche Vorstellung von der Krise als Entscheidungsvorgang im Hinblick auf politisches Sein oder Nichtsein kann für länger nur in Großbritannien und Frankreich nachgewiesen werden. Hier verband sich der Terminus auch mit einer neuen geschichtsphilosophischen Anschauung. Krise tendierte seit dem Ende des 18. Jahrhunderts dazu, ein „Dauerbegriff für Geschichte schlechthin“ (Reinhart Koselleck) zu werden, und zwar gerade deshalb, weil die Partei der philosophes danach strebte, die Geschichte in der Utopie aufzuheben.


 Gastbeitrag

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