Lob der Krise

pdf der Druckfassung aus Sezession 12 / Januar 2006

sez_nr_12von Karlheinz Weißmann

Wir hatten eine „Staatskrise“. Wolfgang Schäuble stellte es fest und niemand widersprach. Vorher war schon die Rede von einer „Krise der Demokratie“ in bezug auf das eigenartige Zusammenspiel von Bundeskanzler, Bundespräsident und Bundesverfassungsgericht bei der Fingierung von Mißtrauensantrag im Parlament und vorzeitig anberaumter Neuwahl.

 Gastbeitrag

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Über Wochen hin­weg wur­de dis­ku­tiert, ob es nun ein Zei­chen poli­ti­scher Rei­fe sei, die Spiel­re­geln der Ver­fas­sung zu umge­hen, oder ob hier die Grund­ord­nung in Fra­ge gestellt wer­de. Was den Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Wil­helm Hen­nis zu der Bemer­kung ver­an­laß­te, daß er „die offen­sicht­lich so fra­gil geein­te Nati­on nicht in einer wirk­li­chen Kri­se erle­ben“ wolle.

Das alles ist bemer­kens­wert, weil die Vor­stel­lung, daß der Staat oder die Demo­kra­tie in eine Kri­se gera­ten könn­ten, bis vor kur­zem kaum vor­stell­bar schien, bes­ten­falls ein Rest his­to­ri­scher Erin­ne­rung: in der Ver­gan­gen­heit hat­te es Staats­kri­sen gege­ben, zer­stö­re­ri­sche sogar wie im Fall der Wei­ma­rer Repu­blik, aber das schien ein fer­nes Gerücht wie der Unter­gang Roms, ohne Bezug auf die Gegen­wart. Womit nicht gesagt sein soll, daß es über­haupt an Kri­sen­wahr­neh­mung man­gel­te. Seit den sech­zi­ger Jah­ren hat­ten wir Kri­sen der Gesell­schaft, des Bildungs‑, des Par­tei­e­nund des Ren­ten­sys­tems, hin­ter der man schließ­lich die demo­gra­phi­sche Kri­se aus­mach­te, sowie eine das gan­ze dau­ernd beglei­ten­de Kri­se des Arbeits­markts, außer­dem noch diver­se sexu­el­le und öko­lo­gi­sche Krisen.
Das Gere­de über die Kri­se hat uns stumpf gemacht gegen­über dem alar­mie­ren­den Cha­rak­ter jeder Kri­sen­dia­gno­se und ein eher dif­fu­ses Gefühl hin­ter­las­sen. Auch der Begriff der Kri­se wur­de unscharf, und genau das soll­te nicht pas­sie­ren, denn das zugrun­de­lie­gen­de grie­chi­sche Wort kri­sis wird von einem Verb abge­lei­tet, das soviel wie „schei­den“, „ent­schei­den“, „aus­wäh­len“, „rich­ten“ oder „beur­tei­len“ hei­ßen kann. Die Spann­wei­te der Bedeu­tun­gen ist dem­entspre­chend groß: Für Aris­to­te­les war nur der­je­ni­ge Voll­bür­ger, der in der Polis am Rich­ten (kri­sis) und am Regie­ren (arche) teil­nahm; im Sin­ne von „gött­li­chem Gericht“ wird kri­sis in der Sep­tu­ag­in­ta, dann im Neu­en Tes­ta­ment und bei den früh­christ­li­chen Autoren ver­wen­det. Dane­ben spiel­te der Begriff eine Rol­le für die Medi­zin, die damit glei­cher­ma­ßen den zur Ent­schei­dung über Gesund­heit oder Tod trei­ben­den Krank­heits­ver­lauf wie auch die Ent­schei­dung des Arz­tes über die anzu­wen­den­de The­ra­pie belegte.
Obwohl die Phi­lo­so­phie seit der Anti­ke das Bild des „Gro­ßen Men­schen“ für Staat oder Gesell­schaft kann­te, wur­de erst im 17. Jahr­hun­dert das medi­zi­ni­sche Ver­ständ­nis der Kri­se auf den poli­ti­schen Bereich über­tra­gen. So erschien im Vor­feld des eng­li­schen Bür­ger­kriegs ein Pam­phlet mit dem Titel This is the Chry­sis of Par­lia­ments; we shall know by this if Par­lia­ments live or die. Sol­che Vor­stel­lung von der Kri­se als Ent­schei­dungs­vor­gang im Hin­blick auf poli­ti­sches Sein oder Nicht­sein kann für län­ger nur in Groß­bri­tan­ni­en und Frank­reich nach­ge­wie­sen wer­den. Hier ver­band sich der Ter­mi­nus auch mit einer neu­en geschichts­phi­lo­so­phi­schen Anschau­ung. Kri­se ten­dier­te seit dem Ende des 18. Jahr­hun­derts dazu, ein „Dau­er­be­griff für Geschich­te schlecht­hin“ (Rein­hart Kosel­leck) zu wer­den, und zwar gera­de des­halb, weil die Par­tei der phi­lo­so­phes danach streb­te, die Geschich­te in der Uto­pie aufzuheben.

Das spä­te Auf­tre­ten des Wor­tes Kri­se in dem uns ver­trau­ten Sinn darf nicht dar­über hin­weg­täu­schen, daß Kri­sen­zu­stän­de immer zur Geschich­te der Mensch­heit gehör­ten, daß sie über lan­ge Zeit­räu­me sogar latent waren. Was damit gemeint ist, kann man sich ver­ge­gen­wär­ti­gen an der Lebens­la­ge von Wild­beu­tern, die ohne Vor­rats­hal­tung von der Hand in den Mund leb­ten, ohne Mög­lich­keit, das Jagd- oder Fund­glück zu sichern, gar nicht zu reden von der Gefahr, in die jeder Beu­te­zug brach­te. Ähn­li­ches gilt für die agra­ri­schen Gemein­schaf­ten mit ihrem per­ma­nen­ten Risi­ko der Mißern­te oder des Wet­ter­um­schlags. Der Dich­ter Gorch Fock ver­merk­te noch Anfang des letz­ten Jahr­hun­derts über den Fried­hof der Fin­ken­wär­der Fischer­ge­mein­de: „Wenn ein Fin­ken­wär­der See­fah­rer an Land stirbt, so schreibt man es auf den Lei­chen­stein, weil es so sel­ten vor­kommt. Was auf der See lebt, stirbt auch auf der See und braucht kei­nen Kranz und kei­nen Stein.“
Der Behaup­tung, daß die vor­mo­der­nen Gesell­schaf­ten „Risi­ko­ge­sell­schaf­ten“ waren, scheint die Tat­sa­che ent­ge­gen­zu­ste­hen, daß sie ein erstaun­li­ches Maß an Sta­bi­li­tät auf­wie­sen. Der Grund dafür lag in der Fähig­keit, das Zusam­men­le­ben der Men­schen, instinkt­ar­mer und inso­fern ver­hal­tens­un­si­che­rer Wesen, über „Außen­hal­te“ (Arnold Geh­len), vor allem Insti­tu­tio­nen, auf Dau­er zu brin­gen und so die Kri­sen­be­wäl­ti­gung zu steu­ern. Man gab sich kaum der Täu­schung hin, die Kri­sen oder ihre Ursa­chen ganz abstel­len zu kön­nen, aber die Kri­se wur­de auf ver­schie­de­nen Wegen gebannt.
Das gelang bis zu einem gewis­sen Grad sogar bei den gro­ßen, nicht all­täg­li­chen oder peri­odisch wie­der­keh­ren­den Kri­sen – Inva­sio­nen, Glau­bens- oder Dynas­tie­wech­sel, Seu­chen, und wahr­schein­lich hat homo sapi­ens sapi­ens eine die­ser gro­ßen Kri­sen vor sieb­zig­tau­send Jah­ren nur knapp, mit einem Bestand von tau­send bis zwei­tau­send Indi­vi­du­en, über­lebt. Ein Grund für die­se Wider­stands­fä­hig­keit lag wohl dar­in, daß die Kri­se nicht in der uns bekann­ten Wei­se zum Gegen­stand der Refle­xi­on wur­de. Der Aus­zug Isra­els aus Ägyp­ten zeigt mit dem poli­ti­schen und reli­giö­sen Kon­flikt, der öko­lo­gi­schen Kata­stro­phe und Pan­de­mie alle Züge einer umfas­sen­den Kri­se. Aber nichts davon wur­de als inner­welt­li­cher Vor­gang begrif­fen, und noch im 17. Jahr­hun­dert ver­merk­te ein Pre­di­ger: „Die Sucht der Pestil­entz / wie vns die Hey­li­ge Schrifft leh­ret / ist / die Hand Got­tes / ein Ruth Got­tes / ein Schwerd sei­nes Grim­mens / ein Don­ner vnd Blitz deß Zorn Gottes“.
Erst in dem Maß, in dem die Geschich­te nicht mehr als gött­li­ches, son­dern als ein von Men­schen und anony­men Mäch­ten bestimm­tes Schau­spiel erschien, bekam der Begriff der Kri­se sei­ne moder­ne Bedeu­tung und begann mit der „Kri­se des euro­päi­schen Geis­tes“ (Paul Hazard) das sys­te­ma­ti­sche Nach­den­ken über die Kri­se. Dabei erhöh­te die Mehr­deu­tig­keit des Wor­tes sei­ne Eig­nung für alle For­men der poli­ti­schen Argu­men­ta­ti­on. Die fran­zö­si­schen Auf­klä­rer ver­wen­de­ten den Begriff, um ihre Bür­ger­kriegs­po­si­ti­on so zu über­hö­hen, daß der Unter­gang des Anci­en Régime unver­meid­bar, ihre eige­ne Posi­ti­on unbe­sieg­bar, aber auch unan­tast­bar erschien. Wenn Rous­se­au für die Zukunft einen „Zustand der Kri­se“ vor­her­sag­te, in dem der Abso­lu­tis­mus unter­ge­hen wer­de, dann mach­te er also nur expli­zit, was auch ohne sein Zutun ein­tre­ten wür­de. Er han­del­te aber gleich­zei­tig als Agent der Kri­se, indem er die Situa­ti­on zuspitz­te, deren Umschlag in eine neue Lage zuletzt und in jedem Fall bevor­stand. Der Anglo­ame­ri­ka­ner Tho­mas Pai­ne grün­de­te 1776, zu Beginn des Unab­hän­gig­keits­kriegs der drei­zehn Kolo­nien, eine Zeit­schrift mit dem Titel The Cri­sis, in der er für sei­ne radi­kal­de­mo­kra­ti­schen Posi­tio­nen warb, die er mit der Vor­stel­lung ver­band, daß es sich bei der Kri­se nur um einen Über­gang han­de­le, eine mehr oder weni­ger not­wen­di­ge Unter­bre­chung des Fort­schritts, der letzt­lich durch die Kri­se beför­dert werde.

Dage­gen ver­wen­de­te Edmund Bur­ke, als die Revo­lu­ti­on in Frank­reich begann, den Ter­mi­nus Kri­se in einem nega­ti­ven Sinn, um jene Pro­zes­se zu cha­rak­te­ri­sie­ren, die die gan­ze bekann­te Ord­nung zu besei­ti­gen droh­ten. Ähn­lich argu­men­tier­te auch Fried­rich Gentz, wenn er von der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on sprach, als „der größ­ten und fürch­ter­lichs­ten Kri­sis …, wel­che die gesell­schaft­li­che Ver­fas­sung von Euro­pa seit meh­re­ren Jahr­hun­der­ten erfuhr“. Bis zur Mit­te des 19. Jahr­hun­derts ver­brei­te­te sich die Auf­fas­sung, daß 1789 ein Vor­gang ein­setz­te, der die gesam­te gesell­schaft­li­che, kul­tu­rel­le, reli­giö­se und wirt­schaft­li­che Struk­tur erfaß­te und inso­fern eine tota­le Kri­se auslöste.
„Das Bür­ger­tum hat in der Geschich­te eine höchst revo­lu­tio­nä­re Rol­le gespielt. Das Bür­ger­tum, wo es zur Herr­schaft gekom­men, hat alle feu­da­len, patri­ar­cha­li­schen, idyl­li­schen Ver­hält­nis­se zer­stört. Es hat die bunt­sche­cki­gen Feu­dal­ban­de, die den Men­schen an sei­nen natür­li­chen Vor­ge­setz­ten knüpf­ten, unbarm­her­zig zer­ris­sen und kein ande­res Band zwi­schen Mensch und Mensch übrig­ge­las­sen als das nack­te Inter­es­se, als die gefühl­lo­se ‚bare Zah­lung‘. Es hat die hei­li­gen Schau­er der from­men Schwär­me­rei, der rit­ter­li­chen Begeis­te­rung, der spieß­bür­ger­li­chen Weh­mut in dem eis­kal­ten Was­ser ego­is­ti­scher Berech­nung ertränkt. Es hat die per­sön­li­che Wür­de in den Tausch­wert auf­ge­löst und an die Stel­le der zahl­lo­sen ver­brief­ten und wohl­erwor­be­nen Frei­hei­ten die eine gewis­sen­lo­se Han­dels­frei­heit gesetzt. Es hat, mit einem Wort, an die Stel­le der mit reli­giö­sen und poli­ti­schen Illu­sio­nen ver­hüll­ten Aus­beu­tung die offe­ne, unver­schäm­te, direk­te, dür­re Aus­beu­tung gesetzt. Das Bür­ger­tum hat alle bis­her ehr­wür­di­gen und mit from­mer Scheu betrach­te­ten Tätig­kei­ten ihres Hei­li­gen­scheins ent­klei­det. Es hat den Arzt, den Juris­ten, den Pfaf­fen, den Poe­ten, den Mann der Wis­sen­schaft in sei­ne bezahl­ten Lohn­ar­bei­ter ver­wan­delt. Das Bür­ger­tum hat dem Fami­li­en­ver­hält­nis sei­nen rüh­rend-sen­ti­men­ta­len Schlei­er abge­ris­sen und es auf ein rei­nes Geld­ver­hält­nis zurück­ge­führt. … Die fort­wäh­ren­de Umwäl­zung der Pro­duk­ti­on, die unun­ter­bro­che­ne Erschüt­te­rung aller gesell­schaft­li­chen Zustän­de, die ewi­ge Unsi­cher­heit der Bewe­gung zeich­net die bür­ger­li­che Epo­che vor allen frü­he­ren aus. Alle ein­ge­ros­te­ten Ver­hält­nis­se mit ihrem Gefol­ge von alt­ehr­wür­di­gen Vor­stel­lun­gen und Anschau­un­gen wer­den auf­ge­löst, alle neu­ge­bil­de­ten ver­al­ten, ehe sie ver­knö­chern kön­nen. Alles Stän­di­sche und Ste­hen­de ver­dampft, alles Hei­li­ge wird ent­weiht, und die Men­schen sind end­lich gezwun­gen, ihre Lebens­stel­lung, ihre gegen­sei­ti­gen Bezie­hun­gen mit nüch­ter­nen Augen anzusehen.“
Der Text stammt nicht von einem Kon­ser­va­ti­ven, son­dern aus dem Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fest von Karl Marx und Fried­rich Engels, es wur­de für unse­re Zwe­cke ledig­lich „Bour­geoi­sie“ durch „Bür­ger­tum“ ersetzt. Marx und Engels erwar­te­ten übri­gens eine noch „gewal­ti­ge­re Kri­se“ als die­je­ni­ge, deren Zeu­gen sie schon waren, bevor das bes­se­re Mor­gen zum Durch­bruch kom­men wür­de. Ihre Auf­fas­sung hing mit einer dia­lek­ti­schen Betrach­tung der Geschich­te zusam­men, der zufol­ge die Kri­se – wie Hegel gelehrt hat­te – als not­wen­di­ger Durch­gang zu einer höhe­ren Stu­fe der Ent­wick­lung betrach­tet wer­den mußte.

Nach und nach gewann die­se Anschau­ung und mit ihr der Mar­xis­mus den grö­ße­ren Teil der euro­päi­schen Lin­ken. Das darf aber nicht dar­über hin­weg­täu­schen, daß Marx in ambi­va­len­ter Per­spek­ti­ve auf sei­ne eige­ne Zeit sah: „Es gibt eine gro­ße Tat­sa­che, die für das 19. Jahr­hun­dert cha­rak­te­ris­tisch ist und die kei­ne Par­tei ableug­nen kann. Auf der einen Sei­te sind indus­tri­el­le und wis­sen­schaft­li­che Kräf­te zum Leben erwacht, wie sie kei­ne frü­he­re Geschichts­epo­che je ahnen konn­te. Auf der ande­ren Sei­te machen sich Anzei­chen eines Ver­falls bemerk­bar, der die viel­ge­nann­ten Schre­cken aus den letz­ten Zei­ten des römi­schen Rei­ches in Schat­ten stellt.“
Der His­to­ri­ker Jacob Burck­hardt, ein Mann, der anders als Marx mit jeder Faser am alten Euro­pa hing, hät­te die­ser Dia­gno­se vor­be­halt­los zuge­stimmt, indes die Wahr­schein­lich­keit des Nie­der­gangs für grö­ßer gehal­ten. Burck­hardts Geschichts­pes­si­mis­mus war nicht kon­se­quent, aber sein Blick auf die „gro­ße Kri­se“, unbe­sto­chen durch uto­pi­sche Erwar­tun­gen. In sei­nen Welt­ge­schicht­li­chen Betrach­tun­gen ent­wi­ckel­te er eine Kri­sen­sys­te­ma­tik, die man des­halb noch immer als lehr­reich auf­fas­sen kann. Burck­hardt ver­trat vor allem die Ansicht, daß „ech­te Kri­sen“ ein sehr sel­te­nes Phä­no­men sei­en. Der Dra­ma­tik eines sozia­len, öko­no­mi­schen oder kul­tu­rel­len Gesche­hens, das von den Zeit­ge­nos­sen als Kri­se wahr­ge­nom­men wer­de, ent­spre­che häu­fig nicht sei­ne tat­säch­li­che his­to­ri­sche Bedeu­tung. Nur Vor­gän­gen wie der Völ­ker­wan­de­rung oder den Tur­bu­len­zen sei­ner eige­nen Zeit woll­te Burck­hardt den Rang „ech­ter“ Kri­sen zuge­ste­hen, weil sie tat­säch­lich alles Bestehen­de umwälz­ten. Davon ver­schie­den sei­en die Nor­mal­krie­ge, poli­ti­schen Macht­we­chel oder tech­ni­schen Neue­run­gen wie die Erfin­dung der Eisen­bahn, die man viel­leicht als „sekun­dä­re Kri­sen“ bezeich­nen kann. Es han­de­le sich dabei vor allem um „beschleu­nig­te Pro­zes­se“ im Unter­schied zu jenen all­mäh­li­chen Ent­wick­lun­gen, die sonst die Geschich­te kennzeichnen.
Wei­ter müs­se von der „geschei­ter­ten Kri­se“ gespro­chen wer­den, vor allem bedingt durch Ver­schlep­pung des Aus­bruchs, uner­war­te­tes Ver­sa­gen der angrei­fen­den Kräf­te, Aus­schei­den der Anfüh­rer zur Unzeit oder dadurch, daß das „Lebens­al­ter“ eines Vol­kes, einer Kul­tur den Umbruch nicht mehr zuläßt; Bei­spie­le könn­ten die lan­ge Fort­dau­er des byzan­ti­ni­schen oder chi­ne­si­schen Rei­ches sein, trotz inne­rer Erstar­rung und äuße­rer Bedro­hung. Die Kri­se erscheint merk­wür­dig auf Dau­er gestellt, ohne daß die ihr inne­woh­nen­de Ten­denz zur Ent­schei­dung stark genug wer­den kann.

Im Kern war auch Burck­hardts Kri­sen­be­griff der medi­zi­ni­sche. Er nann­te die Kri­se ein „Fie­ber“, eine „Aus­hil­fe der Natur“. Es wir­ken sich sei­ner Mei­nung nach Vital­kräf­te aus und füh­ren zur Zer­stö­rung des Alters­schwa­chen und zum Auf­stieg des Lebens­kräf­ti­gen. Vom „Trost mit einem höhe­ren Welt­plan u. dergl.“ hielt er bekannt­lich wenig und hoff­te inso­fern auch nicht auf einen kri­sen­frei­en End­zu­stand des Men­schen­ge­schlechts. Vie­les von dem, was er in den Betrach­tun­gen sag­te, zeig­te sei­ne Furcht vor der „ech­ten Kri­se“, die er mit­er­le­ben muß­te. Zu erwar­ten ste­hen des­halb sei­ne Erwä­gun­gen dazu, wie man eine Kri­se „abschnei­den“ kön­ne, aber außer einem kur­so­ri­schen Hin­weis auf Bis­marcks Reichs­ei­ni­gung fin­det sich wenig. Gro­ße Auf­hal­ter sind rar, und in der „ech­ten Kri­se“ steht kein Napo­le­on parat, Kano­nen auf den Stu­fen des Kon­vents zu pos­tie­ren und mit Kar­tät­schen zu laden.
Die Zurück­hal­tung Burck­hardts an die­sem Punkt erklärt sich auch dar­aus, daß er den Aus­bruch einer Kri­se im Grun­de als Ergeb­nis phy­si­ka­li­scher oder bio­lo­gi­scher Pro­zes­se betrach­tet: wenn es soweit ist, hält nichts mehr der Kri­tik stand, dann pflan­zen sich die auf­rüh­re­ri­schen Ideen wie im Fun­ken­flug fort, fin­den sich über­all Muti­ge, die den Angriff auf die eben noch unein­nehm­ba­ren Bas­tio­nen wagen, bricht sich ein Enthu­si­as­mus des Anfangs Bahn und wird die Besei­ti­gung des gera­de noch all­ge­mein Aner­kann­ten ohne Zögern ins Werk gesetzt. Er kommt dann auch auf die Schat­ten­sei­ten zu spre­chen: die Ernüch­te­rung, die Resi­gna­ti­on, das oft jäm­mer­li­che Gesamt­ergeb­nis der gro­ßen Anstren­gung. Das darf man bei einem Kon­ser­va­ti­ven erwar­ten. Eher uner­war­tet fin­det sich aber auch das „Lob der Kri­sen“: „ … die Lei­den­schaft ist die Mut­ter gro­ßer Din­ge, das heißt die wirk­li­che Lei­den­schaft, die etwas Neu­es und nicht nur das Umstür­zen des Alten will. Unge­ahn­te Kräf­te wer­den in den ein­zel­nen und in den Mas­sen wach, und auch der Him­mel hat einen andern Ton. Was etwas ist, kann sich gel­tend machen, weil die Schran­ken zu Boden gerannt sind oder eben wer­den.“ Die Kri­sen sto­ßen vor­an, sie „räu­men auf“, was es an „Pseu­door­ga­nis­men“ gibt, die gar kein Recht auf Dasein haben, und schließ­lich: „Die Kri­sen besei­ti­gen auch die ganz unver­hält­nis­mä­ßig ange­wach­se­ne Scheu vor ‚Stö­rung‘ und brin­gen fri­sche und mäch­ti­ge Indi­vi­du­en hervor.“
Das letz­te erscheint beson­ders aktu­ell, weil der Satz von der „ganz unver­hält­nis­mä­ßig ange­wach­se­nen Scheu vor ‚Stö­rung‘ “ unse­re Lage trifft. Wir erle­ben nicht nur den Ver­such, alle ech­te Oppo­si­ti­on zurück­zu­drän­gen oder amü­sant zu machen, son­dern auch ein Bemü­hen, „Kon­sens“ zum Maß­stab der Wahr­heit und des guten Lebens zu erhe­ben. Das sind aber nur noch Ver­su­che der Defen­si­on aus star­ker Stel­lung, jedoch ohne Zukunfts­glau­ben und schon gepaart mit dem Gefühl, daß die Beschwö­rung wenig hel­fen wird. Hans-Ulrich Jör­ges, der Chef­re­dak­teur des Stern, mein­te unlängst, man dür­fe die neue Bun­des­re­gie­rung nicht über­mä­ßig ange­hen, die ein­fluß­rei­chen Medi­en hät­ten eine beson­de­re Ver­ant­wor­tung, denn das gegen­wär­ti­ge Füh­rungs­per­so­nal sei „das vor­letz­te Aufgebot“.

Das war ein biß­chen kokett, und man muß kein Pro­phet sein, um vor­aus­zu­sa­gen, daß sol­che Still­hal­teap­pel­le kaum Erfolg haben wer­den, wenn sich die Lage wei­ter ver­schärft. Eini­ge sind schon so weit, eher am Ran­de des Estab­lish­ments, aber mit Brü­cken­köp­fen in den Ein­fluß­be­rei­chen, so daß Wolf­gang Sof­sky den kom­men­den Bür­ger­krieg und Gun­nar Hein­sohn die Inva­si­on der afri­ka­ni­schen und asia­ti­schen Mas­sen pro­phe­zei­en kann, nicht nur, um den Sat­ten Schau­er über den Rücken zu jagen. Noch ist der­lei sel­te­ner als die Beschwö­run­gen, mit denen den Deut­schen mehr Hoff­nung, mehr Fami­li­en- und Kin­der­freund­lich­keit und sogar mehr Patrio­tis­mus ein­ge­flößt wer­den soll. Still und heim­lich hat sich die Bekeh­rung der Anti­pa­trio­ten, Fami­li­en­ver­äch­ter, Frucht­ab­trei­ber und Nihi­lis­ten voll­zo­gen, aber es man­gelt ihren fri­schen Über­zeu­gun­gen an Reso­nanz. Wer vor zehn oder fünf­zehn Jah­ren ver­sucht hat, in die­se Rich­tung umzu­steu­ern, muß­te noch mit hef­ti­ger Abwehr rech­nen, das ist jetzt vor­bei, so wie die begrün­de­te Hoff­nung, daß mil­de Mit­tel anschla­gen werden.
Im Kern han­delt es sich um Ver­su­che, die Kri­se abzu­schnei­den. Man hält das für mög­lich, weil die Hoff­nung über­wiegt, daß die Kri­se kei­ne „ech­te Kri­se“ ist. Dabei spre­chen die meis­ten Anzei­chen für eine Umwäl­zung, die mehr und ande­res in Fra­ge stellt als Par­tei­en­pro­porz und Ver­tei­lungs­schlü­sel. Die gan­ze Reform- und Moder­ni­sie­rungs­rhe­to­rik ver­liert eben­so an Glaub­wür­dig­keit wie das ängst­li­che Behar­ren auf Üblich­kei­ten, an die man sich im „kur­zen“ 20. Jahr­hun­dert gewöh­nen durf­te. Die Undeut­lich­keit des­sen, was kommt, erklärt das Zögern, und zu der Auf­fas­sung, daß die Kri­se ihr Gutes hat, bekennt sich kaum jemand. Das kann auch nicht über­ra­schen, denn die Kri­se wäre der Ernst­fall, und die Ver­fas­sung ist seit je eine „unhe­roi­sche“ (Josef Isen­see), die den Ernst­fall nicht nur mei­det, son­dern sei­ne Mög­lich­keit bestrei­tet, die vom Bür­ger kei­ne ande­re als mone­tä­re Leis­tung ver­langt und nicht weiß, wie sie an Gemein­schafts­sinn und Opfer­be­reit­schaft appel­lie­ren soll. Schäub­les Fest­stel­lung einer „Staats­kri­se“ hat inso­fern eine Bedeu­tung, die er selbst kaum inten­diert haben wird. Denn jede Fest­stel­lung der Kri­se ist eine pole­mi­sche Fest­stel­lung. Sie besagt, daß der Fest­stel­len­de die Lage für gefähr­lich und ver­än­de­rungs­be­dürf­tig hält. Inso­fern besteht ein zen­tra­ler Zusam­men­hang zwi­schen Kri­tik und Kri­se. Die Ähn­lich­keit der bei­den Begrif­fe ist nicht zufäl­lig. Die Kri­tik will ja urtei­len und in der Kri­se wird das Urteil voll­zo­gen. Inso­fern muß alles mit der Kri­tik begin­nen, bevor die Lei­den­schaft zu ihrem Recht kommt, die „gro­ßen Indi­vi­du­en“ auf­tre­ten und der Him­mel „einen ande­ren Ton“ annimmt.

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