Sezession
1. Januar 2006

Lob der Krise

Gastbeitrag

Das späte Auftreten des Wortes Krise in dem uns vertrauten Sinn darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß Krisenzustände immer zur Geschichte der Menschheit gehörten, daß sie über lange Zeiträume sogar latent waren. Was damit gemeint ist, kann man sich vergegenwärtigen an der Lebenslage von Wildbeutern, die ohne Vorratshaltung von der Hand in den Mund lebten, ohne Möglichkeit, das Jagd- oder Fundglück zu sichern, gar nicht zu reden von der Gefahr, in die jeder Beutezug brachte. Ähnliches gilt für die agrarischen Gemeinschaften mit ihrem permanenten Risiko der Mißernte oder des Wetterumschlags. Der Dichter Gorch Fock vermerkte noch Anfang des letzten Jahrhunderts über den Friedhof der Finkenwärder Fischergemeinde: „Wenn ein Finkenwärder Seefahrer an Land stirbt, so schreibt man es auf den Leichenstein, weil es so selten vorkommt. Was auf der See lebt, stirbt auch auf der See und braucht keinen Kranz und keinen Stein.“
Der Behauptung, daß die vormodernen Gesellschaften „Risikogesellschaften“ waren, scheint die Tatsache entgegenzustehen, daß sie ein erstaunliches Maß an Stabilität aufwiesen. Der Grund dafür lag in der Fähigkeit, das Zusammenleben der Menschen, instinktarmer und insofern verhaltensunsicherer Wesen, über „Außenhalte“ (Arnold Gehlen), vor allem Institutionen, auf Dauer zu bringen und so die Krisenbewältigung zu steuern. Man gab sich kaum der Täuschung hin, die Krisen oder ihre Ursachen ganz abstellen zu können, aber die Krise wurde auf verschiedenen Wegen gebannt.
Das gelang bis zu einem gewissen Grad sogar bei den großen, nicht alltäglichen oder periodisch wiederkehrenden Krisen – Invasionen, Glaubens- oder Dynastiewechsel, Seuchen, und wahrscheinlich hat homo sapiens sapiens eine dieser großen Krisen vor siebzigtausend Jahren nur knapp, mit einem Bestand von tausend bis zweitausend Individuen, überlebt. Ein Grund für diese Widerstandsfähigkeit lag wohl darin, daß die Krise nicht in der uns bekannten Weise zum Gegenstand der Reflexion wurde. Der Auszug Israels aus Ägypten zeigt mit dem politischen und religiösen Konflikt, der ökologischen Katastrophe und Pandemie alle Züge einer umfassenden Krise. Aber nichts davon wurde als innerweltlicher Vorgang begriffen, und noch im 17. Jahrhundert vermerkte ein Prediger: „Die Sucht der Pestilentz / wie vns die Heylige Schrifft lehret / ist / die Hand Gottes / ein Ruth Gottes / ein Schwerd seines Grimmens / ein Donner vnd Blitz deß Zorn Gottes“.
Erst in dem Maß, in dem die Geschichte nicht mehr als göttliches, sondern als ein von Menschen und anonymen Mächten bestimmtes Schauspiel erschien, bekam der Begriff der Krise seine moderne Bedeutung und begann mit der „Krise des europäischen Geistes“ (Paul Hazard) das systematische Nachdenken über die Krise. Dabei erhöhte die Mehrdeutigkeit des Wortes seine Eignung für alle Formen der politischen Argumentation. Die französischen Aufklärer verwendeten den Begriff, um ihre Bürgerkriegsposition so zu überhöhen, daß der Untergang des Ancien Régime unvermeidbar, ihre eigene Position unbesiegbar, aber auch unantastbar erschien. Wenn Rousseau für die Zukunft einen „Zustand der Krise“ vorhersagte, in dem der Absolutismus untergehen werde, dann machte er also nur explizit, was auch ohne sein Zutun eintreten würde. Er handelte aber gleichzeitig als Agent der Krise, indem er die Situation zuspitzte, deren Umschlag in eine neue Lage zuletzt und in jedem Fall bevorstand. Der Angloamerikaner Thomas Paine gründete 1776, zu Beginn des Unabhängigkeitskriegs der dreizehn Kolonien, eine Zeitschrift mit dem Titel The Crisis, in der er für seine radikaldemokratischen Positionen warb, die er mit der Vorstellung verband, daß es sich bei der Krise nur um einen Übergang handele, eine mehr oder weniger notwendige Unterbrechung des Fortschritts, der letztlich durch die Krise befördert werde.


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