Sezession
1. Januar 2006

Lob der Krise

Gastbeitrag

Dagegen verwendete Edmund Burke, als die Revolution in Frankreich begann, den Terminus Krise in einem negativen Sinn, um jene Prozesse zu charakterisieren, die die ganze bekannte Ordnung zu beseitigen drohten. Ähnlich argumentierte auch Friedrich Gentz, wenn er von der Französischen Revolution sprach, als „der größten und fürchterlichsten Krisis ..., welche die gesellschaftliche Verfassung von Europa seit mehreren Jahrhunderten erfuhr“. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts verbreitete sich die Auffassung, daß 1789 ein Vorgang einsetzte, der die gesamte gesellschaftliche, kulturelle, religiöse und wirtschaftliche Struktur erfaßte und insofern eine totale Krise auslöste.
„Das Bürgertum hat in der Geschichte eine höchst revolutionäre Rolle gespielt. Das Bürgertum, wo es zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Es hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose ,bare Zahlung‘. Es hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Es hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Es hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt. Das Bürgertum hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Es hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in seine bezahlten Lohnarbeiter verwandelt. Das Bürgertum hat dem Familienverhältnis seinen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältnis zurückgeführt. ... Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit der Bewegung zeichnet die bürgerliche Epoche vor allen früheren aus. Alle eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.“
Der Text stammt nicht von einem Konservativen, sondern aus dem Kommunistischen Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels, es wurde für unsere Zwecke lediglich „Bourgeoisie“ durch „Bürgertum“ ersetzt. Marx und Engels erwarteten übrigens eine noch „gewaltigere Krise“ als diejenige, deren Zeugen sie schon waren, bevor das bessere Morgen zum Durchbruch kommen würde. Ihre Auffassung hing mit einer dialektischen Betrachtung der Geschichte zusammen, der zufolge die Krise – wie Hegel gelehrt hatte – als notwendiger Durchgang zu einer höheren Stufe der Entwicklung betrachtet werden mußte.


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